Dienstag

21. Mai 2013

Ja, was soll ich dazu sagen? So ist das halt. Da! Da kommt der Morgen. Der kommt halt so um die Ecke. Quasi um die Ecke der Nacht. Nein? Ist das nicht richtig? Würden Sie da eher von einem Übergang reden? Von einem sanften Dahingleiten des Morgens. Einer Landung. Der Morgen landet also lautlos am … Morgen. Ja, aber das geht auch nicht. Der Morgen kann nicht auf sich selber landen. Das ist einfach gegen die Gesetze der Physik. Und wenn nicht gegen die, dann zumindest gegen die Gesetze der Philosophie. Der Morgen kann nicht auf dem Morgen landen. Das ist sprachlich unmöglich.

Auf jeden Fall ist der Morgen jetzt angebrochen. Nein. Der Tag ist angebrochen. Der Morgen hat erst begonnen, da kann er nicht schon kaputt sein.

Sie sehen schon, das ist kompliziert mit so einem Morgen. Da kann man nicht einfach sagen, der ist so und so. Da muss man eine gewisse Vorsicht walten lassen.

Die Sprache ist etwas, was man sehr ernst nehmen muss. Und wenn man jetzt sagt, dass der Morgen begonnen hat, stellt sich die Frage, womit er denn begonnen hat? Was macht denn so ein Morgen? Morgend der Morgen? Oder morgenz er? Morgt er sich? Nein, das habe ich noch nirgends gehört. Er ist mehr eine grobe Zeiteinheit, so wie eine grobe Mettwurst. Da wird die Zeit durch einen Sprachfleischwolf gepresst, und am Ende kommt grobe Zeit heraus. Der Morgen, der wäre so eine grobe Zeit. Oder der Vormittag, der auch.

Sie sehen schon, das ist alles sehr eigen. Aber die Leute, sie kennen ja die Leute, die machen sich da keine Gedanken darüber. Da wird gesagt, der Morgen habe begonnen, er sei angebrochen, er habe Gold im Mund … Ja, verfluchte Scheiße, was wollen sie mit dem armen Morgen denn noch alles anstellen? Das ist ja eine Art von Zustandsvergewaltigung mit den Mitteln der Sprache.

Da sehen Sie mal, wie es einem wie mir geht, der schon am frühen Morgen das Unbedenkbare bedenkt. Ja, wie soll es mir da schon gehen? Scheiße! Da hast du gleich keine Lust mehr auf den Morgen, wenn du dir derart viele Gedanken zu einem eigentlich belanglosen Wort machen sollst. Und warum mach ich das? Ja, was weiß ich denn? Irgendwie muss man ihn ja rumkriegen, den Morgen.

Montag II

20. Mai 2013

Ich war heute mit meiner Frau essen. Wir waren in unserem Lieblingsrestaurant, das über Tische und Stühle verfügt. Als ich den Laden betrat, erkannten die meisten Gäste mich sofort. Es entstand ein Riesentrubel. Alle wollten ein Autogramm. Ich liebe meine Fans, daher ließ ich es mir nicht nehmen, sie zu umarmen. Das ging so etwa zwei Stunden, bis uns unser Lieblingskellner Rodrigo (Name geändert) zu unserem Stammtisch führte, den man an einem überdimensionalen Aschenbecher mit der Aufschrift “Stammtisch Rohm” erkennt. Wir rauchten. Tranken Bier. Später lachten wir noch laut und dreckig. Ganz am Ende fluchten wir wie die Mähdrescher. Das sagt man hier in der Gegend so. Es ist eine der vielen Redensarten, die im übrigen Deutschland unbekannt sind. Eine andere lautet: Wie man liegt, so schläft man.

Nachdem wir uns satt getrunken hatten, bestellten wir ein Taxi, das uns zur Villa zurückbrachte.

Guten Abend, Welt!

Pfingstmontag

20. Mai 2013

Hm, das war ein wundervoller Schlaf.

Im Netz kursieren die ersten Rezensionen. Die Leute lieben mein Buch. Manche schreiben, dass sie es nicht verstanden hätten. Ja, das kann ich gut verstehen. Es ist heute noch ein Mysterium für mich. Ich nehme es manchmal in die Hand und lese darin, und dann denke ich, tja, wie habe ich das denn gemeint? Das ist alles schon sehr merkwürdig. Andere stören sich daran, dass es nur 133 Seiten hat. Um sicher zu sein, dass sie sich nicht irren, haben ich die Seiten noch einmal nachgezählt. Und noch einmal. Tatsächlich! Nichts zu machen. Ich komme auf 133. Nur beim vierten Versuch kam ich auf 475 Seiten.

Eben ist meine Frau Sudmann (Name geändert) aufgestanden. Sie kam mit einem Weizenbier an mir vorüber. Wahnsinn, diese Frau trinkt bereits am frühen Morgen.

Die Leute außerhalb der Villa, die denken ja alle, der Rohm hat es geschafft. Das stimmt auch, aber eben nur bedingt. Hier geht ja auch immer mal etwas schief. Gestern, um mal ein Beispiel zu bringen, hat es geregnet. Das hat uns mehr als unglücklich gemacht. Ich konnte gar nicht verstehen, warum das ausgerechnet mir passierte. Hätte es nicht ein paar Kilometer weiter bei meinem Nachbar regnen können. Der ist Lehrer und hätte es verdient. Vielleicht hat es dort auch geschüttet, was weiß ich denn. Ich kann gar nicht so weit gucken, nur wenn ich oben auf dem Dach mit meinem Superteleskop Franz (Name geändert) liege, um meinen Nachbarn und seine Frau beim Sex zu beobachten. Seine Frau ist ebenfalls Lehrerin. Sie liegt den ganzen Tag auf der Terrasse und sonnt sich. Die Schüler scheinen einen immensen Wert auf einen gleichmäßig gebräunten Body zu legen. Der Bräunungsgrad, den ein Lehrer erreicht, scheint wichtig für sein Fortkommen im pädagogischen Betrieb zu sein.

Früher, so zu meiner Jugendzeit, war das alles anders. Wir hatten nichts. Nicht mal einen Lehrer. Sie versprachen uns, wenn wir fleißig lernen würden, dann käme ganz von allein ein Lehrer. Aber es kam nie einer. Ich hab mir die Abiturprüfung selbst abgenommen, habe mir verflixt schwierige Fragen gestellt, die ich fast alle nicht beantworten konnte. Ich bin beim ersten Mal durchgerasselt. Natürlich habe ich es später mit Auszeichnung bestanden. Die Abi-Party gab es auch nicht, weil wir (s.o.) nichts hatten, also auch keine Party. Wir hätten uns eine stehlen müssen, aber so kurz nach dem Krieg wollten wir das nicht riskieren. Die richteten Leute am Straßengraben hin, einfach so. Sie untersuchten dich. Und wenn sie keine Krankheit fanden, suchten sie weiter, bis sie z.B. eine Party aus deinem Haar wühlten. Da hattest du die Scheiße. “Wollte ich nicht”, stammelten die meisten, nutzte aber auch nichts. – “So, du wolltest also eine Party schmuggeln”, sagte der zuständige Polizeikommissar. So war das damals: 1988.

Ich erzähle das heute noch gerne meinen Kindern, damit sie wissen, wie gut sie es haben. “Ihr habt alles”, sage ich. “Wir hatten nichts.”

Sie sehen mich ganz belämmert an.

Pfingstmontag!

Guten Morgen, Welt!

Ein lockerer Abend vor dem Fernseher

19. Mai 2013

Ich bin ein verflucht ausgekochtes Schlitzohr. Wenn die Leute, denen ich im Hausflur oder auf der Straße begegne, mich sehen, denken sie: Gott, was für eine arme alte Frau. Das ist mein Trick. Das Alter.

Gestern bin ich achtzig geworden. Okay, das mit dem Laufen klappt nicht mehr so gut wie früher. Scheiß doch der Hund drauf. Ich bin eine der gefährlichsten Frauen des letzten und dieses Jahrhunderts, da kann noch kommen was will.

Ich sitze gerade vor dem Fernseher. Nur Schrott. Bauern suchen Frauen. Umschalten. Da kocht einer. Netter Bursche. Den würde ich nicht von der Bettkante schubsen.

Ich nehme einen Schluck von meinem Bier. Kalt. Ich spucke es angewidert aus. So kann ich es nicht trinken. Ich wickele Socken um die Flasche. So kaltes Bier verträgt mein Magen nicht mehr.

Ich lege die Füße auf den Rücken von meinem Hund Gisbert, der vor dreißig Jahren gestorben ist. Habe ihn mir ausstopfen lassen, und jetzt steht er hier rum und versüßt mir die Abendstunden. Manchmal beuge ich mich zu ihm runter und kraule ihn hinter den Ohren. Es ist, als würde er noch leben. Ich bin mir sicher, dass er nachts, wenn ich schlafe, durch die Wohnung stromert. Er schnuppert alles ab. Morgens finde ich seine Hinterlassenschaften. Kot und Urin in jeder dritten Ecke. Aber ich kann ihn einfach nicht schlagen, er ist doch mein kleiner Liebling.

Ich habe ihn von einem meiner Exmänner, die ich meistens umlegen musste, geschenkt bekommen. Er war Boxer und versuchte mich zu schlagen, da verpasste ich ihm einen Schuss aus meiner Glock. Peng! Er verteilte sein Hirn über die neue Wohnzimmercouch. Ja, macht man denn so etwas? Nein, sage ich. Also habe ich ihm noch ein paar Tritte verpasst. Anschließend habe ich ihn in der Badewanne zersägt und in Müllbeutel gestopft, die ich in einem nahegelegenen Wald verscharrte. Es tut mir nicht leid, wenn Sie das wissen wollen. Warum sollte es das tun? Er war ein Schwein. Ein Mann weniger tut keinem weh. Es gibt eh viel zu viele von ihnen. Wenn nur der verfluchte Sex nicht wäre. Immer nur Dildo hält man auf Dauer nicht aus.

Umschalten. Noch mehr Scheiße. Sie berichten über diesen kleingewachsenen Diktator, der Nord-Korea unter seiner Knute hält. Bei mir hätte der keine Chance. Ich würde ihn nicht mal ranlassen. Er hat mit Sicherheit einen mikroskopisch kleinen Schwanz. Und deshalb, aus diesem Minderwertigkeitskomplex, unterdrückt er auch alle. Die Sorte kenne ich. Müller, unser Hausmeister, ist auch so einer. Der würde sich in Nord-Korea auch wunderbar wohl fühlen. Würde die ganzen Nord-Koreaner anmaulen, wenn sie einen Papierschnipsel verlieren. Wenn der Müller könnte, wie er wollte, würde es hier im Haus Massenerschießungen geben. Es würde schon längst keine Mieter mehr geben. Nicht einen. Der hätte sie alle an die Wand im Keller stellen lassen und dann …

Lassen wir das! Die Kopfschmerzen bringen mich um. Ich hätte gestern nicht so überschwänglich feiern sollen. Das habe ich jetzt davon. Aber die Stripper, die ich mir kommen ließ, waren einsame Spitze. Diese Körper. Da ist mir ganz anders geworden. Den einen von ihnen, der sich Abel nannte, habe ich gleich hier neben dem Hund vernascht. Gut, dass der Hund tot ist, so kann er nicht schlecht über mich denken. Auf der anderen Seite … Ich glaube, es wäre mir egal.

Sonntag

19. Mai 2013

Ich habe mich entschlossen, zukünftig nur noch Gedichte zu schreiben. Das geht schneller. Und man muss noch weniger nachdenken. Man setzt sich gelangweilt vor die Tastatur und tippt. Wichtig ist dabei, dass man so oft wie möglich einen Zeilensprung einbaut. Auf diese Art habe ich gestern 700 Gedichte geschrieben, da ist also ein ziemlich fies-fetter erster Band zusammengekommen. Wenn ich heute ein paar Überstunden schrubbe, kommt noch das eine oder andere Büchlein dazu, und schon habe ich meine ersten Gesammelten Gedichte in 100 Bänden fertig. Vielleicht schreibe ich nachher auch noch ein Theaterstück. Einfach den Gärtnern und Putzfrauen lauschen, ihren Gesprächen, alles aufschreiben, und schon kann ich ein Drama an Claus (Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich Claus Peymann) schicken, damit er es mit seinem Ensemble uraufführt. Titel für die Stücke klaue ich mir ganz Helenemäßig (Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich Helene Hegemann) aus dem Netz oder von anderen Autoren, so könnte ich mein erstes Stück “Warten auf den Kaufmann von Venedig” nennen. Oder ich nehm mir eine Spiegel-Schlagzeile, etwa diese: “Barfuß zum Sieg”. Geht doch!

Ich sitze also bereits wieder lachend mit einer Partagas No. 4 in meiner Villa und sinne darüber, wie meine nächste literarische Karriere verlaufen wird. Kann man den Büchner-Preis eigentlich zweimal verliehen bekommen? Den Nobelpreis sollte ich ganz Sartreartig (Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich Jean Paul Sartre) ablehnen, das hebt mich von dem Einerlei der Annehmer ab. Überhaupt, diese ganzen Literaturpreisannehmer, die sollten erst einmal einen Welterfolg wie “Dreiviertel meiner Hose hängt unten” Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich der Roman “Dreiviertel meiner Hose hängt unten” von Hans I. Glock) schreiben, bevor sie einen Preis annehmen.

Wir haben heute Sonntag. Normalerweise würde ich heute nichts schreiben, weil meine Villa aber einen neuen Anstrich braucht, werde ich die Gedichte und Theaterstücke raushauen; wenn dann noch Zeit ist, packe ich auch noch einen Roman drauf. Mal sehen.

Ich bin ja übrigens, kleine Anmerkung meiner inneren Redaktion, von einer echten Gräfin oder Herzogin nach Heidelberg (oder Hildesheim) eingeladen worden, um dort eine enorm wichtige Rede über ein paar Kollegen von mir zu halten. Aber ich habe mich dagegen entscheiden, weil es dort a) keinen Swimming-Pool im Saal gibt und weil ich b) meinen siebzehn Söhnen aus den ersten zwanzig Ehen versprochen habe, mit ihnen das Champions-League-Finale Dortmund gegen Bayern (Dortmund wird laut meiner Informanten 2:0 gewinnen) anzusehen. Nichts gegen ein gepflegtes Gespräch über meine Bücher, aber die Jungs gehen vor.

So, jetzt bist du auf dem neusten Stand, Welt!

Guten Morgen!

Unangefochten in den Sonnenuntergang

18. Mai 2013

Eine Hymne an die Fantasie

 

Nackend will ich

die Seine durchschwimmen.

Ja – warum auch nicht?

ihr Tugendbeutel.

Ich werde ohne meinen

Kopf vom Eifelturm springen,

mit nichts an, als nur

einem Segeltuch, das ich,

aufgespannt wie eine Leinwand,

über mich halte, um

sanft vor einem Touristen zu landen.

Fort mit dem Seelenräuber, werde

ich zu ihm sagen.

Ein Träumer, so nennt ihr

mich, in euren schalen

Unglücksmomenten.

Mir aber ist das

egal.

(Meistens zumindest.)


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 47 Followern an