Sonntag II

Als Kind habe ich bereits gewusst, dass es sinnlos ist, erwachsen zu werden, weil man den Unterblick aus der Tiefe verliert.

Und jetzt rutsche ich ständig auf den Knien umher, um zu erfahren, was dort unten geschieht. Eine ganze Menge.

Auf Tischkantenhöhe bekommt man einen Blick für die Besonderheiten von Ketchup-Flaschen, die sich wie Türme in die Höhe schrauben. An den Turmspitzen Blut. Angst bekommt man vor der Größe der Welt, eine Angst, die man sich bewahren muss, will man den Mut finden, sie beizeiten anzugreifen.

Will man  ein Tischterrorist werden, heißt es, sich die Straßen und Wege zwischen den einzelnen Tellern und Töpfen einzuprägen, damit man gezielt entkommen kann. Flucht war schon immer eine gute Möglichkeit, vorwärts zu kommen.

Mittwoch

Ich bin vom Heuschnupfen geplagt. Es ist eine verfluchte Quälerei. Und ist der Sommer erst vorüber, befällt mich meist eine Erkältung. Ich bin unentwegt am Niesen. Naseputzen ist für mich die normalste Handlung der Welt. Ständig zücke ich eines meiner Taschentücher, groß wie Tischtücher, um meinen Naseninhalt in selbiges zu entleeren. Ströme ergießen sich aus meinen beiden Nasenlöchern, die wie Löcher in einem Berg sind, durch den ein geheimer Fluss fließt. Es kommt mir vor, als sei mein Kopf nur geschaffen worden, um all die Flüssigkeiten, die ein Zuhause benötigen, für eine kurze Zeit zusammenzuhalten. So erfahren sie, was es bedeutet, wenn man eine Heimat hat. Wenn auch nur für kurze Zeit. Das Flussbett ist kein Ort des Schlafs, der Ruhe. Unablässig rennt sein Bewohner. Ein Gehetzter.

Seien wir mal ehrlich: Rotz hat es auch nicht einfach. Erst wird er gebildet, also geboren, schon muss er aus dem Haus, in dem er sich wohlfühlte, in dem er so ausgelassen lebte und tanzte, in die weite Schneeunendlichkeit eines Taschentuchs ziehen. Ein Verlorener, dem nichts erspart bleibt. Ein Getriebener, der im Taschentuch bleibt, bis er eintrocknet wie eine Pflaume, der dort verharren muss, bis man ihn im Müll entsorgt.

Stofftaschentücher gibt es kaum noch. Alles in der Welt ist darauf getrimmt, dass man es wegschmeißt. Wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Das ist so traurig, man müsste, besäße man noch eine Seele, weinen. Wir werfen Bälle weg, uns, wenn wir einen guten Witz gehört haben, die Packungen, in denen unser Essen wohnte, die Tempos, die Mitmenschen. Es ist grauenhaft, nicht zum Aushalten.

Und auch an diesem Morgen liegen wieder diverse Papiertaschentücher neben meiner Tastatur, wie abgestürzte Vögel liegen sie dort, tot, ausgenutzt, dem Himmel fern, der ihnen eine bzw. meine Nase war. Zusammengekrümpelt wie ein mit einem schlechten Text beschriebenes Papier.

Wäre es nicht an der Zeit, Beerdigungsriten für Taschentücher einzuführen? Gönnen wir ihnen das tiefe Grab, den langen Abschied. Lassen wir sie hinab, während wir am Rand des Loches stehen, in dem sie verschwinden werden. Ein letzter Gruß. Ein letzter Griff an die Nase. „Leb wohl, oh mein Taschentuch.“ Und Tränen werden rinnen, nach denen es uns so lange schon verlangte. Wir werden sie mit einem neuen Taschentuch vom Gesicht wischen, mit einem, das ein Bruder oder eine Schwester ist. Denn sie alle sind miteinander verwandt. Sollte es einen Himmel geben, wird es auch einen Ort für all die missbrauchten und erniedrigten Taschentücher geben. Ich bin mir sicher. Es muss so sein. Sie werden auf ihren Wolken sitzen und nach oben sehen, hin zu Gott, der für sie ein großes Taschentuch ist.

Guten Morgen, Welt!

 

Zwischenbemerkung

Bei LOVELYBOOKS hat sich ein(e) gewisse(r) „thenight“ mit dem Statement „Tut euch das nicht an, konfus, wirr, unspannend“ zu Wort gemeldet. Das Zitat betrifft meinen letzten Roman UNTAT. Es kommt beständig zu Angriffen gegen mein Werk, die ich längst nicht mehr kommentiere. Früher schrieb ich gern seitenlange Hasstiraden, die ich meiner Familie beim Abendbrot vorlas. Langanhaltender Applaus folgte, nebst Bemerkungen, die ich hier nicht wiedergeben möchte, weil bereits Kleinkinder meinem Blog folgen.

Mich ficht so etwas nicht an. Ich weiß auch genau, warum sich da jemand hinter einem Kunstbegriff verbergen muss. Es ist die Angst, sich offen zu bekennen. Vermutlich weiß man von den Schlägertrupps, die ich in früheren Zeiten entsandte, um sich derlei Schmierfinken anzunehmen.

Alles längst vorbei. Ich habe den Frieden mit mir und der Welt gemacht, auch wenn meine Gegner nicht ruhen werden, bis ich in den Orkus des Vergessens gespült wurde.

Aber noch habe ich dieses Blog, dem täglich allein 1,5 Millionen deutsche Schüler folgen, um sich vor Augen zu halten, was aus einem werden kann, aus dem nichts wurde. Da kann „thenight“ toben und schreiben, wie er oder sie will, es wird nichts an meinen noch kommenden Plänen ändern, die Bestsellerlisten mit Werken über Dixi-Klos, Harnwegsinfektionen und Croissants zu stürmen.

Nichtraucher überdenkt euch – Ein Kommentar

Als bekennender Kettenraucher weiß ich, wie schwer es ist, den Nichtrauchern zu entgehen. Wohin man kommt, sitzen sie und stieren in die Luft. Nichtraucher! Die Pestilenz des 21. Jahrhunderts. Ich nehme da keine Rücksicht, weil die auch keine Rücksicht auf mich nehmen. Rauchen nicht, wo sie stehen und gehen.

Inzwischen soll es bereits erste Zonen in den Schulen geben, wo sich die Nichtraucher treffen, um gemeinsam nicht zu rauchen. Ich meine, wo soll es mit unserem Land denn noch hingehen, wenn wir als Raucher schon nicht mehr vor diesen Dauernichtqualmern sicher sind?

In dem Haus, in dem ich früher wohnte, lebte eine ganze Horde von ihnen. Keine Wohnung, in der geraucht wurde. Der fehlende Gestank war unerträglich. Ich spielte mit dem Gedanken beim Gericht Klage einzureichen, damit die Nichtraucher aus ihren Wohnungen mussten, aber man ist ja kein Unmensch, also ließ ich es bleiben.

Und auf meinen Lesungen? Immer das gleiche Bild! Nichtraucher, die sich in den Stühlen lümmeln, als ob es das Normalste der Welt wäre, auf einer Lesung nicht zu rauchen. Ich drückte oft meine Camel in den Aschenbecher und musste mich beherrschen, sie nicht zu beschimpfen. Rattenköpfige Ungetüme!

Die Nichtraucher bedrohen am Ende alles. Kinder sollte man erst gar nicht in ihre Nähe lassen. Am Ende rauchen die kleinen Racker nie. Und dann?

In den Lokalen dasselbe Bild: Nichtraucher, die sich in den Eingangsbereichen drängeln und sich Frischluft in die Lungen ziehen. Ja, immer tief rein. Kranke Schweine!

Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Nichtraucher sich und ihre Art zu leben mal gehörig überdenken.

Freitag II

Mein Vater, ich weiß nicht, ob ich schon darüber berichtet habe, war ein berühmter Busfahrer. Mit einer Dauerkarte ausgerüstet, zog er allmorgendlich aus dem Haus. Er stapfte, vornübergebeugt, den Hügel zur Bushaltestelle hinauf, sein Butterbrot in einer Ledertasche, die er unter den Arm geklemmt hatte. Bei Wind und Regen sah man ihn warten. Inmitten von Trauben aus Schulkindern, die ihn grölend umlagerten, die ihn menschlich einrahmten, meinen schweigsamen Vater, der sich auf seinen Stammplatz im Bus setzte und sich zum Zentralen Omnibusbahnhof bringen ließ, wo er in eine andere Nummer einstieg, die 4 oder die 7. Welche es am Ende war, überließ er seinem Herzen, das ihn im Alter von 63 in Bulgarien im Stich ließ, vielleicht, weil er es zu oft hatte sprechen lassen und es vom vielen Diskutieren mit der Welt müde geworden war.

„Dein Vater“, pflegten die Leute zu mir zu sagen, „ist einer der besten Busfahrer, die diese Stadt jemals hatte. Er versieht seinen Dienst ernsthaft. Das kann man nicht von allen sagen.“

Und so gondelte er durch die Straßenkanäle der Stadt und besah sich alles ganz genau. Indem er es sah, lebte es in seinem Bewusstsein. Alles griff er mit seinen Augen auf: Frauen, die mit Tüten bepackt, kleine Kinder an der verbliebenen linken oder rechten Handfläche, nach Hause wackelten, Betrunkene, die sich mathematische Formeln notierten, von denen sie behaupteten, sie würden den Beweis für die Existenz Gottes erbringen, einsame Gestrandete, die unter einem Baum in die Ferne blickten, hin zum Horizont, der nie das erbrachte, was sie sich erträumten. Mein Vater packte sie in seine Hirntasche und führte sie heim zu uns, nicht um darüber zu berichten, denn das wäre einem Verrat an all den Menschen, die sich seinem Blick aussetzten, gleichgekommen, sondern um sie in seine Träume mit hinein zu nehmen, wo er sie wiederkäute, wieder und wieder, bis er sie „von was auch immer“ erlöste. So zumindest bilde ich es mir ein.

Er war ein komischer, tragischer Mann, der sich in seiner Kunst ein Zuhause geschaffen hatte.

Freitag

Schmerzen! Ein unendliches Meer davon! Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, ich bin erkrankt. Um nicht leiden zu müssen, versuche ich mich vom Gegenteil zu überzeugen. Schilder im Zimmer weisen mich darauf hin, dass ich kerngesund bin. „Du bist supergesund“ ist da zu lesen! Oder auch: „Stell dich ja nicht so an, Heulsuse!“ Motivationstraining in Form eines Schilderparks.

Draußen weht der Wind ein dunkles Lied von Hölle und Einsamkeit. Die beiden Liedermacher sind in der Welt dort draußen wahre Hitlieferanten. Erst gestern wurde von einer Frau berichtet, die sich wegen Einsamkeit aus dem Fenster stürzte. Zeit, diesem Verbrecher das Handwerk zu legen. Wo kommen wir denn hin, wenn Komponisten eine solche Macht über die Leute gewinnen.

Anfang

Nun, Herr Doktor, ich weiß ja gar nicht, wo ich anfangen soll. Etwa am Anfang? Wo beginnt eine Geschichte? Bei der Geburt derer, die sie erzählen? Bei ihren Großeltern? Bei den Großeltern der Großeltern? Bei den Großeltern der Großeltern der Großeltern? Und wo endet sie, Herr Doktor? Können Sie mir denn wenigstens das verraten! Endet die Geschichte mit meinem Tod, mit Ihrem? Endet Sie gar erst mit dem Tod aller Menschen? Ich weiß es nicht. Ich bin verwirrt! Ich sitze hier und soll Ihnen alles erzählen. Ja, was soll das denn sein: ALLES? Das ist ein großes, ein gewagtes Wort. Soll ich die Geschichte der Menschheit erzählen? Ihre Geschichte? Meine Geschichte? Die Geschichte meiner Großeltern? Die Geschichte des Universums?

Was frage ich Sie überhaupt! Was spreche ich überhaupt mit Ihnen! Sie sind ein Mann, ein Wesen mit einem Penis. Sie wissen nichts von der Welt. Sie wissen nur, wie man die Frauen unterdrückt. Wie man tötet. Wie man abschlachtet. Sie sind eine Verirrung der Natur, Herr Doktor. Ein Unfall. Göttin, denn es gibt nur sie, die Göttin, muss einen schlechten Tag gehabt haben, als sie den Mann schuf. Der Mann hat ALLES, was frau nicht braucht. Eine tiefe Stimme. Einen Bart. Haare auf der Brust, auf dem Rücken, sogar unter den Achseln. Igitt! Sie müssten sich schämen. Sich verstecken. Und ich soll Ihnen meine Geschichte erzählen? Vielleicht! Warum nicht! Sie könnten etwas lernen. Wenn Sie eine Frau wären, könnten Sie etwas daraus lernen. Als Mann sind Sie nicht in der Lage umzudenken. Sie sind ein Opfer Ihrer Geilheit.

Was sagen Sie da? Sie waren früher eine Frau? Unmöglich. So hässliche Frauen gibt es nicht. Der Mann ist hässlich. Die Frau aber ist schön und klug. Sie waren keine Frau. Denn wären Sie eine gewesen, müsste ich Sie hier und jetzt anspucken. Sie wären eine Verräterin, eine, die UNSERE HEILIGE SACHE entehrt hat.

Ich würde Ihnen ALLES erzählen, wären Sie eine Frau. Aber da Sie ein Mann sind, werde ich Ihnen fast ALLES erzählen. Denn ALLES haben Sie als Mann nicht verdient.

Wo soll ich beginnen? Wo soll ich anfangen?

Samstag

Wenn ich mich in einer Phase befinde, in der ich mich neu erfinde, neu erfinden muss, um nicht den Verstand über mir oder der Welt zu verlieren, um die Leidenschaft ein weiteres Mal zu entfachen, um einen weiteren Teil meines Lebens-Romans schreiben zu können, wenn ich mich also in einer solchen Phase befinde, bin ich von einer unendlichen Traurigkeit erfüllt, die davon herrührt, dass ein altes Ich gestorben ist beziehungsweise noch stirbt.

Ich versammele mich um mich, sitze an meinem Totenbett, das ein Totensessel oder Totensofa sein kann, ein Totenküchenstuhl oder Totentoilettensitz, und halte mir die Hand, ich flüstere mir zu, dass alles gut werden wird, dass es bestimmt ein Leben auf der anderen Seite gibt, ich versichere mir, dass ich nicht lüge, wenn ich mir von einem Jenseits berichte, zu dem ich übersetzen kann und muss; all dies erzähle ich mir, der ich sterbe, der ich die Lider senke, ich, der ich keuche, dessen Wangen fahl leuchten, als würde die Lebendigkeit darin abgedimmt.

Ich sterbe, und während ich dies tue, beobachte ich mich dabei und beschreibe es!

Mittwoch

Wie wird das sein, wenn ich tot bin? Staatsbegräbnis. Anreise diverser Präsidenten. Die Kanzlerin – bis dahin eine Transe – weint sich kleine perlenartige Tränen aus den Augen und hinterlegt sie auf einem roten Samtkissen.

Die Villa wird abgesperrt. Ein Meer aus Blumen davor, in dem bereits die ersten kleinen Kinder ertranken. Unwiederbringlich verschwunden. Taucher mühen sich, ihre Körper zu bergen. Die Schriftsteller des Landes (der Welt?) stellen ihre Dienste ein. „Ohne IHN macht es keinen Sinn mehr!“, lassen sie verlautbaren. Selbstmörder, die in meinen Romanen einen letzten Halt fanden, stürzen sich von Brücken. Vom Eifelturm. Vor Züge.

Die Welt hält nicht den Atem an, sondern verschluckt sich an einem Übermaß Luft. Panikattacken allenthalben. Krimikritiker weisen auf einzelne Worte innerhalb des Werks hin. Wie hier das „und“ gebraucht worden sei. Dort das „weil“. Wunderbar! Alles sei von einem Zauber durchdrungen. Von Magie. Man müsse die Romane rückwärts lesen lassen. Von Priestern. Es müsse durch Lautsprecher erfolgen. Das könne die Menschheit retten. Es könne zu einer Reinigung des Weltgewissens kommen.

Man wird meinen Leichnam aufbahren. Nicht nur an einem Ort. Es wird zu einer Tournee kommen. Mein einbalsamierter Körper wird auf Reisen geschickt. Nord- und Südamerika. Afrika. Asien. Australien. Man wird Hallen anmieten. Stadien. Die Menschen werden strömen, um mich ein letztes Mal – sei es auch nur über einen der Großbildschirme – erblicken zu können. „Das war er?“, werden sie ungläubig flüstern. „Ein so schöner Mann. Kein Foto auf einem Bucheinband konnte ihm gerecht werden.“

Derweil wird meine Villa zu einem Museum umgerüstet. Alles wird von Belang sein. Nichts wird wertlos erscheinen. „Von diesem Gäbelchen aß er!“ Man wird das Sofa nach Haaren absuchen. Wird nach Geruchspartikeln fahnden. Nach einem Rest, der etwas über mich erzählen könnte. Der Epilog wird in vollem Gange sein, da werden die ersten Nachrichten über meine Auferstehung kursieren. Ich sei zurück, werden die Nachrichten verkünden. „In Sydney ereignete sich heute Unglaubliches!“ Ich werde mir die letzten Haare raufen. Werde mich aus meinem Sarg erheben, weil noch nicht alles geschrieben sei. Es fehle noch eine Kurzgeschichte. „Bringt mir Papier, Feder und Tinte!“ Beobachtet von den Kameras aus aller Welt, werde ich meine letzte Geschichte schreiben. Rasch. So war man es gewöhnt. Ich werde auf das Papier blicken. Ein wenig entzückt vom Geschriebenen. Totenstille liegt über allen Städten, Häusern, Hütten. Ich werde nach hinten sinken. Beruhigt sterben.

Ein Furz wird ertönen. Eine Ermächtigung des Körpers. Entweichendes Gas. Man wird es geflissentlich überhören. Einige hartgesottene Jünger werden sich fragen, ob ich damit eine Nachricht hinterlassen wollte. Der Furz wird ihnen keine Ruhe lassen. Sie werden die Fernsehbilder wieder und wieder abhorchen, um ihn – falls möglich – zu dechiffrieren.

Indes werden meine Trauerfeiern einem Ende zugeführt. Tot ist tot. Es gelte sich, ab sofort um mein Nachleben zu kümmern. Ausstellungen in den großen Museen. Eine Werksausgabe. Darin selbstverständlich auch meine letzte Kurzgeschichte, die man leider nicht entziffern kann. Man bemüht Fachleute, die einen Text übersetzen, der folgendermaßen lautet: Sozu Bucki nutzi wutzi tut …“ Drei Seiten des Wahnsinns. Des Unverstands. Man wird mutmaßen, dass es sich dabei um eine jenseitige Sprache handeln könnte. Erste Religionen gründen sich. Sie rufen mich zur Gottheit aus. Kirchen werden errichtet. Altäre auf denen Nachwuchsautoren geopfert werden, die es sich anmaßten, „Krimis im Sinne des Meisters“ zu schreiben. Es wird keine Ruhe geben. Die kommende Welt wird ganz im Schatten meines Werks leben. Abgelenkt davon, kommt es zum erhofften Frieden zwischen den Völkern. Rassenschranken fallen. Leser ist Leser. Hautfarben interessieren nicht. Frauen und Männer feiern ein rauschendes Fest der Gleichberechtigung. Vor allem wird man meine Bescheidenheit betonen. Kein eitles Wort sei in den Tagebüchern zu finden. Kein Wort des Eigenlobs. Ein Mensch, der sich hinter seinen Erfolg zurückzog und dort verblieb.

So oder so ähnlich könnte es kommen, wenn ich dereinst sterben werde.

Guido Rohms gestammelte Welterklärungen (1)

Man kann die Zeit gut vor dem Internet vertrödeln, diesem großen Apparat, dessen elektrische Schnurenden tief in die Erde reichen und mit jedem Computer auf der Welt verbunden sind. Tippt man eine enorm wichtige Botschaft, die unbedingt alle erreichen muss, kriecht sie durch die Schnur in die Erde und springt mit Lichtgeschwindigkeit in die Bildschirme der Empfänger. Die sind erfreut und erstaunt, dass ihnen eben jemand aus Island mitgeteilt hat, dass er sich jetzt ins Bett legt. So kommt man in die besondere Lage, an jedem Magenknurren weltweit teilzuhaben. Wie Welt früher überhaupt nur ansatzweise funktionieren konnte, kann sich heute beim besten Willen niemand mehr vorstellen. Zum Glück lebt man heute!

Über die Depression als Modeaccessoire

Wenn der Mensch eine ausgewachsene Depression hat, tja, da ist mit dem kaum bis gar nix anzufangen. Aber normal ist sie auch. Hat man heutzutage keine Depression, kann es leicht sein, dass man auffällt. Dass man sich gesellschaftlich ins Aus schießt! Das wär schlecht. Von so etwas bekommt man am Ende nur Depressionen.

Drum ist es schon wichtig, sich ein wenig zu grämen. Ein wenig Trauer sollte man schon entwickeln können. Über den Zustand der Welt im Allgemeinen. Darüber kann man kann schon mal schluchzen.

Die Geworfenheit ins Dasein ist auch immer ein guter Grund. Die macht sich philosophisch und linguistisch gut. Die passt sich jeder Depression hervorragend an. Die füllt sie hervorragend aus. So eine Geworfenheit, die kann einen Menschen regelrecht fertig machen. Die kann ihn ins Grab bringen, wenn er nicht aufpasst. Und genau darum sollte es der Mensch mit der Depression nicht übertreiben. Immer schön dosiert. Ein wenig depressiv am Morgen. Gegen Mittag kann man auch gern noch mal verhalten und kurz wegen des Weltschmerzes aufheulen.

Das sollte es aber dann gewesen sein. Weil, sonst wird man noch am Ende an der Seele krank. Und das kann ja nicht der Sinn und Zweck einer Depression sein.

Die Zukunft der Literatur

So ein Krimi, ja, was soll ich Ihnen da erzählen, der schreibt sich nicht von allein. Da muss man schon, gell, sein Köpfchen und seine Fantasie reinstecken, dass da am Ende ein gescheiter Krimi rauskommt.

Jetzt hab ich heut Morgen bei Amazon nachgeschaut, um mal zu wissen, was ich als nächstes schreiben sollte. Weil, so eine Literatur, die muss nicht gut sein, die muss vor allem dem entsprechen, was der Leser eh schon kennt. Der will keine Enttäuschung erleben. Der will das lesen, was er kennt, und allzu schwer sollte es auch nicht sein. Gefunden hab ich den >>>>Herrn Fitzek und den >>>>Herrn Dan Brown. Wobei, der Herr Dan Brown war zwar hinter dem Herrn Fitzek, aber das hat nix zu heißen, weil das Buch vom Herrn Brown noch nicht mal erschienen ist, sondern erst im Mai kommen wird. Das ist natürlich schon eine Prachtleistung, ein Buch derart oft an den Leser zu bringen, das es noch nicht mal zu kaufen gibt. Die nächste Steigerung, aber das ist jetzt Unsinn, wäre, wenn der Herr Dan Brown nur noch Bücher ankündigt, die sich wie verrückt verkaufen, also wie geschnitten Brot sozusagen, die aber nie erscheinen, weil, da legt der Leser vielleicht gar keinen Wert drauf. Die ähneln sich oft die Bücher, was muss er die da wieder und wieder lesen. Da genügt es vollkommen, sie bei Amazon oder anderswo anzukündigen, damit sie gekauft werden, ohne je das Licht der Welt zu erblicken. Das, vermute ich mal so, wird die Zukunft der Literatur sein: Bücher an den Mann oder die Frau bringen, die es nie geben wird. Es reicht, wenn der Käufer es in seinen Warenkorb packt, bei Amazon oder anderswo, und das passt gut, weil, den gibt es auch nicht, den Warenkorb, der ist mehr eine Vorstellung von einem Warenkorb, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Um das Ganze abzuschließen: Die Zukunft gehört den Romanen, die erst gar nicht mehr erscheinen, weil man sie längst kennt, die man aber unbedingt besitzen muss, weil man ja mitreden will. Man ist kein Depp. Man will schon über den neuen Brown reden können. Aber dafür genügt im Grunde der Klappentext, oder?