Schnee ist Wasser, das man essen kann – Die Jugendtagebücher des Dimitri Verscenko

1.

Ich habe versucht, den Schnee zu fangen, der vom Himmel fiel. Ist ganz schön schwierig, vor allem, wenn man Schneeflocke für Schneeflocke aus der Luft klauben will. Und hat man eine, schmilzt sie. „Ja“, sagte meine Mutter, „wie gewonnen, so zerronnen. Merke dir das, Dimitri.“ Sie ging auf ihr Zimmer zurück, weil sie wieder einen Onkel empfing. Täglich kommen an die fünfzehn bis zwanzig Männer, die sich in ihr Bett legen wollen. „Arme Männer ohne Bett“, hat sie mir erklärt. „Ich gebe ihnen für eine Stunde das Gefühl, sie würden wieder über Bettzeug verfügen.“ Meine Mutter ist wirklich eine gute Frau. Ich habe durch das Fenster gespäht. Um die Männer zu wärmen, turnt sie sogar mit ihnen. Und nach einer Weile spielen sie abwechselnd Decke. Jeder darf mal auf jedem liegen. Bin ich groß, will ich auch Decke werden. Oder Turner. Oder beides, wie meine Mutter.

2.

Ich habe gestern mit Onkel Wanja eine Schneefrau gebaut. Ihre Brüste konnten Onkelchen gar nicht groß genug sein. „Lass uns noch mehr Schnee nehmen!“, schrie er aufgeregt und pappte ihn auf die zwei betreffenden Stellen. Er bewegte seine Hände im Kreis. „Oh, die fühlen sich gut an“, stöhnte er. Außerdem bekam sie Unterwäsche übergestreift, die er von Lara, der Dorfschönheit, gestohlen hatte. „Sieht sie nicht ganz wie Lara aus?“ Nein, dachte ich. Im Gegenteil, sie erinnerte mich an Valentin, den Dorfidioten, der sich wieder mal in Frauenwäsche gezwängt hatte. Nachdem wir fertig waren, musste ich Onkel Wanja helfen, die Schneefrau auf einen Karren zu verladen, um sie bei ihm zu Hause in die Wohnstube zu bringen. „Sie wird schmelzen“, sagte ich. Onkel Wanja nickte nervös, leckte sich die Lippen und bat mich, zu gehen.

 

 

Knaller Reloaded – Sex für Augen, Ohren und Seele

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„Knaller Reloaded“, sagte meine Frau.

„Was?“, fragte ich.

„Heute!“

Ich war einigermaßen irritiert. War das eine Aufforderung zum innerehelichen Sex?

„Du willst schon wieder?“, fragte ich lüstern.

„Eine Veranstaltung.“

„Öffentlicher Sex?“

Sie schüttelte den Kopf und packte mich samt Tochter ins Autorengefährt, um in die Orangerie in Fulda zu gurken, wo an diesem Abend (Freitag, 25. April 2014) ein Event der Sonderklasse stattfinden sollte.

Wir parkten und tappten einigen Leuten hinterher, die scheinbar wussten, wie an den Ort des Geschehens zu kommen war.

Angekommen, verlangte meine trunksüchtige Leber nach einem Bier.

Wir standen an einem Stehtisch, während uns eine Bekannte meiner Frau mit einer Dauersalve ihres Wortschatzes in die Knie zwingen wollte.

Ein Blick auf die Uhr. Es konnte nicht mehr lange dauern. Zwei Schlucke später liefen wir im Saal ein, das Licht schwand und die Vorstellung begann.

Wow! Ich erinnerte mich, wie ich 1982, ich war damals zwölf und hatte gerade meinen ersten Roman beendet, mit Federico Fellini in Rom zusammentraf. Wir sprachen nicht viel, vielleicht achteinhalb Sätze, die sich vor allem um das Kulturleben in Fulda drehten.

Szenen wie aus einem Film von Fellini
Szenen wie aus einem Film von Fellini

„Wenn du einst die Möglichkeit hast, Marianne Blum live zu erleben, geh hin“, sagte Fetti, wie ich ihn liebevoll nannte.

„Noch siebeneinhalb Sätze“, sagte ich.

Er nickte und schwor mich darauf ein, dass, würde ich je auf einer Veranstaltung namens KNALLER RELOADED sein, ich mich seiner Filme entsinnen sollte.

Oh, Fetti, ja, ich kam mir wie in einem deiner Filme vor. Wild und grotesk war es, surreal, ein großer Circus-Traum, in dem Clowns auftraten, Tänzer und Tänzerinnen, eine Band (Rhöner Säuwäntzt), die einen merkwürdig osthessischen Hillbillystil pflegen, der mich in die Jahre meiner Kindheit zwischen Schwarzdruckereien und Inzucht eintauchen ließ. Es wurde getanzt, als wäre ich in eine Flüsterkneipe geraten, als wären die 20er Jahre wiederauferstanden, Tänzerinnen aufreizend anzusehen. Es wurde zersägt und gesungen, es war eine Orgie für die Sinne dieser niederträchtigen Stadt, die ich so sehr liebe.

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„Fulda ist mein Salzburg“, hatte ich Thomas Bernhard einst geschrieben. (Siehe „Guido Rohm, Thomas Bernhard, Mein Herz ist eine Sau, Der Briefwechsel“)

Würden die Menschen dieser Unmetropole zu schätzen wissen, was sie sahen?

Am nächsten Morgen setzte ich mich hin und schrieb folgende Zeilen an die mir aus den Jahren am Broadway (siehe Marianne Blum und Guido Rohm, Der Broadway ist eine Sau mit hundert Schwänzen und mehr, Briefwechsel) bekannte Freundin:

Liebe Marianne, gerne denke ich an unsere Jahre am Broadway, vor allem an deine Interpretation des George W. Bush in „Bush- Das Musical“.

Das war ein toller Abend gestern. Ich wollte schon lange Teil eines Bond-Films sein, vor allem als Statist, der vermutlich in keinem Bild auftaucht. Vielen Dank für deine Anweisungen, die meinen masochistischen Neigungen sehr zupasskamen. Die Clowns waren großartig. Ich würde sie gerne haben. Kannst du nicht mit ihnen sprechen, dass sie bei uns in der Garage einziehen. Der Zauberer braucht ja keinen Platz, weil er sich in eine Kiste stecken und verschwinden lassen kann, bis wir zu gegebener Zeit auf seine Arbeit (im Garten, beim Autowaschen, Müll runterbringen, Leichen zersägen) wieder zurückkommen. Die Killermaschine kann in die Abstellkammer, wird er sich beim Staubsauger doch sicherlich geborgen und aufgehoben fühlen. Die Tanztruppe und die Rhöner Säuwäntzt müssten auf Abruf in einer Nebenstraße geparkt werden. Alles nicht unmöglich, zeigt man ein wenig guten Willen. Liebe Grüße aus der Mongolei Osthessens. Dein Guido!

Marianne Blum, die vor Jahren in der Rolle des George W. Bush Erfolge feierte
Marianne Blum, die vor Jahren in der Rolle des George W. Bush Erfolge feierte

Hier noch für alle Statistikbesessenen die Mitwirkenden: Zauberkünstler Stefan von Köller, die Profi-Balletttänzer Jan-Andreas Hönscher und Jackson Ortega von der Fuldaer Tanzschule La Danse, das wunderbare und weit gereiste Clowns-Duo Kaspar & Gaya, den umwerfenden Street Dance-, Break Dance- und Robo Dance-Könner MA BE, die herrlich rustikalen Musik-Komödianten von den „Rhöner Säuwäntzt“, die national erfolgreiche Showtanzgruppe der Tanzsportgemeinschaft Künzell (TSG), die ukrainische Kampfpianistin Marina Gajda und andere, die ich jetzt vergessen habe.

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Eine Tanzmaschine
Eine Tanzmaschine

 

Meine neuen Lieblinge, die bald bei mir einziehen werden
Meine neuen Lieblinge, die bald bei mir einziehen werden

Gort – Ein Autor für alle Fälle

Eine kleine Literaturgeschichte

1.

Am Anfang steht der Wunsch. Dieser eine Wunsch. Da kann Gort noch nicht mal richtig lesen. Klein wie eine Maus ist er. Aber der Wunsch ist da. Schriftsteller will er werden. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern der Schriftsteller, den alle lesen.

Gort steht im Wohnzimmer seiner Eltern. Auf seinen wackeligen Füßen steht er. Wie eine Blume im Wind. Würde man zu fest blasen, seine Haare würden in alle Himmelsrichtungen davongetragen.

Im Fernsehen kommt ein Bericht über Unseld. Über die Gruppe 47. Über Grass. Wichtig sehen sie alle aus. Sie rauchen, drum, so beschließt Gort augenblicklich, wird auch er dereinst rauchen. Nicht wenig, sondern viel. Massen! Ein Kettenraucher wird er werden. Einer, der die Zigaretten an einer Kette um den Hals trägt. Und dann kommt eine nach der anderen dran. Eine nach der anderen. Ein Kettenraucher eben.

Seht (was nur geht, wenn dies ein Film wäre), wie Gort Richtung Fernseher wippt. Füße vor. Füße zurück. Wie ein Schaukelpferd. Gort wippt sich zum Bildschirm hin, bis er ihn berühren kann. Er kann die Kraft spüren. Ein Knistern in den Fingern. Er weiß, er ist ein Gesalbter.

Vater spürt die Heiligkeit des Augenblicks. Er springt auf, nein, das macht er nicht. Er lässt sich von Mutter aus dem Sessel helfen. Sie befreit ihn daraus wie aus dem Kelch einer fleischfressenden Pflanze. Nach oben in die kühleren Luftschichten zieht sie ihn. Hält ihn, damit er nicht fällt. Zum Fallen neigt er. Vater ist ein Baum, der, wenn er steht, immer gerade gefällt wird. Sie hilft ihm zum Plattenspieler, damit er den Moment musikalisch untermalen kann.

„Jetzt, wo der Junge ENDLICH weiß, was er werden will, sollten wir ein Stück von Roger Whittaker spielen. Abschied ist ein scharfes Schwert vielleicht.“

Welch eine Familie. Da stehen sie und lauschen der Stimme Rogers. Sie sehen Gorts Zukunft bereits vor sich. Es wird alles kommen, wie er es sich vorgenommen hat, so hofft er. Er wird eine Lehrerin heiraten. Wird zur Gruppe 47 eingeladen. (Die es damals schon längst nicht mehr gibt.) Er wird einen ersten Riesenerfolg schreiben. Danach noch einen. Und noch einen. Der Büchnerpreis. Am Lebensende der Nobelpreis.

So und nicht anders verlaufen deutsche Karrieren. Man muss es nur wollen.

2.

Der Wille. Er kommt als nächstes. Der Wille kann alles verändern. Der Wille unterscheidet den Menschen vom Ding. Wäre der Stein mit einem Willen ausgestattet, er würde sich aufheben, um fortan als Waffe Gesichter zu verunstalten. Vielleicht. Wer kann schon wirklich wissen, was Steine tun würden, hätten sie einen Willen. Es könnte auch sein, sie würden liegenbleiben.

Aber Gort ist mit einem unbändigen Willen ausgestattet. Er und sein Wille sind eins. Sie verwachsen. Gort wird zum Willen schlechthin.

Während die anderen Kinder mit den Fahrrädern durchs Viertel jagen, stemmt Gort seine ersten Bücher. Noch sind es keine Romane, sondern Comics. Täglich werden es mehr. Unzählige Asterix-Bände lässt er von seinem Vater, der ihn trainiert, auflegen.

Bereits in den frühen Morgenstunden joggt er nach Frankfurt. Später wird es Berlin sein. Hin zum Suhrkamp-Haus. Damals will er noch ein bedeutender Autor werden. Das wird sich ändern.

Er steht vor dem Verlagsgebäude und heult wie ein Wolf. Er raucht. (Bereits in diesen frühen Jahren raucht er Kette. Ist eine ausgeraucht, greift er rasch, die Hand zittert dabei, nach der nächsten. „Wer nicht raucht, der schafft es niemals“, hat ihm sein Vater hustend erklärt.)

Nachmittags schmuggelt ihn Vater in eine Schlachterei, damit er auf Schweinehälften einprügeln kann. Der Rocky-Film ist gerade in aller Munde. Alle wollen sie so sein. So wie Rocky. Auch Gort. Und wie Rambo. Den darf man nicht vergessen. Eine ganze Generation wächst mit dem Wunsch heran, eine Wunde am Arm zu haben, die man mit Nadel und Faden vernäht. Näherarbeitsplätze laufen über. Alle Jobs besetzt. Die Branche boomt.

Ein typischer Morgen im Leben des Nochnichtganzautors Gort sieht folgendermaßen aus: Sein Vater weckt ihn mit einem Eimer eiskalten Wassers.

Das Wasser ergießt sich über sein Gesicht, über die Bettdecke. Alles ist eingeweicht. Es ist fürchterlich. Keine Zeit, um langsam oder allmählich zu erwachen. Du schreckst auf. Bist sofort da. Die Gegenwart beißt dich in dein verfluchtes Gesicht, das sticht, als hätte man tausend Nadeln in ihm versenkt. Tausend und mehr Nadeln gleichzeitig. Stell dir das vor. JETZT!

Der Vater kennt keine Gnade.

„Du willst der Beste werden?“, schreit er Gort an.

„Ja.“

„Ich kann dich nicht hören.“

„Ja, Sir!“

„Bist du ein Näher oder ein Autor?“

„Ein Autor, Sir!“

„Dann lauter!“

„Ich bin ein Autor!“

„Was?“

„EIN AUTOR!“

So geht es hin und her. Oft stundenlang. Vater schleift ihn. Drillt ihn. Er peitscht ihn mit einer Bibel-Ausgabe aus den Laken. Raus in die Morgenluft. Kein Frühstück. Das ist für Schwächlinge. Gort muss rauchen. Kaffee trinken. Das Frühstück der Schriftsteller. Alkohol kommt später. Eine Alkoholsucht gehört dazu. Und nicht nur die, sondern auch eine Koks- und eine Heroinsucht. Alles muss er mitgemacht haben. Er muss die Pforten der Wahrnehmung durchschritten haben.

„Und ziehen!“, schreit Vater.

Gort nuckelt an der Zigarette, bis es dem Vater reicht. Er ist wütend. Sauwütend.

Der Vater schüttelt den Kopf. „Aus dir wird nie ein guter Autor. Sieh dich an, wie du rauchst. Wie ein kleines Mädchen. Das ist erbärmlich. So erbärmlich.“

3.

Der Vater unterrichtet den Sohn selbst. Keine Schule. Sie fahren mit einem Wohnwagen durchs Land, stets auf der Flucht vor dem Schulamt, der Polizei, Anwälten.

Angst, lehrt der Vater seinen Sohn, sei ein guter Lehrmeister. Angst und Entbehrungen. Das Leid habe all die großen Schriftsteller erst geformt.

Gort wird mit Mädchen zusammengebracht. Wieder und wieder verliebt er sich. Wieder und wieder wird er enttäuscht.

„Große Romane entstehen aus Liebesleid“, sagt der Vater, der die Mädchen bezahlt und ihm zuführt.

Sie fahren einige Wochen mit, sitzen mit am Tisch, wenn Gort alles über Dostojewski und Nabokov lernt, halten Händchen mit ihm, laufen mit ihm abends im Sonnenuntergang, schmiegen ihre Wange an seine. Sie schwören ihm ewige Liebe. Schreiben ihm Briefe, die er beantwortet. Die Briefe sind Arbeiten, die der Vater benotet.

Größer und größer wird die Last auf den Schultern des jungen Mannes.

Eines Tages bricht er vor einem Supermarkt heulend zusammen. Der Vater schreit auf. Begeisterung. Sein Sohn befinde sich kurz vor dem Ziel.

Sie schleifen Gort in den Wohnwagen, schicken seine momentane Liebe nach Hause zurück und verabreichen ihm zum ersten Mal Drogen.

4.

Drogen. Sie werden sein neuer Heimathafen. Sein Dach, unter das er sich vor den Unwettern des Lebens zurückzieht. Der Vater experimentiert mit den verschiedensten Substanzen, bis er auf ein aus einer Alge gewonnenes Rauschgift stößt: BLUE DREAMS.

BLUE DREAMS macht melancholisch. Es fördert die bipolare Störung.

„Genau das, was du als Schriftsteller brauchst“, sagt der Vater.

Sie fahren über abgelegene Fernstraßen. Gort sitzt im Wohnwagen und versucht sich an ersten Gedichten im Stil von Georg Trakl.

Nach dem Literarischen folgt nun der Unterricht im Betriebswirtschaftlichen.

Gort muss alles über den „Betrieb“ erfahren. Über die einzelnen Literaturkritiker. Wie funktioniert ihre Psyche. Wer ist mit wem verfeindet. Das alles ist wichtig, will Gort dereinst bestehen.

„Der Büchner-Preis würde noch nie des reinen Talents wegen gewonnen“, erklärt sein Vater. „Du musst auf das Preiskarussel springen können. Sitzt du drauf, folgt ein Preis dem anderen.“

Gort sieht ihn traurig an. Die Trauer liegt an BLUE DREAMS. Morgen kann schon alles anders sein. Da kann es passieren, dass er Bäume ausreißen will. Diese Hochzeiten benutzt der Vater, um ihn an seinem ersten Roman arbeiten zu lassen.

5.

Wieder eine neue Stadt. Ein neuer Campingplatz. Neben ihnen ein Wohnmobil mit einem Frankfurter Kennzeichen. Die Sonne über ihm am Himmel. Wenn Gort sie sieht, denkt er in Hexametern über sie nach. Er sinnt über Ikarus. Über die Möglichkeiten, beim Höhenflug zu verbrennen. Über Flügel, die nicht stark genug sind. Mit seinem Vater hat er schon oft darüber gesprochen.

„Erst wenn du ein starker Autor bist, solltest du dort hinaus, denn sonst wirst du verbrennen.“ Die Worte seines Vaters. Eines weisen Mannes, der in den Stunden, die er sich nicht um Gort bemüht, Platten von Roger Whittaker und Howard Carpendale auflegt. Ein Mann, der sein Bier und seine Zigaretten schätzt. Einer, der selbst nie geschrieben hat. Zumindest hat Gort es nicht gesehen. Merkwürdig eigentlich.

Ein junges Mädchen klettert aus dem Wohnmobil. Ein Körper wie aus Draht. Sehnig und gespannt. Die Nase wie ein Pfeil. Das Gesicht wie ein Katapult für eben diesen Pfeil.

Sie lächelt ihn an. Winkt. Gort hebt die Hand. Er hat bereits zu viele enttäuschte Liebschaften hinter sich gebracht. Er ist gerade mal achtzehn Jahre und ist bereits ausgebrannt. Im nächsten Jahr soll er auf eine Literaturakademie gehen.

„Hallo“, sagt sie.

Eine Stimme, wie die einer Göttin. Um ihr nicht zu verfallen, tritt Gort die Flucht an.

„Ich muss dann mal …!“, schreit er und stürmt auf und davon.

Er stürmt in einen Wald. Der deutsche Wald ist für seine Unwesen bekannt. Dort hausen Wölfe, Mädchen, alte Frauen.

Tiefer und tiefer dringt er ins Dickicht vor. Mit seinem Taschenmesser schlägt er sich eine Schneise.

Es wird Nacht. Längst hat er der Vater eine Suchmannschaft aus sich und seiner Frau zusammengestellt. Mit den Bluthunden eines Platznachbarn erkunden sie die Gegend.

„Er wird doch nicht in den Wald sein“, sagt die Mutter.

Vater überlegt. Es könnte sein. Warum nicht?

Gort hat inzwischen ein Haus erreicht. Es scheint aus Lebkuchen gemacht zu sein. Dank seiner literarischen Vorkenntnisse fällt er auf das Haus nicht herein. Er greift nach seinem Feuerzeug und zündet es an. Lebkuchen brennt schlecht.

Passiert das alles wirklich, fragt sich Gort, der meint, den Verstand zu verlieren.

Nein! Er schnellt nach oben. Alles war ein Traum. Er befindet sich bereits seit drei Tagen auf der Literaturakademie. Der Drill scheint ihm den Kopf vernebelt, mindestens aber beschädigt zu haben.

Er sieht sich um. Ein Zimmer wie aus einem Katalog für Zimmer. Eckig. Gort zählt nach. Alle vier Ecken sind vorhanden. Auch eine Decke und … Tatsächlich. Gort beugt sich aus dem Bett und berührt den Boden.

Um sich zu entspannen, um sich von dem Druck der nächtlichen Träume zu befreien, macht Gort den Fernseher an. Es läuft Der Literaturpreis ist heiß.

Langweilig, denkt Gort und zappt weiter, bis er bei Ein Autor für alle Fälle hängen bleibt. Super. Das ist seine Lieblingsserie. Der Held, ein abgehalfterter Autor, wird in jeder Folge in einen neuen verrückten Fall verwickelt. Dieses Mal geht es um eine Lyrikerin, die von einem Mitglied der berüchtigten Kritikerfamilie Falcone entführt wird, weil sie das Schutzgeld, das ihr gute Kritiken sichert, nicht zahlt. Moll, so heißt der abgehalfterte Autor, stöbert sie in einer Bar in einem Wohnwagen in Mexiko auf, in dem sie sitzt, geknebelt und gefesselt. Der reinste Horror für eine Lyrikerin ihres Kalibers.

Moll und sein schöner Freund, mit dem er seit Folge 2 was hat, befreien sie und töten den Kritiker mit mehreren Schüssen. Vielen Schüssen. So vielen Schüssen, dass man die letzten 20 Minuten dafür draufgehen.

Ja, so etwas würde Gort gerne schreiben. Actionromane, in denen Autos demoliert und in die Luft gejagt werden. Bücher mit schönen Frauen und einem Liebhaber, der sich dem Helden jederzeit und in jeder Lage hingibt.

Hier auf der Akademie bilden sie einen an allem aus, was man zum Schreiben braucht. Es geht ums Handwerk, also trainiert Gort täglich am Spitzer. Sie twittern. Und jeder Student muss ein Blog pflegen. Schreibt Gort einen Satz, der sich nicht in wilden Vergleichen ergeht, muss er über Nacht draußen bleiben und Liegestütze machen, auf dem Rücken die Werke von Adorno und Rattenthaler.

Am liebsten würde Gort hier liegen bleiben. Ein Leben lang. Ein Bettmensch werden. Warum da raus in diese kalte, böse Welt? Im Bett ist es warm und kuschelig. Ein Sommer. Das Bett verspricht einen ewigen Sommer.

Da! Das Wecksignal. Die Pfeife des Erwachens, wie sie von Professor Prompt genannt wird.

Jetzt aber schnell.

Gort lässt sich aus dem Bett fallen, eine alte Technik, die er von seinem Vater lernte.

„Willst du wach werden, schnell wach werden, wirf dich aus dem Bett!“

Aua! Das schmerzt. Gort ist so unglücklich gefallen, dass er sich unter die Dusche schleifen muss. Die Prozedur dauert stundenlang.

Längst ist Prompt aufgetaucht, um nach seinem besten Studenten zu sehen.

„Gort, Sie können es weit bringen. Aber wenn Sie ihre Beine zerstören, werden Sie beim nächsten WALK scheitern und bekommen kein Foto von mir.“

Das Wasser rieselt auf Gort hinab. Nur wenig, weil die Studenten an Schmutz gewöhnt werden sollen.

„Ihr werdet, bevor ihr eure ersten Preise gewinnt, Hartz V empfangen.“ Hartz V ist eine besonders harte Form von Hartz. Sie ist den Schauspielern, Malern und Schriftstellern vorbehalten, die noch weniger als der Rest der Empfänger bekommen.

Gort tupft sich ab. Mit den Blättern aus Bestsellerromanen. Mit Blättern aus Romanen der Unterhaltungsindustrie. Die Kulturindustrie gilt als der große Feind.

„Wenn ihr die Leute unterhalten wollt, habt ihr hier nichts verloren!“, beginnt Prompt seine Unterrichtsstunden.

Gort beeilt sich. Er schlüpft in seine Uniform, bestehend aus Cordhemd, Cordjacke, Cordhose. Alles aus Cord. Außerdem klebt er sich einen Schnauzer auf die Oberlippe, den er jetzt anzubringen versucht. Das Ding will wieder mal nicht halten. Er versucht es mit Speichel. Hält nicht. Der Spezialkleber für Bärte ist aus. Und Gort hat kein Geld, um sich neuen zu kaufen.

Der letzte Pfiff ertönt. Er müsste längst draußen bei den anderen sein.

6.

Da stehen sie. In einer Reihe. Die zukünftige Preisträgerelite des Landes. Jeder zweite ein potentieller Büchner-Preisträger. Sie üben bereits an ihren zukünftigen Dankesreden.

Gewitterwolken grollen über ihren Köpfen.

Professor Prompt schreitet die Reihen ab. Sein Schrittfolge ist eine Offenbarung. Das denken alle seine Schützlinge.

„So müsst ihr laufen, wenn ihr den Nobelpreis bekommt“, sagt Prompt. Und dann schreit er: „An die Pfeifen!“

Sie greifen in die Innentasche ihre Cordjacke. Hinaus mit der Pfeife. Auseinandernehmen, reinigen, zusammensetzen. Füllen. Anzünden. Schmauchen. Das muss alles wie im Schlaf gehen.

„Fertig!“

Prompt hebt die Augenbrauen. Der Junge ist gut. Der wird es weit bringen.

„Woran schreiben Sie?“, fragt Prompt.

„An einem Holocaust-Roman!“

„Sehr gut!“

Gort schreibt an einem Holocaust-Roman, allerdings hat sein Manuskript noch zu viele unterhaltsame Stellen aufzuweisen. Er weiß selbst, dass das nicht geht. Keine lustigen Stellen in einem Buch über den Holocaust. Aber da ist etwas in Gort, dass ihn aufreibt, dass er nicht loswird, dieses unterhaltsame Potential, das ihn seit Jahren auch als Leser in die Hände drittklassiger Ware treibt, die er, nie würde er dies offen eingestehen, mag. Es geht sogar noch tiefer, er liebt diese Romane, in denen Cowboys, Indianer, Zombies und Raumschiffe vorkommen.

Auch beim Rauchen ist Gort der Beste. Er zieht den Rauch ein, hält ihn lange in seinen Lungen, und dies, obwohl er dabei sogar noch über den Stand der Gegenwartsliteratur nachdenkt.

Gerade neulich in einer Diskussion sagte Gort: „Die Gegenwartsliteratur … Was soll ich sagen? Wie soll ich es sagen? Sie ist so gegenwärtig. Aber sollte man wirklich stets und immer gegen alles sein, vor allem gegen das, was wartet? Warum ist der Gegenwartsroman gegen Frauen? Nur weil sie an einer Haltestelle stehen und warten? Ist das ein Verbrechen? Obwohl es, geht man auf das Wort ein, wohl mehr um Wärter geht. Sie ist eindeutig gegen Wärter. Warum? Was haben diese Leute getan, die es auch geben muss. Ich bin dafür, dass ein Fürwärterroman geschrieben wird. Oder ein Fürwartsroman. Im besten Fall schreibt man einen Neutralwartsroman. Das würde auch diese unselige Debatte über die Gegenwartsliteratur beenden. Endgültig und mit einem neuen Wort. In Zukunft sollte über den Zustand der Neutralwartsliteratur gestritten werden. Es wird gar keinen Streit geben. Eben weil sie sich so neutral verhält. Am Ende wird das sogar die Literatur selbst abschaffen.“

Professor Prompt trabt los. Hinter ihm seine Zöglinge. Prompt singt: „Ich will schreiben und das ist gut.“ Die jungen Autoren wiederholen: „Ich will schreiben und das ist gut.“ Und wieder Prompt: „Zum Schreiben braucht man echten Mut.“ Und so geht es weiter und weiter, während sie das Akademiegelände umrunden. Der Professor gibt eine Zeile vor, die jungen Schriftsteller wiederholen sie.

7.

Gort wird besser und besser. Man kann ihn in den Nächten wecken und anschreien, Gort macht das nichts aus. Er rollt sich aus dem Bett an den Schreibtisch und feuert aus allen Rohren. Er schreibt seine Gedichte in den unmöglichsten Situationen. In Schützengräben, Waldstücken und unter Kritikerbeschuss.

Nach einer Weile werden sie in einer Halle untergebracht, um die Konkurrenz zu spüren. Sie sollen den Atem des Gegners im Nacken fühlen. Sollen wissen, dass da jemand ist, der mehr Bücher als sie verkaufen will.

Gort freundet sich mit Lambert an, der über seine Großeltern schreibt, die nichts getan haben. Ständig saßen sie herum und stierten Löcher in die Luft. Lambert will über die Langeweile schreiben, aber so, dass es nicht langweilig ist. Mit ihm streitet sich Gort oft über Sinn und Unsinn von Literatur.

„Es ist nicht wichtig, was du erzählst. Es geht darum, wie du es erzählst“, sagt Lambert und reicht eine Zigarette seiner Zigarettenkette.

Sie sitzen zusammen, trinken Bier und rauchen.

„Nein“, sagt Gort. „Es ist wichtig, was du erzählst.“

Lambert zuckt zusammen. Er merkt, dass in Gort etwas heranwächst, was mit den Zielen der Akademie unvereinbar ist.

Gemeinsam besuchen sie Bordelle und Lesungen. In Leipzig sehen sie Demenz Meyer, der einst die Akademie absolvierte. Demenz ist zu einem wichtigen Großautor geworden, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Sie lauschen seinem Dialekt.

„Wahnsinn, wie er die Worte verschleiert. Wie er sie abdeckt. Ich habe fast nichts verstanden.“

„Nichts ist gut oder schlecht“, sagt Lambert. „Weil ich gar nichts verstanden habe. Rein gar nichts. Ein großer Vorleser, der sich mit seiner Art des Vortrags unangreifbar macht.“

Sie lassen sich ihre Ausgaben vom Demenz signieren, geben sich aber nicht zu erkennen. Zu groß die Angst, der Respekt. Sie stehen vor einem, der das Ziel eines Rennens, an dessen Start sie gerade stehen, bereits erreicht hat.

„Hast du seine Brille gesehen? Diese Mischung aus Grünbein und Elstner. Wahnsinnig schön!“

Lambert und Gort trampen in Literaturakademie zurück. Noch wenige Wochen, dann werden sie ihre Abschlusskurzgeschichte abgeben müssen. Gort hat eine über Zombies in Seenot geschrieben. Sie wird nicht gut angekommen. Thema verfehlt. Gort kann es lesen. In seinem Inneren. Schließt er die Augen, weiß er, dass er versagt hat.

8.

Gort, inzwischen ein Meister des Alkohols, taumelt ins Vorzimmer von Professor Prompt. Seine Sekretärin schreckt aus ihrem Traum auf, in dem Prompt sie vor den Traualtar führte. Die Sekretärin, eine ehemalige Lyrikerin, liebt ihn seit sie selbst die Akademie besuchte.

Sie klopft die Asche von ihrer Zigarette und fragt: „Sind Sie Gort?“

Gort nickt, sucht nach dem Mülleimer, findet ihn und übergibt sich.

„Ich merke schon“, sagt die Sekretärin, „da will sich einer in die höchste Liga trinken.“

Nein! So ist es nicht. Sie weiß nichts. Gar nichts. Gort trinkt, weil er unglücklich ist. Wirklich unglücklich, nicht in einem gespielten literarischen Sinne unglücklich. Und deshalb will er auch so kurz vor den Prüfungen Professor Prompt sprechen.

Die Sekretärin führt ihn ins Büro und hilft ihm beim Hinsetzen.

Prompt steht am Fenster und sinnt. Er sucht nach den richtigen Worten für einen Satz in seinem neuen Roman über einen einsamen Schweizer, der in den Bergen sein Gedächtnis verliert. Auf sich gestellt muss er wieder zur Sprache finden.

„Das wird ein großes Sprachkunstwerk“, hatte Prompt seiner Frau erklärt. „Es könnte der Roman schlechthin werden. Der Roman aller Romane. Der Ur-Roman. Der Roman, nach dem die Alchemisten aller Zeiten gefahndet haben. Ein Roman, der sich seine eigene Sprache erfindet, weil sein Protagonist eine völlig neue Sprache hervorbringt. Hör zu: Klarswust, dachte Bille. Walspurgsnust. Noch verstand er sich selbst nicht. Aber er wurde sich allmählich bewusst, was es bedeuten könnte, wäre er nur in der Lage es mit Sinn zu füllen.“ Strahlend hatte Prompt es vorgetragen. Seine Frau, die leise schnarchte, war hochgeschreckt und hatte gerufen: „Großartig. Mindestens der Büchner-Preis. Mindestens.“ Dann war sie erschöpft wieder in sich zusammengesunken. Es war nicht leicht, mit einem Schriftsteller verheiratet zu sein. Nicht leicht …

Gort räuspert sich.

Prompt zuckt zusammen. Das Traumgehäuse mutiert im einströmenden Sonnenlicht zu kleinen tanzenden Staubflusen.

„Ah, einer meiner besten Studenten. Gort, ja, Mann, wenn Sie erlauben, dass ich Sie so salopp anspreche, Sie werden es weit bringen. Weiter als ihr alter trauriger Professor, der noch immer verzweifelt davon träumt, ein Sprachkunstwerk zu schaffen, das bleiben wird. Darum geht es doch. Dass wir etwas von bleibendem Wert schaffen. Etwas, das vor der Ewigkeit bestehen kann, nicht wahr Gort?“

Gort, nervös, hat neben einer seiner Kettenzigaretten noch seine Pfeife angezündet, nicht die Pfeife, selbst in den Gedanken, die er sich macht, stolpert Gort über seine sprachlichen Ungenauigkeiten. Er hat sich den Tabak angezündet. Der kleine Ballen glimmt, Gort zieht an der Pfeife und saugt den Rauch in seinen Mund, ihn durchwühlend und kauend, bevor er ihn ins Arbeitszimmer Prompts stoßweise entlässt.

„Es geht mir um meine sprachlichen Ungenauigkeiten“, sagt Gort. „Sehen Sie, Professor, eben erst dachte ich, dass ich meine Pfeife anzünde, was so nicht stimmt. Ach ja, die Sprache kann so viel mehr sein. Sie kann uns träumen …“ Gort unterbricht sich und lässt seinen Blick schweifen, während er darüber nachdenkt, dass er seinen Blick schweifen lässt. Den Blick schweifen lassen. Ein abgeschmacktes Bild. Schon so oft benutzt, dass es jeglichen Geschmack verloren hat.

„Ich werde die Akademie verlassen!“ Jetzt ist es raus. Gort hält die Luft an.

Prompt meint, sich verhört zu haben. Einer seiner besten Studenten.

Niemals!

„Warum würden Sie das tun wollen? So kurz vor dem Ende. So kurz vor der Abschlussarbeit.“

„Weil ich nicht der bin, den Sie in mir sehen. Ich stecke voller sprachliche Ungereimtheiten. Aus Chaos. Ich will Unterhaltungsromane schreiben. Ich will die Unterhaltung neu definieren. Und … ich will Leser erreichen. Viele. Wenn möglich, sogar ein Millionenpublikum.“

Prompt muss an sich halten, um sich nicht einem Husten hinzugeben.

„Sehen Sie sich um, Gort, sehen Sie genau hin, die Porträts von Thomas Mann und Goethe an den Wänden. Wollen Sie diesen Männern nicht folgen.“

Gort schüttelt traurig den Kopf.

„Nein, das möchte ich nicht. Schlimmer noch, ich finde sie langweilig. Ich will das Leben leichter machen. Will ein schreibender Clown werden.“

„Ein Clown. So etwas würde Ihnen der Betrieb niemals durchgehen lassen. Denken Sie an Ihre Eltern. Ihr armer Vater, er wird einen Herzinfarkt erleiden. Er wird einen Schlaganfall bekommen. Schlimmeres.“

„Weil ich weiß, wie sehr ich allen damit schade, will ich ja gehen. Diesen Weg kann ich nur alleine gehen. Am besten unter Pseudonym.“

9.

Gort hat die Akademie tatsächlich verlassen. Er wohnt inzwischen in Köln und nennt sich Tom Reis.

Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schreibt er fürs Fernsehen. Die Texte werden ihm aus der Hand gerissen. Niemand weiß von seiner Vergangenheit als ernsthafter Literat. Das würde alles gefährden. Es könnte alles zerstören.

Er schreibt an seinem ersten Comedy-Roman über die Nöte eines Dreißigjährigen in Köln. Lauter flache Witze. Er weiß, er muss erst mal Fuß fassen. Sein Buch muss ein Erfolg werden.

Seine Eltern haben ihn besucht. Sein Vater hat kaum mit ihm geredet.

Er lässt sich auf seine Beziehung mit einer Komparsin ein. Sie ist die ideale Partnerin. Sie spielt die meiste Zeit Leichen in Krimivorabendserien. Sie lebt, was sie arbeitet. Niemand liegt so gekonnt und abwesend herum. Gort-Tom nennt sie: „Meine schöne Leiche.“ Gespräche sind der schönen Leiche ein Graus. Sie will herumliegen. Gort-Tom lässt sie.

Ein Brief von Prompt trifft ein, den Gort-Tom lange in der Hand hält. Sollte er ihn lesen? Besser nicht. Er wirft ihn bei Morgengrauen in einen Kanalschacht. Streicht sich eine Träne aus dem Gesicht.

Gort-Tom zweifelt. Ja, das tut er. Manchmal liest er heimlich das Feuilleton im Internet. Er wird zum Perlentauchersüchtigen. Die wichtigen Romane, wenn auch kaum mit Verkäufen gesegnet, werden vielleicht bleiben. Er dagegen wird ein Wind sein, der durch das Zimmer jagt. Ein Wind, der nach seinem Verschwinden von anderen Winden abgelöst werden wird. Ein Wind, der verschwindet.

Täglich sitzt er am Computer und schreibt. Von acht Uhr am Morgen bis siebzehn Uhr am Abend. Er wird zu einem Werktätigen des Schreibens. Die Sätze werden geschliffen, bis der Kern von ihnen bleibt. Die Leser wollen nicht überfordert werden. Er denkt hauptsächlich noch als Konsument.

Schließlich beendet er seinen ersten Roman nach drei Wochen harter Arbeit. Nebenher die Dialoge fürs Fernsehen.

Die schöne Leiche hat seinen Heiratsantrag angenommen. Er vermutet es. Sicher sein kann man sich bei ihr nie. Sie, die Rätselhafte, hat auf dem Bett gelegen und in die Luft gestarrt.

„Willst du?“

Die Leiche starrte in die Luft.

„Ja?“

In die Luft.

„Ich deute es mal als ein Ja, ja?“

In die Luft.

„Gut!“

10.

Zehn Jahre später. Tom Reis ist der KING OF COMEDY. Die Nummer Eins unter den Bestsellerautoren. Die schöne Leiche hat ihm sieben schweigende Kinder geboren. Seine Familie liegt die meiste Zeit über in ihren Betten. Die Kinder wollen alle ins Filmgeschäft. Als Leichen.

Reis hat sich eine Geliebte zugelegt.

Reis absolviert 360 Lesungen im Jahr. Er ist reich, unglücklich und auf dem Höhepunkt seines Schriftstellerdaseins, als er im Fernsehen einen Bericht über die Gruppe 47 sieht.

Tränen stehlen sich in seine Augen. Er, der längst nicht mehr raucht, der Tee trinkt, erinnert sich voller Wehmut daran, was er hatte werden wollen.

Alle hat er enttäuscht. Seine Mutter, seinen Vater, sich. Sich nicht! Oder doch?

Die Tränen laufen hemmungslos. Sie brechen aus ihm heraus, als wäre er eine Wolke. Er regnet in sein Wohnzimmer. Für Momente wünscht er sich, so weinen zu können, dass alles in seinen Tränen ersäuft. Eine Sintflut aus Tränen.

„Tom!“

Reis kann es zunächst nicht glauben. Seine Frau hat ihn angesprochen. Die Leiche kann reden. Unmöglich. Ein Wunder muss geschehen sein.

„Tom!“

Er wischt sich die Nässe aus dem Gesicht. Wie ein Schleier kleben die Tränen auf seinen Augäpfeln.

„Ja?“, sagt Reis. Er blickt sie hoffnungsfroh an. Das ist ein Zeichen. Eindeutig ein Zeichen.

„Könntest du woanders weinen?“, fragt sie.

„Wo … an …“, stottert Reis.

Hängenden Kopfes stemmt sich Reis aus seinem Schreibtischstuhl nach oben. Morgen wird er wieder los müssen. Seine Frau, die Kinder und die Geliebte lieben ihn nicht.

Er hat sein Leben in den Sand gesetzt. Hat alles falsch gemacht. Er ist ein erfolgreicher Loser. Einer von vielen.

Reis trottet ins Kinderzimmer und öffnet das Fenster, um zu springen.

Umständlich müht er sich aufs Fensterbrett und blickt in die Ferne. Die Stadt liegt wie ein elektrischer Sternenhimmel vor ihm.

Reis erinnert sich an ein Gespräch mit Professor Prompt.

„Was machen Schriftsteller, mein Junge?“

„Sie schreiben.“

„Nein, Gort, das kommt nachher. Sie träumen. Sie erfinden. Sie spielen ein Stück, das aus ihnen wächst. Sie improvisieren.“

Reis, der seinen Namen innerlich abschüttelt, steigt vom Fensterbrett.

Ich muss mich erfinden, denkt Gort. Ich werde improvisieren. Kein Zwang mehr, sondern ein Leben im Spiel. Ich werde die schöne Leiche und die schönen Leichenkinder verlassen, um mein Leben zu spielen.

Und ich werde NUR noch schreiben, wenn es im Spiel geschieht.

Diese großen Gedanken verwirren Gort. Er macht einen ausladenden Schritt und erwischt aus Versehen mit dem rechten Fuß das Skateboard.

Wie ein Artist überschlägt er sich und landet auf dem Rücken, nicht ohne sich vorher den Kopf am Schreibtisch gestoßen zu haben.

Gort ist augenblicklich tot.

Auf der Suche …

Wie man hört (man muss sich nur flach auf den Boden legen und das Ohr so lange gegen die Dielenbretter pressen, bis es rot ist und schmerzt), ist es möglich, mit Stammtischen Geld zu verdienen, so dem Stammtisch der Stammtischgruppe Fulda/Ziehers Süd, die ihr Stammtischgebrabbel jedem ernsthaft interessierten ehemaligen Bestsellerautor anbieten, der bereit ist, ihnen sein Gehör zu schenken.

„Es wird Zeit, dass unsere frauenfeindlichen, schwulenfeindlichen, ausländerfeindlichen, sorgsam gehegt und gepflegten Statements endlich Eingang in den Kanon der Sachbuchliteratur finden“, erklärte der Stammtischsprecher Peter Müller nach seinem achtundachtzigsten Bier. „Jetzt suchen wir nach einem facebooksüchtigen, deutschnational gesinnten Überzeugungstäter mit Migrationshintergrund, damit unsere Thesen nicht zu schnell unter den Stammtisch gekehrt werden. Bewerbungen mit einem Facebookprofil sowie einer vorzuzeigenden Kanone, mit der man auf Spatzen schießen könne, seien jederzeit erwünscht. Der zukünftige potentielle Hassprediger müsse sich aber beeilen, schließlich sei der Markt allmählich „abgehasst“.

Bewerbungen mit aussagekräftigem Fahndungsfoto bitte an den Stammtisch „Zum lustigen Führer“, Kiosk Heiler in Fulda/Ziehers Süd. Man dankt.

Feldbibliothekar Nudelhuber

Der Soldat wollte gerade anlegen, da erschien neben ihm die Gestalt des Feldbibliothekars Alfred Nudelhuber.
„Was wollen Sie, Nudelhuber?“
„Ich hätte hier eine wunderbare Ausgabe von Goethes Gedichten.“
„Sie sehen doch, dass wir uns mitten in einem Gefecht befinden.“
„Die Gedichte könnten Ihnen eine kommende Waffenruhe versüßen.“
Eine Kugel streifte des Soldaten Schulter. „Ich bin getroffen“, ächzte er und fiel nach hinten in den Schlamm.
„Vielleicht jetzt?“, fragte Nudelhuber, der sich über ihn beugte. „Ich müsste Ihnen allerdings einen Leihausweis ausstellen, sollten Sie über einen solchen noch nicht verfügen.“

Aus „Feldbibliothekar Nudelhuber“, Roman, vergriffen

Sherlock Holmes

Eines Tages sagte Holmes: „Es regnet!“
„Wie kommen Sie darauf?“
Er zeigte auf die Scheibe, auf die Tropfen, die sich an sie klammerten, dahinter eine Welt, auf die Regenfäden niedergingen.
Seine logischen Rückschlüsse überraschten mich immer wieder.

Aus „Sherlock Holmes und das Rätsel der dunklen Wolken“, Roman

Holmes liebte Ostern. Er liebte es, in seinem Sessel zu sitzen, um von dort all die Eier, die ich erst noch verstecken würde, durch reines Nachdenken aufzuspüren.
„In der chinesischen Vase befindet sich ein grünes Ei“, sagte Holmes und lächelte mich überlegen an.
Ich stand auf, ließ das Ei aus meinem Ärmel in die Vase gleiten, um es im nächsten Moment hervorzuzaubern.
„Fast! Es ist gelb“, sagte ich. „Wie machen Sie das nur, Holmes?“
Holmes lehnte sich zurück, schien aber auch ein wenig enttäuscht, immerhin hatte sich sein unbestechlicher Geist in der Farbe des Eis geirrt.
„Die nächsten Eier“, überlegte er, „befinden sich zwischen den Sofakissen. Ein rotes und ein blaues.“
Ich stand auf, um ihn seine Eier finden zu lassen, auch wenn die Farben wieder nicht zutreffen würden. Zumindest war Holmes zufrieden, und mir rettete es den Tag, der nicht von seiner schlechten Laune zerschossen wurde.

Aus „Sherlock Holmes und die Osterhasenbande“, Roman

Und mit mir kamen die Tränen – Supergedichte I

tränen

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Loch mit Kopf

Eine kopflose Geschichte

Winzer ist ein Kaffeetrinker. Ein Kaffeesäufer der schlimmsten Sorte. Er ist auch ein Krimiautor. Ein erfolgloser. Er sitzt in seiner Wohnung und bekommt Hartz IV. Und das ihm, der den Nobelpreis bekommen müsste.

„Ach, das Leben ist hart.“

Kaffee hat er auch keinen mehr. Das Geld ist alle. NADA. NOTHING. Geld ist aus. Hartz IV. Das hört sich für die Leute gut an. Rumsitzen und kassieren. Unsinn! Papperlapapp.

Und jetzt? Jetzt muss Winzer wieder los. Er zieht sich seine schwarzen Klamotten an. Ninja-Style. Nimmt sein Küchenmesser und zieht los, um sich die Taschen zu füllen. Sein illegaler Nebenerwerb: Mord- und Totschlag.

Um den Nachbar vorzugaukeln, er habe die Wohnung nicht verlassen, seilt er sich ab. Direkt vom Balkongeländer. Mit seinem Betttuch. Er wohnt im Erdgeschoss. Keine wirkliche Mutprobe.

Unten sondiert er das Gebiet. Auf dem Spielplatz treiben sich ein paar Kids herum. Die haben meistens Geld, das sie anderen Kids in der Schule abnehmen. Schutzgelder. Drogengelder. Er tut was Gutes, wenn er sie abzieht.

Er macht eine Rolle vorwärts und landet im Gebüsch neben dem Spielplatz. Mit einem HA! springt er hervor. Sie sind nicht überrascht. OH NEIN! Sie sind nicht mal ansatzweise verängstigt.

„Ich will euer Geld!“, fordert Winzer.

Sie hören etwas von Silo. Silo ist ein bekannter Rapper aus der Gegend, der es ins Rampenlicht geschafft hat. Einer, der aus dem Ghetto an die Spitze der Albumcharts katapultierte wurde. Die Kids ziehen ihre Waffen. Jeder von ihnen hat eine Waffe. Selbst die ganz Kleinen. Sie halten ihm ihre Schießeisen unter die Nasen und fordern die Klamotten und das Messer.  Winzer kann es nicht fassen. Nicht glauben. Und das ihm. Alles läuft schief.

ALLES!

Er zieht sich zähneknirschend aus und übergibt das Messer. Die Kids lassen Gnade vor Recht ergehen und erklären ihn zu ihrem Gefangenen. Sie sagen ihm, wer sie sind. Die KIDS DES TODES. Sie haben das Viertel im Griff. Normalerweise müsste er jetzt sterben. Aber sie seien heute gut drauf, erklären sie. Er dürfe überleben. Was er so mache und so?

Krimiautor, sagt Winzer.

Sie lachen sich über die Antwort kaputt. Sie schütteln sich. Wiegen sich wie kleine Apfelbäumchen im Wind. Ein Künstler also. Solche gebe es hier im Viertel nur. Alles Schriftsteller, Maler, Models.

Sie könnten einen Hofnarr gebrauchen. Einen Diener.

Winter meint, er könne nicht. Er habe noch was vor. Später käme FRAUENRAUSCH im Fernsehen. Und DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERDEPP. Da könne er nichts verpassen. Das würde man ihm als Bildungslücke auslegen, sagt Winzer und schiebt seinen nackten Arsch langsam nach hinten.

Er solle bleiben, wo er ist.

Die KIDS DES TODES beratschlagen, schließlich schieben sie ihn vor sich her.

Da rüber!

Wohin?

Die KIDS DES TODES haben eine Höhle gegraben. Unterirdisch. Alles sehr eng. Feucht. Man kommt kaum rein.

„So wünscht du es dir doch“, lacht eine, die die anderen Lady C nennen. Alles besser als Chantale, wie sie wirklich heißt.

Winzer muss sich in das Loch zwängen. Er bekommt kaum Luft. Sie schmieren ihn mit Vaseline ein. Zwängen und ächzen, bis er schließlich feststeckt. Winzer bekommt Atemnot. Panik. Überall sind Würmer. Er kann nichts sehen. Hier kann man nicht leben. Zurück! Er strampelt, bis sein Kopf wieder aus dem Loch guckt.

„Das geht nicht“, sagt er.

Die KIDS DES TODES sind schon lange fort. Sie haben die Höhle aufgegeben. Die Lust haben sie auch verloren. Soll der doch in dem Loch bleiben.

Und Winzer bleibt. Das Unglaubliche geschieht. Niemand befreit ihn. Er bettelt. Fleht, aber niemand will ihm aus dem Loch helfen.

Besser so, denken die Leute im Viertel. Jetzt haben wir eine Attraktion.

Die Besucher kommen von nah und fern. Aus Japan. Sogar welche aus Sylt. In diesem Viertel, sagen sie, da wächst einer aus dem Boden.

Gierig umringen ihn die Touristen. Die KIDS DES TODES kassieren die Eintrittsgelder. Acht Euro die Karte. Das geht doch. Was stellt ihr euch so an? Nur acht Euro und ihr könnt den Mann bewundern, der aus dem Boden wächst. Nicht mehr lange, so kündigen die KIDS DES TODES an, dann wird er geerntet.

„Geerntet?“, fragt ein Journalist entsetzt.

„Klar“, sagt Lady C. „Kopf schmeckt besonders gut, wenn man ihn im Schnellkochtopf zubereitet.“

Die Politik schaltet sich ein. So ginge das nicht. Man müsse ein Kommission einsetzen, die überprüfen müsse, um es sich um ein Gewächs oder einen Menschen handelt, erst danach könne man entscheiden.

Winzer weiß von dem all nichts. Er fühlt sich wohler denn je. Er ist ein Star. Wenn er jetzt einen Krimi veröffentlichen würde, er würde sich wie verrückt verkaufen. Ein Hit, ein Bestseller, geschrieben von dem Mann, der aus der Erde wächst. Dem Baummenschen. Dem Strauchlebewesen. Der Kartoffelnase.

Nach ein paar Wochen verliebt sich Winzer sogar in eine kleine Frau aus dem Nachbarviertel, die ihn täglich mit Marzipan füttert. Er ahnt nicht, dass sie ihn füttert, weil sie zu denen gehört, die ihn später, wenn er geerntet wurde, essen will.

Wie so ein Kopf wohl schmeckt?, fragt sie sich.

Es gibt aber auch Kräfte, die ihn befreien wollen. Menschen, die sich für die Rechte von Köpfen einsetzen. Und eines Nachts kommen sie, um ihn zu befreien. Sie fahren schweres Gerät auf. In einem Schubkarren: Hacken und Schaufeln. Winzer bekommt zunächst nichts mit, so fest schläft er. Ihm träumte gerade von einem Fußballfeld. In der Mitte statt eines Balles sein Kopf. Anpfiff. Einer der Spieler stürmt auf ihn zu, holt aus, tritt zu und …

Winzer erwacht. Was ist denn hier los. Schweiß, Nacht, Erde. Bitte sehr, ich erwarte eine Erklärung.

Nichts da. Die Befreiungsorganisation FREIE KÖPFE hat keine Zeit, sich auf Diskussionen mit ihrem Zielobjekt einzulassen. Später kann man reden. Später auf der DÜSSELDORF, dem größten Ökoaktivistenkahn der Menschheitsgeschichte. Die DÜSSELDORF hat schon alle Meere der Welt befahren. Man hat Delphine, Wale, Seesterne, Rochen gerettet. Sie alle konnten sich nicht äußern, ob sie überhaupt gerettet werden wollten. Dieses Mal ist es anders. Winzer wird sich äußern können. Er wird seinen Dank direkt in die Kameras hauchen können. Die Kameras, die alles einfangen werden. Jede kleinste Regung. Jede Träne.

Die KIDS DES TODES werden außer sich sein. Sie werden toben. Wie konnte man ihnen ihren Kopf entführen, wo er schon für viel Geld an Gourmets aus aller Welt verkauft war.

Sogar Jaques Pepin wollte kommen. Pepin, der 1976 siebzehn Meerjungfrauen, eingelegt in Meerwasser, angelegt an Flußkrebse, verspeiste. Pepin gilt als Sinnbild des französischen Gourmets, der sich nicht auf Kartoffeln oder Brot stürzt, sondern dem gerade das Beste gut genug ist. Wie damals, als er Rasenstücke in Salbeisoße aß, nicht irgendwelche Rasenstücke, sondern Rasenstücke aus dem Rasen des amerikanischen Präsidenten. Frisch aus der Wiese vor dem Weißen Haus geschnitten und nur wenige Meter entfernt zubereitet. Pepin verputzte ganze siebzehn Quadratmeter. Die Presse jubelte, während Pepin die Schusswunde versorgen ließ, die der SECRET SERVICE ihm als Dessert verpasst hatte.

Winzer lässt seinen Blick schweifen. Verzweiflung in den Augen. Die Wachen, die die KIDS DES TODES aufgestellt hatten, enthauptet.

„Wie konntet ihr das tun?“, schreit Winzer.

„Für die Sache der Freiheit“, sagt die Bordgynäkologin Dr. Reifenbach.

„Ihr Monster!“

„Nein, wir sind keine Monster. Das sind die Monster. Man hat sie ausgestellt. Und in wenigen Tagen wollte man sie ernten und verspeisen.“

Unsinn. Was reden die da?

Die Organisation FREIE KÖPFE hat ihn ausgegraben.

„Stehen Sie auf“, sagt Doktor Reifenbach.

Winzer versucht es. Er versucht es wirklich. Er kann es nicht. Spürt weder in den Händen noch Füßen etwas.

„Der Rollstuhl!“

Der Ruf nach einem Rollstuhl wird weitergetragen. Von Mund zu Mund wird er getragen.

„Was ist mit mir?“, fragt Winzer.

„Alles abgestorben“, antwortet Reifenbach. „Wir werden Ihnen den Kopf abnehmen müssen und ihn an ein Computersystem anschließen müssen. Ein kompliziertes Verfahren, wie man es aus FUTURAMA kennt. Ihr Kopf wird unter einer Glasglocke landen.“

Man hebt Winzer in den Rollstuhl, der nicht glauben kann, was er eben gehört hat.

„Sie meinen, so wie in der Zeichentrickserie?“

„Unsere besten Erfindungen stammen aus Zeichentrickfilmen.“

„Und haben sie das schon mal gemacht.“

Frauen und Männer in Ärztekitteln stehen um ihn herum.

„Was hat er gefragt?“

„Er will wissen, ob wir schon mal einen Kopf entfernt haben.“

Gekicher. Dann schieben sie ihn rasch zum LKW KÖLN, dem größten Ökoaktivistenlastkraftwagen der Welt.

Die DÜSSELDORF hebt und senkt sich. Stürmische See. Meterhohe Wellen. Die DÜSSELDORF wird seit Wochen von einem Boot der KIDS DES TODES verfolgt, die die Herausgabe ihres zu früh geernteten Kopfes fordern.

Winzers Kopf wurde abgetrennt, um ihn zu retten. Er wurde an einen Computer angeschlossen.

„Ich starre seit Tagen auf dieses Bild eines Schiffes in Seenot“, beschwert Winzer sich.

Elvira Reifenbach kann es nicht mehr hören. Winzer geht ihr bereits jetzt unsagbar auf die Nerven. Auf die Nerven, die Nerven, und das SOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO unsagbar. Nerven, Nerven. Sie zwinkert nervös mit dem linken Auge.

„Meine Stirn juckt!“, schreit Winzer. „Ich will sie gekratzt bekommen.“

Die Gynäkologin beugt sich zu dem Kopf. „In der Erde dort in Ihrem Viertel, da haben Sie sich doch auch nicht dauernd beschwert.“

„Dort war ich ein verfluchter Star“, sagt Winzer. „Hier stehe ich in einer Kajüte rum. Ich werde nur manchmal vom Kapitän geholt, um ihm bei seinem Sex zuzusehen.“

„Das streitet der Kapitän ab!“

„Er treibt es mit einem Loch im Schrank.“

Dr. Reifenbach will das nicht hören. Sie ist hier, um sich für die Rechte bedrohter Arten einzusetzen. Für das Gute. Da kann sie es gar nicht gebrauchen, wenn das Befreite ständig meckert.

„So können wir ihn nicht der Presse vorführen“, sagt Elvira später beim Abendessen.

Sie blinzelt dem Bordmacho Don Lillo zu, der sich nachher in ihrem Bett einzufinden hat. Sie will sich ablenken. Will den Kopf vom Kopf frei bekommen.

„Und was machen wir mit ihm?“

Die entscheidende Frage, auf die momentan niemand eine Antwort hat.

Wochen, Monate. Der Kopf wird von Hand zu Hand gereicht. Er will sich nicht vor der Presse bedanken. Man droht ihm damit, ihn abzunabeln. Raus mit den Kabeln. Offline. Es fruchtet nicht. Winzer will, dass man ihn in seine Wohnung zurückbringt, am liebsten ins Loch. Dort gehört er hin. Dort war er wer.

DAS GEWÄCHS!

Elvira Reifenbach spricht mit Engelszungen auf ihn ein. Sie redet sich die Zunge wund. Leckt aufreizend über das Glas. Verspricht, dass er sie mit der Zunge befriedigen darf, wenn er aller Welt erzählt, was für großartige Freiheitskämpfer ihn da vor, sie muss nachzählen, drei Jahren befreit haben.

Drei Jahre? Winzer schluckt. Er hat die Faxen dicke. Er spuckt, obwohl er gar keine Spucke mehr hat. Ich denke, als bin ich. Nach dem Prinzip funktioniert er. Oder das, was von ihm übrig ist.

In einer stillen Nacht auf dem offenen Meer, kommt es über ihn. Er beginnt hemmungslos zu weinen, bis er Geräusche hört. Seine Lider zucken. Schüsse sind zu hören. Bomben detonieren. Schließlich wird seine Tür in die Kajüte gepustet. Haarscharf an seinem Kopf vorbei.

Die KIDS DES TODES stürmen hinein, mitten unter ihnen Jaques Pepin, der eine Latz trägt. In seinen Händen Messer und Gabel.

„Da seid ihr ja endlich“, schreit Winzer begeistert.

Die KIDS DES TODES rappen etwas von Silo, bevor sie ihn in einen Sack stopfen.

Und ab!

Wo bin ich? Teller. Besteck. Kerzenständer. Oh, das ist aber ein fein gedeckter Tisch. Und alle sind sie da. Die KIDS DES TODES. Und der Mann mit dem Latz. Auch die Frau, die mich gefüttert hat. Meine große Liebe. Warum kann ich nicht reden? Ach, wegen des Apfels in meinem Mund. Tut gar nicht weh. Ich kann mich sogar aus meinem Kopf befreien. Da! Ich schwebe über dem Tisch. Dort unten bin ich. Allen läuft das Wasser im Mund zusammen. Hm, ich sehe verflucht lecker aus. Ja, was machen sie denn jetzt? Sie schneiden mich an. Mein Ohr. Nicht schlimm. Ich empfinde keinen Hass. Da ist so viel Liebe. Und wenn sie mich unbedingt essen wollen, dann sollen sie das tun. Ich werde jetzt auf diese Licht dort drüben zufliegen, ja, weiter, hin zum Licht. Und rein ins Licht und …

Lars Antichrist

Lars will es. Unbedingt. Er will die Erde unterjochen. Will sie bluten sehen. Er will der Antichrist sein. Nicht irgendein Antichrist, sondern der Antichrist schlechthin. Das muss doch möglich sein. Berufswünsche sind dazu da, um sie sich zu erfüllen – wenn möglich. Heinz, sein dämlich grinsender atheistischer Schulfreund, hat ihm erzählt, es gebe keinen Gott, und somit auch keine Hölle – und keinen Teufel. Unsinn! Für diese Frechheit hat ihm Lars die Zähne ausgeschlagen. Nicht einen, nicht zwei, sondern alle siebzehn, die Heinz noch im Mund hatte. Und dann hat er ihn noch gewarnt, ja nichts zu verraten, sonst seien seine Eltern und seine Schwestern auch noch dran. Das Böse schläft nie, sagte Lars. Es bekommt alles mit.

Lars geht danach nach Hause, ein Zuhause, dass ständig auf Achse ist, weil seine Eltern im Bankräubergewerbe sind. Bankräuber. Das ist ein guter und ehrlicher Beruf, sagt sein Vater und hebt den kleinen Lars auf den Arm. Wenn du mal groß bist, wirst du auch Bankräuber. Gut und ehrlich sind Worte, die Lars krank machen. Lars schüttelt innerlich den Kopf. Aber jetzt nicht auffallen. Nur nicht auffallen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sich Aleister nennen und eine Menge Kinder dem Fürsten der Finsternis opfern.

Die Eltern packen den kleinen Lars in seinen Kinderzimmerkäfig und schleppen ihn nach unten. Hinein in den LKW. Und ab geht es zum nächsten Wohnort.  Unterwegs, weil es sich anbietet, überfallen sie gleich noch drei Banken. Läuft alles gut. Bis auf die vier Toten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Sagt der Vater. Und der muss es schließlich wissen, sonst wäre er kein Vater geworden.

Lars malt derweil umgedrehte Kreuze in seinen Sabber. Das ist eine Unart von ihm, überall malt er diese umgedrehten Kreuze hin. Als sie mal bei Oma waren, hatte er sich einen Stift genommen. Die ganze Wohnung hatte er mit den Kreuzen verziert. Als Oma ihn auf sein ungezogenes Verhalten ansprach, verstellte er seine Stimme und krächzte: „Hier spricht Satan, du Hure. Du wirst bald verrecken. Und dann wirst du hier unten bei uns Schwänze schlecken.“ Die Oma riss die Augen auf, stammelte etwas von „Unglaublich!“ und „Was?“ und verstarb an Ort und Stelle. Lars bekreuzigte sich umgekehrt, gedachte des großen Aleister Crowley und buchte Oma als Opfer an den Fürsten ab. Dann bekam er Hunger, weil er sich aber noch nichts alleine zubereiten konnte, musste er warten, bis seine Eltern die Leiche fanden.

Die neue Wohngegend ist schrecklich. Lars hasst sie. Teufel, wie er sie hasst. Lauter Einfamilienhäuser. Frauen, die früh aufstehen und grüßen. Ein grünes Haus, ein gelbes, ein rotes, ein pinkfarbenes. Die ersten Tage ist Lars krank. Er übergibt sich. Wie seine Lieblingsschauspielerin Linda Blair in seinem Lieblingsfilm „Der Exorzist“. Um ihn zu beruhigen, legen die Eltern die DVD ein. Sein Blick verzerrt sich. Ein diabolisches Grinsen umspielt seinen Mund. Es geht ihm Szene für Szene besser. Um sich von den Strapazen der Krankheit zu erholen, streunt er durch die Gegend. Er entführt, foltert und tötet diverse Katzen.

Man müsste hier ein Massaker anrichten, tagträumt Lars, als ihm ein Junge mit einem seligen Gesichtsausdruck entgegentritt. Der Junge heißt Waldemar und ist ein Christenkind. Ein Anhänger Gottes.

„Oh, bist du neu hier?“, fragt Waldemar und meint, Schwefelgeruch wahrzunehmen.

„Fick dich!“, grunzt Lars.

Hm, überlegt Waldemar, als ein Christenmensch sollte ich gehorchen. Ich will diesen jungen Mann ja glücklich machen. Aber wie soll ich das machen? Mich selber ficken? Geht das überhaupt?

„Hör zu, mein Bruder“, sagt Waldemar. „Gern will ich dir deinen Wunsch erfüllen, aber lass uns zuvor beten!“

Lars beschließt, das Spiel, alle Dämonen mögen ihm verzeihen, mitzuspielen, nur um zu sehen, was passiert. Waldemar fällt mit einem „Auaschönistdas“ auf die Knie und betet das Vater-unser. Lars bewegt die Lippen. Die Sekunden des Gebets sind der reinste Himmel für ihn. Es ist schön. Beinahe muss er sich wieder übergeben.

„Und jetzt fick dich!“

Waldemar wird rot im Gesicht. Versprochen ist versprochen. Und der Herrgott sieht alles. Aber Unzucht, auch mit sich selbst, ist eine Sünde. Er könnte sich umbringen. Auch das eine weitere Sünde. Er steckt in einer echten Klemme.

„Und wenn ich es nicht kann?“, fragt Waldemar.

„Dann würde ich dich als einen unfreundlichen Menschen bezeichnen.“

„Hm.“ Waldemar schüttelt den Kopf und geht nach Hause. Hinein in sein Zimmer, er packt seine Bibel ein, ein paar Unterhosen zum Wechseln und zieht sich ins Unterholz zurück. Dort sitzt er. Ein Einsiedler. Einer, der die Menschen hinter sich gelassen hat, bis die Eltern zum Essen rufen. Gehorchen muss er. Also gehorcht er.

Und wieder ziehen Lars und seine Eltern um. Die Jahre verstreichen. Lars ist inzwischen sieben Jahre. Sieben ist eine Zahl, die er hasst. Fragt ihn jemand, behauptet er 666 Jahre zu sein. Er sei das Große Tier. Basta! Außerdem will er nicht mehr Aleister heißen, sondern Damien.

Zeit für seine erste Blackmetalband. Sie nennen sich „Frau Hölle“.  „Frau Hölle“ wollen mit ihrer Musik Schmerz erzeugen. Sie wollen quälen. Zunächst probieren sie ihre Songs an Tieren aus. Die meisten verenden nach wenigen Sekunden. Hunderte von Hamstern. Später Katzen. Hunde. Keines der Tiere überlebt ihr Intro. Sie reißen die Augen auf. Fallen zur Seite. Mit heraushängender Zunge. Lars ist mit dem Resultat zufrieden. So können sie auf Tournee gehen. Sie nennen es nicht so. Sie nennen es Amoklauf. Jürgen, der Gitarrist, organisiert einen Kleinbus. Sie schminken sich weiß, schmieren sich mit Schweineblut ein und fahren los. Lars spürt, dass sein Leben allmählich seinen Sinn verliert. Darum geht es. Keinen Sinn finden. Oder, ist einer da, ihn zu verlieren.

Sie halten auf einem Marktplatz. Bauen ihre Verstärker auf, bitten um Strom, den man ihnen verweigert. Sie würden nicht vertrauensselig genug aussehen. Nicht vertrauensselig? Pah! Lars und Jürgen besorgen sich in der Nacht illegal Strom und spielen ihr erstes Todeskonzert. Punkt Mitternacht. Es ist ein Blutbad. Sie metzeln die Kleinstadt nieder. Kinder, alte Menschen, keiner überlebt. Jetzt hat er es geschafft. Lars ist zu einem Flüchtling geworden. Er hat sich endgültig von seinen Eltern abgenabelt, die wenige Tage nach diesem Ereignis bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben kommen. Lars trauert nicht. Höllensöhne trauern nie.

Nach den Kleinstädten, kommen die Großstädte. Lars Antichrist, so haben ihn die Zeitungen getauft. Er ist fünfzehn und verlässt eines Nachts heimlich den Tourbus, um nach Alexandria auszuwandern. Die Band war der Anfang. Aber sie kann mehr. Er weiß es. In Alexandria mietet er sich in einem Hotel ein und beschwört einen Dämon namens Labrador.

Labrador diktiert ihm das „Textbuch des Todes und der Pein“. Darin enthalten, alle Texte, die „Frau Hölle“ grunzen müssen, um die Herrscharen der Hölle auf die Erde hinauf zu rufen. Schwitzend, an Verstopfung leidend, schreibt Lars Antichrist das „Textbuch des Todes und der Pein“ auf dem Klo nieder. Nach vier Stunden ist es vollbracht. Lars zieht sich an, spielt einen Song leise auf seiner Wandergitarre und verlässt ein Alexandria, in dem niemand mehr lebt. Leichenberge säumen seinen Weg. Er läuft an Blutflüssen entlang. Seine Rückreise bildet eine Schneise der Verwüstung.

„Frau Hölle“ treffen sich an einer Bushaltestelle am Rand von Köln. Sie beten ein Vater-unser rückwärts, bespucken Oblaten, feiern hinter dem Bushäuschen eine schwarze Messe samt Jungfrauenschändung und gehen dann auf Amoklauf. Auf ihren T-Shirts stehen alle Städte, in denen sie töten werden.

Die Todeskraft der neuen Texte ist so stark, dass sie keinen Strom mehr brauchen. Sie müssen nur daran denken, den einen oder anderen Song zu spielen, schon töten sie alles Leben im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Gleichzeitig tauchen die ersten Dämonen auf der Erde auf, darunter auch Labrador, der sich „Frau Hölle“ als Rowdy anschließt. Gerade mal sechszehn Jahre, fühlt sich Lars am Ziel. Die Welt wurde Satan unterworfen.

„Frau Hölle“ werden zu DER BAND der kommenden Epoche. Kein Todesfall, bei dem sie nicht spielen. Satan höchstpersönlich ernennt sie zur „verfickt schlechtesten Band aller Zeiten“. Um auch den Rest des Universums zu unterwerfen, lässt Satan Raumschiffe für den nächsten Amoklauf von „Frau Hölle“ bauen. Alles läuft gut, bis die ersten Angriffswellen Gottes das Höllenreich erschüttern. Man setzt Engelschöre ein, später Schlager. Die himmlischen Scharen machen nächtlich Land gut. Gott werde sich die Erde zurückholen. Lars und seine Bandkollegen geben alles. Die noch existierenden Kirchen werden zu Trutzburgen des Widerstands. Satan weist die Priester darauf hin, wem sie ewige Gefolgschaft geschworen haben. Nicht Gott, sondern ihm. Der Vatikan bekennt sich, schon seit Jahrhunderten heimlich für Satan zu arbeiten.

Lars kümmer das wenig. Er ist siebzehn und krank. Blutkrebs, stellen ein paar lachende Dämonen fest.

„Was kann man da machen?“, fragt Lars.

Wieder lachen die Dämonen. Was man da machen kann? Machen kann? Sie feixen und verabschieden ihn. Das Böse kenne kein Mitleid.

Lars ist zum ersten Mal verzweifelt. Er, der sich ein Leben lang für die Sache des Bösen aufgeopfert hat, wird aufgegeben, liegengelassen, niemand will sich um ihn kümmern. Seine Bandkollegen tauschen ihn aus.

In seiner letzten Nacht erscheint Lars ein Engel, der verflucht nach dem Kerl in der Wohnsiedlung damals aussieht. Wie war sein Name? Waldemar?

„Ich bin der Engel Waldemar“, sagt die Gestalt. „Ich bin mächtig. Ich kann mich sogar selber ficken.“

Lars muss vor Lachen Blut erbrechen.

„Und kann du mich retten?“, fragt Lars.

„Ja“, sagt der Engel.

„Dann tu es“, herrscht Lars ihn an.

„Ja“, sagt der Engel Waldemar. „Hiermit …“ Waldemar bricht ab.

„Was ist los?“, fragt Lars.

„Ich muss weg“, sagt Waldemar. „Gott hat zum Essen gerufen. Und er wird saulieb, wenn man nicht auf ihn hört. Saulieb ist nicht schön, glaub mir.“

„Rette mich erst“, bettelt Lars.

„Nein, ich muss. Wenn dir langweilig ist, fick dich einfach selbst“, rät der sich entfernende, sich dabei selbst penetrierende Engel Waldemar.

Lars liegt da und stirbt. Er denkt an sein Leben zurück. Im Grunde hat er alles erreicht, was ein junger Mann erreichen kann. Er wird sicherlich einen guten Platz in der Hölle bekommen. Viel Feuer und Schmerz, besser wird man es nicht haben können. Schade nur, dass man ihm seinen Einsatz nicht mehr gedankt hat. Aber so ist das eben mit den heutigen Unternehmen. Kein Rückhalt für die Belegschaft. Lars schließt die Augen und schläft ein.

Als er aufwacht, ist es sieben Uhr am Morgen. Seine Eltern leben noch. Er ist gefesselt.

„Wo bin ich hier?“, fragt Lars.

Sein Vater beugt sich mit einem freundlichen Lächeln über ihn. „In der Hölle, mein Sohn!“

Aus dem Radio sickert leise ein Lied. „Ein bisschen Frieden“ von Nicole.

Sein Vater streichelt ihn.

„Hör auf damit!“, giftet Lars.

„Nein“, flüstert sein Vater.

Mehr und mehr gutaussehende Wesen drängen ins Zimmer und streicheln ihn. Sie sagen, Lars wäre ja ein so toller Junge. Soooooooo toll!

„Die Hölle“, sagt sein Vater leise. „Willkommen in der Hölle!“

Lars Antichrist beißt die Zähne zusammen. Diese eine kleine Ewigkeit, verfickt noch mal, die wird er auch durchstehen, und wenn die vorbei ist, dann gnade ihnen Gott. Dieses Mal wird er für die Sache des Guten kämpfen. Und das wird für niemand gut ausgehen. Mit diesem Gedanken lässt Lars es geschehen. Alles, auch das sie ihn gerade loben.

„Mein kleiner Liebling!“

Lars schreit innerlich auf!

Coppo_di_Marcovaldo,_Hell