Der Theaterbeschläfer

Lob des Theaterbesuchs (nebst kritischer Anmerkungen)

Ich gehe gerne ins Theater. Dort sitzt man weich. Und man muss den Blick nicht schweifen lassen. Das ist nämlich eine Unart der Moderne, dass man den Blick schweifen lassen soll, weil immer überall etwas los sein könnte.

Im Theater ist nur vorne etwas los. Seltener im Magen des Nebenmannes, der selbstverständlich, weil ich ein politisch korrekter Mann bin, auch eine Frau sein kann, eine Nebenfrau also, die man nicht haben sollte, liebt man seine Frau ehrlich und aufrichtig.

Erlischt das Licht, hebt sich der Vorhang, beginnt die Vorstellung. Fortan versinkt man im Dunkel des Zuschauersaals. Man wird nicht beobachtet. Man ist frei.

Ich nutze die Stunden, die ich im Theater verbringe, um zu schlafen. Schon Claus Peymann sagte im Angesicht der Aufführungslänge des Sportstücks von Elfriede Jelinek, dass der Theaterschlaf einer der gesündesten sei. Er empfahl ihn ausdrücklich. Und wer bin ich, dass ich einen solch großen Mann des Theaters, der selbstverständlich, wir beachten die politisch korrekte Beschreibung, auch eine Frau sein könnte, kritisieren würde.

Schläft man erst, ist darauf zu achten, dass man den Schlaf des Nebenmanns, der Nebenfrau nicht stört. Keine lauten Schnarcher also. Das schickt sich nicht. Man muss den Schlaf beherrschen. Es sind die großen Schlafkünstler, die im Theater gefragt sind.

Während auf der Bühne gelogen, betrogen, getötet und geliebt wird, entspannt man sich einmal recht von den Sorgen und Nöten des Alltags.

Man kann abtauchen, um sich aus dem Leben in die Scheinwelt der Träume zu stehlen.

Ein gutes Stück erkennt man an seiner Länge. Unter vier Stunden mache ich es nicht. Sonst komme ich am Ende aus dem Theater und bin nicht ausgeschlafen. Und dann?

Die Stirn in Falten, so durschreitet man die Straßen. Wird zum Stein des Anstoßes. Nein, nicht mit mir.

Ist das Stück beendet, schrecke ich in die Realität zurück. Ich reiße die Augen auf und lasse es mir, war der Schlaf erholsam, nicht nehmen, meine Hände durch fortwährendes Klatschen in Mitleidenschaft zu ziehen.

Sollte ich allerdings noch Müdigkeit in meinen Knochen verspüren, kann es geschehen, dass ich nach einer Zugabe verlange.

Ob ein Theaterbesuch ein Erfolg wird, hängt vor allem an einem selbst.

Spät in der Nacht liege ich oft wach, und denke an den Abend zurück, der mir nun, da ich ausgeschlafen habe, die Nachtruhe raubt. Und ein wenig, ich gestehe das gerne ein, sehne ich mich nach den Zeiten zurück, da es noch keine Theater gab. Zeiten, in denen die Menschen noch miteinander schliefen. Doch es scheint mir, dass diese Form der Moderne nicht mehr zu stoppen ist.

Es war meine Mutter, die bereits Wert darauf legte, dass ich nicht zu oft vor einer Bühne saß. Sie verteufelte alle, die ihre Kinder in den ersten Reihen eines Theaters absetzten, um sich ihren eignen Interessen widmen zu können.

Wie so oft, ging auch ich in die Falle und verfiel dem Medium Theater. Ganz süchtig bin ich danach. Ein Verfallener, wie meine Mutter solche Leute zu nennen pflegte.

Wie auch immer, das Theater ist nicht aufzuhalten, denn der Mensch hat sich längst daran gewöhnt, seinen Schlaf vor diesem Beruhigungsmittel zu finden.

Und bis es soweit ist, dass man Theaterbühnen erfunden hat, die man ins heimische Schlafzimmer stellen kann, werde ich weiterhin fleißig der Bühne die Treue halten.

Ehrenwort!

Freitag

Ich muss mich ja immer mit einer ganzen Menge Scheiße rumärgern, von der Sie, werte Leserinnen, wahrscheinlich überhaupt nichts ahnen.

Heute Nacht z.B. regnete es. Da verstehe mal einer die Natur. Stundenlang kippte Nass von oben nach unten. Dieses fallende Geräusch weckte mich mehrmals. Ich dachte darüber nach, aufzustehen. Vielleicht hätte ich die Sekunde nutzen sollen, um ein Regengedicht zu schreiben. Es gibt in der Weltliteratur nicht viele Regengedichte, nur dieses eine von …! Jetzt fällt mir sein Name nicht mehr ein. Ich lese die ganze Zeit über ungemein viele Bücher, da verliere ich allmählich den Überblick. Erst gestern hatte ich eins in der Hand, da ging es um einen Hund, der sein Herrchen totbeißen wollte, weil er sich sicher war, das der ihn vergiften will. Ein tragischer, ein großer Roman. Am Ende verkaufte Herrchen seinen Hund an eine Metzgerei. Ich kam aus dem Flennen gar nicht mehr raus.

Um auf den Regen zurückzukommen: Ich habe dann doch kein Regengedicht geschrieben, sondern einfach nur stundenlang wachgelegen und an die Decke gestarrt. Die braucht mal einen neuen Anstrich, dachte ich. Die ist ganz schattig und dunkel. Die hat lauter Flecken. Am liebsten hätte ich das Licht angemacht, um das genauer zu untersuchen, aber meine Frau Bärbel (Name geändert) lag neben mir und schnarchte. Sie schnarcht nicht oft, da wollte ich ihr dieses Erlebnis nicht nehmen. Ihre Schnarchlaute erinnerten mich an die Gesänge von Walen, die das Meer mit ihren gewaltigen Körpern zerteilen. Diese großen (bedrohten) Geschöpfe und ihre fragilen, leicht behämmerten Töne. Es könnte sein, dass ich irgendwo eine CD mit Walgesängen rumfliegen habe. Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt, sie sich mal anzuhören. „Siehst du“, könnte ich zu Marie (Name geändert) sagen, „so hörst du dich an, wenn du das Glück hast, mal zu schnarchen.“ Das wäre bestimmt interessant für Heidrun (Name geändert), weil, wer hat schon die Möglichkeit, sein eigenes Schnarchen von einem Tier vorgeführt zu bekommen, zumal von einem Wal, der tatsächlich das Schnarchen meiner Frau Gesine (Name geändert) imitiert.

Veronika (Name geändert) sitzt übrigens momentan in der Küche, unschnarchend, klar, und liest in einem Thriller. Sie ahnt noch nicht, dass sie die Hauptperson meines heutigen Tagebucheintrags ist.

Ich trinke, die Stammleserin weiß es, Mövenshit-Kaffee und dampfe dabei eine Partagas No. 4.

Mittwoch

Regen zieht über die Villa, eine Armee kleiner Tropfen, die mit zusammengebissen Zähnen todesmutig aus einer geöffneten dunklen Wolke springen. Was wird man den Tropfen über uns erzählt haben? Wie sollen wir sein? Wie stellen sich die Tropfen ihren Feind vor?

Im Fernsehen haben sie von den Ausbildungscamps der Tropfen berichtet, ich habe es gesehen. Ihre stummen Märsche in die Helikopter, ihre verbissenen Gesichter, die von Hass und Entschlossenheit erzählen.

Wie konnte es zu diesem Krieg zwischen Menschen und Wassertropfen kommen? Ich kann mich kaum noch an die Anfänge erinnern.

Wir haben sie ausgenutzt. Das ist das Problem. Wir haben sie gefördert, nur um sie zum Waschen und Trinken zu benutzen. So sollte man mit seinen Nachbarn nicht umgehen, und tut man es doch, muss man sich nicht wundern, wenn sie zu gewalttätigen Gegnern mutieren, zu einem Heer, dessen Angriffe die Villa bereits die ganze Nacht über erschüttern. Wie lange das Dach das aushalten wird? Ich kann es nicht sagen.

Zwischenzeitlich empfing ich Berichte, die von einem Meer feindlicher Truppen berichten, die nur darauf warten, ihren Einsatzbefehl zu erhalten.

Die Familie ist in Alarmbereitschaft versetzt. Ich habe Föhne an die Dienerschaft ausgeben lassen, Verlängerungskabel wurden verlegt, um eindringende Tropfen auf der Stelle zu eliminieren. Sollen sie doch elendig verdunsten. Dies ist nicht mein Krieg. Sie haben sich dafür entschieden.

Die Nacht, das Dunkel, scheint ihr Verbündeter. Die Nacht legt ihren dunklen Mantel über das Land, erschwert die Sicht, und schützt so die Absprünge der Tropfen, deren Zahl in die Myriaden geht. Sie tippeln auf den Fensterscheiben umher, um mich auf diese Weise in den Wahnsinn zu treiben. Ihre Niederkunft erinnert an eine der göttlichen Plagen.

Und dann plötzlich – Ruhe, als wäre der Ansturm versiegt, der, ich bin mir sicher, keine Rast kennt, sondern nur Finten, die unseren endgültigen Untergang besiegeln sollen.

Die Frauen, dreihundert an der Zahl, sitzen bibbernd in einer Ecke des Grünen Salons. Ihre Zähne schlagen aufeinander.

Ich werde mich nicht aus meinem Haus vertreiben lassen, weder heute noch in Zukunft. Meine Flinte, ein umgebauter Staubsauger, giert nach dem Augenblick einer ersten Begegnung.

Äste knarren.

Was auch geschieht, ich werde mich und meine Familie zu verteidigen wissen.

Gott (Name geändert) stehe uns bei!

Dienstag

Und jetzt bin ich aufgestanden, als ob man so etwas hinstellen könnte, ein Mensch, als ob der etwas zum Aufstellen wäre, ein Schrank oder ein Tisch, und ich frage mich, wie das ist, ob man mich, den Mensch, der aufgestanden ist, erst zusammenbauen muss, wie ein Bausatz von Ikea oder aus einem anderen Möbelhaus, nur dass es dann kein Möbelhaus wär, sondern ein Geburtshaus, aus dem man ihn trägt und zusammenschraubt, um ihn in die Welt zu stellen, in eine Wohnung hinein, in ein Leben, und man füllt ihn, den Menschenschrank, man füllt ihn mit Ideen und mit Vorstellungen vom Leben und von der Moral, man füllt ihn mit Vorstellungen von den Feinden und den Freunden, mit Liebe und Hass füllt man ihn, bis der Menschenschrank ganz voll ist, bis er überquillt, bis er ächzt und stöhnt, bis er sich beengt fühlt, von all den Ideen und Vorstellungen und darauf hofft, dass man ihn lüftet. Ich bin aufgestanden und habe mich hingestellt, ich Menschenschrank, ich habe dagestanden, ganz wie ein Schrank in der Gegend herumsteht, träge und schwer, weil die Müdigkeit meine Scharniere quietschen lässt, die Müdigkeit, die man nicht so einfach abschütteln kann, nicht wie ein Geste oder wie Wassertropfen, obwohl man dem Hund, der aus dem Wasser an Land klettert, ähnelt. Man zerrt sich den Strand hoch, hinauf ins Tageslicht, oder ins eingebildete Tageslicht, weil es draußen noch dunkel ist, man krallt sich im Morgen fest und zieht sich in ihn hinein, man streift ihn sich über, und man steht im Flur oder bereits in der Küche und schüttelt die Müdigkeitstropfen aus seinem Fell, ein Schrank, ein Menschenschrank, der sich im Tag wie in einem Raumschiff befindet, wie in einem Flugzeug, das bald starten wird, das den Tag durchqueren wird, um am Abend dort zu landen, wo es gestartet ist. Ein Rundflug, der einmal über das Land führt, das man bewohnt, über den Tag, in dem man lebt, ein Flug über die Stunden und Minuten, über die Felder und Städte, in denen die eigenen Tätigkeiten leben, die Träume und Vorsätze. Man wird über sich fliegen, wird hin und wieder einen Zwischenstopp einlegen, um ein Gespräch zu führen, um aufs Klo zu gehen, um dort zu sitzen, ganz Mensch, in einer Haltung, die uns alle verbindet.

Ich bin aufgestanden und habe mich hingestellt, und wenn man einmal ernsthaft darüber nachdenkt, muss man die Augen aufreißen, wie ein Geschenk oder eine Schokoladenpackung muss man sie aufreißen, hektisch, schnell, weil es einem Wunder gleicht, noch am Leben zu sein, da zu sein, wo man doch auch tot sein könnte, weg, was bestimmt geschehen wird, einst, an einem fernen Ort wird man sein, in einem Altenheim, wenn man Glück oder Unglück hat, das kommt ganz darauf an, wie man es sieht. Man wird vielleicht in einer fernen Altenheimnacht die Augen schließen und spüren, dass man stirbt und wird sich an all die Morgenstunden erinnern, die man so beiläufig hinnahm, an denen man sich aus dem See der Nacht an Land rettete, um sich wie ein Schrank hinzustellen, ein übervoller Schrank, der in den Tag wie in ein Flugzeug stieg, um eine Rundreise anzutreten, die morgen wiederholt werden wird, und übermorgen, und wieder und wieder, bis man, hat man Glück oder Unglück, das kommt darauf an, wie man es sieht, in einer fernen Altenheimnacht die Augen schließen wird, um unterzutauchen, um in der Nacht zu verschwinden, die einen verschlucken wird. Und in den nächsten Tagen, weil die Tage nicht enden, wird man uns in einen Sarg räumen, wird man uns darin verstauen, wird man uns in einen letzten Schrank räumen, und man wird den Schrank in der Erde verscharren, man wird uns unter die Erde räumen, damit wir träumen oder nicht, man wird uns im See der Nacht versenken.

Darüber denke ich nach, als ich an diesem Morgen aufstehe und mich hinstelle.

Montag

Wieder so ein Tag voller Angriffe. Die sind ja überall, meine Gegner. Verlasse ich am Morgen das Bad, kauert bereits einer im Dunkel. Mit einem Schrei stürmt er auf mich zu. Das Messer blitzt in seiner Hand auf. „Nimm das, Drecksautor!“ schreit er. Da hilft nur Selbstverteidigung. Also schnell ein Gedicht zücken und den Angreifer ins Jenseits lesen. Er reißt die Arme hoch, dran die Hände, die in den Fingern enden. Die müssen aufs Ohr, ins Ohr hinein. Irgendwie muss er sich retten. Keine Chance. Ich kenne keine Gnade. Trete vor, hacke ihm die Hände ab, um meine Lesung fortzusetzen.

So geht es unentwegt. Bis ich in die Küche bin, musste ich bereits zahllose Kritiker töten. Darauf erst mal ein Toast. Schön mit Butter drauf.

Dann zurück an den Schreibtisch, Weltliteratur verfassen. Mal etwas über einen Frosch, denke ich mir, ich flüstere es so in mich hinein, muss ja nicht gleich jeder hören, was man so weltmännisch denkt. Schon sause ich über die Tastatur. Vier Minuten später ist der nächste Roman fertig. Mann, bin ich erschöpft. Eintüten. An den Verlag!

Ob ich heute noch einen Roman schreiben sollte, frage ich mich. Lass mal gut sein, rede ich auf mich ein. Ein Roman pro Tag genügt.

Und jetzt? Aufstehen und durch die Wohnung laufen. Was man da alles entdeckt. Elefanten. Eine wilde Affenhorde. Ganz schön was los bei mir! Wer hätte das gedacht?

Ich! schreit einer auf, der von sich behauptet, hier zu wohnen. Er hätte was mit meiner Frau. Davon wusste ich gar nichts. Dann will ich die beiden mal nicht stören. Schön leise zur Tür raus, die Treppen runter. Aber nicht übertreiben, flüstere ich noch. Wer weiß, was sonst die Nachbarn denken.

Soll mal einer sagen, so ein Weltliteratenleben sei nicht aufregend.

Bis morgen, Welt!

Im Auftrag des Sommers

Der Mann mit dem Besen. Er ist wieder unterwegs. Er fegt durch die Gegend. Der Schnee muss weg. Der stört ihn. Jede Flocke eine Beleidigung. Ein Angriff. Der Schnee ist einmarschiert. Hat seinen Bürgersteig besetzt. Sitzt und schmilzt nicht. Kauert und wartet. Der Schnee will ihn mürbe machen. Er spürt es. Es zieht in seinen Eingeweiden. Heftiger und heftiger kehrt er. Kehrt den Kehrer raus. Kehrt aus, was nicht hierher gehört. Das ist ein Fremdling. Ein Schädling. Der Schnee muss eingezäunt werden. Muss in ein Lager. Schmelzen macht frei! Er kann es nicht zulassen. Nicht jetzt. Nicht heute. Nervös blickt sich der Mann um. Weitere Flocken fallen. Sie folgen denen, die bereits eingetroffen sind. Nein! will der Mann schreien. Das ist Sommerland! Kein Winterland. Hier hat Schnee nichts verloren. Weht dahin, Flocken, wo ihr herkommt! Bleibt im Norden. Am Nordpol.

Der Schnee, erklärt sich der Mann, schafft nichts. Arbeitet nicht. Liegt hier nur rum. Liegt rum. Friert. Nässt die Füße der Fußgänger ein. Er schleppt Krankheiten ein. Er vermehrt sich. Unentwegt. Der Mann schwitzt. Angst überkommt ihn. Übermannt ihn. Er fegt. Heftiger und heftiger. Stärker und stärker. Er wird einen Ofen holen. Der Schnee muss in den Ofen. Er muss verbrannt werden. Der Schnee muss als Rauch in die Lüfte steigen. Wasser soll er werden. Soll verdunsten. Soll verduften. Schnee riecht nicht. Das macht ihn verdächtig. Jeder, der etwas auf sich hält, riecht. Stinkt. Man dünstet aus. Nur der Schnee nicht. Er nimmt die Farbe der Umwelt an. Der Autoabgase. Dunkel wird er. Will sich integrieren. Will zu Schmutz werden. Schmutz ist er nicht. Der Mann wälzt sich im Schnee. Er wird ihn vernichten. Der Schnee muss schmelzen.

Die Nachbarn beobachten das Schauspiel. Einer hat die Polizei gerufen. Einer die Feuerwehr. Einer einen Krankenwagen. Der Mann muss weg. Der Mann ist verrückt. Der muss hier weg. Er hat hier nichts zu suchen. Dies ist eine normale Gegend. Hier wird man nicht tatenlos zusehen, wie einer den Schnee mit seinem Körper vernichten will. Man versteht ihn nicht. Man wartet und wartet. Die ersten klatschen Beifall. Endlich mal etwas los hier, sagen sie.

Dem Mann indes ist es einerlei. Er hat einen Auftrag. Einen Feind. Er wird seinen Auftrag erledigen. Irgendwann werden sie ihn alle verstehen. Irgendwann!

Der Stromausfall

Das war ja mal ein Abenteuer. Ohne Vorwarnung.

Wir haben uns gerade „Totschlag am Bodensee“ angesehen, die Szene, wo der Mörder seinem Opfer den Kopf spaltet, um ein wenig von dem Gehirn zu kosten, da fällt plötzlich der Strom aus. Da saßen wir, die Augen aufgerissen, wie erstarrt. Minutenlang.

Der Fernseher wollte sich gar nicht mehr von seinem Ableben erholen. Auch die Lampen blieben stumm. Also mussten wir (die Frau!) die Taschenlampe holen, um unsere überraschten Gesichter aus dem Dunkel zu schälen.

Die Nacht, so ohne Strom betrachtet, ist eine dunkle Angelegenheit, vor allem in der Wohnung, die alles Licht von den Rollläden aussperren lässt. Wir sind auf den Balkon, um mit der Nachbarschaft zu besprechen, wer sein Handy opfert, um beim Stromanbieter Alarm zu schlagen.

So kann man nicht existieren. Das ist ja ein Axthieb in die Ablenkung. Mit sich selbst zurechtkommen, so weit kommt es noch!

Die ganze Straße lag brach. Keine Laterne ging mehr. Nichts. Zurück in die Erbärmlichkeit der stillen Wohnung. Um uns zu beschäftigen, haben wir (die Frau!) Kerzen entzündet, für jedes Opfer des Stromzusammenbruchs eine. Da kam einiges zusammen: Computer, Haustürklingel, Kaffeemaschine, Zahnbürste, Föhn, Kühlschrank. Im Grund zündeten wir für die gesamte Wohnungswelt Kerzen an, bis alles derart erleuchtet war, dass man von einer Blendung reden musste. Die Schäden an den Netzhäuten werden die Ärzte noch einige Zeit beschäftigen.

Das Kind hat gequiekt wie ein kleines Schwein, ganz aufgeregt war es, das Kind, und hat seiner Freundin gleich eine SMS schreiben müssen. Die Freundin wohnt unter uns. Erstaunlicherweise berichtete uns das Kind, dass die Leute unter uns, laut SMS der Freundin, ebenfalls einen Stromausfall zu beklagen hätten.

Wir haben das Kind alles aufzeichnen lassen, weil wir nicht wussten, ob sich mit dem Stromausfall, das Ende der Welt angekündigt hat. Sie hat also alles der Freundin schreiben müssen, etwa so: Mama tastet sich zum Klo; Papa meint, dein Papa wär gar kein Programmierer, sondern ein arbeitsloser Angeber. Tja, was soll man da sagen? Kinder und Besoffene sind ehrlich.

Nach zwanzig Minuten, wir mussten dem Kind statt eines Konsolenspiels einen Stromausfall für den nächsten Geburtstag versprechen, war der Strom wieder da. Lampen und Fernseher flammten begeistert auf. Die Langeweile vertrieben sie auch sofort.

Gut, wie der Mörder das Gehirn ausgelöffelt hat, haben wir verpasst, dafür belohnte er uns aber mit einem Hammertotschlag, der das Blut eimerweise in einer Kirche verteilte. Endlich, dachten wir, endlich wieder Einblicke in die Realität des modernen Menschen.

Wir (die Frau!) haben uns sogar noch ein Bier geholt. Der Abend war gerettet, und der Stromausfall zum Glück bald vergessen.

Erste Gegner

Nachdem meine Eltern das Wirtshaus wiedereröffnet hatten, kamen täglich die Arbeiter der Umgebung zu einem Feierabendbier. Schwere und schweigsame Gesellen waren das, die Gesichter dunkel und trüb wie ein Schlammbad. Sie trugen gelbe und grüne Helme und sprachen kaum bis kein Wort. Staub rieselte von ihren Schultern und schwebte über den Boden, bis er sich nach einer Weile wie eine Katze, die den rechten Platz gesucht hatte, niederließ.

Ich stand hinter dem Tresen und zapfte Biere, jedes sieben Minuten lang, nie kürzer, nie länger, mit einer Schaumkrone auf ihren blonden Köpfen.

Falsch-Mama bediente die Männer in einem kurzen Rock, einem Minirock, einem Miniminiminirock, der die Männer, so Falsch-Papas Plan, zu unüberlegten sexistischen Bemerkungen verleiten sollte.

Die Männer, mürrisch und in ihre Gedanken versunken, achteten nicht auf Falsch-Mama, sie nahmen sie nicht mit einem Auge wahr, bis Falsch-Papa einen anderen Weg suchen musste, sie zu reizen.

Er fragte die Männer, sich breitbeinig aufstellend und auf den Boden spuckend, hinein in den Staub, der sich wie eine Katze niedergelassen hatte, und der sich entrüstet erhob und nun im Keller ein Plätzchen suchte, ob ihnen seine Frau nicht gefalle.

Weil die Männer Zwiesprache mit ihrem Bier hielten, mit den verschütteten Träumen, die unter ihrem Herzgeröll verborgen lagen, gaben sie meinem falschen Vater keine Antwort, der es endlich satt hatte und einen Trinker von seinem Stuhl hinauf vor sein Gesicht zog.

„Du willst wohl meine Frau beleidigen, indem du sie übersieht, du Antisexist!“, herrschte er den kleinwüchsigen Mann an.

Falsch-Papa bleckte seine Zähne, er knurrte und stellte den Biertrinker auf seine Bank zurück, hin vor sein Bier.

Im Wirtshaus herrschte absolute Stille. Niemand sagte etwas. Niemand sah zu meinem falschen Vater, der verzweifelt über die Ignoranz der Landbevölkerung sich am liebsten die Haare gekämmt hätte.

„Gott!“, schrie Falsch-Papa wie ein heulender Wolf auf.

Das war das richtige Signal gewesen. Alle Köpfe drehten sich augenblicklich in seine Richtung, denn eine Gotteslästerung konnten sie nicht durchgehen lassen. Auf keinen Fall.

„Endlich!“, rief Falsch-Papa und forderte mich mit einem Winken auf, rasch zu ihm zu eilen. Ich zapfte die letzten zwei Minuten eines Sieben-Minuten-Biers und stürmte zu ihm.

Den Rest der Abends prügelten wir uns auf fürchterliche Weise mit den Männern aus der Umgebung. Ich sollte endlich zeigen, was ich in den letzten Jahren gelernt hatte.

Zähne flogen in hohem Bogen wie Satelliten. Blut spritzte eimerweise, ganze Badewannen voll Blut, gar Schwimmbecken voll Blut. Zeitweise wurde so viel Blut vergossen, dass wir befürchten mussten, an dem Blut zu ersaufen. Ich kam nach Wochen auf die Idee, in Taucheranzügen zu kämpfen, aber Falsch-Papa lehnte den Vorschlag rund um ab.

Beine wurden gebrochen, Hände abgerissen, Ohren aus den Köpfen gezogen.

Aber nie schrie oder beklagte sich einer der Männer, deren Anzahl von Tag zu Tag abnahm, bis wir das Wirtshaus nach zwei Monaten in Ermangelung von Gegnern wieder schließen mussten. Bis dahin war es ein brutales Massaker, das von allen Beteiligten ernsthaft und mit Ehrgeiz täglich betrieben wurde.

Die Männer kamen, setzten sich, warteten auf das gotteslästerliche Wort und prügelten sich mit uns.

Es war die Zeit, da ich allmählich zu einem fertigen Geheimagenten heranwuchs, dessen Ausbildung bald schon beendet sein würde.

Mit roten Backen schlug ich aufgeregt zu, riss Organe aus einem wehrlosen Opfer und fieberte meiner unbestimmten Zukunft entgegen.

Wie man den Morgen in die Knie zwingt

Aufstehen. (Die große alte Kunst der Morgenstunde.) Und nicht nur das, sondern gleich auch einen Text hämmern. Weltliteratur also. Und das um die Uhrzeit. Nicht leicht. Ihr könnt euch das schon denken.

Dabei muss erst noch der Körper ausgerichtet werden. Körper ist das Ding, in dem wir stecken. (Prima Satz. Gut für einen Aphorismus.) Die Beine verheddern sich, vermutlich weil es dunkel ist und die Augen nichts für die Beine sehen können. Die Beine müssen alleine zurechtkommen. Unmöglich, deshalb rennt man mit dem Körper (s.o.) gegen Wände. Bis man in der Küche ankommt, ist der Körper (s.o.) bereits von oben bis unten mit blauen Flecken übersät. Der Mensch als große Wunde, die schmerzt (Fast ein prima Satz. Drüber nachdenken, ob es für einen Aphorismus reicht.)

Man ist erst fünf Minuten im Tag und ist bereits am Ende. Nicht überfordert, wie es vorkommt, wenn man eine Passagiermaschine notlanden muss, sondern überfordert, weil man jetzt Kaffee machen will, obwohl man zugeschwollene Augen und ein gebrochenes Nasenbein hat. Jetzt wäre ein Zivildienstleistender hilfreich. Wurden abgeschafft. Dann eben ein junger Mann, der ein freiwilliges soziales Jahr ableistet. (Ehefrauen lachen über so etwas. Halbtot lachen die sich. Freiwillige soziale Jahre leisten sie ab, bis der Tod oder das Familiengericht sie scheidet.) Kein junger Mann greifbar. Selbst ist der junge Mann.

Kaffee soll man nicht trinken. Die Pflücker werden unterbezahlt. Wer Kaffee trinkt, der nicht aus fairem Handel stammt, den muss man mit einem Kinderschänder auf eine Stufe stellen. So einer frisst auch Fleisch und zerbricht sich nie den Kopf darüber, wo die Gummibärchen herkommen. Böse Menschen. Kennen Sie so einen, stellen Sie den Kontakt ein. Überhaupt sollten Sie ihre Freunde und Bekannte genau unter die Lupe nehmen. Da finden sich bestimmt zwielichtige Gestalten, die man aussortieren kann. Raus, raus, raus, bis man ein Klima geschaffen hat, in dem es sich zu leben lohnt. Vegetarismus ist Voraussetzung. Kleidung sollte nicht getragen werden, wenn sie nicht aus Blättern besteht. Wer Auto fährt, sollte von ihnen bespuckt und ihres Lebens verwiesen werden.

Jetzt habe ich den Faden verloren.

Wo waren wir? Küche! Kaffee.

Nehmen wir mal an, Sie konnten ihre Kinder durch laute Schreie in die Küche locken. Fordern Sie das Genmaterial auf, es möge Ihnen einen Kaffee zubereiten, schlussendlich könnten Sie sich ja nicht um alles kümmern.

Irgendwann sitzt man auf seinem Schreibtischstuhl und tippt. Weltliteratur produzieren (s.o.), und das am laufenden Band. Die morgendlichen Stunden sind eine Qual, ein Überlebensparkour, den es zu durchqueren gilt, wobei die Anzahl der Freund- und Kindesverluste so gering wie möglich zu halten ist.

Haben Sie den Morgen erst in die Knie gezwungen, könnte es tatsächlich sein, dass Sie Rest des Tages auch bewältigen.

Die Nächte, in denen ich die Welt rette

Nicht geschlafen zu haben, hat so seine Vorteile. Man erspart sich Albträume, mit denen man, ist man tagsüber bereits von Schreckensvisionen geplagt, sowieso nichts anfangen kann, nicht mal eine Tüte Bonbons kann man sich dafür kaufen.

Man könnte sie literarisch ausschlachten, die kleinen bösen Dinger, aber ehe man sich versieht, hat man die Albtraumschützer am Hals hängen, die einen mit vorwurfsvollen Blicken anklagen, man würde sich an einem kleinen wehrlosen Gesellen vergreifen. Die Albtraumschlächterei hat ihre besten Tage hinter sich.

Wahllos auf Albtraumbabys einzuschlagen kommt nicht gut an, vor allem nicht in den Nachrichten, die sich aufs Nachrichtenausschlachten verstehen, über das sich – merkwürdige Welt – niemand aufregen will. Weit und breit keine Nachrichtenschützer zu sehen, nicht eines ihrer Boote, mit denen sie plötzlich am Horizont auftauchen, kleine Punkte, die rasch größer werden; Punkte, die, hat das Auge sie sich scharf gestellt, Messer und Macheten aufweisen, von den Spruchbändern, in denen sie die Leichen wickeln, mal ganz abgesehen.

Weil das Geschäft mit der Albtraumschlachterei schlecht läuft (in etwa so schlecht wie ein angeschossener dreibeiniger Hund), konzentriere ich mich auf die Schlaflosigkeit, denn dieser Zweig der nächtlichen Aktivitäten muss ja auch von einem besetzt werden. Irgendwer, warum nicht ich, muss rumsitzen und Löcher in die Dunkelheit starren, damit sie nicht zu dunkel wird.

Eine durch und durch düstere Dunkelheit würde keine Menschheit – da kann man suchen wie man will – auf Dauer aushalten. Man würde seinen Weg zum Klo nicht mehr finden, nicht den Griff auf den Busen der Geliebten, nicht einmal seine Geliebte würde man mehr spüren, denn sie würde von der Dunkelheit, von einer totalen Dunkelheit, einer finsteren Dunkeldunkelheit, verschluckt werden. Einzig ein Kauen würde man noch hören, ein Schmatzen und Rülpsen, später Geräusche, die dem geschulten Ohr verraten, dass hier jemand nach einem Zahnstocher kramt, um die Reste der Geliebten von den Zahnzwischenräumen auf die Zunge zu schieben.

Froh sollte die Menschheit also sein, dass es mich und meine Schlaflosigkeit gibt, die über Stunden hinweg Löcher in die Nacht starrt.

Die Welt wäre sonst bereits ein wenig leerer geworden.

Grab mal!

Es gab sie immer schon, die unbekannten Dichter, die, von Staub und Erde bedeckt, nicht nur zu Lebzeiten vergessen waren. Oh, das Vergessen haftete sich derart an ihre Fersen, dass sie es gar nicht mehr los wurden. Es folgte ihnen auf Schritt und Tritt wie ein herrenloser Hund, den man einmal zu viel gefüttert hatte.

Und was haben sie nicht alles getan, um auf sich aufmerksam zu machen: Sie haben sich die Finger wund geschrieben, kein Weg war ihnen zu weit, um einen potentiellen Verleger an seinem geheimen Urlaubsort aufzustöbern, seine Hotelzimmerscheibe mit einem Stein traktierend, der zuvor zärtlich in den „Erguss der letzten Nacht“ verpackt worden war. All das darf nicht umsonst gewesen sein.

Ich fordere deshalb ein „Grabmal für den unbekannten Dichter“. Es sollte federleicht (bis schwerelos) und unauffindbar sein, um seinem Werdegang gerecht zu werden. Will man es finden wollen, muss man schon graben müssen. (Das sollte ich unbedingt in meinen Forderungskatalog aufnehmen.)

Das Grabmal, das man auch „Grab mal!“ nennen könnte, müsste sich unter dem Geburtsthaus eines Dichterfürsten befinden.

Wäre es nicht schön, wenn die Leute zukünftig in den Untergrund der bekannten und stark frequentierten Dichterresidenzen steigen würden, mit einer  Kerze, deren Docht man nicht anzünden darf, um das Dunkel, das Vergessen, in dem die unbekannten Dichter sich einrichten mussten, wirklich sehen und spüren zu können.

Wenn die Wandlungen ein Lied pfeifen, dann geh hin und lausche

Die Wand steht ihren Mann. Standhaft erträgt sie jede Fliege, die sich auf ihr verirrt. Sie verspürt keinen Durst. Hunger ist ihr ein Fremdwort. Geduld ist ihr keine Tugend, sondern ihr Alltag, der keine Wochenenden, keiner Ferien kennt. Nie jammert sie. Fürchtet nicht das Dunkel. Und sollte sie doch Angst verspüren, so spricht sie zumindest nicht darüber. Kerzengerade salutiert sie jedem, der eintritt. Sie blinzelt nicht mit den Augen. Verliert keine überflüssigen Worte. Sie schweigt über die Gespräche, deren Zeuge sie wird. Kein Bild verschönert sie. Nichts hängt an ihr. Rechts trifft sie auf ein Fenster, links auf eine Kollegin, die von einer Tür durchwachsen ist.

Durchlässig ist die Kollegin. Menschen schreiten durch sie hindurch. Es könnte sie kitzeln. Man weiß es nicht. Ist die Tür offen, sieht es aus, als würde die Wand laut lachen. Ein schallendes Gelächter, das einem rasch unheimlich wird. Männer mit Akten gehen durch die Türöffnung, durch das Loch, das verschließbar ist.

Die Wand ohne Tür könnte sehnsüchtig zur Kollegin blicken. Sie wurde deshalb noch nicht befragt. Würde sie auf eine solche Frage antworten, wäre das allemal einen Eintrag in eine der Akten wert. Noch hat niemand gefragt. Es sieht momentan nicht danach aus, als würde sich einer oder eine finden, der oder die eine solche Frage zu stellen gewillt ist.

Nur wenige hier denken über die Wände nach, die dies bemerkt haben könnten. Auch dazu äußerten sie sich bisher nicht.

Die Wand mit Tür, ist selbige geöffnet, lacht ein zahnloses Lachen. Zähne könnten eingesetzt werden, würden aber den Eintritt erschweren. Deshalb wird es wohl auch nicht zu solchen Implantaten kommen. Über Zahnärzte für Türöffnungen ist nichts bekannt. Einem solchen Beruf scheint es an Kundinnen zu mangeln.

Sitzt man vor der Wand ohne Tür, kann es zu einem kleinen Blickaustausch kommen. Die Wand mustert die Person, die an einem Schreibtisch vor ihr sitzt, während die Augen der Person eine Träumerei auf die weiße Fläche der Wand projizieren. Bilder aus der Kindheit der Person. Eine Sehnsucht. Manchmal auch der rasche Gedankenblitz, der sich fragt, ob die Wand über eine Art von Augen und Gedächtnis verfügt.

Die Wand überhört in Ermangelung von Ohren die Frage. Es ist nicht weiter schlimm, wurde sie doch nicht ausgesprochen. Gedankenleserei ist der Wand fremd, nicht aber die stille Hoffnung, einmal gestreichelt zu werden. Gestrichen wurde sie schon oft. Es tat ihr gut. Sie nahm es mit einem unterschwelligen Kichern, kaum vernehmbar, hin. Gestreichelt hat sie noch niemand.

Sie wird die Hoffnung nicht aufgeben. Sie lauscht auf die Buchstaben, die die Menschen aussprechen. Sie will lernen. Bald schon wird sie erste Wort flüstern. Vielleicht in der Nacht, wenn sie nicht gehört wird. Sie übt fleißig. Drei Buchstaben. ICH.

Man sollte die Wände nicht länger übersehen. Sollte sich an sie lehnen und horchen, ob etwas geflüstert wird. Es könnten drei Buchstaben sein.

Verkitschte Stunden

Ich habe den Tag gestreckt, habe ihn gezogen wie ein Gummiband. Er ist mir nicht um die Ohren geflogen. Ist nicht detoniert. Still ist es gewesen. Also saßen wir (A und ich) da und lauschten den Tönen, die aus der Ruhe wie Mäuse aus ihren Löchern lugten. Sicher fühlten sich die Klänge. Stöberten umher. Kletterten auf den Tisch, tuteten aus der Ferne. Überall schienen die Stillgeräusche zugleich zu sein. Sie fuhren am Haus vorüber. Stiegen die steile Treppe zu den Wohnungen unserer Nachbarn empor. Währenddessen lagen wir auf dem Sofa und hörten zu. Schlossen die Augen und tagträumten uns davon. Stahlen uns aus dem Alltag und der Wohnung, fortgebracht in einem Sack von unseren Einbrechergedanken. Lasen und konnten so überall sein, nur an dem Ort, an dem wir waren, fanden wir uns nicht.

Es gibt Tage, an denen man sich mit einem Lächeln verliert. Ohne sich finden zu wollen, lässt man dankbar die Stunden den Himmel dunkel streichen.

Man verkitscht und genießt es.