Mittwoch II

Der Sommer ist zurück.

Da steht er, ein Muskelprotz, den man nicht übersehen kann. Strahlendes Lächeln. Sonnenblumengelbes Haar. Die Zähne gebleckt. Und alle sitzen sie auf ihren Terrassen, den Balkonen. Sonnenbrillenbewaffnet starren sie ihn an. Jede Sekunde wird er hinabsteigen, er wird Autogrammkarten verteilen, einen Film drehen. Sie werden ihm eine Serie geben, werden ihn vom Koks abhängig machen. Nutten werden ihm zugeführt. Und er wird es genießen, wird sagen: Ja, ich bin es, der einzigartige Sommer.

Die Zeitungen werden ihn preisen, bis sie die Schnauze voll von ihm haben. Er sei gar kein richtiger Sommer. Sei ein Altweibersommer, einer, der es den alten Schreckschrauben besorgen könnte, nicht aber den jungen, den ausgehungerten Frauen. Die bräuchten – bitte sehr! – etwas mehr. Den harten Sommer, den langen Sommer. Den Sommer, der es bringt. Den Steher. Der mit dem Ständer, der sie alle um ihren Verstand vögeln würde. Einen Südseesommer, einen kubanischen Sommer. Einen Sommer, der sein Leben noch vor sich hat.

Nicht dich!, werden sie rufen. Du bist eine Null. Du bist der, dem der Winter folgt. Der Winter hängt dir bereits im Gefieder. Du hast den Herbst deines Lebens bald schon erreicht.

Und er, der Altweibersommer, der es noch einmal wissen wollte, wird sich in ein Motel zurückziehen. Er wird sich an sich selbst betrinken. Wird sich im Spiegel betrachten. Wird sehen, dass sie recht haben. Er wird am Ende sein. Er ist ausgebrannt.

Er wird sich verkriechen unter dem Bett, er wird vor den grauen Tagen fliehen, die ihn einholen werden. Sie zerren ihn hinaus. Sie werden ihm eine Kugel verpassen. Eine kleine, zärtliche Kugel.

Und während er stirbt, während das Blut ihn verlässt, wie ihn alle verließen, wird er von seiner Zeit träumen, von seinem Sommer, in der Gewissheit, dass im nächsten Jahr seinem Nachfolger dasselbe Schicksal droht.

Guten Abend, Welt!

Mittwoch

Beim Aufstehen darauf geachtet, nicht wieder über etwas zu stolpern. Um das Bett herum werden ständig Dinge verteilt: Oblaten, Flyer, die für eine Disco in der Nähe werben, Landkarten, die kein Mensch jemals zusammenfalten kann. Also aufgepasst. Sonst laufe ich wieder einem dieser jungen Leute in die Arme, die sich ein bisschen Geld fürs Reisen verdienen wollen.

Ein Betrieb wie auf dem Bahnhof. Und das vor meinem Bett. Taxis halten. Familien zerren ihre kleinen Kinder Richtung Schrank, stopfen die Kleinen rein und rufen mir zu: „Wir holen sie in drei Jahren ab!“ Drei Jahre? Das ist eine lange Zeit. Was soll ich denn mit ihnen machen? Meistens lasse ich sie im Schrank und benutze ihre Köpfe als Hutablage.

So ein Bettvorplatz bietet alles, was niemand gebrauchen kann, wenn er gerade erwacht ist. Mit Drogen wird auch gehandelt. Erst heute beobachtete ich einen Dealer, der mit essigsauren Gurken dealte. Er hatte sie unter seinem Mantel hängen. Angebracht mit Stecknadeln. Einer kam, zitternd, weil er auf Entzug war. Sie verschwanden hinter meinem linken hinteren Bettpfosten, um das illegale Geschäft abzuwickeln. Versuchte ich sie zu erwischen, waren sie augenblicklich verschwunden. Verstreut in alle Himmelsrichtungen. Zwei Mann. Das muss man erst mal hinbekommen. Probierte es mehrmals. Keine Chance.

Also hin zum Schrank und Hut ab.

Polizei patrouliert hier auch. Hin und her. Alle paar Meter bleiben sie stehen und jucken sich die Achseln. Ob ich mal ein Achselspray hätte? Schon. Drüben im Bad. Ob das weit sei? Das fragen die mich. Die sind doch von der Polizei und mit den neusten technischen Errungenschaften ausgestattet. Hier raus, dann links, rechts. Lange starren sie mich an. Kratzen sich weiter. Sie könnten ihren Posten nicht verlassen.

Ach, liebes Tagebuch, was man hier alles erlebt! Gestern kam ein Demonstrationszug vorbei. Einer von der alten Sorte. Dampfbetrieben. Siebzehn Schienenverleger vorne weg, damit der Zug ungehindert rollen konnte. Demonstrierte Ausdauer. So etwas gibt es heute gar nicht mehr.

Aber mein Bettvorplatz bleibt mein Bettvorplatz. Irgendwo muss ich meine Übungen absolvieren. Auge auf, Auge zu. Dreitausend Wiederholungen. Danach ist man im Arsch.

Und meine Frau Gundula (Name geändert) bekommt von all dem nichts mit. Schläft selig wie ein Baby. Nuckelt an ihrem kleinen süßen Daumen, sabbert ins Kopfkissen und wird nachher wieder die Flasche wollen. Alkoholsucht. Nicht zu empfehlen. Sie sitzt auf meinem Schoß, während ich die Trinktemperatur des Wodkas überprüfe. Hm, geht. Und schon saugt sie verzweifelt an dem auf der Flasche aufgesetzten Schnuller. Später muss ich sie wieder durch die Wohnung tragen, bis sie mich vollkotzt.

Ach ja, Kotze! Daran sind schon einige Rockstars gestorben. An Eigenkotze nämlich. Sie waren so gierig auf ihr Widergekäutes, dass sie sage und schreibe den gesamten Mageninhalt dazu benutzen, um zu ersticken. Ein bisschen mehr Verantwortung sollte man von einem Alkoholiker schon erwarten dürfen. Obwohl es inzwischen bereits Eigenkotz-Therapien gibt. Man soll aber nur den Mittelstrahl benutzen. Dann ab damit in den Magen. Auch geeignet für offene Wunden. Manche benutzen es sogar bereits als Tagescreme. Übertrieben. Und der Geruch!

Habe ich erst den Bettvorplatz überquert, geht es den Hauptflur entlang in die Innenwohnung.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Guten Morgen, Welt!

 

Samstag

Das Leben ist ein träger Fluss, der so dahinfließt.

Es gibt Tage, an denen sitze ich auf einem Stuhl und beobachte diesen Fluss. Was der alles mit sich reißt! Baumstämme, ein paar Kinderwagen, Reizwäsche, ein paar Leute, die aufgeregt rufen, man möge sie an den Rand ziehen. Man winkt freundlich zurück. Das ist das Leben. Ein Kiosk! Ein Straßenzug!

Manchmal setzt sich meine Frau Bettina (Name geändert) dazu und dann rauchen wir unsere Selbstgedrehten und lassen das Leben an uns vorbeifließen. Neben uns haben wir einen Picknickkorb stehen.

„Gib mir doch mal die Butter“, sage ich.

Meine Frau wühlt, bis sie einen Klumpen in der Hand hält.

„Da ist sie ja!“ rufe ich beglückt aus.

Butter ist viel zu fettig, zu viel Cholesterin, deshalb werfe ich sie in einem weiten Bogen in den Fluss! Platsch! Es findet  sich jedes Mal eine Hand, die danach greift. Trotz meiner durch das Megafon gesprochenen Warnungen, dass Butter tötet, schmiert sich der Finder ein Brot. Unbelehrbare gibt es eben überall. Ich schüttle den Kopf. Wieder einer, der in Kürze tot im Fluss treiben wird.

Man will sich davon nicht den Tag kaputt machen lassen, und deshalb lehnt man sich in seinem Klappstuhl zurück und genießt die Aussicht, auch wenn schon wieder ein Floß mit Meinungsmachern vorübertreibt. Bösartige Gesellen, die von ihrem Floß die neusten Katastrophenmeldungen brüllen. Das kann schon mal sein, dass so einer von mir einen Teller an den Kopf bekommt. Immerhin wollen wir hier in Ruhe das Leben genießen. Wir haben ja auch nur zwei davon.

Wenn erst Abend ist, werden wir uns vom Fluss in ein Altenheim zurückziehen. Das wird bestimmt aufregend, weil ich von Oma weiß, dass es da mit dem Kucken weitergeht. Im Altenheim sitzen sie alle in einem großen Gemeinschaftsaal und starren in den Lebensfluss. Gehen Sie mal hin. Die werden nicht mal den Kopf heben, weil die wissen, dass jeder Blick der letzte sein kann.

So ist das!

Guten Morgen, Welt!

Freitag II

Und dann beugte sich der Tag, er legte sein Haupt auf das Sofa, direkt auf mich und meinen Kopf, sodass ich Kopfschmerzen bekommen musste, denn so ein Tag, der ist groß und schwer. Er ist 24 Stunden lang, das ist ein riesiger Mann, der Tag, aber keine Frau, auch wenn das die Feministinnen erregen beziehungsweise aufregen wird. Erregen wird es sie nicht, das hätte ich nicht schreiben sollen, denn jetzt wird mich wieder eine Flut von Briefen erreichen, ich werde unter den Briefen liegen und nach Luft schnappen, werde im Briefmeer tauchen, bis ich an die Oberfläche gelange, wo die Feministinnen schon auf einem Floß hocken und auf mich warten, um mich zu verhöhnen und zu rufen: Du bist eben ein oberflächlicher Mensch, nicht einmal ein Mensch bist du, zumindest keine Menschin, du Mann!

Der Tag ist also ein Mann und er ist 24 Stunden lang und so breit, wie unsere Geduld oder Ungeduld es zulässt. Wenn du dringend auf Toilette musst, dann kann er breit wie das Universum werden, musst du aber im Taxi zum Flughafen, weil dein Flieger in 2 Minuten geht, ist er schmal wie Twiggy.

Freitag

Es regnet schon wieder! Das hält keine Sau auf Dauer aus. Immer nur Regen, Regen, Regen, Regen. Und zwischendurch? Regen! Da muss man sich doch nicht wundern, wenn die Leute irgendwann durchdrehen. Amokläufe sind quasi vorprogrammiert. Da braucht es nicht viel an Fantasie, um sich vorzustellen, was kommen wird.

Es wird nicht lange dauern, dann wird man von dem unheimlichen Regenschirmmörder hören, der seinen Opfern den Regenschirm ins Maul stopft. Auf-zu, auf-zu, auf-zu. So wird er die Menschen töten. Alle werden unter 30 sein (sie werden unter 30 sein, damit ein Rätsel die ermittelnden Beamten schier verrückt macht), und die Polizei wird ihn nicht finden, weil sie keine Lust hat, vor die Tür zu gehen. Verständlicherweise.

Es wird auch zu Selbstmorden kommen. Zu Alkoholismus. Man wird sich betrinken, um das Geräusch des Regen noch ertragen zu können. Das kann einen ja ebenfalls verrückt machen. Eben. Und deshalb werden auch die Alkoholiker später zu Mördern. Die ganze Welt wird zum Planet der Mörder. Nur ich nicht. Das wäre noch schöner. Nein, ich werde den Fall um die Morde im Regen lösen. Ich werde die Menschheit entlarven und sie vor Gericht stellen lassen. Weil keins da ist, werde ich auch zum Richter. Ich werde mich zu allem befragen.

Hm, werde ich zu mir sagen, Sie waren aber ein geschickter Detektiv. Tja, werde ich antworten, das ist aber nett von Ihnen, Herr Richter. So bin ich eben, werde ich als Richter zu mir sagen. Und dann werde ich die gefangene Menschheit verurteilen und einsperren lassen, natürlich wieder von mir. Ist ja sonst keiner da! Ich werde die Gefängnistore öffnen und rufen: „Los! Gesindel des Satans! Rein da mit euch!“ Einige werden murren. Die werde ich vermutlich erschießen müssen. Ich werde das nicht gerne tun. Wer erschießt schon gern einen gemeinen Hundertfachmörder? Niemand! Aber Pflicht ist Pflicht.

All dies wird geschehen. Leider! Das tut mir alles sehr leid für dich, Menschheit! (Und das nur, weil es nicht mehr aufhörte zu regnen.)

Guten Morgen, Welt!

Karfreitag

Karfreitag! Draußen sind die Kinder der Kirche der letzten Dynastie Gottes unterwegs und drehen an ihren Glücksrädern, riesige Holzräder, die von zwei bis drei von ihnen getragen werden müssen. Sie bleiben stehen, Schweiß läuft ihnen in Strömen über das Gesicht, bis es sich in einen Wasserfall aufzulösen droht. Der Kleinste streckt sich, seine Hände reichen kaum hinauf, und dreht das Rad. Ratternd wirbelt es wie ein Propeller. Es nimmt Geschwindigkeit auf und bläst den frisch gefallenen Schnee die Straße entlang. Die Fenster der Häuser meines Personals öffnen sich. Frauen und Männer strecken aufgeregt und neugierig ihre Köpfe hinaus, starren gebannt auf das Rad, das sich nun verlangsamt, das von Untergangszenario zu Untergangsszenario schreitet, bis es sich für das Feld „Tod der Menschheit durch Pong“ entscheidet. Man applaudiert. Die Glücksräderkinder stellen ihr Rad ab und verbeugen sich.

Plötzlich schreit eine alte Frau, die für das Bügeln meiner linken Socken zuständig ist: „Quatsch!“

Der Anführer der Glückradkinder, ein langgezogenes dürres Etwas, dessen Kopf kaum auszumachen ist, tönt aus den Wolken hinab: „Die Welt wird untergehen, wie es das Rad voraussagt!“

„Quatsch“, erwidert die alte Frau. „Außerdem solltest du mich mal waschen. Du stinkst!“ Sie rümpft die Nase und schlägt das Fenster zu und verschwindet.

Damit haben die Glücksradkinder nicht gerechnet. Verdutzt bleiben sie stehen, nur ihr Anführer, ein gewisser Peter Walter (Name geändert) tritt unsicher auf der Stelle. Die anderen warten, zucken mit den Schultern, verdrehen die Augen.

„Wir müssen jetzt weiter, Peter!“, rufen sie mit einem Megafon in die Richtung, in der sie seinen Kopf vermuten.

„Die Frau hat gesagt, ich würde stinken!“, donnert Peter.

„Nein, nein“, beruhigen ihn seinen Kameraden und unterstreichen die Ernsthaftigkeit ihrer Beteuerungen mit einem unterdrückten Lachen.

„Lacht ihr etwa?“

„Nein!“ Alle schütteln die Köpfe. Man möchte weiter, immerhin sind heute noch einige hundert Weltuntergänge vorauszusagen.

Ich zog gemütlich an meiner Partagas No. 4 und genoss das Schauspiel, in meiner Linken eine Flinte, sollte sich die Menge dort unten nicht bald auflösen. Außerdem musste ich der Köchin noch Anweisungen geben, erwarten wir heute doch den Mathematiker Gauß. (Der Mathematiker Gauß ist eine Frau, blond, und sie rechnet mit dem Schlimmsten. Sie ist für diesen Rechenweg bekannt. Außerdem betätigt sich Gauß nebenher noch als Hütchenspielerin, die durch die Großstädte der Republik tingelt, um ahnungslose Banden von Rumänen auszunehmen. Dank eines von ihr ebenfalls erfundenen Rechenwegs, kann sie voraussagen, in welcher Handinnenfläche die Kugel verschwinden wird. „Das wäre Betrug“, stottern die betrügerischen Hütchenspieler meist, aber Gauß lässt sich von den drohenden Blicken nicht erweichen und fordert die Herausgabe aller Gelder. So ist Gauß, ein eiskalter Mathematiker, der hin und wieder auch schon zu Ostern mit Schnee gerechnet hat.

Die Glücksradkinder diskutieren noch immer mit Peter, der inzwischen auf dem Standpunkt steht, dass das Leben keinen Sinn hat, wenn man stinkt und er wolle es hier an dieser Stelle durch Luftanhalten beenden. „Nicht jetzt, nicht heute!“, rufen seine Kameraden. „Wir sind doch eh zum Untergang verdammt. Spätestens in dreihundert Jahren werden wir alle von einer Flutwelle weggespült“, versuchen sie Peter zu beruhigen, der endlich, sich der Argumentation beugend, aufgibt und murrend den Marsch zum nächsten Haus aufnimmt. Ein Schritt für ihn, schon sind sie da.

Kinder, denke ich und schließe mit einem verzeihenden Lächeln das Fenster.

Als ich mich umdrehe, eilen Köche, Schlangenbeschwörer und Tischplattenträger durch mein Wohnzimmer, dessen Ende einzig mit einem speziellen Teleskop auszumachen ist. Mein Pferdehalter reicht mir mein Pferd, damit ich in die Küche reiten und nach dem Rechten sehen kann. (Rechts stehen die Bananen. Man muss ausdauernd patroulieren, damit sich keine schwarzen Flecken auf die Schale setzen. Diese unseligen dreckigen schwarzen Flecken, die gekommen sind, um uns das Leben zur Hölle zu machen. Eine außerirdische Intelligenz … Aber dazu später mehr.)

Guten Morgen, Welt!

Samstag

Samstag. Der Schnee fällt tief hinab, sodass man eine Mütze über die Augen schieben muss. Blind stochert man sich durch das Gestöber. Als würde man in einer Bildstörung leben.

Der Mann von nebenan kehrt den Schnee zur Seite, mit kurzen heftigen Bewegungen.

Weiche, scheinen seine Arme zu rufen. Als wolle er einem Heer Ameisen erklären, dass sie hier nichts verloren haben. Flocke für Flocke wird entsorgt, wird ersetzt durch eine andere Flocke, ein himmlischer Angriff, dem er nicht gewachsen ist. Er gibt nicht auf. Hat er die vier Meter bis zum Bürgersteig gesäubert, stampft er zurück, seine Spuren hinterlassend, um abermals den Winter von den Platten zu jagen. Erzürnt blickt er zum Himmel hinauf, dort hinein, wo ein Gott wohnen soll, der ihm persönlich an den Kragen will, und der diesen mit einem Windschlag nach oben klappt, weil er sich auch um die kümmert, die seinen Schuppen so ablehnend gegenüberstehen.

Widerlich. Die Nase des Nachbarn rümpft das Wort. Kein Schnee also, sondern die sich lösende trockene Kopfhaut Gottes, und er derjenige, der verzweifelt eine letzte Ordnung vor dem eigenen Haus aufrechterhalten will, die längst zu einem fernen Traum in seinem Inneren geworden ist.

Er gibt nicht auf, er wird sich noch um seinen Verstand fegen, wenn er es nicht schon längst getan hat.

Nachhaltiges Schlafen

Glock muss ja gut geschlafen haben. Zumindest vermutet er das. Erinnern kann er sich nicht daran.

Wenn er schläft, ist er ein Anderer. Es ist, als würde er in eine Rolle schlüpfen. In die des Schläfers. Einer, der unter seine Bettdecke kriecht, unter sein modernes Fell mit einem Überzug aus dem Kaufhaus, auf dem Kreise sind, die einen normalerweise ganz wirr machen, psychedelische Kreise, die man im Schlaf sieht, wenn man zuvor Drogen genommen hat. Normalerweise machen die Kreise auf dem Überzug keinen Sinn, weil man sie als Schläfer nicht sieht. Aber eine Bettdecke soll gut aussehen. Die soll etwas hermachen. Hey, sollen die Leute rufen, wenn sie im Schlafzimmer stehen, tolle Kreise hast du da auf deinem Überzug. Ganz stolz soll man sein und darauf hinweisen, dass es psychedelische Kreise sind, die man eigentlich nur sieht, wenn man Drogen genommen hat. Um den Besuchern den Vergleich zu ermöglichen, kann man diverse Pilze verteilen.

Glock als Schläfer, da wüsste Glock gern mal, was der Schläfer so über ihn denkt. Das wird er nie rausbekommen.

Der Schläfer schläft neben seiner Frau. Soll er da jetzt eifersüchtig werden? Unsinn. Denn die Frau wird von einer Schläferin ersetzt, obwohl seine Frau sich oft an ihre Träume erinnern kann, also schläft sie noch selbst. Wo gibt es denn so etwas? Frechheit, sich selbst durch die Nacht zu schlafen. Warum darf sich der eine schlafen und der andere nicht? Das muss Glock mal beantwortet werden.

Während Glock bereits kalauerglockenhell ist, schlafen seine Frau und die Tochter, die nicht vom Glock stammt, noch. Die Familienverhältnisse bei Glocks sind dazu angetan, Verwirrung zu stiften. Glock hat zahlreiche Kinder aus zahlreichen Ehen, die nicht bei ihm leben. Er ist Autor und hat kein Geld. Also hat er sich ein Kind gesucht, das nicht von ihm ist. Für das muss er nicht zahlen. Die Frau ist auch nicht von ihm. Noch besser. Glock reibt sich die Hände, weil er ein verschlagener Mensch ist. Ein übler Übeltäter.

Gestern erst hat Glock wieder eine seiner zahlreichen depressiven Schübe gehabt. Er sitzt dann trostlos rum. Die Augen geweitet wie eine Wüste. Da kann ihm nichts helfen. Nicht mal der Sex. Die Frau bot es an. Sie kann es nicht sehen, wenn ihr Glöckchen unglücklich ist.

Nein, seine Depressionen lässt er sich nicht nehmen. Die sind sein Eigentum. Die hat er sich in vielen Jahren redlich erarbeitet. Hat haufenweise Bücher geschrieben, die niemand kauft. Das Wetter macht ihn auch fertig. Ganz wetterhörig ist er. Hängt am Wetter wie am Rockzipfel einer Lolita. Betet das Wetter an. Es soll wieder sein schönes Gesicht aufsetzen, bittet er seine Dolores Wetter. Die grummelt und blickt finster auf ihn hinab. Leiden soll er. Soll alles tun, um ihr zu beweisen, dass er sie auch wirklich liebt. Und was? brüllt Glock vom Balkon zu Lolita hinauf. Nachtdunkles Schweigen. Blöde Kuh, murmelt der Meisterdichter und schreitet in seinen Palast zurück.

Mal hin an den Schreibtisch. Da dampft der Kaffee bereits. Stampft wie eine Lok auf der Stelle. Der Kaffeezug will nicht in einem Zug geleert werden. Genossen will er werden. Glock nimmt einen Befreiungsschluck, der ihn wach machen soll, so richtig hellwach. Ah, da glänzen die Augen. Der gute Möwenshit-Kaffee. Unendlich Teuer. Aus dem Kot von Möwen gewonnen. Glock meint, den Kot schmecken zu können. Leicht salzig ist er. Im Abgang schmeckt er nach Freiheit. Das offene weite Meer. Glock schließt die Augen. Er kann es sehen. Das Meer brandet. Es schäumt auf. Schäumt über. Eine Riesenschaumwelle begräbt die Welt. Untergang. Todesvision am Morgen. Augenaufriss. Glock hat überlebt.

Er surft ein wenig durchs Internet. Er sieht sich ein paar Busen an, studiert sie mit Kennerblick. Die Nachrichten lässt er an sich vorbeischwimmen, die braucht er nicht. Die gleichen sich seit Jahren.

Im Schlafbereich wird noch gesägt. Frau und Tochter versuchen sich am Baumbestand des Amazonas. Nicht schön, was da nächtlich von den Schläfern an Baumbeständen umgelegt wird. Das zerstört die Umwelt. Nachhaltiges Schlafen, denkt sich Glock, sollte das Gebot der Stunde sein. Mal nicht so egoistisch schlafen, sondern für alle. Nachher muss Glock die Baumbestände wieder auf Idealstand saufen. Es gibt da diese Brauerei, die zahlen für jede Kiste einen gewissen Obolus, um sich um den Amazonas zu kümmern. Massen von Alkoholikern wagen ihr Leben für den Planeten, und so ein Grüppchen Schläfer sägt alles wieder kaputt. Fürchterlich. Ob er sie wecken sollte? Lieber nicht. Erst etwas schreiben. Eine Geschichte über … Glock stützt den rechten Arm ab, versenkt sein Kinn in der Handfläche. Eine Geschichte über ein Kinn, das in armen Verhältnissen groß wird. Es flieht aus dem Kinnwaisenhaus nach London. Dort gerät es in die Fänge der berüchtigten Rock-Bande, die den Frauen die Röcke auf offener Straße vom Unterleib klauen. Sie sind Profis, deshalb merken es die Frauen erst spät, erst dann, wenn sie bereits zu Hause sind. Das Kinn wird zum Held der Straße, zum gefeierten Rocker, vor dem kein Rock der Stadt sicher ist. Später geht das Kinn auf Tournee und stirbt an einer Überdosis Heroin.

Glock reibt sich Hände. Endlich hat er wieder eine gute Idee gehabt. Eine sehr gute sogar. Mit der wird er die Literaturgeschichte umkrempeln. Er wird sie umschreiben. Noch ein Schluck vom Kaffee. Kalt. Er spuckt ihn neben den Schreibtisch auf den Teppich. Da kann sich nachher die Frau drum kümmern. Er hat keine Zeit. Er ist unterwegs, und zwar in Sachen Weltliteratur. Fleißig tippt er sich sein Hirn leer. Ja, strahlt er innerlich. Er kann es noch. Ihm kann keiner an den Karren pinkeln.

Was hat er auch erwartet? Er ist Glock. Das sagt doch alles!

Leben im Höllentakt der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten

Ich wuchs in einem erbärmlichen Haushalt ohne Nahrung auf. Wenn es etwas zu essen gab, war es alt und ranzig und befand sich in jenem Stadium, in dem sich Lebensmittel einfinden, die jede Sekunde ein eigenes Hirn entwickeln werden.

Das Essen wird zu mir sprechen, dachte ich. Aber es ließ es sein.

Selbst das Essen mochte mich nicht. Es war eine grausame Zeit voller Entbehrungen.

Ich wurde von zwei Leuten großgezogen, die nicht meine Eltern waren. Sie arbeiteten für den Geheimdienst. Sie waren ausgewählt worden, um mich auszubilden. Weil sie sich mir nie vorgestellt hatten, nannte ich sie Claudia und Wolfgang Rothmeerimbauer. Sie zeigten sich geneigt, sich so von mir ansprechen zu lassen. (Nur manchmal – ich weiß bis heute nicht, warum – musste ich sie Dietmar und Hilde rufen.)

Tag und Nacht schlugen sie mich.

Das würde mir guttun, behaupteten sie. Es würde mich abhärten. So, nur so, würde ich die Folter, die in späteren Jahren mein Alltag sein könnte, überhaupt aushalten.

Wenn sie mir dies alles erzählt hatten, lachten sie laut auf,  um mich anschließend wieder und wieder zu schlagen.

Nach den Schlägen, verweigerten sie mir das Essen.

Meine Kindheit war die Hölle. Und es gab, obwohl ich einen eigenen Fernseher besaß, nur die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten.

Spielfilme oft nur an einem Samstag. An manchen Tagen glaubte ich, schier verzweifeln zu müssen.

Guldaer Notizen (2)

Mit großen Augen, Meeraugen, in denen man ersaufen möchte, stehen die Kinder unter dem Geweih, das der Vater vor einigen Tagen im Wohnzimmer an der Wand anbrachte. Zahllose bunte Päckchen liegen darunter.

Nur wenige Stunden noch, dann werden die Kinder das Papier hastig, mit Schweißperlen auf der Stirn, von den Geschenken reißen, um es zu falten und zu bewundern. „Seht her!“ wird ein Blondschopf rufen, dem ein rotes Papier mit Goldsternen Tränen in die Augen schießen lassen wird. Die Pappschachteln, leer, da sie nur für das Papier gekauft wurden, werden zurückbleiben, bis der Vater sie einsammeln und wegwerfen wird.

Der Tag, an dem ich mir einen Tag greife, wird ein guter Tag sein

Die Tage entkommen mir, täglich, es ist ein Desaster. Sie lassen sich nicht greifen. Erwische ich doch mal einen, lässt er sich nicht zwingen. Er soll sich setzen. Ganz aus der Puste ist er. Wird noch an einem Herzinfarkt sterben. So erreicht er die Weihnachtsfeiertage nie.

Und alle trampeln auf ihm rum. Wollen rasch in ein Geschäft. Lebensmittel für die nächsten dreißig Jahre müssen auch noch eingekauft werden. Der Tag, dem ich zurede, sieht mich entgeistert an. Blass ist er. Ob ich einen Notarztwagen rufen sollte? Ich weiß nicht, ob sich Ärzte mit Tagen auskennen. Mit den Tagen, die die Frauen als Tage bezeichnen, bestimmt. Aber solche Tage meine ich nicht.

Ich könnte ihn verstecken. Die Menschen würden es nicht bemerken. Ein Tag mehr oder weniger in ihrem Leben. Es würde ihnen nicht auffallen. Sie würden einen anderen Tag verplanen und diesen hier vergessen.

Der geflohene Tag, der Tag, dem ich Unterschlupf gewähren würde, könnte in einem der Betten meiner Jungen schlafen. Er bekäme die Bettwäsche mit dem Star-Wars-Überzug. Er müsste sich für Darth Vader oder Luke Skywalker entscheiden. Ich denke, dass er sich von Luke wärmen lassen würde.

Wenn wir ins Kino oder in die Stadt gehen, würde ich ihm ein Buch hinlegen, damit er sich nicht langweilt. Bekommen Tage Migräne? Schlafen Sie auf ihrer Nachtseite?

Nur draußen, da kann er sich nicht sehen lassen. Das gäbe ein Riesendurcheinander. Zwei Tage, die sich in ein und derselben Stadt bewegen. Das kann nicht gut gehen. Die Leute würden von den verschiedenen Uhrzeiten ganz wirr im Kopf werden. Vielleicht wäre das gut. Wenn sie nicht schon so verwirrt wirken würden, würde ich sie mit Verwirrung behandeln. Aber was sie scheinbar wirklich brauchen, ist Ruhe. Abwesenheit von Zeit.

Hätte ich einen Tag an der Hand, der auf mich hört, würde ich ihn bitten, den Tag, durch den sich die Menschen eben schleppen, darum zu ersuchen, die Luft anzuhalten.

Das wäre was! Ich würde es lieben. Der Tag hält die Luft an, plustert die Backen auf, bis sie alle den Bodenkontakt verlieren. Sie würden in seinem Mund schweben. Es könnte ihnen gefallen. Sie würden den Tag von oben, von seitlich oben sehen. Sie würden endlich einmal über dem Tag stehen, schweben.

Über Autos, Garagentore und Finger, die nicht ruhen wollen

Abendlied  

Ich bin müde, so müde, dass mir die Augen zufallen wie zwei Garagentore. Der Wagen bleibt drin, der das Außen erkundende Wagen, der auf keine Tour mehr will, der sich anhört, als würde er aus dem letzten Loch pfeifen. Vielleicht ist der Auspuff kaputt.

Ich sitze da und schreibe, berichtige, könnte also gut sein, dass Sie den einen oder anderen Fehler entdecken. Behalten Sie ihn, stecken Sie ein, und wenn Sie irgendwann in die Situation geraten sollten, einen Fehler zu benötigen, dann können Sie mit einem zufriedenen Grinsen zugreifen und ihn ans Licht holen. Ob man sich über den Fehler freuen wird, steht auf einem anderen Blatt, das ich heute nicht auch noch beschreiben werde.

Die Hände sind zwar noch flink (meine, nicht Ihre), erklären kann ich es mir aber nicht. Als wären sie auf Buchstabenjagd, erlegen sie, was ihnen unter die Finger kommt, auch wenn es nur des Schreibens wegen geschieht, das ja ein Laufen ist, ein unentwegtes sich bewegen. Die Finger laufen, als hätten sie Angst vor dem Halt, vor dem Stoppschild, vor dem, was man als das Ende ansehen könnte. Das Ende der Fahnenstange oder der Straße.

Da wären wir also wieder beim Verkehr, beim Fahren, bei meinen beiden Augenautos, die in ihren Garagen stehen und auf die Nacht warten.

Die Garagentore fallen, heben sich, fallen; irgendetwas scheint mit der Elektrik nicht zu stimmen, und wenn es nicht besser werden sollte, dann werde ich einen Fachmann rufen müssen.

Die Sache mit dem Augenarzt lasse ich vorerst, hat mir doch mein letzter Besuch bewiesen, dass der Mann keinerlei Ahnung von Autos, geschweige denn von Garagentoren hat.

GNTT (Über hässliche und schöne Literatur)

Eine Welt mit lauter schönen Texten. Eine schreckliche Vorstellung. Die Worte würden sich auf Dauer ähneln. Lang müssten sie sein, um auf den Laufstegen des Betriebs bestehen zu können. Beurteilt von sogenannten Literaturexperten, die am Ende eine Show moderieren werden. Man kann es bereits vor seinem inneren Fernsehauge sehen. Texte werden gegeneinander antreten. Man wird sie einfärben, sie schwitzen lassen. Die Texte werden in einer Anthologie untergebracht, damit die Menschen sie auf einem Fleck erleben können. Die hässlichen Texte werden vor den Bildschirmen sitzen und davon träumen, wie es wäre, wenn sie ein schöner Text wären. Sie könnten sparen. Könnten sich unter das Messer legen. Heute muss ein Text so vieles sein. Jung muss er sein. Eine Frau soll er sein, auch wenn es einen kleinen Markt für Männertexte gibt. Die Mehrzahl der Kollektionen entstehen für Frauen. Sie sind es, die lesen. Die in die Boutiquen stürmen und sich nach den Modellen erkundigen. (Dieses da. Nein. Das dort. Ob es mir passen wird?)

Der Literaturmarkt kreiert Trends. Vampire sind in es in dieser Saison. In der nächsten sind es kleine Jungen auf Zauberschulen. Im nächsten Jahr wird es etwas anderes sein. Die Maschine muss laufen. Zu viele hängen an ihren Hebeln, wollen von dem leben, was die Maschine aufs Laufband spuckt. Geld muss produziert werden. Die Texte sollen den Verkauf steigern. Seht, sollen die Texte rufen, wir tragen Worte, die ihr euch alle leisten könnt.

Ich mag die hässlichen Texte, die schlechten Texte. Die Ausgestoßenen. An denen nicht alles stimmt, die zu fett oder zu dürr sind. Die eine dicke Nase durch die Gegend tragen. Sie prügeln sich. Davon kommt das. Sie werden es nie auf die Laufstege schaffen, aber sie haben eine Geschichte zu erzählen, die tatsächlich etwas mit ihnen zu tun hat, mit ihnen ganz persönlich. Sie haben einen Leidensweg hinter sich. Sie sind melodramatisch. Die Worte wackeln. Sie werden bald schon die ersten verlieren. Kein Schönheitslektor der Welt wird sich an ihnen vergehen. Sie sind nicht Teil des Circus. Sie sind die Vergessenen. Die Loser. Ich mag sie.

Geschichten können Brüche aufweisen, Arme, die schon mehrfach gebrochen sind. Sie können Segelohren haben, denn manchmal gibt es Texte, die dank dieser Ohren abheben können. Sie dürfen weinen, dürfen sich anlehnen. Man sollte sie nicht aufgeben. Sollte ihnen auf die Beine helfen, wenn sie straucheln. Nehmt diese Texte mit in eure Wohnungen. Gebt ihnen Essen, Trinken. Perlen befinden sich darunter. Ihr werdet schon sehen.

Die Modeltexte werden weiter stolzieren, werden um einen Platz an der Sonne kämpfen, um einen Platz auf den Listen dieser Welt. Erzählt ihre Geschichte, aber werdet zum Teufel nicht so schön, dass ihr zu Objekten der Anbetung werdet. Denn dann seid ihr tot. Mausetot.

Genießt euch so, wie ihr seid.