Dideldum

Als Vertreter
kam ich herum.
Dideldum, sang ich
die ganze Zeit.
Toller Job.
Ich musste ja nichts
weiter machen,
als mir die Füße vertreten.
Eine Woche am Stück,
dann zurück in den Innendienst
als Vorsitzender.
Rotationsprinzip.
Ja, das war eine
tolle Zeit, lange vor der
Rezession, Dideldum.
Laufen und sitzen,
nicht mal denken mussten wir.
Ach, da sitze ich, genügte
als Gedanke.
So saß oder lief ich
und sang DIDELDUM.

Im Flugkorridor des einsamen Herzens

Ich lebte in einem
Flugkorridor,
nicht schön.
Wollte ich in die Küche,
musste ich den Kopf einziehen.
Eine Boeing
streifte mein linkes Ohr.
Der Flughafen lag
unter dem Küchentisch,
bis der Hund ihn plattdrückte.
4 Millionen Tote.
Den Hund kümmerte es nicht.
Ich blieb zurück,
draußen im Flugkorridor.
Nachts heulte ich
die Deckenlampe an.

Wo ist das Korn? (Ein Song)

(Intro mit Streichern und etwa 150 Posaunisten)

Wo ist das Korn?
Sah es nie.
Sag mir, wo das Korn ist.
Yeah, Yeah, Yeah!

(E-Gitarre, die sich ein Duell mit einer Mundharmonika liefert)

Das Korn ist weg.
Eventuell abgehauen
nach Dortmund
oder Siegen

(Kleine Verschnaufpause)

Wo ist das Korn?
Sah es nie.

(Trauriger Basslauf)

Montag II

Stress. Wollte an meiner „Kulturgeschichte des Kulturbeutels“ arbeiten. Strich durch die Rechnung. Alle paar Minuten klingeln Gäste, die mir gratulieren möchten, darunter Urs Widmer (Name geändert), Pavel Pechstein (Name geändert), Martin Walser (Name geändert). Ließ sie im Flur warten. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder, der sich mit meinem Namen schmücken will, vorgelassen wird.

Machte mir Notizen für einen kommenden Roman, der die Geschichte eines Geburtstagskindes erzählt, das nicht erwachsen werden will. Noch mit dreißig sitzt es in seinem Jugendzimmer und feiert Geburtstag. Die Eltern sind längst am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Die Freunde verleugnen ihn. Titel: All meine Geburtstage. Könnte sich für den Deutschen Buchpreis 2017 eignen.

Am Abend steht noch ein Besuch der Fuldaer Oper auf dem Programm. Meine Frau behauptet steif und fest, es gäbe gar keine. Ich lasse mich davon nicht irritieren und werde sie trotzdem aufsuchen. Das wäre doch gelacht. Wie ich in einem verschwundenen Programmheft las, wird der „Freibierabend“ von Rüßmann aufgeführt. Apropos Rüßmann: Großer Kommunist, dessen Werke für Hammer und Sichel noch viel zu selten aufgeführt werden. Lasse ihn allmorgendlich auf meiner Oboe erklingen. Muss noch an einem Gedicht feilen. Später eine Übersetzung der Gedichte Goethes in einen seltenen Dialekt, der einzig noch in einem unserer Dörfer gepflegt wird. Es steht kurz vor dem Aussterben. Die letzten drei Bewohner werden mir für die Mühe, die ich mir zu machen gedenke, danken. (Letzten Satz überlesen. Merkwürdige Klangfarbe. Eventuell streichen.) Widmer (Name geändert) verlangt, empfangen zu werden. Streit der Nachbarn mit dem Dichter Grass (Name geändert), der ein Wutgedicht über offene Fenster vorträgt. Hatte mir meinen Geburtstag anders vorgestellt.