Dienstag

Wir stehen ja schon wieder kurz vor einem Feiertag. Dabei war gestern erst einer. Die Kulamani, ein Volk, von dem Sie nicht viel wissen werden, weil es sich ziemlich bedeckt hält, feierte sein Baumhausfest. Als weltoffener Mensch kenne ich keine falsche Zier und feierte mit, indem ich vergorene Beeren aß und den Putami, den rituellen Stammestanz, im Wohnzimmer aufführte. Irgendein Feiertag ist jeden Tag. Morgen also „Tag der Arbeit“, und heute feiern die Schinsaschins, die in einem weit verzweigten Höhlensystem in den Bird Mountains leben, die Niederkunft ihres Messias Adolf Golfinger, der sie vor 351 Jahren in die Sklaverei führte. Das mag merkwürdig klingen, aber die Flucht in die Sklaverei ließ sie einem Erdbeben entkommen, dem sie alle zum Opfer gefallen wären. Daher die Feierlichkeiten.

Ja, die Welt ist voller Feiertage, sie ist ein undurchdringliches Netz aus Festen, die an etwas oder jemanden erinnern sollen, die eine Tat oder eine Begebenheit zum Anlass nehmen, sich lang zu machen und auf dem Diwan auszustrecken. So, wie ich das auch tun werde.

Sie sollten heute um zehn Uhr übrigens am Internetradio sitzen, weil die berühmte Tatjana Obrenko (Oscar für „Meier Lubovitz und das Geheimnis des Krakenhauses“ und drei Golden Globes für ihre Verkörperung der Schwester Bresel in „Armenhaus USA“) Auszüge aus meinem Bestseller UNTAT lesen wird. Das darf man sich nicht entgehen lassen, zumindest nicht, wenn man noch einen Rest Anstand sein eigen nennt. Man will ja nicht auf der nächsten Party der Depp des Abends sein, nur weil alle Gespräche sich um eben diese Lesung drehen. Kritiker, wie der berühmt-berüchtigte Thomas Thams und sein verschlagener Kompagnon Klein-Toby, reden bereits jetzt von DER Lesung des allmählich ausklingenden Jahrtausends.

Alle weiteren Informationen dazu finden Sie in meinem Blog, den Sie, davon gehe ich mal aus, sowieso die ganze Zeit über (in Form eines Handys, eines Mini-Chairs, Mini-Tablets oder eines Mini-Laptops etc.) in ihrer Hostentasche durchs Leben tragen, um, verlangt es die Situation, nachsehen zu können, was es bei mir so Neues gibt.

Die Partagas No. 4 dampft gemütlich vor sich hin, eine hervorragende Zigarre, die mir von einem Kollegen aus Berlin empfohlen wurde, der als Gelegenheitsschmuggler, wie er mir in einem Acht-Augen-Gespräch verriet, ein kleines Vermögen angehäuft hat. Sein Ankauf eines gewissen Prenzlauer Berges steht kurz bevor. Er will die Bergspitze entfernen lassen, sobald die Wetterverhältnisse es zulassen. Einen Bedarf an Spitzen gibt es seit Jahren. Außerdem spielt er mit dem Gedanken, die Felsen und das Gestrüpp abtragen zu lassen, um sie an ein Land, das mit einem Übermaß an Wiesen und Flüssen zu kämpfen hat, zu verkaufen.

Guten Morgen, Welt!

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UNTAT – Gelesen von Rena Larf

    Morgen 10:00

Guido Rohm: Untat

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Zwei Journalisten, durch Berichte aus Krisengebieten desillusioniert, wollen ausloten, was ein Verbrechen ausmacht. Oscar ist ein Verbrecher. Er plant die Entführung eines Mädchens. Die beiden Zyniker heuern bei ihm als Augenzeugen an. Doch statt zu einer reißerischen Reportage entwickelt sich die Angelegenheit schnell zum Albtraum für die Journalisten. Aus der Distanz der Beobachter werden sie hineingezogen in ein beängstigendes und brutales Geschehen. Nun sind sie mittendrin. Ist Oscar ein Psychopath oder nur ein Aufschneider? Sind die Journalisten selbst nur Opfer oder Täter? Guido Rohm, den Thor Kunkel zu Recht für einen der besten Stilisten der deutschen Kriminalliteratur hält, entwickelt ein bedrohliches Szenario von Verbrechen und Alltag, das in der Frage mündet, wer dabei die Biedermänner und wer die Brandstifter sind. Die Antwort ist beunruhigend, auch für die Leser. Ein konzentrierter Text wie ein Sog.
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Geschrieben von Guido Rohm
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Auszug gelesen von Rena Larf
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Erschienen im April 2013 im Conte Verlag
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Musik:“Asphixies“ von Grégoire Lourme

Kanal CRIME TIME

Montag

Wir waren dort, wo man mit dem Pferd nicht hingelangt. Island. Weit liegt es weg, entfernt von den Dingen des Alltags. Wir waren derart lange unterwegs, dass ich unentwegt, um mich zu unterhalten, die Backentaschen mit Luft füllte, die ich geräuschvoll entweichen ließ. Langeweile machte sich in mir breit. Ich knetete Knete! – O du unwürdiges Hobby des Großschriftstellers.

Mein Schwiegervater Big Daddy hatte Geburtstag. Einhundert Jahre waren zu feiern. (Zeit, du geflügelt hopsend Unding, das uns auf seinen Schultern über den Hof des Lebens trägt!) Angekommen, erblickte ich das Banner, darauf eine 78 gemalt war. Ich hatte mich also getäuscht.

Big Daddy, das sprudelnde Dasein höchstselbst, kam auf einem Bobby-Car aus der Gastwirtschaft gefahren, brummende Geräusche fabrizierend, die wohl einen Motor imitieren sollten. Ach, dieser Künstler, der sein Leben lang mit Materialien aus der Natur hauste, so etwa dem Buschbuchsbaum, den er zersägte, bis das Logo eines bekannten Discounters zu erblicken war. Moderner geht es kaum.

Big Daddy bremste sein Bobby-Car scharf ab, direkt vor unseren Füßen, die im isländischen Sand kratzten, ungeduldige Füße, die sich unter dem reich gedeckten Tisch abstellen wollten. Er hieß uns mit einem Räuspern willkommen. Lachend fielen wir auf ihn hinab und begruben ihn mit unseren Leibern, diesen so sorgfältig gepflegten Hüllen, die unsere Organe umschlossen.

Alle waren sie gekommen, etwa die Pechsteins aus New York, die Hoffrauens aus Moskau; es ward ein Fest, das wahrhaftig der Familie galt.

Während der Speisung saß Big Daddy weiterhin auf seinem Bobby-Car, das man auf einem Podest abgestellt hatte. Von dort aus dirigierte uns der Musiker, der er auch war.

Seine Hand hob sich, damit sich alle Hände hoben. Langsam, seine Sinfonie begann schwebend, fast flirrend, führten wir die Gabeln zum Mund. Eine Pause. Wir verharrten, ist es doch die Stille, die ein Musikstück auszeichnet. Es geht um den Moment, in dem nichts geschieht. Gabeln zitterten im Takt, bis der Befehl kam, die Speisen in die Mundhöhlen zu tragen.

Meine lieben Leserinnen und Leser, ich kann gar nicht genug von diesem Geburtstag schwärmen, der kein bloßes Abnicken eines Datums darstellte, sondern der ganz und gar die alltäglichsten Handlungen in den goldenen Raum der Kunst überführte. (Die Kunst der Übersetzung!)

Wir atmeten nicht, wir verwandelten. Ebenso verfuhren wir mit den offerierten Speisen und Getränken, die wir nicht an uns verfütterten, so als wären wir Schlachtvieh, sondern die uns Teil einer betörenden Darbietung werden ließen.

Ein Tag, der sich der Vollendung, der Perfektion widmete, der eine Flucht aus den Hallen des Banalen darstellte, und dies, weil Big Daddy es versteht, das scheinbar Unbedeutende mit Göttlichkeit aufzuladen.

Wasser wurde in Wein verwandelt.

Sonntag

Was ist zu tun? Was ist das Richtige? Alle wollen sie an mein Geld. Dumm, wie ich nicht bin, habe ich es auf verschiedenen Banken im In- und Ausland parken lassen, auf Schwarzkonten. Schwarz wie die Nacht sind diese Konten. Niemand, so erklärte es mir der Bankier Seidelmann, würde je von ihnen erfahren. Sie müssen sich meine Aufregung vorstellen. Da verdient man mit seiner Hände Arbeit ein Vermögen von wenigen Milliarden und der Staat, dieses geldfressende Ungetüm, will es in seine Klauen bekommen. Das konnte ich nicht zulassen, ich musste Seidelmann walten und schalten lassen. Er packte die Milliarden in einige Sporttaschen, so etwa fünfhundert, und ließ sie sich von meiner Dienerschaft nach Hause tragen.

„Ist das nicht etwas auffällig?“ Meine Frage schien mir nicht unberechtigt. Seidelmann runzelte die Stirn. Etwas mehr Vertrauen! So seine Forderung.

Wie eine Gruppe von Enten zogen sie sie dahin, Seidelmann und das Geld, das fortan auf Schwarzkonten in Ländern wie Nord-Korea, Afghanistan, Irak und Sylt gebunkert wurde. Versteckt vor den gierigen Blicken meiner Exfrauen, der Weltpresse und des deutschen Finanzamts.

Und nun? Nun soll dies alles ein Fehler gewesen sein? Das kann ich nicht glauben. Selbstanzeigen überschwemmen die Millionärslandschaft.

Kein Wunder also, dass ich gestern diese todessehnsüchtigen Tagebucheinträge verfasste. Meine Frau Dolores und die Kinder fanden mich im Wohnzimmer, den Kopf auf dem Tisch, laut schluchzend.

Kinder sind eine wahre Freude. Was taten sie nicht alles, um ihren Vater aufzuheitern. Sie tanzten und schlugen Räder. Sie sprangen aus schwindelerregender Höhe in unseren Pool. Aber nichts, was sie sich ausdachten, konnten den Schmerz, der sich in mir ausgebreitet hatte, dämpfen. Selbst der Sex mit meiner Frau Heidrun schien eine lästige Pflichtaufgabe, der ich mich, mit den Gedanken bei meinen Schwarzkonten, halbherzig hingab.

Sollte ich mich anzeigen? Aber was wird dann geschehen? Wird die CSU zu mir halten? Wird Seehofer ein Wort für mich einlegen? Wird er mich aus den Fängen der Justiz befreien können? Die FDP, sie wird etwas tun müssen. Ich werde (und muss) es verlangen, werde es einklagen, weil es nur gerecht wäre, wenn diese Krämerseelen sich schützend vor meinen Körper werfen. Sie sollten klug handeln, oh, das kann ich ihnen nur raten. Die FDP in Hessen hat so ihre Probleme. Dank meiner enormen schriftstellerischen Möglichkeiten, könnte es ihnen gelingen, das Ruder des auf einen Wasserfall zusteuernden Schiffes noch einmal herumzureißen. Ich könnte den Vorschlag unterbreiten, ihre künftigen Wahlreden zu schreiben. „Liebe Millionäre …“, mit diesen Worten würde ich die Wahlveranstaltungen einläuten lassen. Welch ein geschickter Schachzug. Mit solchen schmeichlerischen Worten wird jedes Wählerherz geknackt. So würden sie die anstehende Wahl sicherlich, ich bin mir gewiss,  mit überragenden 45% gewinnen.

Kichernd sitze ich an diesem Morgen in meinem Ohrensessel, der aus dem Nachlass von Thomas Bernhard stammt, und fantasiere mich in eine Welt, die keine Steuern und keinen Neid kennt, in der die FDP Wahlen gewinnt, und in der Ministerpräsident Seehofer die Wortpatronen der Boulevardpresse, die mir gelten sollen, mit seinem durchtrainieren muskelbepackten Körper auffängt, weil es, so sein Hinweis, eh genug Politiker gibt, dafür aber viel zu wenige Schriftsteller meines Schlages. Danke dafür, Herr Ministerpräsident!

Samstag (II)

Ein unheimlich verregneter Tag, und da soll man keine Depressionen bekommen, und unzufrieden ist man auch mit sich und seiner Arbeit, die nicht schwer werden soll, sondern leichtfüßiger, und später, sofern es ein später gibt, noch leichtfüßiger, so leichtfüßig, dass die Füße den Boden überhaupt nicht mehr berühren, die Arbeit soll anfangen zu fliegen, sie soll abheben, soll denen dort unten zuwinken, sie soll wie ein Ballon an einem blauen Himmel schweben, bis man ganz glücklich ist vom eigenen Schreiben. Ja, ist das denn überhaupt möglich, denkt man sich, wo doch alle Tage ein Regen über das Land streicht, ein dunkler Geselle, der sich mit einem grimmigen Gesicht über die Seele beugt und einem ins Ohr flüstert: Ohhhhh! Und man fragt sich, was das heißen soll: Ohhhhh? Und verwirrt und betäubt und ohrengeschädigt zieht man sich tiefer und tiefer in seine Villa zurück. Trübsinn, ick hör dir trapsen!

Samstag

Wenn ich mich in einer Phase befinde, in der ich mich neu erfinde, neu erfinden muss, um nicht den Verstand über mir oder der Welt zu verlieren, um die Leidenschaft ein weiteres Mal zu entfachen, um einen weiteren Teil meines Lebens-Romans schreiben zu können, wenn ich mich also in einer solchen Phase befinde, bin ich von einer unendlichen Traurigkeit erfüllt, die davon herrührt, dass ein altes Ich gestorben ist beziehungsweise noch stirbt.

Ich versammele mich um mich, sitze an meinem Totenbett, das ein Totensessel oder Totensofa sein kann, ein Totenküchenstuhl oder Totentoilettensitz, und halte mir die Hand, ich flüstere mir zu, dass alles gut werden wird, dass es bestimmt ein Leben auf der anderen Seite gibt, ich versichere mir, dass ich nicht lüge, wenn ich mir von einem Jenseits berichte, zu dem ich übersetzen kann und muss; all dies erzähle ich mir, der ich sterbe, der ich die Lider senke, ich, der ich keuche, dessen Wangen fahl leuchten, als würde die Lebendigkeit darin abgedimmt.

Ich sterbe, und während ich dies tue, beobachte ich mich dabei und beschreibe es!

Welt als Fremdenführer

Die Reichen, solch eine Gruppe, die gibt es, und die gibt es nicht.

Es ist das Geld (vielleicht die Sucht nach dem Geld, oder die bloße Anwesenheit von Geld), das sie verbindet – mehr nicht, obwohl wir sie gerne mit gleichen Charaktereigenschaften ausstatten würden, damit sie fassbar bleiben.

Eine unfassbare Welt, die kann der Mensch nicht gebrauchen, eine, die sich der Logik und der Gründe enthält, eine, die handelt, ohne dass es (zunächst) einen Sinn für uns ergibt.

Wenn ein Haus explodiert, müssen wir einen Täter finden, am besten einen mit religiösem Fanatismus im Gepäck, einen Fanatismus, den wir nachher bei der Befragung auf den Tisch legen, den wir betrachten und obduzieren können, um so den Schlaf, der sich in der nächsten Nacht bitte sehr einstellen soll, nicht vermissen zu müssen.

Die Welt muss mit Worten versehen werden, mit Schildern, auf denen geschrieben steht, was im Inneren einer jeden Sache zu finden sein wird.

Und so wollen wir einen Reichen, der gefälligst gierig und hinterhältig ist, der von seinen Schätzen nichts abgeben will, und der sie hurtig in die Steueroasen verschleppt.

Den Armen aber, den wollen wir als einen guten Menschen sehen (er leidet ja schon genug, da braucht es nicht noch unserer Verurteilung), als einen, der der Umstände halber zum Verbrecher wurde. Er ist uns eine tragische Gestalt, und wenn er einen Schnapsladen überfällt, ist er uns ein Robin Hood, der das Geld an sich selbst – der er der Arme ist – verteilt.

Umstände prägen einen Menschen, seine Umwelt ist die Form, in die er gegossen wird. Und trotzdem hat ein jeder Mensch seine Tiefen, seine Schluchten, seine Höhlen, seine Luftblasen, die wir nicht kennen, und die wir (vermutlich) auch nie kennenlernen werden.

Der Freiheitskämpfer kann ein gemeiner Lump sein, der seine Freude am Töten hat, und den es eben aus Milieugründen in die revolutionäre Bewegung verschlug. Der Reiche kann ein Heiliger sein, der seinem Schein, seinem Hab und Gut nicht entkommen will, weil unzählige Arbeitsplätze, und somit Lebensentwürfe, an seinem Tun hängen.

Viel wahrscheinlicher ist, dass es weder gute noch böse Reiche oder Arme gibt, sondern Menschen, die Richtiges und Falsches tun, weil die Angelegenheit, die man Leben nennt, kein planbarer Spaziergang von drei Metern ist. Das Unwägbare begleitet uns alle: Krankheiten und Liebschaften, Feindschaften, auch das Gemüt, das allzu oft seinen eigenen Kopf durchsetzen möchte.

Die Welt ist da, aber sie ist kein Ort, der sich unaufhörlich selbst erklärt, sondern einer, der geschieht, der angefüllt ist mit Freude und Ekel, mit Gemeinheiten – und mit Klischees.

Wenn es nun eine Aufgabe für einen Schriftsteller gibt, dann die, sich dem Geheimnis anzuvertrauen, es nicht zu hinterfragen, sondern es zu erzählen. Es ist die Kunst, sich, wenn möglich, in jeden Kopf begeben zu können, um dort die Geschichte, die man erzählen möchte, zu erleben, mitzuerleben. (Und mit ihm später die Leser.)

Es darf keine Zurückhaltung geben, keine moralischen Bedenken. Man muss nicht eine jede Geschichte erzählen, aber hat man sich erst für eine entschieden, sollte man sie nicht mit seiner vorgefassten Meinung torpedieren wollen.

Es geht um das Geschehen-lassen, um den Moment, das Andere als Fremdes zu begreifen, von dem man sich abholen und mitnehmen lässt, ohne zu wissen, wo man landen und was geschehen wird.

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Wie das ist, wenn Klein-Hitler den Biomülleimer aufsucht

Da ist er! Klein-Hitler! Stürmt! Tippelt. Klein-Hitler ist eine Frau. Rentnerin. Klein-Hitler stürmt die Treppen hinab, hinaus, quer über den Hof. Die Zähne gefletscht. Klein-Hitler schlägt den Deckel der Biomülltonne zurück. Gestank entweicht! Igitt! Klein-Hitler will aufschreien! Explodieren! Geht nicht! Die Nachbarn. Was sollen die denn denken? Also bleibt Klein-Hitler gelassen. So gelassen wie möglich. Wühlt! (Wühl, wühl, wühl, wühl.) Was die Mitbewohner so alles wegwerfen! Fürchterlich! Klein-Hitler inspiziert den Unrat. Sie wühlt das Zeitungspapier aus dem Eimer. Ja, was steht denn da? Nachrichten über Nachrichten, von denen sie nichts wusste. Raus mit dem Biomüll aus den Zeitungen. Sie breitet die Zeitungen aus. Legt sie in den Hof! Die Nachrichten müssen trocknen. Klein-Hitler will auf den neusten Stand kommen. Klein-Hitler will informiert sein. Irak, Iran, Boston. Ein Weltangriff. Ein Angriff fremder Städte. Und das hier in ihrem Hof! Das ist ihr Hof! Klein-Hitler blickt zu den Fenstern hinauf. Keine Nachbarn zu sehen. Die Nachbarn sind der Feind. Man muss auf der Hut sein. Rasch die Nachrichten lesen. Unrat zurück ins Zeitungspapier. Alles verstauen. Wird doch keiner sehen? Wird doch keiner sehen? Schon wiederholen sich die Sätze in Klein-Hitlers Hirn. Klein-Hitler ist alt. Sie wird bald sterben. Sie ist eine Wohnungsinhaberin. Eine Passbesitzerin. Eine Müllbetrachterin. Was die alles essen, die Nachbarn. Ausländisches Obst! Warum kein deutsches Obst? Wo ist das deutsche Obst? Klein-Hitler klebt sich ihren Klein-Hitler-Bart an und schreit zu den Fenstern hinauf: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Sie horcht. Keine Antwort. Typisch Neuzeit! Sie streift den Bart ab. Sie läuft ins Haus zurück. Sie marschiert ein. Sie wünscht den Nachbarn Tod und Teufel an die Hälse. Verrecken sollen sie. Alle! Alle sollen verrecken. Klein-Hitler befindet sich in der Wohnung. Endlich! Mutterboden. Vaterland. Sie fällt in ihren Sessel. Leben ist Krieg! Hofgang ist Krieg! Müll ist Krieg! Klein-Hitler ist müde und schläft ein. Wenn Klein-Hitler schläft, sieht sie wie eine nette alte Dame aus. Man könnte sie beinahe mit einer Oma verwechseln. Lasst euch nicht täuschen. Wenn Klein-Hitler erwacht, ist wieder Krieg! Alltags-Krieg!

Mittwoch (II)

Aha, habe ich gedacht. Ja, das habe ich tatsächlich heute Morgen gedacht, weil ich gesehen hatte, dass man nicht mehr so einfach über Facebook auf mein Blog zugreifen konnte, und dann habe ich eben gedacht, aha, so ist das, jetzt haben sie endlich deinen Stellenwert innerhalb der Literaturgeschichte erkannt, haben eingesehen, dass du ein potentieller Revolutionär und Staatsfeind bist, auf den unmissverständlich hingewiesen werden muss. Das habe ich gedacht, und da habe ich mir schon die Hände gerieben, weil ich einen Text schreiben wollte, der sich gewaschen hatte, so einer, Sie wissen schon, der austeilt und nix einsteckt, so ein Text, als wäre er von Ali geschrieben worden, ein Text, wie von einem großen Boxer höchstpersönlich.

Denen werde ich es schon zeigen, habe ich gedacht. Die ganzen Wörterbücher, die wir haben, habe ich aus den Regalen gezerrt, damit ich denen ein paar hundsgemeine Wörter um die Ohren …, solche, die sie nicht so schnell vergessen.

Und ich hatte ja noch ganz andere Vermutungen, weil, habe ich so bei mir gedacht, da steckt bestimmt nicht nur Facebook dahinter, sondern auch mein Widersacher, der bösartige Doktor Thams. Ja, so ein Arschloch, habe ich gedacht, und hab mir schon ausgemalt, wie ich ihn – diesen Superschurken – beschuldige, wie ich ihn eventuell zum Duell herausfordere. Das hab ich alles vor meinen inneren Augen gesehen, also, im Kopf hab ich das gesehen. Das war, das kann ich Ihnen sagen, das war schon eine rechte Aufregung, wie der Thams und ich da in meinem Kopf mit den Degen stehen, obwohl ich gar nicht …, weil der Kampf fand ja in meinem Kopf statt, da standen die Chancen schlecht, dass der Thams gewinnt.

Und jetzt, wie ich so bei Facebook auf ein paar Links klicke, da merke ich plötzlich, dass ich überhaupt nicht alleine bin, da gibt es eine Menge Seiten, vor denen gewarnt wird. Ja, so eine Scheiße, habe ich gedacht. Das hab ich mir aber anders vorgestellt. Und jetzt?

Gott, ich weiß ja nicht, ob man sich irgendwo bei Facebook darüber beschweren kann, dass die nicht nur vor mir warnen. Die warnen ja vor jedem Drecksblog. Nix Revolutionär! Nix Staatsfeind Nr. 1! Den ganzen Abend haben die mir versaut, die Banditen von Facebook. Aber man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben, dass ihnen noch ein Licht aufgeht.

Meine Seite, vor der sollte man warnen. Die ist hochgradig gefährlich. Auch wenn die von Facebook das noch nicht gemerkt haben, die Armleuchter.

Mittwoch

Ja! So ist das! Ich steck halt momentan in einer kleinen Krise. Na, nicht weiter schlimm. Das ist so eine hausgemachte. Da müssen Sie nicht weiter drüber nachdenken. So eine Krise, die gibt es für jeden mal. Muss man sich nur im Nachrichtenunwesen umsehen. Massenhaft Krisen. Der hat eine Krise. Und der. Und das Land steckt in der Krise. Und jenes. Man muss eher nachdenklich werden, wenn man in keiner Krise steckt. Da könnte es sein, dass etwas nicht stimmt. So eine Krise ist ja auch eine Chance. Denn nur wenn man eine Krise hat, also wenn man in einer steckt, hat man auch die Möglichkeit, sie zu überwinden. Aber die Überwindung setzt eben die unmittelbare Anwesenheit einer Krise voraus. Da kann man dann schön froh sein, wenn man überhaupt eine hat. Hat man keine, kann man schnell die Krise bekommen, weil man sich zu recht sagt: Heute, wo jeder in der Krise steckt, ist es doch seltsam, dass ich in keiner … Richtig! So einer kann einem schon … Mit dem muss man Mitleid haben. Heutzutage. Wo die Krise quasi zum guten Ton gehört. So eine Krise ist eine Lebensart. Da können Sie fragen, wen Sie wollen. Jeder hat sie. Nur die Bayern nicht, also der Fußballverein. Um das auszugleichen, hat der Herr Hoeneß dafür eine besonders schwere Form. Der muss die fehlende Krise des Vereins ja ausgleichen. Sonst heißt es, die Bayern seien auf dem aufsteigenden Ast. Weit und breit keine Krise. Und das in den heutigen Zeiten. Und ehe sich der Verein versieht, ist er out. Ein Verein ohne Krise ist wie ein … Das ist modisch nicht nur gewagt. Da liegt eher ein Modefehltritt vor. Man wird vereinsintern längst beraten, was man tun kann, um schnellstmöglich eine Krise … „Ja“, werden die sagen. „Wir wollen doch keine Outsider sein. Jeder hat eine Krise. Und wir?“ Lange Gesichter. Alles vorprogrammiert. Und wenn der Hoeneß vorbeikommt, werden alle klatschen und sagen, der letzte, er ist der letzte von uns, der das Banner der Krise in die Höhe hält. Ein Ritter! Auf den Uli ist eben Verlass, werden sie sagen. Ohne seine Krise würde Bayern jetzt in einer Krise … Oder so ähnlich!

Und Deutschland. Steckt auch in einer Krise. Wir waren ja schon immer … Quasi Krisenvordenker bzw. Krisenvorreiter. So gesehen, stecke ich in keiner Krise, sondern in einer allgemeinen Gefühlslage. Nicht weiter bedenklich also.

Die Trauer des Killers

– Du bist traurig.

– Ich bin müde.

– Bist du unglücklich?

– Das Töten will mir keinen Spaß mehr machen.

– Vielleicht hast du es mit dem Töten übertrieben. Wer tötet schon jeden Tag? Die Leute gewöhnen sich an deine Morde. Sie übersehen sie.

– Kann sein. Aber das ist es nicht. Ich bin mit der Art, wie ich töte, unzufrieden. Es ist eine Methode geworden. Ein Widerholungszwang, der nichts Neues mehr hervorbringt. Ich will die Sprache des Todes immer wieder neu entdecken. Will mit einem anderen Instrument töten.

– Tot ist tot. Und der Tod ist der Tod! Das Ergebnis wird dasselbe sein, egal, wie du es anstellst.

– Müde. So müde.

– Überarbeitet. Auch ein Killer braucht mal Urlaub.

– Und was macht ein Killer im Urlaub?

– Er tötet nicht. Er lebt. Er lässt leben. Er schaltet ab. Konzentriert sich auf die Dinge, die er bisher übersehen hat.

– Und wenn der Urlaub vorüber ist?

– Ist er vielleicht ein anderer!

– Will ich ein anderer sein? Ich weiß es nicht. Ich bin süchtig nach dem Töten, nach dem perfekten Mord. Es ist der Kick, der mich leben lässt. Nur der Tod hält mich am Leben.

– Wenn es der Tod ist, bist du nicht mehr am Leben. Du bist ein lebender Toter. Ein toter Lebender. Ein Zombie.

– Ja, so fühle ich mich. Wie ein Zombie. Ich schreite in den Tag. Ich fühle mich leer. Das Hirn ist eine Hülle. Das Herz ist ausgebrannt. Die Seele ist nur ein Begriff, den ich nicht näher beschreiben kann. Die Worte, sie fehlen. Die richtigen Worte. Die wahren Worte. Ich bin sprachlos.

– Du redest ziemlich viel für einen Killer, der seine Sprache verloren hat.

– Das ist das einzige, was mir geblieben ist. Es sind die Worte, die meine Sprachlosigkeit zum Ausdruck bringen. Sie und die Müdigkeit sind mir geblieben.

– Du hast Depressionen.

– Kann sein. Vielleicht ist das das richtige Wort für meinen Zustand.

– Du musst lernen, wieder mit Freude zu töten. Du musst morgens aufstehen und Spaß am Töten haben, dann kommt die Lebensfreude von ganz alleine zu dir zurück.

– Es ist eine Lebensfreude, die auf dem Tod basiert. Auf der Trauer. Auf dem Schmerz.

– Töten ist dein Lebensinhalt.

– Ich habe ihn dazu gemacht, er muss es nicht unbedingt sein; es könnte auch einen anderen Lebensinhalt geben.

– Und das wäre?

– Ich weiß es nicht. Nicht jetzt. Ich muss erst den nötigen Abstand zum Handwerk des Killers finden. Ich muss abschalten.

– Dann tu das.

– Wenn es doch nur so einfach wäre. Ich versuche es.

– Jeder Tag ohne einen Mord befreit dich ein Stück von deiner Sucht.

– Ich sollte die Hände von Waffen lassen?

– Du könntest es versuchen.

– Und wenn es mir nicht gelingt?

– Dann wird dich deine Unzufriedenheit killen. Du wirst wie eine Blume eingehen, die kein Licht und kein Wasser bekommt.

– Mein Licht und mein Wasser sind?

– Der Tod. Das Töten. Mord!

– Ich kann gewinnen.

– Kann sein.

– Ich muss es versuchen.

– Tu das. Versuch es. Am Ende wird es so oder so einen Gewinner geben.

– Und wer wird das sein?

– Entweder wird deine Sucht nach dem Tod sterben. Oder du wirst sterben. Oder du wirst wieder töten. So oder so, der Tod wird der klare Gewinner sein.

– Ich kann ihm also nicht entkommen?

– Die Chancen stehen schlecht, die Chance stehen schlecht.