Liebes Tagebuch (1)

Liebes Tagebuch,

das war ja wieder, du weißt schon, aber was soll ich sagen? Ich erhielt einen Anruf, aber darüber möchte ich jetzt nicht, man weiß ja nicht genau, wer.

Am Morgen erwachte ich mit einem, was nicht heißen soll, dass ich, aber auch darüber muss berichtet werden.

Später traf ich mich mit, was ich hier nicht ausschreiben kann, weil es sich nicht gehört, wenn man, auch wenn man möchte.

Ja, das war wieder ein aufregender Tag.

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Aus meinem Tagebuch

1. Mai. Tag der Arbeit. Meine Frau muss die Küche und den Rest der Wohnung reinigen. Wir machen das einmal im Jahr, eben an besagtem Tag. Anschließend begeben wir uns zu den in Fulda berühmt-berüchtigten Maiausschreitungen. Ein Vorschreiter geht voran, wir anderen folgen. Wir schreiten exakt in einer Länge von 20,3 Zentimeter aus. Warum diese Zahl? Sie wurde dereinst von Karl Vendelix festgelegt, der 20,3 für die ideale Zahl hielt. „Alles Göttliche befindet sich in einer Entfernung von 20,3 – seien es Zentimeter oder Lichtjahre. So stehe ich gerade 20,3 Meter von einem Mülleimer entfernt. Der Begriff des Zufalls kann hier ausgeschlossen werden.“

Aus meinem Tagebuch

8. April 2014

Ich habe die ganze Nacht an einer Kurzgeschichte gearbeitet, deren Sinn sich mir nicht recht erschließen will. Was will ich damit sagen? Wütend stampfte ich auf, bis meine Kinder weinend erwachten. „Das ist doch nur Papa“, erklärte meine Frau ihnen. „Er arbeitet an einer Kurzgeschichte.“ Das beruhigte die Kinder. „Ach so“, seufzten sie erleichtert auf. Jetzt liege ich müde und erschöpft auf dem Hund vor dem Kamin. Neben mir die Geschichte, die keinen Sinn ergibt. „Lies!“, hatte ich den Hund angebettelt. „Lies!“ Aber auch er verweigerte sich. Ich bin so unglücklich. Oh weh! Würde ich meine eigene Geschichte nur verstehen, ich wäre ein glücklicher Mensch, der bereit wäre, sich an den Frühstückstisch zu setzen. So aber schlafe ich aus Trotz auf dem Hund, bis alle aus dem Haus sind.

9. April 2014

Es ist traurig. Der Hund ist tot. Als ich mich gestern Abend erhob, um mich bei ihm zu bedanken, dass er so geduldig als mein Lager gedient hatte, rührte er sich nicht mehr. Alle Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. Ich zerrte ihn über seine Lieblingsstrecke durchs Viertel. Aber nichts. Nicht einmal ein kurzer Atemzug. „Oh!“, klagte ich. „Der Hund ist von uns gegangen.“ Die Kinder waren minutenlang untröstlich. Wir bestatteten das arme Tier später im Garten einer uns unbekannten Familie. „Wir werden einen neuen kaufen“, versprach ich den Kindern. „Aber, Papa“, sagten sie, „wir wollen Herr Rodenbach.“ – „Gut, gut“, sagte ich. „Wir werden ihn finden. Seelen wandern. Nun müssen wir uns auf die Suche nach dem Hundekörper machen, in den Herr Rodenbach nach seinem Ableben eingefahren ist.“- „Juchhu!“ Die Freude der Kinder war unbeschreiblich, selbst dann noch, als ich ihnen erklärte, dass Herr Rodenbach vermutlich Besitz vom dicken Leib unseres Nachbarn genommen habe. Ein Spaß. Haha! Nun soll ich ihn entführen. „Nein, nein, nur ein Spaß, wirklich.“ Die Kinder sind von der Idee, unseren Nachbarn Gassi zu führen, besessen. Ich hätte das nicht sagen sollen. Kinder sind einfach zu gutgläubig.

Ich habe eine Mail unflätigen Inhalts erhalten. Man lehnte eine meiner Geschichten, die ich selbst nicht verstehe, ab. „Sieh mal!“, rief ich meiner Frau zu, die gerade Gulasch kochte. – „Was?“ – „Sie haben meine Geschichte, die ich selbst nicht verstehe, abgelehnt.“ Erzürnt bis über beide Ohren stürmte meine Frau heran. „Dieses Miststück!“, schimpfte meine Frau über die Absenderin der Mail. – „Zähme dich nicht!“ – „Unkrautjätendes Ungetüm!“ – „Ja, ja!“, feuerte ich sie an. „Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen.“ – „Niemals!“ – „Lass uns unzüchtig Liebe machen, direkt hier im Angesicht ihrer Mail.“ Und so geschah es. Wir liebten uns umständlich auf der rechten Stuhllehne. „Sieh hin, Bitch“, forderte meine Frau die Mail auf. „Sieh und lerne!“ Wollüstig glitt der Nachmittag in den Abend.

Aus meinem Tagebuch

Ich habe wieder den ganzen Tag schwere Sachen verladen. „Was machen denn die schweren Sachen hier?“, fragte ich meine Frau, die hilflos mit den Schultern zuckte. Nachher cremte ich mir den Ellenbogen ein, um keine Entzündung zu bekommen. Vorsorglich. Ich creme ja seit Jahren. Alle Stellen an meinem Körper werden mit den verschiedensten köstlichen Ölen behandelt. Jetzt werde ich mir die Zähne putzen, ausführlich. Zähne sind nicht zu unterschätzen. Nachher Theater mit den Nachbarn.

Aus meinem Tagebuch

Sonntag, 16. März 2014

Das Leben eines Schriftstellers ist die Hölle. Was wissen die Leute schon davon? Überall Buchstaben, große, kleine, alle aus Holz geschnitzt. Echte Handarbeit. Und jeden Tag fahre ich los und versuche sie an den Haustüren loszuwerden. (Haustürgeschäfte laufen besser. Denn Haustüren wird man wenigstens hin und wieder los. Aber Buchstaben …) „Sehen Sie sich dieses A an. Sie könnten es im Wohnzimmer aufstellen.“ – „Kein Bedarf“. Und schon knallt die beim letzten Haustürgeschäft erworbene Tür ins Schloss. Heute ist Sonntag. Ein Tag der Ruhe. Vermeintlich. Die Mägen meiner Kinder rebellieren. So viele Kinder. Sie sind überall. Achtzehn, nein, es sind laut einer letzten Zählung sogar dreiundzwanzig Kinder. Ich hätte in Leipzig sein sollen, um mir die neusten Buchstaben anzusehen. Der Markt ist am Einbrechen. Vielleicht fehlte ich deshalb. Der neuste Hit sind elektronische Buchstaben, die auf Bildschirmen erscheinen. Meine Frau macht in Hartz IV. Auch kein Job, bei dem man reich wird. Ich werde jetzt frühstücken. Frühstücken ist der Versuch, bereits am frühen Morgen zu stücken. Nicht zerstückeln. Dafür sind die Serienmörder zuständig. Stücken bezeichnet die Methode, sich Stück für Stück durchs Leben zu bewegen. Erst ein Stück Brot, anschließend ein Stück Lektüre, danach ein Stück Atemzug. Alles nacheinander. Stück für Stück. Eine alte, aus dem Buddhismus stammende Methode der totalen Konzentration auf ein Stück Leben.

Warum ich schreibe (Ein Lebenslauf in Kurzform)

„Was willst du denn mal werden?“, fragte mich mein Vater oft.

„Na, nichts, ich will hier sitzen und bis ans Lebensende alle Folgen von Ein Colt für alle Fälle gucken.“

So lautete für gewöhnlich meine Antwort. Ich war super im Umschalten. Keiner hielt die klobige Fernbedienung so gekonnt wie ich. Wie ein Revolverheld. Wie ein Dauerwichser. Mein rechter Arm bildete sich aus. Die Muskeln schwollen an. Sie explodierten regelrecht.

Es kam im Laufe der Jahre zu einem körperlichen Ungleichgewicht. Rechts Masse, links nix. Aber meine Augen waren beide trainiert. Adlerspähzupackaugen. Ich konnte jeden noch so kleinen Gegenstand im Fernsehen entdecken. Kleinste Haare, die vielleicht Schamhaare waren. Dinge, die eklig waren, und die man vergessen hatte, fortzuwischen. Meine Augen fanden oft solche unpassenden Hinterlassenschaften. Wie Menstruationsblut. Die Derrick-Folgen waren voll damit. An jeder zweiten Stuhllehne klebte welches. Ich schrie im Schlaf auf. Weil ich davon geträumt hatte. Man stellt sich Fragen. Wie kommt das Menstruationsblut auf die Stuhllehne?

Schließlich wurde ich älter. Ich ergraute. Meine Haut fiel ein. Nur die Muskeln im rechten Arm blieben. Mein Stück Beständigkeit im Leben.

Das Fernsehen veränderte sich. Die Privaten kamen dazu. Die Werbepausen wuchsen. Zunächst genoss ich sie noch, diese kleinen Filmchen, die von Glück und Unglück, von Wäsche und von Autos erzählten, von Familien im Dauerlachmodus, aber nach einer Weile langweilten sie mich doch.

Auf dem Tisch vor mir, ich war damals übrigens gerade 30 geworden, lag ein Bogen Papier. Und ein Stift. Ich sah sie mir an. Wie Insekten. Ich hatte Angst vor ihnen.

Ein wenig bereute ich es, nie in die Schule gegangen zu sein. Ich griff nach dem Insekt, nach dem Blatt. Malte etwas vor mich hin. Kleine primitive Männchen, die auf einem Sofa lagen und eine riesige Fernbedienung in der Hand hielten. Glückliche primitive Männchen, die wild vögelten. Mit einem Sofakissen. Ich weiß, auch die Sexualität leidet unter einem Leben auf dem Sofa.

„Ja, willst du denn nie eine Familie gründen?“, fragte mich meine Mutter und blickte meinen Vater dabei an. Als ob sie sich vor mir und meinen Augen fürchtete.

„Aber Mutter, ich bin noch so jung. Das hat doch noch Zeit. Bring mir lieber das Schreiben bei.“

Mutter setzte sich neben das Sofa, weil darauf kein Platz mehr war. Dort lagen ja bereits meine Beine und leere Packungen von diversen Pizzalieferanten.

Und so kam ich zum Schreiben. In den nächsten Jahren brachten  Mutter und Vater mir das Schreiben bei. Nur in den Werbepausen, weil ich doch nichts verpassen wollte. Auch die zahlreichen Wiederholungen nicht, die ich wie Wiedersehensfeiern gestaltete. Da wurde viel geheult. Manchmal sah ich vor lauter Tränen nichts. Das A-Team in Schlieren. Es könnte auch am Fernseher gelegen haben, der allmählich den Geist aufgab.

Vor einem Jahr, ich wurde gerade 43 Jahre, beendeten wir die Ausbildung.

Jetzt könnte ich ein erfolgreicher Autor sein, habe aber gar keine Zeit, weil ich RTL Nitro entdeckt habe, einen Sender auf dem sie alle alten Colt-Seavers-Folgen wiederholen.

Nur manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, schreibe ich, während draußen Fulda zum Leben erwacht. Fulda ist eine gemeine und laute Kleinstadt, die mit Gummireifen und Priestern überläuft. Die Priester ziehen durch die Straßen und singen auf Latein, dass die Leute ihre Kinder herausgeben sollen. Zum Glück sprechen nur noch wenige Fernsehzuschauer Latein. Ich weiß es aus dem Fernseher, was hier geschieht. RTL EXPLOSIV, das ist  eine der Sendungen, die einem alles erklären, was man wissen muss, um in Kleinstädten wie Fulda zu überleben.

The vorläufiges End

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Der junge Mann hat ein wenig Ähnlichkeit mit Colt Seavers. Er sieht hin. Diese Augen, die alles entdecken. Auch Schamhaare.

Ins Tagebuch

Liebes Tagebuch,

ich bin krank, so krank, dass man mich in einem separaten Raum untergebracht hat. Das würde schon wieder, erklärte mir die Familie. Man schiebt das Essen mit einer langen Stange an mein Bett heran. Ich liege da und starre an die Decke, hin und wieder lasse ich auch meinen Blick schweifen. Die vergitterten Fenster bereiten mir keine Angst, aber ein Gefühl der Beklommenheit ist nicht zu leugnen. Um mich zu unterhalten, schreibe ich. Nicht nur diesen Eintrag, sondern auch Rechnungen, die nicht der Realität entsprechen. Rechnungen in der Tradition des magischen Realismus, die in etwa so beginnen: „Jahre später sollte ich mich daran erinnern, dass der General mir noch Geld schuldete.“

Dein Guido

Ins Tagebuch

Liebes Tagebuch,

wie ich lesen musste, hat der britische Geheimdienst Millionen von Bildern aus Webcams gespeichert. Sag, dass das nicht wahr ist. Sag, dass sie nicht gesehen haben, was ich mit meiner Hand mache, wenn keiner zusieht. Sag, dass ich nicht darüber schreiben werde. Über meine Sucht. Über die Hand, die ihn umschließt und ihn reibt. Das geht doch keinen was an, das ist Teil meiner Privatsphäre. Und sag, Tagebuch, dass ich weniger von den bunten Tabletten nehmen soll, vor allem am Morgen, um keinen Unsinn in dich rein zu schreiben. Sag es! JETZT! Und jetzt lass uns beten: Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen. Ging doch so, oder?

Dein Guido