Mein Balkon

Wenn ich auf meinen Balkon hinausgehe, kommt einem natürlich Hitler in den Kopf, der Papst, der auch. Der Balkon als solches hat eine Geschichte aufzuweisen, die erst noch geschrieben werden müsste. Vielleicht hat es auch einer getan. Woher soll ich das wissen? Alle Bücher dieser Welt kann man nicht lesen, man kann sie höchstens verbrennen. Versucht wurde es. Mit dem Verbrennen kannte sich Hitler aus. Die Kirche ebenfalls. Despoten neigen eh zum Verbrennen.

Mein Balkon, der ist mein fliegender Teppich. Leider fliegt er im Standgas. Er ist mein Rettungsboot, das noch auf die Not wartet. Auf das Loch im Schiffsrumpf. Um ein Rettungsboot genießen zu können, muss man erst einmal untergehen.

Mein Balkon, der ist eine vorgeschobene Unterlippe. Eine ohne Oberlippe. Ein verstümmelter Mund, der keinem was sagt, obwohl er bestimmt etwas zu erzählen hätte.

Ich stehe dort droben und rauche. Rauchzeichen, die keine Nachricht senden, außer der meines eigenen Verschwindens. Ein Raucher raucht seine eigene Vergänglichkeit in die Luft hinaus. Der Rauch, das ist ein Aufschrei, dass alles sinnlos ist. Drum raucht der Raucher auch. Um sich und die Zeit und die Sinnlosigkeit des Daseins umzubringen.

Tag für Tag steige ich in mein Rettungsboot, auf meinen fliegenden Teppich, auf meine Unterlippe und blicke nach unten auf die Straße, auf der die Autos hin- und herfahren, auf der die Fußgänger hin- und herlaufen.

Von hier oben aus betrachtet, ist die Straße ein Fluss. Daher auch der Begriff Verkehrsfluss, der stocken kann, als hätte man zu viel Gelatine hineingeworfen.

Ich sitze auf meinem Balkon, meinem Felsvorsprung, und angle mit den Augen ein paar Gesichtszüge, den Ruf eines Kindes, das Quietschen von Fahrradbremsen. Rauche und angle, und kehre am Abend heim, mit einem Korb voller Gebärden und Geräusche, die ich genussvoll im Kopf verspeise. Der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein.

Mein Balkon ist ein verlängerter Arm, ein Gedanke, der in die Breite geht, der aus dem Haus wächst. Ein Tumor ist er. Ein Geschwür.

Und weil man von seinen Krankheiten nicht genug bekommen kann, stehe ich auf ihm, auf meinem Schmerz, und rauche, in der Hoffnung, die Botschaft meines Rauchs eines Tages verstehen zu können.

Die Stimmen (3)

Dienstag, 13. August 2013

Es geht im heute viel besser. Seine Frau telefoniert mit seiner Mutter, obwohl er doch mit ihr sprechen müsste. Wenn es doch nur so einfach wäre. Was? Das Leben!

Er hat es satt. Er hat keine Lust mehr zu schreiben. Hat keine Lust mehr, an seinem Blog zu arbeiten. Aufgeben. Es ist eine Aufgabe, die alle Kraft von einem verlangt. Aufgeben. Da steht es. Er hat es aufgeschrieben, als würde er sich selbst verhöhnen. Schreibt darüber, nicht mehr schreiben zu wollen. Schreibt über das Aufgeben als Aufgabe.

Vielleicht liegt es an seiner Müdigkeit, die ihn unentwegt befällt.

Sie waren den ganzen Tag in der Stadt. Nicht den ganzen Tag, aber einige Stunden. Bummeln. In der Bibliothek. Er springt von Buch zu Buch, als wären die Bücher Steine, die er benutzt, um einen Fluss zu überqueren. Seinen Fluss, der ein Zeitfluss ist.

Geht es nicht darum, eine gewisse Leichtigkeit zu erringen? Nein! Das widerspricht sich bereits. Leichtigkeit muss nicht erkämpft werden, sie muss nicht errungen werden, wie er das eben schrieb. Er muss leicht werden, dann wird die Leichtigkeit von ganz alleine kommen. Leicht wird man, wenn man loslässt, wenn man aufgibt, wenn man die Dinge fahren lässt, auch zur Hölle, wenn es denn eine gibt, was er bezweifelt. Sein könnte es schon. Er weiß es ebenso wenig wie alle anderen.

Während er über all dies schreibt, während er Dinge, Momente, Augenblicke, Gedanken, die ihn beschäftigen, einzufangen versucht, telefoniert seine Frau noch mit seiner Mutter.

Und wenn ich weiterschreiben sollte, überlegt er, wo soll es hingehen? Wo will ich mit dem, was ich niederschreibe, ankommen. Schreiben ist wie eine Wanderung, die man unternimmt. Man hat sein Gepäck. Und wieder die Schwere, denkt er. Keine Leichtigkeit.

Er will keine Krimis mehr schreiben, sondern von einfachen Leuten erzählen, von Menschen, die ihm auf der Straße begegnen. Er will von den Frauen, die im Haus wohnen, erzählen. Von ihren Fluchten, die Ausflüchte sind, um dem eigenen Alter nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Aber das weiß er nicht mit Bestimmtheit. Er vermutet es, wie er so vieles vermutet. Mut gehört auch dazu, denkt er. Den Mut, eine Geschichte zu erzählen, auch wenn es nicht die wahre Geschichte ist, die er eh nicht kennen kann. Er kann nur beobachten, kann nur lesen, was er sieht. Lesen ist interpretieren. Jeder erfindet sich seine eigene Geschichte, wenn er in der Welt liest. Die Welt ansehen heißt, sie zu lesen.

Neben ihm steht ein Becher mit Fencheltee. Sie haben den Becher bei McDonald’s gekauft. Er mag den Becher, seine Farbe, seine Form. So etwas dürfte man nicht schreiben, denkt er. Es wäre, als würde man seine Seele an diesen Riesen verkaufen. Man hat ihn gelobt. Unsinn, denkt er. Es ist doch nur ein Becher.

Und jetzt?

Abwarten. Tee trinken.

Über den Schreiburlaub und seine Folgen

Ja. So ist das, nicht wahr? Sie wissen doch, wie das ist, oder etwa nicht?

Da hat man Urlaub. Schreiburlaub. Man sitzt zu Hause in seinem Stuhl und denkt sich, fein, endlich einmal Urlaub. Endlich einmal nichts machen, nichts tun, nur rumsitzen und urlauben. Geld, man ist ja ein notorisch unterbezahlter Autor, hat man eh keins, also sagt man sich, das ist nicht weiter schlimm, weil, jetzt kann ich mal richtig abschalten. Nicht mal Geld muss ich ausgeben, auch wenn es vermutlich Spaß machen würde.

Mal den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Oder eine Frau. Da muss man aufpassen in den heutigen Zeiten, was man schreibt, sonst hat man gleich eine religiös angehauchte Feministin am Hals hängen, die sich ereifert.

Eifer hat im Urlaub nichts zu suchen. Der Eifer wird eh überbewertet, weil, einen Eifer kann ja jeder Serienmörder entwickeln. Für seine Opfer wäre es besser, er würde faulenzen. Für die Zeitungen ist es angenehmer, wenn er eifrig weiter mordet, damit man was zu schreiben hat, und umso eifriger so ein Serienmörder seiner Serie huldigt, desto mehr Platz kann die Zeitung mit Details füllen, die einem – sitzt man zu Hause, um zu urlauben – die Zeit vertreiben, von der man nicht weiß, wie man sie rumbringen soll. Oder umbringen.

Der urlaubende Autor denkt sich also, nix, ich werde nix schreiben, aber so was von gar nix werde ich schreiben, dass denen, also den Lesern, noch die Augen nach innen fallen werden. Ich werde ihn fix und fertig machen, den Leser, denkt der Autor, durch meine Enthaltsamkeit werde ich ihm seine Sucht nach meinen Texten vorführen. Ich werde ihn enttarnen, den Leser, als das, was er ist, nämlich ein Süchtiger. Kein Wort bekommt der aus meiner Dealerhand, denkt der Autor, der die Droge nicht nur vertickt, sondern auch herstellt, direkt daheim im eigenen Schreiblabor, das seine Frau auch manchmal Schlaflabor nennt.

Kein Wort bekommt er, der Leser, da soll er mal sehen, wo er bleibt. Auf der anderen Seite … Ins Grübeln kommt man schon. Was, wenn der Leser sich zukünftig an einen anderen Dealer wendet? Autoren gibt es ja inzwischen wie Tropfen im Meer. Durch das Internet haben wir bereits mehr Autoren als Leser. Im Grunde schreibt ein jeder. Alle schreiben sie, das sieht man schon bei den Daumen, die die Blogger in einem Blog heben. Den heben sie doch nur, da sind wir jetzt mal ehrlich, damit man bei ihnen auch den Daumen hebt. So sammeln sich manche Blogger durch dauerndes Daumenheben Myriaden von fremden Daumen, die ihnen vorgaukeln, das einer ihren Scheiß liest, wo doch ein jeder (und eine jede) nur seinen bzw. ihren Blog belesen sehen will.

Mit mir können die momentan nicht rechnen, denn ich habe das Schweigen als neue Kunstform entdeckt. So ist das. Ab sofort wird geschwiegen, weil, ich bin ja in der Sommerpause, also im Urlaub. Ich werde das Publikum beschweigen, bis es mich vergessen hat. Und das dauert heute, sagen wir mal, fünf Stunden. Spätestens in der sechsten Stunde haben die einen neuen Autor entdeckt, und dann ist man so OUT, dass man bereits anfängt, unsichtbar zu werden.

Und dann weiß man, dass man wirlich im Urlaub angekommen ist.

 

Nürnberg August 2013 077

An dem Bild kann man genau sehen, was ich momentan mache, nämlich nix!

Sonntag II (Befindlichkeitszwischenbericht)

Ich bin müde! Das kommt vor, wenn man schon um 9.00 Uhr aufsteht. Das soll man lassen. Es zerstört den Teint. Und das will ich nicht. Ich achte sehr auf mein Aussehen. Ich lasse mir die Augenbrauen zupfen. Jeden Tag ein anderes. Wir bewahren sie in einer Streichholzschachtel auf, um sie den Kindern, sind sie im rechten Alter für einen solchen Anblick, zu zeigen.

Um wach zu werden, trinke ich meinen berühmten Möwenshit-Kaffee, der auf Sylt geerntet wird (siehe alte Einträge zum Thema). Die Pflücker dort werden fair bezahlt. Ich habe es im Fernsehen gesehen. Spiegel-TV berichtete darüber. Die Pflücker haben alle eine eigene Villa und leben in Saus und Braus. Sie lassen keine Party aus. Auch wenn sie auf dem Festland stattfindet. In einem solchen Fall engagieren sie Aushilfspflücker, die sich um die anstehende Arbeit kümmern.

Ich lebe sowieso politisch korrekt. Keine Bananen. Keine Drogen. Und ich halte Frauen die Tür auf.

Dies nur als Befindlichkeitszwischenbericht.

Welt als Fremdenführer

Die Reichen, solch eine Gruppe, die gibt es, und die gibt es nicht.

Es ist das Geld (vielleicht die Sucht nach dem Geld, oder die bloße Anwesenheit von Geld), das sie verbindet – mehr nicht, obwohl wir sie gerne mit gleichen Charaktereigenschaften ausstatten würden, damit sie fassbar bleiben.

Eine unfassbare Welt, die kann der Mensch nicht gebrauchen, eine, die sich der Logik und der Gründe enthält, eine, die handelt, ohne dass es (zunächst) einen Sinn für uns ergibt.

Wenn ein Haus explodiert, müssen wir einen Täter finden, am besten einen mit religiösem Fanatismus im Gepäck, einen Fanatismus, den wir nachher bei der Befragung auf den Tisch legen, den wir betrachten und obduzieren können, um so den Schlaf, der sich in der nächsten Nacht bitte sehr einstellen soll, nicht vermissen zu müssen.

Die Welt muss mit Worten versehen werden, mit Schildern, auf denen geschrieben steht, was im Inneren einer jeden Sache zu finden sein wird.

Und so wollen wir einen Reichen, der gefälligst gierig und hinterhältig ist, der von seinen Schätzen nichts abgeben will, und der sie hurtig in die Steueroasen verschleppt.

Den Armen aber, den wollen wir als einen guten Menschen sehen (er leidet ja schon genug, da braucht es nicht noch unserer Verurteilung), als einen, der der Umstände halber zum Verbrecher wurde. Er ist uns eine tragische Gestalt, und wenn er einen Schnapsladen überfällt, ist er uns ein Robin Hood, der das Geld an sich selbst – der er der Arme ist – verteilt.

Umstände prägen einen Menschen, seine Umwelt ist die Form, in die er gegossen wird. Und trotzdem hat ein jeder Mensch seine Tiefen, seine Schluchten, seine Höhlen, seine Luftblasen, die wir nicht kennen, und die wir (vermutlich) auch nie kennenlernen werden.

Der Freiheitskämpfer kann ein gemeiner Lump sein, der seine Freude am Töten hat, und den es eben aus Milieugründen in die revolutionäre Bewegung verschlug. Der Reiche kann ein Heiliger sein, der seinem Schein, seinem Hab und Gut nicht entkommen will, weil unzählige Arbeitsplätze, und somit Lebensentwürfe, an seinem Tun hängen.

Viel wahrscheinlicher ist, dass es weder gute noch böse Reiche oder Arme gibt, sondern Menschen, die Richtiges und Falsches tun, weil die Angelegenheit, die man Leben nennt, kein planbarer Spaziergang von drei Metern ist. Das Unwägbare begleitet uns alle: Krankheiten und Liebschaften, Feindschaften, auch das Gemüt, das allzu oft seinen eigenen Kopf durchsetzen möchte.

Die Welt ist da, aber sie ist kein Ort, der sich unaufhörlich selbst erklärt, sondern einer, der geschieht, der angefüllt ist mit Freude und Ekel, mit Gemeinheiten – und mit Klischees.

Wenn es nun eine Aufgabe für einen Schriftsteller gibt, dann die, sich dem Geheimnis anzuvertrauen, es nicht zu hinterfragen, sondern es zu erzählen. Es ist die Kunst, sich, wenn möglich, in jeden Kopf begeben zu können, um dort die Geschichte, die man erzählen möchte, zu erleben, mitzuerleben. (Und mit ihm später die Leser.)

Es darf keine Zurückhaltung geben, keine moralischen Bedenken. Man muss nicht eine jede Geschichte erzählen, aber hat man sich erst für eine entschieden, sollte man sie nicht mit seiner vorgefassten Meinung torpedieren wollen.

Es geht um das Geschehen-lassen, um den Moment, das Andere als Fremdes zu begreifen, von dem man sich abholen und mitnehmen lässt, ohne zu wissen, wo man landen und was geschehen wird.

Der Herr Vogel

Nichts gegen einen Vogel. Nur muss der jetzt schon wieder auf meinem Dach sitzen. Das ist doch keine Art. Ich lauf ja auch nicht auf seinem Nest umher und kack. Da würde der aber fein in die Gegend schauen, der Vogel, wenn ich plötzlich … Sie wissen schon … unerhört! Zumal die Auswahl ja riesig ist. Kann der sich nicht z.B. auf dem Flachdach der Georgs entladen. Die haben mehr Geld als unsereiner zur Verfügung. Aber nein, der Herr Vogel muss sich ausgerechnet mein Dach aussuchen, wo es jetzt schon wie auf einem modernen Kunstwerk aussieht.

Ich bin als Freund der Natur bekannt, aber mal ehrlich: so einen Vogel sollte man abschießen, damit er mal zur Besinnung kommt, der Herr Vogel.

Jetzt bin ich krank

Jetzt bin ich krank. So unendlich krank. Die Nase läuft über. Ich zieh Schleimspuren durchs Zimmer. Da muss man vorsichtig sein, sonst rutscht man auf denen aus. Zack! Schon liegt man, Bein gebrochen, und das nur, weil ich die Nase nicht halten konnte.

Den Nachmittag habe ich mir zerlegen, in kleine Portionen habe ich ihn gelegen, mal auf der rechten, mal auf der linken Seite.

Unterbrochen wurde ich nur von mir. Da niest man sich wach, dass man keine Freude dran hat.

Überhaupt, wenn ich mir im Spiegel begegne, bekomme ich einen Riesenschreck, weil da die pure Röte durchkommt. Die Nase sieht aus, als hätte ich sie mir schlagen lassen. So etwas könnte auch vom jahrelangen Alkoholkonsum kommen. Schnell gerät man in eine Beweisnotsituation. Von Amazon hab ich auch was verlinkt, da muss ich mich nicht wundern, wenn mir heute Abend noch einer die Scheiben einwirft.

Scheißtag!

Die Entführung

Wie der Karl so auf seiner Bank sitzt, neben sich das Kataloggrabmal, denkt er an die wunderbare Zeit mit seinem besten Freund Herbert, von dem er nicht weiß, wo er steckt. Ein Freund, das ist was Besonderes. Eine Abwechslung ist das. Mit einem Freund ist man nicht allein, nicht so wie jetzt, wo der Karl sich Sorgen machen muss, weil der Herbert wohl in der Nacht aufgestanden ist, um irgendwas zu treiben. Oder auch nicht. Der Karl weiß es ja nicht genau.

Es könnte auch sein, dass Herbert von Indianer entführt wurde. Die sind hundsgemein und tragen Federschmuck im Haar. Sie haben ihren Hass, den sie im Laufe der Jahrhunderte gegen die Texaner entwickelt haben, weil die Indianer, das hat er von seinem Vater einst erzählt bekommen (der gute Mann saß auf dem Klo und palaverte durch die Tür hindurch, weil sie keinen Fernseher im Stillen Örtchen hatten und er sich ja irgendwie die Zeit vertreiben musste, und da erzählte er dem Karl und seinem Freund Herbert von den elenden Rothäuten) einst die Besitzer von all dem Land hier waren. Aber dann kamen die Weißen aus der Stadt und schossen die Wilden mit ihren Spielzeugrevolvern tot, nicht wenige, da mussten Massen vom Erdboden verschwinden.

Jetzt kann es ja sein, dass einer der Hinterbliebenen von einem erschossenen Indianer Rache nehmen will und nach dem Skalp von so einem Texaner giert.

Karl schließt die Augen und sieht es genau vor sich. Zahllose der räudigen Hunde schleichen sich in der Nacht an den Grenzposten heran. Wie Schlangen kriechen sie durch das baumhohe Gras, wie Regenwürmer zischen sie durch das Erdreich. Wenn es darauf ankommt, können sich die Indianer verdampfen und als Nebel durch die Schlüssellöcher kriechen. Sie können zu Wolken und zu Büschen werden, weil sie einen miesen Vertrag mit der Natur geschlossen haben. Eine Art Teufelspakt.

Und so wird es auch in der Nacht der Entführung gewesen sein. Bestimmt, sinnt Karl, haben sie das Grenzhaus schon seit Tagen beobachtet. Vielleicht sogar seit Jahren. Eine Entführung will gut durchgedacht sein, die will minutiös geplant sein, obwohl die Strategiecoolness den Wilden ja nicht im Blut liegt. Karl weiß zumindest nichts davon. Sie sind eher angemalte Krieger, die mit Geheul in die Schlacht ziehen. Mails schreiben sie auch keine, sondern geben sich Rauchzeichen.

Ins Haus kamen sie also als Nebel, das hat der Karl nun schon mal recherchiert. Im Haus haben sie sich in Pantoffeln verwandelt, weil die angenehm zu tragen und leise sind. Als Pantoffelhelden sind sie die Treppe nach oben geschlurft. Vielleicht haben sie sich die Bilder an den Wänden angesehen. Alte Fotografien, die den Karl in Unterhose zeigen, schreiend. Das Bild hat Karls Mutter besonders gemocht. Oder Karl am Strand, weiter hinten im Wasser steht Herbert und schneidet eine Grimasse.

Dann sind die Pantoffelindiander weiter, weil sie ja nicht zum Spaß hier waren, sondern um so einen weißen Eindringling zu kidnappen. Sie tun das nicht des schnöden Geldes wegen. Weiße lassen sich prima an den Marterpfahl binden und verhöhnen. Die Weißen haben so viele Untaten auf ihrem Gewissen, da kommt man aus der Anklageschrift nicht mehr raus. Für jedes Verbrechen darf man ihnen ein Nasenhaar rausziehen, einfach so, ohne Betäubung. Indianer sind Gefühlskrüppel, das weiß doch ein jeder.

Sie sind als Rauch ins Schlafzimmer und haben sich über die beiden Körper gebeugt.

Karl zittert jetzt auf seiner Bank, weil er alles sehen kann. Sie haben sich den geschnappt, der etwas bösartiger und hässlicher aussieht. Aha, denkt Karl, daher den Herbert.

Sie haben ihn sich unter die Nebelarme geklemmt und dann ab, was nicht so einfach war, weil sie den Herbert nicht durch das Schlüsselloch bekamen. Der war nämlich noch kein Nebel. Scheiße, haben die Indianer geflucht. (Indianer haben das Fluchen erfunden, auch das Kinderkriegen, das Skalpieren, das Rauchen, das Schminken und das Kinder-lustvoll-machen.)

Also musste erst einer der Indios als Rauch vor die Tür, um sich dort umständlich zu materialisieren. Der hat die Tür geöffnet und den Herbert in Empfang genommen. Draußen haben sich alle in ihre Alltagserscheinungen zurück verwandelt. Wie die Waldläufer sind sie in den Wald gerannt, den schnarchenden Herbert als Teppichrolle zwischen sich. (Herbert hat einen gesegneten Schlaf, den bekommt so schnell keiner wach, da muss schon eine Atombombe fliegen oder eine Mücke ihn stechen, dass er wach wird.)

Hinaus in den Wüstenwald haben sie ihn getragen, tief in die Baumbestände, dort, wo sich nur die Indianer auskennen.

Karl schreckt aus seinen Visionen auf. Er muss was tun. Er springt auf, sein Kreislauf will sitzen bleiben, also gehorcht Karl.

Der arme Herbert, denkt er. Der ist jetzt da draußen und bekommt die Nasenhaare gezogen.

Ein ausgewachsener Schläfer

Der Erich M, wenn ihr euch noch erinnert, hatte stets einen tiefen Schlaf, der war so tief, so abgrundtief tief, dass seine Frau jeden Morgen fürchtete, sie würde ihn nicht mehr unter die Lebenden bekommen, also unter die Wachen bzw. unter die, die zur Arbeit gehen.

Es wäre mehr als tragisch gewesen, hätte sich Erich M eines Tages dazu entschieden, nicht mehr zu erwachen, sondern bis zum nächsten Sonntag in fünf Jahren zu schlafen. Dann hätte seine Frau mit den drei Kindern ein mehr als ausgewachsenes Problem gehabt, denn das waren andere Zeiten, in denen eine Frau auf dem Land noch aus vollem Herzen abhängig von ihrem Mann sein musste, wollte sie nicht verhungern. Da wäre auch kein soziales Netz gewesen, um sie aufzufangen. Die Leute hätten sie verächtlich angesehen und mit den Fingern auf sie gezeigt, bis sie kein Mensch mehr gewesen wäre, sondern ein Hinweisschild. Die Vorwürfe, warum sie ihren Mann nicht aus dem Schlaf bekäme, hätten sie irgendwann sicherlich aufgefressen. Schläfer waren damals nicht gern gesehen, Tiefschläfer gingen gar nicht.

Und sie versuchte wirklich alles, um ihren Mann Erich M vom Schlafen abzuhalten. Das Blasorchester wurde engagiert, die mussten sich ihre Finger unter seinem Fenster wund spielen, bis die Familie bald schon ganz taub von dem eifrigen Trompetenspieler war, der seine Soli ins Wohnzimmer verlegte.

Nach der Musik kamen die Drohungen. Sie sagte ihrem Erich, der kaum noch auf den Beinen stehen konnte, dass sie ihn verlassen werde, würde er auch nur ein Auge schließen. Der Schlaf sei für die Toten. Er solle sich gefälligst wie ein Lebender benehmen und sie hier und jetzt im Flur besteigen. Drei Kinder brachten diese Wachhaltversuche noch hervor, dann verstarb der Erich plötzlich an einem kalten Wintermorgen. Er fiel mit einem Gähnen aus seinen Latschen und schlief sich endgültig aus, so wie er bzw. sein Körper es sich gewünscht hatte.

Die Witwenrente war nicht hoch, aber sie reichte zum Überleben, zumal Frau M als Witwe im sogenannten „Witwenclub“ aufgenommen wurde. Das war eine Vereinigung von Frauen, die durch das Dorf zogen, die Lippen von einem leichten Lächeln umspielt, und die nichts anderes taten, als dem Leben ihrer Dahingegangen zu gedenken. Anekdote auf Anekdote zogen sie aus ihren Hüten, bis schließlich jede von ihnen mit einem Nobelpreisträger verheiratet gewesen war. (Oh Wunder der Erinnerung!)

So löste sich am Ende eben doch noch alles in Wohlgefallen auf.

Das totale Lachen

Wenn Fasching in Fulda ist, verkleiden sich die Menschen. (Ihr kennt das bestimmt, weil ihr schon mal hier wart, und wenn ihr Fulda noch nicht besucht habt, dann kennt ihr sicherlich die Theorie, dass alle Menschen ursprünglich aus Fulda kamen. Sie zogen in die Welt und besiedelten sie, und so kam es, dass es irgendwann überall kleine Städte von Fuldaern gab, die wuchsen und wuchsen, bis sie Köln und New York hießen.)

Während der Faschingszeit wird ungeheuerlich viel Alkohol getrunken, mehr als das ganze Jahr über. Die Leute laufen in Verkleidungen umher und lachen und trinken, bis sie ganz erschöpft von der übermäßigen Freude sind. Es gibt sogenannte Märsche, weil Fasching auch eine Art Krieg ist. Der Spaß muss in jeden Haushalt getragen werden, sodass man die Türen derer aufbricht, die sich nicht an dem Geschrei und den Reden beteiligen wollen. (Solche Wohnungen werden zwangsbelacht.)

Reden sind der nächste wichtige Bestandteil. Über alles macht man sich lustig, über die Politiker, die sich natürlich auch über sich selbst lustig machen müssen, weil sie sich das ganze Jahr über die Bürger lustig machen. Es ist so lustig, dass es rasch ernst werden kann. Plötzlich zieht man zu später Stunde einem, mit dem man über Stunden hinweg gelacht hat, eine halbleere Flasche Bier durch das Gesicht, weil er etwas gesagt hat, dass einem so nicht in den Kram passte. Vielleicht etwas über die eigene Frau. Dass er die Grünen wählt. (So etwas kommt hier in Fulda nicht gut an.) Da kann man schon mal durchdrehen. Soweit also alles verständlich. Die anderen sehen kurz hin, aber schon nach ein paar Minuten lacht man wieder aus vollem Hals. Der, dem die Flasche einen Strich durch die Abendunterhaltung machte, ist längst von ein paar Schuldirektoren, die sich als Sanitäter verkleidet haben, abgeholt und hinter einem Busch abgelegt worden. Da kann er schreien, ohne dass er die wirklich lustigen Menschen  belästigt.

Getanzt wird auch, viel und ausgiebig, Drehung um Drehung, damit es das Bier und die Schnäpse leichter haben, aus dem Mund auf den Busen seiner Partnerin zu laufen. Die nimmt es locker, weil Fasching ist, und wischt die Brocken mit einem Kichern fort. Wo gekotzt wird, ist es schön, denkt sie, und tanzt weiter, bis in den Morgen hinein, in die ersten Sonnenstrahlen, die keinem passen, denn was soll man mit einem Morgen, wenn man nicht mal richtig besoffen ist.

Aber kommen erst die Gardemädchen, ist man nicht mehr zu halten, dann laufen den alten Männern, die sich als junge Männer verkleidet haben, die Säfte in den Hosenställen zusammen. Die jungen Damen werfen die Beine nach oben, als würden sie sie nicht mehr benötigen, als müsse man sein Bein unbedingt noch in dieser Nacht loswerden, als würde es Schläge zu Hause setzen, wenn sie mit ihren beiden Beinen wieder auftauchen. Also geben sie nicht auf, sie werfen die Beine ohne Unterlass, bis sich endlich das erste löst und dem Bürgermeister an die Stirn knallt. Dann johlen alle, und das Mädchen mit dem einen Bein strahlt ihre Kolleginnen an, die daraufhin noch wütender tanzen, denn was die geschafft hat, wird ihnen schon auch noch gelingen. Sie springen in die Luft und landen im Spagat. Kein Gesicht verziehen sie, hat ihnen die Trainerin doch im Vorfeld alle Knochen brechen lassen. Eine lustige Zeit ist es, man muss es betonen, damit hier nicht ein falscher Eindruck entsteht.

Fasching in Fulda. Das solltet ihr nicht verpassen.