Buchtipp

Heute: „Der Eimer“ von Jochen Senfbold

Der Roman „Der Eimer“ von Jochen Senfbold ist durchgehend aus der Ich-Perspektive eines Eimers erzählt. „Als ich ihn schrieb, war ich betrunken und überzeugt, alles zu wissen, was man über Eimer wissen muss“, sagt Senfbold in einem Interview mit „Literatur und Haushaltswaren“. Und er fährt fort: „Heute würde ich es nicht mehr wagen, aus der Perspektive eines Eimers zu erzählen. Ich trinke auch längst nicht mehr so viel.“
„Der Eimer“ berichtet aus dem Leben des Metalleimers Robert, der die meiste Zeit unbeachtet in der Ecke eines Kellers steht (Seite 7 – 356), bis er eines Tages von einer Frau entdeckt wird, die sich in ihn verliebt. „Sie streichelte zärtlich meinen beweglichen Henkel, so lange, bis er senkrecht nach oben stand. Sie nahm mich an diesem Abend mit in ihr Bett. Wir liebten uns. Sie sagte, dass ich der wunderbarste Eimer sei, mit dem sie je geschlafen habe.“
Nach der Nacht endet der Roman. Was aus den beiden wird, bleibt offen.
„Literatur und Haushaltswaren“ schreibt: „Tollkühn in der Inszenierung mit einigen Durststrecken auf den Seiten 7 bis 356. In jedem Fall eine Empfehlung für alle Freunde von Romanen, die sich mit Gegenständen beschäftigen, in denen man etwas transportieren kann. Zwei von neun Gartenscheren.“

Aus meiner momentanen Lektüre

Bärbel Lodenbach schaute die Freundin glücklich an.
„Jetzt müssen wir wohl Abschied nehmen, was?“
Gustl, die so hieß, weil ihr Vater gehofft hatte, dass sie ein Junge wird, lächelte.
„Das will ich doch hoffen, du blöde Kuh.“
Bärbel strich über ihr Dirndl.
„Hoffentlich kommen wir zwei nie wieder zusammen, Gustl. Hab ich dir eigentlich gesagt, dass ich mit deinem Mann im Bett war?“
Die Gustl winkte ab.
„Mit dem Heidi? Mit dem war doch schon jede im Bett“, sagte sie.
Heidi hieß so, weil sein Vater gehofft hatte, er würde ein Mädchen.
„Ein voller Reinfall war der“, sagte Bärbel Lodenbach.
„Das hätte ich dir auch vorher sagen können. Hättest halt bloß mal fragen müssen.“
Die beiden Freundinnen warfen sich eilig noch einen giftigen Blick zu, bevor Bärbel in den Zug nach München stieg.

Aus der Heftromanserie „Der Almdoktor“ die Folge 478 „Ich glaub dir kein Wort mehr, blöde Kuh“

Aus meiner momentanen Lektüre

Warum zum Teufel habe ich nicht geputzt?
Das waren sie also wirklich, die letzten Gedanken im Leben eines Menschen. David konnte es nicht fassen. In einem Buch hatte er gelesen, dass das Leben noch einmal vor einem ablaufen würde. Wie ein Film. Unsinn. Während das Blut aus seinem Hals pulste, sah er sich um. Er hatte nicht geputzt. Es sah fürchterlich aus. Er stolperte zum Telefon. Er musste Maggie anrufen. Sie konnte ihm helfen, sie könnte ihm einen Lappen bringen. Und es wurde nicht besser. Er verlor Unmengen Blut. Gott, das bekomme ich doch nie weg. Maggie … sie …
Er stieß mit dem Knie gegen den Tisch. Ein Teller vom Mittag knallte auf den Boden. Das auch noch. Das Fett würde seinen Teppich ruinieren. Ihm wurde schwarz vor Augen. Jetzt nicht, dachte er. Der Lappen. Maggie musste ihn bringen.

Aus Kevin Olofsons „Dreckiger Tod“

Vergriffen

Wir bauten für unsere Toten Gestelle, in die wir sie setzten. Wir nannten diese Gestelle Mofas. Mit den Mofas sollten sie schneller ins Jenseits kommen, was von unserem Häuptling angezweifelt wurde, der meinte, dass Motorräder viel mehr PS hätten. Bis wir solche bauten, dauerte es allerdings noch zwei Generationen.

Aus “Riten der Taka-Taka”, Sachbuch, vergriffen

Als Meisterdetektiv war es Sherlock Holmes gewohnt, niemals zu schlafen. Wenn sich London zu Bett begab, setzte sich Holmes an den Kamin, um dort, die Augen der Schonung wegen geschlossen, über dies und das nachzudenken. Um eventuelle Gegner davon zu überzeugen, er schliefe und sie hätten leichtes Spiel mit ihm, imitierte er gar ein Schnarchen, und er tat dies so täuschend echt, dass Watson Nacht für Nacht hellwach in seinem Bett lag, nicht ohne seinen Freund und dessen exzentrische Angewohnheiten zu verfluchen.

Aus “Sherlock Holmes und das Geheimnis der Frau in Gelbblaurotorange”, Roman, vergriffen

Teddy hatte uns verpfiffen. Wir wussten es von Schildkröte, den die Informationen seinen Panzer gekostet hatte. Also holten wir Teddy am Morgen ab. “Eine kleine Spazierfahrt, Teddy.” Da wusste er wohl schon, was ihm blühte. Kein Geschrei, einfach nichts. Und als wir ihn schließlich aufknöpften, ergab er sich seinem Schicksal. Er wird mir fehlen, dieser kleine Bär, der so verflucht süß sein konnte. Wenn er einen mit seinen Knopfaugen ansah, konnte einem ganz anders werden. Aber kein Kuschelhase, kein Bär, kein Reh sollte sich in die Geschäfte von Esel mischen. Ich miaute ein letztes Mal und fuhr davon.

Aus “Aufruhr im Kuscheltierland”, Kriminalroman, vergriffen

Lieber Nanook, der kleine Nunu wird täglich kräftiger, und dies ist einzig dem von dir erlegten Seehund zu verdanken, dessen Fleisch ihn stündlich wachsen lässt. Es kommt mir vor, als wäre etwas in den Brocken, das sich direkt auf seinen Körper auswirkt. Wenn es nicht verrückt klingen würde, müsste man von einem Wunder reden. Hoffentlich kommst du bald aus der Stadt zurück. Die Nächte sind kalt, und ich habe das Gefühl, dass uns etwas beobachtet. Vermutlich liegt das an der Einsamkeit. Deine Annuk

Aus “Der Seehund”, Erzählung, vergriffen

Madame, eine edle Katzendame, wie sie in dieser Welt nicht mehr zu finden ist, legte bei Tisch Wert auf Etikette. Den Kopf in den Milchtrog zu stecken, das war nichts für sie. Auch kletterte sie nie über die Dachrinne, obwohl sie des nachts gerne mal im Geäst eines der Bäume saß, die noch heute ihren Park schmücken. (Es ist kaum zu glauben, dass die Zeiten der Katzenwesen wirklich vorbei sein sollen.) Die Zahl ihrer Liebhaber, so munkelt man, überstieg die Finger einer Menschenhand bei weitem; nur Nachwuchs gebar sie nicht, wohl einer Krankheit wegen, die sie sich im Kongo eingefangen hatte. Madame Penelope lebte neun Leben über mehrere Jahrhunderte, bis sie schließlich im Jahr 1931 von einem Lastkraftwagen überrollt wurde, den sie ihrer schlechter werdenden Augen wegen übersah.

Aus “Madame Penelope”, Biografie, vergriffen

Jürgen, mein Sohn, saß am Tisch und verweigerte das Essen. “Das ist gute Blutsuppe”, erklärte ich ihm. “Abgezapft von unzähligen Babys, die ich heute Nacht entführt habe.” Ich zeigte auf die Leiber, die im Mondlicht silbern aufglänzten. “Nein, nein”, beharrte Jürgen. “Ich habe mit dem Thema abgeschlossen. Ich bin ab sofort Veganer.” Ich lachte laut auf. “Jürgen, wir sind Vampire, sieh das doch endlich ein.”

Aus “Blutsuppe”, Roman, vergriffen

Maja ist das schönste Mädchen der Welt. Niemand kann so wunderbar herzausreißend töten wie sie. Wenn sie einem Jungen den Kopf abbeißt, macht sie mich unendlich stolz. Wir sind eine eigenwillige Familie, die viel umzieht. Wir treiben wie Holzplanken auf der Zeit, die Wellen der Jahrhunderte tragen uns voran. Heute leben wir in London. Wenn der Nebel kommt, gehen wir auf die Jagd. Die ganze Familie. Wir lieben uns. Und nur das zählt.

Aus “Maja”, Erzählung, vergriffen

Und wie ich auf meinem Balkon saß und in den Himmel blickte, sah ich einen Engel, der die Form einer Wolke angenommen hatte. Und er sprach zu mir: „Du musst eine Luftspiegelung sein. Die Menschen sind nämlich eine Erfindung der Götter.“ Ich setzte mein Glas ab und erhob meine Stimme: „Ja, du siehst mich doch. Da muss es mich doch auch geben.“ – „Eine Psychose“, sagte der Engel und schwebte weiter.

Aus „Die Erfindung des Menschen“, Roman, vergriffen

Wie ich an diesem Morgen stocksteif auf meinem Stuhl saß, dachte ich darüber nach, wie sich ein Stuhl wohl fühlen muss. So ausgesetzt, meinem Hintern ausgeliefert. Ein Leben, das für den Arsch ist. So saß ich und verfiel in Trauer.

Aus „Der Stuhl, das armselige Wesen“, Erzählung, vergriffen

BLUTSUPPE

Jürgen, mein Sohn, saß am Tisch und verweigerte das Essen. „Das ist gute Blutsuppe“, erklärte ich ihm. „Abgezapft von unzähligen Babys, die ich heute Nacht entführt habe.“ Ich zeigte auf die Leiber, die im Mondlicht silbern aufglänzten. „Nein, nein“, beharrte Jürgen. „Ich habe mit dem Thema abgeschlossen. Ich bin ab sofort Veganer.“ Ich lachte laut auf. „Jürgen, wir sind Vampire, sieh das doch endlich ein.“

Aus „Blutsuppe“, Roman, vergriffen

Sherlock Holmes

Eines Tages sagte Holmes: „Es regnet!“
„Wie kommen Sie darauf?“
Er zeigte auf die Scheibe, auf die Tropfen, die sich an sie klammerten, dahinter eine Welt, auf die Regenfäden niedergingen.
Seine logischen Rückschlüsse überraschten mich immer wieder.

Aus „Sherlock Holmes und das Rätsel der dunklen Wolken“, Roman

Holmes liebte Ostern. Er liebte es, in seinem Sessel zu sitzen, um von dort all die Eier, die ich erst noch verstecken würde, durch reines Nachdenken aufzuspüren.
„In der chinesischen Vase befindet sich ein grünes Ei“, sagte Holmes und lächelte mich überlegen an.
Ich stand auf, ließ das Ei aus meinem Ärmel in die Vase gleiten, um es im nächsten Moment hervorzuzaubern.
„Fast! Es ist gelb“, sagte ich. „Wie machen Sie das nur, Holmes?“
Holmes lehnte sich zurück, schien aber auch ein wenig enttäuscht, immerhin hatte sich sein unbestechlicher Geist in der Farbe des Eis geirrt.
„Die nächsten Eier“, überlegte er, „befinden sich zwischen den Sofakissen. Ein rotes und ein blaues.“
Ich stand auf, um ihn seine Eier finden zu lassen, auch wenn die Farben wieder nicht zutreffen würden. Zumindest war Holmes zufrieden, und mir rettete es den Tag, der nicht von seiner schlechten Laune zerschossen wurde.

Aus „Sherlock Holmes und die Osterhasenbande“, Roman

Mit wippenden Füßen

Als ich Zadie das letzte Mal anrief, ging keiner ran. Vermutlich stand sie unter der Dusche oder schrieb. Ich wollte ihr erzählen, dass ich ihren letzten Roman London NW gelesen hatte, darüber, wie es ihren Protagonisten Leah, Michel, Natalie, Nathan, Felix ergangen war, und ich wollte darüber sprechen, dass London NW inzwischen überall ist, wenn auch ein wenig mehr NW in NW steckt als im Rest der Welt, was ich aber nur vermuten kann, weil ich nie dort war.

Das ist das Problem und die Schönheit, weil Exotik eines Romans, dass man sich einlassen, fallen lassen muss, um am Grund eines Buches aufzuschlagen, am besten mit Schürfwunden, damit man die Geschichte auch körperlich liest.

Als ich Zadies Buch aufschlug, war das erste, was mir entgegenschlug, ein bedrückendes Gefühl der Schwüle, der Unbeweglichkeit, der Zeit, die nicht vergeht, aber vertan und gefüllt werden will. Wie wir alle träumt Leah, die mit Michel verheiratet ist, davon, das Glück zu finden. Es mit ihren Nägeln aus dem Sud zu schaben, in dem sie lebt. London NW ist zu einem Schmelztiegel geworden, in dem die Hautfarbe kaum noch eine Rolle spielt. Der Anpassungszwang, der Wille, sich zu integrieren, schafft am Ende die gleichen Wirtschaftsmonster. Kommunismus als Endziel innerhalb des Kapitalismus. Alle sind gleich, bleiben aber nur gleich, wenn sie das Ziel haben, noch gleicher als alle anderen zu sein.

(Na, wenn ich mich da jetzt mal nicht in ein Knäuel verworrener Gedanken geschrieben habe.)

Die Sprache, noch ein Wort zu ihr, weil ich das Zadie auch sagen wollte. Sie ist gekonnt, so gekonnt, dass es manchmal fast zu handwerklich aussieht. Aber wenn sie rappt, wenn sie alles auffängt, was ihre Figuren sehen, wenn es zu einem jazzigen Anspielen aller Lebensseiten kommt, wenn Müll, Schilder, Gestank und Gedanken sich vermischen, ist es wunderbar. Man lauscht der Textmelodie und wippt mit den Füßen, mit der Gewissheit an etwas ganz Großem teilzuhaben. Das Buch wird zu einem verrauchten Club, in dem man sich an Leute lehnt, um ihren Storys, die sich mit der Restatmosphäre vermischen, zu lauschen.

Leah will ein Kind, flüstern sie, lässt abtreiben, liebt Michel, sie stammt von Pauline, die ihren kleinen Rassismus pflegt, sie stammt aus Caldwell wie Felix, der den Drogen entkommen ist dank Grace, der sich nicht entkommen kann, nicht seinem Körper.

Am Ende könnte man das Buch auch wie einen Film nennen, den ich kürzlich sah: PRISONERS. Alle sind sie gefangen, in sich, den Lebensumständen, den Anderen, der Herkunft, und alle strampeln sie, um vor dem Tod noch gelebt zu haben.

Ein aktueller Roman, kühn und kühl und angefüllt mit Klang. Das alles wollte ich Zadie erzählen, als ich anrief, aber sie nicht abhob, weil sie gerade unter Dusche war oder schrieb.

Egal wann du das hier liest, und auch wenn es schwer über das Googleübersetzungsprogramm wird, einen Sinn darin zu erkennen: DANKE!

Ich verdrück mich mal – 17 Gründe für den Selbstmord

Sich der Endlichkeit entledigend, dieses leidigen Themas Leben, entleibte sich Martin Z. am 2. Dezember 1970, nicht ohne zuvor einen letzten Blick in sein Arbeitszimmer geworfen zu haben, das ihm einen wohligen Schauer über den Rücken jagte, sah er sich doch tot in der mehr als idealen Lage, nicht mehr aufräumen zu müssen. Hätte er doch nur früher geahnt, wie leicht man der Mühsal der Arbeit entfliehen konnte, er hätte sich bereits vor dreißig Jahren aus dem Chaos seines Kinderzimmers mit einem Strick befreit. Aber wie seine Mutter gern zu sagen pflegte: „Lieber spät, als nie.“

Aus „Ich verdrück mich mal – 17 Gründe für den Selbstmord“, vergriffen