Zerstörte Zeitgläser

3 Gedichte von Frank Levoi

Das Aroma der Wut

Ich werde mich abfackeln,
werde zur Glut meiner Texte.
Ich liege mit meinem Skelett
eng an eng.
Schlafe mit mir
und meinem Tod.
Ich verteile mich
in meine Lungen, meine Zunge.
Schmecke mein Blut,
das Aroma der Wut.

Rote Stunden

Er kriecht durch Eisenbahntunnel,
ein Zeitnomade,
frisst Gedankenströme,
die in den Zügen hocken,
Zeitung lesend, verwesend
am lebendigen Leib.
Den Geruch des Todes
schüttelt er aus seinem Mantel,
Staub, der fällt, Milliarden Körner,
die sich zwischen die Schienen setzen,
zwischen seine Zähne, die er
schmeckt, leckt, bis seine Zunge
rot
vom Tod ist.

Tödliche Automatismen

Automaten wachsen hinter seinem Haus,
rote, gelbe, blaue Automaten sprießen
in seinem Kopf.
Er steht am Fenster, im Leerlauf.
Sein Mutter im Bett, sterbend,
mit einem Motorbrummen, ganz tief.
Er muss den Antrieb finden, den
Motorblock durchsuchen, dieses ganze
Haus aus Schmerzen und Insekten,
aus Köpfen und Rümpfen.
Ein erster Schluck Formaldehyd,
um sich einzubalsamieren.
Ein paar Augen huschen am Fenster
vorüber.
Ein trüber Morgenbrei in seiner Hirnschale.
Er muss ihn auslöffeln.
Gas verlässt den Körper.
Die Wäsche des Todes, die Totenhemden,
alles flattert faulend im Verkehrswind
durchreisender Geister, die sich
nach den Automaten bücken, die rot, gelb, blau
vergehen.

© Frank Levoi

Aus Levois Gedichtband „Zerstörte Zeitgläser“ ( aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Rohm)

Georges Rameau in Frankfurt

Was sich so alles in Frankfurt rumtreiben wird. Erschreckend!

Georges_Frankfurt

„Am liebsten drehe ich Gedichte ein. Gedichte brauchen Luft. Sie müssen wirbeln. Die Worte bekommen Schwung. Wenn ein junger Dichter zu mir kommt und darum bittet, dass ich seine Gedichte „behandle“, bekommen die meisten erst mal eine Kurpackung. Ich überlege, ob wir den Farbton ändern. Gedichtkunst hat etwas mit Kürzen zu tun. Wenn die Spitzen kaputt sind, ab damit.“ Georges Rameau

Steueraffäre

Kleine Kostprobe aus meinem kommenden Supergedichtband „Liebe ist auch keine Lösung“:

Steueraffäre

Nie hätte ich das gedacht.
Es passierte an
der englischen Küste.
Ich begann eine Affäre
mit dem Steuer meines
Autos.
Rechts angebracht.
Vielleicht war das
der Kick,
nach dem ich so
viele Jahre
vergeblich
gesucht hatte.

Tolle Heiligabendgedichte II

Wir warten aufs Christkind

Ja, wo ist es denn?
Ich tippe
mit den Fingern auf die Tischplatte.
Kein Christkind zu sehen.
Rasch ein bisschen Staub wischen.
Eine Packung Chips essen.
Christkinder haben scheinbar
Zeit, weit ist der Weg,
den sie zurücklegen müssen.
Ah, es hat geklingelt.
Fehlanzeige. Kein Christkind.
Dafür ein Nachbarskind.
Gut, nehmen wir auch.
Und schon singen wir
entzückt von der Ankunft
des Nachbarkinds.
So hat sich die Warterei
wenigstens gelohnt.

Morgenblues

Ja, das kann schon
passieren,
dass dich Morgenblues hat.
Da hilft nichts.
Da muss man durch.
Müsli mit Whiskey.
Das ist eine Möglichkeit.
Oder das Bett anzünden.
Mach das, Mann,
zünde das verdammte Bett an.
Aber räum die Matratze vorher
raus,
die war teuer.
Ja, das ist der Morgenblues.
Der Morgenblues, der Morgenblues.
Ende.