Montag

Hier in der Provinz ticken die Uhren anders. In der Provinz meiner Wohnung ticken sie gar nicht. Uhren haben hier kein Bleiberecht. Deshalb wurden sie schon vor langer Zeit verbannt. Die Zeit hat nur die Macht, die ich ihr zugestehe. Es kommt auf die Fantasie an. Die malt meine Tage an. Wenn ich mir wünsche, dass heute der Montag der letzten Woche ist, wird er es sein. Ich muss nicht einmal aufstehen, um ihn auferstehen zu lassen. Da kann ich gemütlich in meinem Bett verbleiben und die Türen schlagen lassen, dass ich wach von all dem Lärm würde.

Und auch wenn die Schwarzen jetzt einen sensationellen Gewinn eingefahren haben, mich kümmert das nicht, weil ich in meinem Kopf den idealen kommunistischen Staat gegründet habe. In dem funktioniert alles so gut, dass mir manchmal schon ganz schlecht von der Gutmütigkeit der Leute wird. Wenn das geschieht, ziehe ich mich, in meinem Traumbett liegend, in die Welt der Realität zurück.

Ich lasse mich mal keinen Literaturpreis gewinnen, denn nur gewinnen, das macht auch niemand glücklich auf Dauer. Ich lasse mich stolpern, dass es mich Lachen lässt, laut und schallend. Wer immer nur geradeaus läuft, wer nie fällt, der weiß den aufrechten Gang irgendwann nicht mehr zu schätzen. Im Sturz liegt die Würze des Laufens. Wenn man sich aufraffen muss, überkommt einen die Sehnsucht nach der Balance.

Wäre ich ein Drahtseilartist, ich würde in die Tiefe segeln wollen, um die Höhe meiner Arbeit wenigstens einmal im Leben spüren zu können.

Guten Morgen, Welt!

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Dienstag II

Dienstag. Tatsächlich. Ein Blick auf den Kalender bestätigt meinen Verdacht.

Und sonst so? Zurück vom Italiener. Keine Pizza, dafür Nudeln, gefüllt mit Spinat und Käse. Nachher noch einen Espresso.

Wir saßen die ganze Zeit über draußen, obwohl drin auch noch Plätze waren, und das, obwohl es unanständig heiß war. Inzwischen hat es abgekühlt. Wir haben uns deshalb jetzt auch ausgezogen, nicht ganz, wegen der Nachbarn, die sich letzte Woche ein neues Teleskop für ihren Balkon gekauft haben. Das Rohr ist die ganze Zeit über auf unsere Wohnung gerichtet. Das würde dauern, bis man die ganzen Breiten- und Längengrade der Sterne einprogrammiert hätte, erklärte mir der Mann der Frau, die neben uns wohnt. Abends sitzt er draußen und programmiert. Manchmal fordert er meine Frau auch auf, sich luftiger anzuziehen. Ich vermute, da steckt mehr dahinter.

„Das ist doch sexistisch“, sagte meine Frau Bettina (Name geändert) erst gestern Abend zu mir.

„Na, übertreib mal nicht gleich. Lass mal die jungen Pferde im Stall. Der Mann von der Frau, die neben uns wohnt, meint es eben gut mit dir. Der will nicht, dass du zerfließt. Also zieh das Hemd aus.“

„Guido!“

„Jetzt!“

Sie hat es nicht getan, weil Frauen ihren eigenen Kopf haben. Verstehe mal einer die Frauen.

Egal. Heute werden wir uns noch einen guten Film gönnen, weil man genau überlegen muss, wie man seine Freizeit verbringt. Daher sehen wir uns nur gute Filme an.

Guten Abend, Welt!

Donnerstag

Wenn ich nachdenke, drehe ich diverse Runden durch die Wohnung. Ich halte den Kopf  schief und marschiere los. So wie gestern.

„Du denkst ja schon wieder nach“, sagte meine Frau.

„Lass mal“, antworte ich ihr. Ich tippte mit dem Zeigefinger an meine Stirn. „Der alte Gulliver will etwas ausgeführt werden.“

„Gulliver?“

„Das stammt aus einem Roman von Burgess. Egal. Ich muss jetzt nachdenken.“

„Du denkst viel zu viel nach!“

Abrupt blieb ich stehen.

„Man kann nie zu viel nachdenken“, sagte ich. „Das unterscheidet uns von den Geheimdiensten, vom CIA und vom ZDF, von all den Geheimorganisationen, die sich nicht mal einen eigenen ausgeschrieben Namen leisten können.“

„Immer höre ich AOK und CIA. Du solltest dich mehr um mich kümmern.“

Sie stellte ihr Bein auf einer Milchkanne ab und strich sich lasziv mit einem kleinen Pinsel über die Kniescheibe.

„Was willst du damit sagen?“

„Ich bin eine Frau. Ich habe Bedürfnisse!“

„Sex?“ Ich sah mich verstohlen um.

Meine Frau klimperte mit den Lidern. Sie erinnerte an einen Schmetterling auf Partnersuche. Nein, ich musste mich im Griff haben und marschierte schnurstracks weiter. „Erst muss ich nachdenken“, sagte ich, „dann können wir, wenn du noch Lust hast, auch gerne kopulieren.“

Ja, solche Gespräche fallen mir alle paar Meter in die Arme. Dieses Haus ist ein großes Abenteuer. Man weiß nie, was man als Nächstes sagen oder tun wird.

Guten Morgen, Welt!

Die Gegend

Das kann ja mal vorkommen! Oder? Hey, Sie da – ich hab Sie was gefragt? Sie haben das nicht gelesen? Da fangen wir eben gleich noch mal von vorne an, Sie Plage! Das kann ja mal vorkommen, h-a-b-e ich geschrieben. Haben Sie es jetzt? Gut! Dann kann ich weitermachen. Nur, besser geht es mir durch Ihre Aufmerksamkeit auch nicht. Weil, deshalb schreibe ich Ihnen ja heute! Weil es mir nicht gut geht!

Das kommt heutzutage vor, habe ich gelesen. Eine gewisse Traurigkeit hat sich der Menschheit bemächtigt. Und bei mir hat sie ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Dabei ist ja alles prima! Das Wetter! Hervorragend! Da müsste man eigentlich singen. Und ich? Nix da! Ich sitz da und schau traurig in die Gegend rein. Und juckt die Gegend das? Weit gefehlt. Die Gegend liegt da und ist. Dasein, nennt sich das. Ist da und liegt rum, als ob nichts wäre. Eine ganz oberflächliche Gegend, da werden Sie mir recht geben. Mit so einer Gegend kann man keinen Friedenspreis gewinnen. Einen Krieg auch nicht. Die ist so gut wie … Die … Man könnt sie abschaffen, die Gegend, das würd ihr selbst nicht mal auffallen, so desinteressiert wie die tut.

Da kann es einem ja nicht gut gehen, wenn man in so einer Gegend wohnt, die so wie diese Gegend ist. Jetzt bekommen Sie allmählich eine Ahnung, warum es mir so schlecht geht. Umziehen würde auch nichts helfen, weil die Gegend überall ist. Also die Gegend im Allgemeinen, auch wenn sie woanders anders aussieht wie die Gegend hier. Aber Gegend bleibt Gegend. Das weiß doch ein jeder, der schon mal blöd in die Gegend gestarrt hat. So eine Gegend, die sieht dich an, als ob du nicht da wärst. Die schaut glatt durch dich hindurch. Als ob du auch eine Gegend wärst. Keine Ahnung hat die von einem Menschen.

Ich hab die Schnauze voll. Ich lass mich doch von der Gegend nicht länger ärgern. Ich werd sie ignorieren. Werd mich zurückziehen, hier herein in mein Wohnzimmer. Soll sie doch draußen bleiben und verrotten, die Gegend. Mich juckt das nicht.

In meinem Wohnzimmer wird es mir schon besser gehen. Das Wohnzimmer, das ist eine Art Urlaub von der Gegend. Da kann die Seele aufatmen. Mal in den Fernseher gucken und sehen, was in anderen Gegenden der Welt so los ist. Nur Krieg. Nur Elend! Zugegeben, da kommt man rasch an den Punkt, so schlecht ist meine Gegend gar nicht. Und dann geht es einem auch schon wieder besser. Da kann man auch wieder vor die Tür. Am nächsten Tag. Oder so! Rausgehen! Und die Gegend genießen!

Montag

Wieder so ein Tag voller Angriffe. Die sind ja überall, meine Gegner. Verlasse ich am Morgen das Bad, kauert bereits einer im Dunkel. Mit einem Schrei stürmt er auf mich zu. Das Messer blitzt in seiner Hand auf. „Nimm das, Drecksautor!“ schreit er. Da hilft nur Selbstverteidigung. Also schnell ein Gedicht zücken und den Angreifer ins Jenseits lesen. Er reißt die Arme hoch, dran die Hände, die in den Fingern enden. Die müssen aufs Ohr, ins Ohr hinein. Irgendwie muss er sich retten. Keine Chance. Ich kenne keine Gnade. Trete vor, hacke ihm die Hände ab, um meine Lesung fortzusetzen.

So geht es unentwegt. Bis ich in die Küche bin, musste ich bereits zahllose Kritiker töten. Darauf erst mal ein Toast. Schön mit Butter drauf.

Dann zurück an den Schreibtisch, Weltliteratur verfassen. Mal etwas über einen Frosch, denke ich mir, ich flüstere es so in mich hinein, muss ja nicht gleich jeder hören, was man so weltmännisch denkt. Schon sause ich über die Tastatur. Vier Minuten später ist der nächste Roman fertig. Mann, bin ich erschöpft. Eintüten. An den Verlag!

Ob ich heute noch einen Roman schreiben sollte, frage ich mich. Lass mal gut sein, rede ich auf mich ein. Ein Roman pro Tag genügt.

Und jetzt? Aufstehen und durch die Wohnung laufen. Was man da alles entdeckt. Elefanten. Eine wilde Affenhorde. Ganz schön was los bei mir! Wer hätte das gedacht?

Ich! schreit einer auf, der von sich behauptet, hier zu wohnen. Er hätte was mit meiner Frau. Davon wusste ich gar nichts. Dann will ich die beiden mal nicht stören. Schön leise zur Tür raus, die Treppen runter. Aber nicht übertreiben, flüstere ich noch. Wer weiß, was sonst die Nachbarn denken.

Soll mal einer sagen, so ein Weltliteratenleben sei nicht aufregend.

Bis morgen, Welt!

Freitag

Ich habe schon wieder die halbe Nacht gefeiert. Sie wissen ja wie das ist, bei einem Bestsellerautor meines Schlags! Da kommt ständig einer vorbei und sagt: „Komm, lass uns deinen letzten Überraschungshit feiern.“ Ich hab natürlich gleich die besten Kristallgläser von Oma aus dem Schrank geräumt. Sie sieht es nicht mehr, da kann man das mal machen. Die Kristallkelche reichen nicht. Man stürzt aufgeregt durch die Villa mit den vierhundert Räumen. Das kann dauern. Und verlaufen tut man sich auch. Irgendwo müssen doch die ausgespülten Senfgläser sein! Die Dienerschaft spurtet los. Helle Aufregung, und das eines Gastes wegen, der bereits wieder gegangen ist. Sorgen und Nöte des Bestsellerautors.

Die Dienerschaft (Enrico der Blinde und Frau!) und ich haben eben alleine gesoffen. Bisschen Kokain. Das Übliche.

Spät in der Nacht haben wir bei Thams (dem Kritiker, dem alten Arschloch, der Drecksau, dem räudigen Braunbär) angerufen. Kichernd legten wir auf, meldete sich seine verschlafene Stimme. Enrico der Blinde meint, er bekäme meine Nummer angezeigt. Unsinn. Dieser Pessimist. Auf der anderen Seite erklärt das vielleicht den Rückruf Thams (schmatzend – Thams wie er leibt und kaut) und sein Hinweis auf seine Anwälte, die sich der Sache morgen annehmen würden. (Thams ist ein Spielverderber! Enrico der Blinde schlug mir vor, dass sich ein Cousin von ihm, Valentino der Stumme, der Sache annehmen könnte. „Er würde sich um den Kritiker kümmern!“) Wenn die von der Mafia vorschlagen, dass sie sich um jemand kümmern, liegt er nachher tot in einem Kofferraum. Und wenn ruf ich dann nachts an und beschimpf ihn? Nein, nein, das lassen wir mal.)

Das Koks flog in Strömen. Es war kaum noch auszuhalten. Meine Frau beschwerte sich über den Lärm. So könnte sie nicht schlafen. Ich verwies sie auf den Westflügel. Dort würde man bestimmt nichts mitbekommen!

Und jetzt ist Freitagmorgen und ich sitze ausgebrannt wie ein Kohleofen ohne Koks auf meinen vier Buchstaben und füttere mein Onlinetagebuch in den „Gestammelten Notizen“, damit meine Fans mir nahe sein können.

Draußen haben sich bereits die ersten Horden junger Mädchen versammelt, um, wenn ich das Haus verlasse, eine Autogrammkarte abzustauben. Manchmal verlange ich von ihnen, dass sie Justin Bieber widersagen. Da habe ich schon meinen Spaß, wenn sie Poster von dem kleinen Scheißer auf offener Straße verbrennen und meinen Namen skandieren. Da fühl ich mich glatt wie in Beirut 78. (Damals war ich 8 und es war eine harte Zeit. Später mehr!)

Ich muss jetzt einen Punkt setzen. Die Kristallkelche müssen ausgespült und verpackt werden. Außerdem muss ich ins Therapiezentrum in meinen Tantra-Kurs. Wir lesen uns, Welt!

Aus meinem Leben (1)

Ich muss ja auch mal etwas über mich schreiben. Da passiert ja eine Menge in so einem Meisterautorenleben. Erst gestern bin ich aufgewacht. Wieder früh am Morgen. Scheiße. Das geht mir jetzt seit Jahren so. Ich müsste vielleicht mal zu einem Facharzt, um ihn zu befragen, wie das kommt. Aber die wissen auch nichts. Sind eben Ärzte. Die tragen ihre Kittel und horchen einen ab. Nach der Behandlung schütteln sie einem die Hand. Das bringt mich auch nicht weiter.

Nein, zu einem Arzt werde ich nicht gehen. Ich werde weiterhin leiden. Jeden Morgen erwachen. Machen Sie das mal. Dann wissen Sie, wie meine Leidensgeschichte geht. Das hält kein Hahn auf Dauer aus.

Kein Wunder, dass ich ständig schlecht gelaunt bin. Meiner Frau gefällt das gar nicht. Sie wird ausziehen, wenn das so weitergeht, hat sie gedroht.

Lass mal stecken, habe ich zu ihr gesagt. Das wird sich schon noch ändern. Noch fünfzig Jahre, dann wach ich bestimmt nicht mehr auf.

So lange, nö, hat sie gesagt.

Frauen können sehr ungeduldig sein.

Man könnte sich ja selbst mit Schlaftabletten oder einer Schusswaffe therapieren.

Reisenotiz

Unter Vorbehalt geschrieben

Freilich. Ich lege mich fest, kurz, für einige Sekunden, Millisekunden, vertäue ich mich, setzte gar einen Fuß in die Luft, in die Tür, auf das erreichte Land, feiere es, lass es hochleben, als wäre es mein Privatjerusalem, künde von seiner gottgleichen Schönheit, seiner Einzigartigkeit, seiner Kühnheit und Erhabenheit, um im nächsten Augenblick meinen Schritt zu heben, ihn verharren zu lassen, ihn zweifelnd zurückzunehmen, wie eine Kündigung, die im Eifer der Flucht, die eine unbestimmte Zukunft ist, geschrieben wurde.

Nur nicht ankommen, denn an Land, so male ich es mir in mein Kinderseelenmalbuch, würde ich vertrocknen, würde zu einem Brezelmenschen, der bricht und bröselt, bis ein Wind ihn in alle Himmelsrichtungen geweht hätte. Nichts bliebe übrig, außer einer staubigen Erfahrung, die die letzte ihrer Art gewesen wäre.

Wer ankommt, der war unterwegs. Wer beständig an- und ablegt, der kommt nirgends an, im besten Fall nicht einmal bei sich.  Und wer endgültig ankommt, der hat kein Ziel mehr, der hat es beschritten. Es kann spannend sein, sich einzurichten, auch wenn man sich damit verurteilt. Möbel von hier nach dort zu räumen, kann eine ideale Möglichkeit sein, sich auszudrücken. Drin bleibt man trotzdem, ein Gefangener, auch wenn es ein Außen gibt, das man besuchen kann.

Derzeit bleibe ich meiner Untreue treu.

Mit einem Wort: Chillen!

Liest man, dann muss man vorsichtig sein. Es gibt Sätze, die einen vergiften. Die das Augenlicht rauben. Den Frieden, der es sich im Hirn bequem gemacht hatte. Der dort saß und eine Zigarette rauchte. Sich ausstreckte. Der Frieden, der mir einflüsterte: Lass sie. Klopfte auf den Platz neben sich. Nimm Platz. Nö!

Lief auf und ab, weil ich hoffte, mir den schlechten Geschmack, den ich mir auf die Zunge gelesen und später runtergeschluckt hatte, aus den Sohlen laufen zu können. Wischte mit den Füßen. Kein Erfolg.

Was tun? Essig trinken. Sich übergeben. Haben sich die falschen Wörter im Körper verteilt, wird man krank. Man könnte mit dem Kopf gegen eine Wand laufen. Einen Schrank. Im besten Fall gegen eine Schrankwand.

Manche Kollegen sind das, was man sich ersparen sollte. Hinter jedem Satz, der nicht von ihnen stammt, vermuten sie eine persönliche Kriegserklärung. Sie fühlen sich berufen, die Welt vor schlechten Texten zu schützen. Sie sehen sich als Bewahrer. Schließe ich die Augen, dann erblicke ich sie mit Hakenkreuzbinde beim Aufteilen der Literatur. Die Guten ins Feuilleton. Die Schlechten ins Triviallager. Schäbige Nazibande, denke ich. Schäme mich. Ein bisschen. Nicht immer die ganz starken Geschütze auffahren, denkt der Anti-Broder in mir. Ein wenig unter dem Dritten Reich geht es doch auch.

Also Rückzug ins Hirnstudio. Chillen. Gott, dieses Wort werden die Hochliteraturübermenschen auch wieder verachten. Werden es als Zeichen benennen, an dem man „solche wie mich“ erkennt.

Nennen wir es also anders. Entspannen. Bringt es auf den Punkt. Die Spannung rausnehmen. Sich einen Wein eingießen. Nichts denken. Nichts lesen. Deichkind hören.

Mit einem Wort: Chillen!

Lass dir von der Zeit ein paar Wunden beibringen, aber lass dich nicht von ihr umlegen

Keine Zeit für nichts? Klar, denn mit dem Nichts kann man eh nichts anfangen.

Zeit für alles ist gefährlich, weil sich die Zeit dehnt, wenn es sein muss bis übermorgen, oder nächstes Jahr. Die Zeit wird so breit, dass man aufhört sie überhaupt noch wahrzunehmen. Man nennt sie irgendwann nicht mal mehr Zeit. Man nennt sie Wand. Tür. Finger.

Hat sich die Zeit erst aus dem Staub gemacht, dann ist man im Arsch. Man ist ein Buddha. Hockt vor dem Fernseher, fett, grinsend, und starrt ins Nirgendwo, ins Nirwana, in den Fernseher also. Auf den kommt es nicht mehr an, weil man den Zustand erreicht hat, der einen überall hinstarren lassen kann, ohne dass man es noch wirklich bemerken würde. Man ist da, man ist mit dem Universum verschmolzen, mit dem eigenen Gestank, mit der Abwesenheit eigener Gedanken.

Keine Zeit haben ist auch keine Lösung. Besser ist es, von ihr gejagt zu werden. Auf der Flucht sein. Das ist es. Einen leichten Schweißfilm auf der Stirn, der beweist, dass das Leben ein Movie, von mir aus auch ein B-Movie ist. Ab sofort ist Action angesagt. Der Samstagseinkauf wird zum Schlängeln durch das Feindgebiet einer fremden Stadt. All die Töne. All die Gerüche. Die Stimmen, die nach einer längst ausgestorbenen Sprache klingen. Und dann geht es mit dem Wagen nach Hause. Irgendwer ist hinter einem her. Hat sich als kettenrauchende achtzigjährige Oma verkleidet, die einen auf harmlos und leicht angetrunken macht.

So wird das was mit dem Leben. Mit der Zeit. Lass sie zum Jäger werden. Lass dich nicht von ihr abknallen. Es wäre schade um die Zeit, die du in die Zeit investiert hast.

Selbstbildnis mit Küchengerät II

Heute: Meine Knoblauchpresse und ich

„Zudrücken. Alles muss raus. Das Leben. Der Saft. Kraft. Wende sie auf. Lass die Muskeln spielen. Rinnen muss es. Tief ins Becken, bis kein Tropfen mehr zu finden ist. Benutze deine Hände. Nicht dein Hirn. Blende alles aus. Werde zu einem Teil deines Instruments. Keine Haut. Die hast du abgezogen. Nackt. Nur du. Die Situation. Die Anstrengung. Und wenn es getan ist, dann wirf die Reste in den Müll. Begrab sie in der Nacht auf einem Acker. Und wenn du in einsam in deinem Bett erwachst, dann weißt du warum. Du schmeckst dein Verbrechen auf der Zunge. Ein leichtes Brennen. Schließ die Augen und denk an dein nächstes Opfer.“

Kurt Fachinger, Erpresser