Freitag II

Meine Frau ist mit dem Kind beim Arzt. Die Villa hat sich schon wieder derart aufgeheizt, dass ich unruhig wie ein Tiger durch die Zimmer tigere. Ich knurre bereits die Wände an. Wenn nicht bald eine kühle Brise kommt und meine Gedanken auflockert, werde ich eines der Dienstmädchen zerfleischen. Quatsch! Das ist nur eine meiner zahlreichen Übertreibungen. Ich bin als friedlicher Mensch bekannt, der nicht mal einer Fliege etwas antun könnte. Im Gegenteil. Oft sitze ich stundenlang unter dem Fenster und singe den Fliegen Lieder, damit sie sich etwas vom Stress des Fliegens erholen können. So eine Fliege, die hat es nicht einfach. Und lange währt das Leben auch nicht. Also sollte man es ihr nicht noch schwerer machen, indem man sie mit einem Gürtel oder Baseballschläger jagt.

11.55 Uhr! Die Frau, mit der ich momentan zusammenlebe, und das Kind, das von sich behauptet, mit mir verwandt zu sein, sind vom Arzt zurück. Das würde schon werden, hat der Arzt gesagt.

Bei Dirk Bernemann eben gelesen, dass man ruhig mal die eine oder andere Seite ohne Sinn und Verstand schreiben soll. Merkwürdiger Rat. So etwas käme mir nie in den Sinn. Was ich auch tue, führe ich mit der Feder des großen Autors aus (siehe oben: Tiger/tigere). Alles andere würde mein Talent beleidigen.

Freitag

Ein Geräusch weckte mich an diesem Morgen, das aus der Küche kam. Ah, Hausaufgabe, mein treuer Wolfshund, pinselte mich mit einigen gekonnten Zungenstrichen an.

„Gleich, gleich“, murmelte ich, noch ganz in meinen Traum versunken, der sich um eine versunkene Stadt drehte, in der ich einen Film über eine versunkene Stadt drehte. Eine verzwickte Angelegenheit!

Weil Hausaufgabe keine Ruhe gab (er bellte etwa eine Stunde), schlug ich die Bettdecken schließlich doch zurück. Ich entledigte mich meiner drei Mäntel, die ich der Hitze wegen angezogen hatte. Ein altes Gesetz der Südhalbkugelbewohner besagt, dass man große Hitze mit großer Hitze bekämpfen soll. Feuer mit Feuer. Deshalb lasse ich in der Nacht die Öfen laufen und liege unter zahllosen Fellen. Und tatsächlich, es funktioniert. Ich schwitze derartig, dass ich von der eigentlichen Hitze draußen gar nichts mehr mitbekomme.

Ein Gang auf meinen Balkon überzeugte mich davon, dass etwas nicht stimmte. Nirgendwo war auch nur eine Menschenseele zu sehen. Woran konnte das nur liegen? Blitzschnell analysierte ich alle Möglichkeiten. Ein Virus könnte die Menschheit befallen haben. Vermutlich hatte er die meisten meiner Freunde und Bekannte (und solche, die es noch hatten werden wollen) in bösartige Zombies verwandelt. Tote, für die in der Hölle kein Platz mehr war, und die nur deshalb auf die Erde zurückgekehrt waren, um sich in den Kellern und in den Erdlöchern der verschiedenen Tiere, die Erdlöcher bewohnten, zu verstecken. So musste es sein.

Ich kniff meine Augen zusammen. Ich kniff sie auf jene verwegene Art zusammen, die ich sonst nur benutzte, wenn ich dringend aufs Klo musste. Mein Verstand war zu einem Rechenzentrum geworden. Was könnte ich tun, um dem unabwendbaren Grauen zu entkommen? Ich würde mich zunächst einmal bewaffnen müssen. Ein bis drei Panzer würden für den Anfang genügen. Aber woher Panzer nehmen, wenn man sich nie welche zugelegt hatte? Die falsche Einkaufspolitik meiner Frau würde also unser Tod sein. Ich hatte es schon immer geahnt, schon damals, als sie nur Binden, aber keine Handgranaten einkaufen wollte.

Dabei hatte ich als Starautor alle Beziehungen, die vonnöten waren, um den Rest der Menschheit mindestens um 1245 Jahre zu überleben. „Lass die Binden“, hatte ich zu ihr gesagt. „Der russische Waffenhändler, der unten im Wohnzimmer sitzt, würde uns Atomsprengköpfe aus den Beständen der ehemaligen UdSSR verkaufen.“ Nichts zu machen. Sie ließ sich von mir und meinen unbestechlichen Argumenten nicht überzeugen.

Und da stand ich nun. Hilflos! Dort draußen waren sie irgendwo. Zombies. Gott stehe uns bei!

Guten Morgen, Welt!

Donnerstag III

Wir waren heute essen. Das muss auch mal sein. Sonst fällt man vom Fleisch. Wird dürrer und dürrer. Und am Ende verschwindet man. Man wird gesucht. Hoffentlich. Zentimeter für Zentimeter wird die Wohnung abgesucht. Nichts zu sehen, werden sie sagen. Das will ich vermeiden.

Beim Essen saßen wir an einem Tisch. Sehr fein. Wir stehen nicht gerne, höchstens mal bei einem Stehempfang. Das geht auf Dauer aber in die Beine. Man läuft dann auch so merkwürdig mit seinem Teller durch die Gegend. Hält Smalltalk. „Na, Sie! Auch hier?“ Und schon geht man weiter, hin zum nächsten Smalltalk. „Ja, ja!“ Und abermals entfernt man sich mit eilig gesetzten Schritten.

Guten Abend, Welt!

Donnerstag II

11.08! Ich habe wieder den halben Morgen geschrieben. Kaum zu glauben, was man so alles macht, um den Tag rumzukriegen. Andere Leute unterhalten sich ja mit ihren Partnern oder Nachbarn. So etwas kommt für mich nicht in Frage. Wir leben ja eh in einem Jahrzehnt der unnötigen Worte. Wohin man sein Ohr auch streckt, überall wird palavert. Leider oftmals über Dinge, die nicht von Interesse für mein berufliches Fortkommen sind. Ich habe mir deshalb angewöhnt, wegzuhören. Wenn einer etwas von mir will, soll er mich bitte sehr anrufen. Ein Telefon liegt stets in der Nähe meiner Schreibhand, sodass ich nur zugreifen muss. Ich habe es allerdings so eingestellt, dass es lautlos klingelt, damit ich nicht zusammenzucke, wenn jemand meint, er müsste mir eine Frage stellen.

Das Kind, das von sich behauptet, mit mir verwandt zu sein, liegt noch krank auf dem Sofa. Es hustet sich die halbe Lunge aus dem geschwächten Leib. Man könnte auf die Idee kommen, sie halbtags auf Betteltour zu schicken. Das würde ein paar Euro erwirtschaften, die wir dringend gebrauchen könnten. Leider würde das in der Nachbarschaft nicht so gut ankommen. Moralische Erwägungen lähmen jeden gesellschaftlichen Fortschritt. Sollte unbedingt zum Thema einen Aufsatz schreiben.

Um aus dem Haus zu gehen, scheint mir ein Gang unter die Dusche unvermeidlich. Meine Frau hat den Vorschlag unterbreitet, ein Chinarestaurant aufzusuchen. Warum nicht! Chinesen, wohin man blickt. Erst gestern, als ich wieder einmal überraschend das Haus verlassen wollte, stolperte ich über einen. Sie liegen überall, selbst in den Gebüschen. Das läge an ihrer Zahl, klärte mich meine Frau auf. Irgendwo müssten ja all die Chinesen hin, da habe man sich in Peking zunächst für unsere Straße entschieden. Weltpolitischer Irrsinn.

Wir lesen uns, Welt!

Donnerstag

Die Sonne strahlt bereits wieder unbarmherzig von einem Himmel, der mich an Onkel Wanja erinnert, der täglich so blau war, dass wir Kinder ihn beim Gang durch den Alltag stützen mussten. Mein Halbbruder Guy und ich erledigten das meistens. Wir lehnten uns von links und rechts gegen ihn und so taumelten wir zum Büro, in dem Onkel Wanja als Fortsetzungsromanschreiber beschäftigt war. Sein Chef sah das gar nicht gerne. Das wäre Kinderarbeit, tönte der beleibte Mann, der später von einem Zug überfahren wurde, kurioserweise in einem Teil seiner Wohnung, der mit Gleisen noch gar nicht erschlossen war. Dazu später mehr.

Onkel Wanja saß oft stundenlang verdrossen vor seinem Klemmbrett und seinem Bleistift und überlegte, wie es in seinem Teil der Handlung wohl weitergehen könnte. Wir Kinder ruhten uns derweil ein wenig aus. Nicht lange, dann schwankte der Onkel bereits wieder besorgniserregend, sodass wir ihn abermals stützen mussten. Manchmal führten wir auch den Bleistift, damit am Ende des Tages irgendein Satz auf dem Zettel stand.

Das ging nicht lange gut. Man kündigte Onkel Wanja, der sich von dieser Zeit an voll und ganz um seinen Alkoholismus kümmerte. Die Sauferei wäre eh kein Halbtagsgeschäft. Er schloss sich in seine Wohnung ein, damit ihn niemand störte, während er trübsinnig gegen die Wand starrte.

Viel später, da war er bereits ein berühmter Volkssäufer, trugen sie die Wand ab und verbrachten sie ins Staatsmuseum, in dem man ihm und seinem Leben eine eigene Abteilung gewidmet hatte. Aber davon wusste er damals noch nichts. Wir Kinder auch nicht, sonst wären wir schließlich stolz darauf gewesen, einen dereinst so beliebten Säufer stützen zu dürfen.

Guten Morgen, Welt!

Nichtraucher überdenkt euch – Ein Kommentar

Als bekennender Kettenraucher weiß ich, wie schwer es ist, den Nichtrauchern zu entgehen. Wohin man kommt, sitzen sie und stieren in die Luft. Nichtraucher! Die Pestilenz des 21. Jahrhunderts. Ich nehme da keine Rücksicht, weil die auch keine Rücksicht auf mich nehmen. Rauchen nicht, wo sie stehen und gehen.

Inzwischen soll es bereits erste Zonen in den Schulen geben, wo sich die Nichtraucher treffen, um gemeinsam nicht zu rauchen. Ich meine, wo soll es mit unserem Land denn noch hingehen, wenn wir als Raucher schon nicht mehr vor diesen Dauernichtqualmern sicher sind?

In dem Haus, in dem ich früher wohnte, lebte eine ganze Horde von ihnen. Keine Wohnung, in der geraucht wurde. Der fehlende Gestank war unerträglich. Ich spielte mit dem Gedanken beim Gericht Klage einzureichen, damit die Nichtraucher aus ihren Wohnungen mussten, aber man ist ja kein Unmensch, also ließ ich es bleiben.

Und auf meinen Lesungen? Immer das gleiche Bild! Nichtraucher, die sich in den Stühlen lümmeln, als ob es das Normalste der Welt wäre, auf einer Lesung nicht zu rauchen. Ich drückte oft meine Camel in den Aschenbecher und musste mich beherrschen, sie nicht zu beschimpfen. Rattenköpfige Ungetüme!

Die Nichtraucher bedrohen am Ende alles. Kinder sollte man erst gar nicht in ihre Nähe lassen. Am Ende rauchen die kleinen Racker nie. Und dann?

In den Lokalen dasselbe Bild: Nichtraucher, die sich in den Eingangsbereichen drängeln und sich Frischluft in die Lungen ziehen. Ja, immer tief rein. Kranke Schweine!

Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Nichtraucher sich und ihre Art zu leben mal gehörig überdenken.

Mittwoch II

11.00 Uhr! Wieder mal den ganzen Morgen sinnlos rumgesessen. Macht ja sonst keiner, erklärte ich meiner Frau, die darüber Beschwerde führte, dass ich mich kein bisschen in den Haushalt einbringe. Wie ich da so hockte und an die Decke starrte, kam mir die Idee zu einem neuen Roman, der im Detektivgeschäft spielt. Dieser Berufsstamm, so ich zu meiner Frau, wurde bisher sträflich vernachlässigt. Könnte sein, dass ich damit ein neues Genre begründe, das ich Detektivgenre nennen werde. Oder Krimigenre, weil das Ganze irgendwie auch mit Kriminalität in Berührung kommt.

Wie es auch kommen mag, ich bleibe an der Sache dran.

Mittwoch

Das Kind ist immer noch krank. Die Krankheiten von heute, dachte ich. Früher war das alles schneller erledigt. Da ließ man die Patienten zur Ader, und wenn gar nichts mehr half, schnitt man die betreffende Stelle ab. Schnipp, schnapp. Dem Patient ging es zwar nicht unbedingt besser, aber der Brandherd der Krankheit war eliminiert.

„Ich hoffe, die Viren springen nicht auf mich über“, sagte ich zu meiner Frau. Ich malte ein verheerendes Szenario leerer Stadien, wenn meine Stimme in Mitleidenschaft gezogen würde. Sie zeigte für meine Aufregung kein Verständnis. Immerhin sei ich weder ein Opern- noch ein Popstar. „Danke“, sagte ich. So deutlich hätte sie das nun auch wieder nicht zum Ausdruck bringen müssen. Ich wusste um meine wunden Stellen, um meine vertanen Chancen und Möglichkeiten. Wäre alles etwas anders gelaufen, würde ich in diesem Augenblick vielleicht vor fünfzigtausend Menschen in Rio … Lassen wir das!

Um sicherzugehen, dass ich mir keinen Schnupfen eingefangen hatte, wusch ich mir die Hände. Naseputzen ist ebenfalls empfehlenswert. Ich spielte ein kleines Medley aus Hits von Benny Goodman und John Coltrane. Meine Frau bekam ganz weiche Knie, wie ich da so im Gegenlicht der Küchenlampe stand und unsere alten Lieder auf meiner Nase spielte. „Du beherrscht sie ja noch!“ schrie sie entzückt auf. Ich nahm das Tempo von der Nase und lächelte sie auf diese Art an, die einen gewissen sexuellen Unterton mitschwingen ließ. „Ich habe es nie verlernt“, sagte ich. Der Morgen war jung, wir waren jung, die Gegenstände um uns herum waren jung, sogar der Müllbeutel war jung. Ich hatte selbst gesehen, dass meine Frau ihn mit abwesenden Augen während meiner Jazzbeglückung ausgewechselt hatte, um keinen schlechten Geruch in der Luft liegen zu haben. Sie denkt eben mit, das hat sie von ihrer Mutter, die auch schon dafür bekannt war, gerne mal die eine oder andere Sekunde mitgedacht zu haben. Erbgut! Ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Natur, der uns mehr prägt, als wir oft wahrhaben wollen.

Guten Morgen, Welt!

Schnupfen 003

Hier schnäuze ich gerade eine der alten Nummern von Benny Goodman, die wir in unserer Jugend so gerne gehört haben