Samstag

Städte reisen. Margot (Name geändert) glaubt nicht daran. Sie nennt mich einen Irren, weil ich Milliardäre anschreibe, um ihnen frühzeitig die Chance zu geben, mit in mein Geschäftsboot zu steigen. Städte reisen, das wird das Modell der Zukunft. Die Leute werden erst gar nicht mehr ihre Häuser verlassen müssen, um nach Moskau zu reisen. Dabei ist der Grundgedanke so einfach wie genial. Wir hebeln die Städte auf gigantische Anhänger, die von riesigen Traktoren gezogen werden. So kommt die ganze Stadt in den Genuss einer Urlaubsreise. Unentwegt, wenn es sein muss. Die Städte, so mein Plan, könnten dauerhaft unterwegs sein. Langsam, damit sie die Erschütterungen nicht bemerken, werden sie von einem Ende der Welt zum anderen transportiert. Liegt Wasser dazwischen, werden die Anhänger auf spezielle Schiffe verladen. Das Reiseziel wird von den Einwohnern bestimmt. Über ein Wahlverfahren. Sie können direkt über ihren Rechner abstimmen, wohin die Reise als nächstes gehen soll.

Ich sehe schon den Werbeslogan vor mir: WIR VERREISEN SIE!

Der Rubel wird rollen. Diese Idee wird mich endgültig zum reichsten Wesen des Universum machen. Ich brauche nur Investoren, die an diese mehr als realistische Idee glauben. Man könnte auch kleiner anfangen, indem man zuerst Dörfer reisen lässt. Oder Hochhäuser.

Ich sitze bereits aufgeregt seit den frühen Morgenstunden da und lasse meine Tochter Wyoming (Name geändert) Zeichnungen von dem Projekt anfertigen. Sie malt das perfekt, die kleine Künstlerin. Noch zwei Jahre und sie kann den Stift ganz ohne fremde Hilfe halten. Ich werde die ersten Rohentwürfe nachher eintüten und absenden. Hier muss schnell gehandelt werden. Auch kein Wort darüber in meinem Tagebuch. Ich bin doch nicht blöd.

Und wenn sie erst alle auf Tour sind, Städte wie Berlin und München, sodass München vorübergehend dort liegt, wo Berlin lag, und umgekehrt, werden Sie in der Nervenheilanstalt merken, dass man mich nicht unterschätzen sollte. Egal was kommt, dort bekommen sie mich nicht mehr rein. Den ganzen Tag vernähten sie meine Nerven, saßen mit Nadel und Bindfaden da, diese Wahnsinnigen.

Jetzt müssen nur noch die ersten Strecken von den dort ansässigen Bevölkerungen gesäubert werden. Stichwort: Umsiedelung. Und schon ist alles gut!

Guten Morgen, Welt!

 

Freitag II

Als Kind wollte ich ein Zuggeräusch sein. Durch die Nacht poltern, bis ich von einem Ohr gefangen wurde. Rein in das Ohr und drin die Fantasie anstecken, bis sie brennt, wie ein loderndes Haus. Als Geräusch hat man, dachte ich, gute Chancen, wahrgenommen zu werden. Ich hätte später beim Film unterkommen können. „Wo ist das Zuggeräusch?“, hätte der Regisseur gerufen. Im nächsten Moment wäre ich um die Ecke getönt gekommen. Er hätte mir die Szene erklärt. Ich hätte vor Ort gearbeitet, um die Schauspieler einzustimmen, und nachher im Nachvertonungsstudio hätte ich alles gegeben. Wurde nichts draus. Ich wurde kein Zuggeräusch. Lange trauerte ich der vertanen Chance nach. Lag in den Nächten wach und lauschte den Zügen, die in der Ferne die Leute durch die Dunkelheit trugen. All die Geschichten, all die Lieben, die Hoffnungen, das Begehren, die Todsünden, die Morde. Ein Zug voller Menschen ist ein Regal voller Romane. Und was liegt näher, als das Geräusch zu sein, das mich derart erregte. Ein Zuggeräusch ist wie ein Stöhnen, das aus einem Fenster dringt, an dem man vorübergeht. Man bleibt stehen und schon springt der Kopfprojektor an. Man sieht alles, ohne etwas zu erblicken. Körper, die sich ineinander verknäulen, die tausend Hände und noch mehr Zungen haben. Geräusche sind der Brennstoff für Träume.

Guten Abend, Welt!

Freitag

Ideenlos.

Martha, meine Frau, meint, das liege an den Haaren, die senkrecht wie Antennen auf die Sterne ausgerichtet sind. Ich vermute, dass ich bereits als Kind vom CIA entführt und umgerüstet wurde, um die Sterne anzusprechen. Meine Haarspitzen senden unaufhörlich Signale, die quer durch das sich ausdehnende Universum geschossen werden. Manche der Funksprüche werden so lange unterwegs sein, bis das All sich wieder zusammenzieht. Es wird zu einem Rückprall kommen, sodass die Botschaften, die von meinen Haaren ausgehen, in einigen Milliarden Jahren wieder auf der Erde ankommen, um die bis dahin entstandene Spezies mit der Neuigkeit zu verwirren, es könnte Leben irgendwo dort draußen geben.

Meine Haare sind also an der Ideenlosigkeit schuld, weil jede Idee, kurz nachdem sie kleine Funken schlägt, bereits über den haarinternen Antrieb in den Weltraum geschossen wird. Dort oben schwirren sie rum, all meine sexuell aufgeladenen Ideen. Sie paaren sich, ihrer erotischen Ausstrahlungen wegen, und zeugen dabei kleine Teilchen. Das alles ist sehr verwirrend. Ein Gebiet der Astronomie, das nur wenigen bekannt ist.

Verfügt man über ein geeignetes Teleskop (sollten Sie keins besitzen, fragen Sie im Laden am besten nach einem geeigneten Teleskop), kann man die kleinen Ideenteilchen über den Nachthimmel spazieren sehen. Sie tragen meist eine gelben Regenjacke, einen Rucksack und treten in der Gruppe auf. Erst gestern Abend sah ich einen dieser Märsche. Etwa zwanzig Ideenteilchen rannten aufgeregt vom Mond Richtung Mars. Hinter ihnen eine ausgewachsene Idee, die mich mindestens einen Roman gekostet hat. Vermutlich ein Ideenteilchengartenausflug. Könnte gut sein, dass sie in den nächsten hundert Jahren zurückkommen.

Und ich? Ein Opfer meiner vom CIA einst veranlassten Umbaumaßnahmen. Ein lebendes Funkgerät. Eine Zwischenstation, um Ideen aufzufangen und abzugeben. Ein Missbrauchsopfer. Beständig zuckt mein Körper. Da! Schon wieder eine Idee, die in meinen Körper fuhr. Sie schüttelt mich durch, bohrt sich wie der gemeine Hirnkäfer durch mein Oberstübchen, macht sich schlank, schlängelt sich in die Haare, aktiviert den gedachten Raketenantrieb und schießt sich mit der Wucht einer Wuchte in die Tiefen des Weltraums. (Eine Wuchte, für alle die es nicht wissen, ist ein kleines Insekt, das, obwohl es zwei Millimeter klein ist, in der Lage ist, einen ausgewachsenen Mann an den Füßen anzuheben und umzuschmeißen.)

Ich bin eine Abschussrampe. Welch ein Schicksal.

Guten Morgen, Welt!

Donnerstag II

Heute an Schwaller und „Mittwochsdame“ gedacht.

Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an Schwaller erinnern können. Kurt Schwaller. Gott, wie der reden und schreiben konnte, der Schwaller. Eine gewagte Satzkonstruktion jagte die nächste, bis sich die Worte in die Schwänze bissen. Ein Gerangel der Silben (man nannte Schwaller in Kritikerkreisen auch Silbenrücken), bis man kaum noch erkennen konnte, welches Wort zu welchem gehörte. Staub. Wirrwarr.

Es ging beim Schwaller um alles. Das betonte er unablässig. „Mir geht es um alles. Meine Literatur muss den Leser fordern. Sie muss ihn herausfordern. Sie muss ihm zeigen, dass ich der Größte bin.“

Sätze waren sein Aushängeschild. Sie priesen seinen Laden an, den er GENIE nannte. Drin Schwaller und ein paar von ihm ausgesuchte Experten, die, um ihren Job an der Uni zu rechtfertigen, Schwaller bestätigen, schreiben zu können wie kein Zweiter.

Nur an Ideen mangelte es Schwaller. Das machte er wett, indem er auf seinen Kollegen herumhackte.

Überhaupt, einer wie Schwaller machte keine Kompromisse. Er trug stets einen Anzug. Sogar im Bett und unter der Dusche. Kam ihm einer blöd, bekam er von Schwaller die Sprachpfanne um die Ohren gehauen. Und wieder Sätze, verzwickt wie ein betrunkener Irrgarten, sodass sich seine Gegner meist ab dem siebzehnten Semikolon geschlagen gaben.

Wahnsinn. Er schrieb dreißig Romane, hochgelobt, aber nicht in einem war eine Geschichte oder eine funkende Idee zu finden. Er schiss die Blätter mit Worten voll, klagte über den Literaturbetrieb, trieb sich in der Triebtäterszene herum, in der Hoffnung, so seinem Image als enfant terrible zu entsprechen. Brachte alles nichts.

Am Ende, Sie werden es wissen, überfiel er eine Bank. Drohte damit, aus seinem Opus Magnum „Die Mittwochsdame“ vorzulesen. Sie verhafteten ihn, als er gerade die Bank verließ, die Arme erhoben, siegesgewiss. „Ja!“, schrie er. Die Kameras bohrten sich in sein Gesicht. „Mein Name ist Kurt Schwaller.“ Gestrahlt hat er, der Schwaller. Die Sonne muss neidisch geworden sein.

Er fuhr dann ein, leider nicht in seinem Anzug, den musste er abgeben. Die Gefängnisleitung schottete ihn von den restlichen Gefangenen ab. Bis heute. Reden könnte er ja, sagen sie, aber keiner versteht, was er will. Und da sitzt er jetzt, der Schwaller. Sitzt ein, wie man sagt. Brüllt Hexameter in den Innenhof, die ungehört verhallen. Nächtelang trägt er aus der „Mittwochsdame“ seinen unsichtbaren Wärtern vor. Die hören gar nicht zu. iPod sei Dank. Oh, oh, wenn das der Schwaller wüsste.

Ja, ja, der Schwaller, was für ein sagenhafter Autor. Schade ist es nicht um ihn, denn Konkurrenz tötet meine Geschäfte.

Guten Abend, Welt!

Donnerstag

Geträumt, ich sei ein Schlittenhund. Den ganzen Tag im Geschirr. Löffel, Messer, Gabeln, Teller, Töpfe, die gegen den eigenen Körper schlugen. Das hält doch kein Hund aus.

Wir saßen meist zu fünft und rauchten Selbstgedrehte. Warteten darauf, dass unser Schlittenhundeführer auftauchte. Schmuck sah er aus, in seiner Uniform. Nur der kleine Oberlippenbart, der störte. Erinnerte uns an jemand. Zäh wie Leder sollten wir sein, forderte er uns auf. Schnell wie Schlittenhunde. Wir rauchten unsere Zigaretten auf, während der Führer etwas abseits von einer Welt aus Schnee träumte. „Alles muss weiß werden“, bellte er, der er hundisch sprach, uns an. „Alles muss unter der weißen Pracht verschwinden.“ Er hatte sich auch ein Zeichen ausgedacht. Ein weißes umgedrehtes Kreuz auf weißem Hintergrund. Man musste schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass es da sein könnte.

Später rannten wir, während das Geschirr an uns baumelte, das der Führer am Abend in seiner aufklappbaren Spülküche reinigen würde. Er war ganz versessen darauf. „Das muss sauberer werden, weißer“, murmelte er vor sich hin. Wir Hunde lagen abseits und starrten zu den Sternen hinauf. So ging es Tag für Tag. Und es wäre auch gar nicht so schlecht gewesen, wenn er nicht angefangen hätte, uns zu peitschen. „Ihr müsst härter werden“, verlangte der Führer. Er peitschte uns von allen Seiten aus, sogar von unten. Um das zu bewerkstelligen, hängte er uns an eine Wäscheleine, die zwischen zwei Bäumen hing. Er peitschte sich in einen richtigen Rausch hinein. Einige von uns forderten, er solle aufhören. Doch das machte ihn nur wilder. Ein Wahnsinniger, dachten wir. Wir zitterten, sodass er meinte, er hätte einen Motor in uns angestellt. „Haha! Ich habe den geheimen Motor in euch angepeitscht.“

Später in der Nacht leckten wir uns gegenseitig die Wunden. Wir würden verschwinden müssen. Wir hatten den Führer belauscht. Er fantasierte von einem Großhundischen Reich, in dem er an der Spitze eines Rudels von Schlittenhunden über die Weiten einer Schneelandschaft herrschte. Für alle, die keine Hunde waren, hatte er Lager vorgesehen, in denen sie sich zu Tode campieren sollten.

Er saß da und beobachtete den Atem, der vor ihm in der Luft kristallisierte und schrieb weiter an seinem Buch zum Thema. Mein Dampf, wollte er es nennen.

Wir wussten, wir würden etwas unternehmen müssen. Deshalb schmiedeten wir Pläne. Heimlich. Wir schlichen uns in unsere geheime Schmiede. Schließlich zog einer von uns den ultimativen Plan aus dem Wasserbad. „Hier ist er“, sagte er. Der Plan hatte die Form einer Stange. Gegen Morgen zogen wir dem Führer den Plan mehrmals durchs Gesicht und über den Rücken. Ein guter Plan. Der Führer rührte sich nicht mehr. Wir ließen das dreckige Geschirr zurück und verdrückten uns.

Guten Morgen, Welt!

Mittwoch II

Mittwochabend. Das Essen liegt hinter mir. Um nicht am Tisch zu sterben, schleife ich mich zu meinem Platz am Computer. Ein bisschen surfen. Die üblichen Seiten. Manchmal ekelt mich die ganze Sexkiste an. Immer nur Titten, Titten, Titten. Als ob es nichts anderes gibt, über das man berichten könnte. Zum Beispiel Traktoren oder Müllbeseitigungsmaschinen. Aber nein, es muss ständig um das EINE gehen. Es widert mich an. Das macht mich alles krank. Auf http://www.pornoorgel.de das gleiche Bild. Da kommt einem doch das Essen hoch.

Ich lehne mich zurück, nur kurz, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Nacken schmerzt, aber zum Glück tritt meine braungebrannte nackte Masseuse an mich heran, um mich ein wenig zu verwöhnen.

Ich erkläre ihr mein Dilemma, erzähle ihr von den ganzen Pornoseiten, die mir – ich hebe die Hand nicht, um es anzuzeigen, weil ich zu vollgefressen bin – bis hier oben stehen.

Sie stimmt mir zu. Sie hat früher mal Politologie und Karmalogie studiert.

„Das ist doch kein Leben für einen Menschen“, zetere ich und lasse sie auf geilemöpse klicken, um mich von den widerlichen Bildern zu erholen.

Bei Facebook auch nichts los. Doch, da! Sie regen sich alle auf, weil ein gewisser Spiegelfechter, der eine Plattform für illegale Ebooks betreibt, sich abfällig zum Dingsda, zum Urheberrecht äußerte. Schwein, denke ich. Dieses Schwein. Also wieder zurück auf turbogeileostweiber. Muss mich vom Schock über dieses Schwein erst erholen. Später werde ich mal nachsehen lassen, ob das Schwein auch meine Bücher anbietet, und wehe ihm, wenn nicht!

Guten Abend, Welt!

Mittwoch

Beim Aufstehen darauf geachtet, nicht wieder über etwas zu stolpern. Um das Bett herum werden ständig Dinge verteilt: Oblaten, Flyer, die für eine Disco in der Nähe werben, Landkarten, die kein Mensch jemals zusammenfalten kann. Also aufgepasst. Sonst laufe ich wieder einem dieser jungen Leute in die Arme, die sich ein bisschen Geld fürs Reisen verdienen wollen.

Ein Betrieb wie auf dem Bahnhof. Und das vor meinem Bett. Taxis halten. Familien zerren ihre kleinen Kinder Richtung Schrank, stopfen die Kleinen rein und rufen mir zu: „Wir holen sie in drei Jahren ab!“ Drei Jahre? Das ist eine lange Zeit. Was soll ich denn mit ihnen machen? Meistens lasse ich sie im Schrank und benutze ihre Köpfe als Hutablage.

So ein Bettvorplatz bietet alles, was niemand gebrauchen kann, wenn er gerade erwacht ist. Mit Drogen wird auch gehandelt. Erst heute beobachtete ich einen Dealer, der mit essigsauren Gurken dealte. Er hatte sie unter seinem Mantel hängen. Angebracht mit Stecknadeln. Einer kam, zitternd, weil er auf Entzug war. Sie verschwanden hinter meinem linken hinteren Bettpfosten, um das illegale Geschäft abzuwickeln. Versuchte ich sie zu erwischen, waren sie augenblicklich verschwunden. Verstreut in alle Himmelsrichtungen. Zwei Mann. Das muss man erst mal hinbekommen. Probierte es mehrmals. Keine Chance.

Also hin zum Schrank und Hut ab.

Polizei patrouliert hier auch. Hin und her. Alle paar Meter bleiben sie stehen und jucken sich die Achseln. Ob ich mal ein Achselspray hätte? Schon. Drüben im Bad. Ob das weit sei? Das fragen die mich. Die sind doch von der Polizei und mit den neusten technischen Errungenschaften ausgestattet. Hier raus, dann links, rechts. Lange starren sie mich an. Kratzen sich weiter. Sie könnten ihren Posten nicht verlassen.

Ach, liebes Tagebuch, was man hier alles erlebt! Gestern kam ein Demonstrationszug vorbei. Einer von der alten Sorte. Dampfbetrieben. Siebzehn Schienenverleger vorne weg, damit der Zug ungehindert rollen konnte. Demonstrierte Ausdauer. So etwas gibt es heute gar nicht mehr.

Aber mein Bettvorplatz bleibt mein Bettvorplatz. Irgendwo muss ich meine Übungen absolvieren. Auge auf, Auge zu. Dreitausend Wiederholungen. Danach ist man im Arsch.

Und meine Frau Gundula (Name geändert) bekommt von all dem nichts mit. Schläft selig wie ein Baby. Nuckelt an ihrem kleinen süßen Daumen, sabbert ins Kopfkissen und wird nachher wieder die Flasche wollen. Alkoholsucht. Nicht zu empfehlen. Sie sitzt auf meinem Schoß, während ich die Trinktemperatur des Wodkas überprüfe. Hm, geht. Und schon saugt sie verzweifelt an dem auf der Flasche aufgesetzten Schnuller. Später muss ich sie wieder durch die Wohnung tragen, bis sie mich vollkotzt.

Ach ja, Kotze! Daran sind schon einige Rockstars gestorben. An Eigenkotze nämlich. Sie waren so gierig auf ihr Widergekäutes, dass sie sage und schreibe den gesamten Mageninhalt dazu benutzen, um zu ersticken. Ein bisschen mehr Verantwortung sollte man von einem Alkoholiker schon erwarten dürfen. Obwohl es inzwischen bereits Eigenkotz-Therapien gibt. Man soll aber nur den Mittelstrahl benutzen. Dann ab damit in den Magen. Auch geeignet für offene Wunden. Manche benutzen es sogar bereits als Tagescreme. Übertrieben. Und der Geruch!

Habe ich erst den Bettvorplatz überquert, geht es den Hauptflur entlang in die Innenwohnung.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Guten Morgen, Welt!

 

Dienstag III

Zähneputzen. Darauf verstehe ich mich. Ich habe es von meinem Vater gelernt, der mir früh schon einen Eimer in die Hand drückte. Einen Lappen in die andere. Und jetzt putzen, sagte er. Wir stiegen voll ein, direkt ins orale Geschäft. Putzten nicht nur unsere Zähne, sondern auch die Zähne der Nachbarschaft. Morgens vor der Arbeit standen sie an. Öffneten wir die Tür, strömten sie ins Badezimmer, in dem mein Vater und ich warteten, um ihnen die Zähne zu putzen. Wir benutzten auch Zahnseide. Wir trugen die Anzüge mit einem gewissen Stolz. Wir haben es weit gebracht, sagte Vater. Sieh uns an. Stehen da, mit unseren Anzügen aus Zahnseide und werden von aller Welt bewundert. Die Bewunderung bewirkte, dass alles in Erfüllung ging, was wir uns wünschten. Auch die Sache mit dem toten Hund vom Nebelmaier, der uns ständig angebettelt hatte, ihm auch die Zähne zu putzen. Aber Hundezähne? Ausgeschlossen. Tatsächlich starb der Hund, als ihn ein Auto überfuhr. Zufällig. Und das dreimal.

Sie sehen. Zähneputzen bringt Sie voran.

Dienstag II

Ich war den ganzen Tag unterwegs. Lief durch die unzähligen unterirdischen Gänge, die aus Fulda einen Schweizer Käse machen. Adern, durch die ich mich hin und wieder treiben lasse. Versonnen gedachte ich des Yehudi Birnbaum, mit dem ich zuerst die Katakomben entdeckte.

Unzählige Tote bestattete man hier. Man brachte sie aus den umliegenden Dörfern. Gingen den Bestattern die Leichen aus, sorgten sie für Nachschub. Bei Nacht und Nebel zogen sie mit dem Spaten los und ersparten so mancher Frau weitere Vorwürfe, ihr Essen sei verkocht. Körper um Körper wurde in die Tiefe geschleift. Es gibt Historikerstimmen, die behaupten, Fulda könne längst die Millionenmarke überschritten haben, hätte man nicht so fleißig die Katakomben bestückt.

Dort saß ich heute, am Rand einer in den Fels geschlagenen Grabkammer. Die Beine baumelten. Die Leichtfüßigkeit übertrug sich nicht auf meine Gedanken. Die Toten um mich herum schwiegen sich beharrlich aus, sie tun das seit so vielen Jahren, manche seit Jahrhunderten. Eine Gesellschaft, die in einer vorläufigen Auflösung begriffen, sich am Ende auf handfeste Knochenfaulheit besinnt.

Es war, als wären wir einen Bund eingegangen, als würden wir uns verstehen, als würden wir gemeinsam der Stille lauschen, die es gar nicht gibt.

Etwas rührt sich immer, sei es Wasser, das tropft, sei es ein Knirschen, das nicht zugeordnet werden kann. Die Welt um mich herum werkelt unablässig, sie braucht des Menschen nicht, um zu leben. Ich dagegen brauche sie sehr wohl, und zwar, um sie zu beschreiben, in der Hoffnung, dass so etwas von mir bleibt, außer meinen Knochen.

Also ritzte ich meinen Namen in das Gestein, lange und zielstrebig.

Guten Abend, Welt!

Dienstag

Der Geburtstag liegt hinter mir. Das erinnert mich an meine Zeit als professioneller Geburtstagsgast. Ständig von Geburtstag zu Geburtstag. Es war die Hölle. Wir saßen bei wildfremden Leuten und stopften uns Kuchen in die Backen. Petra, Jürgen und ich. Nächtelang waren wir mit einem wackligen VW-Bus unterwegs. Wir feierten überall: Deutschland, Frankreich, Bayern. Unser Chef Poppe war ein unheimlicher Antreiber. Er saß auf einem Pferd und trieb uns in die Häuser. Er war, bevor er bei „Mobile Gäste“ anfing, Cowboy bei „Mobile Cowboys“. Sie trieben in ganz Europa Kühe zusammen, schließlich noch in Asien, bis es keine Kühe mehr zum Zusammentreiben gab.

Poppe saß also auf seinem Pferd, wir in unseren geschmückten Rollstühlen, mit denen wir direkt bis an die Kaffeetische heranfuhren. Das Geburtstagskind erwartete uns schon aufgeregt. Es schrie: „Meine Gäste, meine Gäste sind da!“ Petra, Jürgen und ich ließen es hochleben. Poppe ritt währenddessen im Vorgarten auf und ab, damit sich keiner von uns davonstehlen konnte. Versuchte einer zu fliehen, setzte Poppe Gewalt ein, den er in einer Kiste hinten im VW-Bus verstaut hatte. Gewalt war ein unruhiger Geist, der sich am liebsten in Geburtstagsgäste verbiss, die sich aus dem Geschäftsstaub machen wollten. Poppe und Gewalt. Ein Duo des Todes. Sie heuerten später bei einem griechischen Restaurant an, das sich aufs Frauenschlammcatchen spezialisiert hatte. Poppe und Gewalt kümmerten sich um die Tür. Sie brachten sie morgens mit ihrem VW-Bus vorbei und bauten sie ein. Spätnachts kamen sie zurück, um sie wieder abzuholen. „Mobile Türen“ nannte er seine Firma.

Gut, dass ich kein Gast mehr bin. Das hätte böse enden können. Die meisten von uns starben an Herzversagen. Sie kippten bei einem der Geburtstage nach vorne in die Torte. Das war es. Tote kamen bei Geburtstagen nicht gut an. Poppe schlug die Toten dafür, dass sie seine Geschäftsidee hatten sterben lassen. Jürgen und Petra wurden schließlich in Bayreuth beigesetzt, direkt neben Richard Wagner, der dort als Gast berühmt geworden war. Da saßen sie, drei mumifizierte Leichen, eine letzte Kuchengabel in der Hand. Es war zum Weinen. Keiner konnte sich eine Träne abringen. Poppe, Gewalt und ich zogen weiter. Er und Gewalt mit einer Trachtengruppe, ich schrieb meinen ersten Publikumserfolg „Gebrauchsanleitung für eine Gebrauchsanleitung“.

Die Zeiten ändern sich.

Guten Morgen, Welt!

Montag II

Stress. Wollte an meiner „Kulturgeschichte des Kulturbeutels“ arbeiten. Strich durch die Rechnung. Alle paar Minuten klingeln Gäste, die mir gratulieren möchten, darunter Urs Widmer (Name geändert), Pavel Pechstein (Name geändert), Martin Walser (Name geändert). Ließ sie im Flur warten. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder, der sich mit meinem Namen schmücken will, vorgelassen wird.

Machte mir Notizen für einen kommenden Roman, der die Geschichte eines Geburtstagskindes erzählt, das nicht erwachsen werden will. Noch mit dreißig sitzt es in seinem Jugendzimmer und feiert Geburtstag. Die Eltern sind längst am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Die Freunde verleugnen ihn. Titel: All meine Geburtstage. Könnte sich für den Deutschen Buchpreis 2017 eignen.

Am Abend steht noch ein Besuch der Fuldaer Oper auf dem Programm. Meine Frau behauptet steif und fest, es gäbe gar keine. Ich lasse mich davon nicht irritieren und werde sie trotzdem aufsuchen. Das wäre doch gelacht. Wie ich in einem verschwundenen Programmheft las, wird der „Freibierabend“ von Rüßmann aufgeführt. Apropos Rüßmann: Großer Kommunist, dessen Werke für Hammer und Sichel noch viel zu selten aufgeführt werden. Lasse ihn allmorgendlich auf meiner Oboe erklingen. Muss noch an einem Gedicht feilen. Später eine Übersetzung der Gedichte Goethes in einen seltenen Dialekt, der einzig noch in einem unserer Dörfer gepflegt wird. Es steht kurz vor dem Aussterben. Die letzten drei Bewohner werden mir für die Mühe, die ich mir zu machen gedenke, danken. (Letzten Satz überlesen. Merkwürdige Klangfarbe. Eventuell streichen.) Widmer (Name geändert) verlangt, empfangen zu werden. Streit der Nachbarn mit dem Dichter Grass (Name geändert), der ein Wutgedicht über offene Fenster vorträgt. Hatte mir meinen Geburtstag anders vorgestellt.

Montag

Ich habe Geburtstag. Das vergeht. Der Todestag ist viel schlimmer. Wenn man den erst hat, ist alles zu spät.

Die ersten Geburtstage waren die schlimmsten. Lauter kleine Kinder um mich herum. Topf schlagen. Ich würde gerne wissen, was aus dem kleinen Topf wurde. Seine Eltern waren gemeine Hunde. Wie kann man sein Kind Topf nennen? Wenn wir ihn genug geschlagen hatten, ließen wir ihn weinend nach Hause laufen. Die ganzen achtzig Kilometer. Das steigerte die Stimmung wieder etwas.

Am liebsten ist mir, wenn ein anderer Geburtstag hat. Geburtstag befällt ja täglich Menschen in aller Welt. (Todestag auch.)

Ich habe mich letztes Jahr selbst beschenkt. Spannende Sache, weil ich raten musste, was ich mir gekauft hatte. Ein Buch? Richtig! Ich riss die Packung auf. Wir sind dann zu mir. Sex. Reiner Sex. Ich fragte, ob ich sie Pack nennen dürfte. Eine Abkürzung drückt Vertrauen aus. Sie schwieg es aus. Brannte später mit einer Steckdose durch. Keinen Verlass auf Packungen. Auf Pack noch weniger. Was wohl aus ihr wurde?

Meinen heutigen Geburtstag begehe ich mit meiner Frau. Wir schreiten unaufhörlich durchs Zimmer. Bereits seit Mitternacht. Meine Frau will wissen, wann wir eine Pause einlegen. Lautes Gelächter meinerseits. Wir haben gar keinen Kassettenrecorder. Eine Pause ist allerdings eine Superband. Schon lange nichts mehr von ihnen gehört. Wie ich hörte, sollen sie sich aufgelöst haben.

Geburtstag soll man feiern. Hoch mit dem Kleinen. Wenn Sie keinen haben, können Sie sich einen aus dem Waisenhaus holen. Oder in den USA kaufen. Im Mutterland der Luftschlangen. Besonders gefährlich ist die Luftkobra. Sie wiegt bis zu 7000 Milligramm. Sie kann einen einzelnen Gedanken zu Tode würgen. Unglaublich. Wer es schon mal gesehen hat, weiß, wovon ich rede. Sie schlängelt sich um den Kopf des Gedankens. Keine Chance. In einigen Einkaufshallen findet man derart viele verschiedene Luftschlagen, dass man keinen Fuß vor den anderen setzen kann, ohne auf eines der Tiere zu treten. Deshalb nennt man sie auch Abtritt.

Zurück zu meinem Geburtstag. Es treten einige Chöre auf Luftschlangen, die ich verteilt habe. Harmlose Ausgaben, wie die Schwarze Mamba, die man essen kann. Später kommt noch meine Mutter, auch wenn es sich nicht schickt, darüber zu schreiben.

Guten Morgen, Welt!