Freitag II

Jetzt ist schon wieder irgendwo eine Rezension erschienen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich zuerst lesen soll. Das beschämt mich natürlich alles ein wenig. Ich bin ja ein zurückhaltender Mann, der die Kameras scheut. Einige der bekannten Krimikritiker fehlen zwar noch, aber das kann nur daran liegen, dass ihnen UNTAT zu sehr zugesetzt hat. Vermutlich schwitzen sie sich die Hemden nass, die ihre Frauen stündlich waschen müssen. „Mensch“, werden sie zu ihren Frauen sagen, „da hat der Rohm ja vielleicht wieder ein Ding rausgehauen.“ So (oder so ähnlich) wird das ablaufen.

Ich habe momentan gar keine Zeit, weil ich bereits an einem neuen wundervollen Roman schreibe, den ich dann auch besprechen lasse. Man kann nach diesen Rezensionen ganz süchtig werden. Man wacht am Morgen auf und hechtet zum Rechner. „Was!“ schreit man auf, wenn mal keine Kritik erschienen ist. Man wird rasch zum Junkie, der sich die Dinger bei einem Dienstleister schreiben lässt. Endlich purzeln sie pfundweise ins Haus. Geht doch, sagt man sich und kann endlich wieder in Ruhe das Mittagessen genießen.

Guten Abend, Welt!

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Freitag

Es regnet schon wieder! Das hält keine Sau auf Dauer aus. Immer nur Regen, Regen, Regen, Regen. Und zwischendurch? Regen! Da muss man sich doch nicht wundern, wenn die Leute irgendwann durchdrehen. Amokläufe sind quasi vorprogrammiert. Da braucht es nicht viel an Fantasie, um sich vorzustellen, was kommen wird.

Es wird nicht lange dauern, dann wird man von dem unheimlichen Regenschirmmörder hören, der seinen Opfern den Regenschirm ins Maul stopft. Auf-zu, auf-zu, auf-zu. So wird er die Menschen töten. Alle werden unter 30 sein (sie werden unter 30 sein, damit ein Rätsel die ermittelnden Beamten schier verrückt macht), und die Polizei wird ihn nicht finden, weil sie keine Lust hat, vor die Tür zu gehen. Verständlicherweise.

Es wird auch zu Selbstmorden kommen. Zu Alkoholismus. Man wird sich betrinken, um das Geräusch des Regen noch ertragen zu können. Das kann einen ja ebenfalls verrückt machen. Eben. Und deshalb werden auch die Alkoholiker später zu Mördern. Die ganze Welt wird zum Planet der Mörder. Nur ich nicht. Das wäre noch schöner. Nein, ich werde den Fall um die Morde im Regen lösen. Ich werde die Menschheit entlarven und sie vor Gericht stellen lassen. Weil keins da ist, werde ich auch zum Richter. Ich werde mich zu allem befragen.

Hm, werde ich zu mir sagen, Sie waren aber ein geschickter Detektiv. Tja, werde ich antworten, das ist aber nett von Ihnen, Herr Richter. So bin ich eben, werde ich als Richter zu mir sagen. Und dann werde ich die gefangene Menschheit verurteilen und einsperren lassen, natürlich wieder von mir. Ist ja sonst keiner da! Ich werde die Gefängnistore öffnen und rufen: „Los! Gesindel des Satans! Rein da mit euch!“ Einige werden murren. Die werde ich vermutlich erschießen müssen. Ich werde das nicht gerne tun. Wer erschießt schon gern einen gemeinen Hundertfachmörder? Niemand! Aber Pflicht ist Pflicht.

All dies wird geschehen. Leider! Das tut mir alles sehr leid für dich, Menschheit! (Und das nur, weil es nicht mehr aufhörte zu regnen.)

Guten Morgen, Welt!

Donnerstag II

Die Untat ist es, die uns beflügelt. Deshalb lag ich den ganzen Tag, den ganzen bisherigen, um genau zu sein, auf dem Sofa und las einen Roman von Heinlein, Fremder in einer fremden Welt. Gerade Heinlein musste es sein, mit dem ich so viele Stunden im Kindheits-Bett verbracht habe. Lese ich ihn jetzt, ist es eine Reise zurück in die Leichtigkeit der Anfänge, des Unbeschwerten, des Zerträumten. Die Sprache, oftmals unfreiwillig komisch, aber auf eine Art, die mich lächeln und bei der Sache bleiben lässt. Ich könnte mir vorstellen, mich ganz und gar auf die Retronomie zu konzentrieren, um in exakt dieser Wissenschaft meinen Anti-Doktor zu erwerben. Rückzugsgedanken durchpulsen meine Schläfen. Aus Gründen der inneren Einkehr, werde ich mein Facebook-Konto vorübergehend mit dem Namen Jubal Harshaw schmücken!

Donnerstag

Wir (meine Ehefrauen, die Kinder und ich) haben gedöst, lange und ausgiebig. Man muss hier fast schon von einem Zustand der Verlotterung reden, wenn die Aufgaben, die noch zu erledigen sind, nicht wären. (Ich habe beizeiten vorgesorgt, indem ich einen Radiowecker erwarb, der uns sanft aus unseren Träumen knurrt.)

Was ich heute zu tun gedenke? Ich weiß es schon gar nicht mehr so recht, aber irgendwas wird sich schon finden, denn auf so einem Weltliteratenschreibtisch – zumal UNTAT wie eine Bombe eingeschlagen hat (nur wenige Leserinnenhirne scheinen das Büchlein unbeschadet überstanden zu haben, es führt bei manchen zu den abstrusesten Krankheitsbildern, wie ich hörte, so etwa zu einer plötzlich auftretenden Rechtschreibschwäche, aber Obacht, es kann natürlich auch sein, dass hier die Legende der Geschichtenerzähler ist, dem wir uns anvertrauen) – türmen sich die ausgedruckten Mails, die Liebesbekundungen, Fanpost eben, wie Sie das aus Ihrem Autorenleben (sofern Sie schreiben) auch kennen.

Meine Frau Marlies (Name geändert) sitzt in der Küche, die Beine auf dem langen (für das Zwiebelschneiden gedachten) Holztisch und liest einen Thriller; ich kann Ihnen jetzt nicht beantworten, wie der Titel lautet oder gar der Autor heißt, weil mich die Literatur der anderen (bis auf die meines verehrten Freundes Rudolph und die Bücher aus der Edition Körber des von mir geschätzten Joachim Phantasia) nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann, hinter dem ich justament in diesem Augenblick hocke, um diesen Tagebucheintrag von meinem Sekretär Willibald tippen zu lassen. Das Diktat ist für mich (politisch nicht, natürlich nicht) die Form, derer ich mich bedienen werde, um meine großen Würfe zukünftig bannen zu lassen. So können die Wörter direkt aus dem Mund in die Schreibhand des Sekretärs fallen, der sie hastig, der gute Mann kommt kaum mit (kein Wunder bei meinen Gedankenstürmen), niederschreibt, damit nichts, aber auch wirklich nichts, was ich in irgendeiner Sekunde meines famosen Lebens dachte, verloren geht, so etwa jetzt, da ich darüber nachdenke, die Toilette aufzusuchen, mich aber beherrsche, weil die Selbstdisziplin ein unabdingbarer Teil des Großschriftstellercharakters ist. Ich werde also noch ein wenig mit meinen Füßen wippen und aufgeregt durch die Wohnung laufen, täuscht dies doch auch eine Beschäftigung vor, die ich mir im Laufe des Tages erst erfinden muss.

Was gibt es eigentlich heute zum Essen?

Gute Fragen am rechten Platz erregen die Aufmerksamkeit der Leserinnen (ich habe NUR Leserinnen) und konfrontieren sie so mit den Tatsachen des Lebens, denen sie doch durch die Lektüre meines Tagebuchs auszuweichen gedachten.

Falsch gedacht!

Guten Morgen, literarische Weltöffentlichkeit!

Mittwoch

Heute ist der Tag vor einem Feiertag. Ja, welcher Feiertag ist das denn? Da müsste ich nachsehen. Die Erkenntnis liegt nur einen Klick entfernt. Aber ich habe keine Lust, zu klicken. Ich bin lustlos. Ich habe nicht mal Lust auf einen Tagebucheintrag. Deshalb schreibe ich diesen auch lustlos hin.

Der Himmel hängt auch lustlos in der Gegend herum. Der Klimawandel scheint längst vollzogen. Ein Wintereinbruch steht kurz bevor. Ich kann die Eisbären, die sich im Nordosten zusammenrotten, schon hören. Es giert sie nach Menschenfleisch. Wenn die Schneekatastrophe erst über uns gekommen ist, werden alle Schranken fallen. Die Zivilisation wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. (Soll man jetzt überhaupt noch aufräumen lassen? Das macht doch alles keinen Sinn mehr!) Es wird so kommen, dass jeder gegen jeden kämpft. Kriege um die letzten Milchtüten, um Wasservorräte und Pornomagazine. Fresserei und Sex. Das sind wir Menschen. Das müssen wir uns doch endlich einmal eingestehen, bevor es zu spät ist, bevor die Eisbären kommen, um uns alle in der Luft zu zerreißen. Die werden mit unseren Köpfen Eisbärenfußball spielen. Und am Ende werden sie in meiner Villa wohnen und Krimis schreiben. Die Eisbären sind auch nicht besser. Oder doch? Ich habe mich schon lange nicht mehr mit dieser Spezies beschäftigt, habe keine Bücher gewälzt, in denen sie abgebildet sind.

Guten Morgen, untergehende Welt!

Dienstag

Kaum zu glauben, was hier heute wieder alles so passiert ist. Ich habe mit einen Team aus fünfhundert Leuten am Vorstellungsvideo für „Die Nacht der schlechten Texte“ gearbeitet. Haufenweise Schauspieler, aber nicht einer, der wirklich brauchbar gewesen wäre. Eigentlich war George (gemeint ist vermutlich George Clooney) engagiert, aber der alte George (gemeint ist vermutlich Götz George) konnte mal wieder nicht. Dreharbeiten an der Ruhr. Schauspieler sind zu nichts zu gebrauchen, die können ja nicht mal einen anständigen Roman schreiben. Also übernahm ich alle Rollen selbst. Lars (gemeint ist vermutlich Lars von Trier) war auch nicht zu sehen. Depressionen. Machen wir es kurz. Am Ende musste ich alles selber erledigen: Ton, Schnitt, Musik, Schauspieler, Drehbuch, Regie. Ich komme nicht umhin, hier von einer Meisterleistung zu reden.

Inzwischen sitze ich mit meiner Frau Marianne (Name geändert) auf dem Balkon. Wir genießen die untergehende Sonne bei einem anständigen Rotwein, den die Köchin bei Aldi gekauft hat. Wein im Tetra Pak verrät den Kenner. Dazu eine Partagas No. 4. Hiermit grüße ich noch meinen Freund Olli in Berlin.

Guten Abend, Welt!

Besatzungsgebiet

Zacharias kann nicht glauben, was er sieht, als er durch die Türöffnung schreitet. Tausende von Menschen aller Altersstufen drängen sich im Eingangsbereich. Es stinkt! Es wird geweint! Es kann sich hier nur um die Eingangshallenbesetzer handeln, von denen er erst kürzlich in der Zeitung las. Sie ziehen von Hochhaus zu Hochhaus, stets in der Hoffnung einen Heimathafen für ihre müden Leiber zu finden. Nirgendwo sind sie willkommen. Sie sind Wanderer, die seit ihrem Auszug aus der Heiligen Eingangshalle, die als Mythos von Mund zu Mund gereicht wird, sich vom Wind der Geschichte durch die Straßen der Stadt wehen lassen. Und nun sind sie also hier angekommen, ausgerechnet in diesem zum Untergang verdammten Hochhaus, in dessen 400. Stock der Privatdetektiv Zacharias seine Wohnung hat. Er blickt sich erschrocken um. Ein Kind wird zur Welt gebracht. Noch eins, und dann noch eins. Schlägereien. Ein paar der Besetzer haben eine Bar aufgemacht, andere behaupten, Gold gefunden zu haben. Sofort stürzen sich Hoffnungslose auf ein kleines Rinnsal und schöpfen Mut.

Wie soll ich denn hier durchkommen, fragt sich Zacharias. Oder sollte das etwa der Tag sein, von dem sein Vater Herr so oft gesprochen hatte? „Du wirst irgendwann eine Wohnung aufgeben. Einfach so. Glaube mir.“ Und dann hatte Vater Herr gelacht. Das war damals gewesen, kurz vor ihrem Überfall auf einen Juwelier, der so kläglich scheiterte. Der Clown hatte seine Wasserpistole geladen. Und dann …?  Alles war schiefgelaufen. Vater Herr und der Clown waren erschossen worden. Zacharias hatte fliehen können. Gerade eben so. Und dann hatte er sein Leben geändert. Er war zu dem Privatschnüffler geworden, der er heute noch ist. Gut lief sein Leben nicht. Ständig pleite, Aufträge, die er nicht zu Ende führte, eine Frau, die ihn wegen ausstehender Unterhaltszahlungen auf die Todesliste „Todesliste, auf der jene stehen, die keinen Unterhalt zahlen“ hatte setzen lassen. Kopfgeldjäger hatten sich auf seine Spur gesetzt. Sie hatten ihn quer durch den Großstadtdschungel gejagt, und dies mit ihren tödlichen kleinen Pfeilen. Zum Glück hatten sie ihn bisher nicht erwischt, dafür ahnungslose Passanten, die ihr Leben vor einer Imbissbude oder einem Kaufhaus lassen mussten. Die Städtischen Totenwerke hatten sich sofort um die Leichen gekümmert. So etwas konnten die Stadtoberen nicht ausstehen: Leichen, die in der Gegend herumlagen. Das war Umweltverschmutzung. Eine Zeitlang war es Mode gewesen, dass jeder seine Leiche dort fallen ließ, wo er gerade stand. Die Stadt drohte in Leichen zu versinken, bis man beschloss, Ordnungskräfte zu entsenden, die jedem, der eine Leiche achtlos wegwarf, zwanzig Euro abknöpften. Das war viel Geld. Niemand wollte es bezahlen. Es kam zu Streitereien mit den Geldeintreibern. Schüsse fielen. Weitere Leichen kamen zu den alten Leichen dazu. Man kam gegen die Umweltverschmutzer nicht an. Und was tat man? Man entsandte Bagger, die die Leichen von der Straße schaufelten, damit man nicht alle paar Meter über eine stolperte. Man brachte Leichensäcke an, bat die Menschen, wenn sie schon töteten, ihre Opfer doch wenigstens in den Müll zu werfen. Aber selbst dazu brachte man sie nicht.

Alles, denkt Zacharias, wird hier irgendwann im Chaos versinken.

Jemand stößt ihn an. Man fordert ihn auf, seine Ausweispapiere zu zeigen. Das sei ab sofort eine Heilige Eingangshalle. Man habe sie besetzt. Hier dürften sich einzig Flüchtlinge aufhalten. Ob er denn ein Flüchtling sei? Man verlange seinen Flüchtlingsausweis.

Zacharias blickt die als Soldaten verkleideten Flüchtlinge überrascht an.

„Ich habe keinen Ausweis“, sagt Zacharias schließlich.

Die Auskunft genügt ihnen. Das sei Beweis genug, dass er ein Flüchtling sei. Kein Flüchtling habe einen Ausweis, das wisse ja schließlich jeder Flüchtling, daher müsse es sich bei ihm um einen Flüchtling handeln. Er könne dort rüber. Die Soldaten zeigen in Richtung einiger Köpfe. Dort sei das Auffanglager. Dort könne er erst einmal unterkommen. Er müsste jetzt reisen, weil die Reise beschwerlich sei und mindestens ein halbes Jahr andauere. Ob er denn genügend Proviant habe?

Zacharias hört schon längst nicht mehr hin. Er stolpert nach hinten. Nur raus hier, weg hier. Sein Vater Herr hatte recht. „Du wirst irgendwann eine Wohnung aufgeben. Einfach so. Glaube mir.“

My home is my castle

Der Privatdetektiv Zacharias, der eben im Begriff ist, die Tür zu öffnen, um das Hochhaus, in dem er wohnt beziehungsweise residiert, zu betreten, kneift sinnend die Augen zusammen. Er ist dafür bekannt, ein großer Denker zu sein, ein klarer Überlegungskünstler, dem so leicht kein Detail entgeht. Ständig ist in seinem Hirn, diesem Rechenzentrum wider des Bösen, etwas los. Die Computer rattern, sodass er an manchen Tagen derart starke Kopfschmerzen hat, dass er krank zu Bette liegt, weil ihm nicht nach Gesprächen oder wahllosem Sex ist.

Zacharias, mit Vornamen Herr, wie wir im letzten dieser großartigen Kapitel gelernt haben, rechnet die Zeit aus, die er benötigen wird, um in seiner Wohnung im 400. Stock anzukommen.

Das könnte Tage dauern, denkt er. Wenn ich die Aufzüge benutze, könnte es schneller gehen, aber zu Fuß werde ich etwa, ja, das könnte sein, ich werde etwa eine Woche benötigen, weil im Treppenhaus eigenartige Gefahren lauern. In seinem Kopf entsteht das Bild der Wegelagerer, die vor fünf Jahren das Treppenhaus eroberten. Sie brachten eigens angefertigte Büsche mit, hinter denen sie sich verstecken und der Reisenden harren. Sie sind wahre Meister im Auflauern. Sie sind kaum von den Büschen und Bäumen, die sie vor sich halten, zu unterscheiden. Ahnungslos steigt man die Stufen hinauf, genießt die Natur, das Grüne ringsum, die Vöglein, die sich in einem lustigen Singsang verlieren, um plötzlich vor einer Horde Straßenräuber zu stehen, die mit empor gerissener Waffe die Herausgabe allen Habs und Guts erbitten. Und ehe man sich versieht, ist man seine Geldbörse und seine Kleidung los, und irrt nackt und ängstlich von Stockwerk zu Stockwerk.

Wurde nicht, Zacharias versucht sich zu erinnern, wurde nicht eine hohe Summe auf die Köpfe dieser Diebe ausgesetzt? Zacharias reibt sich das Kinn, in seinem Rücken die Alte, die noch in dem Glauben verfangen ist, mit dem Bewachen des Zacharias-Gefährts in die Liga der städtischen Millionäre aufzusteigen. Der Meisterdetektiv ist sich unsicher, ob er seine Wohnung tatsächlich aufsuchen soll. Zu viele Unwägbarkeiten wollen ihn davon abhalten. Eine dunkle Stimme, die er als Teufelsstimme erkennt, als dämonische Innenstimme, rät von einem Betreten des Wohnkomplexes ab.

Privatschnüffler Zacharias blickt sich verwegen um. Auf der anderen Straßenseite, dies gehört zum guten Ton der Gegend, wird soeben ein junger Mann erschossen. Beruhigt durch die Alltäglichkeit dieser Geste, reißt Zacharias die Tür auf. Nichts soll ihn aufhalten. My home is my castle.

The railway station at the Imjing River

Ein Gastbeitrag von Alfred Harth

Der „Compass of Hope“ sagt uns,wo wir sind: 145 Km von Pyeongyang und 15 Km von Gaeseong entfernt, was jenseits der ungefähr 4 Km breiten DMZ – Demilitarized Zone – liegt, der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea. In der anderen Richtung sollen es 30 Km nach Seoul sein, was mit dem Auto entlang des prächtigen Jayuro Highway („Freiheitsautobahn“) leicht nachzumessen ist als 50 Km. Aber wahrscheinlich sind es 30 Km aus der Vogelperspektive nach Seoul, womit allerdings wohl nur die nächstliegende Stadtgrenze gemeint sein kann, denn Seoul ist als weltweit drittgrösste Metropolregion ungeheuer ausgedehnt, wie ein Land für sich,mit 24 Millionen Einwohnern.

Nun gut, für Geographen ist dies eine hinlängliche Antwort zur Ortsbestimmung, zumal wir am 38.Breitengrad sind, der 1948 als Grenzentwurf für die Teilung diente.

Neben dem Auto gibt es die Möglichkeit, hierher mit der Bahn zu fahren. In früheren Zeiten, also bis 1951, konnte man die Bahnstrecke bis zur nördlichen Stadt im Land an der Grenze zu China, Sinuiju, durchfahren, dann brach der Koreakrieg (1950-53) diese jäh ab. Während des Kriegs erlitt die Stadt schwere Verwüstungen. Bei einem Luftangriff am 8. November 1950 warfen 79 US-amerikanische B29-Bomber insgesamt 550 Tonnen Brandbomben auf Sinuiju ab. Die Stadt wurde dabei fast vollständig zerstört. Die Amis mussten ja im Koreakrieg ihre Munitionsaltbestände loswerden!

Heutzutage arbeitet man dran, diese Strecke wiederherzustellen, mit der Transsibirischen Eisenbahnlinie zu verbinden, so dass ich in etwa zwei Wochen Bahnfahrt von Seoul nach Paris kommen könnte. Als alter Europäer sage ich:“Hoffentlich bald!“, denn dies ist ein Abenteuer was mich mehr reizt, als von Ost-USA nach West-USA zu reisen. Für die Abende in der fahrenden Bahn würde ich mir Lektüre über die Seidenstrasze mitnehmen – oh wie romantisch!

Es gibt hier allerdings noch eine weitere Ortbestimmung, eine zur näheren Anschauung des unmittelbaren Umfelds bis Kaesong (der Koreaner an sich nimmt es mit der westlichen Schreibweise nie so genau. Da heisst es z.B. mal „Gaesong“ oder mal „Kaesong“ – sehr verwirrend für Ausländer, die dann natürlich denken, es handele sich um verschiedene Orte), in einem Pavillon mit einem Modell ähnlich einer „elektrischen eisenbahn“-Spielfläche. Hierauf sieht man sehr gut die Mäander des Imjingang, also des Imjin River,entlang denen die Grenze verläuft.

Und gleich in der Nähe der Freedom Bridge ist der letzte, allgemein zugängliche Bahnhof auf südkoreanischer Seite, die Imjingang Station. Die Gleise sind kürzlich erst wieder über die Grenze hinweg erneuert worden und seit dem 12.Dezember Neunzehnhundert2007 fährt täglich ein Güterzug zwischen Gaeseong und Seoul. Denn nahe der Stadt Kaeseong ist seit 2002 ein „Industrial Park“, in dem von nordkoreanischen ArbeiterInnen Kochtöpfe u.a. für Südkorea hergestellt werden.

Es handelt sich dabei um eine Sonderwirtschaftszone, die dem freien Handel dienen soll. Dort haben sich vor allem klein- und mittelständische Unternehmen aus Südkorea angesiedelt.

Um unseren Bahnhof herum – denn Dali (nicht gerade einer meiner Favoriten) würde sagen:“Le gare du Imjingak est le centre du monde!“ – ist ein kleines Universum der Diversifikationen. Der „Compass of Hope“, der Pavillon mit dem Glühbirnchenlandschaftsmodell in einem kleinen Park mit gebündelten Denkmälern (alle kitschig, wenn Sie mich fragen).Ha, besonders bizarr ist ein überlebensgrosser Präsident Truman in seinem bronzenen Anzug mit erhobenem Zeigefinger – die armen Koreaner: eine fast 5000 Jahre alte Hochkultur, in der 1.Hälfte des 20.Jahrhundert von Japanern ausgesaugt & unterjocht, in der 2.Hälfte mit Amiwerten plattgewalzt; da ist so ein Bronzekopp schon die richtige Antwort! Aber die Amis fühlen sich geschmeichelt, oder garnix, solange nur der Rubel rollt im ungeheuren Waffengeschäft mit South Korea – aber Nordkorea darf nicht mit Waffen dealen, denn das ist ja ein Schurkenstaat. Kleine Jeeps; im Waffenmuseumsabteil betrachte ich einen Jeep und einen Militär-Pick-up – neben andren Mordgeräten – aus den frühen 50ern. Von heutiger Ansicht aus – besonders hier im Grenzgebiet – kenne ich die aktuellen Dimensionen dieser Transportmittel und wunderte mich immer beim Betrachten alter Kriegsdokufilme, wieso diese Dinger so klein wirken. Jetzt weiss ich: die WAREN rundum kleiner. Und dann noch ein „Peace Museum“, ein Kirmesplatz, die letzte Dampflok „Mika 3-244“ mit drei Restaurant-Waggons, ein riesiger Parkplatz (Koreaner sind Autofetischisten), eine Aussichtsplattform von der aus man mit montierten Ferngläsern die wieder intakte Eisenbahnbrücke und weitere Eisenbahnbrückenpfeilerstümpfe parallel dazu in den Norden über Stacheldraht verschwinden sehen kann, ein unvermeidlicher „Family Mart“ (Supermarkt), Souvenirläden mit echten nordkoreanischen Likören, einsame Angelplätze, eine buddhistische, riesige Freiheitsglocke, Altäre und auf der gekappten „Freedom Bridge“ über einen blauen Pool in der Form Koreas eine Wand voller Hoffnungsmenetekel. Dazwischen hat sich ein wenig „Moderne Kunst“ angesiedelt und letzten Sylvesterabend gabs hier ein irre grosses Open Air Konzert.

Angeblich haetten die „Nordies“ in den 70ern verschiedene Tunnel unter der DMZ gegraben, um heimlich Soldaten nach Süden schleusen zu können. Das muss man sich mal vorstellen: mehrerekilometerlange Tunnel – ich halte dies für eine fabrizierte Angstproduktion der alten Süddiktatur, um die Schäfchen brav gegen die eigenen kommunistischen Brüder einzustimmen. Wir haben hier den Ausgang des 3.Tunnel in der Nähe. Dann gabs auf beiden Seiten megagrosse Lautsprecheranlagen, um Propaganda hin- & herzuschreien. Auf der anderen Seite steht der Welt höchster Flaggenmast (160m), frei nach dem Motto: wer hat den längsten – gut, darin haben sie gewonnen. Panmunjeom, offiziell auch Joint Security Area (JSA), ist der Name einer militärischen Siedlung in der entmilitarisierten Zone, in der von 1951 bis 1953 das Ende des Koreakrieges verhandelt wurde. Es ist seit dem Waffenstillstandsabkommen das Hauptquartier der Military Armistice Commission (MAC), die die Einhaltung des Waffenstillstands überwacht, dort befindet sich die Brücke ohne Wiederkehr. Die wichtigsten Gebäude in Panmunjeom sind drei blaue Baracken mit je einer Tür auf nordkoreanischer als auch südkoreanischer Seite. Durch ihre Mitte verläuft die militärische Demarkationslinie (MDL), de facto die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. In diesen Hütten fanden Verhandlungen zwischen beiden Parteien statt. In der übrigen DMZ – also ohne jegliche Miltärs und andre Menschen – konnte sich eine naturbelassene Tier- und Pflanzenwelt (Urwald) entwickeln.

Wer der Meinung ist, dass Nordkorea eine riesige Inszenierung sei, der kann sehen, dass es diese um den Bahnhof von Imjingak auch ist, allerdings mit einigen kleinen,aber wesentlichen Unterschieden…

Am Wochenende ist dies bestaunbare Konglomerat koreanischer Bizarrerien ein beliebtes Ausflugsziel und viele treffen hier ein, um auch eins der umliegenden Aalrestaurants aufzusuchen.

In einem Prospekt dieser Provinz namens Gyeonggi-do – seit der Designation Gaesongs durch König Wanggeon von Goryeo als königliche Hauptstadt, war Gyeonggi-do Mittelpunkt koreanischer Geschichte – fand ich ein Restaurant jenseits des Stacheldrahts, also in der ersten Gefahrzone, die man nur mit Visum betreten darf.

Ich stellte mich dumm und fuhr mit dem Wagen bis an die Grenze, kurbelte elektrisch das Fenster runter und sagte dem schwerbewaffneten Soldaten, dass ich da essengehen wolle.“ Auf gar keinen Fall. Drehen Sie auf der Stelle um!“ Ich liess nicht locker und hielt ihm den Prospekt mit der Restaurantskizze unter seine gleissende Sonnenbrille. Er entgegnete zögerlich ungern, ich könne die Leute vom Restaurant anrufen, die würden dann kommen und mich eskortieren. Mach ich das nächste Mal.

Mit historischer Symbolik überquerte am 2. Oktober 2007 der südkoreanische Präsident Roh Moo-hyun die Grenze und die demilitarisierte Zone zu Fuß und nahm am gleichen Tag in Pjöngjang an einem Gipfeltreffen mit Nordkoreas Staatsführer Kim Jong-il teil.

Eigentlich wollte ich mich nur so ein bisschen umschauen und ging dann auch noch in den Bahnhof rein, angelockt von hunderten aufgehängten gelben & rosa Memozettelchen auf denen so jeder seinen Kommentar zur Wiedervereinigung abgeben kann. Da kann man sich vorstellen, was in so demokratischen Köpfen alles vorsichgeht. Einer filzte einfach das Profil eines sitzenden Hasen mit Halsband – das Land Korea und seine innere Grenze symbolisierend, neben anderem Schabernack.

Der Ticketschalterraum ist aufgewärmter als der übrige Bahnhofsbereich. Draussen hat es grad minus sechs Grad,gefühlt. Am Schalter versuch ich eine Auskunft über die neuen Bustouren nach Kaesong zu erhalten. Das steht bei mir als Übernächstes an. Man schiebt mir freundlich eine kleine Broschüre zu mit einer Infotelefonnummer. Ich dreh mich um, die Sonne scheint in die Halle und lässt alle Farben aufblitzen, ich spür den Reiz zu fotographieren. Aber was? Das vergilbte Foto mit dem Schnellzug KTX im Rahmen über den blauen Kofferrollen neben der fleischfarbenen Dieter-Roth-Box? Das Transparent mit den hiesigen Vogelarten doch nicht.Ich spreche den Mann am Schalter nochmal an und versuche eine Bestätigung von ihm zu bekommen, dass es hier noch Adler gibt, denn ich habe welche gesehen, im Flug. Da kommt ein Zug. Die Leute steigen aus und gehen teils durch diese Halle, da fällt mir endlich dies völlig unscheinbare Billigregal auf, gegenüber von den zwei Schaltern. Voller fremder Bücher. Eine Bahnhofsbibliothek, wie ich sie nur von manchen Seouler U-Bahnhöfen kenne. Die Idee hierbei ist ja wohl, dass sich wartende Fahrgäste mit ein wenig Gratislektüre die Zeit versüssen. Ob man sich ein Buch für die Bahnfahrt ausleihen und es dann eventuell in einer andren Bahnhofsbibliothek wieder deponieren darf, weiss ich nicht.

Ich lese sowieso sehr langsam und Koreanisch noch langsamer. Na ja, da sind Sachen für Kinder dabei und leichte Kost für Erwachsene, sodann leitkulturelle Abhandlungen und eine Enzyklopädie. Die finde ich immer praktisch. Wenn man z.B. mal grad nicht weisz,was “peripatetic“ heisst, kann man ja gleich nachschlagen. Oder wann der Meteor einschlug, der die Koreabucht hier vor der Tür im Gelben Meer schuf.

Im Band 23 über koreanische Literatur finde ich ein Foto meines Lieblingsdichters Yisang, dessen Gedicht, das nur aus Zahlen besteht, ich vor zehn Jahren in meiner Serie „Tracings“ übermalte. Sein Band „Ogamdo“ („Mogelperspektive“) erschien 1934 zaghaft in einer Tageszeitung und sein sprachspielerisches Moment führte schon in der Redaktionsrunde zu Ärger.“…Das Mädchen war im Boot gewesen – weg von der Menge und dem Schmetterling. Der abgekühlte Wasserdruck – der abgekühlte Luftdruck des Glases lassen dem Mädchen nichts als den Gesichtssinn übrig. So beginnen zahlreiche Lektüren. In zugeschlagenen Büchern oder in irgendwelchen Winkeln der Schreibstube versteckt sie sich gern als ‚etwas Dünnes‘. In meine Drucktypen mischt sich Duft von der Haut des Mädchens. In meinem fertig gebundenen Buch sind Spuren vom Bügeleisen des Mädchens verblieben. Nur die sind durch kein noch so starkes Parfum zu verwirren -“ (Yisang)

Tja,“The Life Paradise“! – eine andre Anthologie.Vielleicht warte ich einfach erstmal bis der Governor von Gyeonggi-do diesen Fahrradweg bis nach Gaesong fertiggestellt hat und lese ein wenig weiter in der Imjingang-Bahnhofsbibliothek …

 

A23H, Januar 2008

Viele Fakten aus diesem Bericht sind heute anders.

Die erzkonservative Nachfolgeregierung hat ab 2008 nicht nur den südkoreanischen Präsident Roh Moo-hyun in den Tod getrieben, sondern gleich auch seine von seinem Vorgänger übernommene und erfolgreich fortgesetzte „Sunshine-Politik Nordkorea gegenüber“, mit dem fatalen Ergebnis, dass sich die zwei Bruderstaaten wieder stark in Feindschaften verbissen, und zB die skizzierten Ausflüge nach Gaesong längst vereitelt sind und kürzlich sogar der Industriekomplex Gaesong komplett geschlossen wurde.

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Herr und Herr

Was für ein seltsames Leben! Herr Zacharias kam in einem Vorort eines Vororts zur Welt, der der Vorort eines Vororts von Frankfurt war. Sein Vater, ein ungelernter Eismann, der sich früh ins Wohnzimmer zurückzog, um dort tagtäglich die Fernsehbilder zu studieren, hieß Herr Zacharias, und weil es Tradition war, den Vornamen vom Vater an den Sohn weiterzugeben, wurde Herr ebenfalls auf den Namen Herr getauft.

Wenn seine Mutter Herr rief, kamen beide aus ihren Zimmer gestürmt, um nachzusehen, was Frau Zacharias wollte. Frau Zacharias, die bei einem für die Mafia praktizierenden Zahnarzt arbeitete, kam abendlich stets mit einem kleinen Geschenk für ihre Männer nach Hause. Mal mit einem Taschentuch mit eingestickten Initialen, mal mit einer leeren Geldbörse, die sie dem kleinen Herr zum Spielen reichte. Seine Mutter sprach nicht oft über ihren Job, aber wenn sie es doch einmal tat, verzog sie das Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse. Er solle nur nie Zahnarzthelferin bei einem Zahnarzt der Mafia werden, riet sie ihrem Kind mit verzweifelter Stimme, die sich überschlug. Die Schreie der Patienten seien kaum zu ertragen. Den ganzen Tag müsse sie Kopfhörer tragen, um nicht taub von den Hilferufen zu werden. Und auch das ständige Fahren von einer Wohnung zur anderen, sage ihr nicht zu. Viel lieber würde sie bei einem niedergelassenen Arzt arbeiten, bei einem, der wirklich studiert habe.

Seine Eltern ließen sich früh scheiden, ach – da war Herr Zacharias erst achtzehn Jahre. Sie kämen nicht miteinander aus, erklärten sie dem erstaunt dreinblickenden Buben, der zusehen musste, wie sein Vater den Fernseher in einen Laster verlud, in dem er zukünftig leben wollte.

„So ein Laster“, sagte Herr Zacharias zu seinem Sohn Herr, „ist die ideale Wohnung für einen wie mich, der sich bereits zum achten Mal scheiden lässt. Zukünftig werde ich neben dem Haus meiner Frau parken und werde erst gar nicht mehr zu ihr in die Wohnung ziehen. Das erspart allen viel Ärger.“ Und dann streichelte er seinem Sohn zum Abschied über die linke Schulter, weil es seit langer Zeit Tradition in diesem Vorort war, sich so von seinen Kindern zu verabschieden. Er stieg hinten in seinen Laster und setzte sich vor den Fernseher. Dort blieb er, direkt neben dem Haus, weil er keinen Fahrer gefunden hatte. „Ich werde niemals eine neue Frau finden“, stöhnte er manchmal, „weil ich keinen Fahrer habe, der mein Haus wegfahren kann.“

Und so lebte die Familie Zacharias – trotz Trennung – doch irgendwie weiterhin zusammen, obwohl sich Frau Zacharias bald einen neuen Mann angelacht hatte, ausgerechnet einen, der als Clown beim Zirkus gearbeitet hatte, und der sie mit seinen Späßen vorzeitig ins Grab brachte.

Als ihr Sarg in die Erde hinabgelassen wurde, standen Herr und Herr Zacharias und der Clown davor und konnten es nicht fassen, dass sie ihre Wäsche zukünftig alleine waschen sollten. Und wer sollte kochen? Wer lüften? Eine düstere Zukunft reckte sich über den Horizont und streckte seine Hand nach ihnen aus.

Um nicht ganz verrückt zu werden, stellten sie eine Hausfrau ein, eine, die sich auf das professionelle Zubereiten von Speisen und auf das Bügeln von Hemden verstand. Um sie zu bezahlen, mussten Herr und Herr und der Clown arbeiten gehen. Eine schreckliche Episode im Leben von Herr, war er doch erst vor wenigen Tagen vierundzwanzig Jahre geworden. In einem solchen Alter, das sagten alle Nachbarn, sollte ein Kind noch nicht zur Arbeit gezwungen sein. Und doch musste es Herr tun. So begannen die Überfälle auf Banken, die das Trio durch ganz Deutschland führen sollte. Eine furchtbare Zeit, über die noch zu berichten sein wird.

Der Fall der untreuen Ehefrau

Der Privatschnüffler, den alle unter dem Namen Zacharias kennen, sitzt in seinem verbeulten Wagen, den er sich bei einer Firma, die auf Beulen spezialisiert ist, hat einbeulen  lassen, und isst einen Hamburger. Detektive, die einer Fährte folgen, das weiß jedes Kind aus den Serien im TV, leben reichlich ungesund. Es ist daher auch kein Wunder, wenn sie dereinst an einem Magenleiden sterben, an einer seltsamen Verformung der Lippen, an schlechtem Mundgeruch oder an Lungenkrebs, weil sie auch alle zu viel rauchen. Zacharias zieht, während er kaut, an seiner filterlosen Zigarette. Der Rauch quetscht sich tief in seine Lungen, bis ihm ganz schlecht davon ist, und er den Rauch nach oben würgt und ausspeit.

Eben kommt ein Kind auf einem Fahrrad vorüber. Es grüßt den Schnüffler, weil ihn, wie bereits erwähnt wurde, alle unter seinem Namen kennen. Es grüßt den Herrn Zacharias, denn es wurde von seinen Eltern gut erzogen. Nach dem Gruß zeigt es Zacharias den Stinkefinger. Das gehört in diesem harten Viertel zum guten Ton. Zacharias hatte darauf gewartet. Hätte das Kind ihm nicht den Stinkefinger gezeigt, hätte er mit seinen Eltern ein Gespräch führen müssen. Er hätte sie auf das fehlende Benehmen ihres Kindes hinweisen müssen. Das muss er nun nicht tun. Erleichtert atmet Zacharias, der in geheimer Mission unterwegs ist, auf.

Wenn man als Privatschnüffler observiert, verlässt man oft für mehrere Wochen oder Monate (manchmal sogar Jahre) nicht seinen Wagen. Man bewohnt ihn sozusagen, man lebt und empfängt seinen Besuch im Auto. Nach einer Weile richtet man sich ein. Man näht sich Gardinen. Man unterteilt das Gefährt in Hinterzimmer und Empfangsraum. Man bringt eine Klingel an, automatische Rollläden, man baut eine Treppe, die zur Fahrertür führt. Manche legen sich einen Garten an. Sie ziehen Zäune um den Parkplatz, beginnen sesshaft zu werden. Plötzlich wollen sie mit dem Fall, den sie eben untersuchten, nichts mehr zu tun haben.

Wieder und wieder kommen marodierende Banden und Drogendealer vorbei und halten mit Zacharias einen kleinen Plausch, der ihnen erklärt, dass er eine untreue Ehefrau beobachtet, die, er zeigt auf ein Hochhaus, vor drei Wochen dort drin verschwunden ist.

Normalerweise überleben Privatschnüffler hier nicht. Sie werden, wie soll ich es ausdrücken, sie werden kalt gemacht. Eine Gruppe, die sich als Eskimos verkleidet hat, taucht plötzlich mit einem Sack voller Schnee auf und reibt sie mit dem kühlen Nass ein, bis sie erfroren sind. So kam es hier bereits zu unzähligen Frostopfern, die der Polizei, in Gestalt des Kommissar Bremer, ein unerklärbares Rätsel sind. Man hatte zwar einige Besitzer von Kühlhäusern verhaftet, aber alle hochnotpeinlichen Befragungen führten zu keinem brauchbaren Ergebnis. Allerdings gaben die Verhafteten zu, vom Teufel besessen zu sein. Wenigstens ein Fahndungserfolg.

Zacharias sieht allmählich ein, dass der Fall, den er DER FALL DER UNTREUEN EHEFRAU genannt hat, nicht abschließen wird. Er ist in ein undurchdringliches Netz aus Straßen und Lügen geraten. Weil er keine Lust mehr hat, gibt er schließlich auf. Er startet den Wagen und fährt die nächste Straße links rein. Dort wohnt er.

Endlich mal wieder ausschlafen und rasieren, denkt Zacharias. Er steigt mit einem ausladenden Schritt aus. Zu weit! Jetzt steht er etwa sieben Meter neben seinem treuen Gefährt. Also geht er zurück, aber so, dass es keinem auffällt. Er macht kleine Trippelschritte, wie er es in der Tanzschule gelernt hat.

Hm, überlegt Zacharias, ich müsste eine Wache am Gefährt hinterlassen.

Er sieht sich mit zusammengekniffenen Augen um und erblickt eine alte Frau, die gerade keuchend auf Höhe seines Autos verschnaufen will.

Sehr gut, schießt es Zacharias durch den Kopf. Die nehme ich, die sieht unscheinbar aus, wird aber jeden Gegner mit ihrem Aussehen in die Flucht schlagen.

„Hey, Sie!“, ruft Zacharias sie an. „Sie passen ab sofort auf mein Gefährt auf. Und das mir keine Klagen kommen. Sonst gibt es Ärger. Ich bezahle aber auch gut. Später. Ich werde sie später bezahlen.“

Die alte Frau, ermattet von einem kleinen Spaziergang, versucht erstaunt aufzublicken. Es gelingt ihr nicht und so gibt sie es auf.

Warum nicht, denkt sie. Werde ich eben Autowache. Mein Mann, der Teufel habe ihn unselig, hat das ja auch gemacht. Stundenlang stand er vor den Autos wildfremder Leute und wurde reicher und reicher dabei. Das kann mir nun auch blühen. Hervorragend! Vielleicht kann ich mir bereits in einigen Wochen eine Sänfte samt Trägern leisten.

„Und, wie lautet deine Entscheidung, altes Weib?“, fragt Zacharias nach. Er ist nervös, weil er jetzt aufs Klo will. Er will sich erleichtern. Er war jetzt seit Wochen nicht mehr auf dem Klo. Und nur einhalten schafft selbst der beste Schnüffler nicht.

Die alte Frau will nicken, aber es will nicht gehen. Die Halsmuskulatur versagt.

Zacharias deutet es als Arbeitsvertrag. Er stürmt in das Wohnungeheuer, in dem er lebt, um sich von einem der Aufzüge nach oben in den 400. Stock bringen zu lassen.

Ein bisschen pinkeln, ein bisschen rasieren, dann bin ich auch wieder ein Mensch.

Samstag

Als altgedienter Leser meiner Tagebuchaufzeichnungen wissen Sie selbstverständlich von den SCHMERZEN, die mich bisweilen aufsuchen, nein, man muss hier wohl eher von einem Befall reden. Ich weiß nicht, wo sie sich tagsüber verstecken, in welchem Loch sie hausen, von welchem menschlichen Leib sie sich in diesen Stunden nähren, aber in der Nacht, nicht in allen, aber in vielen Nächten, finden sie den Weg zu meinem Bett. Treu wie mein Windhund Winnetou (Name geändert) sitzen sie vor meinem Lager, mich aus ihren treuen Augen besorgt ansehend, mich, der sich mühsam durch den Schlaf arbeitet.

Wie alle unter Ihnen, die ebenfalls schreiben, wissen, ist der Schlaf dem Schriftsteller keine Erholung. Er ist das Bergwerk, das er betritt, um tief in den verschiedenen Schichten seines Unterbewusstseins Steine zu schlagen, stets in der Hoffnung, dabei auf einen Klumpen Gold zu stoßen. (Deshalb trage ich einen Helm. Auch Seil und Hacke gehören zu den Utensilien, die ich mit ins eheliche Kampfgebiet schleppe. – Bereits vor einigen Jahren ließ ich mir extra eine Umkleidekabine bauen. Eine Stempeluhr wurde neben der Schlafzimmertür befestigt. So, gekleidet wie der Bergmann, der ich bin, betrete ich in den Abendstunden den Bergmanns-Raum, auf den Lippen ein lustiges Lied über die Gefahren von Absturz und Tod, und steige in die Stollen meines Kopfes.)

Da ich nicht anwesend bin, nutzen die SCHMERZEN, die es sich angewöhnt haben, meinen Leib wie Dämonen zu befallen, die Gunst der Stunden. Sie klettern, ich vermute dies nur, über die Nasenlöcher in meinen Rachenraum hinab, um sich von dort in den Magen abzuseilen. Mit kleinen Spitzhacken, die der meinen gleichen müssten, vergehen sie sich an den Innenseiten meiner Wenigkeit, die, meist nach wenigen Minuten, aufschreckt, sich umsehend, was da mit ihr geschieht. Hach, denke ich, die Körperfresser sind zurück, sie sind abermals in mir und vergehen sich. Nicht mit mir!

Ich verfüge über zahlreiche Techniken, wie diesen Unholden beizukommen ist, so etwa der SCHLAG-DICH-SELBST-METHODE, die vorsieht, dass ich mich malträtiere, meist mit einer Eisenstange, bis es die SCHMERZEN schmerzt, und sie sich aus mir zurückziehen. Man muss nur wissen, wie mit diesen Kobolden umzugehen ist. Sollte die Eigenbehandlung mit Schlägen keinen Erfolg zeigen, kann es vorkommen, dass ich auf Pater Merian, meinen Privatexorzisten, zurückgreife, der mich einer Behandlung mit Weihwasser, Kreuzen und zerbröselten Oblaten unterzieht. Gebete murmelnd, kettet mich der Pater mit Handschellen, geschmiedet aus Engelssilber, an die Bettpfosten, die SCHMERZEN mit Güte und Liebe überschüttend, mit Gebeten in Latein, die so unendlich langweilig sind, dass sich die SCHMERZEN in den meisten Fällen zu einem Rückzug genötigt sehen.

Wie Sie sehen beziehungsweise lesen, verfüge ich über ein Arsenal an Waffen im Kampf gegen die Plage der SCHMERZEN. Trotzdem geben sie nicht auf. Nacht für Nacht kehren sie zurück. Nacht für Nacht hoffen sie darauf, den Sieg über mich davonzutragen.

Allein, ich werde nicht aufgeben, nicht ich, der zahlreiche Preise im Bereich der Großwildjagd gewonnen hat, der für seine Verdienste um die Ausrottung des Wahntigers und des Krummnasenbären mehrfach ausgezeichnet wurde. Ich gelte, das wissen Sie als meine treuen Leser genau, als ein Großmeister der Vernichtung, des Zerstörens, denn nur dort, wo wir zerstören, kann wieder etwas entstehen, etwas Neues, das wir dann geflissentlich kaputt machen können.

Große Künstler sind große Kinder. Im Grunde leiden wir alle, und mit uns allen meine ich mich und Thomas Mann, der nicht mehr leidet, ich meine Nabokov und Sternbart, ich meine Rudolph und Gott, im Grunde leiden wir alle an einer Gemütskrankheit, an einer verschleppten Krankheit, die sich in den frühen Jahren unseres Lebens in uns festsetzte.

Genug geschwafelt, Welt. ich entschwebe in die Welt. Bleiben Sie mir gewogen.

Guten Morgen!

Zur UNTAT (5)

„Rohm, dessen bisherige Kriminalerzählungen allesamt Zerfleischungsrunden einer Hassliebe zu Gewalt- und Verbrechensfiktionen waren, greift die Erzählgewissheit des Krimis grundsätzlich an. Er geht gegen die Illusion vor, Verbrechen seien ohne Korruption des Lesers vergnüglich erzählbar.“ Thomas Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung

>>>>HIER kommen Sie zur Rezension von Thomas Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung!

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