Die Wahrheit über die Ausführungszeichen

Ich würde ständig so komische Dinge schreiben. Das warf man mir unlängst vor. Direkt vor meine entzündeten Füße. Na und!, schrie ich zurück. Ich war so aufgeregt, dass ich nicht mal Zeit hatte, meinen hastig dahingehauchten Satz in Anführungszeichen zu setzen. Dabei sind sie wichtig. Anführungszeichen führen einen Satz an, den man spricht. Sie sollen das Gesagte vom Erzählten trennen. Anführungszeichen sind der Grenzübertritt. Dahinter liegt das Reich des Bösen. Quatsch. Es gibt natürlich auch Ausführungszeichen, die die wörtliche Rede beenden. Die Germanistik schweigt sich gern und beharrlich über dieses heikle Thema deutscher Rechtschreibgeschichte aus. Und das bereits seit Jahren mit zunehmendem Erfolg. Wer weiß heute noch etwas von den Ausführungszeichen, die 1923 von einem gewissen Bertram Heidegger heimtückisch ermordet wurden. Seit dieser Zeit endet jede wörtliche Rede ohne Ausführungszeichen, sondern mit dem Wiederholen der Anführungszeichen. Nur wenige wissen das. Teilt es euren Kindern mit. Danke.

Donnerstag II

Heute an Schwaller und „Mittwochsdame“ gedacht.

Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an Schwaller erinnern können. Kurt Schwaller. Gott, wie der reden und schreiben konnte, der Schwaller. Eine gewagte Satzkonstruktion jagte die nächste, bis sich die Worte in die Schwänze bissen. Ein Gerangel der Silben (man nannte Schwaller in Kritikerkreisen auch Silbenrücken), bis man kaum noch erkennen konnte, welches Wort zu welchem gehörte. Staub. Wirrwarr.

Es ging beim Schwaller um alles. Das betonte er unablässig. „Mir geht es um alles. Meine Literatur muss den Leser fordern. Sie muss ihn herausfordern. Sie muss ihm zeigen, dass ich der Größte bin.“

Sätze waren sein Aushängeschild. Sie priesen seinen Laden an, den er GENIE nannte. Drin Schwaller und ein paar von ihm ausgesuchte Experten, die, um ihren Job an der Uni zu rechtfertigen, Schwaller bestätigen, schreiben zu können wie kein Zweiter.

Nur an Ideen mangelte es Schwaller. Das machte er wett, indem er auf seinen Kollegen herumhackte.

Überhaupt, einer wie Schwaller machte keine Kompromisse. Er trug stets einen Anzug. Sogar im Bett und unter der Dusche. Kam ihm einer blöd, bekam er von Schwaller die Sprachpfanne um die Ohren gehauen. Und wieder Sätze, verzwickt wie ein betrunkener Irrgarten, sodass sich seine Gegner meist ab dem siebzehnten Semikolon geschlagen gaben.

Wahnsinn. Er schrieb dreißig Romane, hochgelobt, aber nicht in einem war eine Geschichte oder eine funkende Idee zu finden. Er schiss die Blätter mit Worten voll, klagte über den Literaturbetrieb, trieb sich in der Triebtäterszene herum, in der Hoffnung, so seinem Image als enfant terrible zu entsprechen. Brachte alles nichts.

Am Ende, Sie werden es wissen, überfiel er eine Bank. Drohte damit, aus seinem Opus Magnum „Die Mittwochsdame“ vorzulesen. Sie verhafteten ihn, als er gerade die Bank verließ, die Arme erhoben, siegesgewiss. „Ja!“, schrie er. Die Kameras bohrten sich in sein Gesicht. „Mein Name ist Kurt Schwaller.“ Gestrahlt hat er, der Schwaller. Die Sonne muss neidisch geworden sein.

Er fuhr dann ein, leider nicht in seinem Anzug, den musste er abgeben. Die Gefängnisleitung schottete ihn von den restlichen Gefangenen ab. Bis heute. Reden könnte er ja, sagen sie, aber keiner versteht, was er will. Und da sitzt er jetzt, der Schwaller. Sitzt ein, wie man sagt. Brüllt Hexameter in den Innenhof, die ungehört verhallen. Nächtelang trägt er aus der „Mittwochsdame“ seinen unsichtbaren Wärtern vor. Die hören gar nicht zu. iPod sei Dank. Oh, oh, wenn das der Schwaller wüsste.

Ja, ja, der Schwaller, was für ein sagenhafter Autor. Schade ist es nicht um ihn, denn Konkurrenz tötet meine Geschäfte.

Guten Abend, Welt!

Samstag

Wer hätte das gedacht! Als eine der letzten freien Stimmen der westeuropäischen Welt, wurde ich für sieben Tage bei Facebook gesperrt. Man drängte mich hinaus, fürchtet man doch um die Wahrheiten, die ich unablässig wie ein Ventilator in die Hallen des Internet puste. Aber nichts wird mich aufhalten können. Als Genie des Computers verfüge ich über zahlreiche Gesichter. Facebook besteht zur Hälfte aus meinen Accounts. Wikipedia würde es ohne meine zahlreichen getürkten Einträge gar nicht geben. Natürlich, ich äußerte diese Vermutung bereits, kann es gut sein, dass der bösartige Doktor Thams hinter diesem Winkelzug steht, diese Schmach der Kritikerkaste, der, im Gepäck sein Anhängsel Klein-Toby, dafür bekannt ist, meinen Untergang herbeiführen zu wollen. Es wird, ich weiß es genau, dereinst eine entscheidenden Schlacht weit über den schäumenden Stürzen des Reichenbachfalls geben. Dort werde ich mein Leben lassen. Die Vorsehung hat es so verfügt. Aber ich werde von den Toten wieder auferstehen, um grausam Rache zu nehmen.

Bis es soweit ist, trinke ich wie gewohnt meinen Möwenshit-Kaffee und übe mich in den verschiedenen asiatischen Kampftechniken, wie dem Jade, das einst von chinesischen Krimiautoren entwickelt wurde.

Sonntag III

Ich habe schon wieder den ganzen Tag mit dem Drehen diverser Filme verbracht. Jetzt bin ich ziemlich erschöpft, habe aber keine Zeit, mich auszuruhen, weil soeben Gauß, der blondgelockte Mathematiker aus Bad Homburg, eingetroffen ist. Gauß, der ein verschlagenes Genie aus den Kreisen um die Deutsche Bank ist, kommt soeben aus Mallorca, wo er als Hütchenspieler seinen Urlaub verlebte. Millionäre sind eben Exzentriker. Er, der eigentlich eine sie ist, die sich nicht entscheiden kann, welche Geschlechterrolle sie am liebsten spielen möchte, hat sich mein gesamtes Filmschaffen angesehen. Sie-Er meint, es könnte gut sein, dass ich mit dem einen oder anderen Kurzfilm einen Oscar gewinne. Wir haben dann zusammen laut gelacht.

Gauß, das ist mir schon eine(r).

Guten Abend, Welt!

Sonntag

Lang geschlafen, sodass ich inzwischen über zwei Meter messe. Derart vom Schlaf erhöht, kamen mir wieder wunderbare Ideen zu neuen Romanen, die heute zu schreiben sein werden. Allerdings musste ich den Kopf einziehen, um der Denkfabrik keinen Schaden zuzufügen. Sie wurde heil an den Schreibtisch geführt, der plötzlich eine erschreckende Tiefe aufwies, die mir bisher entgangen war. (Niemals hätte ich vermutet, dass der Schreibtisch über Nietzsche und Hölderlin nachdenkt; erst jetzt, da ich den rechten Überblick gewonnen habe, offenbart sich mir sein wahres Wesen.)

In der Küche sitzen die Kinder und streiten über filmische Details solcher Standardwerke wie STAR WARS und TRANSFORMERS, die Worte flitzen wie Dartpfeile an meiner Brust vorüber und bleiben in der Wand neben mir stecken, die zum Glück aus Kork gemacht ist, sodass ich keine Beschädigungen des Mauerwerks befürchten muss.

Im Netz, ich verlinkte es sogleich auf meiner virtuellen FB-Pinnwand, ist eine neue Rezension erschienen, die sich mit gewagten Worten (und einem Unterton, der sich nur dem wahrhaft Belesenen unter Ihnen erschließen wird) an meiner UNTAT versucht.

Der Himmel erinnert an eine Glasplatte, auf der die homogenisierte Milch des letzten Einkaufs verschüttet wurde. (Es sind diese Bilder, immer wieder, diese gewagten Beschreibungskunststücke, die mir dereinst einen Literaturpreis der deutschen Supermarktketten bescheren wird. – „Und die Goldene Kaffeesahne geht in diesem Jahr an …“)

Mein Adler, gefangen vor Urzeiten in einem albanischen Grenzdorf, juckt sich den Rücken am Gitter, das ihn fest von allen Seiten einschließt. – Nein, hier liegt keine Tierquälerei vor, sondern der Versuch, das geflügelte Wesen mit seinem Käfig in Einklang zu bringen. Nur so wird es ihm gelingen, seine Gefangenschaft als Teil seines Selbst dauerhaft zu akzeptieren.

Guten Morgen, Welt!

Samstag

Und schon wieder (ich kann es noch gar nicht glauben!) habe ich den Büchner-Preis nicht erhalten. Dabei hatte ich mich extra mit einem Video beworben, in dem ich erklärte, warum ich ihn unbedingt bekommen muss. (Alle meine Frauen und Kinder haben daran mitgewirkt. Wie soll ich ihnen jetzt erklären, dass alles umsonst war?)

Allein des Geldes wegen wäre seine Entgegennahme wichtig für mich gewesen. Die Fassade benötigt dringend einen neuen Anstrich. Und ich hätte nicht einmal eine Dankesrede gehalten, die alle eh nur gelangweilt hätte. Stattdessen wäre ich gar nicht erst aufgetaucht. Sie hätten mir den Preis mit der Post schicken können; einfach alles rein in einen Schuhkarton, Aufkleber drauf und ab damit.

Jetzt haben sie ihn leider Sibylle Lewitscharoff verliehen, die am liebsten alle Vierzehnjährigen einbuchten würde, die es wagen, illegal Bücher von ihr oder den Kollegen auf ihre Rechner runterzuladen. Wie, frage ich Sie mit zitternder Stimme, kann man so eine Frau nehmen? Das sind doch keine Forderungen. Das ist doch alles viel zu harmlos. Die Rotzlöffel sollten in Lager gesteckt werden, damit man ihnen Anstand in ihre hohlen Kopfe peitscht. (Ich schätze mal, dass die Jungs von der Akademie für Sprache und Dichtung nichts von meinen Ansichten wussten, sonst hätten sie mit Sicherheit nicht einen so angesehenen Preis an eine solch nachlässige Person verliehen.)

Auf mich hätte man hören sollen. Seit Jahren schreibe ich, dass das Kulturgut Buch geschützt werden muss. Literatur, da sind die Lewitscharoff und ich uns einig, die nichts kostet, ist nichts wert. Ein Buch sollte schon etwa 3500 Euro in der Taschenbuchausgabe kosten. Eher 4000 Euro. Dann überlegen sich die Leute ganz schnell, ob sie sich wirklich den neuen Brown kaufen wollen.

Überhaupt dürften Bücher gar nicht allen zugänglich gemacht werden. Und das Internet muss man ausschalten. Ein Herd muss auch nicht sein. Die Menschen haben völlig das Gefühl für Essen verloren. Seit es sich jeder zubereiten kann, ist es nichts mehr wert. (Atemluft sollte auch teurer werden, damit sich nicht jeder Depp daran verschlucken darf. Und niemand bezahlt dafür. Wo soll so etwas enden?)

Sie sehen also, ich wäre der ideale Kandidat für den Büchner-Preis. Ich bin derart dafür geschaffen, dass man ihn mir ruhig mehrmals verleihen könnte bzw. sollte man mich zum Dauerempfänger des Preises ernennen. Was soll ein Preis wert sein, der schon von so vielen verschiedenen Personen entgegengenommen wurde? Nichts. Da steckt ja eine gewisse Beliebigkeit dahinter. Er sollte Geld kosten, sollte an den vergeben werden, der ihm etwas wert ist.

Kein Büchner-Preis! Ein enttäuschender Samstag!

Guten Morgen, Welt!

Freitag

Mutter Rohm war zu Besuch. Wir unterhielten uns gepflegt (bis gelangweilt) über den Tod, Bestattungsunternehmen und Sarggrößen.

Sie schilderte mir detailliert, wie sie sich den Ablauf ihrer Beerdigung vorstellt. Siebzehn Ärzte sollen ihren Tod bescheinigen. Nichts bereitet mehr Freude, als sich an einem – von der Sonne durchtränkten – Nachmittag über das Ableben und das Jenseits auszulassen.

So teilte ich ihr meinen Wunsch mit, auf meiner Beerdigung offen aufgebahrt zu werden, um so von jedem der Trauergäste einen letzten Kuss auf den Mund erhalten zu können. Als Begleitmusik meines schleppenden Trauerzugs erwarte ich „Katzeklo“ von Helge Schneider. Regnen soll es – bitte sehr! – auch. Dafür, ich bitte tunlichst im Vorfeld darum, ist Sorge zu tragen.

Ein weiteres Thema unseres Gesprächs drehte sich um Erbschaftsfragen. Die Villa, sollte ich in Kürze abnippeln, soll zu gleichen Teilen an meinen vierundvierzig Ex-Ehefrauen, meine dreiundzwanzig Kinder, meine siebenundneunzig Diener und den Mann, der gerade, da ich dies niederschreibe, über den gegenüberliegenden Gehsteig schlendert, gehen. Das Haus sollte, so stelle ich mir das vor, steinweise abgetragen werden.

Ach, ich liebe Sommertage, die sich in Diskussionen über Tod, Teufel und Verzweiflung verlieren.

Guten Abend, Welt!

Donnerstag

>>>>Jean Paul hat Geburtstag. Was schert mich das? Feiern wir einen toten Schriftsteller, feiern wir überhaupt einen, ist es, als würden wir eine literarische Gestalt hochleben lassen, einen Entfernten, der nicht einmal da ist, der nicht anwesend ist, der nicht hier vor mir steht, und der vielleicht auch nie existierte, außer eben in seinem Werk, ein Autor, der ebenso wie seine Kopfgeburten ein Fantasiestück sein könnte, ersonnen vielleicht von einem, der sich einen Autoren ausdachte, der sich einen Autoren ausdachte, dessen Bücher ich lese und mit dessen Autobiografie ich mich beschäftige, die aber nicht stimmen muss, die eine Lüge sein könnte, ein Roman, der von A bis Z erstunken und erlogen ist. Nichts würde sich an der Größe (oder fehlenden Größe) des Werks ändern, die stets eine persönliche ist. Wie lässt sich die Größe eines Werks allgemein messen? An der Seitenzahl, an den Worten, die gebraucht wurden, an deren Zusammenstellung, an der Länge der Sätze, an den Ideen, die man zünden ließ?

Wird die Größe von der Literaturkritik vorherbestimmt? Gemacht? Muss man eilig Preise verleihen? Muss man den Autor an der Hand halten und ihn nur oft genug ausgestellt haben? Heute wird alle Tage ein neues Genie ausgerufen. Jeder Verlag präsentiert pro Saisons mindestens eins. Es wird geschrien, so laut wie auf dem Jahrmarkt. Das sei er jetzt endlich, bis man in einigen Monaten den nächsten armen Tropf präsentiert, aber diesmal sei man sich sicher, man habe die Götter befragt, das Orakel, alles seien sich gewiss, dieser oder diese sei es, das neue Fräulein Wunder der Literatur. Das Fräulein wird man vielleicht nicht mehr bemühen, das gab es schon, jetzt ist es die ausgekochte Göre, eine Schlampe sei sie, die es faustdick hinter den Ohren und in den Brüsten habe, die einen Slang schreibe, das habe man noch nicht gehört, der habe sich gewaschen, ein Genie, werden sie tönen, werden es vom Berg hinab ins Tal schallen lassen, damit es jeder hört, ob er nun will oder nicht.

Was kümmert mich der Autor? Nichts, wenn er es nicht versteht, eine Fabel aus sich zu machen, eine Märchengestalt, eine literarische Größe, eine Legende. Ich will mit dem schnöden Schmutz der Realität nichts zu tun haben, nicht mit den Wirklichkeiten, die können mir gestohlen bleiben, die habe ich zu Genüge um mich herumstehen, die sogenannte Realität. Luftschiffe sollen fahren, Zwerge sollen in die Wohnung dringen, ich will von Reisen lesen, die es nie gab, zumal in einem Buch wie dem Internet, ein Buch wie eine Stadt, groß und zerklüftet, mit Vororten und Spielplätzen, mit Rotlichtvierteln, die überschattet werden von Hochhäusern, Wolkenkratzern, deren Enden nicht abzusehen sind, die sich ins Weltall strecken.

Jetzt hat Jean Paul Geburtstag. Was kümmert es mich? Was schert es mich? Ich will die Lüge hochleben lassen, die Fantasiegestalt. Und die hat alle Tage Hochsaison!

Donnerstag

>>>>Der neue Papst erinnert mich an Onkel Erhard. Er kam meist spätnachts, zusammen mit Tante Hilde. Erhard und Hilde verstanden sich aufs Feiern. Papa erklärte mir irgendwann, dass sie nichts anderes täten. Nur feiern. Das fand ich wunderbar. Was für ein unglaubliches Leben mussten sie führen. Sie stolperten in unsere Wohnung und forderten meine Eltern auf, mit ihnen zu feiern. Manchmal sah ich sie im Wohnzimmer sitzen. Ich hatte mich aus dem Bett geschlichen und spähte um die Ecke. Mit einem Teleskop, das wir im Werkunterricht gebaut hatten. Onkel Erhard fielen ständig die Augen zu. Er hielt eine Zigarre, deren Asche jeden Moment auf seine Hose stürzen könnte. Mama saß mit einem Aschenbecher neben ihm und versuchte sie aufzufangen. Sie wirkte verzweifelt. Papa musste mit Tante Hilde alte Lieder über Soldaten singen. Irgendwann spät in der Nacht gingen sie wieder. „Ich will die nicht mehr hier haben“, sagte mein Vater, wenn er die Tür hinter ihnen schloss. Mutter sagte nur: „Komm!“

Onkel Erhard und Tante Hilde verunglückten später bei dem Versuch, mit ihrem Auto zu fahren. Es tat mir leid, von ihrem Ableben zu hören. Es waren gute Leute. Professionelle Stimmungsmacher, die den letzten Krieg überlebt hatten. Und Onkel Erhard, der sah eben genauso aus wie der neue Papst. Ob man mit dem auch so feiern kann?

Egal. Es gibt wichtige Dinge zu erledigen. Wir brechen heute zur Buchmesse auf. Es sind in verschiedenen Raststätten Lesungen geplant. Ich werde unter anderem aus meinen folgenreichen Megabestsellern „Die Angst der Orchidee“ und „Kapstadt kam nur bis Oslo“ lesen.

Noch schlafen alle. Kann ja nicht jeder so früh wie das größte Genie der modernen Literatur aufstehen. Dabei fühl ich mich gar nicht so. Wie das größte Genie der modernen Zeit, meine ich. Komm mir oft vor, als wäre ich ein ganz normaler Mensch. Und dann kommen wieder diese Lesebriefe rein:

Lieber Guido Rohm, mein Name ist Elfriede Grabowski. Ich habe ihren Roman „In den Zeiten der dritten Zähne“ gelesen. Sie machen das perfekt. Ihre Beschreibung eines Killer-Altenheims. Besser hätte man es nicht beschreiben können. Ich war zwar noch nie in einem Altenheim für Killer, aber ich würde es mir so vorstellen. Alles realistisch. Wie ihre Hauptfigur Igor den Priester tötet, der die Alten jeden Tag besuchen kommt. Hm, da lief mir der Schweiß von der Stirn, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Und wenn ich als Busfahrerin nicht hin und wieder mal auf den Straßenverkehr achten müsste, ich würde noch viel, viel mehr von Ihnen lesen.

Na, da sieht man mal, es bedeutet den Menschen etwas, wenn sie ihr Berufsleben mit meinen Romanen ein bisschen aufpeppen können. Eben mal nicht nur auf die Aufgabe achten, für die man bezahlt wird, sondern auch mal in den eignen Kopf abtauchen. Die Werktätigen dieser Welt benötigen die rechte Dosis Rohm-Romane. Schon lange meine Rede. Die Welt wäre eine bessere mit meinen Romanen. Stellen Sie sich die Kanzlerin vor einer wichtigen Mission vor. Sie ist aufgeregt. Sie hat Durchfall. Ständig läuft sie rüber aufs Klo. Sie kommt gar nicht mehr runter von dem Thron. Sie könnte sich heilen, sich ablenken, indem sie in meinem Roman >>>>“Blutschneise“ liest. Ein kleines Blutbad vor einem Treffen mit dem italienischen Staatspräsident beruhigt Magen und Darm. (Sollte das an meinen Sekretär weitergeben: Gesamtes Kanzleramt mit meinen Romanen ausstatten. Sie müssen überall liegen. Betritt man das Gelände ums Kanzleramt, muss man bereits über die ersten Romane stolpern. Im Amt müssen statt der Bilder überall Poster meiner abfotografierten Cover hängen. Neben den Covern jeweils ein Abzug meiner letzten Session mit Guy Saison. Eine Portion Erotik kann nicht schaden.)

Und nun auf zur Leipziger Buchmesse.

Guten Morgen, Welt!