Die Stimmen (8)

Montag, 19. August 2013

Sein Bauch schmerzt.

Seit Tagen plagt er sich mit einem Bauch herum, der sich dehnt, als hätte sein Körper noch einiges mit ihm vor. Er hat gesurft. Das macht man doch so, wenn man krank ist. Man sieht im Netz nach, was einem fehlt. Bis zum finalen Krebstod sind es nur wenige Klicks. Das Internet hat die Geschwindigkeit eines Lebens, das sich bereits bei der Geburt seinen eigenen Tod ansehen kann.

Tee. Tee müsste helfen.

Der erste Tag Arbeit liegt hinter ihm. Er liegt hinter ihm wie eine Beziehung, die man täglich neu beginnt, um sie am Abend zu beenden, immer in der Hoffnung, dass die Ungeliebte bleibt, wo sie liegt. Fernab im Nichts. Am Rand der Welt, die von seinen Augen bestimmt wird.

Er hat geschrieben. Viel geschrieben. Es muss ja irgendwie mit seinem Roman weitergehen, einen, den sie ihm um die Ohren hauen werden. Aber wenn sie hauen, nehmen sie wahr. Das ist doch schon mal was.

In der Küche ist die Spülmaschine zu hören, es erinnert an den Motor eines Schiffes. Man steht weit oben an Deck und von unten ist ein Stampfen zu hören. Papperlapapp, denkt er. Ich war noch nie auf einem Schiff.

Seine Frau liegt auf dem Sofa, lesend, fernlesend, weil das Lesen ja ein Gleiten aus dem Alltag ist. Ein Sprung von wenigen Seiten kann von Moskau nach New York führen. Da gleichen sich das Internet und die Literatur. Beide bieten komprimierte Leben an.

Genug jetzt, denkt er und nimmt einen Schluck von seinem Tee und macht Feierabend.

Nur feiern wird er nicht.

Die Stimmen (7)

Sonntag, 18. August 2013

Er hat wieder den ganzen Morgen herumgealbert. Texte, die alles zulassen, auch Fehler. Er ist jedes Mal selbst gespannt, was entsteht, wenn er die Zügel schleifen lässt.

Das sind die Stimmen, denkt er, diese unzählig vielen Stimmen, die in ihm tönen.

Jetzt hat sich, in dem Moment, da er etwas in sein Tagebuch einträgt, die Küchentür geöffnet. Seine Frau hat den Kopf rausgestreckt, im Haar eine Bürste, sodass sie aussieht wie ein Indianer. Er habe doch versprochen, heute nichts mehr zu schreiben, sagt sie. Aber, wehrt er sie ab.

Sie ist erzürnt. Verärgert. Nicht, dass er schreibt, sondern weil sie nicht möchte, dass er etwas verspricht, das er nach einer halben Stunde bricht.

Weniger, denkt er. Du musst weniger schreiben. Und das schreibt er auf. Da steht es, dass er weniger schreiben will.

Und jetzt?

Der Sonntag liegt wie eine freie Fläche vor ihm. Wie ein Stück Wiese, auf dem er sich austoben könnte. Er kann alles tun. Einen Kopfstand. Er könnte sich aufs Sofa legen. Lesen. Gut, denkt er. Nur nicht schreiben. Er hat es doch versprochen.

Er schreibt alles auf.

Gut, wenn man seinen Tag auch ohne die Schreiberei verbringen kann.

Morgen ist alles vorbei. Morgen wird er im Laden stehen und die Regale bestücken.

Aber aufschreiben werde ich das nicht, denkt er. Und was macht er? Er schreibt es auf.

Wenn ich morgen wieder arbeiten will, denkt er, ist der Sonntag eine Zeitbombe, die mir um die Ohren fliegen wird. Er sollte den Tag gut nutzen.

Das wird er tun. Heute wird er eine Schreibpause einlegen, denkt er – und schreibt es gleich auf.

Mehr nicht. Er will es ja nicht übertreiben.

Die Stimmen (6)

Samstag, 17. August 2013

Er kann gar nicht glauben, was er plötzlich tut. Er sitzt da und schreibt ein Kinderbuch, nein, kein Kinderbuch, sondern ein Noir-Märchen.

Die Seiten tippen sich von ganz alleine, sie entstehen wie nebenbei. Alle seine Bücher, die ihm etwas bedeuten, entstanden so, aus der Gewissheit heraus, geschrieben werden zu wollen.

Seine Frau hängt mit der Tochter, die ihn an diesem Morgen eine ihrer Geschichten lesen ließ, Wäsche auf. Sie unterhalten sich, während der Wind ihre Haare anhebt, ganz sacht, als wolle er deren Schwere spüren.

All diese Momente sind es, die ich aufbewahren will, denkt er, und schnell öffnet er die Datei, um darüber in seinem Tagebuch zu berichten. All die flüchtigen Momente der Schönheit sind es, die er einfangen will.

Und schon hat er es getippt.

Das Leben ist schneller als seine Finger, denn während er noch die Vergangenheit an die Oberfläche hebt, hat die Gegenwart ihn bereits wieder eingeholt. Seine beiden Frauen stehen neben ihm, eine schöner wie die andere, und sie beugen sich über ihn, der er schreibt, und küssen ihn auf die Stirn und sagen wie aus einem Mund: „Wir lieben dich!“

Die Stimmen (5)

Samstag 17. August 2013

Ist er erwacht, niest er. Eine Allergie, und manchmal denkt er, dass es eine allergische Reaktion auf den Tag sein könnte. Die Pollen des Lebens kriechen in seine Nase, diese kleinen Pollen, die in der Luft umherschwirren, die von den Autos stammen, und vom Licht, und natürlich muss er über sich selbst lachen.

Nach dem Aufstehen folgt er einem Weg, der sich täglich gleicht. Der Flur müsste an diesen Stellen ganz ausgetreten sein. Er geht von der Küche, wo er die Kaffeemaschine anschaltet, hinüber ins Esszimmer (das auch als Arbeitszimmer dient), das Teil eines großen Bereichs ist, der aus Wohn- und Esszimmer besteht, und beugt sich nach unten, um den Rechner hochzufahren. Ist das erledigt, schlurft er auf den Balkon, um dort eine Zigarette zu rauchen.

Er raucht jetzt schon lange, viel zu lange, bestimmt schon seit seinem sechzehnten Geburtstag, und er wird diesen Monat noch dreiundvierzig, höchste Zeit also, denkt er, aufzuhören. Er will nicht sterben, auch wenn es Phasen in seinem Leben gab, wo es ihm egal gewesen wäre. (Ob es das dann wirklich gewesen wäre, kann er nicht beantworten. Man kann das Sterben nicht ausprobieren, man kann es nicht überstreifen und sagen: Das passt mir nicht. Es gibt verschiedene Größen. Gefallen wird einem vermutlich keine. Es gibt den Herzinfarkt, ein Kostüm, das rasch an- und abgelegt wird. Es gibt aber auch die verschiedenen Krebsgrößen, lauter Tücher, in denen man sich verfängt, bis man Panik bekommt.)

Er denkt an diesen Roman von Vonnegut, der in der deutschen Übersetzung den Titel ZEITBEBEN trägt. Gibt es so etwas? Ja, und ob, denkt er. Er hat es doch erlebt, als sein Vater starb. Es war zu einem Zeitbeben gekommen, weil er dachte, die Welt müsse den Atem anhalten. Die Welt nahm vom Tod seines Vaters keine Notiz. Sie sprang mit der gleichen geschäftigen Miene, die sie täglich aufzusetzen pflegt, durch die Innenstadt. Und während er auf einer Bank saß – und die Trauer ihn und sein Zeitempfinden lähmte -, rannten die Menschen an ihm vorüber. Es war, als würde er in einer Zeitblase hocken, in einer Seifenblase, in der der Sekundenzeiger sich mühsam wie ein alter Mann über die Uhr quälte, während auf den Uhren der anderen ein Jogger befestigt war, dem es gar nicht schnell genug gehen konnte.

Damals hatte er ein Zeitbeben erlebt. Die Zeit war durch den Tod erschüttert worden, und während er sein Zeithaus zerstört hatte, sodass er sich plötzlich von einem Augenblick zum anderen ohne ein Dach über dem Kopf wähnte, war das der Nachbarn unberührt geblieben. Dabei wird niemand vor den Zeitbeben verschont.

Er überliest seinen heutigen Tagebucheintrag.

Ein bisschen viel Tod für einen Samstagmorgen, denkt er. Die Sonne scheint, der Wellensittich erwacht. Er meldet sich mit zaghaften Tönen. Ein Quietschen, wie man es aus den alten Folgen mit den Waltons kennt, die er sich als Kind ansah. Der Vogel hört sich wie die Hupe eines dieser alten Autos an.

Ein bisschen viel Tod, denkt er. Auf der anderen Seite, sollte man ihn nicht außer Acht lassen, denn er ist die feste Größe, an der wir all unsere Handlungen messen sollten.

Wenn er etwas hasst, sind es pathetische Gedanken. Diese hehren und großen Gedanken, die, niedergeschrieben, bereits eine traurige Lächerlichkeit zum Ausdruck bringen. Man kann sie ebenso wenig wie Pornofilme karikieren, man kann sie nicht ironisch überzeichnen, weil sie das bereits selber tun. Sie haben ihre eigene Satire schon im Gepäck.

Also überliest er sich. Lachen kann er nicht.

Mist, denkt er.

Sein Kaffee ist leer. Zeit, den Tag anzugehen.

Die Stimmen (4)

Freitag, 16. August 2013

Er hat getrödelt. Er hat den Vormittag vertrödelt, bis die Zeit, die er viel sinnvoller hätte verbringen müssen, ihm zwischen den Händen auf den Boden gerieselt ist. Da liegt sie jetzt, die Zeit, und rührt sich nicht. Tote Zeit.

Nächste Woche ist sein Urlaub vorüber, dann muss er in einem Lebensmittelladen, der tief in der osthessischen Provinz liegt, arbeiten, um sich und seine Familie durchzubringen. Er wird Dosen einräumen, wird an der Kasse sitzen. Er wird davon träumen, wie es wäre, wenn er Bücher verkaufen würde. Nicht nur ein paar, sondern Berge davon.

Neulich hat er gelesen, dass die Autorin von SHADES OF GREY 95 Millionen Dollar mit ihren Nichtbuch verdient hat. Das muss man sich mal vorstellen. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen. 95 Millionen Dollar für ein Buch, das mit Buchstaben gefüllt ist, mit schlechten Dialogen, die Seiten schaffen. Woher er das weiß? Er weiß es nicht, nicht wirklich zumindest. Seine Frau hat es ihm erzählt. Und der vertraut er. Sie ist eine Vielleserin, eine, die ohne Bücher nicht leben könnte. Vielleicht hat sie deshalb ausgerechnet ihn erwählt.

Wie das wohl wäre, wenn sich einer seiner Romane plötzlich so stark verkaufen würde, dass er in Geld schwimmt? Würde es die Sache besser machen? Schlechter? Man kann es nicht sagen. Vorurteile gibt es genug, und genau die will er sich fortan ersparen.

„Feuchtgebiete“ oder dieses Buch von Helene Hegemann. Sollte er darauf herumtreten? Nein, er hat sie nie gelesen, und er ist kein Anhänger der Theorie, dass der Kommerz nur schlechte Bücher hervorbringt. Das ist Unsinn. Blanker Unsinn.

Und im Unsinn hat er sich längst eingerichtet. Albert herum, um den Verstand nicht zu verlieren.

Er überliest seinen heutigen Tagebucheintrag, während seine Frau sich mit der Tochter auf dem Balkon unterhält. Die beiden haben bis eben in der Küche gesessen und Latein gepaukt. Die Schule fängt nächste Woche an.

Hat der Alltag sie erst wieder, müssen sie aufpassen, nicht von ihm verschluckt zu werden. Der Alltag ist ein gieriges Tier. Er frisst alles und jeden. Er schläfert einen ein, und genau in dem Moment, da man nicht damit rechnet, packt und würgt er einen hinunter, tief runter in die Magengrube, wo man zersetzt wird, bis man ins Grab ausgeschieden wird.

Nein, immer in Bewegung bleiben, denkt er. Und setzt einen Punkt.

Die Stimmen (3)

Dienstag, 13. August 2013

Es geht im heute viel besser. Seine Frau telefoniert mit seiner Mutter, obwohl er doch mit ihr sprechen müsste. Wenn es doch nur so einfach wäre. Was? Das Leben!

Er hat es satt. Er hat keine Lust mehr zu schreiben. Hat keine Lust mehr, an seinem Blog zu arbeiten. Aufgeben. Es ist eine Aufgabe, die alle Kraft von einem verlangt. Aufgeben. Da steht es. Er hat es aufgeschrieben, als würde er sich selbst verhöhnen. Schreibt darüber, nicht mehr schreiben zu wollen. Schreibt über das Aufgeben als Aufgabe.

Vielleicht liegt es an seiner Müdigkeit, die ihn unentwegt befällt.

Sie waren den ganzen Tag in der Stadt. Nicht den ganzen Tag, aber einige Stunden. Bummeln. In der Bibliothek. Er springt von Buch zu Buch, als wären die Bücher Steine, die er benutzt, um einen Fluss zu überqueren. Seinen Fluss, der ein Zeitfluss ist.

Geht es nicht darum, eine gewisse Leichtigkeit zu erringen? Nein! Das widerspricht sich bereits. Leichtigkeit muss nicht erkämpft werden, sie muss nicht errungen werden, wie er das eben schrieb. Er muss leicht werden, dann wird die Leichtigkeit von ganz alleine kommen. Leicht wird man, wenn man loslässt, wenn man aufgibt, wenn man die Dinge fahren lässt, auch zur Hölle, wenn es denn eine gibt, was er bezweifelt. Sein könnte es schon. Er weiß es ebenso wenig wie alle anderen.

Während er über all dies schreibt, während er Dinge, Momente, Augenblicke, Gedanken, die ihn beschäftigen, einzufangen versucht, telefoniert seine Frau noch mit seiner Mutter.

Und wenn ich weiterschreiben sollte, überlegt er, wo soll es hingehen? Wo will ich mit dem, was ich niederschreibe, ankommen. Schreiben ist wie eine Wanderung, die man unternimmt. Man hat sein Gepäck. Und wieder die Schwere, denkt er. Keine Leichtigkeit.

Er will keine Krimis mehr schreiben, sondern von einfachen Leuten erzählen, von Menschen, die ihm auf der Straße begegnen. Er will von den Frauen, die im Haus wohnen, erzählen. Von ihren Fluchten, die Ausflüchte sind, um dem eigenen Alter nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Aber das weiß er nicht mit Bestimmtheit. Er vermutet es, wie er so vieles vermutet. Mut gehört auch dazu, denkt er. Den Mut, eine Geschichte zu erzählen, auch wenn es nicht die wahre Geschichte ist, die er eh nicht kennen kann. Er kann nur beobachten, kann nur lesen, was er sieht. Lesen ist interpretieren. Jeder erfindet sich seine eigene Geschichte, wenn er in der Welt liest. Die Welt ansehen heißt, sie zu lesen.

Neben ihm steht ein Becher mit Fencheltee. Sie haben den Becher bei McDonald’s gekauft. Er mag den Becher, seine Farbe, seine Form. So etwas dürfte man nicht schreiben, denkt er. Es wäre, als würde man seine Seele an diesen Riesen verkaufen. Man hat ihn gelobt. Unsinn, denkt er. Es ist doch nur ein Becher.

Und jetzt?

Abwarten. Tee trinken.

Die Stimmen (2)

Sonntag, 11. August 2013

Im Grunde ist es ein Wunder, denkt er, wenn er am Morgen in einer Lichtlache erwacht, wenn ihn die Sonnenstrahlen an der Nasenspitze kitzeln. Er zieht die Bettdecke weg, mit einem achtlosen Ruck zieht er sie von sich runter, und quält sich aus dem Bett. Das Bett kommt ihm wie ein Sarg vor. Dort liegt er und ist nicht, weil der Schlaf wie eine Auslöschung ist. Er kann sich nur selten an seine Träume erinnern; neulich gelang es ihm, und es wäre ihm lieber gewesen, die Nacht hätte ihre Träume für sich behalten. Um was ging es denn nur? Um ein paar Zombies, Vampire. Alles wie in einem billigen kleinen Film der Hammer Studios, aber ihm haben diese Wesen Angst gemacht. Sie waren so echt, dass er, als er in der Nacht erwachte, die Beine unter die Bettdecke zog, so wie er es als Kind oft tat, wenn er fürchten musste, das dort draußen etwas lauerte, das ihn jeden Augenblick verschlucken würde. Als ob da eine Bettdecke helfen würde! Aber der kindliche Aberglaube, der einzige Glaube, dem er noch heute anhängt, gibt ihm vor, dass er sich retten kann, ist nur alles fein und sauber unter der Bettdecke versteckt.

Er hat das, was Sie eben gelesen haben, vor Sekunden geschrieben. Er beugt sich nach vorne zum Bildschirm und überliest es noch einmal. Sein Magen schmerzt, er hat sich etwas eingefangen, vielleicht hat er auch etwas falsches gegessen, und jetzt saß er bereits ganz gegen seine Gewohnheit vor der ersten Tassen Kaffee auf dem Klo, er saß dort mit einem schmerzverzerrten Gesicht, weil sich sein Bauch anfühlte, als ob er einen Alien dort drin hätte, einen Alien, den er gebären wird, und dessen Leben sein Tod bedeuten würde. Sollte ich überhaupt nachher darüber schreiben, fragt er sich. Gehört so etwas in den öffentlichen Raum? Er weiß es nicht, er überlegt, dass er es einer seiner vielen Stimmen, die in seinem Blog sprechen, in den Mund legen kann. Das wäre doch eine Möglichkeit.

Weiter und weiter schreibt er an seinem Lebensroman, der kein Lebensroman, sondern eine Reportage ist, ein Tatsachenbericht, der über ihn und seine Welt Auskunft geben soll. Aber wem? Wer soll das lesen? Und warum?

Vermutlich entspringt das Tagebuch seiner Angst vor dem Tod, vor dem plötzlichen Verschwinden, und bevor er verschwindet, will er sich einreden, dass etwas von ihm bleibt, dass unzählige Wörter bleiben, die, sind wir doch einmal ehrlich, im Meer des Internets untergehen, selbst gedruckt würden sie im Meer der Veröffentlichungen untergehen. Er ist ein Ertrinkender, der mit seiner Rettungsboje Zeichen in das Wasser malt, die den anderen wie Wellenbewegungen vorkommen. Das Wasser schaukelt. Das ist seine Natur. Warum sollte man die Bewegungen der Wellen lesen, wo das Meer mit diesen Zeichen überläuft?

Und wieder überliest er das Geschriebene, und er denkt, dass es vielleicht besser wäre, es zu löschen. Es gar nicht zu veröffentlichen, das wäre eine Lösung.

Aber schließlich tut er es doch. Eine weitere Bewegung mit seiner Boje. Wem kann die schon schaden?

Die Stimmen (1)

Samstag, 3. August 2013

Man müsste, denke ich, man müsste ein Tagebuch, also ein künftiges, eins, das vor den Leser:innen bestehen kann, ganz anders angehen, man müsste es, denke ich, von außen betrachten, man müsste es tatsächlich voll und ganz in die literarische Form überführen, und deshalb, denke ich, sollte ich es mit einem ER ausstatten, mit einem ANDEREN, mit einem, den ich auf mich und meine Welt blicken lasse, und der mit einem unbestechlichen Blick ausgestattet ist, den es gar nicht gibt, weil ich mir ja nicht entkommen kann, denke ich, aber ich könnte es versuchen, ich könnte es vortäuschen, weil, darum geht es doch in der Literatur, um die Vortäuschung, um die Fälschung, was mich daran erinnert, etwas über den neuen Roman von Daniel Kehlmann gelesen zu haben, ein Roman mit dem Titel F, der mich wiederum, denke ich, an Orson Welles und seinen Film F WIE FÄLSCHUNG erinnert, ohne dass es da eine Verbindung geben muss, aber auffällig ist es schon, augenfällig, wenn man das so sagen kann, es fällt einem eben so direkt und schonungslos ins Auge. Aber davon wollte ich heute gar nicht erzählen, sondern davon, wie mein neues Tagebuch aufgebaut sein soll, davon, dass es nicht ICH sein soll, der hier erzählt, sondern ER.

Die Hitze der letzten Tage liegt noch bleischwer auf allem und allen, es liegt auf den Dingen wie auf den Menschen, denkt er, während er sein Tagebuch mit Worten füllt, die ihm etwas über ihn und seine Welt verraten sollen, denn wenn sie das nicht tun, denkt er, macht so ein Tagebuch doch gar keinen Sinn; es macht keinen Sinn, und wenn es keinen Sinn macht, wäre es doch besser, man würde es gleich lassen, und das würde er ja auch gerne tun, wenn da nicht dieser Zwang wäre, zu schreiben, auch wenn es wie ein Klischee klingt, aber der Zwang ist da, der Zwang führt ihn jeden Tag zu seinem Schreibtisch hin und lässt ihn schreiben, lässt ihn in den merkwürdigsten Tönen reden, mal mit der Stimme eines Humoristen, mal mit der eines Beerdigungsunternehmers, und es stört ihn nicht, keine eigene Stimme zu haben, weil es seiner Ansicht nach in der Literatur doch eben darum geht, Stimmen zu imitieren, um so viele Leben wie möglich zu leben, aber auch, um den verschiedenen Leben auf die Spur zu kommen, um zu verstehen, was es heißt, wenn man als Mörder oder Opfer lebt, was es heißt, ein Rassist oder keiner zu sein.

Jetzt muss er noch seinen ersten Eintrag überlesen, er muss ihn lesen, um zu entscheiden, ob dies die neue Form ist, mit der er arbeiten will.

Ja, sie ist es!

Sonntag, 4. Juli 2013

Er hatte an diesem Morgen lange geschlafen, er hatte, sagen wir es mal so, für seine Verhältnisse lange geschlafen. Er war so gegen neun Uhr aufgestanden, die Augen zugequollen, sodass er sich durch die Wohnung tasten musste. Erst mal pinkeln, hatte er gedacht, der Rest wird sich dann von selber finden. Seine Frau saß bereits in der Küche, der Kaffee, der ihm wichtig ist, den er braucht, um zu sich und in die Welt zu finden, tröpfelte bereits in die Kanne.

Jetztzeit! Wie ein Asthmatiker steht die Kaffeemaschine da und ackert, während er sich auf den Balkon quält, um seine erste Zigarette zu rauchen.

Das ist doch krank, denkt er und nimmt einen tiefen Zug.

Sie wohnen an einem Berg, keinem Berg, es ist eher ein Hügel, vielleicht sollte man ehrlich sein und es STEIGUNG nennen. Eine Steigung. Im Rücken ihrer Wohnung lauert ein Wald, der Rauschenberg heißt und den er als Kind für seine Spiele missbrauchte. Er hatte den Wald, diesen deutschen Märchenwald, der angefüllt mit Albträumen war, als Cowboy durchwandert. Das war sein Traum gewesen, sein großer Traum. Ein Cowboy werden. Mit seinem Pferd einen Treck anführen, um die Leute, die sich alle auf ihn verließen, nach Kalifornien zu bringen. Hin ins gelobte Land.

Er sitzt da und saugt verzweifelt an seiner Zigarette, während unten Familien ihre Autos beladen, um ihren Treck zu gründen, der sie ins gelobte Freizeitland bringen soll.

Nicht mit ihm.

Er schlendert rüber an seinen Computer und überprüft die Mails, um festzustellen, dass er keine Mails bekommen hat. So wichtig ist er also, dass er nicht eine verschissene Mail erhält. Rasch klickt er sich durch die verschiedenen Seiten. Es sind immer dieselben Seiten. Sollte er daraus schließen, dass er ein langweiliger Mensch ist? Immer dieselben Seiten. Er ist eben ein Gewohnheitstier. Alles muss sich gleichen, sonst macht ihn die Welt nervös. Vielleicht schreibt er ja deshalb, weil er kein Abenteurer ist. Er erlebt alles in seinem Kopf. Da sitzt man sicher, da kann nichts geschehen.

Neben seinem Schreibtisch sitzt ein Wellensittich, der wieder einen Heidenlärm verursacht. Das kleine Vieh, das einem Bekannten zugeflogen war, kreischt sich seine kleine Seele aus dem Leib. Vielleicht seine Art, auf seine Einsamkeit aufmerksam zu machen. Sie müssten sich unbedingt einen zweiten dazu kaufen, aber sie haben es bisher unterlassen, weil der eine bereits Dreck und Lärm für drei Vögel macht.

Während er schreibt, schreiten die übrigen Bewohner an ihm vorüber, seine Tochter und seine Schwägerin, die zu Besuch ist, und die nachher wieder abreisen wird.

Mann, all der Lärm, all die Leute, wie soll man da arbeiten, wie soll man da in Ruhe Weltliteratur verfassen? Hatten andere auch dieses Problem. Hey, saß Marcel Proust, wenn er nicht gerade in seinem Bett lag, neben einem verrückten Wellensittich, um seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ wieder und wieder zu unterbrechen, um diverse Familienmitglieder zu begrüßen? Bestimmt nicht!

So kann er nicht arbeiten. Er muss das Tagebuch für heute abbrechen. Morgen mehr! Oder übermorgen! So schnell wird er nicht aufgeben.

Montag, 5. August 2013

Und wieder ein weiterer Morgen, und das ist gut so, denkt er, denn das ist der Beweis, dass ich noch nicht ins Gras gebissen habe, denkt er. Er hat geschrieben, nicht viel, drei Seiten vielleicht, etwas über drei Seiten, aber das ist in Ordnung so, denkt er, denn der Morgen und die drei Seiten sind der Beweis, dass er noch nicht tot ist, tot wie seine Oma und sein Vater, deren Gräber sie momentan gießen, damit die Blumen nicht eingehen, die Gräber, die sie gießen, damit die Lebenden etwas haben, auf das sie blicken können.

Dort unten ist nicht mein Vater, denkt er, wenn er dessen Grab gießt, wenn er sich den Stein ansieht, der wie ein Mahnmal in der Gegend steht, und ein Mahnmal ist es ja auch, ein Mahnmal, das ihn mahnt, darauf aufzupassen, was er tut. Achte auf dich und deine Handlungen, achte darauf, das Leben so zu leben, dass du ein gutes Gefühl hast, wenn du sterben musst. Als ob man ein gutes Gefühl haben wird, wenn man stirbt. Nichts weiß man, auch nicht, wie man sterben wird. Hoffentlich geht es wenigstens schnell, denkt er. Er will nicht leiden, und zu früh will er auch nicht sterben. Nicht momentan. Die Dinge laufen einfach zu gut, zu gut, denkt er, und dann denkt er an den Film zurück, den sie sich am gestrigen Tag angesehen haben, diesen Film mit Al Pacino und Christopher Walken und Allan Arkin, der vom Abschied erzählte, der wie ein langsamer Blues-Song vom Abschied dreier Gangster erzählte. STAND UP GUYS hieß er. Und er saß da und hätte heulen können, und eine Träne lief bestimmt auch, während er mit seiner Frau und seiner Tochter im Wohnzimmer saß, im dunklen Wohnzimmer, das von Abwesenheit erfüllt war, das von Abschied erfüllt war, vom Abschied eines weiteren Tages und vom Abschied dreier Schauspieler, und genau darüber schreibt er jetzt in seinem Tagebuch, während sich seine Frau plötzlich über ihn beugt, ihr Haar, eine Strähne davon, fällt ihm ins Gesicht, und sie sagt ihm, dass sie einkaufen gehen würde, und nachher müsse sie noch an die Bank, wegen des Girokontos, da gebe es etwas zu klären, sie hole die Tochter noch ab, sagt sie zu ihm, der aus seinen Gedanken auftaucht, der sie wie einer ansieht, der eben erst erwacht ist, es braucht Zeit, bis die Worte in seinem Ohr ankommen, sie brauchen noch viel länger, bis sie in seinem Hirn eintreffen, jetzt müssen die Worte noch verarbeitet werden, aber sie werden erst mit Sinn gefüllt, da hat sie die Wohnung bereits verlassen. Er beschließt, es in sein Tagebuch einzubauen, das Leben ist so, also sollte man es genau so ins Tagebuch einbauen, und dann denkt er, einbauen, wie das klingt, das klingt, als ob ich an einem technischen Gerät bastle, an einer Apparatur. Die Gedanken zischen durch seinen Kopf, und natürlich denkt er auch an gestern, daran, dass sie bei seinem Cousin zum Grillen waren, seinem Cousin, der wie ein Halbbruder für ihn ist, der sich die Haare abrasiert hat und meditiert, der das Glück für sich entdeckt hat, als müsse man das Glück nur vom Boden aufheben und in seine Tasche stopfen. Vielleicht ist das ja auch so, denkt er, während der Vogel seine Schreie ertönen lässt, als wolle er auf sich aufmerksam machen, als würde er vor etwas warnen, das er nicht in Worte fassen kann, weil er ein Vogel ist, der alles in Schreie fasst, und der verzweifelt ist, weil er ihn nicht versteht, weil sein Besitzer (wie abscheulich das klingt) ihn nicht versteht, dabei wäre es so wichtig, dass er, sein Besitzer, ihn, den Vogel, versteht.

Die Tage schreiten voran, sie sind Schritte, die das Leben setzt; kleine, große Schritte. Schritte, die zurück führen, die in eine Nebenstraße führen, die zu einem See führen. Es gibt für das Leben kein Geradeaus, außer dem Geradeaus, das uns in unsere Gräber legen will. Das denkt er, und denkt dann, das reicht für heute.