Fernsehhymne

Nach dem Abwasch, den mein falscher Vater erledigte, trieben wir uns vor dem Fernseher herum. Wir sahen uns wahllos alles an. Sendungen über Säbelzahntiger, über Menschen, die sich den ganzen Körper tätowiert hatten. Wir saßen stumm vor der Glotze und staunten uns Löcher in die Bäuche.

Die Welt war so groß, so unendlich riesig, und alles lag nur einen Druck weit entfernt. Der Daumen versenkte sich im weichen Gummipolster der Fernbedienung und schon befanden wir uns in einem Gericht in Nordkorea. Man musste nicht verreisen, wenn man einen Fernseher besaß, weil der Finger und die Augen, in Aussparung des Hirns, alles betreten konnten, wovon man nur träumte, sogar die Zukunft. Dabei gab es die momentan nicht einmal.

Die Stunden flossen an uns vorüber, ohne dass wir sie sahen. Wir achteten nicht auf die Umgebung, weil wir in einem Tunnel feststeckten, der mit einem Meer aus Bildern illuminiert wurde.

Erst gegen Mitternacht ließ Falsch-Papa die Welten versinken, indem er den Fernseher ausschaltete.

„Geh jetzt ins Bett!“, bellte er mich an.

Mit gesenktem Kopf schlich ich mich aus dem Wohnzimmer. Die Welt war ohne Fernseher so viel ärmer. Karge Wände, die mich um etwas Farbe anbettelten.

Ich verwies sie auf den Fernseher. Stumm blieben sie stehen. Es waren eben nur Wände.

Der gefährlichste aller Gegner

Wenn ich etwas an meiner Ausbildung nicht mochte, waren es die Hausaufgaben. Stundenlang saß ich vor den Heften und malte kleine Männchen auf die Seiten. Manche der Männchen wurden gekreuzigt. Vor den Kreuzen standen andere Strichmännchen und zeigten auf die gekreuzigten Strichmännchen. Sie sprachen über sie. Ergingen sich in Gerüchten, übten sich in übler Nachrede. Viele lachten auch.

Aus dem Himmel kam eine Sprechblase, in der zu lesen war: Ruhe da unten!

Lehrbücher über Weltrettung und Bombenbau lagen wild verstreut in meinem Zimmer und ließen sich nicht zähmen.

Schickte mich Falsch-Papa zum Lernen hinauf, verzog ich den Mund. Ich muss wie eine Karikatur ausgesehen haben. Ich übte oft vor dem Spiegel, damit ich grausam oder gleichgültig dreinschauen konnte.

Schritt für Schritt schleppte ich mich die Treppe zu meinem Zimmer hinauf, das mir zum Inbegriff meines verschlossenen Wesen wurde.

Die Falsch-Eltern konnten klopfen wie sie wollten, ich ließ mich nicht von ihren Fingerknöcheln erweichen. Ich saß auf meinem Bett und lauschte dem Pochen meines Herzens, den Blutbahnen, die unablässig ihre kleinen Passagiere durch meinen Körper transportierten. Ich wollte mir selbst genug sein.

Ich übte mich in der Kunst des Selbstgesprächs, fabulierte mit Lust über das Fensterbrett, brachte mich mit gewagten Thesen zur Geburtenkontrolle in Bedrängnis, feuerte mich beim Anfeuern an und stritt mit mir über die Gefahren des Selbstgesprächs. Ich bekam gar nicht mehr genug von mir, sodass ich eines Tages den Entschluss fasste, ich müsste mich von mir trennen, wenn das mit uns nicht noch ein böses Ende nehmen sollte.

Klammheimlich packte ich einige mir wichtige Dinge in ein Betttuch, verschnürte es und seilte mich aus dem Fenster ab. Ich hätte mir beinahe ein Bein beim Aufprall gebrochen, wäre ich nicht glücklicherweise auf unsere Katze gefallen, die meinen Sturz dämpfte.

Es gibt bis heute viele Gegner, die ich fürchten muss. Aber der gefährlichste aller Gegner wohnt in mir.

Darum bin ich auf der Hut vor mir. Jeden Tag meines Lebens.

Erste Gegner

Nachdem meine Eltern das Wirtshaus wiedereröffnet hatten, kamen täglich die Arbeiter der Umgebung zu einem Feierabendbier. Schwere und schweigsame Gesellen waren das, die Gesichter dunkel und trüb wie ein Schlammbad. Sie trugen gelbe und grüne Helme und sprachen kaum bis kein Wort. Staub rieselte von ihren Schultern und schwebte über den Boden, bis er sich nach einer Weile wie eine Katze, die den rechten Platz gesucht hatte, niederließ.

Ich stand hinter dem Tresen und zapfte Biere, jedes sieben Minuten lang, nie kürzer, nie länger, mit einer Schaumkrone auf ihren blonden Köpfen.

Falsch-Mama bediente die Männer in einem kurzen Rock, einem Minirock, einem Miniminiminirock, der die Männer, so Falsch-Papas Plan, zu unüberlegten sexistischen Bemerkungen verleiten sollte.

Die Männer, mürrisch und in ihre Gedanken versunken, achteten nicht auf Falsch-Mama, sie nahmen sie nicht mit einem Auge wahr, bis Falsch-Papa einen anderen Weg suchen musste, sie zu reizen.

Er fragte die Männer, sich breitbeinig aufstellend und auf den Boden spuckend, hinein in den Staub, der sich wie eine Katze niedergelassen hatte, und der sich entrüstet erhob und nun im Keller ein Plätzchen suchte, ob ihnen seine Frau nicht gefalle.

Weil die Männer Zwiesprache mit ihrem Bier hielten, mit den verschütteten Träumen, die unter ihrem Herzgeröll verborgen lagen, gaben sie meinem falschen Vater keine Antwort, der es endlich satt hatte und einen Trinker von seinem Stuhl hinauf vor sein Gesicht zog.

„Du willst wohl meine Frau beleidigen, indem du sie übersieht, du Antisexist!“, herrschte er den kleinwüchsigen Mann an.

Falsch-Papa bleckte seine Zähne, er knurrte und stellte den Biertrinker auf seine Bank zurück, hin vor sein Bier.

Im Wirtshaus herrschte absolute Stille. Niemand sagte etwas. Niemand sah zu meinem falschen Vater, der verzweifelt über die Ignoranz der Landbevölkerung sich am liebsten die Haare gekämmt hätte.

„Gott!“, schrie Falsch-Papa wie ein heulender Wolf auf.

Das war das richtige Signal gewesen. Alle Köpfe drehten sich augenblicklich in seine Richtung, denn eine Gotteslästerung konnten sie nicht durchgehen lassen. Auf keinen Fall.

„Endlich!“, rief Falsch-Papa und forderte mich mit einem Winken auf, rasch zu ihm zu eilen. Ich zapfte die letzten zwei Minuten eines Sieben-Minuten-Biers und stürmte zu ihm.

Den Rest der Abends prügelten wir uns auf fürchterliche Weise mit den Männern aus der Umgebung. Ich sollte endlich zeigen, was ich in den letzten Jahren gelernt hatte.

Zähne flogen in hohem Bogen wie Satelliten. Blut spritzte eimerweise, ganze Badewannen voll Blut, gar Schwimmbecken voll Blut. Zeitweise wurde so viel Blut vergossen, dass wir befürchten mussten, an dem Blut zu ersaufen. Ich kam nach Wochen auf die Idee, in Taucheranzügen zu kämpfen, aber Falsch-Papa lehnte den Vorschlag rund um ab.

Beine wurden gebrochen, Hände abgerissen, Ohren aus den Köpfen gezogen.

Aber nie schrie oder beklagte sich einer der Männer, deren Anzahl von Tag zu Tag abnahm, bis wir das Wirtshaus nach zwei Monaten in Ermangelung von Gegnern wieder schließen mussten. Bis dahin war es ein brutales Massaker, das von allen Beteiligten ernsthaft und mit Ehrgeiz täglich betrieben wurde.

Die Männer kamen, setzten sich, warteten auf das gotteslästerliche Wort und prügelten sich mit uns.

Es war die Zeit, da ich allmählich zu einem fertigen Geheimagenten heranwuchs, dessen Ausbildung bald schon beendet sein würde.

Mit roten Backen schlug ich aufgeregt zu, riss Organe aus einem wehrlosen Opfer und fieberte meiner unbestimmten Zukunft entgegen.

Schaumschläger

Alle zwei Wochen war Badetag. Falsch-Mama, Falsch-Papa und ich stiegen in die Wanne und tauchten in ein Reich aus Schaum. Wunderbar war es dort, heiß und sinnlich. Ich vergaß meine Bauchschmerzen, die Frauenmagazine, die Tapete in meinem Zimmer, die sich nach und nach von mir löste. Vergaß die Krümel in der Ecke, die sich rar gemacht hatten, seit eine Maus zwischen der Stehlampe und ihrem Loch emsig hin und her wanderte, die Hände hinter dem Rücken, so wie es der Geheimrat Goethe in seiner Stube getan hatte, während Gedanken ihn bedrängten, die er in der doch äußerst fragwürdigen Form, in der sie seinen Kopf betraten, ungern aus dem Mund entlassen wollte.

Wir planschten aufgeregt und warfen uns Hilfsverben an den Kopf, dass es eine Freude war.

Nach zwei, drei Stunden stiegen wir verschrumpelt wie alte Hexen aus der Wanne, uns die Rücken rubbelnd, als wären sie Glückslose.

Mustererkennung

Mit den Jahren wurde ich immer älter. Davon später mehr.

Zunächst möchte ich von den Regengüssen berichten, die meine Kindheit wie ein Fass zum Überlaufen brachten. Es regnete unentwegt, und wenn es nicht regnete, dann pfiff der Wind, und nicht einmal aus dem letzten Loch.

Ich lag oft tagelang in meinem Bett und las in den Zeitschriften, die der Postbote meiner falschen Mutter brachte. Die Titelbilder zeigten Frauen, die sich sämtlich freuten, vermutlich, weil sie eine der Diäten, die im Heft angepriesen wurden, mit Erfolg absolviert hatten. Rank und schlank konnten sie dem Leben jetzt auf Augenhöhe begegnen.

In der Illustrierten fanden sich – neben den erwähnten Diäten – haufenweise Rezepte für Kuchen, Aufläufe und Braten. Nach den Rezepten folgten die Briefe verzweifelter Ehefrauen, die sich sicher waren, dass ihr Mann sie betrog. Manchmal betrogen sie auch ihren Mann und waren verunsichert, wie mit der Situation umzugehen sei.

Unten in der Wirtschaft rumorten meine falschen Eltern. Sie hatten beschlossen, die angemietete Wirtschaft in wenigen Wochen zu eröffnen.

Die Wirtshausschlägereien, so mein falscher Vater, würden meine Kampftechniken schulen.

Mich interessierte es nicht. Ich würde bald in die Pubertät kommen, dementsprechend bockig wollte ich mich verhalten.

Der Wind klatschte den Regen wie Fliegen gegen die Scheibe. Wasser rann wie Blut an der Scheibe hinab. Die Äste einer nahen Tanne bogen sich unheilvoll. Es schien mir, als würden die Äste über mich lachen, als würden sie sich den Bauch bei meinem Anblick halten.

Trotz einer Unwetterwarnung fällte ich am nächsten Morgen die Tanne. Sie sollte den anderen Bäumen des nahen Waldes als Warnung dienen, sich nicht über mich lustig zu machen.

Mein falscher Vater beglückwünschte mich zu der Tat. Eine gewisse Paranoia, erklärte er mir, sei unabdingbar, wolle man es weit als Geheimagent bringen.

Ich nickte kurz und verkrümelte mich wieder in mein Bett, hin zu meinen Frauenzeitschriften, in denen ich Schnittmuster entdeckt hatte. Las man die Welt auf meine ganz ureigene Art, sah man hinter jedem Muster einen Plan, der die Welt zu vernichten drohte.

Aufgepeitscht vom Tannenmord, versank ich im Studium des Schnittmusters. Irgendwo dort draußen wurde ein teuflischer Plan geschmiedet, den ich zu vereiteln hatte.

Projekt Nahrung

Nach einer Weile, ich hatte bereits in dramatischer Weise abgenommen, versorgte man mich endlich mit Nahrung. Mit Tränen in den Augen verschlang ich alles, was man mir vorsetzte.

„Du hast dich im Hungern bewährt“, sagte mein falscher Vater und klopfte mir zufrieden auf die Schulter. „Iss, mein Sohn!“

Da ich einiges nachzuholen hatte, aß ich die nächsten vier Monate ohne Unterlass. Ich entwickelte eine gewisse Kunstfertigkeit im Verschlingen, die es mir erlaubte, selbst noch im Schlaf zu kauen. Wo ich auch saß, stand oder lief, stets sah man mich mit einem Hühnerflügel, einer Pastete oder einem Salatkopf. Vor nichts machte ich halt. Meine falschen Eltern kamen mit den Einkäufen kaum noch hinterher. Sie führten aufgeregte Gespräche mit ihren Vorgesetzten und erklärten, dass die Situation außer Kontrolle gerate. Dass man mich stoppen müsste. Sie hätten, so erfuhr ich, niemals das „Projekt Nahrung“ starten dürfen. Ich würde ihnen die Haare vom Kopf fressen. Worte wie Ungeheuer und Monster fielen.

Um meinen enormen Appetit zu befriedigen, kauften meine falschen Eltern ein ehemaliges Wirtshaus. Dort fanden sie jene Lagerkapazitäten, die vonnöten waren, um die Mengen, die ich verputzte, zu verstauen.

Täglich kamen LKWs und brachten Schweinehälften, aber auch tiefgefrorene Personen, die vor einem Ofen im Keller abgestellt wurden. Waren sie erst von der Kälte befreit, wurden sie von meinen falschen Eltern verhört. Sie stellten ihnen Fragen zu militärischen Einrichtungen und zur Versorgung des Agentennachwuchses. Die aufgetauten Frauen und Männer betrachteten meine falschen Eltern verdutzt, manche fingen an zu lachen, andere beteuerten, sie hätten sich ebenfalls um die Ausbildung von Agenten kümmern müssen. Es sei eine Tortur gewesen. Sie rieten meinen falschen Eltern, sich schleunigst aus dem Staub zu machen.

Ich saß währenddessen oben im Wirtshaus, lauschte andächtig und biss zwischendurch in ein Eisbein.

In dieser Zeit bekam ich die ersten schlimmen Bauchschmerzen. Nächtelang rollte ich mich über mein Bett, dann durch den Flur, durch das Schlafzimmer meiner falschen Eltern, in den Keller. Vom Keller rollte ich mich die Treppen hoch in die Wirtsstube, dann nach draußen, um einige Bäume, bis ich schließlich erschöpft liegen blieb. Ich krümmte mich und stöhnte.

Das käme von der Fresserei, erklärte mir mein falscher Vater.

Ich glaube ihm nicht. Im Gegenteil, ich hielt es für ein vorgeschobenes Argument, um mir die Lust am Essen zu nehmen.

„Nein, am Essen liegt es nicht“, sagte ich.

Weil ich uneinsichtig war, wälzte ich mich fortan Nacht für Nacht durch Haus und Garten.

Dies war der Beginn meines so unsteten Wanderrolllebens.

Erstausrüstung

Ab meinem fünften Lebensjahr musste ich täglich trainieren. Mein falscher Vater zwang mich, Steine zu werfen, wenn möglich in die Fensterscheiben einer weit entfernten Nachbarschaft, die wir bei Nacht anfuhren.

Leise krochen wir auf allen Vieren durch die fremden Gärten und beobachten die Menschen, die nichts von uns ahnten. Meist saßen sie vor dem Fernseher und sahen sich eine Tiersendung oder eine Show an. Manchmal brüllten sie auch. Oder sie fielen nackt übereinander her.

Mein falscher Vater behauptete, dies sei wichtig. Ich solle hinsehen. Das Studium des Menschen in seinem natürlichen Umfeld sei eine nicht zu unterschätzende Unterrichtseinheit.

Hatte er dann keine Lust mehr, die nackten Menschen beim sich anbrüllen und sich lieben zu beobachten, drückte er mir einen Stein in die Hand und forderte mich auf: „Wirf!“

Ging die Scheibe klirrend zu Bruch, flohen wir mit quietschenden Reifen.

Obwohl alles meiner Agentenausbildung dienen sollte, bat er mich, nichts davon meiner falschen Mutter zu erzählen. Um mich zu bestechen, kaufte er mir ein Yps-Heft.

So kam ich zu meiner ersten Agentenausrüstung.

Leben im Höllentakt der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten

Ich wuchs in einem erbärmlichen Haushalt ohne Nahrung auf. Wenn es etwas zu essen gab, war es alt und ranzig und befand sich in jenem Stadium, in dem sich Lebensmittel einfinden, die jede Sekunde ein eigenes Hirn entwickeln werden.

Das Essen wird zu mir sprechen, dachte ich. Aber es ließ es sein.

Selbst das Essen mochte mich nicht. Es war eine grausame Zeit voller Entbehrungen.

Ich wurde von zwei Leuten großgezogen, die nicht meine Eltern waren. Sie arbeiteten für den Geheimdienst. Sie waren ausgewählt worden, um mich auszubilden. Weil sie sich mir nie vorgestellt hatten, nannte ich sie Claudia und Wolfgang Rothmeerimbauer. Sie zeigten sich geneigt, sich so von mir ansprechen zu lassen. (Nur manchmal – ich weiß bis heute nicht, warum – musste ich sie Dietmar und Hilde rufen.)

Tag und Nacht schlugen sie mich.

Das würde mir guttun, behaupteten sie. Es würde mich abhärten. So, nur so, würde ich die Folter, die in späteren Jahren mein Alltag sein könnte, überhaupt aushalten.

Wenn sie mir dies alles erzählt hatten, lachten sie laut auf,  um mich anschließend wieder und wieder zu schlagen.

Nach den Schlägen, verweigerten sie mir das Essen.

Meine Kindheit war die Hölle. Und es gab, obwohl ich einen eigenen Fernseher besaß, nur die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten.

Spielfilme oft nur an einem Samstag. An manchen Tagen glaubte ich, schier verzweifeln zu müssen.

Flurbereinigung

Ich kann mich daran erinnern, Peter Handke im Flur meiner elterlichen Wohnung getroffen zu haben. Es war dunkel, sodass man kaum etwas sehen konnte. Man musste seinem Gegenüber schon sehr nahe kommen, um sein Gesicht auch wirklich zu verstehen. Wir unterhielten uns nur kurz, mit schnell hervorgestoßenen, atemlosen Sätzen, die schwer zu Boden fielen. Seine Schuhe würden ihn drücken, sagte er. Ich nickte und erkundigte mich nach seinem Schreiben. Er winkte ab. Das Schuhwerk, sagte er, auf das Schuhwerk kommt es an. Er wirkte wie ein trauriger junger Mann. Seine Haare hingen ihm in die Stirn. Jemand hätte sie ihm schneiden sollen. Ich fragte, ob meine Eltern in der Küche seien. Er nickte und schlich sich an mir vorüber, ließ sich vom Dunkel schlucken. Er hinterließ einen merkwürdigen Geruch. Nasser Hund, dachte ich und ging in die Küche. Es gab Blutwurst mit Kartoffeln.

Beutekunst

Wenn wir die aus der Heinrichstraße, mit Gebrüll und weit aufgerissenen Augen, überfielen, brachten wir stets auch etwas heim in unsere Höhle, sei es ein benutztes Taschentuch, das wir gleich wieder angewidert wegwarfen, oder ein Stück Kreide, das mit einem Glänzen in den Augen zu unseren Vorräten gepackt wurde. Schlachten waren das, die vergisst man nicht.

Manchmal brachte einer auch ein Kunstwerk mit, eine angefangene Zeichnung, die einer von den „Rittern“ – wie sich die aus der Heinrichstraße in einem Moment von Größenwahn getauft hatten – im Unterricht unter der Bank heimlich begonnen hatte, und die z.B. einen Arm zeigte, der abgeschlagen wurde. Die meisten Bilder der „Ritter“ handelten von Spontanamputationen ohne Narkose und deren unmittelbare Folgen, wie Blutverlust und Schreie in Sprechblasen.

Unser Anführer Roderich verlangte mit geballten Fäusten, dass wir ihm die erbeuteten Bilder aushändigten. Nach und nach, aber das entdeckten wir erst viel später, entstand so eine der größten Sammlungen der Stadt, die sich rein aus Beutekunststücken speiste.

Roderich wurde regelrecht süchtig nach den Zeichnungen der „Ritter“, sodass er uns zu übertrieben vielen Überfällen anstiftete.

Er wolle mehr von diesen „herrrrrrlichen blutgetrrrrränkten Bilderrrrrn“, herrschte er uns unbeherrscht an. Es war traurig, einen einstmals so großen Bandenchef als ein Opfer seiner eigenen in den Irrsinn abgetauchten Psyche sehen zu müssen.

Wir wurden älter und verloren das Interesse an Überfällen, weil wir uns jetzt auf das Herumstehen vor der Markthalle spezialisiert hatten.

Nur Roderich gab nicht auf und überfiel die „Ritter“ noch, als sie schon längst alle erwachsen waren und einem Beruf nachgingen. (Die meisten waren arbeitslos und saßen einem Beruf hinterher.)

Irgendwann soll Roderich beim Sparkassenfilialleiter Sockenthaler aufgetaucht sein, der früher Murmelwart bei den „Rittern“ gewesen war. Roderich, so lasen wir in der Zeitung, soll ihn mit vorgehaltener Erbsenpistole gezwungen haben, ein Bild zu malen, auf dem sich ein Arm selbst die Hand abhackt. Eine Sondereinheit der Polizei stürmte die Bank und verhaftete Roderich. Wie man hörte, wurden in seiner Wohnung 1 456 789 Kinderbilder gefunden.

Jetzt kann man sich bei einer eigens gegründeten Abteilung „Beutekunst“ melden und die Rückgabe seiner Werke verlangen. Man muss aber nachweisen können, welche der Bilder wirklich von einem selber stammen. Probezeichnungen sollen den Beweis führen. Die meisten Künstler haben die stilistische Kraft und Brillanz der damaligen Jahre eingebüßt. Außerdem hat kaum einer Lust, an einem der kleinen Tische zu sitzen und umständlich mit Filzstiften zu hantieren.

Um den Roderich tut es uns irgendwie leid, vor allem deshalb, weil er das R wie kein Zweiter rollen konnte.

Abgedankt

Jürgens Oma hat abgedankt!

Die alte Frau war uns nicht angenehm. Sie war hauptsächlich mit stinken und schimpfen beschäftigt. Nebenbei unterhielt sie uns mit Geschichten über Jürgens Opa, der laut der Oma, ein undankbarer Scheißkerl gewesen sein muss.

Sie spuckte fürchterlich, wenn sie mit ihren gläsernen Augen in die Vergangenheit eintauchte. Mit jedem Atemzug versprühte sie das Gift ihrer Erinnerung. Außerdem wies sie uns unaufhörlich auf unsere Gnade der späten Geburt hin. Wir sollten uns gefälligst glücklich schätzen, nicht im Krieg aufgewachsen zu sein. Freuten wir uns nicht darüber, drohte sie uns mit Schlägen.

Als sie vor einigen Wochen abdankte, nahmen wir ihre Beerdigung mit einer gewissen Zufriedenheit zur Kenntnis.

Über den modernen Fleischerei-Roman

Seit es sich in unserer Straße herumgesprochen hat, dass ich Fleischerei-Romane schreibe, begegnen mir die Leute, wie soll ich es sagen, mit einer gewissen kulinarischen Neugier. Es tauchen plötzlich Fragen auf, wie die, ob ich in meinen Romanen denn auch auf die Hackfleischverordnung achten würde. Die Sauberkeit in den einzelnen Kapiteln sei nicht zu vernachlässigen. Ja, tatsächlich meint jeder, der mir begegnet, ob im Treppenhaus oder auf der Straße, mich beraten zu müssen. Die Welt scheint voller Fachleute für den modernen Fleischerei-Roman zu stecken. Alle haben sie nur darauf gewartet, sich endlich in die Welt der Kühltheken mit einbringen zu dürfen.

So schlägt man mir vor, eine Fachverkäuferin einzustellen, denn mit den Verkäufen, man beobachte es auf Amazon und anderswo, laufe es ja nicht sonderlich gut. Es käme darauf an, so die Leute, wie ich die Worte präsentieren würde. Auch die Schlachterei, die einen beliefere, sollte eine Rolle spielen. Nicht einfach im Großhandel einkaufen. Nein, nein, die Zeiten seien längst vorbei. Bio-Texte seien jetzt der letzte Schrei. Danach verlange es den Konsumenten. Nach Ware, die zuvor frei auf einem Bauernhof umherlaufen und sich der frischen Luft erfreuen durfte.

Es wäre mir doch lieber gewesen, wenn die Leute nicht erfahren hätten, dass ich Fleischerei-Romane schreiben. Ein Kollege von mir, der sich auf Bäckerei-Romane spezialisiert hat, scheint nicht unter einer solchen Beobachtungssucht leiden zu müssen.

Und dann wieder Fragen. Wo ich meine Worte denn töten lasse? Ich erwidere darauf meist, dass ich das selbst erledige.

Stille, gefolgt von einem leicht angeekelten Gesichtsausdruck, der sich mit Mitleid mischt.

Ja, so sind sie. Alle wollen sie lesen, aber keiner will wissen, wie die Worte ins Buch kommen. Immer alles schön abstrakt halten, als würde es nicht um Worte gehen. Der Endverbraucher macht es sich da doch etwas leicht. Kümmert sich nicht um seine geistige Nahrung, will nicht selbst Hand anlegen, will sich aber beschweren, geht es den Wörtern an den Hals.

Momentan ist der letzte Schrei gestopfte Krimipastete, schön fett und bei Heyne veröffentlicht. Darf nur 8,90 Euro kosten, und soll den ganzen Urlaub über satt machen. Widerlich. Für die Großhändler arbeite ich nicht. Nahm es also aus dem Sortiment. Vorübergehend. Wer weiß, zu was mich die Zeiten noch treiben werden.

Besser wäre es gewesen, ich hätte mich auf Belästigungsromane verlegt. Man reißt sie dir förmlich aus der Hand. Viel Schmutz, viel Schund drin, wollen sie wissen und reiben sich bereits die feuchten Hände.

Die Zeiten werden einfach nicht besser.