DU KUNST MICH MAL – Folge 7

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Geburtstagskind des Tages

Hermann Wibbinger (12. Januar 1896 – 2. August 1947)

Hermann Wibbinger war ein großer Kunstliebhaber. So soll er mit mehr als 1000 Gemälden aus allen Epochen geschlafen haben. Es machte ihm oft Mühe, die übergroßen Rahmen in seinem Bett unterzubringen. Noch viel schwieriger gestaltete sich allerdings der Alltag. Sonntags konnte man ihn mit einem Bild durch den Park spazieren gehen sehen. Er ging mit den Bildern sogar in Museen. 1924 wurde er wegen Unzucht mit einem Bild aus der frühen Schaffensperiode eines unbekannten spanischen Malers verhaftet. Nach dem Gefängnisaufenthalt war er ein gebrochener Mann. Er musste am Stock gehen. Die Kinder bewarfen ihn mit Steinen. Niemand ahnte, dass dieser Mann einst einer der größten Kunstliebhaber aller Zeiten gewesen war.

Michael Püppertz

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„Jetzt machen Sie aber mal ’nen Punkt!“ von Michael Püppertz, Tuschezeichnung, 2013

Wenn ich ein Bild male, benutze ich am liebsten Fingerfarbe. Ich muss die Leinwand spüren, muss sie mit meinen Fingern erfahren. „Brummbrumm-brummbrummbrumm.“ So hört sich das an, wenn ich über die Leinwand fahre. Manchmal schreie ich: „Quietsch!“ Ich halte an und sehe mich um, genieße die Aussicht. Ich erfahre die Leinwand als Landschaft. Es wird Nacht. Ich kehre ein, erschaffe mir ein Gasthaus. Da stehe ich, mit dem Kopf an der Leinwand und schlafe. Kunst ist der Versuch, die Leinwand zu „erleben“. – Michael Püppertz

ARTgerecht

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Malerfürst Michael Püppertz feierte in den 90ern große Erfolge mit seinen leeren Leinwänden, die den Zuschauer einluden, sich selbst einzubringen. „Die Leute sollen die Leinwand mit ihrer Fantasie aufladen.“ 1992 wurde seine „Leere Leinwand Nummer 17“ für 80 Millionen Mark an einen unbekannten Sammler in der Schweiz verkauft. „Wir alle sind leere Leinwände, die vom Leben erst allmählich bemalt werden“, sagte Püppertz in einem Interview mit dem Magazin „Markt und Kunst“. Weitere berühmte Werke: „Leere Leinwand Nummer 21“, „Dreieckiges Quadrat Nummer 4“ und „Sargähnlicher Sarg“. „Sargähnlicher Sarg malte ich, um zu zeigen, dass Malerei nicht die Welt selbst ist, sondern nur ein Versuch, sie abzubilden.“ Im Moment, so sein Sekretär Frank Haverkamp, malt Püppertz an einem großformatigen Bild mit dem Titel „Bildähnliches Bild“. Danach will er sich einem neuen Zyklus leerer Leinwände zuwenden. „Ich will die gesamte Leere erkunden, da sind noch so viele Leerstellen.“

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Foto: „Leere Leinwand Nummer 23“ von Michael Püppertz , Nichts auf Leinwand, Kaufpreis: 90 Millionen Euro

„Habe heute mit meinem Gemälde „Baumähnlicher Baum“ begonnen. Sarah meinte, es erinnere sie an eine Garage. Warum nicht, dachte ich. Benannte das Bild in „Garagenähnliche Garage“ um, bis meine Tochter Luise meinte, es erinnere sie an eine Kirche. Nannte es daraufhin „Kirchenähnliche Kirche“. Galerist Hoppenschläger rief an und verkündete, dass er soeben „Werkähnliches Werk“ verkauft habe. Merkwürdig, das Bild gibt es gar nicht. Meint er etwa „Zwergähnlicher Zwerg“? Ich bin einfach zu vielseitig. Ich habe längst alle Kontrolle über Formen und Farben verloren.“

„Vollendete ein neues Bild. „Viereckiger Kreis“ wird die Welt verändern. Luise gefiel es. „Ein Dreieck, wie schön!“, rief sie aus. Kinder, sie erkennen die Welt noch ganz durch ihre Vorstellungskraft. „Nein, nein, Luise“, sagte ich, „das ist ein viereckiger Kreis.“ Schön auch, dass ich so nebenher ein altes Problem der Mathematik lösen könnte. Galerist Hoppenschläger konnte ein Bild aus meinem Zyklus „Sarahs Zyklus“ verkaufen. Blutbilder laufen momentan besonders gut.“

Aus dem Tagebuch des Malerfürsten Michael Püppertz

Neues vom Skandalkünstler Nathan Messe!

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„Ich arbeite noch. Ja? Klar! An der Diktatur des Irrsinns. Irrsinnsdiktatur. Schmerzland. Deutschland ist Schmerzland. Landschmerz. Ja? Klar! Und wenn ich mich jetzt mit Mutter Gertrud in einen Affenkäfig sperren lasse, dann, um zu zeigen, dass der Käfig Affen verschmerzen kann. Uns-Affen. Wir-Affen. Große Kunst. Kunstgroß. Ja? Klar! Schmerzland muss landschmerzen. Ja?“ Nathan Messe

Der gefährlichste aller Gegner

Wenn ich etwas an meiner Ausbildung nicht mochte, waren es die Hausaufgaben. Stundenlang saß ich vor den Heften und malte kleine Männchen auf die Seiten. Manche der Männchen wurden gekreuzigt. Vor den Kreuzen standen andere Strichmännchen und zeigten auf die gekreuzigten Strichmännchen. Sie sprachen über sie. Ergingen sich in Gerüchten, übten sich in übler Nachrede. Viele lachten auch.

Aus dem Himmel kam eine Sprechblase, in der zu lesen war: Ruhe da unten!

Lehrbücher über Weltrettung und Bombenbau lagen wild verstreut in meinem Zimmer und ließen sich nicht zähmen.

Schickte mich Falsch-Papa zum Lernen hinauf, verzog ich den Mund. Ich muss wie eine Karikatur ausgesehen haben. Ich übte oft vor dem Spiegel, damit ich grausam oder gleichgültig dreinschauen konnte.

Schritt für Schritt schleppte ich mich die Treppe zu meinem Zimmer hinauf, das mir zum Inbegriff meines verschlossenen Wesen wurde.

Die Falsch-Eltern konnten klopfen wie sie wollten, ich ließ mich nicht von ihren Fingerknöcheln erweichen. Ich saß auf meinem Bett und lauschte dem Pochen meines Herzens, den Blutbahnen, die unablässig ihre kleinen Passagiere durch meinen Körper transportierten. Ich wollte mir selbst genug sein.

Ich übte mich in der Kunst des Selbstgesprächs, fabulierte mit Lust über das Fensterbrett, brachte mich mit gewagten Thesen zur Geburtenkontrolle in Bedrängnis, feuerte mich beim Anfeuern an und stritt mit mir über die Gefahren des Selbstgesprächs. Ich bekam gar nicht mehr genug von mir, sodass ich eines Tages den Entschluss fasste, ich müsste mich von mir trennen, wenn das mit uns nicht noch ein böses Ende nehmen sollte.

Klammheimlich packte ich einige mir wichtige Dinge in ein Betttuch, verschnürte es und seilte mich aus dem Fenster ab. Ich hätte mir beinahe ein Bein beim Aufprall gebrochen, wäre ich nicht glücklicherweise auf unsere Katze gefallen, die meinen Sturz dämpfte.

Es gibt bis heute viele Gegner, die ich fürchten muss. Aber der gefährlichste aller Gegner wohnt in mir.

Darum bin ich auf der Hut vor mir. Jeden Tag meines Lebens.

Wie man den Morgen in die Knie zwingt

Aufstehen. (Die große alte Kunst der Morgenstunde.) Und nicht nur das, sondern gleich auch einen Text hämmern. Weltliteratur also. Und das um die Uhrzeit. Nicht leicht. Ihr könnt euch das schon denken.

Dabei muss erst noch der Körper ausgerichtet werden. Körper ist das Ding, in dem wir stecken. (Prima Satz. Gut für einen Aphorismus.) Die Beine verheddern sich, vermutlich weil es dunkel ist und die Augen nichts für die Beine sehen können. Die Beine müssen alleine zurechtkommen. Unmöglich, deshalb rennt man mit dem Körper (s.o.) gegen Wände. Bis man in der Küche ankommt, ist der Körper (s.o.) bereits von oben bis unten mit blauen Flecken übersät. Der Mensch als große Wunde, die schmerzt (Fast ein prima Satz. Drüber nachdenken, ob es für einen Aphorismus reicht.)

Man ist erst fünf Minuten im Tag und ist bereits am Ende. Nicht überfordert, wie es vorkommt, wenn man eine Passagiermaschine notlanden muss, sondern überfordert, weil man jetzt Kaffee machen will, obwohl man zugeschwollene Augen und ein gebrochenes Nasenbein hat. Jetzt wäre ein Zivildienstleistender hilfreich. Wurden abgeschafft. Dann eben ein junger Mann, der ein freiwilliges soziales Jahr ableistet. (Ehefrauen lachen über so etwas. Halbtot lachen die sich. Freiwillige soziale Jahre leisten sie ab, bis der Tod oder das Familiengericht sie scheidet.) Kein junger Mann greifbar. Selbst ist der junge Mann.

Kaffee soll man nicht trinken. Die Pflücker werden unterbezahlt. Wer Kaffee trinkt, der nicht aus fairem Handel stammt, den muss man mit einem Kinderschänder auf eine Stufe stellen. So einer frisst auch Fleisch und zerbricht sich nie den Kopf darüber, wo die Gummibärchen herkommen. Böse Menschen. Kennen Sie so einen, stellen Sie den Kontakt ein. Überhaupt sollten Sie ihre Freunde und Bekannte genau unter die Lupe nehmen. Da finden sich bestimmt zwielichtige Gestalten, die man aussortieren kann. Raus, raus, raus, bis man ein Klima geschaffen hat, in dem es sich zu leben lohnt. Vegetarismus ist Voraussetzung. Kleidung sollte nicht getragen werden, wenn sie nicht aus Blättern besteht. Wer Auto fährt, sollte von ihnen bespuckt und ihres Lebens verwiesen werden.

Jetzt habe ich den Faden verloren.

Wo waren wir? Küche! Kaffee.

Nehmen wir mal an, Sie konnten ihre Kinder durch laute Schreie in die Küche locken. Fordern Sie das Genmaterial auf, es möge Ihnen einen Kaffee zubereiten, schlussendlich könnten Sie sich ja nicht um alles kümmern.

Irgendwann sitzt man auf seinem Schreibtischstuhl und tippt. Weltliteratur produzieren (s.o.), und das am laufenden Band. Die morgendlichen Stunden sind eine Qual, ein Überlebensparkour, den es zu durchqueren gilt, wobei die Anzahl der Freund- und Kindesverluste so gering wie möglich zu halten ist.

Haben Sie den Morgen erst in die Knie gezwungen, könnte es tatsächlich sein, dass Sie Rest des Tages auch bewältigen.