Satan, Rock und geile Miezen

1994 gaben wir in den Staaten ein Geheimkonzert, das so geheim war, dass wir es selbst nicht fanden. Unser Manager befand sich zu der Zeit auf einem Karamelltrip. Er hatte sich so viele Karamellbonbons reingezogen, dass er die Zähne nicht auseinanderbekam, als wir ihn anriefen. “Verflucht, Brian, musst du dich ausgerechnet jetzt mit Karamell volldröhnen?”
Ich und die Jungs waren außer mir, äh, außer uns. Wir waren so außer uns, dass wir das Hotelzimmer in Vegas, in dem wir seit Wochen saßen, aufräumten. Die waren dort einiges gewöhnt. Aber so etwas nicht. Sie informierten die Zeitungen. Und schon hatten wir unseren nächsten Skandal.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

Wie wir das Leben aussaßen

Ich wuchs in einem Dorf auf, das so klein war, dass es nur zwei Häuser gab. Die Hauptstraße führte zwischen den beiden Häusern entlang. Mein Vater saß oft vor unserem Haus und starrte auf die Hauptstraße.
“Sei vorsichtig”, sagte meine Mutter zu ihm.
Er stellte einen Gartenstuhl auf und blickte auf den fehlenden Verkehr. Manchmal kam ein Auto vorbei. Dann geschah wieder stundenlang nichts. Mittags klappte er den Stuhl zusammen und kam ins Haus zum Essen. Er aß viel zu schnell, weil er nichts, was an der Hauptstraße geschah bzw. nicht geschah, verpassen wollte. Manchmal steckte er seinen Finger in den Mund und hielt ihn in den Wind. “Der Wind kommt von rechts”, sagte er. Das notierte er sich dann in sein kleines Notizbuch, dem er den Titel “Wie die Winde wehen” gegeben hatte. Dort stand dann z.B.: 3. April 1981, Mittags 12.45 Uhr, leichter Wind von links. Es sollte ihm dabei helfen, sich zu erinnern.

1985 spielte ich mit dem Gedanken, eine Punkband zu gründen. Leider gab es in unserem Dorf niemand, der in meine Band gepasst hätte. (Höchstens Oma Tilde. Aber die war damals so sehr damit beschäftigt, bald zu sterben, dass sie keine Zeit für mich und die Band hatte.) Die Ehe der Nachbarn war ohne Kinder geblieben. Ich fragte meine Eltern, ob ich den Keller als Proberaum haben könnte. Vater war das egal. Er hatte nur die Hauptstraße im Kopf. Sie beschäftigte ihn unentwegt.
“Ich muss raus, es könnte sein, dass heute ein Auto vorbeikommt”, sagte er.
Also blieb ich das einzige Mitglied der ANALDENTISTEN, so nannte ich meine Band. Ich spielte kein Instrument, aber das war egal, weil es hier um Punk ging. Ich nahm einen Kuli in die Hand, der mein Mikro war.
Die erste Probe lief prima. Ich liebte, was ich da machte. Nach einer Weile hockte ich mich auf den Boden und stellte mir meine zukünftigen Auftritte vor, bis Mama nach unten kam und ihren Kuli zurückverlangte. Das war das Ende für die ANALDENTISTEN.

Oma Tilde starb 30 Jahre lang. Sie saß die meiste in einem Sessel in ihrem Zimmer. Wenn ich sie besuchte, stöhnte sie laut auf. Sie werde bald sterben. Ich versuchte, sie zu beruhigen, aber das wollte sie nicht hören. Im Sommer trugen Vater und ich sie in den Garten. Sie schrie, sie wolle wieder in ihr Zimmer. Die Natur verstöre sie. Überall werde gestorben, sagte sie und zeigte auf das verbrannte Gras. Vater trug mir auf, es zu gießen. Oma Tilde beruhigte das nicht. So einfach sei das nicht.
Später, als sie dann wirklich starb, konnte wir es zunächst nicht glauben. Wir ließen ihre Leiche so lange im Sessel sitzen, bis der Gestank uns überzeugte, dass sie diesmal Ernst mit dem Sterben gemacht hatte.

Sonntags saßen wir alle auf Klappstühlen hinter dem Haus. Wir spuckten Kirschkerne auf leere Dosen. Wer mit Kirschkernen gut spucken konnte, der war wer im Dorf. Die anderen ließen ihn in Ruhe. Man galt als eine Art Revolverheld. Oma Tilde war unschlagbar. Sie spuckte wie ein Maschinengewehr. Die Dosen fielen im Sekundentakt, und einmal spuckte Oma einen Kirschkern bis weit über den Wald und die Berge. Vielleicht landete er auch auf dem Mond. Oma war so etwas wie der Billy the Kid unseres Dorfes. Sie war überhaupt sehr eigen. Sie kaute Tabak und schimpfte wie ein Hafenarbeiter. Das war lange bevor sie mit dem Sterben anfing.

Meine Mutter wusch sich täglich. Sie fiel damit in unserem Dorf auf.
Sie stand meist früh auf und wusch sich unter den Achseln, die wie die Sonne strahlten, wenn sie mit ihnen fertig war. Derart aufgeputzt ging sie über die Hauptstraße. Mit erhobenen Armen, der Achselhöhlen wegen. Es kam nicht selten zu Unfällen, die mein Vater nutzte, um seine illegale KFZ-Werkstatt aufzurüsten.

Aus Oliver Nordens “Wie wir das Leben aussaßen”, Erinnerungen eines Gescheiterten

Mein wildes Leben – Die Todesjahre des Zoodirektors Wilbert Vogel

Wieder mal den ganzen Tag Tiere getötet. Hier bei uns im Zoo geht es nun mal blutig zu. Und irgendwo muss das Fleisch herkommen. Wir sind da nicht so zart besaitet. Wenn sich mal ein Kind verläuft, kann es passieren, dass es unter das Futter gerät. Wir haben extra drei Schlachter eingestellt, die sich um verlaufene Besucher kümmern. Das ist alles natürlich. Die Gesetze der Wildbahn.

Aus “Mein wildes Leben – Die Todesjahre des Zoodirektors Wilbert Vogel”, Erinnerungen, vergriffen

Angst – Eine Begegnung mit Thomas Bernhard

Anlässlich des Geburtstags von Thomas Bernhard!

Er würde kommen, sagten Meiers, und so saß ich erregt, die Backen rot, in einer Ecke des Zimmers, die mich an eine Ecke meiner Kindheit erinnerte, eine, die ich mit meinem Kopf gefüllt hatte, die Augen geschlossen, um dort zu zählen, spielten wir doch Verstecken, daran musste ich denke, als ich auf die Ankunft Thomas Bernhards wartete, der sich für die frühen Abendstunden angekündigt hatte, um, so Meier, der Bernhards letztes Buch verrissen hatte, auf eine Schimpftirade zu hoffen, die dann, so Meier, in einen Artikel über Bernhard einfließen würde, denn, so Meier weiter, darauf habe er sich mit Bernhard verständigt, auf einen Streit, bei dem sich die Balken biegen würden, und so kam es, dass ich hier in der Ecke saß, während es im Treppenhaus polterte, der Bernhard, sagte Frau Maier, er zetere gerade mit den Nachbarn, mit denen gäbe es auch ein Arrangement, die hätten sich ins Schimpfen eingekauft, um alle ihr kleines Büchlein über die Begegnung zu schreiben, sagte sie, indes ich die Ecke betrachtete, die der Ecke meiner Kindheit glich, so sehr, dass mir ganz schwindelig wurde, der ich den Schritten lauschte, die sich der Tür näherten, und die mich zusammenfahren ließen, während mein Darm verrückt spielte und sich nach dem Klo sehnte.

Aus “Angst – Eine Begegnung mit Thomas Bernhard” von Leopold Brechtinger, vergriffen

Frau wird sehen

Wohin mit dem ganzen Geld? Als Feministin von Welt kann ich mir nicht alles von den Männern gefallen lassen. Ständig wollen sie nur das eine: mein Geld. Erst haben sie mir meine Jungfernschaft geraubt und später dann mein Geld. Ich erinnere mich ungern an die Memme, die sich an mir zu schaffen machte, damals, da war ich 39, mit dem Hinweis, er käme gleich. Das sagen sie immer. “Komme gleich!” Und dann kommen sie entweder noch früher oder gar nicht. Machen sich aus dem Staub, um den Unterhaltszahlungen zu entkommen. Aber nicht mit mir. Ich habe den Spieß umgedreht und habe Jürgen oder Martin oder wie der hieß ein Kind gemacht. Da hat er blöd geguckt, wie ich ihn im dritten Monat allein in keiner Wohung in Regensburg stehen ließ, um mich um meine Karriere bei LOTTE, meiner eben gegründeten Zeitschrift, zu kümmern. Und gezahlt habe ich auch nix, ich bin ja nicht von gestern oder blöd oder sexy. Später bin ich, weil ich keinem vertraue, auch den Banken nicht, weil die von Männern geführt werden, mit meinem Geld ständig durch die Gegend gefahren, bis ich mich verfuhr und in der Schweiz landete. Parkte mitten auf einem Konto, dafür kann doch ich nichts, wenn das Navi, das es damals fast gegeben hätte, mich falsch leitete. Typisch Navi! Das Schwein! Und heute soll ich Steuern zurückzuzahlen, obwohl ich das Steuer fest in der Hand halte. Das ist eine Intrige der internationalen Männergesellschaft, und eine der Automobil- und Schweizhersteller, die auch alle Männer sind.

Aus “Frau wird sehen”, Die Erinnerungen der Feministin Karl Weißer 

Auf der Motterjagd – Erinnerungen eines Großstadtwildjägers

“Und endlich wurde ich eines Motters ansichtig. Ein kühnes Geschöpf, etwa – auch wenn es im Aussehen an eine Fliege erinnerte – drei Meter groß. Der Motter vergnügte sich damit, Parkbänke umzuschmeißen. Seinem Rüssel entwichen Töne, als würde er lachen. Ich legte mein Gewehr an, konnte aber nicht abdrücken, so sehr war ich von seiner Hässlichkeit gebannt.”

Aus “Auf der Motterjagd – Erinnerungen eines Großstadtwildjägers” von Robert Burschenthaler, vergriffen

Robert Louis Stevenson

Robert Louis Stevenson. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. An unsere gemeinsamen Jahre auf Hawaii. Nackt wie Adam und Eva sprangen wir über den Strand. Bobby malte zu der Zeit an seinem berühmten Gemälde “Die zehn biblischen Plantagen”. Sein Pinsel wedelte im Wind. Die Eingeborenen baten uns, sie aus der Erde zu buddeln. So eingeboren, das wäre doch nichts. Wir ließen sie. “Natur ist so natürlich”, sagte Bobby oft. Abends saßen wir im Licht des Mondes. Wir sprachen über Seeräuber. Warum entführten Menschen einen ganzen See? Es wollte sich uns nicht erschließen. O du wunderbare Zeit, die du niemals wiederkehren wirst.

stevenson

(Bild: Archi W. Bechlenberg)

Zuweilen war Bobby ein seltsamer Vogel. Manchmal verlangte er, ich solle einen Wolf nachahmen. Ich setzte mich zu seinen Füßen und heulte. Laut und durchdringend. Die Fensterscheiben erzitterten. Hausmädchen flohen. Ich schnüffelte alles ab. Markierte mein Revier. So mancher Auftritt endete in unserer Flucht.

Der Lauf der Zeit(ungen)

Ich fand mich in der heutigen Zeitung, mit einem Ausdruck fehlender Überraschung in meinem Gesicht, wusste ich doch von dem Artikel, der mein neues Buch vorstellen sollte. A stürmte die Treppen zu unserer Wohnung hinauf und hielt mir den Bericht unter die Nase.

Jetzt ist er bereits gelesen, er wird archiviert, also fein zur Seite geräumt, in eines der Fächer eines Schrankes, der schon so einiges über mich beinhaltet, so etwa … Drücken wir es mal so aus: Es ist noch Platz im Schrank.

Und all die Zeitungen, die heute ausgeliefert wurden und in denen ich stehe und warte, dass mich sehnsüchtig ausgebreitete Leserhände abholen, was geschieht mit ihnen, sind sie erst leer gelesen, oder überblättert, durchgeblättert? Fallen Sie der Zeit zum Opfer, ihrem eigenen Herbst, der sie aus den Händen auf die Straße, in den Mülleimer wehen wird? Manche werden die Zeitung, also auch irgendwie mich, zum Schuhausstopfen benutzen. Andere werden sie sammeln, ohne zu wissen, warum sie das tun. Zeitung auf Zeitung verstauen sie in einem Winkel des Kellers, auf die Rente, den Lebensabend wartend, den sie lesend verbringen wollen, stöbernd in alten Erinnerungen, in Zeitungen, die ihnen dann gar nichts mehr sagen werden, weil die Meldungen, die sie finden, so gnadenlos austauschbar sind. Sie werden sich wundern, dass man nicht täglich die Meldungen von gestern druckt, die denen von Morgen doch eh gleichen werden.

So werde ich dann zum Teil einer sinnlosen Sammlung, zum Ort für nasse Schuhe, zum gefüllten Stauraum eines Mülleimers. So teile ich mich, gehe ich in die Welt hinein, die mich zwar nicht bemerkt, immerhin aber benutzt. Das ist doch schon mal etwas.