Die Modepolizei (Auszug)

Als ich am Tatort eintraf, bot sich mir ein Bild des Grauens. Die Tote trug Klamotten aus einem Billigladen. Ich drehte mich weg. Mir wurde schlecht.
„Haben Sie gesehen“, sagte Francis. „Sie trägt nachgemachte Chucks.“
„Ich will das nicht sehen.“ Ich schnüffelte an meinem mitgebrachten Duft von Dior, um mich zu beruhigen. Hier waren wir wirklich in der Hölle gelandet.

Wir nahmen einen Club hoch, der dafür berüchtigt war, dass man dort Jogginghosen trug. Ich musste mich mehrmals übergeben. Das waren Perverse. Abschaum. Der Boss von dem Laden, ein gewisser Martin, trug sogar Hausschuhe. Es schien ihm nichts auszumachen. Er schrie, als wir ihn umzogen. So konnten wir ihn nicht verhören. Wir stopften ihn in einen Armanianzug. Diese Welt ist voller kranker Bastarde, die sich nicht anzuziehen wissen.

Ich war extrem angespannt. Heute würde es endlich zu dem so lange von mir erhofften Schlag gegen das organisierte Modeverbrechen kommen.
Ich trug einen meiner besten Anzüge von Hugo Boss. Wir beobachteten das Flüsterkiosk jetzt seit Wochen. Unrasierte Gestalten in No-Name-Jeans gingen ein und aus. Ich würde so viele wie möglich umlegen. Diese Typen hatten gegen alle Formen des gesitteten Zusammenlebens verstoßen. Ich zog meine Krawatte zurecht und überprüfte meine Waffe. Die Tür öffnete sich. Gelächter. Sie feierten ihre Klamotten. Ich konnte erkennen, dass sie nachgemachte Kapuzenshirts von Abercrombie & Fitch trugen. Ich konnte nichts dagegen machen: Ich übergab mich in einem weiten Schwall auf die Straße. Das war das Zeichen, dass wir losschlagen mussten.

Ich zog dem Typ meinen neuen Schlagstock von Gucci über. Er flennte wie ein Kind.
„Wenn ich dich hier noch mal in Sandalen und weißen Socken erwische, kommst du nicht so glimpflich davon“, sagte ich und warf ihn aus dem fahrenden Wagen. Dann fuhren wir zur Fashion Week nach Berlin. Es war Zeit, dass wir uns neu ausrüsteten.

Es war eine großangelegte Razzia in einer Mall. Sie rannten wie die Hasen. Wir kesselten eine Familie ein, die wohl schon länger bei C&A einkaufte. Das Familienoberhaupt trug einen Rolli für 15 Euro. Ich musste mich beherrschen, um mich nicht zu übergeben. Es war ein harter Einsatz. Einer, der mich an meine Grenzen brachte. Wir ließen sie spurlos verschwinden. Es war besser so, auch wenn mir der Kampf, den wir führten, wie Wasserschöpfen im Meer vorkam.

 

Ein Auszug

Der Anruf erreichte mich nachts. Ich stand am Fenster meines Büros. Dort stand ich die meiste Zeit über. Ich wartete auf einen neuen Auftrag. Ich beobachtete gerade eine Katze, die sich verdächtig benahm. Ich zog die Lippen auseinander und biss die Zähne zusammen, um mit der Zunge gegen die Schneidezähne zu klatschen. Das erzeugte ein merkwürdiges Geräusch, das die Katze irritiert hätte, wenn das Fenster offen gewesen wäre.
In diesem Moment bellte das Telefon. Ich hatte den Klingelton so eingestellt. Es bellte laut und kräftig, so laut, dass die Katze unten es hörte und Reißaus nahm.
Verflucht, jetzt hatte sie sich aus dem Staub gemacht, dabei hatte ich sie nur irritieren wollen. Ich würde wieder stundenlang suchen müssen, um etwas zu entdecken, das mir die Zeit am Fenster vertrieb.
Ich griff nach dem Hörer, der die Form eines Hundeknochens hatte. Nicht, dass ich ein besonderer Hundefan gewesen wäre. Mein letzter Auftraggeber, der Besitzer einer Firma, die Knochenhörer herstellte, hatte ihn mir geschenkt.
„Sam Wait! Wer ist da?“, fragte ich.
„Mein Name tut nichts zur Sache“, sagte die Person am anderen Ende.
„Hören Sie, wenn ich Ihnen helfen soll, muss ich wissen, wie Sie heißen.“
„Das werden sie vielleicht später erfahren.“
„Und um was geht es?“ Ich war noch ziemlich sauer wegen der Sache mit der Katze.
„Das kann ich nicht sagen“, sagte die Stimme.
„Sie wollen nicht sagen, wie sie heißen und um was es geht?“
„Das würde mich in Gefahr bringen.“
„Und warum rufen Sie mich an?“
„Das werde ich Ihnen vielleicht später verraten“, sagte die Stimme und legte auf.
Idiot, dachte ich.

Ich trat wieder ans Fenster. Nichts. Die Katze würde sich so schnell nicht mehr sehen lassen. Ich konzentrierte mich auf den Schornstein des Hauses gegenüber. Wenn man ihn lange genug ansah, würde er sich bewegen. Das wusste ich noch aus meinen Kindertagen. Damals hatte ich oft Stühle angeglotzt, bis sie zum Leben erwachten. Ich lehnte mich an den Fensterrahmen und starrte.
Nach ein paar Stunden konnte ich es deutlich sehen. Er rührte sich. Ich griff nach Sarah, meinem Revolver. Dieser Kerl würde es noch bereuen, nachts auf fremden Häusern zu sitzen, um in die abgedunkelten Fenster der Leute zu linsen.
Ich öffnete das Fenster ein wenig. Die kalte Luft zerrte an meinem Gesicht. Daran hatte ich nicht gedacht. Die Kälte. Mein Gesicht gefror augenblicklich. Ich musste etwas tun. Sekunden später wäre ich tot. Ich ließ mich mit dem ganzen Gewicht meines Körpers gegen das Fenster fallen. Es war ein Kampf, den ich beinahe verlor. Aber das Wunder geschah.
Erschöpft ließ ich mich auf den Boden fallen. Ein Stuhl hatte ich nicht mehr, seit Judy mich verlassen hatte.
Ich dachte über mich und meine Lage nach, während ich langsam auftaute. Wasser tropfte zu Boden.

Aus Raimund Wendlers „Geschichte ohne Titel und richtigen Inhalt“

 

Ein Raum voll Möglichkeiten

Vor etwa drei Jahren las ich den Roman eines russischen Autoren namens Vladimir Nabin. Ein schmales Buch, nur 600 Seiten kurz. Es gab eine kleine Auflage, die sich kaum verkaufte, dann wurde es verramscht. Aber darauf will ich gar nicht eingehen. Ungewöhnlich an diesem Roman waren die Sätze. So konnte man dort z.B. einen solchen Satz lesen: Er schlug zurück. Auf den ersten Blick kein ungewöhnlicher Satz für einen Roman, doch sieht man näher hin, bemerkt man, dass hier auf eine sehr kühne Art versucht wurde, viele Informationen auf engstem Raum unterzubringen, so viele, dass der Satz nach hinten wie nach vorne erzählt. ER sagt uns, dass es sich um einen Mann handelt. SCHLUG berichtet von seiner Gewaltbereitschaft, nein, er ist nicht nur bereit, er führt sie bereits aus. ZURÜCK heißt, dass er sich wehrt. Oder aber, dass er seine Gewalt in die Vergangenheit richtet. Umso mehr man den Satz liest, desto verwirrter ist man. Schlägt er nun etwas, was in seinem Rücken liegt? Schlägt er in die Vergangenheit? Oder wehrt er sich unmittelbar gegen einen Angreifer? Wir befinden uns in einem Raum voll Möglichkeiten.

Dieser Raum voll Möglichkeiten ist nicht unwichtig, wenn man sich mit dem Schriftsteller Harry Stephen Keeler beschäftigt.

keeler

Keeler wurde 1890 geboren und starb 1967. Wie alle Autoren von Belang schrieb er bereits seit seinen Jugendtagen. Aber konnte er davon leben? Nein. Nach dem Studium der Elektrotechnik arbeitete er am Tag in einem Stahlwerk, um sich nachts ganz und gar der Schreiberei widmen zu können. Kein ungewöhnliches Schicksal für einen Schriftsteller – denken wir an Kafka -, wenn auch kein wünschenswertes.

Die innere Notwendigkeit, der Zwang sich erzählend auszudrücken, lässt sie nicht ruhen, auch wenn es sicherlich manch ein Schicksal gab, dem damit geholfen gewesen wäre, zu erkennen, dass es kein Talent besitzt. Frau und Kinder hätten sich vermutlich erfreut gezeigt.

Kommen wir nun aber zu Keeler und seinem Roman „Die durchsichtige Nackte„.

Alles beginnt mit einem Anruf, den Helmon Hobersteed, Chef der Mordkommission von Chicago, erhält. Allerdings, dies sei verraten, dauert es schon einige kuriose Sätze lang, bis er sich tatsächlich mit der Anruferin auseinandersetzt. Zuvor erleben wir nämlich bereits Keelers Improvisationswut, denn darauf, auf diesen musikalisch-jazzigen Moment des Sich-treiben-lassen setzt Keeler voll und ganz, aus ihr erwachsen die grotesken, bizarren Erzählformationen, derer wir nach und nach ansichtig werden. Sei es, dass Hobersteed nicht Inspektor genannt werden möchte, weil sein Alter für ihn zu einem Problem geworden ist, sei es, dass er sich als einen Mann wahrnimmt, der von den Frauen vergöttert wird, all diese übersteigerten Formen der Wahrnehmung lassen eine Welt entstehen, die sich dem Irrsinn verschrieben zu haben scheint. Nicht die schlechteste Methode, um die Welt zu beschreiben.

Machen wir es kurz, weil es dem Roman, kaut man seinen Inhalt wieder, nicht gerecht wird.

Besagter Hobersteed erhält also einen Anruf, er wird – dies alles wird äußerst kurios erzählt – zu einem Tatort gerufen, an dem man eine junge Frau in einem Schwitzkasten findet, allerdings nur Kopf und Zehen, denn der Rest ihres Körpers, so die Ermittlungen, müssen wohl unsichtbar sein. Auch vor Ort, und ebenfalls nicht unwichtig, ist der Gerichtsmediziner Blackaby Oxnard.

Und die Handlung wird nicht unbedingt sichtbarer, da schließt sie sich dem Opfer an. Der Fall kann zunächst nicht gelöst werden, Hobersteed kommt in eine Nervenheilanstalt, wird aber später – obwohl er sich weiterhin selbst für unsichtbar hält – entlassen. Viele Jahre danach wird der Fall wieder aufgenommen, und zwar von Holbersteeds Nachfolger. Wird der Fall der unsichtbaren Nackten gelöst? Ja? Nein? Ich werde den Teufel tun, dies zu verraten.

Es geht einem solchen Autor nicht um Logik, denn sein literarischer Kosmos ist von zwei Konstanten bewohnt: Zufall (auch im Erzählerischen selbst) und Geschichten. Ja, immer wieder werden Geschichten erzählt, sie tauchen geradezu aus jedem Satz auf. Der simpler Einwurf eines Protagonisten kann ausreichen, eine Geschichte in Gang zu setzen, die so grotesk ist, dass sie – das behaupte zumindest ich – mehr aus einem Akt der Hingabe als aus der Logik der wohlüberlegten Romanführung entsteht. Improvisation, ich sagte es bereits, scheint mir eine Grundbewegung dieses Buchs, vermutlich auch anderer Bücher von Keeler, der seinen Hauptpersonen Namen gab, wie man sie heutzutage bei Pynchon findet.

Ein solcher Autor machte es seinen Lesern nicht leicht, und vielleicht musste er auch scheitern, so wie alle wichtigen Bücher und Autoren scheitern müssen, weil sie mit den Erzählkonventionen brechen. Sie begeben sich in einen Raum voll Möglichkeiten und lassen ihre Schreibhand bald hierhin, bald dorthin greifen, um sich – wie Free-Jazzer – auf den Schwingen einzelner Buchstaben, deren Textmelodie aus der Schreibbewegung entsteht, davontragen zu lassen. Dass da nicht jeder Leser folgen kann und will, liegt fast schon auf der Hand.

Abschließend also die Frage: Sollen wir diesen Roman lesen? Ja und nochmals ja. In einer Zeit, in der die Strickwarenmusterliteratur einmal mehr den Markt beherrscht, ist es für jeden halbwegs gebildeten Menschen wichtig, sich wieder auf das Abenteuer Erzählen einzulassen. Es ist bei Keeler weniger die Sprache, als vielmehr, was er mit ihr erzählt. Man könnte sagen, wenn Thomas Mann der Klassik der Literatur zuzurechnen ist, dann ist Keeler dem Jazz zuzuordnen.

nackte

Harry Stephen Keeler
DIE DURCHSICHTIGE NACKTE
(The Case of the Transparent Nude)

Einmalige Auflage von 250 nummerierten Exemplaren
Hochglanzkaschierter Band im „Pulp-Look“
ISBN 978-3-924959-87-6
206 Seiten, 49,00 Euro
Dezember 2014

Leseprobe

Die Fabrik der Tortenmädchen (Eine weitere kostenlose Leseprobe)

Mein Name ist Dr. Mouse. Sie sollten mich wegen meines Namens nicht unterschätzen, und auch nicht wegen meiner Größe. Wem auch immer mein Tagebuch dereinst in die Hände fällt – vermutlich wird man es in einem Museum, das zu meinen Ehren errichtet wurde, ausstellen -, sollte sich klar machen, dass meine Größe nicht daran schuld ist, dass ich zu einem der wahnsinnigsten Verbrecher aller Zeiten wurde, sondern dass es an meiner Mutter lag, die mich bereits als Kind dazu anhielt, den anderen Kindern das Pausenbrot zu stehlen. Wenn sie mich dabei erwischte, dass ich die Wahrheit sagte, zog sie mich an den Ohren in das Arbeitszimmer meines Vaters, das aus Gemütlichkeitsgründen in eine Zelle umgebaut worden war. Versonnen bzw. teilversonnen saß er am Fenster mit den Gitterstäben und sehnte sich.
„Was machst du da wieder?“
Vater seufzte. „Ich sehne mich“, sagte Vater.
Mutter schüttelte ihren schweren großen Kopf, der mindestens so schwer wie drei normale Köpfe war. „Das habe ich jetzt davon. Mutter hat mich gewarnt: Heirate nie einen, der zu lange im Knast war. Und ich, was musste ich machen?“
Sie stellte mich vor meinen Vater und verlangte von ihm, dass er mir mit aller Entschiedenheit beibrachte, dass es einen im Leben nicht weiterbrachte, wenn man die Wahrheit sagte.
„Junge“, sagte er. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es nicht gut ist, wenn man die Wahrheit sagt? Die Wahrheit kostet einen die Freiheit, sie kostet andere die Freiheit. Und was ist das schon, die Wahrheit? Wenn man am Morgen sagt, es sei früh am Tag, muss das nicht stimmen. Für einen anderen, der gerade nach Hause kommt, ist es spät. Verstehst du, mein Sohn?“
Ich nickte, und weil ich aufgeregt war, nickte ich so stark, dass er mich beruhigen musste.
„Sei nicht so aufgeregt. Man könnte sonst denken, dass du dich zu einem Denunzianten entwickelst. Nicke andeutungsweise.“ Er führte es mir vor. Er stellte sich seitlich hin und hob das Kinn. Nichts geschah.
„Hast du es gesehen?“, knurrte er durch die Zähne.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Ich nicke jetzt noch mal.“
Wieder war nichts zu sehen.
„Du musst genauer hinsehen“, knurrte Vater.
Schließlich gab ich auf und sagte, dass ich es genau gesehen hätte.
„Ha!“ Vater lachte mich an. „Du hast gelogen. Siehst du, wenn man nur will, kann man auch lügen. Behalte das bei.“ Und mit diesen Worten schickte er mich aus seinem Arbeitszimmer. Ich warf einen letzten Blick zurück, hin zu diesem Mann, der an den Gitterstäben stand und seufzte.

Aus Urs Schliepers “Die Fabrik der Tortenmädchen”, Krimi in Tagebuchform

Die Fabrik der Tortenmädchen

Ich teilte heute meinen Eltern mit, dass ich Privatdetektiv werden will. Eigentlich teilte ich es nur meinem Vater mit, da Mutter vor Jahren verschwunden ist. (Vielleicht will ich deshalb Detektiv werden. Freud würde von einem „auf die mütterliche Vagina abzielenden Berufswunsch“ reden. Ich hoffe, sie irgendwann wohlauf bei einem Tortenwettessen zu finden. Mutter liebt Torte. So sehr, dass es sein kann, dass ein gemeiner Verbrecher sie damit in sein Auto lockte. In London verschwinden immer wieder Frauen, die eine Vorliebe für Torte haben.)
„Ich werde Privatdetektiv“, sagte ich zu meinem Vater.
Er schlang gerade sein Abendessen hinunter, und das, obwohl es früher Morgen war. Vater ist Exzentriker.
„Was?“, schrie er und hielt seine rechte Hand an sein linkes Ohr. Solche Bewegungen muss er als Vorsitzender des örtlichen Exzentriker-Clubs machen. (Er ist außerdem schwerhörig, daher das laute „Was?“)
„Privatdetektiv?“
„Schief? Was ist schief?“
Ich überlegte rasch, wie ich mich ihm mitteilen könnte. Mein übermäßig großes Hirn arbeitete fieberhaft.
„Privatdetektiv!“, schrie ich lauter.
„Brief? Ich habe keinen Brief. Oder hast du einen Brief, James?“
James ist der Butler meines Vaters, der ebenfalls schwerhörig ist und daher erst gar nicht auftauchte. James erscheint seines Leidens wegen nur sehr selten. Meistens sitzt er in seinem Zimmer und sieht sich bei voller Lautstärke Talksendungen an.
„James ist nicht da!“, brüllte ich.
„Nichte? Du hast keine Nichte!“
„Nicht Nichte. James ist nicht da, und ich möchte Privatdetektiv werden.“
Mein Vater sah mich erstaunt an. Dann lief er puterrot an. Er griff sich nach dem Hals, als würde er keine Luft mehr bekommen.
Geschult in allen gymnastischen Übungen, machte ich blitzschnell eine Rolle vorwärts, einen Handstand, noch eine Rolle vorwärts, bis ich bei Vater war, um ihm eine Backpfeife zu verpassen.
Vater hustete und spuckte ein Stück Fleisch, groß wie meine Hand, auf den Tisch.
„Warum willst du mit James durchbrennen?“, keuchte er.
„Nein, das will ich gar nicht“, versuchte ich ihm zu erklären. „Ich will Privatdetektiv werden.“
Vater schüttelte traurig den Kopf und murmelte: „Das hätte deine Mutter nicht gewollt.“
„Was? Dass ich Privatdetektiv werde?“
„Dass du deinen armen Vater so ausbrüllst.“

Aus Urs Schliepers „Die Fabrik der Tortenmädchen“, Krimi in Tagebuchform

Sherlock Holmes

Eines Tages sagte Holmes: „Es regnet!“
„Wie kommen Sie darauf?“
Er zeigte auf die Scheibe, auf die Tropfen, die sich an sie klammerten, dahinter eine Welt, auf die Regenfäden niedergingen.
Seine logischen Rückschlüsse überraschten mich immer wieder.

Aus „Sherlock Holmes und das Rätsel der dunklen Wolken“, Roman

Holmes liebte Ostern. Er liebte es, in seinem Sessel zu sitzen, um von dort all die Eier, die ich erst noch verstecken würde, durch reines Nachdenken aufzuspüren.
„In der chinesischen Vase befindet sich ein grünes Ei“, sagte Holmes und lächelte mich überlegen an.
Ich stand auf, ließ das Ei aus meinem Ärmel in die Vase gleiten, um es im nächsten Moment hervorzuzaubern.
„Fast! Es ist gelb“, sagte ich. „Wie machen Sie das nur, Holmes?“
Holmes lehnte sich zurück, schien aber auch ein wenig enttäuscht, immerhin hatte sich sein unbestechlicher Geist in der Farbe des Eis geirrt.
„Die nächsten Eier“, überlegte er, „befinden sich zwischen den Sofakissen. Ein rotes und ein blaues.“
Ich stand auf, um ihn seine Eier finden zu lassen, auch wenn die Farben wieder nicht zutreffen würden. Zumindest war Holmes zufrieden, und mir rettete es den Tag, der nicht von seiner schlechten Laune zerschossen wurde.

Aus „Sherlock Holmes und die Osterhasenbande“, Roman

Abenteuer auf Teneriffa

Ein Fall für Kommissar Zufall

Als Kind träumte ich oft von Teneriffa, und dies, obwohl ich die Insel nur aus dem Fernsehen kannte. Ich saß in einem der zahllosen schäbigen teneriffianischen Restaurants, die Pustekuchen anboten. Pustekuchen, so dachte ich lange, sei die typische Speise dieser weltberühmten Packeisinsel. Erst später sollte ich erfahren, dass ich falsch geträumt hatte. (Falsch zu träumen, entwickelte sich zu einer meiner jugendlichen Traumata.) Typisch war nicht Pustekuchen, sondern Robbenkloppersalat. Man muss junge Robben siebzehn Minuten windelweich kloppen, mit einem Teppichklopper oder einem Klopper, den man sich von einer der Schulen für Halbstarke besorgt. Anschließend zieht man die Windeln mit einem Abzieher ab. Danach muss man das Ganze noch mit Himbeermoschusochsenbalsamicoessig abschmecken. Kühl servieren.

Teneriffa zählt zu den weltweit größten Inseln mit einem riesigen Gesamtumfang. Es leben dort schätzungsweise 1 Milliarde Leute, die sich hauptsächlich vom Fischfang und dem Tourismus ernähren. Doch weiter im ereignisreichen Verlauf dieser mordsmäßig guten Erzählung. Teneriffa wurde im Jahr 1967 von dem spanischen Immobilienmakler Jose Cortez für seine Schwester gebaut, die sich seit ihrer Pubertät in den Ardennen nichts sehnlicher als eine eigene Insel gewünscht hatte.

Genug der Fakten. Steigen wir in das mit Action randvoll gefüllte Becken der Geschehnisse.

Mein Name ist Kommissar Zufall. Ich bin Privatdetektiv. Nicht nur irgendein Detektiv, sondern der beste Detektiv, den ich kenne. Merken Sie sich meinen Namen! Kommissar Zufall. (Ich werde Sie bei Gelegenheit abfragen!) Ich verdanke meinen Vornamen einer Laune von Mutter Zufall, die, als sie mit mir hochschwanger (sie war wirklich sehr hochschwanger!) war, vor dem Fernseher einen Krimi sah, in dem ein Kommissar einen Wagen vorfahren ließ. Das gefiel ihr so sehr, dass sie dachte, Kommissar sei der richtige Name für einen zukünftigen Kommissar. Leider wurde nichts aus ihrem Berufswunsch für mich. Ich entschied mich anders und gründete die Detektei Kommissar Zufall.

Als Kind löste ich bereits eine Menge Fälle, so den Fall der Berliner Mauer, den ich im Fernsehen verfolgte. Ich klärte meine Familie darüber auf, dass der Fall gelöst sei, weil es zukünftig keine Mauer mehr gebe. Sie konnten es nicht glauben. Meine Mutter weinte sogar, weil sie Verwandtschaft im Osten hatte, die sie – so hatte sie gehofft – nie wieder sehen würde. Falsch gedacht!

Um mich zu trainieren, saß ich die ganze Zeit über am Fenster und beobachtete mit meiner Oma die Straße. Was da alles los war! Wir notierten alles. Zahllose Autonummern. Wir kamen mit dem Notieren gar nicht hinterher, weil wir an einer stark befahrenen Kreuzung wohnten. Unaufhörlich kamen Autos und Menschen vorüber. Es war zum Lachen schön. Und so saßen wir da. Meine Oma und ich. Lauthals lachend, und notierend.

Davon will ich heute nicht berichten, sondern von einem meiner letzten Fälle, der mich nach Teneriffa führte, jener wunderbar mysteriösen Insel, die die meiste Zeit kaum zu erreichen ist, weil sie eingeschneit ist. Ich hatte den Auftrag erhalten, ein paar Tage vor Ort zu recherchieren. Leider hatte ich kurz nach meiner Ankunft vergessen, worüber.

Ich war mit einem Billigflieger geflogen. Es war eine stürmische Überfahrt, die mein Nervenkostüm arg strapazierte. Ich hatte den Notausgang geöffnet und übergab mich unaufhörlich. Gezeter und Gemecker der anderen Fluggäste, dass es fürchterlich ziehen würde. Ich ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ich war viel zu sehr mit mir und meinem Körper beschäftigt, den ich normalerweise in einem Fuldaer Fitnessclub stählte. Ich hatte eine Dauerkarte, die es mir erlaubte, Tag und Nacht Gewichte zu stemmen. Ich liebte mich und meine Muskeln, die ich gerne auch zum Vergnügen junger Damen in Bewegung brachte. Man jauchzte und wollte sie anfassen, wogegen ich nichts hatte. Gar nichts. Immerhin war ich stolz auf meinen gebildeten Körper.

Nachdem ich mich ausgekotzt hatte, setzte ich mich in meinen zu engen Sessel zurück, der nicht einmal eine Massagevorrichtung besaß.

Nach etwa siebzehn Stunden kamen wir an.

Schneewehen schlugen mir entgegen. Der Geruch von gebratenen Schlittenhunden. Einheimische in Pelzmänteln rannten aufgeregt über die Start- und Landebahn und verstauten unsere Koffer in riesigen Schlittenbussen, die uns zu unseren Hotels bringen sollten. Wir waren alle in einem anderen untergebracht. Teneriffa verfügt über so viele Hotels, dass eine Zählung an der hohen Anzahl scheiterte. Ein Leben würde nicht ausreichen, sie alle zu erfassen. Ich wurde ins Golden Holden gebracht, benannt nach dem amerikanischen Schauspieler William Holden, glaube ich. Die an der Rezeption wussten von meiner Ankunft. Nette Leute in der Landestracht, die einen Eisbären bei der Jagd zeigt.

Da saß ich also. Deutschlands berühmtester Detektiv, gestrandet auf der Insel des Eises und des Schnees. Ich wählte die Nummer vom Zimmerservice und ließ mir ein typisches einheimisches Gericht bringen. Teuer, aber wenn ich schon mal hier war, wollte ich auch das Gericht, das aus einem Richter und elf Geschworenen bestand. Wo war der zwölfte? Ich mokierte und man ließ etwas im Preis nach. Nachher schlief ich seelenruhig, fast wie ein teneriffianisches Robbenbaby, bevor es von bösartigen Robbenbabyjägern erlegt wird. Selbst im Schlaf schwollen meine Muskeln ab und an bzw. an und ab.

Als ich am nächsten Tag erwachte, waren die Schneestürme, von denen sie im Fernsehen berichtet hatten, eingetroffen. Ich saß aufrecht im Bett und dachte an meine Oma, auch überlegte ich fieberhaft, warum man mich überhaupt hierher geschickt hatte. Um mich von meinen überfallartigen Gedanken abzulenken, machte ich ein paar Kniebeugen, außerdem stemmte ich die Kommode, in der meine Socken untergebracht waren. Training beruhigt mich.

Plötzlich ertönte ein Schuss. Mein Blick sauste aufgeregt wie eine Biene durchs Zimmer. Wo ein Schuss ertönt war, befand sich auch eine Waffe und ein Schütze. Das könnte ein weiterer Fall für Kommissar Zufall sein.

Um mich auf den Fall vorzubereiten, schaltete ich den Fernseher an und suchte nach einer Detektivserie. Da! Ich war auf dem Kanal gelandet, der 24 Stunden in der Woche Magnum zeigte. Gierig starrte ich auf den Bart von Tom Selleck. Wie er sich wieder mit dem Mann stritt, der die Hunde abrichtete, wenn Sie wissen, wen ich meine. Herrlich! Ich knetete das Kissen, bis es die Form eines Herzens hatte. Ich liege lieber in einem liebevoll zubereiteten Kissen. Den Schuss hatte ich nicht vergessen, natürlich nicht, dafür bin ich selbst viel zu viel Detektiv, als dass ich ein Verbrechen ungesühnt lassen könnte.

Jemand hatte an meine Tür geklopft! Ich musste eingeschlafen sein, mindestens 24 Stunden, den es lief keine Folge von Magnum mehr. Scheiße. Jetzt hatte ich die Auflösung verpasst. Ich mühte mich mühevoll aus dem Bett. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Außerdem schüttelte ich erst die Decke auf, das hatten mir meine Eltern beigebracht. Die Erziehung hängt in einem drin. Die kann man nicht so einfach abschütteln. Rasch noch das Kissen geknetet, dieses Mal zu einem Frosch, der kurz vor der Verwandlung in einen Prinzen stand, und schon spurtete ich die vier Meter zur Tür. Enthusiastisch riss ich sie aus ihren Angeln. (Es war eine der typischen teneriffianischen Türen, die an Angelruten befestigt war. Fremde Länder, fremde Sitten. Obwohl das kein Land war, sondern eine Insel. Egal.) Ich trat gewichtigen Schrittes auf den Flur hinaus. Niemand zu sehen. Frechheit. So lange hatte ich für das Bett ja nun auch wieder nicht gebraucht. Diese Inländer bzw. Ininsulaner hatten die Geduld eben nicht mit der Muttermilch eingesogen, wie ich es getan hatte.

Geduld war mein zweiter Vorname. Kommissar Geduld Zufall. Die meisten Leute hielten es für einen schlechten Scherz, wenn ich sie über meine Namen in Kenntnis setzte. Nein. Es lag wohl daran, dass meine Eltern Hippies gewesen waren. Freie Wesen, die in einem Wohnwagen durch die Lande zogen, bevor sie in jener Wohnung, an der von mir bereits erwähnten befahrenen Kreuzung, ihren Hauptwohnsitz einrichteten. Vielleicht weil Oma nicht mehr konnte. Ständig nackt, das war für alte Frau von über 80 nichts mehr.

Ich wollte und konnte diesen klopfenden Zwischenfall nicht auf mir sitzen lassen. Außerdem wartete der Fall des Schusses noch auf mich. Rasch zog ich meinen Bademantel über, den ich für solche Gelegenheiten dabei habe. Ich klopfte an einigen Türen, um Befragungen, die mir nötig erschienen, durchzuführen. Bei der ersten Tür, öffnete mir eine nackte Frau, die mich an Oma erinnerte, nur fünfzig Jahre jünger. Ich wollte wissen, was sie hier mache. Außerdem verlangte ich ihren Ausweise. Ich ermahnte sie, dass sie sich mal was anziehen sollte, immerhin befanden wir uns auf der Insel des Packeises. Hier hatte man sich schnell einen Schnupfen geholt.

An der dritten Türe verließ mich die Lust. Ich wanderte in mein Zimmer zurück und konnte gerade noch sehen, wie unten ein Gast von der Polizei auf einem Hundeschlitten verstaut wurde. Aha, der Schütze, schoss es mir ungestüm und wortgewaltig durch mein Hirn.

Um mich zu besänftigen, machte ich abermals den Fernseher an. Die Nachrichten liefen gerade und der Sprecher berichtete, dass Kommissar Zufall einen der meistgesuchtesten Täter der Eisinsel Teneriffa der Polizei zugeführt hatte. Kommissar Zufall! Das war doch ich. Ich konnte es nicht glauben. Da hatten meine zähen Befragungen an den Hotelzimmertüren also doch zum Erfolg geführt.

Ich griff zum Telefon und rief meinen Freund Tannhäuser in Frankfurt an. Ohne viel Umschweife schilderte ich ihm, dass ich, kaum auf Teneriffa angekommen, und nachdem ich das Landesgericht gekostet hatte, obwohl Gerichte nicht mein Fall waren, einen Fall um einen Schützen gelöst hätte, der aus unerfindlichen Gründen im Hotel geschossen hatte. Tannhäuser lobte mich mehrmals aufgeregt, bis ich ihn darauf hinwies, dass Schleimereien an mir abprallten. Aufgelegt. Mit einer charmanten Bewegung, die ihresgleichen im internationalen Detektivwesen sucht, knallte ich den Hörer auf die Gabel, die noch vom späten Frühstück übrig war. Diese Unordnung erinnerte mich an meine Hippieeltern, denen es ein Gräuel war, wenn man aufräumte. Sie mokierten sich ständig über mein Zimmer, wenn wieder mal alles übersichtlich im Schrank verstaut war. Mama meinte, sie hätte als Mutter versagt, was ich so nicht durchgehen lassen konnte. Ich bat sie meist nach solchen Ausbrüchen zu einem Gespräch, dass leider fruchtlos verlief, da meine Mutter sich in Erziehungsfragen nicht von einem Fünfjährigen beraten lassen wollte.

Da der Fall gelöst war, konnte ich wieder abreisen. Dieses Bild stand mir klar vor Augen. Ich packte rasch ein paar Unterhosen, die der Gast vor mir vergessen haben musste, und verabschiedete mich mit dem Hinweis, dass ich jederzeit bereit wäre, in und um Teneriffa herum, dem Verbrechen Einhalt zu gebieten.

Der Schneeschlittenbus hatte Verspätung, die ich damit zubrachte, einige Schneehaufen zu fotografieren. Auch die Häuser der Einwohner, die zur Gänze aus Schnee gemacht waren, mussten gebannt werden. Da würde sich Tannhäuser aber freuen. Die Fotos könnten auch ans Detektivmagazin Spanner gesandt werden. Die waren immer froh, wenn sie eine Story über mich bringen konnten. Kommissar Zufall löst schon wieder einen Fall. Ich sah die Schlagzeile bereits vor mir. Da! Der Bus zum Flughafen. Vermummte Frauen drängelten sich vor. Das konnte so nicht sein. Wo blieb denn da die Gastfreundschaft? Ich zerrte eine dicke Person zurück und verwies ihre Nase an einen Schneehaufen. Hiebe nach rechts und links, und schon hatte ich mir einen Platz ergattert. Ging doch, wenn alle sich bemühten.

Mehr gibt es nicht zu erzählen. Tannhäuser holte mich vom Flughafen ab, weil er so eingeschneit war, dass monatelang kein Flieger starten sollte. Wir fuhren mit seinem Schneemobil direkt von Teneriffa nach Frankfurt. Unterwegs löste ich noch ein paar Fälle, unter anderem in Städten wie Beirut, die mir aber wegen ihres Straßenlärms den letzten Schlaf raubten.

Ich muss zugeben, Teneriffa hing mir lange nach. Selten hatte ein Fall mich so aufgewühlt, aber zum Glück hatte mein Unterbewusstsein den Fall wieder einmal ohne mein eigentliches Zutun lösen können.

Ich bin der geborene Detektiv.

In Frankfurt war alles wie immer. Ich wohnte ja seit Jahren in Fulda, hatte aber in der Bundeshauptstadt eine Zweitwohnung, direkt neben dem Bundeskanzlerinnenamt. Ich wollte mich gerade in die Wanne legen, als das Telefon läutete. Es war der Außenminister, der einen Auftrag für mich in Dublin, der Stadt der Wasserkanäle, hatte.

Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Rezept Robbenkloppersalat:

– junge Robben genau siebzehn Minuten windelweich kloppen

– anschließend zieht man die Windeln mit einem Abzieher ab

– danach mit Himbeermoschusochsenbalsamicoessig abschmecken

– kühl servieren

Nominiert

„Untat“ ist unter den zwölf besten Cover deutschsprachiger Krimis und für das „Bloody Cover 2014“ nominiert, ein Preis, den eine Jury in Zusammenarbeit mit dem Syndikat und dem krimi-forum.de dieses Jahr zum dreizehnten Mal verleiht.

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Ich würde mich freuen, wenn ihr für das Untat-Cover abstimmt.

Und zwar genau >>>>HIER!!!

Der Sonntagskurzkrimi

Und schon wieder ist ein Mord geschehen. Kommissar Bleckhover, die härteste Sau im Revier, ist kurz nach dem Verbrechen zur Stelle, um den Täter zu verhaften. Lesen Sie demnächst, wie Bleckhover einen blauen Weißrussen verhaftet, der im Farbenrausch achtzehn Studenten einer Kunsthochschule anschmiert.

HIGHLIGHTS DER LITERATUR – Eine Serie von Archi W. Bechlenberg und Guido Rohm

Heute: „In Oslo schlägt kein Herz“ von Ole Oemmelheim

Nach „Es schlägt kein Herz in Berlin“, „Es schlägt kein Herz in Moskau“, „Es schlägt kein Herz in London“ und dem Sensationserfolg „Es schlägt kein Herz in Frankfurt“ erscheint jetzt der brandneue Roman des Shootingstars der Krimiliteratur Ole Oemmelheim „In Oslo schlägt kein Herz“.

Wieder einmal gerät der scheidungswillige, alkoholwillige und gehbehinderte Kommissar Noeselbeck an einen schaurigen Transplantationskiller. Wie bereits in den vorangegangenen Romanen wird Noeselbeck am Ende Willem Doermann verhaften. Ein Roman voller Rätsel, Äste und Spannungsbögen.

Auszug: „Noeselbeck rümpfte die Nase. Irgendwo musste eine Leiche liegen. Er suchte den Raum ab, fand aber nur ein paar alte Socken, die er vor Wochen hinter die Kommode geworfen hatte. Er atmete erleichtert auf und zwängte die Waffe in das Holster zurück.“

kein herz in oslo

Montag

Überwältigt von der Technik, die mit mir ein mysteriöses, undurchschaubares Spiel treibt, saß ich vor eingefrorenen Bildern, ich, der sich eben erst ins Internet einklinken wollte, um zu lesen, zu schreiben, saß plötzlich vor einer unbeweglichen Welt, einer, die verharrte, die den Atem anhielt, die diverse Skripte nicht ausführte, was immer das heißen sollte, dabei schreibe ich doch bereits wie ein Wahnsinniger, aber die Skripte wurden nicht ausgeführt; es trat ein Fehler im weltliterarischen System auf, das bestimmt, ich legte meinen Kopf an den Rechner, bereits von den Amis und den Briten abgehört wird, die ihre kleinen Spionageprogramme über meine Texte laufen lassen, über das eine oder andere Skript, über alle Skripte, weil sich da Wörter fanden, die verdächtig erscheinen, solche Wörter wie: Einkaufszettel, Parklandschaft, Regenwetter, Systemzusammenbruch, Revolution und Eieruhr. Alles gefährliche Wörter, weil Wörter ein Innenleben führen, das die Außenwelt manipulieren will; Wörter sind die Wesen, die sich in unsere Hälse setzen und schlüpfen wollen; dabei, so überlegte ich, den Kopf bzw. das Ohr noch auf dem Rechner, müssen die Amis, Briten und Russen doch gar nichts vor mir befürchten, zumindest nicht offiziell, weil ich nichts plane, weil ich nichts vorhabe, ich gehe mit nichts schwanger, nicht mal mit einer … Aber so ganz stimmt das nicht, es gibt da diese revolutionäre Idee für meinen neuen Roman, den könnten sie gemeint haben; jetzt fällt es mir wie Schuppen von Haut, Augen, Haaren, dass sie sich auf die Idee zu meinem neuen Roman einschießen. Die großen Weltmächte, die auf dem absteigenden Ast sind, auf dem, der sich senkt, der schon bald den Boden berührt, gieren nach meiner neuen Romanidee, diesem großartigen Anti-Krimi, an dem ich gerade schreibe. Ich halte inne. Das Wort, das ist es, das gefällt mir, das muss ich notieren, hinein in mein gestammeltes Notizbuch, das für jeden einsehbar ist, in das jeder blicken kann, ob er vom Geheimdienst ist oder nicht. Ich schreibe Anti-Krimis. Somit wäre endlich die Schublade gefunden, nach der wir alle schon so lange gesucht haben. Gott sei meiner armen, meiner erbärmlichen Seele gnädig, und dies bis in alle Ewigkeit, Amen!