Berufsgruppen, die sich nicht durchsetzen konnten

Fernseher. Berufsgruppe, die Kraft ihrer Gedanken Dinge sehen können, die sich in der Ferne ereignen. Konnte sich leider nicht durchsetzen. Fernseher wie Hugo G. aus Wuppertal bieten heute ihre Dienste in Ländern an, die kaum bis gar nicht vernetzt sind, wie z.B. die Antarktis.

Advertisements

Samstag III

So wird das kommen! Warum auch nicht!? Direkt nach meinem Tod. Sie werden aus dem Haus ein Museum machen. Schulkinder, die von ihren Lehrern gezwungen werden, müssen die Zimmer besichtigen, in denen ich einst lebte.

Und hier …

Was?

Hier saß der Dichter und gab sich seinen Gedanken hin!

Ein Junge: Issen einfaches beschissenes Klo!

Führer: So kannst du das nicht sehen.

Ein Junge: Wie denn?

Führer: Dort saß der Dichter und …

Ein Junge: Er saß da und hat geschissen.

Führer: Gedichtet hat er.

Ein Junge: Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich sitz auf sonem Ding und erleichter mich. Und Sie?

Man wird auf das Sofa zeigen. Von dort aus sah ich in den Fernseher. Das Bett wird betastet. Abgesucht. Da muss doch etwas sein. Ein Spermafleck?

Führer: Das ist die echte Bettwäsche. In der lag der Meister.

Eine Frau: Sauerei, so was. Muss man wechseln. Es riecht hier auch.

Führer: Das ist der Geruch der Weltliteratur!

Eine Frau: Quatsch! Stinkt nach toten Ratten. Von wegen Weltliteratur …

Und so kommt man plötzlich ins Gerede, tief hinein ins Gequatsche, in dem man nie enden wollte. Wird einem egal sein. Man ist ja tot, auch wenn die Knochen, die blank-weißen Gebeine unter Glas ruhen.

Führer: Und hier sehen Sie den Autor höchstpersönlich!

Ein Junge: Er issen Haufen Knochen!

Führer: Nun, mein Junge, er ist tot!

Eine Frau: Das ist krank, was Sie uns hier vorführen. Pervers ist das!

Gruppe an Gruppe wird man an mir vorüberschieben, man wird auf mich zeigen, dem es einerlei ist, weil es ihn nicht juckt, was dort draußen geschieht.

Tot ist tot, flüstere ich mir zu.

Das Geflüster wird von keinem wahrgenommen. Keiner hört, was ich zu sagen habe.

Die Literaturgeschäfte müssen laufen. Drum wird Gruppe um Gruppe durch die Villa geführt. Alles wird besichtig, alles ist wichtig. Man zeigt meine Schuppen, benutzte Taschentücher, Haare, die ich im Bad verlor.

Andächtiges Staunen über so viel geballte Menschlichkeit!

Ein Mann: Ich dachte, er wäre ein Genie, und nun muss ich das hier sehen …

Führer: Auch Autoren hobeln sich hin und wieder die Hornhaut von den Füßen!

Ein Mann: Im Grunde haben mir seine Bücher nie gefallen!

Samstag

Nur noch wenige Tage, dann werde ich nach Villach fahren, ich und meine Frau, damit ich im Finale der „Nacht der schlechten Texte“ für meinen Kollegen Hans I. Glock lese, der an Pynchon erkrankt ist, an dieser sonderbaren Form einer Krankheit, die einen zunächst zu einem Fragezeichen, später dann gänzlich unsichtbar werden lässt. (Allerdings wird die Schreibe dabei immer besser!) Am Ende, ich warnte Glock bereits, tritt man als Zeichentrickfigur mit einer Papiertüte über dem Kopf bei den SIMPSONS auf, und ich weiß nicht, so sehr ich die SIMPSONS ja mag, ob man das wirklich möchte, ob man tatsächlich in einem Statistenlager neben Springfield untergebracht werden möchte, um fortan in gezeichnete Burger zu beißen, um gemaltes Wasser zu schlürfen. Die Welt der Zeichentrickdarsteller ist keine einfache, erinnern wir uns doch nur an Tom und Jerry, und ja Tom, der Kater, litt jahrelang, ich weiß es genau, waren wir doch Freunde. Oft schrieb er mir meterlange Briefe, in denen er mir seinen Kummer schilderte, in denen er vom Spott sprach, von den Verletzungen, die ihn in die Tierklinik brachten. Nein, man sollte sich nicht wünschen, ein Zeichentrickdarsteller zu werden, denn das, was einem so bonbonbunt aus dem Fernseher anlacht, ist kein Produkt aus Friede, Freude, Eierkuchen, sondern ist in harter Arbeit entstanden, oft, indem man die Schauspieler ausbeutete, bis aufs Blut nahm man sie aus, auch wenn es nur rote Farbe war.

Um nun auf Glock zurückzukommen … Er leidet also an Pynchon, es wird schlimmer mit ihm. Erst gestern telefonierte ich mit ihm, da erzählte er mir, dass er sich voll und ganz zurückziehen werde, um die Legende, die sich entspinnen wird, wallen zu lassen, wie eine Fahne wird seine Biografie in der Stratosphäre wehen, weit oben, dort, wo die Blicke nach etwas suchen, was sich nur Kraft der Einbildung noch sehen lässt. „So soll es mit mir werden, so soll es sein.“

Ich beließ ihm seine Träume, versprach ihm, seinen schlechten Text vorzutragen, rasch und mit schnellen Mundbewegungen, damit der Vortrag den literarischen Abfall entehrt, denn so muss es doch an einem solchen Abend sein, oder etwa nicht? Glock nuschelte etwas in sich hinein, es blieb unverstanden, und das sei gut so, nuschelte er in eine Nuschelungsübersetzungsmaschine, denn das Unverstandene sei in Zukunft sein Beruf, er werde zum unverstandenen Unverständlichen, zu dem, der in Klagenfurt eingeladen würde, gäbe es das Wettlesen noch im nächsten Jahr, was zu bezweifeln sei.

Am Ende des Gesprächs hängte ich den Hörer auf. Hier in der Villa macht man das noch so, man hängt den Hörer auf, damit er als Warnung für alle anderen Hörer dient. Hörer, soll es sagen, haben es in diesem Landstrich nicht einfach. Erwischt man sie beim Diebstahl oder beim unsittlichen Betrachten der Hühner, werden sie aufgehängt, schnell und ohne einen langen Prozess.

Ja, das ist ein merkwürdiges Haus mit merkwürdigen Sitten.

Mittwoch (Nachgereichte Abendnotiz)

Trügerische Abendstunden. Die Vögel diskutieren. Die Hauswand wirft einen Schatten mitten in den Raum. Der Fernseher läuft sich warm. Ein Mann spricht betont von Autoscheiben, von Steinschlag. Was will er von mir? Die Bilder jagen sich. Ich sehe nicht hin, weil ich schreibe. Ich höre das Zimmer ab, mit meinem speziellen Ohr, das in der Lage ist, Räumlichkeiten abzuhorchen, ohne dass das Bewohnte es bemerkt. Flink klettern meine Finger über die Tastatur. Ha, denke ich, da ahnt die Quadratmeterzahl in meinem Rücken nicht, dass ich sie belausche. Jetzt sind Nachrichten auf RTL. Namen über Namen. Das Wort „Staatsanwalt“ fällt. Ich bin hier einer größeren Sache auf der Spur.

Gute Nacht!

Die Woche ist eine Krankheit, die zum Sonntag führt

Sonntagnachmittag sitzt man sich aus. Die während der Woche angestauten Gefühle und Gedanken müssen absacken. Unbeweglich starrt man in den Fernseher. Alle Bewegung geht vom Bildschirm aus. Das sich darin befindliche Personal wurde bezahlt, um Aufnahmen ihrer Handlungen vornehmen zu lassen.

Blinzeln ist dem Sonntäger erlaubt, allerdings im festgelegten Rhythmus von zwei Stunden. Durst wird durch den Speichel gelöscht. Ist der Speichel versiegt, darf er sich von sich Wasser einflößen lassen. Geringe Mengen, damit er sich nicht überanstrengt.

Der Sonntäger bewegt den Zeigerfinger der rechten Rand (Linkshänder dürfen den Zeigefinger der linken Hand nutzen), um mit dem Zeigefinger dem Fernseher anzuzeigen, welches Programm der Sonntäger zu sehen wünscht. Die Anzeige erfolgt durch das Antippen der Programmwahltaste auf der Fernbedienung.

Hat sich der Sonntäger für ein anderes Programm entschieden, verbleibt er mindestens sieben Sekunden, um sich eventuell beeindrucken zu lassen. Gesichtszüge, ein Bergkamm, quietschende Reifen können den Sonntäger beindrucken, müssen es aber nicht.

Der Sonntäger lauscht den Geräuschen, die dem Fernseher entfleuchen. Sie sind ihm peinlich, weil sie die Blähungen des Apparats darstellen. Sie künden von der Magenverstimmung des Fernsehers, der beständig an einer solchen leidet. Krankheit ist dem Fernseher ein Grundbedürfnis.

Dem Sonntäger ist die Krankheit des Fernseher Heilung seiner Krankheit. Sie lenkt ihn von den Leiden seines Geistes ab, der in der vergangenen Woche unweigerlich Schaden genommen hat. Die Welt ist schlecht, daher nimmt ein Geist Schaden.

Vor dem Fernseher kuriert sich der Sonntäger. Er sitzt sich aus, er leidet sich aus, indem er sich schlimmeres Leid vorführt, nämlich das des Fernsehers.

Spät am Abend lässt er sich von sich zum Bett begleiten. Er legt sich ab und wartet mit geöffneten Augen auf die kommende Woche, die ihn so krank machen wird, dass er sich am Sonntag davon wird  erholen müssen.

Die Woche ist eine Krankheit, die zum Sonntag führt.

Aus meinem Leben (3)

Wieder eine Lesung. Frau und Kind mussten sich auf die Küchenstühle setzen und zuhören. Unruhe im Publikum. Das Kind langte nach einem Plätzchen. Kein Sinn für die Kunst. Ich las gerade eine entscheidende Stelle, da klingelte es. Mama, die keine Zeit hatte, und von unten ein „Hallo“ nach oben warf. Danke.

Weiter im Text. Die Familie wird unruhig. Wie lange denn die heutige Lesung noch andauern würde? Ich zählte. Nicht mehr lange, nur noch hundert Seiten. Die packt ihr, baute ich sie auf.

Sie müsse mal, bat meine Frau. Nicht jetzt, bat ich zurück, denn jetzt kommt das, was Spannung erzeugt. Da könne sie doch nicht pinkeln gehen.

Ich ließ sie. Die Frauen haben eben ihre Bedürfnisse. Die müssen sie befriedigen.

Nachdem alle eingeschlafen waren, schlug ich das Buch zu und setzte mich vor den Fernseher.

Königsmacher

Das Dschungelcamp ist beendet. Nicht, dass ich das je gesehen habe. Da können Sie meine Frau fragen. Die Nachbarn. Jeden. Die werden ihnen alle bestätigen, dass ich kein solcher bin, der sich so etwas ansieht. Man hat ja Kultur. Aber jetzt, da es nicht mehr läuft, und unsereiner wieder den Fernseher anschalten kann, ohne Angst zu haben, auf seinen gebildeten Augen blind zu werden, können wir ja einmal darüber reden, denn wie ich gehört habe, über Dritte, so vom Hörensagen, auch wenn man sich da nie sicher sein kann, weil die Leute ja immer viel reden, die kommen aus der Tratscherei gar nicht mehr raus, wenn man sie nicht hin und wieder mal bremst, die Leute, wo war ich?

Ach ja, beim Dschungelcamp.

Jetzt soll ja dieser Joey gewonnen haben, der einen Namen wie eine Pizza-Kette hat, die es bei uns mal gab, die aber schon längst pleite gemacht hat, dieser Joey, nicht die Pizza-Kette, soll also gewonnen haben, sprich Dschungel-König geworden sein, und dies, so wie man hört, auch wenn ich es nicht weiß, trotz seines eingeschränkten Bildungsniveaus, was gut sein kann, denn im Dschungel braucht es eben ganz anderer Talente. Da musst du nichts über Wagner, nicht die Pizza-Firma, und auch nichts über Goethe und Schiller und all die anderen, die uns allen ja so selbstverständlich von den Lippen gehen, als wären man mit denen höchstselbst befreundet gewesen, von denen musst du nichts wissen, weil es im Dschungel wichtiger ist, dass du weißt, wie man ein Feuer macht. Oder wie man ein Wildschwein mit den bloßen Händen fängt. Überleben muss man, und es sind nicht, da sind wir jetzt mal ehrlich, es sind nicht die Opernbesucher, die im Dschungel überleben würden, sondern eher die Typen, die einen Namen haben wie ein Pizza-Lieferservice, der alle paar Wochen pleite macht. Wer überlebt, der denkt nicht lange nach, weil er nicht fackelt, der bringt die Spinne mit seinem Daumen um, ohne es bemerkt zu haben.

Nicht, dass ich etwas über das Dschungelcamp wüsste, weil es ja auf RTL läuft, und wir bei uns, da gibt es quasi nur ARTE und 3sat, Adorno und ja. Aber man soll sich ja auch mit den quasi Volksgütern beschäftigen, denn wer dem Volk aufs Maul und so, Sie wissen schon.

Ich bin ja keiner der abgehoben ist, nur ein Niveau, das hat man sich behalten. Alles muss man seinen Augen nicht antun, sonst verblödet man, blind wird man.

Dass es eben ganz anderer Voraussetzungen bedarf als der Kultur, um König zu werden, das wollte ich erzählen. Ja.

Guldaer Notizen (7)

Nach dem Besuch einer Schiffsmesse wird man den Rest des ersten Geweihnachtsfeiertags im Kreis seiner Familie verbringen. Mit leeren Mägen wird man in den Fernseher starren.

Filme wie „Blutige Geweihnacht“ oder „Die Hirnfresser III“ werden  für eine stimmungsvolle Untermalung der depressiv dreinblickenden Guldaer sorgen. Nicht einer wird unter ihnen sein, der sich nicht unwohl fühlt.

Gegen Abend wird man einen Einlauf anbieten, der das Fest zu einem vorläufigen Höhepunkt führen soll.

Mit einem Knurren werden die Kinder ihn ablehnen, in den Händen ihre Geschenkpapiere.

Ein Grippespiel wird den Tag abrunden. (Beim Grippespiel wird aufgezeigt, was geschieht, wenn eine Pandemie die Weltbevölkerung dahinrafft. – Erwachsene und Kinder liegen über das Esszimmer verteilt, halten sich die Köpfe und bitten darum, sie mit einem Kopfschuss zu erlösen. – Es ist sicherlich ein für Fremde, die mit den Bräuchen der Guldaer nicht vertraut sind, äußerst merkwürdiges Spiel, aber wie man so schön sagt: Fremde Länder – fremde Sitten.)

Viva la Revolución!

Ist ja alles möglich.

An solchen Tagen würde man gern aus dem Leben scheiden, sich ausdrücken (tu ich ja!) wie ein Pickel, wie eine Verstopfung, die zum reinsten Geburtsakt wird. Schreiend möchte man der Welt sein LECKT MICH ins Gesicht schleudern, weil aber keiner auf der Straße zu sehen ist, spielt man mit dem Gedanken Onkel J aufzusuchen, um ihn zu bitten, drei Kaninchen schlachten zu dürfen. Weil die kleinen Fellträger aber nichts für das eigene Ungemach können, demoliert man (aus Kostengründen) die Puppenstube der Tochter. Ein leere Packung Streichhölzer imitiert den aus dem Fenster katapultierten Fernseher. Scheppernd zerbirst das Guckdichblöd auf einer imaginären Straße. Die Polizei ist informiert. Die Frau muss die Sirenen spielen. Schon geht es einem besser, wenn auch nur leicht, aber wenn erst der Mob (Teddy, Barbie) durch den Wohnungsflur marschiert, dann wird man auch diesen trüben Tag zu einem Fest der Sinne umgestaltet haben.

Viva la Revolución!