Ins Tagebuch

Liebes Tagebuch,

ich bin krank, so krank, dass man mich in einem separaten Raum untergebracht hat. Das würde schon wieder, erklärte mir die Familie. Man schiebt das Essen mit einer langen Stange an mein Bett heran. Ich liege da und starre an die Decke, hin und wieder lasse ich auch meinen Blick schweifen. Die vergitterten Fenster bereiten mir keine Angst, aber ein Gefühl der Beklommenheit ist nicht zu leugnen. Um mich zu unterhalten, schreibe ich. Nicht nur diesen Eintrag, sondern auch Rechnungen, die nicht der Realität entsprechen. Rechnungen in der Tradition des magischen Realismus, die in etwa so beginnen: „Jahre später sollte ich mich daran erinnern, dass der General mir noch Geld schuldete.“

Dein Guido

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Ins Tagebuch

Liebes Tagebuch,

wie ich lesen musste, hat der britische Geheimdienst Millionen von Bildern aus Webcams gespeichert. Sag, dass das nicht wahr ist. Sag, dass sie nicht gesehen haben, was ich mit meiner Hand mache, wenn keiner zusieht. Sag, dass ich nicht darüber schreiben werde. Über meine Sucht. Über die Hand, die ihn umschließt und ihn reibt. Das geht doch keinen was an, das ist Teil meiner Privatsphäre. Und sag, Tagebuch, dass ich weniger von den bunten Tabletten nehmen soll, vor allem am Morgen, um keinen Unsinn in dich rein zu schreiben. Sag es! JETZT! Und jetzt lass uns beten: Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen. Ging doch so, oder?

Dein Guido

Ins Tagebuch

Geschrieben. Geschrieben, als ob mein Leben davon abhängen würde. Geschrieben, bis ich so sehr schwitzte, dass es in Strömen lief. Der Schweiß bildete Pfützen. Ich stank. Stank so sehr. Bestialisch. Ich schrieb weiter. Die Nase lief. Keine Zeit. Es tropfte auf die Tastatur. Alles wird zur Literatur. Das eben auch. Als ich schließlich aufhörte, sah ich verwundert zur Uhr. Fünf Minuten. Ich hatte tatsächlich ganze fünf Minuten geschrieben.

Wie ich einst dem Literaturbetrieb den Rücken kehrte

Da stand ich. Mitten auf der Buchmesse. Alle waren da, der ganze Betrieb. Ha, dachte ich. Ich kehrte ihnen meinen Rücken zu. Um auch wirklich allen den Rücken zuzukehren, drehte ich mich wie wild im Kreis. Schneller! Mir war schon ganz schlecht. War das nicht Scheck? Ja, auch ihm drehte ich den Rücken zu. Ich sah gar nicht, ob er es bemerkte. Überhaupt bekam ich an diesem Tag nur sehr wenig vom Betrieb mit. Schade eigentlich.

Ins Tagebuch

Liebes Tagebuch,

warum rede ich dich an? Du bist nicht mal ein Buch, wie kleine Mädchen oder Nobelpreisträger es früher führten. Du bist tot. Ein Blog, ein Programm. Was soll ich dir erzählen? Es ist dir doch eh egal. Du wirst es stoisch fressen, wie du alles frisst, was ich dir vorwerfe.

Liebes Tagebuch, solltest du aber nichtsdestotrotz dereinst ein Gefühlsleben entwickeln, nimm es nicht ernst, was ich dir schreibe. Lach darüber. Genieße den Tag. Auch ein Tagebuch hat nur ein Leben. (Internettagebücher haben vielleicht mehrere Leben, aber das kommt ganz darauf, von welchem Leben man ausgeht. Das Leben der Hühner in Deutschland ist kurz.)

Wo immer du bist, wenn du das lesen kannst, was ich heute schreibe, genieße die Zeit dort.

Dein Guido

P will Truppen in Alarmbereitschaft versetzen

„Ich will aber“, sagt P, der seine Truppen in Alarmbereitschaft versetzen will. Oder in eine Todesstarre. Er will sie in irgendwas versetzen. In was, ist ihm fast egal.

„Können wir sie nicht in die USA versetzen?“, fragt er seinen General, der verneinend den Kopf schüttelt. „Können wir sie wenigstens aussetzen?“ Auch das nicht.

Der kleine Diktator P trottet traurig in sein Kriegsspielzimmer zurück, wo Lungen blühen und ihm keiner widerspricht.

Mit wippenden Füßen

Als ich Zadie das letzte Mal anrief, ging keiner ran. Vermutlich stand sie unter der Dusche oder schrieb. Ich wollte ihr erzählen, dass ich ihren letzten Roman London NW gelesen hatte, darüber, wie es ihren Protagonisten Leah, Michel, Natalie, Nathan, Felix ergangen war, und ich wollte darüber sprechen, dass London NW inzwischen überall ist, wenn auch ein wenig mehr NW in NW steckt als im Rest der Welt, was ich aber nur vermuten kann, weil ich nie dort war.

Das ist das Problem und die Schönheit, weil Exotik eines Romans, dass man sich einlassen, fallen lassen muss, um am Grund eines Buches aufzuschlagen, am besten mit Schürfwunden, damit man die Geschichte auch körperlich liest.

Als ich Zadies Buch aufschlug, war das erste, was mir entgegenschlug, ein bedrückendes Gefühl der Schwüle, der Unbeweglichkeit, der Zeit, die nicht vergeht, aber vertan und gefüllt werden will. Wie wir alle träumt Leah, die mit Michel verheiratet ist, davon, das Glück zu finden. Es mit ihren Nägeln aus dem Sud zu schaben, in dem sie lebt. London NW ist zu einem Schmelztiegel geworden, in dem die Hautfarbe kaum noch eine Rolle spielt. Der Anpassungszwang, der Wille, sich zu integrieren, schafft am Ende die gleichen Wirtschaftsmonster. Kommunismus als Endziel innerhalb des Kapitalismus. Alle sind gleich, bleiben aber nur gleich, wenn sie das Ziel haben, noch gleicher als alle anderen zu sein.

(Na, wenn ich mich da jetzt mal nicht in ein Knäuel verworrener Gedanken geschrieben habe.)

Die Sprache, noch ein Wort zu ihr, weil ich das Zadie auch sagen wollte. Sie ist gekonnt, so gekonnt, dass es manchmal fast zu handwerklich aussieht. Aber wenn sie rappt, wenn sie alles auffängt, was ihre Figuren sehen, wenn es zu einem jazzigen Anspielen aller Lebensseiten kommt, wenn Müll, Schilder, Gestank und Gedanken sich vermischen, ist es wunderbar. Man lauscht der Textmelodie und wippt mit den Füßen, mit der Gewissheit an etwas ganz Großem teilzuhaben. Das Buch wird zu einem verrauchten Club, in dem man sich an Leute lehnt, um ihren Storys, die sich mit der Restatmosphäre vermischen, zu lauschen.

Leah will ein Kind, flüstern sie, lässt abtreiben, liebt Michel, sie stammt von Pauline, die ihren kleinen Rassismus pflegt, sie stammt aus Caldwell wie Felix, der den Drogen entkommen ist dank Grace, der sich nicht entkommen kann, nicht seinem Körper.

Am Ende könnte man das Buch auch wie einen Film nennen, den ich kürzlich sah: PRISONERS. Alle sind sie gefangen, in sich, den Lebensumständen, den Anderen, der Herkunft, und alle strampeln sie, um vor dem Tod noch gelebt zu haben.

Ein aktueller Roman, kühn und kühl und angefüllt mit Klang. Das alles wollte ich Zadie erzählen, als ich anrief, aber sie nicht abhob, weil sie gerade unter Dusche war oder schrieb.

Egal wann du das hier liest, und auch wenn es schwer über das Googleübersetzungsprogramm wird, einen Sinn darin zu erkennen: DANKE!