Sonntag III

Ich habe schon wieder den ganzen Tag mit dem Drehen diverser Filme verbracht. Jetzt bin ich ziemlich erschöpft, habe aber keine Zeit, mich auszuruhen, weil soeben Gauß, der blondgelockte Mathematiker aus Bad Homburg, eingetroffen ist. Gauß, der ein verschlagenes Genie aus den Kreisen um die Deutsche Bank ist, kommt soeben aus Mallorca, wo er als Hütchenspieler seinen Urlaub verlebte. Millionäre sind eben Exzentriker. Er, der eigentlich eine sie ist, die sich nicht entscheiden kann, welche Geschlechterrolle sie am liebsten spielen möchte, hat sich mein gesamtes Filmschaffen angesehen. Sie-Er meint, es könnte gut sein, dass ich mit dem einen oder anderen Kurzfilm einen Oscar gewinne. Wir haben dann zusammen laut gelacht.

Gauß, das ist mir schon eine(r).

Guten Abend, Welt!

Sonntag II

Mama war da, zurück aus dem Urlaub, den sie mit ihrem Manager Udo K. im Süden verbrachte, in einem Hotel, das so teuer war, dass sie es nie verließen, unter keinen Umständen, weil sie nichts, was dort geboten wurde, versäumen wollten. „Guido!“ rief sie . – Und ich schrie: „Mama!“ – Und sie: „Guido!“ – Und ich: „Mama!“ – Das ging so eine halbe Stunde, unsere Lippen waren schon ganz trocken und spröde geworden. Sie packte die mitgebrachten Geschenke nicht aus. Und was sie nicht alles eingekauft hatte: Mäntel, Augenklappen, Steuerbescheide, Regierungssitze, Ventilatoren. Nichts davon, und ich wollte sie schon fragen, warum sie uns das nicht geschenkt habe, da sprang sie bereits wieder von ihrem Stuhl auf und galoppierte wie ein junges Reh die Treppen hinab, weil sie nach Hause müsste, um sich um das Beet zu kümmern. „Welches Beet?“ fragte ich noch, aber da war sie schon meinen Augen und Ohren entkommen.

Sonntag

Meine literarische Laufbahn fing, glaube ich, so genau weiß ich das ja nicht, weil die Erinnerung so ein Ding ist, bei dem man aufpassen muss, an was sie einen erinnern lässt, die Erinnerung, die sich beständig neu bearbeitet, die Film und Cutter und Regisseur in einer Person ist, also nicht in einer Person, sondern in einem Zustand, sie fing also, um auf den Anfang zurückzukommen, mit fünf oder drei Jahren an.

Ich schrieb damals eine Menge Texte mit Kreide auf die Straße, riesige Gedichte, lange Monstergedichte, die sich durch die Straßen der ganzen Stadt zogen, also von Fulda, denn hier bin ich geboren, und hier werde ich wohl auch sterben, auch wenn ich zwischenzeitlich schon in ganz anderen Städten wie Berlin, Mailand, Alaska, Mars-City, Köln usw. war. Die Literaturkritik, die sich gerade mit den neusten Texten, die auf der Straße und an Häuserwänden entstanden, zu beschäftigen begann, schickte ihre besten Leute, um sich anzusehen, was ich da in schweißtreibender Arbeit auf die Straßen gemalt bzw. geschrieben hatte, wie dieses Langgedicht, das später Eingang in „Gedichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts“ fand, und über das sich Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki in ihrer Sendung „Die Wahrheit über dich, mich und die deutsche Literatur“ in die Haare bekamen, bis sie, Höhepunkt der Peinlichkeiten, vor den Kameras lagen, direkt vor ihnen auf dem Boden und sich bissen und an den Haaren zogen, dass es eine wahre Freude für jeden literaturbegeisterten jungen Mann und jede literaturliebende junge Frau war, die an diesem Abend das Glück hatten, vor dem Fernseher zu sitzen. Sie wollten sich gar nicht, und mein Vater, der sich während der Sendung ein Marmeladenbrot schmierte, mit Erdbeer- oder Nussmarmelade, quittierte es mit einem seligen Lächeln, einkriegen; sie schrien sich an, dass man sich für sie schämte, weil Frau Löffler behauptete, mein Gedicht sei kein Gedicht, weil ein Gedicht dicht sein müsse, es müsse die Worte auf engstem Raum unterbringen, sodass sie bald platzen, weil sie keine Luft bekommen und ihre innersten Geheimnisse verraten, die sie sozusagen mit Schnappatmung dem Leser vor die Füße husten, während Reich-Ranicki auf Uwe Johnson und auf Thomas Mann hinwies, und darauf, dass die nie Straßengedichte geschrieben hätten, und dass die schon gewusst hatten, warum sie nur Weltliteratur fabriziert hätten. Einig waren sich die beiden Kontrahenten darin, dass meine Straßengedichte, vor allem dieses eine große Straßengedicht mit dem Titel „Achim ist doof“ keine Literatur sei, obwohl ich rückblickend behaupten würde, dass meine einmalige Karriere in diesen Tagen ihren Anfang nahm, auch wenn das heute – vor allem für meine Biografen Böhmer und Hagewald – kaum noch recherchierbar ist, weil alle, die dabei waren, sich entweder nicht mehr daran erinnern wollen oder erklären, da hätte auf den Straßen nie etwas gestanden, und wenn ich es dennoch behaupte, müsse es daran liegen, dass mir der Ruhm und der Rum zu Kopf gestiegen seien.

Wie auch immer … Damals begann sie, meine unverzeihliche Laufbahn, die mich in den letzten Jahren an die Spitze der Bestsellerlisten geführt hat.

Unglaublich – aber wahr!

Samstag III

So wird das kommen! Warum auch nicht!? Direkt nach meinem Tod. Sie werden aus dem Haus ein Museum machen. Schulkinder, die von ihren Lehrern gezwungen werden, müssen die Zimmer besichtigen, in denen ich einst lebte.

Und hier …

Was?

Hier saß der Dichter und gab sich seinen Gedanken hin!

Ein Junge: Issen einfaches beschissenes Klo!

Führer: So kannst du das nicht sehen.

Ein Junge: Wie denn?

Führer: Dort saß der Dichter und …

Ein Junge: Er saß da und hat geschissen.

Führer: Gedichtet hat er.

Ein Junge: Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich sitz auf sonem Ding und erleichter mich. Und Sie?

Man wird auf das Sofa zeigen. Von dort aus sah ich in den Fernseher. Das Bett wird betastet. Abgesucht. Da muss doch etwas sein. Ein Spermafleck?

Führer: Das ist die echte Bettwäsche. In der lag der Meister.

Eine Frau: Sauerei, so was. Muss man wechseln. Es riecht hier auch.

Führer: Das ist der Geruch der Weltliteratur!

Eine Frau: Quatsch! Stinkt nach toten Ratten. Von wegen Weltliteratur …

Und so kommt man plötzlich ins Gerede, tief hinein ins Gequatsche, in dem man nie enden wollte. Wird einem egal sein. Man ist ja tot, auch wenn die Knochen, die blank-weißen Gebeine unter Glas ruhen.

Führer: Und hier sehen Sie den Autor höchstpersönlich!

Ein Junge: Er issen Haufen Knochen!

Führer: Nun, mein Junge, er ist tot!

Eine Frau: Das ist krank, was Sie uns hier vorführen. Pervers ist das!

Gruppe an Gruppe wird man an mir vorüberschieben, man wird auf mich zeigen, dem es einerlei ist, weil es ihn nicht juckt, was dort draußen geschieht.

Tot ist tot, flüstere ich mir zu.

Das Geflüster wird von keinem wahrgenommen. Keiner hört, was ich zu sagen habe.

Die Literaturgeschäfte müssen laufen. Drum wird Gruppe um Gruppe durch die Villa geführt. Alles wird besichtig, alles ist wichtig. Man zeigt meine Schuppen, benutzte Taschentücher, Haare, die ich im Bad verlor.

Andächtiges Staunen über so viel geballte Menschlichkeit!

Ein Mann: Ich dachte, er wäre ein Genie, und nun muss ich das hier sehen …

Führer: Auch Autoren hobeln sich hin und wieder die Hornhaut von den Füßen!

Ein Mann: Im Grunde haben mir seine Bücher nie gefallen!

Überblick der bisherigen Rezensionen zu UNTAT

  • »Dem gerade mal 134 Seiten langen Roman gelingt es, eine beklemmende, geradezu klaustrophobische Atmosphäre zu schaffen, die für ein beträchtliches Maß an Spannung sorgt und gleichzeitig genug Raum schafft für Diskurse, die über den bloßen Text weit hinausgehen (können). Sprachlich pointiert, ohne überflüssigen Ballast und garniert mit finsterem Witz.«
    Rezension auf Krimi-Couch.de, Juni 2013, komplett hier
  • »Leichtigkeit und Naivität der Sprache bilden dabei einerseits einen Kontrast zu dem grauenhaften Geschehen, verstärken aber andererseits die bedrückende Wirkung dieser „fiesen“ kurzen Erzählung.«
    Rezension von Verena Burkeljca (ekz.bibliotheksservice GmbH), Juni 2013
  • »[…] dennoch wird Ihnen die Lektüre von „Untat“ gut tun. Wellness für geschundene Krimileserseelen, Katharsis und Neubeginn.«
    Rezension auf attraktionen.krimiblog.de, 22. Juni 2013. komplett hier.
  • »Guido Rohm erzählt diese irgendwo in Deutschland spielende Geschichte flott, mit viel schwarzem Humor und einem bitterbösen Ende, das Untat zu einem wirklich gelungenen Noir aus Deutschland macht.«
    Rezension auf kriminalakte.de, Juni 2013, komplett hier.
  • »In Rohms kurzem Trip durch eine verquere Kidnapping-Story wehrt sich das Protagonisten-Duo mit Händen und Füßen dagegen, Position zu beziehen. Sie wollen neutral bleiben. Und sind es schon von der ersten Seite an nicht. Zu fasziniert und doch abgestoßen sind sie von diesem Oscar. Einem Schelm, einem Kriminellen, einem Psychopathen. Zu intensiv sind die Erfahrungen, zu dicht ist die Nähe zu dem was geschieht.«
    Rezension auf mordlust.de, Juni 2013, komplett hier
  • »Dank der spannenden Handlung, des schwarzen Humors und des zur Story passenden knappen Schreibstils […] möchte man „Untat“ nicht aus der Hand legen, wenn man erst mit dem Lesen begonnen hat.«
    Rezension auf Blogg dein Buch, 8. Juni 2013, komplett hier
  • »[…] der Autor hat so eine Art zu schreiben, dass ich […] nicht abbrechen konnte. […] Ich glaube auf jeden Fall, dass der Autor Guido Rohm noch einiges auf Lager hat und ich bin gespannt auf mehr. — Erzählt wird das Ganze aus Sicht der Journalisten, in der Wir-Perspektive. Mit kurzen Sätzen, einfach geschrieben, manchmal unklar, ob Traum oder Realität.«
    Rezension auf Blogg dein Buch, 27. Mai 2013, komplett hier
  • »Rohm mischt mögliches Geschehen, konsumierte Fiktionen, taktische Lügen und krankhafte Wahrnehmungskrümmungen zu einer im Gehirnmagen rumorenden Schweinefutterpampe.«
    http://www.stuttgarter-zeitung.de, 27. Mai 2013, komplett hier
  • »Das Buch verwirrt, und lässt uns im unklaren in vielen Dingen, aber man lässt es so geschehen und nimmt Seite für Seite mit, bis man auf das Ende trifft… Das ist kein normaler Krimi. Wer die normalen Bösen und Guten treffen will, ist mit diesem Buch falsch bedient. Und gerade deshalb sollte man dieses Buch lesen. Eben weil es anders ist, weil man mehr mitnimmt als aus einem normalen Krimi.«
    Rezension auf lovelybooks.de, Mai 2013, komplett hier
  • »Die Geschichte ist in kurzen Kapiteln mit kurzen Sätzen geschrieben. Das gibt dieser Geschichte Spannung und Tempo. […] Sein schwarzer Humor, seine Kritik an der Gesellschaft, an der Zivilcourage von uns allen, unserem zu schnellen Wegsehen und Akzeptieren von Gewalt. […] Ein ungewöhnliches Buch.«
    Rezension auf Blogg dein Buch, 24. Mai 2013
  • »Die Idee der Story ist hervorragend. Ein gutes Buch mit einer tollen Aussage.«
    Rezension im Online Blog TestTestHurra, 24. Mai 2013
  • »Das Buch ist spannend. Sehr, sehr spannend. So spannend, dass man schon fast alle Handlungen des Tages unaufmerksam begeht.
    Guido Rohm ist ein Teufel. Er spielt mit der Realität der Geschichte so geschickt, dass sich ein Leser niemals sicher fühlen kann. In der einen Sekunden mag man glauben, die Handlung durchschaut zu haben, in der nächsten ist alles wieder ganz anders.«
    Ménard auf www.amazon.de, komplett hier
  • »In Untat gibt es keine psychologischen Charakterzeichnungen, aber die Handlung ist so genau konstruiert und die Sprache so präzise, dass es schwerfällt, das Buch vor dem Ende aus der Hand zu legen.«
    Morel auf www.amazon.de, komplett hier
  • »Ein Buch, dessen Äußeres nichts mit dem Inhalt zu tun hat. Und mit Sicherheit hätte es nicht mehr Worte gebraucht. Ich finde es außergewöhnlich.«
    http://www.cogitosbuecherkiste.de, 16. Mai 2013, komplett hier
  • »Rohm hat einen sehr guten Krimi geschrieben, der verwirrt und verstört und aus dem sonstigen Einerlei herausragt. Zugreifen, lesen!«
    Ansgar Lange, www.freiewelt.net, 13. Mai 2013, komplett hier
  • »Der Leser wird hin- und hergerissen vom geschickten Spiel des schwerfällig Haupttäters mit seinen willigen Helfern.«
    Karsten Koblo auf auserlesen.de, Mai 2013, komplett hier

Samstag II

Wirrwarr in der Villa. Die Frau, die behauptet, sie sei meine Frau, kämpft sich mit den Einkäufen die siebzehn Stockwerke nach oben in den Küchenbereich. Da soll man in Ruhe denken und schreiben können. Geht nicht! Dann noch der andauernde Regen, der meinen Kopf aushöhlt.

Tochter Nummer 44 ruft an, weil sie nicht mit ihrem Handy telefonieren kann. Festnetz, sagt sie, wäre uncool, geradezu erniedrigend. Das dürfe niemand mitbekommen, sonst sei sie bei ihren Klassenkameradinnen unten durch. Versprach, nichts davon in meinem Tagebuch zu erwähnen.

Hinter meinem Rücken kreischt sich derweil der Vogel, der uns vor vier Jahren von einem dankbaren Leser überreicht wurde („Sie haben einen Vogel, den ich eingefangen habe, um Ihnen das Vieh hier und heute zu überreichen.“), seine verruchte Seele aus dem kleinen Leib.

So kann und will ich nicht arbeiten!

Guten Morgen, Welt!

Samstag

Regen fällt! Er zieht über die Stadt. Ein dunkler Vorhang, den man vor die Sonne gezogen hat. Als wolle jemand das Zimmer verdunkeln, in dem wir leben. Wir ziehen uns in unsere Spielzeughäuser zurück und lauschen den Schlägen eines verrückten Bongospielers, der jedes Taktgefühl vermissen lässt, bis wir hören, dass es Nadeln sind, kleine Nähnadeln, die dazu eingesetzt werden, unser Nervenkostüm aufzutrennen, statt es zu vernähen.

Draußen wieder, ich habe es mir gedacht, der Regenläufer. Kennen Sie den? Der Regenläufer trägt ein dunkles Cape, das ihn von oben bis unten verhüllt, und nun läuft er, diese unausgefüllte Sprechblase, die Gehwege auf und ab, als gelte es, die Möglichkeiten, die die verlassenen Straßen und Bürgersteige ihm bieten, nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Mal alles mit dem Fuß berühren, und tatsächlich stürmt er in den Vorgarten gegenüber, um den Baum wie ein Hund auf der Jagd zu umrunden. Ich denke schon, gleich wird er sein Bein heben, aber das lässt er dann doch, weil er, ein besorgter Blick zum Himmel bleicht sein Gesicht, weiterhetzen muss.

Ja! Dies ist sein Sommer, der Sommer des Regenläufers, der die Stadt erobert, wenn sie von aller Welt verlassen wurde. Alle sitzen hinter den Scheiben und lauschen, warten darauf, dass die Angriffswellen nachlassen, horchen auf die Nachrichten, die ihnen versprechen, dass das Wetter in einigen Tagen besser wird, als ob das Wetter ein schuldig gewordener Jugendlicher wäre, dem man nicht abspricht, den Weg in die Gesellschaft zurückzufinden.

Nur den Regenläufer stört nichts, jeder Tropfen ist Balsam auf seiner Seele. So muss man es sehen. Und schon biegt er um die nächste Ecke und entschwindet meinem Blick. Der Regen lässt nach. Er muss sich beeilen. Nicht mehr lange und die Leute werden die Gegend zurückverlangen, während er hinter seinem Fenster sitzt und die anderen beobachtet, wie sie in ihren Shorts und T-Shirts lachen und rennen, während er seine Narben im Gesicht wie eine dreidimensionale Landkarte liest, während er darauf hofft, dass der Regen bald wieder einsetzen wird, weil er raus will, raus in die Parks und auf die Bolzplätze, um herauszufinden, wie man sich als einer fühlt, dessen Gesicht nicht bei einem Firmenbrand entstellt wurde.

Freitag II

Mein Vater, ich weiß nicht, ob ich schon darüber berichtet habe, war ein berühmter Busfahrer. Mit einer Dauerkarte ausgerüstet, zog er allmorgendlich aus dem Haus. Er stapfte, vornübergebeugt, den Hügel zur Bushaltestelle hinauf, sein Butterbrot in einer Ledertasche, die er unter den Arm geklemmt hatte. Bei Wind und Regen sah man ihn warten. Inmitten von Trauben aus Schulkindern, die ihn grölend umlagerten, die ihn menschlich einrahmten, meinen schweigsamen Vater, der sich auf seinen Stammplatz im Bus setzte und sich zum Zentralen Omnibusbahnhof bringen ließ, wo er in eine andere Nummer einstieg, die 4 oder die 7. Welche es am Ende war, überließ er seinem Herzen, das ihn im Alter von 63 in Bulgarien im Stich ließ, vielleicht, weil er es zu oft hatte sprechen lassen und es vom vielen Diskutieren mit der Welt müde geworden war.

„Dein Vater“, pflegten die Leute zu mir zu sagen, „ist einer der besten Busfahrer, die diese Stadt jemals hatte. Er versieht seinen Dienst ernsthaft. Das kann man nicht von allen sagen.“

Und so gondelte er durch die Straßenkanäle der Stadt und besah sich alles ganz genau. Indem er es sah, lebte es in seinem Bewusstsein. Alles griff er mit seinen Augen auf: Frauen, die mit Tüten bepackt, kleine Kinder an der verbliebenen linken oder rechten Handfläche, nach Hause wackelten, Betrunkene, die sich mathematische Formeln notierten, von denen sie behaupteten, sie würden den Beweis für die Existenz Gottes erbringen, einsame Gestrandete, die unter einem Baum in die Ferne blickten, hin zum Horizont, der nie das erbrachte, was sie sich erträumten. Mein Vater packte sie in seine Hirntasche und führte sie heim zu uns, nicht um darüber zu berichten, denn das wäre einem Verrat an all den Menschen, die sich seinem Blick aussetzten, gleichgekommen, sondern um sie in seine Träume mit hinein zu nehmen, wo er sie wiederkäute, wieder und wieder, bis er sie „von was auch immer“ erlöste. So zumindest bilde ich es mir ein.

Er war ein komischer, tragischer Mann, der sich in seiner Kunst ein Zuhause geschaffen hatte.

Freitag

Die Unbedingtheit mit der ich meine eigene Lebenserzählung hier seit vierzehn Jahren aufschreibe, die hat schon was, die hat etwas Ungestümes, etwas Lebendiges. Das muss mir ja erst einmal einer nachmachen. Jeden Morgen aus dem Bett stürmen, die Augen noch in den Kniekehlen, ran an den Rechner, und das seit zwanzig Jahren, um sofort zu schreiben, hinein ins Tagebuchbuch, um Rechenschaft abzulegen, um in die tiefsten Tiefen des eigenen Wesens vorzudringen, in diese Flure und Gänge, die sonst niemand betritt. Seit dreißig Jahren mach ich das jetzt schon, ich hatte schon einen Blog, da gab es noch gar kein Internet, da haben wir den Blog noch Block genannt und haben ihn uns gegenseitig unter den Türen durchgeschoben, ich und die Leser. Tagtäglich bin ich mit der Bahn die Strecke der Leser abgefahren, damit sie in meinem Block lesen können; das hatte was, früher war ja eh alles besser, das wissen wir alle von unseren Eltern, das früher alles schlimm-besser war, weil es da nix gab, außer Stolz, Ehre, Anstand, Weltkrieg, Lager, Verfolgung und Denunziation.

Also, ich schreib dieses Blog jetzt seit hundertfünf Jahren,  die nicht immer leicht waren, aber aufgegeben habe ich nicht, nie, keinen Tag; bei Wind und Wetter und Kater habe ich mich aus dem Bett gekämpft, um meine Lebenserzählung, die überlebensnotwendig für mich und die Leser und die Kritiker und die Verleger ist, weiterzuschreiben, und das tu ich jetzt seit fünfundfünfzig Jahren und nie ein Wort des Dankes vom Leser, der mir doch bitte sehr gerne mal den einen oder anderen Betrag überweisen könnte, damit seine Dankbarkeit eine gewisse materiale Ansichtigkeit erhält. – So nebenbei: Word ist ein dämliches unpoetisches Programm, denn jetzt hat es mir, unsichtbar für Sie, das Wort Ansichtigkeit rot angestrichen, als ob es falsch wäre, dabei kennt doch ein jedes Kind das Wort Ansichtigkeit. Ich bin mit dem Wort groß geworden. Meine Mutter hat es jeden Tag benutzt. Sie hat auf den Friedhof gezeigt und hat gemurmelt, er sei die Ansichtigkeit des Todes. „Komm her“, hat sie zu mir gesagt, da war ich drei oder zwei Jahre alt. „Sieh dir die Ansichtigkeit der Straße an.“ Und dann haben wir zusammen die Ansichtigkeit der Straße genossen. So bin ich aufgewachsen. Mit einer Menge Ansichtigkeiten.

Und schon schickt sich ein weiterer Tag an, sich selbst hinter sich zu lassen, und ich schreibe weiterhin in mein Tagebuch, und werde es weiterhin tun. So Gott will, die nächsten fünfundsiebzig Jahre, was am Ende bedeuten würde, dass ich mein Tagebuch dreihundertfünf Jahre lang führte.

Guten Morgen, Welt!

Donnerstag II

Und jetzt plötzlich höre ich auf dem linken Ohr kaum noch etwas. Die Töne, die durch die Villa driften, büßen an Lautstärke ein. Die Welt verkommt zu einem gedämpften Etwas, zu einem Gast, der flüstert. Unverstandene Welt. Nicht der schlechteste Zustand, um die Geräuschkulissen des Alltäglichen neu abzuschreiten. Man begeht quasi mit dem verbliebenen rechten Ohrlauscher das Unerhörte. Neuwahrnehmungsexpeditionen. Was war das? Ein Seufzen? Nein, nur der Ventilator, der wild um sich schlägt. So rasch kann man sich verhören, obwohl man doch verhören wollte.

Ein Arztbesuch scheint noch nicht nötig! Man kann sich erholen!

Das Wetter scheint sich für ein Unentschieden entschieden zu haben. Mal graue Wolken, mal Sonnenstrahlen. So ein Hin und Her der Gefühlslagen hält der stärkste Ochse nicht aus. Vielleicht daher die Befindlichkeitsstörung meines linken Ohrs! Ein Ohrstreik sozusagen! Weghören! Ein erstes Ausklinken des Körpers aus den Tatsachen des Lebens. Sinnflucht!

Nachdem ich den Tagebucheintrag durchgelesen habe, muss ich den Kopf schütteln. Was für ein aufgeblähter Wortschwall. Als ob man ins Word geniest hätte. Man schlägt es auf und schaut sich den zufälligen Treffer an. Ergibt das überhaupt noch einen Sinn? fragt man sich. Egal, jetzt wollen wir nicht anfangen und schon die Rotzfahnen der Literatur hinterfragen. Am Ende schreibt man moderne Lyrik! Und was kommt dann?

Meine Frau Brunhilde (Name geändert) residiert im Moment auf dem Sofa, das sie beliegt, um herauszufinden, was in ihrem Buch steht. Welches sie gerade liest? Ja, was weiß ich denn! Kommen Sie halt her und fragen Sie sie selbst!

Guten Abend, Welt!