Jahresendwarnung

Jedes Jahr endet am Jahresende. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Jahre am Jahresende enden. Es gibt natürlich auch Jahresenden, die sich sträuben, denn nicht jedes Jahr will enden.

So erzählt man sich von Jahren, die nie endeten, wie dem Jahr 1982, auch wenn ich das für eine Legende halte. Manche Jahre sollen sich bis heute irgendwo verstecken, um nicht enden zu müssen, was man ja auch irgendwie verstehen kann. Niemand will wirklich enden, höchstens in einer wunderbaren Gegend in der Unendlichkeit.

Es könnte also – rein theoretisch –  zu einem Zusammentreffen eines neuen Jahres mit einem alten kommen, was zur Folge hätte, dass sich die Zeiten überschneiden.

Viel schlimmer wäre es jedoch, wenn sie sich in die Haare bekommen und es zu einem Zeitstreit kommt, welches Jahr das Sagen hat. Also nicht wundern, wenn plötzlich 2014 1982 ist.

Sylvester

Ich wünsche euch allen eine tolle Sylvester-Feier. Das wird ja wild und verrückt, und noch vieles mehr, wenn die Leute sich weltweit Filme von Sylvester Stallone ansehen. Oder vom Kater Sylvester. Hauptsache, man huldigt einem Sylvester, denn dafür ist der Tag doch schließlich da.

Was bisher geschah (2)

A. war fort und hat Filme besorgt. Nicht irgendwelche Filme, sondern, rein äußerlich betrachtet, die Bücher unter den Filmen: Videokassetten. Wie haptisch. Da hätte so manche Büchner-Preisträgerin ihren Spaß dran.

Sie entdeckte die Videos in einer Videothek, nein, keiner, in der man DVDs bekommt, sondern in einer, die sich auf Kassetten spezialisiert hat. Eine Art Antiquitätenhändler unter den Verleihern. Pech nur, dass kaum noch jemand über ein Abspielgerät verfügt. Der Besitzer kann den Laden halten, weil er das Haus besitzt. Es ist also mehr ein Hobby.

Jetzt liegen die Filme hier und dienen unserer Erinnerung. Zurück in die alten VHS-Zeiten. Rein gedanklich. Erinnert mich  daran, wie ich als 14jähriger (in dem Alter erlebte ich alles, wann immer es auch geschah) TANZ DER TEUFEL sah. Dank Video wirkte es wie eine Dokumentation. Verflucht, wir zitterten uns sämtliche Knochen und Pickel aus dem Leib.

der exorzist

Später gab es als Dessert und psychischen Genickbruch noch DER EXORZIST, der mir half, den Heimweg im Rasendschnellüberlichtgeschwindigkeitsspurt zu absolvieren. Es wurde langsam dunkel. Vor meinem inneren Auge tauchten die vom Dämon infiltrierten Augen Linda Blairs auf. So lief ich nach Hause. Auge in Auge mit Satan. Kein Wunder, dass ich verschwitzt ankam.

Here comes the Bappzeug

Es gibt Dinge, die darf man erst gar nicht laut aufschreiben, wenn man anschließend nicht in der Hölle der Intellektuellen brennen will. Z.B., dass man früher Captain Future gelesen hat. Das sollte man tunlichst abstreiten. Das disqualifiziert einen zur Teilnahme beim nächsten Literaturclub. Oder schlimmer noch, man wird geschnitten. „Rohm, nö, den will ich nicht sehen. Nö. Kein Rohm!“ – „Ja, warum denn?“ – „Hat als Kind mit Captain Future experimentiert. Mit so einem soll unser Sohn nicht verkehren!“ – „Ihr Sohn ist 52.“ – „Sohn bleibt Sohn – und somit immer gefährdet.“

Billig. Ich muss es eingestehen, es gibt Phasen (die gelbe, die rote, die schwarze, die lila, die grüne), in denen ich es billig mag. Es darf ruhig mal Schmutz sein. Nicht nur Kaviar. Der schmeckt mir eh nicht. Schmutz auch nicht. Aber Süßes. Oder wie es mein Jüngster bezeichnen würde: Bappzeug.

Da ist er, der Begriff, nach dem ich so lange gesucht habe, um meine kulturellen Sehnsüchte zu kennzeichnen. Ich mag Bappzeug. Keines aus der Disney-Fabrik, bei dem sterbe ich meistens selbst an einem Zuckerschock, sondern Filme, die sich aufplustern, die breit daher kommen. Die sagen: „Hahaha! Ich bin vielleicht ein Kerl von einem Film. In mir gibt es eine Menge Bummbumm. Und noch mehr Pengpenp. Und wenn das erledigt ist, setze ich noch ein paar Hahahas drauf. Bappzeug eben. Ein Mutant von einem Film. Ein Kaugummi.

Gestern haben wir uns – nach dem Gewaltakt des Schlägerfilms SINGAPORE SLING – DAS IST DAS ENDE reingezogen. BÄNG! Fickt euch, will da meine Kleinkinderseele aufschreien. So etwas will ich sehen. Das war so billig, dass es Spaß gemacht hat.

Hollywood geht unter. Wen würde das nicht freuen? Da hat sogar Hollywood seine Freude dran. Also her mit den Riesenlöchern, in denen wir die ganze Mischpoke verschwinden lassen. Ein paar müssen am Leben bleiben, um die Unterhaltungsmaschine am Laufen zu halten. Das war kein Kopfkino. Das war Eierkino.

Na, wenn ich mir das jetzt alles durchlese. Nein, so bin ich nicht. Ganz und gar nicht. „Rohm“, sagt meine innere Stimme. – „Ja?“ – „So sind Sie gar nicht!“ – „Nein, so bin ich nicht.“ – „Rohm?“ – „Ja?“ – „Lassen Sie den verfluchten Text mit etwas Kultur enden. Hochkultur. Vielleicht mit einem Zitat.“ – „Zitat?“ – „Ja!“

„Mr. Gorbachev, tear down this wall.“ Ronald Reagan  

Ja, Gott, ein anderes Zitat ist mir jetzt auf die Schnelle nicht eingefallen.

Bitches auf ihrem Weg ins Höllenhimmelheimchenglück

Ich habe versagt. Jetzt ist es draußen. Jetzt kann man mich als den bezeichnen, der den Film SINGAPORE SLING nicht gepackt hat. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Der Film hat mich geschafft. Er hat mich in die Ecke getrieben. Hat mich gezwungen: Geh und schalt den Fernseher aus!

Und nun? Was wird werden? Ich fühle mich gedemütigt. Ausgerechnet ein Film hat mich des Platzes verwiesen. Wäre SINGAPORE SLING das Leben, würde ich über Selbstmord nachdenken. Wäre er eine Frau, würde ich sie verlassen. Nix für ungut, aber das wird nichts mit uns, Sling! Koffer packen und raus.

Am Anfang lief es noch gut mit uns. Regen klatschte auf dem Bildschirm in die Filmwelt hinein. Eine entfärbte alte Hollywoodwelt. Kein Hollywood. Film Noir made in Griechenland. Kein Wunder, dass es dort bergab geht. Bei den Fantasien muss man sich fürchten. Die nächsten Griechenlandurlaube sind gecancelt.

Weiter im Beschreibungskampf. Regen fällt, während zwei aufreizend bekleidete junge Damen, Mutter und Tochter, wie sich herausstellen wird, ein Grab buddeln. Bei Poe ging es noch um die SCHÖNE TOTE. Hier sind es die SCHÖNEN und der TOD.

Ein Grab, klar, das muss gefüllt werden, sonst hat man sich ganz umsonst bei einem solchen Sauwetter abgequält. Drinnen landet der ehemalige, weil inzwischen ermordete Chauffeur des Tochter-Mutter-Gespanns.

Außerdem erfahren wir von einem Detektiv, der auf der Suche nach Laura ist, nicht Otto Premingers Laura, sondern seiner ganz eigenen, wohl aber einer, die sich am Hollywoodengel orientiert. Kunstkino mag Anspielungen.

Und dann geht es richtig los. Die Kamera zerrt mich ins Familienidyll hinein, ins unheimelige Unheimlichidyll, das mir vorkommt, als habe man mich in den Kopf eines Perversen bzw. einer Perversen entführt. Inzucht, Sex, bei dem man sich auf den Partner übergibt, Nekrophilie. Das Treiben will nicht enden. Tabulosigkeit to go bzw. zum Schlürfen beim Vorbeischauen. Schön fotografiert, von einigen Späßchen gebrochen, damit man sich nicht wie in einer Hölle vorkommt, die es sein sollte. Vielleicht liegt da das Problem. Ich fühle mich in echten Höllen wohler.

Ekelreigen, ja, das trifft es. Wie eine Disney-Version für Fetischisten.

Irgendwann mittendrin habe ich aufgegeben. Ich bin aufgestanden und habe den Film gecuttet, mitten in einer Szene, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann. Das spricht nicht gegen den Film. Es spricht gegen meinen Willen, das Ding bis zum Ende durchzuziehen.

Im besten Sinne, ich wollte doch etwas finden, was ich übersehen haben könnte, war es ein Feministinnen-Movie, eine Hardcore-Version eines die Welt unter die Sexknute zwingenden Frauenduos. Mütter und Töchter dieser Welt, lebt euch aus. Fickt, was euch gefickt hat. Vergewaltigt, was euch vergewaltigt hat. Kotzt an, was euch angekotzt hat. Bitches auf ihrem Weg ins Höllenhimmelheimchenglück.

Und ich? Versagt! Ich habe es mir versagt.

Beim nächsten Mal versuche ich durchzuhalten.

Versprochen!

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Sonntag

Ich habe wieder geschrieben. Sie wissen ja, wie das ist? Nein? Als Autor hat man Stress. Den ganzen Tag sitzt man am Schreibtisch und schreibt. Und ich schrieb. Schweiß lief in Bächen an mir herunter. Unter meinem Stuhl hatten sich Pfützen gebildet. Was sage ich! Meere. Ganze Meere schwammen da herum. Meine Frau kam hin und wieder vorbei und linste mir über die Schulter. „Pass auf den Schweiß auf“, sagte ich und zeigte auf den Boden. „Was machst du da?“, fragte sie. Was ich da mache? So eine Frage. Wutentbrannt ließ ich eine meiner Figuren sterben. Mitten in die Brust bekam sie einen Pfeil. Um meine Wut vollends zu kanalisieren, schrieb ich die Rolle so um, dass sie meiner Frau glich. Aufs Haar. Den ganzen Tag schrieb ich. Strich zusammen. Worte weg. Worte hin. Ich habe mir den ganzen Frust von der Seele geschrieben, bis ich schließlich am Abend einen Satz übrig hatte. Das ist viel. Herta Müller schreibt auch nicht mehr. Und da stand er. Mein Satz.

„Das ist doch alles sinnlos.“

Na, nicht schlecht, dachte ich. Und morgen fange ich mit der Spannungskurve an. Da wird sich der Leser aber wundern, was das für eine Kurve wird. Die wird so kurvig werden, dass es ihn aus der Kurve schleudert, sodass er mit zahlreichen Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Das wird ein Tag werden.

Ich wahr Funz

Bernhard Funz, bekannt aus Funk und Fernsehen, war der erste Schriftsteller, der eine eigene Sendung bekam, die aber leider, die Leute wollten sie nicht annehmen, nach bereits einer Folge abgesetzt wurde.

Vielleicht lag es an der Zipfelmütze (ein Erbstück seiner Mutter), vielleicht auch am Format selbst. Niemand der Zuschauer schien gewillt, sich einen Autor ansehen zu wollen, der eine Stunde lang schrieb, und dies, ohne auch nur einmal aufzublicken.

Das Gesicht in das Papier getaucht, kritzelte er mit einem Kugelschreiber seine unleserlichen Worte, nur unterbrochen von Pausen, bei denen er – in Erinnerung an ein Video des Volkssängers Bob Dylan – Pappschilder in die Höhe hielt, auf denen zu lesen war, wer für den Inhalt der Sendung verantwortlich war. Der Regisseur sollte diese Entscheidung übrigens noch bereuen, denn nachdem bekannt wurde, wer dieses Fernsehschauerstück inszeniert hatte, verließen ihn seine Frau, sein Geliebter und sein Hund Liesel. Er soll, so erzählt es die Legende, Säufer bei einem bekannten Unternehmen im Süden der USA geworden sein, das später diverse US-Präsidenten stellte.

Funz begann zu studieren, und zwar Graffiti. Nacht für Nacht zog er mit dem Professor und seinen Mitstudenten um die Häuser, um auf den Fassaden Botschaften wie DER STAT IST AN ALEM SCHUUHL zu hinterlassen. Bei dieser Gelegenheit kam seine Rechtschreibschwäche ans Tageslicht. Funz wurde zum Gelächter der ganzen Stadt.

Vereinsamt und von Depressionen heimgesucht, stürzte er sich schließlich vor einen parkenden Wagen. Unverletzt wurde Funz ins „Traute Heim ehemaliger Autoren“ gebracht, um dort seinen Lebensabend mit der Niederschrift seiner Biografie „Ich wahr Funz“ verbringen zu können.

Leider verstarb er bereits nach dem Titel, der wiederum zum Anlass wurde, diesen unsäglichen Beitrag zu verfassen.

Was bisher geschah (1)

A. war die ganze Nacht einkaufen. Sie fuhr mit dem Auto raus in die Nacht, in diese silbrig glänzende Neonverschleierung, die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht, ganz nach oben, weil sie das zum Ausdruck bringen würde, wie sie mir später gestand; sie liebe es, alles hochzudrehen, die Musikanlagen, die Heizung, das Tempo ihrer Schritte, um das Gefühl zu haben, oben zu sein, oben zu schwimmen, denn nur wer oben schwimmt, so A., der ist noch am Leben, der ist noch nicht untergegangen.

A. kauft stets nachts ein, auch wenn sie dazu in die Geschäft einsteigen muss, aber die Ruhe sei ihr wichtig, ohne sie könnte sie es nicht aushalten.

Ihre Hochhackigen klackerten über die Fußböden, während sie mit der Taschenlampe einkaufte, ihre Lampe, die die Angebote aufstöberte, die sie aus ihren Regalen zog, als wäre es keine Lampe, sondern eine Angel.