Hirnkleister? (1)

Ein merkwürdiger Beginn

Glock, der berühmte Schriftsteller, trat ans Fenster. Er nuckelte an einer Pfeife. Draußen fuhr eine Droschke vorüber. Er wohnte seit Wochen in der Baker Street 221a.

„Ich denke“, sagte er plötzlich.

„Seit wann denkst du? Das wäre ja mal etwas ganz Neues.“

Die Frau, zu der die Stimme gehörte, saß im Hintergrund, verschluckt von einem Schatten, den das gewaltige Bücherregal neben ihr warf, und stopfte eine Socke.

„Du solltest nicht so reden“, sagte Glock.

„Ich rede, wie es mir passt“, sagte Mathilda, seine Frau, die er vor – Glock musste überlegen – sieben Tagen geheiratet hatte. Wie hatte er das nur tun können? Der Teufel musste ihn geritten haben. Ein Teufel? Nein! Mehrere.

„Ich denke“, setzte er von Neuem an, „ich denke, dass ich einen Roman schreiben werde. Keinen dicken Roman, sondern ein schlankes Heft für das Schundbüro. DPR, du hast ihn auf unserer Hochzeit kennengelernt, Kleines, hat mich gebeten, etwas für ihn zu schreiben, und ich denke, dass ich auf den Vorschlag eingehen werde.“

„Schreiben, schreiben, immer nur schreiben. Mir wäre es lieber, wenn du endlich einmal deinen ehelichen Pflichten nachkommen würdest. Dieser PPR, oder wie er heißt, stopft nicht deine Socken.“

Glock zog nachdenklich an seiner Pfeife und beobachtete eine junge Dame, die eben im Begriff war, die Straße zu überqueren. Ein junge Mann folgte ihr.

„Könnte er nicht auf einer Straße beginnen?“

„Was?“

„Mein kleiner Roman.“

„Scheißidee. – Besser wäre es, er würde in einem Schloss spielen und von einer verwunschenen Prinzessin erzählen, die an einen impotenten Schriftsteller geraten ist.“

„Reite nicht immer darauf herum, Mathilda!“

„Worauf?“

„Auf unserem Sexualleben.“

„Das muss ich ja. Du machst es ja nicht.“

Glock trat zu seinem Ohrensessel. Er schlug die Seiten seines Morgenmantels nach hinten und setzte sich.

„Es sollte ein Krimi werden, Mathilda. Ich bin für meine Krimis berühmt geworden.“

Mathilda verdrehte die Augen. Glock, der arme Schriftsteller, sah es zum Glück nicht.

„Du bist für deine Erfolglosigkeit berühmt geworden. – Mama hat recht gehabt. Ich hätte dich niemals heiraten sollen. Ich hätte das Angebot des Kritikers Thomas Thams annehmen sollen. Er hätte mir alles bieten können, wonach eine Frau verlangt.“

Glock verschluckte sich am Rauch und hustete.

„Thams … Gutes … du … bist verrückt. Thams ist unersättlich.“

„Vielen Dank“, sagte Mathilda, „jetzt sehne ich mich noch mehr nach ihm.“

„Schweig von diesem drittklassigen Kritiker, der dem Erfolg wie ein Kind dem Eismann hinterherläuft. – Mein Roman …“

“ … wird ein kolossaler Misserfolg werden. Ich werde mich scheiden lassen und du kannst nicht mal meinen Unterhalt zahlen.“

Glock schluckte. „Du willst dich scheiden lassen, Darling?“

„Ich muss und werde mich scheiden lassen. Wir sind schon viel zu lange verheiratet.“

„Es sind erst sieben Tage.“

„Was? Schon ganze sieben Tage! Gott, wie die Zeit vergeht. Da sitze ich hier und bin alt neben dir geworden. Sieh dir nur meine Falten an!“

„Sieben Tage. Das ist gerade einmal eine Woche.“

„Alt!“

Mathilda legte den Strumpf zur Seite und drückte sich aus dem Sessel nach oben. Sie machte einen Schritt, sodass Glock ihr Gesicht sehen konnte.

Glock biss die Zähne zusammen. „Zugegeben“, murmelte er, „du bist alt geworden.“

„Das sage ich doch. – Hier“, Mathilda zeigte auf ihre Beine, „ist alles voller Krampfadern. Und einen Buckel habe ich in der Woche auch bekommen.“ Sie lief ein paar Meter. Glock konnte es nicht fassen. Sieben Tage hatten genügt, ihr einen Buckel wachsen zu lassen.

„Aber Darling“, sagte Glock, „den Buckel hattest du vor sieben Tagen noch nicht!“

„Du hast mich zerstört. Das ist die Wahrheit.“

„Ich werde alles wieder ins Reine bringen. Ich werde den Roman für das Schundbüro schreiben, und dann lassen wir den Buckel und die Krampfadern entfernen.“

„Aha! Schönheitsoperationen! Bekomme ich auch wenigstens  größere Brüste.“

Glock war erstaunt. „Ja, bist du denn mit deinen nicht zufrieden?“

„Ich war mit ihnen zufrieden“, erwiderte Mathilda. „Aber  sie wurden in diesen sieben Tagen zerstört.“

„Jetzt übertreibst du wirklich!“

Mathilda nahm ihre Brüste in die Hände, die wie zwei schlaffe Schläuche über ihren Knien hingen. Sie versuchte es zumindest, scheiterte aber daran.

 

Stunden später saß Hans I. Glock. der berühmte Schriftsteller, der in der Baker Street 221a wohnte, vor seiner Schreibmaschine. Es wollte und wollte ihm nichts einfallen. Um was könnte es gehen? Eine Handlung musste her. Könnte der Roman sich um die Sinnlosigkeit des Daseins drehen? Vielleicht.

Er könnte sich wie ein Musiker treiben lassen. Von den Worten. Den Sätzen. Mal keine Rücksicht auf die Leser nehmen. Obwohl er das eh nie tat.

Glock nahm einen Zug von seiner Pfeife und wollte eben anfangen zu tippen, da hörte er hinter sich ein Keuchen. Er drehte sich langsam um und erblickte das Gesicht seines toten Vaters.

„Daddy?“, sagte Glock erstaunt. „Müsstest du um diese Uhrzeit nicht längst unter der Erde liegen?“

„Verhöhn mich nur“, sagte sein Vater. Die Worte pfiffen aus allen möglichen Löcher, die der Zahn der Zeit in seinem Körper hinterlassen hatte.

„Ich würde dich nie verhöhnen“, sagte Glock.

„Doch. Das hast du schon früher so gemacht. Das hat mich ja auch ins Grab gebracht.“

„Was willst du?“

„Nichts. Ich will dir etwas beim Schreiben zusehen. Schreibst du immer noch ab?“

„Das habe ich nie getan, Vater!“

„Nein, nein“, keuchte die Leiche und kicherte dann. „Nie hat er das getan. Hört, hört, er hat noch nie abgeschrieben.“

Glock drehte sich wieder zur Schreibmaschine und begann zu tippen.

„Ach“, keuchte sein Vater.

Glock unterbrach sich.

„Was ist denn noch?“ fragte Glock ihn.

„Nichts, nichts. – Oder doch! Hättest du eine Zigarette für mich?“

„Nimm dir eine“, sagte Glock und schrieb kopfschüttelnd weiter. Wo beginnen? Auf einer Straße!

Mit den ganzen Leuten im Haus, seiner Frau, seinem toten Vater, würde er eine mehr als schlechte Arbeit abliefern. Egal! Er brauchte das Geld nötig. Und so schrieb er, und er hörte nicht auf, bis das fertige Manuskript am nächsten Morgen in seinem Schoß lag.

 

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Hans I. Glock liest „Der Herbert ist dem Karl sein Freund“

Der sexy Motherfucker der deutschen Literatur Hans I. Glock liest einen kleinen Miniausschnitt aus seinem epochalen Western „Der Herbert ist dem Karl sein Freund“. Teilen, liken und vor allem Buch kaufen.

Freitag II

Man hat mich gebeten, einige Worte zu meinem Leben zu Papier zu bringen. So etwas ist schwer, der Druck, der auf einem lastet, scheint einen fast zu erdrücken. Man ächzt und stöhnt, man behandelt die Worte wie rohe Eier, kostbare Juwelen, denn sie sollen nicht nur irgendwo stehen, sondern müssen auch das eigene Leben gebührend repräsentieren. Schweiß lief mir über die ausladende Stirn, er bollerte zu Boden, sprang von den Dielen hinauf bis auf die auf den Regalen liegenden Bücher. Eine Vita, in zehn Zeilen gepresst, ist eine Kunstübung, derer sich einzig die Großen unter uns widmen sollten.

Mein Wolfshund Werbung (Name geändert) schwänzelte um mich herum, Sabber lief auf mein Knie, aber nichts konnte meine Konzentration stören, auch nicht die Gespräche meines anwesenden Personals, die sich um Zuckervorräte und Lampenreinigungstücher drehten. Warum ich dennoch davon weiß? Das Unterbewusstsein ist eine mächtige Kraft, derer uns wir noch nicht vollends bewusst sind. (Guter Satz. Kommt sofort in mein Büchlein „Aphorismen für den Hausgebrauch“.)

Hier die beiden Lebensläufe, die ich soeben nach Villach schickte, und dies nicht einfach mit einer Mail, sondern mit einem meiner neuen Sondergesandten.

Guten Abend, Welt!

Über Guido Rohm: Guido Rohm gilt als einer der wichtigsten deutschen Parkettbodenverleger. Er wurde 1904 im osthessischen Westerndorf Dosenfeld als Tochter des Schwankwirts Gesine P. geboren. Er schuf unvergessliche Romane wie „Das Wildbräuhaus“, „Die kurze Betriebsfeier am langen Samstag“ und „Vierzig Sekunden bis Bayreuth“. Rohm war unzählige Male verheiratet. Er selbst kann keine Kinder bekommen und lässt sie daher von verschwiegenen Bauerntöchtern austragen. Für sein Gesamtwerk erhielt er u.a. den Lemborg-Mengold-Preis in Schweiß. 

Über Hans I. Glock: Hans I. Glock ist ein Autor aus den alten Tagen, als man Bären noch mit den Händen erwürgte. Er selbst bezeichnet sich als „griechisches Wunderkind“, wurde aber vermutlich in Bamberg oder Noselbeck geboren. Seine Romane sind weltbekannt. Jedes Kind in Regensburg und anderswo kann sie auswendig aufsagen. Er hat so ziemlich alle Literaturpreise gewonnen, die es weltweit gibt. Nach seinem Studium der Vergleichenden Realschulen, entschied er sich für eine Laufbahn als Starautor. Seit diesen Tagen im Jahre 1922 hat er so bahnbrechende Romane wie „Weiberfasching der jungen Damen aus Noselbeck“ und „Jesus kam nur bis Ebola“ verfasst.

 

Hans I. Glock kurz vor Literaturpreis!

 

herbertklein

PRESSEMITTEILUNG DES SCHUNDBÜROS!

Wir wussten es schon immer. Hans I. Glock wird es noch weit bringen! Jedenfalls bis nach Villach in Österreich. Glock ist einer von zehn Auserwählten, die dort “heuer” (so spricht der Österreicher) in der –> “Nacht der schlechten Texte” um ein Preisgeld von 700 Euro plus Kurzaufenthalt in einem noch unbekannten Ort wettlesen werden. Wann? Am 25. Juni. Wo? Hatten wir schon, lesen Sie mal den dritten Satz. Was? Die Prosaminiatur “Geh Vater, ich glaub, jetzt kommts“ aus dem famosen “Der Herbert ist dem Karl sein Freund”, unserem paradigmatischen Schundheft-Western. Wir wissen schon heute, dass dies der mit Abstand schlechteste Text des Wettbewerbs sein wird. Hoffentlich wissen es auch die Österreicher! Übrigens: Da Hans I. Glocks Wellensittich Hansi momentan schwer erkrankt ist und gepflegt werden muss, wird Glocks väterlicher Freund Guido Rohm an seiner Stelle vortragen. Das passt doch! Der schlechteste Text vom schlechtesten Vorleser!

Ein lockerer Abend vor dem Fernseher

Ich bin ein verflucht ausgekochtes Schlitzohr. Wenn die Leute, denen ich im Hausflur oder auf der Straße begegne, mich sehen, denken sie: Gott, was für eine arme alte Frau. Das ist mein Trick. Das Alter.

Gestern bin ich achtzig geworden. Okay, das mit dem Laufen klappt nicht mehr so gut wie früher. Scheiß doch der Hund drauf. Ich bin eine der gefährlichsten Frauen des letzten und dieses Jahrhunderts, da kann noch kommen was will.

Ich sitze gerade vor dem Fernseher. Nur Schrott. Bauern suchen Frauen. Umschalten. Da kocht einer. Netter Bursche. Den würde ich nicht von der Bettkante schubsen.

Ich nehme einen Schluck von meinem Bier. Kalt. Ich spucke es angewidert aus. So kann ich es nicht trinken. Ich wickele Socken um die Flasche. So kaltes Bier verträgt mein Magen nicht mehr.

Ich lege die Füße auf den Rücken von meinem Hund Gisbert, der vor dreißig Jahren gestorben ist. Habe ihn mir ausstopfen lassen, und jetzt steht er hier rum und versüßt mir die Abendstunden. Manchmal beuge ich mich zu ihm runter und kraule ihn hinter den Ohren. Es ist, als würde er noch leben. Ich bin mir sicher, dass er nachts, wenn ich schlafe, durch die Wohnung stromert. Er schnuppert alles ab. Morgens finde ich seine Hinterlassenschaften. Kot und Urin in jeder dritten Ecke. Aber ich kann ihn einfach nicht schlagen, er ist doch mein kleiner Liebling.

Ich habe ihn von einem meiner Exmänner, die ich meistens umlegen musste, geschenkt bekommen. Er war Boxer und versuchte mich zu schlagen, da verpasste ich ihm einen Schuss aus meiner Glock. Peng! Er verteilte sein Hirn über die neue Wohnzimmercouch. Ja, macht man denn so etwas? Nein, sage ich. Also habe ich ihm noch ein paar Tritte verpasst. Anschließend habe ich ihn in der Badewanne zersägt und in Müllbeutel gestopft, die ich in einem nahegelegenen Wald verscharrte. Es tut mir nicht leid, wenn Sie das wissen wollen. Warum sollte es das tun? Er war ein Schwein. Ein Mann weniger tut keinem weh. Es gibt eh viel zu viele von ihnen. Wenn nur der verfluchte Sex nicht wäre. Immer nur Dildo hält man auf Dauer nicht aus.

Umschalten. Noch mehr Scheiße. Sie berichten über diesen kleingewachsenen Diktator, der Nord-Korea unter seiner Knute hält. Bei mir hätte der keine Chance. Ich würde ihn nicht mal ranlassen. Er hat mit Sicherheit einen mikroskopisch kleinen Schwanz. Und deshalb, aus diesem Minderwertigkeitskomplex, unterdrückt er auch alle. Die Sorte kenne ich. Müller, unser Hausmeister, ist auch so einer. Der würde sich in Nord-Korea auch wunderbar wohl fühlen. Würde die ganzen Nord-Koreaner anmaulen, wenn sie einen Papierschnipsel verlieren. Wenn der Müller könnte, wie er wollte, würde es hier im Haus Massenerschießungen geben. Es würde schon längst keine Mieter mehr geben. Nicht einen. Der hätte sie alle an die Wand im Keller stellen lassen und dann …

Lassen wir das! Die Kopfschmerzen bringen mich um. Ich hätte gestern nicht so überschwänglich feiern sollen. Das habe ich jetzt davon. Aber die Stripper, die ich mir kommen ließ, waren einsame Spitze. Diese Körper. Da ist mir ganz anders geworden. Den einen von ihnen, der sich Abel nannte, habe ich gleich hier neben dem Hund vernascht. Gut, dass der Hund tot ist, so kann er nicht schlecht über mich denken. Auf der anderen Seite … Ich glaube, es wäre mir egal.

Glllllooooooock!

Das ist sie. Die einzig wahre Geschichte Glocks. Meine Geschichte. Eine Geschichte voller abstruser Wendungen. Eine Geschichte über und mit Liebe. Über und mit Hass. Über und mit Autos. Alles kommt darin vor. Kollegen sind zu finden. Kämme. Leichen. Was habt ihr denn gedacht? Leichen sind ein Hauptbestandteil der Geschichte. Sie liegen überall herum. In Aufzügen. Sie treiben in Flüssen. Sie fallen vom Himmel. Sie werden verbrannt. Erschossen. Wie könnte es auch anders sein! Ich öffne den Mund. Reiße die Lippen auseinander. Forme den ersten Buchstaben. Ich schiebe meinen Namen in die Welt hinein. Glock! Da! Jetzt hat sie ihn verpasst bekommen. Wie eine Kugel. Wie ein Stück Kuchen. Ich steche meinen Namen wieder und wieder in die offenen Gesichter von Leuten, die ich gar nicht kenne. Ich bin unterwegs. Wo bin ich? New York? San Francisco? Washington? Mach die Augen auf, Glock! Führ keine Selbstgespräche. Ich kann es nicht unterlassen.

„Glllllooooooock!“ kommt es aus meinem Mund. Eine Frau bleibt stehen. Sie mustert mich. Sie sagt etwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Sie beugt sich zu mir. Sie ahnt es nicht. Weiß es nicht. Ich müsste es ihr sagen. Sprich doch mit ihr, denke ich. Sage ihr, dass sie sich am Anfang der Erinnerungen des weltberühmten Schundautors Hans I. Glock befindet. Sie müsste mich erkennen. Meine Schundliteratur verkauft sich weltweit. Fahr hin, wohin du willst. Du wirst es sehen. Kairo. Istanbul. Überall sitzen sie auf den Böden. In den Läden. Vor den Kinos. In den Fabriken. Und was tun sie? Lesen einen Schundroman von mir oder einem meiner Kollegen. O.M. Gott! Den kennt ihr doch! Gebt es zu.

Und wieder „Glllllooooooock!“ Darum geht es. Um die Selbsterkenntnis. Um das Wissen, wer man ist. Die Frau zerrt an mir. Sie schreit! Was soll das? Ich müsste sie unbedingt warnen. Wenn sie nicht damit aufhört, wird sie es bereuen. Man wird sie verhaften. Wegsperren. Ich könnte sie löschen. Ich habe die Macht. Ich kann den Verlauf meiner Geschichte bestimmen. Passt mir etwas nicht, benutze ich die Löschtaste und lass es im Orkus des Datenunflats enden.

Jetzt ist es raus. Jetzt wisst ihr es. Ihr seid keine Menschen. Ihr seid nur Datenmengen. Erfindungsmaterial. Ich habe euch erschaffen. Ich kann euch auslöschen. Ob mir das guttun wird? Ich weiß es nicht! Das sind Allmachtfantasien. Ich gebärde mich wie ein Diktator. Ein Gott. Und die anderen Autoren? Das ist ein Glaube mit vielen Göttern.

„Glllllooooooock!“ Die Frau ist da. Sie will nicht gehen. Mein Orientierungssinn lässt mich im Stich. Ganz ruhig jetzt. JETZT! Wo bin ich?

Ich schließe die Augen. Ich muss mich konzentrieren. Alles eine Sache der Konzentration. Ich kann mich durch den Raum bewegen. Alle Schundautoren können das.

Mit dem Schundbüro fing es an. Sie haben mich erschaffen. Mit O.M. Gott. Er hat sich über mich gebeugt. Du bist ein Schundautor, hat er gesagt. Hat sich über eine Art Badewanne gebeugt. Ich war verbunden. Mit wem? Mit zahllosen Schläuchen. Ich sei eine Erfindung der Schundindustrie. Modell Glock. Genauerer Definition: Hans I. Glock 26087008154711.

„Komm da raus!“ forderte mich Gott auf.

Er reichte mir ein Handtuch.

„Das kannst du behalten“, sagte er.

Mein erstes Geschenk. Ich kam im Leben an und bekam ein Handtuch. Ein teures Geschenk. Es begleitet mich überall mit hin. Bei jedem meiner Aufträge ist es dabei. DAS HANDTUCH! Mein Excalibur. Meine Waffe, die ich benutzen kann, wenn alle anderen Waffen versagt haben.

„Komm jetzt da raus!“ sagte Gott.

„Wo bin ich?“

„Du bist im Schundbüro. Du bist die Wesenheit mit der amtlichen Bezeichnung Hans I. Glock 26087008154711. Du bist von der Schundindustrie unter der Führung eines gewissen S erschaffen worden, um als Schundautor und Killer zu arbeiten.“

Kann man das glauben? Kann man das fassen? Nein, das kann man nicht. Niemand kommt als erwachsener Schundautor auf die Welt. Wie lange ist das her? Wann ereignete sich das, was ich hier erzähle? Vor vierzig Jahren? Vierzig Stunden? Sekunden? Meine Erinnerung ist ein Datenspeicher. Man kann mich anschließen und bearbeiten. Ich kann mit verschiedenen Erinnerungen ausgestattet werden. Morgen könnte ich die Erinnerung eines Kriegstreibers haben. Einer Eselin. Eines Hundes. Eine Gottes. Eines Kammes.

Ich drehe mich um die eigene Achse und versuche die Frau, die auf mich einredet, abzuschütteln.

„Glllllooooooock!“

Ein Polizeiauto. Es fährt langsamer. Meine Erinnerungen schalten sich frei. Bilder, die zurück in meinen Datenspeicher strömen. Ich war als Killer unterwegs. Ich war nicht als Schundautor hier, sondern als Killer. Als Tötungsmaschine. Als letztes Rezept in letzten Fällen.

Wen habe ich getötet?

Ich muss mich erinnern, erinnern, erinnern. Gott schaltet sich zu. Er schaltet sich ein. Seine Stimme durchwandert meinen Kopf.

„Ich bring dich hier raus“, sagt er.

„Wo bin ich?“

Die Frau sieht mich verwundert an. Sie winkt der Polizei. Der Wagen kommt näher. Gleich werden sie aussteigen. Gleich!

„Du hat einen ehemaligen General umgelegt“, erklärt Gott.

„Warum habe ich das getan?“

„Er hat das Schundgefüge zerstören wollen. Seine Bomben produzieren allmählich Realität. Ganze Teile Afghanistans sind für immer verloren. Wir werden sie nie wieder betreten können. Das Giftgas der Realität verbietet uns den Eintritt. Wir würden alle sterben. Du und ich wissen es! Wir handeln im Auftrag des Schunds. Und in seinem Auftrag beschützen wir die künstlichen Länder dieses künstlichen Planeten davor, von der Realität zerstört zu werden. Wir stehen als Wachen in der Tür. Du hast ihn töten müssen. Wir haben schon viele ausgeschaltet. Politiker, Banker, Industrielle. Sie müssen sterben, weil sonst die ganze Welt sterben wird. Sie arbeiten für einen mächtigen Mann. Erinner dich. Du weißt alles. Dein Hirn wurde beschädigt. Ich bringe dich hier raus und reparier alles. Und dann wirst du dich erinnern können.“

„Und die Polizisten?“

„Sie werden dich töten, wenn sie erkennen, dass du für den Schund arbeitest. Sie sind Marionetten der REALITÄT. Geh jetzt schneller!“

„Die Frau!“

„Verpass ihr einen Schlag!“

„Was?“

„Verpass ihr einen Schlag! Einen Hieb! Sie arbeitet für die REALITÄT. Du kannst sie nicht wirklich töten, weil sie nicht wirklich lebt. Sie ist eine Erscheinungsform der Realität. Du musst sie nicht wirklich schlagen. Stell dir einen Schlag vor. Das genügt.“

Die Dinge überschlagen sich. Ich weiß nicht, ob es stimmt, was ich höre. Vielleicht werde ich gerade verrückt. Ich könnte es längst sein. Der Traum eines Verrückten in seiner Gummizelle. Ja, das ist des Rätsels Lösung. Ich sitze in einer Gummizelle und träume das alles nur. Schundbüro, Auftragskiller, REALIÄT. Das alles ist nur der Traum eines Irren. Oder etwa nicht? Ich arbeite doch für das Schundbüro, oder? Ich bin Hans I. Glock. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt. Ich schreibe Schundromane. Ich rauche Zigarren. Ich lebe in einem alten Mietshaus in einer Stadt namens Fulda. Ich bin geschieden. Ich habe drei Kinder. Ich kann die Unterhaltszahlungen kaum bewältigen. Ich habe ein Alkoholproblem. Das bin ich doch, oder?

„Ja und nein“, zischt die Stimme in meinem Kopf. Gott! Er hat alles mitgehört. Meine Gedanken. Meine Überlegungen. Ich werde überwacht. Ich bin nicht Herr im eigenen Haus. Ich bin eine Marionette.

Die Polizisten steigen aus. Zwei Meter große Typen. Angstmachende Erscheinungen. Sie kommen auf mich zu. Ich werde nicht entkommen können. Die Frau steht vor mir und mustert mich. Sie spricht auf die Polizisten ein, von denen einer sein Funkgerät zum Mund führt.

„Realität“, sagt er, „wir haben ihn.“

Er wartet auf Rückmeldung. Auf Anweisungen.

Der mit dem Funkgerät nickt seinem Kollegen zu. „Wir sollen ihn ausschalten!“

Sie greifen nach ihren Waffen. Schweiß tritt auf meine Stirn. Kleine Kugeln, die aufgeregt hin und her laufen.

Ich bin Glock. Das ist meine Geschichte. Alles unterliegt den Gesetzen der PHANTASTIK. So ist es. Ich kann mich erinnern.

Ich schließe die Augen und stelle mir eine Armee aus bunten Luftballons vor, die plötzlich am Himmel erscheinen. Sie verdunkeln alles. Sie schlucken das Licht der Sonne. Sie haben aufgemalte Gesichter. Aber sie lachen auch wirklich. WIRKLICH! Falsches Wort! Ich muss im Sinne der PHANTASTIK denken. Träumen. Die Polizisten und die Frau lassen von mir ab. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie werden sterben. Sie können der PHANTASTIK nicht entkommen. Dafür sind sie zu schwach, viel zu schwach.

Drei Ballons greifen nach mir. Sie greifen mir unter die Arme und … Wir heben ab. Ich halte die Augen geschlossen. Der Traumvorgang darf nicht gestört werden. Ich sehe alles vor mir. Ich sitze vor meiner inneren Leinwand und sehe es vor mir. Sie holen mich dort raus. Wo immer ich auch war! Scheiß der Hund drauf! Sie tragen mich über ein großes Meer.

„Du hast dich erinnert“, sagt Gott in meinem Kopf.

„Und wo soll ich mich hintragen lassen?“

„Folge deiner Intuition. Deinem Gefühl. Es wird dich ins Schundbüro bringen. Zu mir. Zu deinen Kollegen.“

Ja, denke ich. Zurück.

Ich öffne den Mund. Reiße die Lippen auseinander.

Ich schreie: „Glllllooooooock!“

Das bin ich. Hans I. Glock. Ich kann mich erinnern.

Schmerzexpress

Glock kann ja nichts dafür. (Oder doch?) Die Schmerzen holen ihn Punkt Mitternacht ab. Er steht bzw. liegt auf dem Bahnsteig, eigentlich ist es nur sein Bett. Der Schmerz rauscht rein, mit Getöse, Dampf sprühend wie ein Drache, der Eisenbahn spielt. Quietschend kommt er zum Stehen und fragt nicht lange nach. Glock muss an Bord, einmal leiden bis zum Morgengrauen, dann ist die Fahrt zu Ende. Ruckartig stampft er los, wie ein Wehendampfer.

Er hat die Reise weder bestellt noch bezahlt. Seine Frau gibt ihm den Rat auszusteigen. Wenn das mal so einfach wäre! Sitzt du erst Erste Klasse im Schmerzexpress Richtung Alpen, gibt es kein Zurück. Auf die Landschaft ist geschissen. Karge Sträucher, die aussehen wie die Hose, die man gestern Abend auf den Stuhl neben dem Bett abgelegt hat.

Man kneift die Augen zusammen. Hält die Luft an. Schotten schließen, damit der Schmerz nicht unkontrolliert umherlaufen kann. Wie ein Nazi schlagen seine Stiefel auf die Straßen der Blutbahnen. Damit hat Glock nicht gerechnet: zum Austragungsort einer Schlacht zu werden – vor allem einer Schlacht, mit der er nichts zu tun haben will. Also stellt er an den heruntergelassenen Rollläden seiner Augenläden Schilder auf: Geschlossen! Die Luft presst er in seine Lungen zurück, damit der Feind denkt, der Sauerstoff ginge zur Neige. Klar, da kommt Panik bei den kleinen Soldaten mit ihren Bajonetten auf. Manchmal klappt es. Mit erstaunten Gesichtern klappen sie zusammen, mitten auf dem weiten offenen Feld und krepieren. Krieg vorerst beendet. Der Schmerzexpress tritt langsam die Rückfahrt an. Nix Alpen: dafür der Schlaf des Gerechten.

Dafür ist er doch schließlich hier, denkt Glock. Um in einem Bett zu liegen und zu ruhen, nicht um Weltkrieg mit einem undefinierbaren Schmerzkorps zu spielen. So ein Bett ist doch kein Kindergarten. Höchstens ein Lustgarten. Erschöpft erreicht er schließlich den Bahnsteig, schleift sich hinaus. Über den Lautsprecher wird verkündet: Die Fahrt sei wegen des Spielverderbers Glock verschoben. Morgen könne man es noch mal versuchen. Aber bei einem solchen Schmerzmassenmörder, da wisse man nie. Heute habe er die Landschaft entlüftet, und dies bis zum Tod der ehrenhaften Kameraden. Glock das Schwein!

Glock dreht sich zur Seite und starrt in die Nacht hinein, die nie so dunkel ist, wie es die Literatur gerne hätte. Er erkennt die Umrisse seines Schranks, daneben die Tür. Seine Frau atmet ruhig und sanft, wie eine Hängematte, in die er seine Gedanken legen soll. Er tut es. Schwingt im Wind der eigenen Atemzüge und vergisst das Grauen dieser Nacht. Endlich gleitet er davon, wie ein Rodler. Bergab ins Tal des Schlafs.

Die Besuchung

Glock wird besucht. Ausgerechnet er, der der Besuchung seit Jahren Widerstand leistet, der sich vor ihr durch Gebete und Enthaltsamkeit zu schützen sucht.

Die Besuchung durchquert raschen Schritts den Flur und setzt sich an Glocks Lieblingsesstisch, entweiht ihn mit ihren Händen, die sie salopp darauf ablegt. Sie spricht ihn an. Wirft mit Worten nach ihm, die von Operationen und Hamburg erzählten. Glock lächelt die Themen gekonnt zur Seite. Alle paar Minuten entschuldigt sich Glock und verraucht sich auf den Balkon. Paff! Paff! Er linst durch die Scheibe. Die Besuchung bespielt erwartungsvoll den Tisch. Die Finger trommeln. Krieg liegt in der Luft. Glock beschließt, den Rest des Abends auf dem Balkon zu verbringen. Minusgrade töten nicht. Nicht sofort. Seine Frau serviert der Besuchung seinen teuren Möwenshit-Kaffee. Das wird sie noch bereuen, das Unding. Er petzt die Lippen zusammen. Seine Augen werden zu Seeschlitzen, Schießscharten, aus denen seine Gedanken ihre Kugeln feuern. Stirb! Verrecke!

Die Besuchung springt von Thema zu Thema. Wenn sie nicht sicher landet, zieht sie sich hoch. Immer hochziehen. So funktioniert die Erregungsmaschine der Moderne. Keine Ahnung haben, aber sich moralisch entrüsten. Egal über was!

Jetzt. Glock kann sein Glück kaum fassen. Er drückt die letzte Zigarette im Aschenbecher aus, schreitet die Besuchung zur Entlausung. Sie verabschiedet sich, sucht Glocks Augen, die nun wieder weite offene Tore sind. Freude durchspült ihn. Er winkt, greift nach dem Türgriff, winkt, die Besuchung schwindet, sie löst sich auf. Geht doch!

Seine Frau wirft ihm die vier Stunden vor. Er hat kein Benimm. Sie weiß es ja schon lange. Er hat es wieder einmal bewiesen.

Glock schiebt es auf seine Zigarettensucht, auf seine Minusgradsucht, auf seine Balkonsucht. Er wird sich Hilfe holen. Bestimmt sogar.

Die Frau beruhigt sich allmählich. Glock befahl es ihr. Er wies es an. Ab, ab. Da ist die Küche!

Er muss sich entspannen. Er legt seinen Kopf in den Schoß der eigenen Genialität. Ein wunderbarer Schoß mit einem großen Park, Dienerschaft, die bis zum Horizont reicht. Er betritt sein Schlafgemach und fällt erschöpft auf sein Bett rein. Ja, das arbeitet mit allen Tricks. Er fällt schon seit Jahren auf das Bett herein. Glock schließt die Augen.

Überleben. Darum geht es. Überleben. Und schon schwebt er darüber, über dem Leben, über sich, er verliert sich in einem Nebel, der ihn nahezu lautlos verschluckt.

Nachhaltiges Schlafen

Glock muss ja gut geschlafen haben. Zumindest vermutet er das. Erinnern kann er sich nicht daran.

Wenn er schläft, ist er ein Anderer. Es ist, als würde er in eine Rolle schlüpfen. In die des Schläfers. Einer, der unter seine Bettdecke kriecht, unter sein modernes Fell mit einem Überzug aus dem Kaufhaus, auf dem Kreise sind, die einen normalerweise ganz wirr machen, psychedelische Kreise, die man im Schlaf sieht, wenn man zuvor Drogen genommen hat. Normalerweise machen die Kreise auf dem Überzug keinen Sinn, weil man sie als Schläfer nicht sieht. Aber eine Bettdecke soll gut aussehen. Die soll etwas hermachen. Hey, sollen die Leute rufen, wenn sie im Schlafzimmer stehen, tolle Kreise hast du da auf deinem Überzug. Ganz stolz soll man sein und darauf hinweisen, dass es psychedelische Kreise sind, die man eigentlich nur sieht, wenn man Drogen genommen hat. Um den Besuchern den Vergleich zu ermöglichen, kann man diverse Pilze verteilen.

Glock als Schläfer, da wüsste Glock gern mal, was der Schläfer so über ihn denkt. Das wird er nie rausbekommen.

Der Schläfer schläft neben seiner Frau. Soll er da jetzt eifersüchtig werden? Unsinn. Denn die Frau wird von einer Schläferin ersetzt, obwohl seine Frau sich oft an ihre Träume erinnern kann, also schläft sie noch selbst. Wo gibt es denn so etwas? Frechheit, sich selbst durch die Nacht zu schlafen. Warum darf sich der eine schlafen und der andere nicht? Das muss Glock mal beantwortet werden.

Während Glock bereits kalauerglockenhell ist, schlafen seine Frau und die Tochter, die nicht vom Glock stammt, noch. Die Familienverhältnisse bei Glocks sind dazu angetan, Verwirrung zu stiften. Glock hat zahlreiche Kinder aus zahlreichen Ehen, die nicht bei ihm leben. Er ist Autor und hat kein Geld. Also hat er sich ein Kind gesucht, das nicht von ihm ist. Für das muss er nicht zahlen. Die Frau ist auch nicht von ihm. Noch besser. Glock reibt sich die Hände, weil er ein verschlagener Mensch ist. Ein übler Übeltäter.

Gestern erst hat Glock wieder eine seiner zahlreichen depressiven Schübe gehabt. Er sitzt dann trostlos rum. Die Augen geweitet wie eine Wüste. Da kann ihm nichts helfen. Nicht mal der Sex. Die Frau bot es an. Sie kann es nicht sehen, wenn ihr Glöckchen unglücklich ist.

Nein, seine Depressionen lässt er sich nicht nehmen. Die sind sein Eigentum. Die hat er sich in vielen Jahren redlich erarbeitet. Hat haufenweise Bücher geschrieben, die niemand kauft. Das Wetter macht ihn auch fertig. Ganz wetterhörig ist er. Hängt am Wetter wie am Rockzipfel einer Lolita. Betet das Wetter an. Es soll wieder sein schönes Gesicht aufsetzen, bittet er seine Dolores Wetter. Die grummelt und blickt finster auf ihn hinab. Leiden soll er. Soll alles tun, um ihr zu beweisen, dass er sie auch wirklich liebt. Und was? brüllt Glock vom Balkon zu Lolita hinauf. Nachtdunkles Schweigen. Blöde Kuh, murmelt der Meisterdichter und schreitet in seinen Palast zurück.

Mal hin an den Schreibtisch. Da dampft der Kaffee bereits. Stampft wie eine Lok auf der Stelle. Der Kaffeezug will nicht in einem Zug geleert werden. Genossen will er werden. Glock nimmt einen Befreiungsschluck, der ihn wach machen soll, so richtig hellwach. Ah, da glänzen die Augen. Der gute Möwenshit-Kaffee. Unendlich Teuer. Aus dem Kot von Möwen gewonnen. Glock meint, den Kot schmecken zu können. Leicht salzig ist er. Im Abgang schmeckt er nach Freiheit. Das offene weite Meer. Glock schließt die Augen. Er kann es sehen. Das Meer brandet. Es schäumt auf. Schäumt über. Eine Riesenschaumwelle begräbt die Welt. Untergang. Todesvision am Morgen. Augenaufriss. Glock hat überlebt.

Er surft ein wenig durchs Internet. Er sieht sich ein paar Busen an, studiert sie mit Kennerblick. Die Nachrichten lässt er an sich vorbeischwimmen, die braucht er nicht. Die gleichen sich seit Jahren.

Im Schlafbereich wird noch gesägt. Frau und Tochter versuchen sich am Baumbestand des Amazonas. Nicht schön, was da nächtlich von den Schläfern an Baumbeständen umgelegt wird. Das zerstört die Umwelt. Nachhaltiges Schlafen, denkt sich Glock, sollte das Gebot der Stunde sein. Mal nicht so egoistisch schlafen, sondern für alle. Nachher muss Glock die Baumbestände wieder auf Idealstand saufen. Es gibt da diese Brauerei, die zahlen für jede Kiste einen gewissen Obolus, um sich um den Amazonas zu kümmern. Massen von Alkoholikern wagen ihr Leben für den Planeten, und so ein Grüppchen Schläfer sägt alles wieder kaputt. Fürchterlich. Ob er sie wecken sollte? Lieber nicht. Erst etwas schreiben. Eine Geschichte über … Glock stützt den rechten Arm ab, versenkt sein Kinn in der Handfläche. Eine Geschichte über ein Kinn, das in armen Verhältnissen groß wird. Es flieht aus dem Kinnwaisenhaus nach London. Dort gerät es in die Fänge der berüchtigten Rock-Bande, die den Frauen die Röcke auf offener Straße vom Unterleib klauen. Sie sind Profis, deshalb merken es die Frauen erst spät, erst dann, wenn sie bereits zu Hause sind. Das Kinn wird zum Held der Straße, zum gefeierten Rocker, vor dem kein Rock der Stadt sicher ist. Später geht das Kinn auf Tournee und stirbt an einer Überdosis Heroin.

Glock reibt sich Hände. Endlich hat er wieder eine gute Idee gehabt. Eine sehr gute sogar. Mit der wird er die Literaturgeschichte umkrempeln. Er wird sie umschreiben. Noch ein Schluck vom Kaffee. Kalt. Er spuckt ihn neben den Schreibtisch auf den Teppich. Da kann sich nachher die Frau drum kümmern. Er hat keine Zeit. Er ist unterwegs, und zwar in Sachen Weltliteratur. Fleißig tippt er sich sein Hirn leer. Ja, strahlt er innerlich. Er kann es noch. Ihm kann keiner an den Karren pinkeln.

Was hat er auch erwartet? Er ist Glock. Das sagt doch alles!

Kreta-Platte

Jetzt ist Glock am Schreiben. Das tut er ständig, selbst wenn er nicht schreibt, schreibt er, dann im Kopf, mühsam mit seinen zwei, drei Fingern, die sich dienstbeflissen zeigen. Er sitzt z.B. in einem Restaurant und während seine Frau etwas erzählt, von der Arbeit oder über eine Freundin, tippt der Glock an einer Geschichte über einen Mann, der sich in ein Bushaltestellenhäuschen verliebt.

Der Glock schwitzt beim Erfinden, weil ihm der junge Mann leid tut, wie er da im Wohnzimmer der Eltern hockt und seinen Erzeugern beibringen muss, dass er sich in ein Häuschen verguckt hat, das bereits bei ihm im Schlafzimmer steht, auch wenn es dort nun ein bisschen eng ist.

Die Eltern reißen entsetzt die Augen auf, die Äpfel treten aus der Höhle, sodass man Angst haben muss, dass sie jeden Augenblick auf den Teppich fallen.

Eine wilder Affäre folgt. Küsse unter Brücken. Menschen, die sich unter das Dach des Häuschens drängen, die auf einen Bus warten, der nie halten wird.

Bis das Häuschen schließlich eines Tages spurlos verschwindet. Der junge Mann verkraftet es nicht. Er springt von einer Brücke. Die eiskalte Strömung des Flusses reißt ihn mit sich, tiefer und tiefer in ein Gebiet, in dem noch …

Nein! Glock hält inne. Völlig verfahren. Er wischt die Tastatur zornig von seinem Kopfschreibtisch. Vielleicht wird er sich später darum kümmern.

„Was hast du gesagt?“, fragt er seine Frau.

„Für dich die Kreta-Platte?“

Er nickt. Und dann fantasiert er bereits wieder. Kreta-Platte. Das wäre ein guter Titel. Rasch bückt er sich nach der Tastatur und haut in die Tasten. Das muss was werden. Was Großes! Er kann es spüren.