sargnotizen

  1. wäre es nicht viel angebrachter, die leute so zur letzten ruhe zu betten, wie sie ihr leben lang geschlafen haben. (arm angewinkelt, hand unter dem kopf z.b.).

2. man putzt und putzt die zähne, obwohl sie am ende dann doch verrotten.

3. öffentlich aufgebahrte tote sollten eine rote clownsnase tragen, um ihnen den schrecken zu nehmen und anzuzeigen, dass es ihnen fast gut geht.

4. der sarg und der/die tote sollten auch irgendwie spaß machen. daher rate ich zu trauergimmicks, wie z.B. furzkissen auf den stühlen in der trauerhalle oder einer wasserspritzenden blume am hemd des toten. das erhöht enorm den funfaktor bei der trauerfeier.

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Haustürgeschäfte

„Ich bin der Tod.“
„Können Sie sich ausweisen?“
„Ausweisen?“
„Heutzutage klingeln ja eine Menge Spinner.“
„Ich bin gekommen, um dich zu holen.“
„Jetzt? Jetzt geht gar nicht. Warum haben Sie denn nicht geschrieben, dass Sie heute kommen?“
„Der Tod kommt meist unerwartet.“
„Da brauchen Sie sich auch nicht zu wundern, wenn die Leute keine Zeit für Sie haben.“
„Die Zeit spielt keine Rolle mehr.“
„Na, so ein Leben will ich auch mal führen.“
„Als Tod?“
„Ohne Zeitnot.“
„Das wird so sein, wenn wir zusammen gehen.“
„Zusammen gehen? Aha. Bekomme ich gleich einen Zettel zugesteckt?“
„Zettel?“
„Wo steht: Hallo, ich bin der Tod, wollen wir zusammen gehen? Ja, nein, vielleicht. Betreffendes bitte ankreuzen.“
„So läuft das nicht. Der Termin mit mir ist eher zwingend.“
„So nicht. Bringen Sie mir einen Beschluss vom Gericht, dann können wir darüber reden.“
„Gericht?“
„Ja, von mir aus auch vom Jüngsten Gericht.“
„Das kommt erst noch.“
Gegenüber öffnet sich die Tür.
„Frau Müller, bleiben Sie lieber drin.“
„Will der junge Mann was?“
„Das ist der Tod, der mich holen will.“
„Da muss aber erst geklärt werden, wer in der nächsten Woche die Biotonne an die Straße räumt.“

Aus meiner momentanen Lektüre

Warum zum Teufel habe ich nicht geputzt?
Das waren sie also wirklich, die letzten Gedanken im Leben eines Menschen. David konnte es nicht fassen. In einem Buch hatte er gelesen, dass das Leben noch einmal vor einem ablaufen würde. Wie ein Film. Unsinn. Während das Blut aus seinem Hals pulste, sah er sich um. Er hatte nicht geputzt. Es sah fürchterlich aus. Er stolperte zum Telefon. Er musste Maggie anrufen. Sie konnte ihm helfen, sie könnte ihm einen Lappen bringen. Und es wurde nicht besser. Er verlor Unmengen Blut. Gott, das bekomme ich doch nie weg. Maggie … sie …
Er stieß mit dem Knie gegen den Tisch. Ein Teller vom Mittag knallte auf den Boden. Das auch noch. Das Fett würde seinen Teppich ruinieren. Ihm wurde schwarz vor Augen. Jetzt nicht, dachte er. Der Lappen. Maggie musste ihn bringen.

Aus Kevin Olofsons „Dreckiger Tod“

Mr Twitter

Er nannte sich selbst Mr Twitter. Er sagte nie etwas, was 140 Zeichen überschritt. Wenn er neue Menschen kennenlernte, bat er sie, ihm zu folgen. Am Ende seines Lebens schlug er sich selbst, indem er sich mit drei Punkten in den Tod verabschiedete, die wohl die Frage nach dem Jenseits offen lassen sollten. Er benutzte außerdem die Hashtags ‪#‎Tod‬ ‪#‎Leben‬ ‪#‎Jenseits‬ und ‪#‎Mist‬.

Zerstörte Zeitgläser

3 Gedichte von Frank Levoi

Das Aroma der Wut

Ich werde mich abfackeln,
werde zur Glut meiner Texte.
Ich liege mit meinem Skelett
eng an eng.
Schlafe mit mir
und meinem Tod.
Ich verteile mich
in meine Lungen, meine Zunge.
Schmecke mein Blut,
das Aroma der Wut.

Rote Stunden

Er kriecht durch Eisenbahntunnel,
ein Zeitnomade,
frisst Gedankenströme,
die in den Zügen hocken,
Zeitung lesend, verwesend
am lebendigen Leib.
Den Geruch des Todes
schüttelt er aus seinem Mantel,
Staub, der fällt, Milliarden Körner,
die sich zwischen die Schienen setzen,
zwischen seine Zähne, die er
schmeckt, leckt, bis seine Zunge
rot
vom Tod ist.

Tödliche Automatismen

Automaten wachsen hinter seinem Haus,
rote, gelbe, blaue Automaten sprießen
in seinem Kopf.
Er steht am Fenster, im Leerlauf.
Sein Mutter im Bett, sterbend,
mit einem Motorbrummen, ganz tief.
Er muss den Antrieb finden, den
Motorblock durchsuchen, dieses ganze
Haus aus Schmerzen und Insekten,
aus Köpfen und Rümpfen.
Ein erster Schluck Formaldehyd,
um sich einzubalsamieren.
Ein paar Augen huschen am Fenster
vorüber.
Ein trüber Morgenbrei in seiner Hirnschale.
Er muss ihn auslöffeln.
Gas verlässt den Körper.
Die Wäsche des Todes, die Totenhemden,
alles flattert faulend im Verkehrswind
durchreisender Geister, die sich
nach den Automaten bücken, die rot, gelb, blau
vergehen.

© Frank Levoi

Aus Levois Gedichtband „Zerstörte Zeitgläser“ ( aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Rohm)

Feldbibliothekar Nudelhuber

Der Soldat wollte gerade anlegen, da erschien neben ihm die Gestalt des Feldbibliothekars Alfred Nudelhuber.
„Was wollen Sie, Nudelhuber?“
„Ich hätte hier eine wunderbare Ausgabe von Goethes Gedichten.“
„Sie sehen doch, dass wir uns mitten in einem Gefecht befinden.“
„Die Gedichte könnten Ihnen eine kommende Waffenruhe versüßen.“
Eine Kugel streifte des Soldaten Schulter. „Ich bin getroffen“, ächzte er und fiel nach hinten in den Schlamm.
„Vielleicht jetzt?“, fragte Nudelhuber, der sich über ihn beugte. „Ich müsste Ihnen allerdings einen Leihausweis ausstellen, sollten Sie über einen solchen noch nicht verfügen.“

Aus „Feldbibliothekar Nudelhuber“, Roman, vergriffen

Zum Tod von Philip Seymour Hoffman

Filmstills

1.) Erwachend. Am Morgen. Sein Blick in den Spiegel. Den Anderen erblicken. Das Ich, das fremde Wesen. Spiegel als Paralleluniversum. Wer erwacht? Wer steht auf? Der dort? Ich? Wer ist das? Abtasten. Mit dem eigenen Blick im Abbild stochern. Suchtsuche. Versuch, sich einzuklammern. Sich nicht zu verlieren. Entdeckungsfahrt der Augen. Augenblicke.

2.) An der Frühstückstheke. Verschwindend. Ein Mann, der sich in seiner Haut unwohl fühlt. Der seine Brille auf die Nase drückt, als müsse sie in der Haut verschwinden. Das Berühren des eigenen Gesichts als Selbstvergewisserung, dass es ihn noch gibt. Das Berühren des Selbst. Das Ich muss abgetastet werden. Der Finger liest es, ohne es zu verstehen. Das Ich als unübersetzbarer Text. Die Hoffnung, nicht zu verschwinden. Einen Sinn entdecken.

3.) Der Kopf gesenkt. Die Augen in einer undefinierbaren Tiefe. Als würden sie etwas suchen. Eine Antwort. Als würden sie vor den  Augenblicken fliehen. Blick als Fluchtbewegung in die Statik des Bodens. Bodenlose Tiefe wird vermieden. Wegsehen. Absehen. Eintauchen ins Nichts des Ablebens. Angst vor dem Tod. Eine Angst, die lähmt, die lebensunfähig macht. Die eine Leichenstarre zeugt. Ein Blick, der sich an Dinge klammert, um nicht zu ersaufen.

4.) Ausbruch. Aufbegehren. Im Angesicht seiner Tochter, die er in einem Glaskasten findet. Die Tochter als Ausstellungsstück. Schauspiel als Peepshow. Kunst als Verkaufsobjekt . Die Erkenntnis des Verlusts. Die Hände schreien. Der Mund schreit. Der Körper schreit. Der Aufschrei: „Das ist meine Tochter!“ Ungehört verhallt er. Körperlichkeit. Unendliche Körperlichkeit. Schmerz als Fühlmittel. Ohnmächtigkeit dem Leben gegenüber.

5.) Leben als Kunstwerk. Um zu verstehen, was man tut. Die Wiederaufführung des Gelebten. Kunst als Blick auf den Boden, als Tasten im Gesicht, als Versuch, die Welt zu lesen. Hoffnung, zu verstehen.

6.) Am Ende der Tod, auf den wir alle zurasen.  Keine Hoffnung. Keine Übersetzbarkeit der bodenlosen Tiefen. Dafür eine Bodentiefe, die vom eigenen Sarg gefüllt wird. Nichts. Abblende.

Nicht schweigen – Zu einem Kommentar von Ulrich Greiner

>>>>“Oder lieber schweigen.“ So lauten die letzten Worte eines dummen Kommentars von Ulrich Greiner in der ZEIT. Hätte Greiner sie doch befolgt. Wie jemand, dessen Zuhause das Schreiben ist, sein Sterben ver- und bearbeitet, sollte ihm oder ihr selbst überlassen werden.

Tod und Sterben haben – wie in allen Familien (mehr oder weniger) – auch bei uns eine Rolle gespielt, die man ihnen gerne verboten hätte. Der Hinweis, dass der Tod zum Leben gehört, lindert nicht den Schmerz, einen geliebten Menschen hingeben zu müssen. Die Mutter meiner Frau starb ein Jahr lang, bevor der Krebs sie endgültig ins Nichts überführte. Gefühle schlagen nach allen Richtungen. Tod und Sterben werden nicht begangen, daher kann man sie nicht mit einem Plan oder Verhaltensregeln versehen. Tod und Sterben lassen geschehen. Der eine schreit seinen Schmerz in die Welt, der andere erliegt seinen Tränen, ein weiterer kämpft bis zum letzten Atemzug mit verbissenen Zähnen.