Geschichten aus einem buddhistischen Kloster

1.

“Wenn wir essen, sollten wir schweigend essen, um es auch wirklich genießen zu können. Wir reden ja auch nicht während eines Konzerts”, sagte Meister Tan Ze eines Tages zu uns.
Beim nächsten Essen schwiegen wir. Alle 200 Mönche. Es war nur das Schlucken und Schlürfen, das Kauen, Schmatzen und Rülpsen zu hören.
“Vielleicht sollten wir doch lieber wieder reden”, sagte Meister Tan Ze nach dem Essen.
Wir dachten lange über diese widersprüchliche Lehre des Meisters nach, kamen aber wie immer zu keinem Ergebnis.

2.

Eines Tages zeigte uns Meister Tan Ze, wie man einen Garten pflegt. Er nahm eine Liege und legte sich mit geschlossenen Augen für mehrere Stunden in die Sonne.
“Habt ihr gesehen, wie man es macht?”
Wir waren alle sprachlos, denn er hatte ja nichts getan.
“Oh doch”, sagte Meister Tan Ze, der uns wohl an den Augen ablas, was wir dachten. “Ich habe sogar viel getan, nämlich nichts, was schwierig genug ist.”
Am nächsten Morgen meldeten wir uns alle mit unseren Liegen zur Gartenarbeit.
Da wusste ich wieder einmal, dass es richtig gewesen war, in dieses Kloster zu kommen.

3.

Eines Tages erklärte uns Meister Tan Ze die Unsinnigkeit von Geld.
“Stellt euch vor, dass wir statt Geld Schulranzen als Währung hätten. Dann hätte ein Millionär eine Millionen Ranzen. Und wäre er glücklich? Nein! Denn er könnte ja auch eine Milliarde Schulranzen besitzen. Oder jemand könnte im Lotto Ranzen gewinnen. Und das, obwohl er gar keine schulpflichtigen Kinder hat. So viele Ranzen würden ihn unter Druck setzen. Er würde unglücklich. Deshalb strebt nicht nach Ranzen, denn sie wären nur ein Ballast für euch.”

4.

Eines Tages sprach Meister Tan Ze über die Angst. Darüber, wie unsinnig sie sei.
“Ihr wisst nicht, was kommt. Es kann schlimm werden, z.B. wenn ihr wegen Zahnschmerzen zum Zahnarzt müsst, aber es kann auch viel, viel schlimmer werden. Warum also darüber aufregen? Eure Angst war völlig umsonst bzw. gar nicht groß genug. Versteht ihr?”
Da verstand ich ihn wieder einmal nicht, aber ich blieb.

5.

In meinem ersten Jahr sagte Meister Tan Ze eines Tages zu mir: “Peter, baue eine Mauer für unser Kloster.”
Ich ging also hin und errichtete eine Mauer, die so schief war, dass man sie kaum ansehen wollte.
“Oh, Meister”, sagte ich, “die Mauer ist vollkommen schief.”
Meister Tan Ze betrachtete mein Werk und sagte: “Warum siehst du nur die 998 schiefen Steine und nicht die zwei, die fast gerade gesetzt sind?”
Da verstand ich ihn wieder einmal nicht, aber ich blieb.

6.

“Wenn wir eine Entscheidung treffen wollen, sollten wir uns in Geduld üben”, sagte Meister Tan Ze eines Tages. Er saß vor einer Schale mit Nudeln. “Ich weiß nicht, ob ich diese Nudeln essen sollte.”
Meister Tan Ze saß stundenlang, schließlich wochenlang vor der Schale.
“Seht ihr”, sagte er, “ich habe gewartet, welche Lösung das Schicksal für mich findet. Jetzt sind die Nudeln so verdorben, dass ich sie nicht mehr anrühren möchte. Die Zeit hat für mich entschieden.”
Da verstanden wir ihn wieder einmal nicht, aber wir blieben.

Über Schreibwerkzeuge

Ich schreibe grundsätzlich mit einem Pelikanfüller. Das ist das Schreibgerät meiner Kinder- und Jugendzeit. Neben mir liegt der Tintenkiller, um Fehler, die mir sofort ins Auge springen, auszumerzen. Mit einem Füller erarbeitet man sich noch den einzelnen Buchstaben. Ich schreibe ja auch in Schönschrift. Nach dem ersten Korrekturlesen übertrage ich alles mit einer alten Schreibmaschine, bei der die Typenhebel ständig hängen. Da spürt man die Buchstaben noch mal. Wenn das vollbracht ist, überarbeite ich den Roman, um ihn anschließend mit Kreide auf eine Tafel zu übertragen. So spürt man alles noch mehr. Ich schreibe einen Satz, überarbeite ihn, übertrage ihn wieder mit meinem Pelikan in ein neues Heft, wische die Tafel, damit ich den nächsten Satz schreiben kann. Im Grunde ist das eine völlig bescheuerte Scheißarbeit, aber in Interviews macht sich das gut. Zumindest hoffe ich das.

matussek