Besorgte Bürger

– Die Flüchtlinge, das kann nicht gutgehen.
– Niemals.
– Drüben in der Leopoldstraße haben sie im Supermarkt gestohlen.
– Das ist ja noch gar nix. Ich hab gehört, dass sie in der Mozartstraße ein Wohnhaus gestohlen haben.
– Ein ganzes Wohnhaus? Ein Wohnhaus, da kann ich nur lachen. In unserem Stadtteil haben sie einen ganzen Straßenzug verschwinden lassen.
– Nein?
– Doch, wenn ich’s sag.
– So eine Sauerei.
– Aber das ist noch gar nix. Ich hab von welchen gehört, die Süddeutschland geklaut haben.
– Ganz Süddeutschland?
– Wenn ich’s sag.
– Davon steht wieder nix in der Presse.
– Kein Wort.
– Außerdem haben die meisten drei Augen.
– Drei Augen? Das ist gar nix. Ich hab gehört, dass sie siebzehn Augen haben.
– Siebzehn? Wahnsinn.
– Manche haben ihre Augen auch zurücklassen müssen, die sollen dann nachziehen.
– Augennachzug?
– Wenn ich’s sag.
– Und die Presse?
– Verschweigt es.
– Wahnsinn.

Die Fadfinder

Die Fadfinder waren stundenlang gelaufen, als sie plötzlich eine Stelle entdeckten, die so fad war, dass die ersten sofort gähnten.
“Mann, ist das fad hier”, sagte Silvia.
“Superfad”, stimmte ihr Silvio zu und sackte zu Boden.
“Hier können wir bleiben, bis uns der letzte Rest Hirn verkümmert ist”, sagte Silvia.
“Was?”, krächzte Silvio und schlief ein.

Aus “Die Abenteuer der Fadfinder im Kummerland” aus der Reihe “Depressives für Kinder ab 4 zum Vorlesen”

Haustürgeschäfte

“Ich bin der Tod.”
“Können Sie sich ausweisen?”
“Ausweisen?”
“Heutzutage klingeln ja eine Menge Spinner.”
“Ich bin gekommen, um dich zu holen.”
“Jetzt? Jetzt geht gar nicht. Warum haben Sie denn nicht geschrieben, dass Sie heute kommen?”
“Der Tod kommt meist unerwartet.”
“Da brauchen Sie sich auch nicht zu wundern, wenn die Leute keine Zeit für Sie haben.”
“Die Zeit spielt keine Rolle mehr.”
“Na, so ein Leben will ich auch mal führen.”
“Als Tod?”
“Ohne Zeitnot.”
“Das wird so sein, wenn wir zusammen gehen.”
“Zusammen gehen? Aha. Bekomme ich gleich einen Zettel zugesteckt?”
“Zettel?”
“Wo steht: Hallo, ich bin der Tod, wollen wir zusammen gehen? Ja, nein, vielleicht. Betreffendes bitte ankreuzen.”
“So läuft das nicht. Der Termin mit mir ist eher zwingend.”
“So nicht. Bringen Sie mir einen Beschluss vom Gericht, dann können wir darüber reden.”
“Gericht?”
“Ja, von mir aus auch vom Jüngsten Gericht.”
“Das kommt erst noch.”
Gegenüber öffnet sich die Tür.
“Frau Müller, bleiben Sie lieber drin.”
“Will der junge Mann was?”
“Das ist der Tod, der mich holen will.”
“Da muss aber erst geklärt werden, wer in der nächsten Woche die Biotonne an die Straße räumt.”

Der Künstlername

“Sie sind angezeigt worden.”
“Weil ich mir einen Künstlernamen zugelegt habe, mit dem ich meine Bilder signiert habe.”
“Nicht nur einen.”
“Ich nannte mich Picasso und Rembrandt.”
“Sie haben die Leute getäuscht.”
“Ich wollte nicht unter meinem bürgerlichen Namen malen, deshalb habe ich mir einen bzw. mehrere Künstlernamen zugelegt.”
“Obwohl es die Künstler alle gab.”
“Das war wichtig für den Künstlernamen. Meier, den Künstler, gab es vielleicht auch, aber da war ich mir nicht sicher.”
“Die Leute haben Ihnen die Werke aus der Hand gerissen.”
“Wahnsinn, was sich alles ändert, wenn man sich einen Künstlernamen zulegt.”

Der Langsamkeitsläufer

“Sie gehören zu den langsamsten Menschen weltweit.”
“Richtig. Ich laufe die 100 Meter in 47 Stunden. Das ist Weltrekord.”
“Beim Marathon …”
“Bin ich erst nach zwei Jahren ins Ziel gekommen.”
“Wie oft trainieren Sie in der Woche?”
“Jeden Tag. Im Grunde ist schon das Aufstehen eine Trainingseinheit. Ich komme nicht unter sechs Stunden aus dem Bett. Vom Schlafzimmer aufs Klo brauch ich weitere drei Stunden. Das zerrt schon an einem. Man muss sich im Griff haben, muss sich zurückhalten können.”
“Ihr Ziel ist es, so langsam zu laufen, dass sie gar nicht mehr ins Ziel kommen.”
“Das ist ein Traum, das wär natürlich wunderbar.”

Die Packungsbeilage

“Sie schreiben Packungsbeilagen?”
“Ja, ich hab ja z.B. die zu dem Medikament Xylomogul Forte geschrieben.”
“Ja, die war gut. Die hab ich gelesen. Grandioser Hinweis auf die Unverträglichkeit mit anderen Medikamenten. Gab’s da nicht einen zweiten Teil?”
“Den haben sie aber vom Markt nehmen müssen. Wegen Unverträglichkeit mit dem Leben selbst, wenn Sie verstehen.”
“Das ist aber schade. Weil die Packungsbeilage, das war ein kleines Meisterwerk. Die hatte regelrecht einen Spannungsbogen.”
“Und ein gutes Ende. Weil ich den Leuten am Ende der Packungsbeilage versprochen hab, dass das Medikament alles heilt, nicht nur Schweißfüße und Krebs, sondern auch Mundgeruch und ein schlechtes Gewissen.”
“Wunderbar. Vielleicht etwas überzogen, aber wunderbar.”
“Vielleicht wären wir auch damit durchgekommen, wenn sie nicht wie die Fliegen gestoben wären. Das war’s dann mit meinem Meisterwerk. So eine Packungsbeilage schreibt man nur einmal im Leben.”
“Es ist eine Schande.”

Haarkontrolle

Im Bus.
“Guten Abend, Haarkontrolle. Würden Sie bitte alle Ihre Haare zeigen. Danke. So, Sie, ja, das ist schon eine harte Nummer, aber das lassen wir noch mal so durchgehen. Sehr schön, die Dame. Wunderbar. Danke. Sie müssten bitte den Nacken ausrasieren lassen. Jetzt Sie. Ziehen Sie bitte Ihre Kopfbedeckung ab.”
“Ich habe keine Haare.”
“Aha, na, das wird teuer.”
“Ich kann nichts dafür. Ich habe Haarausfall.”
“Haarausfall, jaja. Das hören wir hier nicht zum ersten Mal. Das kostet vierzig Euro. Zeigen Sie mir doch bitte Ihren Ausweis. Ich bin gleich wieder bei Ihnen. Ich überprüfe noch kurz die Herrschaften hier drüben. Guten Abend, Haarkontrolle. Ja, danke. Und Sie?”
“Ich hatte keine Zeit, sie zu waschen.”
“Heinz, komm mal, hier ist einer ohne und einer mit fettigen Haaren. Wenn der Bus hält, möchte ich Sie bitten, dass sie mit uns aussteigen. Mann, Mann, ständig diese Ausreden. Die wissen doch, dass wir kontrollieren.”

“Die Freien” von Willy Vlautin

Es gibt Bücher, bei denen man sich warm anziehen muss. Die Kälte zieht durch die sie hindurch. Ihre Sätze sind wie lose vernagelte Bretter. Luftig aneinandergereiht. Man blättert eine Seite auf, die voller Löcher und Ritzen ist. Zwischenräume, die aber nötig sind, um ins Innere zu sehen. Alle Innerlichkeit offenbart sich erst durch die Lücken im Textgebäude. Der Text sperrt uns nicht aus.

In Willy Vlautins Roman “Die Freien” wird von Leroy Kervin erzählt, der im Irak kämpfte, und der, zurückgekehrt, verletzt, in einer Wohngruppe untergebracht, sich umbringen will, als er aus der Lethargie seines Kriegstraumas zwischenerwacht. Gefunden wird er von Freddie, der die Wohngruppe nachts betreut. Leroy kommt ins Krankenhaus, wo er sich in sich, wo er sich in eine Geschichte, ins Fiktive, zurückzieht. Das Krankenhaus wird zum Ausgangs-, zum Dreh- und Angelpunkt weiterer Geschichten, wie der von Pauline, der Krankenschwester, die sich um ein von zu Hause entflohenes Mädchen müht, die sie retten will – denn auch um Rettung geht es in diesem Buch.

Es ist kalt in diesem Roman, das gesellschaftliche Klima hat die Minusgrade erreicht. Die Sprache ist karg. Man liest die Satzscheite auf, um sich daraus ein Feuer zu machen. So und nicht anders darf man über diese Underdogs erzählen, weil aller literarischer Ballast dies morsche, bereits lecke Schiff untergehen lassen würde.

Es fehlt an Wärme. Der Strom ist abgestellt, wie bei Freddie, der Tag und Nacht arbeitet, um seine Schulden zu begleichen, der Holz aufliest, um seinen Kamin damit zu bestücken. Alle lesen sich auf. Pauline liest Jo auf, die von zu Hause abgehauen ist, und die in einem alten Haus mit anderen Straßenkids haust; auch Jo auf der Suche nach Wärme, nach einem emotionalen Feuer, ganz so wie alle Protagonisten dieses Buches.

Es ist die Sehnsucht nach Wärme, die sie alle hoffen lässt, die sie weitermachen lässt, die sie im Meer der Vergeblichkeit strampeln lässt.

Die Freien

Roman

Übersetzt von Robin Detje
320 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8270-1176-3
€ 22,00 [D], € 22,70 [A], sFr 29,90

Der Thomas Pynchon seiner Zeit

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Niedelstein, einzige Abbildung zu Lebzeiten, gezeichnet von Ulrike von Martens.

Der Thomas Pynchon seiner Zeit: Johann Friedrich Niedelstein (26.08.1749 bis 21.03.1832).

Christiane: Sinnt Ihr wieder, werter Gatte?
Niedelstein: Gar nichts denk ich.
Christiane: Was kommt heute Abend im Hof? Wir könnten uns gemeinsam ans Fenster setzen.
Niedelstein: Immer nur Fenster, Fenster. Das Fenster macht die Menschen noch ganz blöd.
Christiane: Was wollen wir sonst machen? Wollt Ihr meinen Körper?
Niedelstein: Schweigt, die Wände haben Ohren. Auf den Körper komme ich zurück.
Christiane: Schreibt Ihr gerade an einem neuen Stück oder Gedicht?
Niedelstein: An einem Gedicht über das Dunkelbier. Eine Auftragsarbeit. Da ist man das größte Dichtgenie und muss Auftragsgedichte schreiben.
Christiane: Mein Körper. Nur eine Erinnerung.
Niedelstein: Na, dann geh schon mal vor und entkleide dich. Das dauert ja stundenlang.
Christiane: Und was macht Ihr derweil?
Niedelstein: Was will ich schon machen? Rumsitzen. Den Fernseher haben sie ja noch nicht erfunden.

Aus “Niedelstein – Das Stück”

Ankommenskultur

“Würden Sie sich bitte die Schuhe richtig abtreten.”
“Selbstverständlich.”
“Kräftiger. Sie haben wohl noch nie was von der Ankommenskultur gehört, was?”
“Nein, das tut mir leid. Ich bin jetzt … Ich bin gerade erst angekommen. Horst, erkennst du mich nicht?”
“Das kommt später. Also treten Sie noch einmal die Schuhe … So ist es gut. Und jetzt geben Sie mir die Hand.”
“Da müsste ich erst mal die Geschenke …”
“So wird das nichts mit uns. Sie sind bei mir, da müssen Sie sich gefälligst zunächst auf die Ankommenskultur konzentrieren.”
“Und jetzt?”
“Mit der Ankommenskultur hat es zwar nicht geklappt, aber jetzt kommt die Kennenlernkultur. Sie müssen sich vorstellen.”
“Ich bin’s doch, dein Bruder.”
“Nein, so geht das nicht. Das verstößt gegen meine elementaren Grundregeln: Vorname, Nachname, Verwandtschaftsgrad.”

fußabtreter

Bild: Haugrund