Montag

Unentschlossen. Könnte aufs Klo gehen. Vielleicht. Und dann? Ratlosigkeit.

Wiebke (Name geändert) warnt mich vor unüberlegten Handlungen. Außerdem sei ich fort gewesen. Da müsse man überprüfen, ob man komplett zurückgekehrt sei.

Weiß nichts von einer Reise, spreche sie aber auch nicht an, weil sie Ansprachen nicht ausstehen kann. Wie es denn gewesen sei, hat sie mich am gestrigen Abend gefragt. Und das mitten hinein ins TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück. Die Spannung war gerade am Überkochen. Merkel lachte. Unerträglich. Die heckt was ganz gemeines aus, dachte ich. Eventuell plant sie eine Eurozone. Und dann? Wir werden alle mit Zügen dorthin abtransportiert. Drumherum eine Mauer. Grenzsoldaten. Schießbefehl. Drinnen lauter Europäer, die die Planwirtschaft leben sollen. Eine Wirtschaft mit reinen Planern. Horrorvorstellung. Keiner mehr da, der etwas beendet. Und mitten im Lachen fragt meine Frau, wie es gewesen sei? Ja, wo denn, will ich wissen. Dort, wo du warst.

Ich war überhaupt nicht aus dem Haus. Sie schüttelt den Kopf. Kann nicht verstehen, dass ich zu meinen Ausflügen nicht mehr stehe. „Früher hast du zu deinen Reisen gestanden!“ Und nach einer Weile der Hinweis, dass ich überprüfen soll, ob ich vollständig sei. Dort, wo ich gewesen sei, handele man mit den Organen von Schriftstellern, mit ihren Hoffnungen, Ängsten, Fragen. Angsterfüllt. Dann ein befreiendes Kichern. Ich würde nie an einen solchen Ort fahren.

In der Nacht wirre Träume von einem Besuch der Stadt der Händler. Sah mich am Bahnhof ankommen, Leute schlagend, die sich nicht vor den Zügen hatten verbeugen wollen. Ein Bahnhof, schrie ich. Das ist ein Bahnhof. Beachtet bitte die Etikette. Ich zeigte ihnen eine schwere Eisenkette, die mir um den Hals hing. Schnappte mir vor dem Bahnhof ein lebendes Taxi. Vier Männer bildeten die Reifen. Sie trugen mich auf einer Sänfte direkt ins Zentrum. Die Stadt der Händler. Geschäft an Geschäft. Hatte man erst eins betreten, verließ man es so schnell nicht mehr. Man kauft, und hat man kein Geld mehr, verschuldet man sich. Man muss in einer der unterirdischen Nähereien schwitzen, um die Schulden abzuarbeiten. Ein alter Trick dieser Stadt. Laut dem Amt für Statistik verschwinden von drei ankommenden Touristen vier in den Nähereien. Ja, ja, die Statistik.

Ich ließ mich zum Stadion tragen, das weit vor den Toren der Stadt liegt. Machte Station, um das Stadion zu besichtigen. Wahnsinn. Um das Gras mit Licht zu versorgen, müssen täglich 10 000 stationierte Stadionrasenpfleger mit UV-Taschenlampen den Rasen anstrahlen. Spiele finden keine statt. Das Gras. Niemand will es gefährden. Gebannt sehen an guten Wochenenden eine halbe Millionen Fans zu, wie das Gras beleuchtet wird.

Nach dem Stadion erwachte ich.

War ich also tatsächlich unterwegs gewesen? Warum der Hinweis, es könne etwas fehlen? Antworten fehlen. Mathilde (Name geändert) hat recht. Antworten fehlen. Ich war also doch in der Stadt der Händler. Und nun fehlen mir Antworten. Habe sie vermutlich an jemand verkauft. Einen Politiker? Ich weiß es nicht. Wie auch? Ich werde zukünftig keine Antworten mehr haben. Daher auch die Unentschlossenheit. Sollte ich aufs Klo gehen? Ich weiß es nicht, Gott, ich weiß es nicht.

Guten Morgen, Welt!

Mittwoch

Das Wetter erlebt einen neuen Höhepunkt. Die Sonne reitet wie eine wollüstige Stute über den Himmel. Sie bäumt sich. Pinkelt strahlenartig ihren gelben Urin in alle Richtungen. – Es kommt darauf an, adäquate Worte für die Natur zu finden.

Eben erst erwacht. Meine neu angeschaffte Giraffe Seifenkiste leckte mir über das Gesicht, sodass ich mit einem Ruck erwachte. Ich liebe das treue Tier. Es sitzt den ganzen Tag im Garten und guckt in die Gegend. Hat es Hunger, streckt es seinen Hals und frisst. Danach hockt es sich wieder hin und guckt. So etwas nenne ich Leben. Nicht liegen, nicht stehen, sondern sitzen.

Sie erinnert mich an mich, wie ich in den ersten Wochen meiner Schriftstellerausbildung bei dem berühmten Schriftsteller Jage Thoamsen auf einem auf den Kopf gestellten Mülleimer saß und ihm beim Trinken zusah. „Die erste Pflicht des Schriftstellers“, grölte er, „ist es, zu trinken. Mindestens drei Flaschen Wodka. Schreiben kommt später. Viel später. Nach dem Kater. Wenn es dir schlecht geht. Furchtbar schlecht. Dann muss du schreiben. Die Depressionen müssen dich heimsuchen. Die Dämonen. Sie müssen in deinen sündigen Körper kriechen und dir das Antlitz der Hölle zeigen. Und während du es erblickst, packen deine Hände nach der Feder und schreiben es alles auf. – Sei also gewarnt, dass Feder und Tintenfass stets an ihrem Platz stehen.“ Anschließend sang er ein altes Seemannslied. Er war alt und groß. Stand er, was nie vorkam, soll sein Schatten alles verschluckt haben. Die Leute nannten ihn Nachtmann. Nachdem er gesungen hatte, musste ich mich schleunigst aus dem Staub machen, weil er den Mülleimer für seine innersten Werte brauchte. Er übergab sich, dass einem vom bloßen Hinhören schlecht wurde. Ein Kotzanfall konnte bis zu drei Stunden dauern. So war er, der gute Jage Thoamsen.

Nachdem ich aufgestanden war, frönte ich meiner üblichen Gymnastik, ein gesunder Körper ist die halbe Miete für ein sorgenfreies Leben. Zunächst machte ich die Übungen mit dem Finger. Man muss den Zeigefinger anziehen. So an die zwölf Mal. Schweißgebadet verabschiedete ich mich an den Frühstückstisch. Ich troff nur so. Die ganze Suppe lief an mir runter, direkt auf den Boden. Keine schwere Arbeit für die herbeieilenden Putzfrauen, die danach einen kleinen Gospel anstimmten.

Schöne Zeiten. Ich werde sie beibehalten.

Guten Morgen, Welt!

Nürnberg August 2013 088

Seifenkiste beim Sitzen

Über den Schreiburlaub und seine Folgen

Ja. So ist das, nicht wahr? Sie wissen doch, wie das ist, oder etwa nicht?

Da hat man Urlaub. Schreiburlaub. Man sitzt zu Hause in seinem Stuhl und denkt sich, fein, endlich einmal Urlaub. Endlich einmal nichts machen, nichts tun, nur rumsitzen und urlauben. Geld, man ist ja ein notorisch unterbezahlter Autor, hat man eh keins, also sagt man sich, das ist nicht weiter schlimm, weil, jetzt kann ich mal richtig abschalten. Nicht mal Geld muss ich ausgeben, auch wenn es vermutlich Spaß machen würde.

Mal den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Oder eine Frau. Da muss man aufpassen in den heutigen Zeiten, was man schreibt, sonst hat man gleich eine religiös angehauchte Feministin am Hals hängen, die sich ereifert.

Eifer hat im Urlaub nichts zu suchen. Der Eifer wird eh überbewertet, weil, einen Eifer kann ja jeder Serienmörder entwickeln. Für seine Opfer wäre es besser, er würde faulenzen. Für die Zeitungen ist es angenehmer, wenn er eifrig weiter mordet, damit man was zu schreiben hat, und umso eifriger so ein Serienmörder seiner Serie huldigt, desto mehr Platz kann die Zeitung mit Details füllen, die einem – sitzt man zu Hause, um zu urlauben – die Zeit vertreiben, von der man nicht weiß, wie man sie rumbringen soll. Oder umbringen.

Der urlaubende Autor denkt sich also, nix, ich werde nix schreiben, aber so was von gar nix werde ich schreiben, dass denen, also den Lesern, noch die Augen nach innen fallen werden. Ich werde ihn fix und fertig machen, den Leser, denkt der Autor, durch meine Enthaltsamkeit werde ich ihm seine Sucht nach meinen Texten vorführen. Ich werde ihn enttarnen, den Leser, als das, was er ist, nämlich ein Süchtiger. Kein Wort bekommt der aus meiner Dealerhand, denkt der Autor, der die Droge nicht nur vertickt, sondern auch herstellt, direkt daheim im eigenen Schreiblabor, das seine Frau auch manchmal Schlaflabor nennt.

Kein Wort bekommt er, der Leser, da soll er mal sehen, wo er bleibt. Auf der anderen Seite … Ins Grübeln kommt man schon. Was, wenn der Leser sich zukünftig an einen anderen Dealer wendet? Autoren gibt es ja inzwischen wie Tropfen im Meer. Durch das Internet haben wir bereits mehr Autoren als Leser. Im Grunde schreibt ein jeder. Alle schreiben sie, das sieht man schon bei den Daumen, die die Blogger in einem Blog heben. Den heben sie doch nur, da sind wir jetzt mal ehrlich, damit man bei ihnen auch den Daumen hebt. So sammeln sich manche Blogger durch dauerndes Daumenheben Myriaden von fremden Daumen, die ihnen vorgaukeln, das einer ihren Scheiß liest, wo doch ein jeder (und eine jede) nur seinen bzw. ihren Blog belesen sehen will.

Mit mir können die momentan nicht rechnen, denn ich habe das Schweigen als neue Kunstform entdeckt. So ist das. Ab sofort wird geschwiegen, weil, ich bin ja in der Sommerpause, also im Urlaub. Ich werde das Publikum beschweigen, bis es mich vergessen hat. Und das dauert heute, sagen wir mal, fünf Stunden. Spätestens in der sechsten Stunde haben die einen neuen Autor entdeckt, und dann ist man so OUT, dass man bereits anfängt, unsichtbar zu werden.

Und dann weiß man, dass man wirlich im Urlaub angekommen ist.

 

Nürnberg August 2013 077

An dem Bild kann man genau sehen, was ich momentan mache, nämlich nix!

Auslaufmodell

Hahn ist ein Außenseiter, einer, der am Rand steht und zusieht, was die tun, die in der Mitte stehen. Er drückt sich an den Hauswänden entlang, als müsste ihn das Mauerwerk absorbieren können. Er ist kein Chamäleon, obwohl er sich für eins hält. Er durchmisst das Viertel mit staksigen Schritten, die ihm schwer fallen, er hebt die Beine, weil ihm jeder Untergrund wie ein Sumpf vorkommt. Er steckt fest. Bis zum Hals in der Scheiße. Trotzdem soll er weitermachen. Schweiß, kalt wie Eis, klebt auf seiner Stirn, hinter der er sich verbirgt. Die Leute wissen nicht viel von ihm, nur dass er Trinker ist. Kein seltener Beruf im Viertel. Hier wird jeder Dritte Trinker, jeder, der was auf sich hält, fällt mit einer Flasche Wodka auf und hin und wieder durch eine Scheibe. Man will Scherben hinterlassen, damit man wenigstens etwas hinterlassen hat, wenn man in die Erde gelassen wird. Der Friedhof läuft mit ihnen über, ganz besoffen ist er von den Trinkern, die sich in ihn versenken wie in ein Buch, von dem man nicht mehr lassen kann. Liegen da rum und faulen. Alles wie zu Lebzeiten. Nichts ändert sich.

Die Aussicht auf den Tod lässt Hahn schneller trinken, denn jeder braucht ein Ziel, auch der Trinker. Also hetzt er von Flasche zu Flasche, von Schlägerei zu Schlägerei, von Frau zu Frau, von Fick zu Fick. Erschöpft erwacht er an den Nachmittagen, gequält von den Dämonen, die sich in seinen Blutbahnen austoben. Trinker zittern nicht des Entzuges wegen, sondern weil unzählige Teufel sie mit ihren Dreizacken um den Verstand bringen wollen.

Hahn ist kein Mensch, auch wenn er wie einer aussieht. Er ist ein Platzrein, ein Läufer und ein Schlagrein.

Jetzt ist es wieder soweit. Er dringt in Maries Wohnung wie Wasser, wie etwas, das sich aus der Kanalisation nach oben gedrückt hat und nach Scheiße und Unrat stinkt.

(Fürchterlich. Niemand hält das aus.)

Er pocht gegen die Tür, schwappt gegen Maries Wohnungstür. Eine Welle, die branden will. Hahn. Wieder betrunken, damit er das sein kann, was er schon immer sein wollte: Flüssigkeit, die sich verteilen kann, die überall ist, die zum Universum selbst wird.

Hahn läuft in die Wohnung, von Zimmer zu Zimmer, nässt alles ein. Ein Sturm, der alles verwüstet.

Du pisst dir in die Hose!, schreit Marie.

(Marie hat er irgendwann geheiratet. Er kann sich nur nicht mehr erinnern, wann und wo, und vor allem weshalb.)

Die Marie-Klage interessiert Hahn nicht, der es eh nicht hören kann, weil seine Ohren mit einem Rauschen gefüllt sind, einem seltsamen Geräusch, das tief aus der Erde kommen muss. Hahn lauscht dem Rauschen, Hahn, der sich über die Kinder beugt und ihnen seinen bösen Drachenatem in die Gesichter bläst, damit sie in See stechen können, damit sie ihm folgen können auf seiner Suche nach dem kürzesten Seeweg ins Grab.

Schon läuft er weiter, läuft er aus und dann von Zimmer zu Zimmer, bis er überläuft. Das kommt davon, wenn man sich seit dem frühen Morgen flutet. Hochwasseralarm im Hahnkörper. Das Hochwasser hebt die wenigen Speisen, die er sich gegönnt hat. Hahn reißt die Augen auf. Er scheint besessen zu sein. Schon wieder. Sein Körper zuckt. Da ist ein Dämon, der das Kommando über seinen Körper übernommen hat. Er schlägt sich auf die Brust, will das Ding aus seinem Körper haben.

Marie möchte schreien: Nicht hier!

Zu spät, viel zu spät. Er hält sich bereits den Bauch, leider nicht vor Lachen, auch wenn das Marie zu wünschen gewesen wäre.

Hahn übergibt sich. Es liegt nicht an ihm und dem, was er will, sondern am Mitteilungsbedürfnis seines Körpers. Es ist eine Art der Kommunikation, die den Leuten verraten soll: Ich habe die Schnauze voll.

Es stinkt fürchterlich, da kommt so vieles hoch, sein Lebensüberdruss, seine Ängste, seine Träume, Bier, Schnaps, ein paar Scheiben Toast, und ganz am Ende noch mal eine Wagenladung Angst. Angst hat er genug, der Hahn, mit der Angst könnte er handeln, könnte sie an den Ecken verkaufen, feilbieten. Könnte raunen: Hey, komm her, ich hab da was für dich. Kann jeder gebrauchen, macht das Leben erst wertvoll.

Marie schreit auf, weil sie es nicht mehr sehen kann, ihn,  diesen Seelenverkäufer von Mensch, der ihr Mann ist und der hier aufläuft und leck schlägt und mit ihrem Leben vollläuft. Sie würde ihm am liebsten eins überziehen, vielleicht mit einem Baseballschläger. Die Hiebe würden ihm gut stehen, bestimmt sogar, die Wunden würden ihn kleiden.

So steht sie neben ihrem Ehemann, der sich stoßweise übergibt und die Kinder aus dem Schlaf kotzt, bis sie ihren Papa mit Weinen begrüßen. Die Kinder kennen es nicht anders, denn wenn der Papa die Wohnung flutet, dann ersaufen sie an seinen Geräuschen, an seinem anschließenden Brüllen, gefolgt von Mama, die er mit gezielten Schlägen in die Ecke katapultiert. Schon schlägt der Gong zur ersten Runde. Die Nachbarin gongt sich an der Wohnungstür die Seele aus dem Leib. Sie treibt ihn an.

Sie wird die Polizei rufen, wenn hier nicht bald Ruhe einkehrt.

Marie würde gerne kehren, sie kann es aber nicht, weil sie längst mit einem gebrochenen Nasenbein vor dem Bett ihres Jüngsten liegt, der seine Mama jetzt beim Sterben beobachten darf. (Er weiß es noch nicht, aber er wird an diesem Bild ein Leben lang arbeiten. Er wird es kauen wie einen Kaugummi, an dem er ersticken wird, auch wenn die Leute behaupten werden, der Strick, den er sich um den Hals legen wird, hätte ihn getötet.)

Hahn knurrt etwas, das niemand versteht. Er ist jetzt ein Hund, der die Zähne fletscht, der aus der Wohnung stürmt, schon nicht mehr wankend, denn sein Hirn meldet ihm, dass es besser wäre, das Weite zu suchen.

(Bloß weg hier!)

Hahn schlüpft durch das Loch zwischen Tür und Rahmen, er schlägt die Schale entzwei, die ihn noch im Ei der Gesellschaft hielt und tappt in die Welt der Flüchtigen.

(Endlich!)

Hahn weiß bereits auf der dritten Treppenstufe, dass er das  hier nicht hätte tun sollen. Schlagen ja, aber nicht zu fest, denn sie könnte draufgehen. (Wird sie, aber das weiß Hahn noch nicht.)

Er will laufen: auslaufen, weglaufen, einlaufen, zulaufen, durchlaufen.

Hahn ist ein Läufer, das weiß jeder im Viertel. Also läuft Hahn rüber zu Engelmann und lässt sich volllaufen.

Dann kann er später wieder auslaufen. Mit gebreiteten Armen auf das offene Meer des Viertels rudern. Zu einem Schiff werden. Kentern.

(Erde zu Erde. Staub zu Staub.)

Hahn öffnet die Jacke, sie flattert im Wind, er setzt Segel und steuert den Hafen an, der ihn träumen lässt.

(Der Friedhof. Er wankt Richtung Friedhof, macht aber einen Umweg über Engelmann, der sein muss, weil Engelmann die Seefahrer mit allem Nötigen ausstattet.)

Hahn lässt das Bier laufen, literweise, er blickt auf seine blutige Hand und wundert sich.

(Die Teufel, die unter seiner Hand leben, müssen entkommen sein. Ein geglückter Ausbruchsversuch.)

Hahn flutet sich und wartet darauf, überzulaufen, denn wenn das geschieht, dann entleert er sich, dann treibt alles Böse aus seinem Körper auf die Straße.

Er will sich verflüssigen, will in alle Ecken des Viertels rinnen, will zum Viertel selbst werden.

Er hebt die Flasche und spürt, dass er kurz vor seinem Ziel steht.

(Zuerst im Magazin >>>>GETIDAN erschienen)

Sonntag

Ludger Menke, Deutschlands Krimi-Papst, hat sich der UNTAT angenommen. Freude durchströmt meinen Hals, um am oberen Ende, von manchen Mund genannt, glucksend zu entweichen. In Rocky-Manier renne ich wieder und wieder die Treppen, die zur Villa führen, hinauf und hinab, während meine Frau Beatrix mich auf die noch kommenden Kämpfe einschwört. Aus den Lautsprechern schallt EYE OF THE TIGER. Ich schlage auf Schweinehälften ein, stelle mir vor, es wären die Gesichter des bösen Doktor Thams und seines noch bösartigeren Gesellen Klein-Tobias, die als meine Widersacher benannt werden wollen, die nicht ruhen, bis ich totgeschwiegen und bei der Krimi-Couch (oh, ich weiß alles, Doktor Thams!) in den Keller gevotet wurde.

Die Wachen, die auf den ehemaligen Geschützanlagen stehen, wurden verdoppelt; Waffen wurden wie Kräcker verteilt, mit der Anweisung, alles in die Horizontale zu befördern, was nach Thams und seinen Spießgesellen aussieht.

Den Morgen, das sei noch erzählt, verbrachte ich im hauseigenen Spielcasino, dort ich gegen die besten Mau-Mau-Spieler der Welt antrat, nicht um zu verlieren, denn meine Glückssträhne wurde durch vorherige Zahlungen in die richtigen Bahnen gelenkt.

Und wieder, noch während ich dies schreibe, tönt EYE OF THE TIGER!

Sei umarmt, Welt!

Dienstag II

Alles, was ich tue, jede Handlung, hat einen tieferen Sinn. Es gibt in meinem Leben keine Banalitäten. Eben erst bückte ich mich und hob ein Papier vom Boden, da sprach mich meine Frau von der Seite mit den Worten an: „Wie tiefsinnig!“

Ja, da hat sie recht. Ich lade jede(n) und alles mit Bedeutung auf. Jede Zigarette ist ein Zug, der mich meinem Tod näher bringt, jeder Kaffee ein eventueller Schierlingsbecher, weiß ich doch nicht, wann und wo mich der Gifttod ereilen wird. Feinde gibt es genug. Ihre Namen sind bekannt und werden im „Buch der Feinde“ alphabetisch geführt.

Sitze ich auf dem Klo, spüre ich die Kräfte der Unterirdischen, jene dämonischen Klauen, die tief aus der Schüssel nach mir greifen wollen. Essen ist für mich keine Nahrungsaufnahme, sondern eine linguistische Performanz, die den Sprechakt zum leeren Mundspiel erklärt. Andere trinken, aber ich schlürfe Richtung Endlichkeit. Ein Leben, das mit Bedeutung aufgeladen ist.

Entweichen mir, Sie werden mir dies drastische Beispiel verzeihen, Gase, furze ich nicht, sondern töne in den Raum, um so, angelehnt an die Theorien von Strecker und Cage, den Körper zum finalen Resonanzboden der Musik werden zu lassen.

Sie sehen also, Banalität ist mir ein Fremdwort. Und just in diesem Augenblick räuspere ich mich. Einige Anhänger meines Werks danken es mir mit tosendem Applaus und weisen mich auf den Hals als Sitz der Sprache hin, jenen Elfenbeinturm, der, der salomonischen Erotik von Kirchenfürsten entrissen, zum Sinnbild langweiliger Dichterlinge mutieren musste. Und eben genau darauf, man konnte mich überzeugen und ich zeige mich über mich entzückt, wies mein Räuspern hin.

Alltag als Arbeit am kulturellen Erbe! So banal kann ein tiefsinniges Leben sein.

Freitag (II)

Hier ist immer eine Menge los. Die Kinder stürmen durch die Zimmer. Besuchergruppen stehen vor meinem Porträt und rätseln, warum ich ohne Zigarre gemalt wurde. Ich sitze in einem der hinteren Räume und lausche, was man sich über mich erzählt. Diejenigen, die mich am liebsten mit dem Nobelpreis ausgezeichnet sähen, sind mir die liebsten. Ich komme dann manchmal nach vorne und gebe mich zu erkennen. Natürlich können sie ihr Glück kaum glauben. Wenn sie meinen Ärmel berührt haben, reicht es mir, und ich lasse sie aus der Villa entfernen. Fanliebe kann schnell fanatisch werden. Dann wird es gefährlich. Manche wollen z.B. ein paar Organe entnehmen, um sie sich zu Hause über ihr Bett zu hängen. Oder sie entführen den Schreibarm, um ihn ihren Freundinnen vorzuführen. Fans sind wichtig, aber man muss sie sich auch vom Hals halten. Wenn ich genug von den Besuchergruppen habe, löse ich den Feueralarm aus. Manchmal auch den Bombenalarm. Sie springen aus den Fenstern. Gebrochene Arme sind das wenigste. Meine Frau und ich sitzen an den Bildschirmen der Überwachungskameras und bekommen uns gar nicht mehr ein. Ein Riesenspaß! Das ist besser als Dschungelcamp oder Tagesschau.

Notizen eines Nachkriegskämpfers (1)

Die Oma wartet. Sie sitzt am Fenster, die Arme verschränkt, als wäre sie eine Grenze, die nicht zu überschreiten ist. Sie bewacht die Gegend, damit nichts geschieht, von dem sie nicht weiß. Segelt im Herbst ein Blatt zu Boden, achtet sie genau darauf, wer über das Blatt läuft, welcher Reifen auf ihm geparkt wird. Sie beobachtet, wer um welche Uhrzeit nach Hause kommt. Das Fenster ist ihr Lebensloch. Sie lebt oberkörperlich darin. Sie ist nur Arme, auf denen ihr schwerer Busen lastet, darüber der im Rollkragenpullover versteckte Hals, dem der Kopf, graubehaart, folgt. Das Gesicht ist gefaltet, ein Papiergesicht, das unzählige Male von Männerfäusten geballt und auseinandergefaltet wurde. Man hat dieses Gesicht in den Mülleimer gestopft, hat damit Fußball gespielt. Die Mundwinkel beschreiben einen Torbogen, der einzig noch von ihrer Zunge durchschritten werden soll. Ein Mann, der kommt ihr nicht mehr ins Haus. Zumal sie keins hat. Sie bewohnt eine Wohnung, die sie von der kargen Rente bezahlt, die sie erhält. Ein Leben lang ist sie Putzfrau gewesen. Stets nebenher. Das Geld gab es bar auf die Hand. Das Überleben fragt nicht nach der Rentenversicherung. Das Überleben will bewältigt werden. Es will überlebt werden, irgendwie auch belebt.

Jetzt ist sie alt. Mit Sechzig hat sie beschlossen, mit dem Sterben anzufangen. Damit kann man gar nicht früh genug beginnen, denkt sie. Und während sie stirbt, unaufhaltsam und seit nunmehr fünfzehn Jahren, sitzt sie herum. Das Sitzen ist ihr zur Passion geworden. Sie hält inne. Sie will sich nicht mehr bewegen. Sie will sich aussitzen, bis sie tot zur Seite kippt. Nur am Fenster steht sie noch. An ihrem Loch, von dem aus sie das Leben mit ihren kleinen Augen fängt.

Fruchtlose Flucht

Irgendwann lief ich weg. Das macht jeder Jugendlicher durch. Es gehört einfach zum Erwachsenwerden dazu. Ich hatte einen Plan geschmiedet, der unmöglich schiefgehen konnte.

Mit einem Rucksack auf dem Rücken marschierte ich in der Nacht los, tief durch den Wald, durch das Dickicht, mich an Stämmen reibend, sie umrundend, damit die Hunde, die man gewiss auf mich hetzen würde, dem Irrsinn verfallen würden. Ich kletterte auf einige besonders hohe Exemplare, lauschte auf Wind und Regen, trank, den offenen Mund Richtung Himmel gestreckt, der mich mit seinem köstlichen Nass überhäufte.

Unterwegs stellte ich diverse Fallen auf, um Bären und anderes Getier zu erlegen, sollte ich in eine Notsituation geraten. Ich schlabberte wie ein Hund aus Bächen, bis ich eine Rast einlegen musste, weil ich es mit dem Trinken übertrieben hatte. Mein Bauch fühlte sich wie ein Weltmeer an. Das Wasser darin schwappte von Ost nach West. Ein gefährlicher Wind kam auf, der das Wasser zu Wellen türmte, der es aufschäumte, bis es mir schließlich gurgelnd zum Hals hinauslief.

Fiebernd lag ich auf einer Lichtung, ein Gelichteter, den der Wald auf einen einsamen Fleck gespült hatte, und der nun verurteilt schien, darauf zu warten, ob sich ein Traktor in die Nähe dieses Eilands verfuhr. Wie anders hätte ich von hier fort kommen sollen? Die Baumwipfel rauschten, die Äste klatschten die Hände, und ich musste an jene Tanne denken, die ich einst erlegt hatte. Wussten diese Bäume hier von meiner Untat? Wollten sie sich rächen?

Visionen plagten mich mehrere Minuten, die mir wie Stunden vorkamen.

Ich würde mir eine Hütte bauen müssen. Aus Holz könnte sie sein, die Löcher mit Moos gefüllt, um im Winter die Kälte abzuhalten.

Nachdem ich noch mehrere Seen aus dem Hahn an meinem Körper im Gras hatte versickern lassen, wagte ich den verzweifelten Versuch, mich dem Wald wieder auszusetzen.

Meter für Meter kämpfte ich mich durch dieses Geschöpf aus Knacken und Rascheln. Von Panik getrieben blickte ich mich um. Die Lichter des Wirtshauses waren kaum noch zu sehen. Jetzt nur nicht aufgeben, dachte ich, nicht in diesem Augenblick, wo du deinem Ziel doch so nahe bist.

Meine Arme wurden zu Macheten, die unbarmherzig zuschlugen, die das Gestrüpp zwischen den Stämmen durchtrennten. Meine Arme schmerzen, ich konnte sie kaum noch heben, jede Bewegung ließ mich meine Zähne zusammenbeißen, bis mir Blut über die Lippen rann.

Mich, so schwor ich mir, mich werden sie nicht aufhalten. Ich werde es bis zur Hauptstraße schaffen. Und dann weiter, bis zum nächsten Dorf. Vielleicht würde ich dort einen Laden eröffnen, einen Supermarkt oder eine Drogerie. Vielleicht würde ich auch Bettler, ein freischaffender Landstreicher, der vom Ortseingang zum Ortsausgang zog, dann wieder zurück, immer hin und her, bis ihn irgendwann der Tod in der Ortsmitte ereilte. So könnte es kommen, dachte ich mir.

Keiner dieser Träume erfüllte sich. Etwa vierhundert Meter vom Wirtshaus entfernt gab ich entnervt auf, einer totalen Erschöpfung erlegen, die mich auf der Stelle auf einem Maulwurfshügel einschlafen ließ.

Am nächsten Morgen, ich will auf diese Schmach nicht zu genau eingehen, kehrte ich zurück, im Haar Gras und Laub, das Gesicht zerkratzt, als hätte ich eine wilde Liebesnacht hinter mich gebracht. Meine Falsch-Eltern sahen mir wohl an, was geschehen war. Nie sprachen wir darüber, wir sparten das Thema aus, wir legten es auf die hohe Kante, für Zeiten, in denen man vielleicht blank war und eines Themas bedurfte.

Ich legte mich in mein Bett und weinte fürchterlich, die Tränen überströmten mich wie eine feindliche Armee, sie okkupierten mein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit.

Dann endlich kippte ich abermals in den Schlaf, der mich gütig in seinen verklärenden Armen aufnahm und mir vorgaukelte, ich hätte es geschafft, der mir einredete, meine Flucht wäre geglückt.

Erst als ich gegen Nachmittag erwachte, wusste ich, dass dem nicht so war.

Ich war ein Geheimagent. Und ich würde ewig einer bleiben.

Das totale Lachen

Wenn Fasching in Fulda ist, verkleiden sich die Menschen. (Ihr kennt das bestimmt, weil ihr schon mal hier wart, und wenn ihr Fulda noch nicht besucht habt, dann kennt ihr sicherlich die Theorie, dass alle Menschen ursprünglich aus Fulda kamen. Sie zogen in die Welt und besiedelten sie, und so kam es, dass es irgendwann überall kleine Städte von Fuldaern gab, die wuchsen und wuchsen, bis sie Köln und New York hießen.)

Während der Faschingszeit wird ungeheuerlich viel Alkohol getrunken, mehr als das ganze Jahr über. Die Leute laufen in Verkleidungen umher und lachen und trinken, bis sie ganz erschöpft von der übermäßigen Freude sind. Es gibt sogenannte Märsche, weil Fasching auch eine Art Krieg ist. Der Spaß muss in jeden Haushalt getragen werden, sodass man die Türen derer aufbricht, die sich nicht an dem Geschrei und den Reden beteiligen wollen. (Solche Wohnungen werden zwangsbelacht.)

Reden sind der nächste wichtige Bestandteil. Über alles macht man sich lustig, über die Politiker, die sich natürlich auch über sich selbst lustig machen müssen, weil sie sich das ganze Jahr über die Bürger lustig machen. Es ist so lustig, dass es rasch ernst werden kann. Plötzlich zieht man zu später Stunde einem, mit dem man über Stunden hinweg gelacht hat, eine halbleere Flasche Bier durch das Gesicht, weil er etwas gesagt hat, dass einem so nicht in den Kram passte. Vielleicht etwas über die eigene Frau. Dass er die Grünen wählt. (So etwas kommt hier in Fulda nicht gut an.) Da kann man schon mal durchdrehen. Soweit also alles verständlich. Die anderen sehen kurz hin, aber schon nach ein paar Minuten lacht man wieder aus vollem Hals. Der, dem die Flasche einen Strich durch die Abendunterhaltung machte, ist längst von ein paar Schuldirektoren, die sich als Sanitäter verkleidet haben, abgeholt und hinter einem Busch abgelegt worden. Da kann er schreien, ohne dass er die wirklich lustigen Menschen  belästigt.

Getanzt wird auch, viel und ausgiebig, Drehung um Drehung, damit es das Bier und die Schnäpse leichter haben, aus dem Mund auf den Busen seiner Partnerin zu laufen. Die nimmt es locker, weil Fasching ist, und wischt die Brocken mit einem Kichern fort. Wo gekotzt wird, ist es schön, denkt sie, und tanzt weiter, bis in den Morgen hinein, in die ersten Sonnenstrahlen, die keinem passen, denn was soll man mit einem Morgen, wenn man nicht mal richtig besoffen ist.

Aber kommen erst die Gardemädchen, ist man nicht mehr zu halten, dann laufen den alten Männern, die sich als junge Männer verkleidet haben, die Säfte in den Hosenställen zusammen. Die jungen Damen werfen die Beine nach oben, als würden sie sie nicht mehr benötigen, als müsse man sein Bein unbedingt noch in dieser Nacht loswerden, als würde es Schläge zu Hause setzen, wenn sie mit ihren beiden Beinen wieder auftauchen. Also geben sie nicht auf, sie werfen die Beine ohne Unterlass, bis sich endlich das erste löst und dem Bürgermeister an die Stirn knallt. Dann johlen alle, und das Mädchen mit dem einen Bein strahlt ihre Kolleginnen an, die daraufhin noch wütender tanzen, denn was die geschafft hat, wird ihnen schon auch noch gelingen. Sie springen in die Luft und landen im Spagat. Kein Gesicht verziehen sie, hat ihnen die Trainerin doch im Vorfeld alle Knochen brechen lassen. Eine lustige Zeit ist es, man muss es betonen, damit hier nicht ein falscher Eindruck entsteht.

Fasching in Fulda. Das solltet ihr nicht verpassen.

Von einem, der ausschlief, das Fürchten zu lernen

Nach der Schlaflosigkeit kommt das andere Extrem. Plötzlich hat man sich ausgeschlafen, so wie man eine Flasche leer trinkt. Noch ein paar Züge, und im nächsten Moment ist nichts mehr drin. Kein Tropfen Leben, Denken, Fühlen. Man kann die Flasche auf den Kopf stellen wie man will. Hat man Glück rinnt noch ein letzter Atemzug aus dem Hals.

Ausschlafen ist wie ausziehen. Man lässt alles fallen, jede Bewegung bleibt in der Wohnung zurück. Ganz nackt liegt man vor dem Unterbewusstsein, das einen mustert. Von oben bis unten. Jetzt soll man sich mal drehen. Wie wäre es mit einem Tanz auf der Drehscheibe der Nacht?

In der Morgendämmerung stoppt sie. Man reibt sich die Augen, verlässt den Club. Schlafen ist Nachtarbeit. Und die müsste verboten werden. Nachtarbeit ist die Ausbeutung der Wehrlosen.

Ganz verzweifelt tritt man in den Tag. Bei all der Arbeit würde man jetzt am liebsten nach Hause, um sich auszuschlafen. Schlaf – richtig betrieben – ist ein hartes Stück Brot.

Eine Geschichte müsste man schreiben, von einem der ausschlief, das Fürchten zu lernen.

Einschlafen ist dagegen nichts. Ein Überfallkommando, verfügt man über die richtige Zahl Sandmänner. Sind von denen ganze Armeen angetreten, schläfert man sich ein – einfach so -, man schnippt mit den Fingern und steht bereits im Innenhof des Schlafs.

Schlafstellung eingenommen.

Wenn man seine Schafe eingeschläfert hat, kann man sich auf dem gewonnen Platz niederlassen und eine Mütze voll Mohn nehmen.

Aufwachen sollte man nicht. Nur selten. Wer will sich schon aufziehen wie eine Spielpuppe?

Aber lasst euch nicht von Fremden ausschlafen. Da ist stets einer, der euch ausschlafen lassen will, denn wo Schlaf ist, da sind auch Träume.

Ordnet sie, hängt sie in einen Ordner. Verwaltet eure Träume. Zählt sie am Jahresende. Nie sollte einer fehlen. (Am Ende eines gewöhnlichen Schläferlebens besitzt man in etwa 1 489 236 Träume).

Liegt man erst tot im Sarg, um sich ewig auszuschlafen, kann man die gesammelten Traumbilder gut gebrauchen. Nichts wie raus mit dem Album und Träume gucken. (Sie können natürlich doppelte Traumbilder tauschen. Ein Traumalbum erhalten Sie an jedem Kiosk oder der nächsten Polizeidienststelle.)

Das Leben will ausgeschlafen werden, damit am Ende genügend Träume da sind.

So ist das.

Heute.

Morgen ist es bestimmt schon wieder ganz anders.

Die Nächte, in denen ich die Welt rette

Nicht geschlafen zu haben, hat so seine Vorteile. Man erspart sich Albträume, mit denen man, ist man tagsüber bereits von Schreckensvisionen geplagt, sowieso nichts anfangen kann, nicht mal eine Tüte Bonbons kann man sich dafür kaufen.

Man könnte sie literarisch ausschlachten, die kleinen bösen Dinger, aber ehe man sich versieht, hat man die Albtraumschützer am Hals hängen, die einen mit vorwurfsvollen Blicken anklagen, man würde sich an einem kleinen wehrlosen Gesellen vergreifen. Die Albtraumschlächterei hat ihre besten Tage hinter sich.

Wahllos auf Albtraumbabys einzuschlagen kommt nicht gut an, vor allem nicht in den Nachrichten, die sich aufs Nachrichtenausschlachten verstehen, über das sich – merkwürdige Welt – niemand aufregen will. Weit und breit keine Nachrichtenschützer zu sehen, nicht eines ihrer Boote, mit denen sie plötzlich am Horizont auftauchen, kleine Punkte, die rasch größer werden; Punkte, die, hat das Auge sie sich scharf gestellt, Messer und Macheten aufweisen, von den Spruchbändern, in denen sie die Leichen wickeln, mal ganz abgesehen.

Weil das Geschäft mit der Albtraumschlachterei schlecht läuft (in etwa so schlecht wie ein angeschossener dreibeiniger Hund), konzentriere ich mich auf die Schlaflosigkeit, denn dieser Zweig der nächtlichen Aktivitäten muss ja auch von einem besetzt werden. Irgendwer, warum nicht ich, muss rumsitzen und Löcher in die Dunkelheit starren, damit sie nicht zu dunkel wird.

Eine durch und durch düstere Dunkelheit würde keine Menschheit – da kann man suchen wie man will – auf Dauer aushalten. Man würde seinen Weg zum Klo nicht mehr finden, nicht den Griff auf den Busen der Geliebten, nicht einmal seine Geliebte würde man mehr spüren, denn sie würde von der Dunkelheit, von einer totalen Dunkelheit, einer finsteren Dunkeldunkelheit, verschluckt werden. Einzig ein Kauen würde man noch hören, ein Schmatzen und Rülpsen, später Geräusche, die dem geschulten Ohr verraten, dass hier jemand nach einem Zahnstocher kramt, um die Reste der Geliebten von den Zahnzwischenräumen auf die Zunge zu schieben.

Froh sollte die Menschheit also sein, dass es mich und meine Schlaflosigkeit gibt, die über Stunden hinweg Löcher in die Nacht starrt.

Die Welt wäre sonst bereits ein wenig leerer geworden.

Guldaer Notizen (11)

Ein Murren rattert von Mund zu Mund, hat man durch die „Guldaer Zeitung“ doch erfahren müssen, dass das alte Jahr einem neuen weichen soll. Unzufrieden zeigt man sich, so könne es doch nicht gehen. Ob man so mit seinem Jahr umgehen sollte, hat es sich als brauchbar erwiesen? Einem solchen Handel fehlt jegliche Moral.

Erste Demonstration werden geplant, um dieser Verschwendungssucht Einhalt zu gebieten.

Wie das neue Jahr denn aussehe, fragen die erzürnten Bürger. Ob es umweltfreundlich sei, wollen sie wissen. Wie es um seinen Verbrauch bestellt sei? Auch die Versicherung will bedacht sein.

Bürgermeister Höller weist auf den geringen Kilometerstand des Neujahres hin, das mit einem 1. Januar direkt in die Stadt fahre.

Die Guldaer zeigen sich indes unnachgiebig. So schnell wollen sie ihr altes Jahr nicht aufgeben. Man könne es ja, sollten Mängel festgestellt werden, in eine Werkstatt bringen, damit sich fachkundige Hände um die Behebung beschädigter Tage oder Wochen kümmern.

Es wäre nicht alles rund im alten Jahr gelaufen, kontert der Bürgermeister, die Hände erhoben, als wolle er seine Schäflein nicht nur beruhigen, sondern gleich noch segnen.

„Mit mir nicht!“ schreit es wie ein Chor aus der Menge.

Der Bürgermeister kneift die Augen zusammen und bellt zurück: „Bestellt ist bestellt. Das neue Jahr wird pünktlich am 31. Dezember gegen Mitternacht geliefert.“

Das wäre doch gelacht, denken sich die Guldaer und schmieden bereits einen Plan, wie die Ankunft der angekündigten Mitternacht verhindert werden könnte. Sie stecken die Kopfe zusammen und flüstern. Entführung, schlägt einer mit einem Schnäuzer wie eine Schuhputzbürste vor. Einer verlangt, habe man sie erst zwischen den Fingern, müsse man ihr den Hals umdrehen.

Mordgedanken machen die Runde, bis sich das Gerücht breit macht, dass es im Geizigen Hof Freibier gäbe.

Schon zerstäubt sich die Ansammlung, gesogen von der plötzlich sprudelnden Quelle, die, da sind sich alle einig, zum Versiegen gebracht werden muss.

Höller reibt sich die Hände und lässt dem Geizigen Hof telefonisch mitteilen, dass auch eine erste Runde Schnaps noch auf ihn gehen soll.

Die Leute, denkt der Politiker. Und dann will er es noch einmal denken, hat aber, bis er sich umgedreht hat, bereits vergessen, was er denken wollte.

Er geht mit schnellen Schritten, um dem Zeithändler den Kauf des neuen Jahres ein letztes Mal zu bestätigen.