Montag II

Ach, die Hausaufgaben der Kinder.

Tochter Christel-Maria-Luise-Fabienne-Cordula muss eine vorgegebene Geschichte weiterschreiben.

Ich kenne so etwas. Wir tun das doch alle. Unaufhörlich. Klingelt der Nachbar, weil er mit seiner Geliebten auf eine Südesseinsel fliehen will, kann es geschehen, dass man seine Geschichte beenden muss, indem man der Frau mitteilt, dass man zukünftig täglich vorbeikäme, um an Stelle des Mannes Tisch und Bett zu teilen. Sein Fehlen solle nicht auffallen. So der Wunsch des Nachbarn.

Geschichtsweiterführer. Das wollte ich früher werden. Da war ich noch jung und verdorben. Es gibt so viele Geschichten, die beendet werden müssen. Als Geschichtsweiterführer wäre ich unvermutet aus dem Nichts aufgetaucht, am Totenbett eines Verblichenen etwa. Ich hätte mich neben ihn gelegt, um, wären die Verwandten erst alle versammelt gewesen, von den Toten aufzuerstehen.

Leider wurde nichts aus meinem Berufswunsch. Meiner Vater verbat es mir. Er schleifte mich an den Ohren mit sich, damit ich mich als Geschichtenerfinder bewarb. So landete ich im Haushalt meines Lehrherrn Sigismund Darwin, der mich meine ersten Kurzgeschichten schreiben ließ. Dazu später mehr.

Guten Abend, Welt!

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Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch,

ich weiß gar nicht, ob ich dich so anreden darf. Obwohl du ja mein Kind bist. Ich habe dich gezeugt. Wenn ich näher darüber nachdenke, zeuge ich dich noch immer. Nein! Ich nähre dich. Ich quetsche dich eng an meine Brust, die bisher noch ohne Implantat auskommt. Ich lasse dich saugen, bis dir ganz schlecht von den ganzen Worten ist. Jetzt aber rasch mit dir über die Schulter, denke ich. Ich laufe mit dem Bildschirm auf und ab, bis er ein Bäuerchen gemacht hat. Kein Rülpser zu hören. Das mag daran liegen, liebes Tagebuch, dass du nicht mehr an der Stromquelle hängst. Tot! Ohne Strom wirst du sterben. Ich rufe meine Frau. Gemeinsam beugen wir uns über dich. Atmen unsere Atemluft auf deine Oberfläche. Weg! Da war ein Fleck, der jetzt weg ist. Jetzt rasch das Stromkabel in die Steckdose, und schon flackerst du wieder auf. Geht doch! Ach, mein liebes Tagebuch, ich weiß gar nicht, was ich ohne dich tun würde. Vielleicht würde ich das Leben genießen. Ich würde lachen. Tanzen. Das wäre was! Unvorstellbar. Stelle es dir lieber nicht vor, denn wer will schon darüber nachdenken, wie gut es den anderen ohne einen gehen würde. Das, liebes Tagebuch, ist etwas zu viel erwartet. Ich entschuldige mich dafür.

Du solltest mich nicht so traurig ansehen. Ich werde mich um dich kümmern. Ich gehöre nicht zu diesen Tagebuchschreibern, die sich nicht um ihr Tagebuch kümmern, die es erst in die Welt setzen, um es dann emotional verkümmern zu lassen. Ich werde auch kein zweites Tagebuch zeugen. Höchstens, du willst das unbedingt. Viele Tagebücher wünschen sich ein zweites oder drittes Tagebuch, mit dem sie spielen können. Die Realität sieht aber oft anders aus. Die älteren Tagebücher kümmern sich nicht um die kleinen Tagebücher, die sich in der Küche mit Mehl einstauben, während sich die missratenen Eltern eine Wiederholung des „Literarischen Quartetts“ ansehen. Die Fernsehlandschaft zerstört die Familien. Inzwischen kann man sich den ganzen Tag über etwas bei Arte und 3sat ansehen. Das zerstört alle Formen der Kommunikation. Viel schlimmer sind noch jene Eltern, die in die öffentlichen Leihbibliotheken gehen, um dort kostenlos die Tageszeitungen zu lesen. Ein erbärmliches Verhalten.

Nein, liebes Tagebuch, das wird dir hier bei mir nicht passieren. Ich werde mich stets um dich kümmern. Ich werde dich mit Hilfe einer unendlich langen Verlängerungsschnur ausfahren. Ich packe dich in einen Kinderwagen, damit du nicht frierst, und dann fahre ich dich zum Spielplatz, wo all die anderen Tagebuchschreiber mit ihren Tagebüchern sitzen. Gut, dass man inzwischen einen Monat Tagebuchschreiberzeit vom Staat bekommt, denn so kann ich mich um dich kümmern, ohne Angst vor dem finanziellen Ruin zu haben. Inzwischen hat ja auch jedes Tagebuch ein Anrecht auf eine Tagebuchtagesstätte. Wir können den Platz für dich einklagen, wenn du magst. In der Tagebuchtagesstätte kümmern sich Erzieher um dich. Sie spielen mit deinen Worten, sie versuchen sogar, dir neue beizubringen. Das wäre doch wunderbar, wenn du dich bald schon selber schreiben könntest. Darum geht es nämlich, liebes Tagebuch. Du sollst erwachsen werden, du sollst in die Welt hinausgehen, du sollst dich um einen Ausbildungsplatz bemühen, und wenn alles gut läuft, wirst du irgendwann ein anderes Tagebuch kennenlernen, und ihr werdet gemeinsam kleine Tagebücher zeugen.

So, das war es für heute, liebes Tagebuch. Und jetzt stelle ich deinen nächsten Eintrag online. Die Leute werden vorbeikommen, und sie werden staunen und sagen: „Was für ein schönes Tagebuch. Und wie groß es schon geworden ist.“ Manche, die neidisch auf dich sind, werden versuchen, dich schlecht zu machen, aber das sollte dich nicht ängstigen. Oder beunruhigen. Die Welt ist so. Es findet sich immer einer, der meint, sein Tagebuch wäre das schönste und beste auf der Welt. Aber das ist Unsinn. Ihr seid alle wunderbar.

Dein Papa Guido

Donnerstag

Die Sonne strahlt bereits wieder unbarmherzig von einem Himmel, der mich an Onkel Wanja erinnert, der täglich so blau war, dass wir Kinder ihn beim Gang durch den Alltag stützen mussten. Mein Halbbruder Guy und ich erledigten das meistens. Wir lehnten uns von links und rechts gegen ihn und so taumelten wir zum Büro, in dem Onkel Wanja als Fortsetzungsromanschreiber beschäftigt war. Sein Chef sah das gar nicht gerne. Das wäre Kinderarbeit, tönte der beleibte Mann, der später von einem Zug überfahren wurde, kurioserweise in einem Teil seiner Wohnung, der mit Gleisen noch gar nicht erschlossen war. Dazu später mehr.

Onkel Wanja saß oft stundenlang verdrossen vor seinem Klemmbrett und seinem Bleistift und überlegte, wie es in seinem Teil der Handlung wohl weitergehen könnte. Wir Kinder ruhten uns derweil ein wenig aus. Nicht lange, dann schwankte der Onkel bereits wieder besorgniserregend, sodass wir ihn abermals stützen mussten. Manchmal führten wir auch den Bleistift, damit am Ende des Tages irgendein Satz auf dem Zettel stand.

Das ging nicht lange gut. Man kündigte Onkel Wanja, der sich von dieser Zeit an voll und ganz um seinen Alkoholismus kümmerte. Die Sauferei wäre eh kein Halbtagsgeschäft. Er schloss sich in seine Wohnung ein, damit ihn niemand störte, während er trübsinnig gegen die Wand starrte.

Viel später, da war er bereits ein berühmter Volkssäufer, trugen sie die Wand ab und verbrachten sie ins Staatsmuseum, in dem man ihm und seinem Leben eine eigene Abteilung gewidmet hatte. Aber davon wusste er damals noch nichts. Wir Kinder auch nicht, sonst wären wir schließlich stolz darauf gewesen, einen dereinst so beliebten Säufer stützen zu dürfen.

Guten Morgen, Welt!

Sonntag II

Mama war da, zurück aus dem Urlaub, den sie mit ihrem Manager Udo K. im Süden verbrachte, in einem Hotel, das so teuer war, dass sie es nie verließen, unter keinen Umständen, weil sie nichts, was dort geboten wurde, versäumen wollten. „Guido!“ rief sie . – Und ich schrie: „Mama!“ – Und sie: „Guido!“ – Und ich: „Mama!“ – Das ging so eine halbe Stunde, unsere Lippen waren schon ganz trocken und spröde geworden. Sie packte die mitgebrachten Geschenke nicht aus. Und was sie nicht alles eingekauft hatte: Mäntel, Augenklappen, Steuerbescheide, Regierungssitze, Ventilatoren. Nichts davon, und ich wollte sie schon fragen, warum sie uns das nicht geschenkt habe, da sprang sie bereits wieder von ihrem Stuhl auf und galoppierte wie ein junges Reh die Treppen hinab, weil sie nach Hause müsste, um sich um das Beet zu kümmern. „Welches Beet?“ fragte ich noch, aber da war sie schon meinen Augen und Ohren entkommen.

Herr und Herr

Was für ein seltsames Leben! Herr Zacharias kam in einem Vorort eines Vororts zur Welt, der der Vorort eines Vororts von Frankfurt war. Sein Vater, ein ungelernter Eismann, der sich früh ins Wohnzimmer zurückzog, um dort tagtäglich die Fernsehbilder zu studieren, hieß Herr Zacharias, und weil es Tradition war, den Vornamen vom Vater an den Sohn weiterzugeben, wurde Herr ebenfalls auf den Namen Herr getauft.

Wenn seine Mutter Herr rief, kamen beide aus ihren Zimmer gestürmt, um nachzusehen, was Frau Zacharias wollte. Frau Zacharias, die bei einem für die Mafia praktizierenden Zahnarzt arbeitete, kam abendlich stets mit einem kleinen Geschenk für ihre Männer nach Hause. Mal mit einem Taschentuch mit eingestickten Initialen, mal mit einer leeren Geldbörse, die sie dem kleinen Herr zum Spielen reichte. Seine Mutter sprach nicht oft über ihren Job, aber wenn sie es doch einmal tat, verzog sie das Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse. Er solle nur nie Zahnarzthelferin bei einem Zahnarzt der Mafia werden, riet sie ihrem Kind mit verzweifelter Stimme, die sich überschlug. Die Schreie der Patienten seien kaum zu ertragen. Den ganzen Tag müsse sie Kopfhörer tragen, um nicht taub von den Hilferufen zu werden. Und auch das ständige Fahren von einer Wohnung zur anderen, sage ihr nicht zu. Viel lieber würde sie bei einem niedergelassenen Arzt arbeiten, bei einem, der wirklich studiert habe.

Seine Eltern ließen sich früh scheiden, ach – da war Herr Zacharias erst achtzehn Jahre. Sie kämen nicht miteinander aus, erklärten sie dem erstaunt dreinblickenden Buben, der zusehen musste, wie sein Vater den Fernseher in einen Laster verlud, in dem er zukünftig leben wollte.

„So ein Laster“, sagte Herr Zacharias zu seinem Sohn Herr, „ist die ideale Wohnung für einen wie mich, der sich bereits zum achten Mal scheiden lässt. Zukünftig werde ich neben dem Haus meiner Frau parken und werde erst gar nicht mehr zu ihr in die Wohnung ziehen. Das erspart allen viel Ärger.“ Und dann streichelte er seinem Sohn zum Abschied über die linke Schulter, weil es seit langer Zeit Tradition in diesem Vorort war, sich so von seinen Kindern zu verabschieden. Er stieg hinten in seinen Laster und setzte sich vor den Fernseher. Dort blieb er, direkt neben dem Haus, weil er keinen Fahrer gefunden hatte. „Ich werde niemals eine neue Frau finden“, stöhnte er manchmal, „weil ich keinen Fahrer habe, der mein Haus wegfahren kann.“

Und so lebte die Familie Zacharias – trotz Trennung – doch irgendwie weiterhin zusammen, obwohl sich Frau Zacharias bald einen neuen Mann angelacht hatte, ausgerechnet einen, der als Clown beim Zirkus gearbeitet hatte, und der sie mit seinen Späßen vorzeitig ins Grab brachte.

Als ihr Sarg in die Erde hinabgelassen wurde, standen Herr und Herr Zacharias und der Clown davor und konnten es nicht fassen, dass sie ihre Wäsche zukünftig alleine waschen sollten. Und wer sollte kochen? Wer lüften? Eine düstere Zukunft reckte sich über den Horizont und streckte seine Hand nach ihnen aus.

Um nicht ganz verrückt zu werden, stellten sie eine Hausfrau ein, eine, die sich auf das professionelle Zubereiten von Speisen und auf das Bügeln von Hemden verstand. Um sie zu bezahlen, mussten Herr und Herr und der Clown arbeiten gehen. Eine schreckliche Episode im Leben von Herr, war er doch erst vor wenigen Tagen vierundzwanzig Jahre geworden. In einem solchen Alter, das sagten alle Nachbarn, sollte ein Kind noch nicht zur Arbeit gezwungen sein. Und doch musste es Herr tun. So begannen die Überfälle auf Banken, die das Trio durch ganz Deutschland führen sollte. Eine furchtbare Zeit, über die noch zu berichten sein wird.

Geh Vater, ich glaub, jetzt kommts

Als der Karl geboren wurde, haben die Wehen erst eingesetzt, da war er schon längst auf der Welt. Die Mutter wollte sich gerade aufs Entbinden vorbereiten, da verkündete man der erstaunten Frau, sie habe bereits ein Kind zur Welt gebracht. Gerade erst. Vor einer halben Stunde.

Ja, wie? Ja, wo? Ja, was? So ginge es aber nicht, stammelte sie. Nein, nein, nein. Davon habe sie gar nichts mitbekommen. War eben immer schon sehr eigen, die gute Frau. Und weil sie es partout nicht einsehen wollte, dass ihr Kind bereits schreiend auf der Säuglingsstation weilte, ihrer hoffend und harrend, vor allem ihrer Brüste, musste die Geburt Schritt für Schnitt wiederholt werden.

Verblüffte Hausmeister standen um sie herum, weil die Ärzte sich geweigert hatten, einer Irren diesen Gefallen zu tun, und dies trotz der großzügigen Bezahlung durch den Kindsvater.

„Press!“

Und wie sie presste.

„Seht ihr es schon?“, fragte sie zwischenzeitlich nach.

„Den Kopf, ein wenig davon zumindest.“

Die gespielte Entbindung zog sich über fünf Tage hin, das luftige Kind wollte und wollte nicht kommen. Die eine Hausmeistersschicht wechselte sich mit der anderen ab. Getränke wurden ausgeteilt. Einer mit einem kratzigen Dreitagebart trank ein Bier und tätschelte der verzweifelten Mutter die Hand und sagte, sie solle sich nicht so aufregen, es sei eben noch kein Meister vom Himmel gefallen

Ihr Mann nahm es stoisch hin, er zündete der passionierten Kettenraucherin ihre Zigaretten an, die sie – gegen den Rat der Ärzte – selbst in diesem Endstadium der Schwangerschaft massenhaft paffte.

„Noch eine!“, verlangte sie.

Der Vater als Mann des Fernsehens, setzte sich zwischenzeitlich in ihr Zimmer ab. Es gab eine besonders spannende Quizshow, die konnte und wollte er sich nicht entgehen lassen.

In den Werbepausen besuchte er Karl und entschuldigte sich im Stillen bei ihm. Er solle es seiner Mutter nachsehen. Die Zigaretten hätten alles verstopft. Sie habe es nicht so mit dem Denken.

Unten schrie sich die Mutter derweil die schwarze Lunge aus dem Leib.

Der verfluchte Balg wolle sie umbringen. Das sei ein Monsterbaby. Seit drei Tagen nur der Kopf. Das halte ja die stärkste Entbinderin nicht aus. Sie verlange einen Kaiserschnitt. Jetzt, hier, sofort. Sie haben die Faxen dicke. Nicht mit ihr. Sie sei schließlich eine Frau mit einer gewissen Lebensart. Die könne sie nicht seit Tagen schleifen lassen. Sie verlange augenblicklich ihren Wein, die Pfeife. Ja, die Geburt, die scheinbare, sie schlug ihr merklich ins Gehirn.

Bis sie plötzlich keine Lust mehr hatte und erstaunt feststellte, die Augen weit aufgerissen: „Da ist es ja!“ Sie zeigte auf den Fußboden. „Bringt es fort, hoch, ich kümmere mich später darum.“

So kam der Karl laut dem Krankenhaus am Sechsundzwanzigsten um sechs Uhr in der Früh. Laut seiner Mutter aber erst fünf Tage später.

Von nichts hätten die dort eine Ahnung, nicht mal vom Kinderkriegen, geschweige denn vom rechten Zeitpunkt des Auswurfs, erklärte sie ihm später hustend.

„Ein schäbiges Krankenhaus“, sagte sie und ließ sich von ihrem Mann aufs Zimmer führen.

Kurz vor der Tür hielt sie sich den Bauch, sah ihn erstaunt, dann entsetzt an und stöhnte kleinlaut: „Geh Vater, ich glaub, jetzt kommts.“

Die Leser führen Beschwerde

Das ist ja ein ganz schöner Mist. Was ist denn mit dem los? Immer diese Albernheiten in der letzten Zeit. Das hat doch nichts mit Literatur zu tun. Da soll er doch in eine Ecke gehen und sich in den Irrsinn lachen, aber ohne uns, wir haben ja ein Recht auf einen anständigen Text mit ein paar gut gewürzten Ratschlägen drin, die müssen aber richtig formuliert sein, mehr so, wie es ein Mann oder eine Frau geschrieben hätte, Sie wissen schon, was ich meine. Der hat doch schlecht geschlafen, der Textkleckser. Das kann sich keiner mehr antun. Das wird ja schlimmer und schlimmer. Am Ende wird er noch seinen Klobesuch beschreiben, wie er da sitzt und keucht, ja hör mir doch auf, das wär schon ein Ding, da würde mich doch glatt der Affe lausen, wenn das auch noch käme. Viel fehlt nicht, und bei dem Niveau hier, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis er über seinen Stuhlgang schreibt.

Nur, das muss er ja wissen, der Rohm, das haben wir LESER, das hab ich jetzt extra großgeschrieben, in fetten dicken Buchtstaben, wir LESER haben da Besseres zu tun. Wir haben uns doch die Zeit nicht gestohlen. Die müssen wir ja auch zusammenkratzen. Die kommt ja nicht angelaufen und sagt: „Na, willste mich ein bisschen für einen Rohm-Text verschwenden.“ So ist das mit der Zeit nicht.

Man kann doch ein wenig Bildung verlangen, ein wenig Philosophie, die das eigene Leben befördert.

Wenn sich das bei Gelegenheit nicht ändert, lieber Herr Rohm, werden wir auf ein anderes Schiff springen, wenn Sie mir den Vergleich erlauben.

Wollen Sie wissen, wie der Rohm seine Texte schreibt. Da ist gar keine Mühe dahinter. Der tippt einfach alles ab, was ihm in seinen Kopf kommt. So funktioniert die Kunst nicht, die will kunstfertig betrieben werden, mit einem gewissen Talent. Nehmen wir mal die Bücher von Edgar Wallace. Oder die von dem, der die Berge so schön beschrieben hat. Die haben sich auch nicht hingesetzt und gesagt, ich hab Kopfschmerzen, prima,  dann schreib ich das jetzt auf. Da war eine gewisse Mühe hinter der Tat. Die haben sich ihre Köpfe zerbrochen.

Sie nicht, Herr Rohm. Das kann man den Sätzen ansehen. Die sehen aus, als wären sie aus dem Kopf, durch so ein kleines Loch in der Mitte der Stirn, direkt aufs Papier gefallen. Und der Rohm staunt, und denkt, was ist denn das da auf dem Papier. B-u-c-h-s-t-a-b-e-n, buchstabiert er. Ganz verblüfft ist er. Schnell speichern und dann rein in den Blog. Mal ehrlich, Rohm, mal unter uns, so läuft das doch.

Und dafür Millionen kassieren. Lebt in Saus und Braus. Das ist nicht richtig.

Ein Mechaniker schaut sich ja auch nicht den Motorblock an und sagt: „Ich warte, bis was aus meiner Stirn fällt.“ Der muss was machen.

So läuft das, Rohm! Kunst kommt von Küssen. Das weiß doch jedes Kind. KÜSSEN. Ein Künstler wartet, bis ihn die Muse küsst. Wild muss sie ihn küssen, da muss schon mal die Zunge ran, da muss das Worterbrechungsorgan durchgewühlt werden, damit er auf ganz neue Worteinfälle kommt.

Wir erwarten uns also eine gewissen Änderung in ihrem Benehmen. So wird es nicht weitergehen. Auf keinen Fall. Das besiegelt Ihr Ende, Rohm.

Und jetzt zurück an den Schreibtisch. Langsam schreiben, gemächlich. Pro Tag darf höchstens ein Satz entstehen. Sonst ist es keine Kunst mehr.

Danke für ihre Aufmerksamkeit, Rohm!

Der Mann, der kein Flughafen sein wollte

Der Körner wollte es nie.

Landeten unsere Papierflieger auf seinem Grundstück, setzte es Drohungen. Nichts Unbestimmtes, sondern klare Aussagen darüber, was er mit unseren Armen zu tun gedächte, bekäme er sie in seine Hände.

Pranken waren das. Groß wie Klodeckel. (Hans vermutete, dass Körner in einem früheren Leben als Auftragskiller für die Israelis gearbeitet habe. Wir anderen hielten das allerdings für eine überzogenen These, die keiner näheren Überprüfung standhalten würde.)

Mann, konnte der Körner mit seinem Gesicht spielen. Da war alles in Bewegung. Wie auf einem Rangierbahnhof. Oder in der Fußgängerzone an einem Samstag. In der Nähe seines Gesichts hätte ich nicht wohnen wollen. Man hätte keine Ruhe gehabt. Ständig schossen Schweißperlen wie Silberkugeln durch die Gegend.

Wenn er uns in die Finger bekäme, würde er uns schon lehren, was es heißt, Flieger in fremden Gärten landen zu lassen.

Ein Lärm machte der, das war für alle Nachbarn unzumutbar. Selbst die Lastwagen, die durch unsere Straße polterten, übertönte er. Manchmal fuhren sie auch schneller, als hätten sie Angst vor dem Körner.

Einer von den Jungs kam auf die Idee, ihn über Nacht mit derart vielen Fliegern einzudecken, dass er seine Wiese nicht mehr sehen würde. „Soll er doch in einem Meer aus Papierfliegern ersaufen, die alte Sau.“

Aus den Plänen wurde nichts. Und kurze Zeit später gaben wir die Fliegerei dann auch ganz auf. Wir hatten uns dafür entschieden, Fußballprofis zu werden, weil die Verdienstmöglichkeiten weitaus besser waren. Außerdem wurde man für jedes Tor wie ein Halbgott gefeiert, auch wenn das Frau Jakob und ihre kaputte Scheibe zunächst nicht einsehen wollten.

Der Körner schaute uns seit dieser Zeit traurig an. Etwas schien ihm zu fehlen, vielleicht war es die Aufregung um seinen plötzlich von uns nicht mehr genutzten Flughafen.

Später starb er an einem Herzinfarkt. Zur Beerdigung sind wir nicht gegangen.

Es soll überhaupt eine sehr stille Trauerfeier gewesen sein. Er hätte uns eben bei unserer Flughafenarbeit unterstützen sollen.

Die Welt, die noch ohne Farbe auskommen musste

Eine morgendliche Spinnerei

Ein Morgen wie aus einem Schwarzweißfilm.

Wenn ich als Kind vor dem Fernsehgerät meiner Eltern saß, vielmehr lag, denn ich lag seitlich zum Bild auf einem braunen Sofa, das bei jeder meiner Bewegungen wie ein Schweinchen quiekte, sah ich mir mit Bestürzung Nachrichten aus den alten Tagen an, die so weit ja noch nicht zurücklagen, denn am Ende dieser Zeit, die man Kriegszeit nannte, wurden meine Eltern geboren. Ich war nicht über das erschrocken, was mir in den Bildern gezeigt wurde, sondern wie es mir offenbart wurde. Früher, so dachte ich als Kind, muss die Welt schwarzweiß gewesen sein, vielleicht weil die Menschen so viel Schuld auf sich geladen hatten, oder weil keine Farbe für die Welt da war, weil man sie erst viel später fand, in einem Abstellraum der Weltgeschichte.

Ich war mir sicher, dass die Welt meiner Großeltern eine farblose Welt gewesen sein muss, eine, in der das Blut nicht so wunderschön rot schimmerte wie in diesen Tagen. Eine Welt, die nur in Abstufungen von Schwarz existierte, ein helles Schwarz folgte einem noch helleren, bis plötzlich ein Weiß zu sehen war, manchmal ein Weiß, das wie eine Blendung wirkte, sodass man sich die Augen zuhalten musste, wollte man nicht erblinden. Ach, die armen Leute, muss es durch meinen Kinderkopf gerast sein, rund herum um mein Denkzentrum, wie eine Modelleisenbahn, die meine Gedanken wie Wattequalm ausstieß. Damals spielte mein Denken noch mit sich selbst. Es geschah auf eine Art, die ich gerne wieder beherrschen würde. (Ich sagte erst gestern zu meiner Frau: Es geht nicht um eine Art von Fortschritt, sondern um einen Rückschritt. Wir müssen wie Kinder werden. Die Kinder, die wir waren. Dann wird alles gut.)

Die armen Leute, dachte die Modelleisenbahn also in mir, sie hatten nichts, nur Luftangriffe und Entbehrungen, nicht einmal Farbe hatten sie, die muss erst später dazu gekommen sein. Kurz vor meiner Geburt. So könnte es gewesen sein.

Und heute? Ein gräulicher Grautag, einer, der wie altes Spülwasser aussieht, ein Schwarzweißtag, der noch auf seine Farbe wartet. Ich helle den Himmel mit meinen Erinnerungen auf, färbe ihn damit ein.