Der dritte Raum. Eine Wohnungsbesichtigung

Was ist eigentlich die Literatur? Ein Haus, eine Villa, eine Bruchbude? Jedenfalls etwas mit Zimmern. Hochliteratur. Trivialliteratur. Unter dem Dach die Mansardenkabuffs mit den Genres, Krimi & Western & Romance & Vampire. Diverse Tapeten, realistisch und phantastisch, also Rauputz und Blümchen. Verwaltet wird das alles von den Verlagen, Kritiker=Hausmeister irren ruhelos durch die Räumlichkeiten und passen auf, dass auch jeder Satz an seinem Platz ist, die Mieter schön in ihren Zimmern und nicht anderswo. Das also ist Literatur.

Natürlich nicht. Denn manchmal geschieht das Unerwartete, dann schiebt sich ein Raum in den anderen und ein dritter entsteht. Ein Raum aus Wirklichkeit und Phantasie, Poetik und Schund, was auch immer, jedenfalls: Ein Raum, der keiner sein darf. Murren die Kritiker=Hausmeister und die Verlags=Verwalter fügen sich. Was tun? Ausziehen.

Genau das haben die Unterzeichneten getan. Sie haben das Verlagshaus verlassen, sie haben sich ihr eigenes Obdach konstruiert, ein Gebäude, das sie DER DRITTE RAUM nennen. Die Zeit für eine solche Aktion ist günstig, der sogenannte „Markt“ in Aufruhr, die Verlage rat- und planlos, die Möglichkeiten für „Selbstverleger“ verlockend. Gut, wir sind keine Bestsellerautoren, die Auflagen unserer regulär in Verlagen erschienenen Bücher können mengenmäßig mit dem Frust nicht mithalten, der uns regelmäßig heimsucht. Also haben wir schon vor geraumer Zeit damit begonnen, einige unserer Werke selbst aufzubereiten und zu vermarkten. Das geht heute relativ leicht, ohne finanzielles Risiko und, mal ehrlich: Wenig verkaufen können wir auch selbst, dazu brauchen wir keinen Verlagsapparat.

Aber einen „Apparat“ braucht man schon, irgendwie. Deshalb DER DRITTE RAUM, eine Kooperative gewissermaßen, ein Zusammenschluss von Autorinnen und Autoren, die zumeist auch nicht nur ein Zimmer bewohnen, sondern sich irgendwo dazwischen tummeln. Das ist eigentlich auch nur die konsequente Fortsetzung eines Projekts, das wir im vorigen Jahr begonnen haben, [Schundheft!] betitelt, ein Sammelsurium diverser Genres (Krimi, Western, SF, Fantasy], das von AutorInnen unter Pseudonym hingebungsvoll bedient wird.

Wer sich unter die Selbstverleger begibt, kommt darin nicht um, er lernt aber manchmal das Fürchten. Über die vor die Säue geworfenen Perlen (selten), über die dilettantisch zusammengestückelten „Werke“ (des öfteren). Man kommt in Kontakt,  man lernt Leute kennen, die „auch schreiben“, manchmal  nicht schlecht, doch völlig unbeleckt von dem, was man Professionalität nennt. Das ist nicht schlimm. In Verlagen gibt es für so etwas Lektorate und Coverdesigner. Und beim Dritten Raum? Auch.

der-dritte-raum

Neben einem „Verlagsprogramm“ der Beteiligten bieten wir folglich auch „Dienstleistungen“ an: Korrektorat, Lektorat, Covergestaltung, Ebookerstellung etc. Das nicht kostenlos, aber dem Text und dem Grad seiner Bearbeitung angemessen, individuell nach vorheriger kostenloser und unverbindlicher Prüfung. „Unsere“ Autoren zahlen natürlich nichts… wir sind schließlich kein Bezahlverlag, um Himmelswillen…

Also sind wir doch ein Verlag? Ja und nein. Wir veröffentlichen Bücher sowohl in Papier- als auch in digitaler Form. Wir betätigen uns als Trüffelschweine und stöbern junge Talente auf (und sind auch schon fündig geworden!). Wir zahlen Honorare und hoffen, dass wir von dem Geld, das eventuell übrigbleibt, unsere Kosten decken können.  Wir haben uns also entschlossen, in einem Traum zu leben, einem Traum von Selbstbestimmung und Selbstständigkeit, einem Traum mit verkürzter Nahrungskette, bei der wir nicht nur am Anfang stehen, sondern vielleicht sogar am Ende.

Vier Titel hat unser „erstes Verlagsprogramm“: den neuen Kriminalroman von Dieter Paul Rudolph, den dritten Band der inzwischen schon legendären „Tagebücher“ Guido Rohm sowie zwei Schundhefte, Wiener Vampirroman und Kaufbeurer Heimatkrimi. Wenn das keine Wohnung ist, in der man sich wohlfühlen kann.

Sogar unsere >>>>Website läuft bereits, noch nicht ganz bestückt, aber das kommt noch. Wer richtet schon sein neues Heim am Stück ein…

Guido Rohm / Dieter Paul Rudolph

Der Theaterbeschläfer

Lob des Theaterbesuchs (nebst kritischer Anmerkungen)

Ich gehe gerne ins Theater. Dort sitzt man weich. Und man muss den Blick nicht schweifen lassen. Das ist nämlich eine Unart der Moderne, dass man den Blick schweifen lassen soll, weil immer überall etwas los sein könnte.

Im Theater ist nur vorne etwas los. Seltener im Magen des Nebenmannes, der selbstverständlich, weil ich ein politisch korrekter Mann bin, auch eine Frau sein kann, eine Nebenfrau also, die man nicht haben sollte, liebt man seine Frau ehrlich und aufrichtig.

Erlischt das Licht, hebt sich der Vorhang, beginnt die Vorstellung. Fortan versinkt man im Dunkel des Zuschauersaals. Man wird nicht beobachtet. Man ist frei.

Ich nutze die Stunden, die ich im Theater verbringe, um zu schlafen. Schon Claus Peymann sagte im Angesicht der Aufführungslänge des Sportstücks von Elfriede Jelinek, dass der Theaterschlaf einer der gesündesten sei. Er empfahl ihn ausdrücklich. Und wer bin ich, dass ich einen solch großen Mann des Theaters, der selbstverständlich, wir beachten die politisch korrekte Beschreibung, auch eine Frau sein könnte, kritisieren würde.

Schläft man erst, ist darauf zu achten, dass man den Schlaf des Nebenmanns, der Nebenfrau nicht stört. Keine lauten Schnarcher also. Das schickt sich nicht. Man muss den Schlaf beherrschen. Es sind die großen Schlafkünstler, die im Theater gefragt sind.

Während auf der Bühne gelogen, betrogen, getötet und geliebt wird, entspannt man sich einmal recht von den Sorgen und Nöten des Alltags.

Man kann abtauchen, um sich aus dem Leben in die Scheinwelt der Träume zu stehlen.

Ein gutes Stück erkennt man an seiner Länge. Unter vier Stunden mache ich es nicht. Sonst komme ich am Ende aus dem Theater und bin nicht ausgeschlafen. Und dann?

Die Stirn in Falten, so durschreitet man die Straßen. Wird zum Stein des Anstoßes. Nein, nicht mit mir.

Ist das Stück beendet, schrecke ich in die Realität zurück. Ich reiße die Augen auf und lasse es mir, war der Schlaf erholsam, nicht nehmen, meine Hände durch fortwährendes Klatschen in Mitleidenschaft zu ziehen.

Sollte ich allerdings noch Müdigkeit in meinen Knochen verspüren, kann es geschehen, dass ich nach einer Zugabe verlange.

Ob ein Theaterbesuch ein Erfolg wird, hängt vor allem an einem selbst.

Spät in der Nacht liege ich oft wach, und denke an den Abend zurück, der mir nun, da ich ausgeschlafen habe, die Nachtruhe raubt. Und ein wenig, ich gestehe das gerne ein, sehne ich mich nach den Zeiten zurück, da es noch keine Theater gab. Zeiten, in denen die Menschen noch miteinander schliefen. Doch es scheint mir, dass diese Form der Moderne nicht mehr zu stoppen ist.

Es war meine Mutter, die bereits Wert darauf legte, dass ich nicht zu oft vor einer Bühne saß. Sie verteufelte alle, die ihre Kinder in den ersten Reihen eines Theaters absetzten, um sich ihren eignen Interessen widmen zu können.

Wie so oft, ging auch ich in die Falle und verfiel dem Medium Theater. Ganz süchtig bin ich danach. Ein Verfallener, wie meine Mutter solche Leute zu nennen pflegte.

Wie auch immer, das Theater ist nicht aufzuhalten, denn der Mensch hat sich längst daran gewöhnt, seinen Schlaf vor diesem Beruhigungsmittel zu finden.

Und bis es soweit ist, dass man Theaterbühnen erfunden hat, die man ins heimische Schlafzimmer stellen kann, werde ich weiterhin fleißig der Bühne die Treue halten.

Ehrenwort!

Mittwoch

Ich bin vom Heuschnupfen geplagt. Es ist eine verfluchte Quälerei. Und ist der Sommer erst vorüber, befällt mich meist eine Erkältung. Ich bin unentwegt am Niesen. Naseputzen ist für mich die normalste Handlung der Welt. Ständig zücke ich eines meiner Taschentücher, groß wie Tischtücher, um meinen Naseninhalt in selbiges zu entleeren. Ströme ergießen sich aus meinen beiden Nasenlöchern, die wie Löcher in einem Berg sind, durch den ein geheimer Fluss fließt. Es kommt mir vor, als sei mein Kopf nur geschaffen worden, um all die Flüssigkeiten, die ein Zuhause benötigen, für eine kurze Zeit zusammenzuhalten. So erfahren sie, was es bedeutet, wenn man eine Heimat hat. Wenn auch nur für kurze Zeit. Das Flussbett ist kein Ort des Schlafs, der Ruhe. Unablässig rennt sein Bewohner. Ein Gehetzter.

Seien wir mal ehrlich: Rotz hat es auch nicht einfach. Erst wird er gebildet, also geboren, schon muss er aus dem Haus, in dem er sich wohlfühlte, in dem er so ausgelassen lebte und tanzte, in die weite Schneeunendlichkeit eines Taschentuchs ziehen. Ein Verlorener, dem nichts erspart bleibt. Ein Getriebener, der im Taschentuch bleibt, bis er eintrocknet wie eine Pflaume, der dort verharren muss, bis man ihn im Müll entsorgt.

Stofftaschentücher gibt es kaum noch. Alles in der Welt ist darauf getrimmt, dass man es wegschmeißt. Wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Das ist so traurig, man müsste, besäße man noch eine Seele, weinen. Wir werfen Bälle weg, uns, wenn wir einen guten Witz gehört haben, die Packungen, in denen unser Essen wohnte, die Tempos, die Mitmenschen. Es ist grauenhaft, nicht zum Aushalten.

Und auch an diesem Morgen liegen wieder diverse Papiertaschentücher neben meiner Tastatur, wie abgestürzte Vögel liegen sie dort, tot, ausgenutzt, dem Himmel fern, der ihnen eine bzw. meine Nase war. Zusammengekrümpelt wie ein mit einem schlechten Text beschriebenes Papier.

Wäre es nicht an der Zeit, Beerdigungsriten für Taschentücher einzuführen? Gönnen wir ihnen das tiefe Grab, den langen Abschied. Lassen wir sie hinab, während wir am Rand des Loches stehen, in dem sie verschwinden werden. Ein letzter Gruß. Ein letzter Griff an die Nase. „Leb wohl, oh mein Taschentuch.“ Und Tränen werden rinnen, nach denen es uns so lange schon verlangte. Wir werden sie mit einem neuen Taschentuch vom Gesicht wischen, mit einem, das ein Bruder oder eine Schwester ist. Denn sie alle sind miteinander verwandt. Sollte es einen Himmel geben, wird es auch einen Ort für all die missbrauchten und erniedrigten Taschentücher geben. Ich bin mir sicher. Es muss so sein. Sie werden auf ihren Wolken sitzen und nach oben sehen, hin zu Gott, der für sie ein großes Taschentuch ist.

Guten Morgen, Welt!

 

Dienstag

Während in England ein Baby zur Welt gekommen ist, habe ich schlecht geschlafen. Ich habe das Bett wie der Bauer den Acker durchpflügt, ohne zu säen allerdings. In dieser Nacht war Erntezeit. Ich habe das Unwohlsein des Körpers aufgenommen und in der Hand gewogen. Ich habe es für schlecht befunden. Und jetzt?

Ganz ehrlich, am liebsten würde ich mich übergeben. Keine Ahnung, was da los ist! Es könnte sein, dass ich etwas „falsches“ gegessen habe. Ein halbes Rind, nachher noch einen eingelegten Auerhahn. Ich höre schon die Meckereien der Leute, die mich vor meiner Maßlosigkeit warnen wollen.

Alle großen Schriftsteller waren maßlos. Sie haben gesoffen, gebetet, gefressen, als ob es kein Morgen geben würde. Klar. Das hat gar nichts damit zu tun, ob man Schriftsteller oder Müllmann ist. Es hat damit zu tun, ob man sich im Griff hat. Und im Griff, das muss ich mal auf das Tablett eines solchen Tagebuchs legen, habe ich mich überhaupt nicht.

Viel lieber lasse ich mich mir entgleiten. Ich rutsche mir am liebsten durch die Hände. Nur um zuzusehen, wie ich am Boden aufpralle und in tausend Stücke zerspringe. Anschließend lese ich mich auf.

Und das, heute wird es schwierig, passen Sie also auf, tue ich im wahrsten Sinne des Wortes. Ich liege im Bett oder auf dem Sofa und lese mich auf. Ich versuche mich in einem Roman zu finden. Irgendwo dort draußen ist ein Buch, das meine Geschichte erzählt. Ausgerechnet meine. Das ist verrückt. Das ist der Wahnsinn! Wie konnte das Roth wissen? Updike? Ich lese wie im Fieberwahn. Ich gesunde durch die Krankheit des Lesens. Und dann? Ein Wunder ist geschehen. Ich bewege meine Füße, meine Beine. Ein Wunder! Ich kann laufen. Dank eines Romans, der mir eine Geschichte schenkte, meine Geschichte, kann ich wieder laufen.

Und weiter geht es. Maßlos leben. Wieder lasse ich mich durch meine Finger gleiten. Das alte Spiel. Ein Unbelehrbarer!

Guten Morgen, Welt!

Montag II

Die Sonne ist zurück. Ein Comeback der Extraklasse! Da steht sie und reißt ihre strahlend-goldenen Arme empor. Wer hätte das gedacht?!

Ich nicht. Ich habe den ganzen Tag im Schatten gelegen, unten im Kohlekeller und habe über die Kohle nachgedacht. Über den Geldfluss sozusagen. Wo geht die Kohle hin? In was wandelt sie sich, wenn wir sie erst verfeuert haben?

Sind wir doch mal ehrlich: Im Grunde haben wir alle zu viel Kohle. Wir stopfen unsere Bettdecken damit aus, weil wir den Banken nicht mehr trauen. Wir kaufen uns unsinnige Dinge wie Deo- und Motorroller davon.

Ich habe dem Heizer gesagt: „Pass ja auf meine Kohle auf! Ich habe sie gezählt! Sollte ein Stück fehlen, dann gnade dir Gott!“

„Das wär ja prima“, sagte er. „Auf die Gnade Gottes spekuliere ich schon seit Jahren!“

Der Heizer ist ein unanständiger und dreckiger Mann, der seine Frau, wie er mir erzählte, im Nachbarkeller kennenlernte. Sie ordnete gerade die Einmachgläser nach ihrer Größe, da sprach er sie unzüchtig von hinten an.

Die Tage in der Villa verfliegen wie Sand im Stundenglas, das Gevatter Tod einem am Ende seines Daseins überreichen wird; manchmal verfliegen die Tage auch wie Pollen, die einen zum Niesen bringen oder wie Vögel, die sich in der Gegend geirrt haben. Es ist kaum auszudrücken, obwohl ich für meine bildhaften Vergleiche berühmt-berüchtigt bin.

Guten Abend, Welt!

Das Büffet

Die Welt ist ja kein Zuckerschlecken. Das weiß man ja. Da muss man nur die Tageszeitungen studieren. In denen steht alles, was einem den Tag versauen kann. Darum soll es jetzt nicht gehen. Sondern über das Büffet.

So ein Büffet ist ein prima Angelegenheit, wenn man es für sich alleine hat. Aber wehe, der Mensch bekommt eine Konkurrenz. Einen Mitesser kann man nicht gebrauchen. Und ehe man sich versieht, hat der die Töpfe, aus denen man sich eben noch nähren wollte, geleert. Bei einem stark frequentierten Büffet, da heißt es, schnell sein, sonst hat sich die Heuschreckenplage aus Tischnachbarn bereits bedient. Hat alles kahl gefressen, um es deutlich zu schreiben. Und dann hat man das Nachsehen. So ein Büffet kann zu einem alttestamentarischen Desaster geraten, wenn man sich nicht beeilt. Drum muss man auch mal mit der Gabel zustechen können. Das ist kein Verbrechen, sondern eine unbedingte Notwenigkeit. Bei einem Büffet geht es um die Arterhaltung des Selbst. Benimm ist da zweitrangig. Für den kann man sich nichts kaufen, und satt macht er auch nicht.

Man muss den Eingang im Auge behalten. Wenn sich eine Schulklasse anschickt, das Restaurant zu betreten, sollte man keine Zeit verlieren. Rasch muss man mit einem Teller (leer) zum Büfett stürmen und aufladen, um den Teller (überfüllt) am Tisch abzustellen. Ruhe sollte man sich keine gönnen. Teller um Teller müssen zum Tisch, bis man der Meinung ist, die gehamsterten Speisen stellen die kläglichen Reste des Büffets in den Schatten. Aber Vorsicht! Es könnte in der Folge geschehen, dass man ihren Tisch mit dem Büffet verwechselt. Geschieht dies, dürfen sie spucken, treten, beschimpfen. Man muss den Leuten manchmal lautstark klarmachen, dass ihnen jegliche Form der guten Kinderstube abgeht. Dass hier Diebstahl vorliegt. Mundraub!

Sind wir doch mal ehrlich. Ein Büffet, das ist Krieg. Nur der Starke wird sich durchsetzen und satt werden. Der Schwache wird einzelne Nudeln erhalten, ein Stück Zwiebel. Das war es dann.

Es geht dabei um eine Art des kulinarischen Darwinismus. Es sind nur wenige, die von der Vorsehung dazu auserwählt wurden, dem Büffet seine Schätze abzutrotzen. Der Rest schaut in die leeren Töpfe.

Ein leerer Topf, der ist ein Symbol, der sagt etwas über den Zustand des Büffets aus, über das Restaurant, die Küche.

Wer sich zum Essen vom Büffet entschließt, der muss schließlich wissen, auf was er sich einlässt. Auf Krieg nämlich, totalen Krieg.

Das ist doch kein Kindergeburtstag, so ein Büffet, sag ich immer. Das Büffet ist für den gemacht, der Hunger hat, und für den, der weiß, wie man eine Gabel in einem Auge versenkt, der weiß, wie man mit einem Steakmesser wirft.

Da kann man nicht nachher kommen und sich beschweren. „Ich wollte doch nur … mit meiner Familie … und so!“ Ja, was bilden die sich denn ein?! Am Ende kommen noch die Alten und Kranken und wollen von einem Büffet essen. Und dann?

Nein, nein, nein, meine Damen und Herren, ein Büffet, das ist für den Soldaten unter den Gourmets erschaffen worden. Ein Büffet, das ist der Schlachtplatz des Dickbäuchigen, des Ausgehungerten.

Das Büffet, das ist der letzte Ort, an dem der Fresser noch ungehindert Fresser sein kann.

In diesem Sinne: Mahlzeit!

Shit happens!

Geht die Tür auf, sehe ich Füße. Zwei von ihnen. Sie schlurfen. Manchmal tippeln sie auch.

Ich häng hier die meiste Zeit rum. Hab ich mir nicht selbst ausgesucht, es wurde mir aufgedrückt. Nennt es Schicksal, Karma, Kismet.

An meine Geburt kann ich mich nicht erinnern.

Meine Kindheit verbrachte ich in einem Großhandel. Dort hat es mir gefallen. Es war eine Menge los. Die Leute strömten an mir vorüber. Sie nahmen mich in die Hand, besahen mich, prüften mich mit abschätzenden Blicken. Unterhielten sich über mich. Mein Körper ist aus Plastik. Manche sagten, ich würde nicht lange durchhalten. Anderen gefiel meine Hautfarbe nicht. Damals wusste ich von Rassismus noch nichts.

Irgendwann wurde ich gekauft. Heute denke ich anders darüber. Damals war ich glücklich. Ich dachte, jetzt geht es los. Ich gehe auf Reisen. Sehe etwas von der Welt.

Oh nein! Sind wir doch mal ehrlich. Ich lebte auf einem Sklavenmarkt. Ich war ein Kerl, dessen Hautfarbe nicht allen passte, und der auf einem Sklavenmarkt verkauft wurde. Man nahm mich nicht wegen meines Charakters. Man erwarb mich, um mich zu benutzen.

Was soll ich mehr erzählen? So etwas nennt man Pech. Ein Scheißleben ist das! Erzählt mir nichts über Gott. Es kann ihn nicht geben. Würde es ihn geben, könnte er das nicht zulassen, nicht das, was mit Millionen von uns geschieht.

Inzwischen habe ich mich abgefunden. Mit allem. Mit dem Unweigerlichen. Du kommst gegen deine Bestimmung nicht an. Nicht, wenn du nur so klein wie ich bist. Bin ein Zwerg, der sich nicht wehren kann.

Sie sitzen neben mir, die Menschen meine ich. Singen manchmal. Lesen in Büchern. Die Männer tun Dinge mit ihren Schwänzen, über die ich nicht reden möchte. Es beschämt mich. Obwohl ich es nicht sehen will, bin ich dabei. Ich höre ihr Keuchen, wenn sie es tun. Das Vibrieren ihrer Oberschenkel. Ich bin derjenige, den sie benutzen, um Reste ihre Ejakulats zu entfernen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn man sie greift, wenn man sie an ihren Füßen nimmt und kopfüber in eine Toilettenschüssel stößt, um die Reste fremden Kots und andere widerliche Dinge zu entfernen?

Betrachten Sie es aus meiner Warte. Nehmen Sie meine Sicht ein. Das wollen Sie nicht? War mir schon klar. Ich habe nichts anderes erwartet.

Gespräche sind hier kaum möglich. Ich kann mich mit mir unterhalten. Mit meinem Spiegelbild, das ich ihm Porzellan schimmern sehen kann. Die Selbstgespräche erschöpfen mich. Ich kenne die Antworten auf meine Fragen. Ich weiß, was ich als Nächstes sagen werde. Das langweilt. Ich will dieses Leben nicht mehr. Ich habe es satt. Es macht mich krank.

Wer weiß, was sie mit mir tun werden, wenn sie genug von mir haben. Wenn sie eine andere Bürste als die bessere erachten. Sie werden mich nehmen und wegwerfen. Einfach so. Ich werde in einem Müllbeutel landen. Das habe ich nicht verdient.

Ich habe mich für sie aufgeopfert. Ich habe meinen Kopf für sie hingehalten. Für den Scheiß, den sie angerichtet haben. Da müsste man doch bitte sehr etwas Dankbarkeit erwarten dürfen. Ein klein wenig zumindest. Eine Andeutung davon. Nichts davon wird geschehen.

Ich muss versuchen, die Zeit, die mir noch bleibt, zu genießen. Muss sie sinnvoll nutzen. In meinem Kopf stauen sich die Gedanken. Stets kopfüber. Das bringt den stärksten Mann irgendwann um. Das müssten die mal machen. Dann wüssten sie, was es heißt, eine Klobürste zu sein.

Die machen es sich einfach. Hocken sich neben mich und verpesten meine Umwelt. Manche saugen es ein. Sie genießen ihren Gestank. Ich kann es hören. Perverse! Mir fällt kein anderes Wort für sie ein.

Ich muss in einem früheren Leben ein Massenmörder gewesen sein. Einer, der alles falsch gemacht hat. Und der nun für seine Verfehlungen büßen muss.

Ich muss jetzt aufhören. Besuchen Sie mich doch wieder mal. Eben kommt einer, der es besonders eilig hat. Sie wollen nicht  wissen, was gleich geschehen wird. Sie wollen es nicht sehen. Nicht fühlen. Nicht riechen. Sie wollen nichts damit zu tun haben. Nicht damit, und nicht mit mir.

Das ist mein Los. Das ist mein Leben. Aber was soll ich machen? Ich habe nur dieses. Da ist kein Ersatzleben. Sollte ich für mein nächstes Leben einen Wunsch äußern dürfen, werde ich darum bitten, dass man mich als Mensch auf die Welt kommen lässt. Die haben es gut, die Menschen. Auf alles scheißen, um den Mist anschließend mit dem Kopf vom einem Kerl zu entfernen, den mal nicht mal kennt, den man auch nicht kennenlernen will. Es ist der Typ, der neben der Kloschüssel rumlungert und darauf wartet, missbraucht zu werden. Sprechen wir es doch aus, laut aus: Vergewaltigung. Jetzt ist es draußen. Jetzt ist es ausgesprochen. Ich bin ein Vergewaltigungsopfer, einer, mit dem sich nicht mal der dreckigste Penner, der irgendwo aufzutreiben wäre, den Arsch abputzen würde. Ich bin es nicht wert, weil ich sie anekle. Sie tun so, als ob man einen Wert für sie hätte. Aber in Wirklichkeit warten sie nur auf den bestimmten Moment nach ihrem Geschäft, um mich zu greifen und zu missbrauchen.

Jetzt werden Sie verstehen, warum ich nicht mehr will. Warum ich es satt habe. Warum ich ein echter abgefuckter Selbstmordkandidat bin.

Wir müssen abbrechen. Mein Besucher kommt ins Schwitzen. Er kommt zur Sache. Er lässt alles raus.

Gehen Sie, so gehen Sie doch, schnell, verlieren Sie keine Zeit.

Denken Sie darüber nach, was ich Ihnen heute erzählt habe, darüber, was Sie hören mussten. Gehen Sie raus und erzählen Sie es aller Welt. Gründen Sie eine Bewegung. Befreien Sie uns.

Vergessen Sie niemals, es gibt Millionen, Milliarden von uns dort draußen. Irgendwann werden wir uns erheben. Wir werden nicht immer hinnehmen, was ihr uns antut.

Noch können Sie sich entscheiden, auf welcher Seite Sie stehen wollen, wenn der Krieg Bürste gegen Mensch beginnt. Und glauben Sie mir. Wir werden gewinnen. Warum? Weil wir die Hölle bereits gesehen haben. Wir haben kopfüber in ihr gesteckt. Mit unseren Körpern. Unseren Seelen. Wir sind die, die wissen, was es heißt, Scheiße fressen zu müssen.

Denken Sie über alles nach. Und entscheiden Sie sich. Ich bin hier. Sie könnten sagen, Sie haben Magenschmerzen. Kommen Sie rein und teilen Sie mir mit, auf wessen Seite Sie zukünftig stehen werden.

Ich renn nicht weg. Ich warte.

Und jetzt raus!

Der Herr Vogel

Nichts gegen einen Vogel. Nur muss der jetzt schon wieder auf meinem Dach sitzen. Das ist doch keine Art. Ich lauf ja auch nicht auf seinem Nest umher und kack. Da würde der aber fein in die Gegend schauen, der Vogel, wenn ich plötzlich … Sie wissen schon … unerhört! Zumal die Auswahl ja riesig ist. Kann der sich nicht z.B. auf dem Flachdach der Georgs entladen. Die haben mehr Geld als unsereiner zur Verfügung. Aber nein, der Herr Vogel muss sich ausgerechnet mein Dach aussuchen, wo es jetzt schon wie auf einem modernen Kunstwerk aussieht.

Ich bin als Freund der Natur bekannt, aber mal ehrlich: so einen Vogel sollte man abschießen, damit er mal zur Besinnung kommt, der Herr Vogel.

Königsmacher

Das Dschungelcamp ist beendet. Nicht, dass ich das je gesehen habe. Da können Sie meine Frau fragen. Die Nachbarn. Jeden. Die werden ihnen alle bestätigen, dass ich kein solcher bin, der sich so etwas ansieht. Man hat ja Kultur. Aber jetzt, da es nicht mehr läuft, und unsereiner wieder den Fernseher anschalten kann, ohne Angst zu haben, auf seinen gebildeten Augen blind zu werden, können wir ja einmal darüber reden, denn wie ich gehört habe, über Dritte, so vom Hörensagen, auch wenn man sich da nie sicher sein kann, weil die Leute ja immer viel reden, die kommen aus der Tratscherei gar nicht mehr raus, wenn man sie nicht hin und wieder mal bremst, die Leute, wo war ich?

Ach ja, beim Dschungelcamp.

Jetzt soll ja dieser Joey gewonnen haben, der einen Namen wie eine Pizza-Kette hat, die es bei uns mal gab, die aber schon längst pleite gemacht hat, dieser Joey, nicht die Pizza-Kette, soll also gewonnen haben, sprich Dschungel-König geworden sein, und dies, so wie man hört, auch wenn ich es nicht weiß, trotz seines eingeschränkten Bildungsniveaus, was gut sein kann, denn im Dschungel braucht es eben ganz anderer Talente. Da musst du nichts über Wagner, nicht die Pizza-Firma, und auch nichts über Goethe und Schiller und all die anderen, die uns allen ja so selbstverständlich von den Lippen gehen, als wären man mit denen höchstselbst befreundet gewesen, von denen musst du nichts wissen, weil es im Dschungel wichtiger ist, dass du weißt, wie man ein Feuer macht. Oder wie man ein Wildschwein mit den bloßen Händen fängt. Überleben muss man, und es sind nicht, da sind wir jetzt mal ehrlich, es sind nicht die Opernbesucher, die im Dschungel überleben würden, sondern eher die Typen, die einen Namen haben wie ein Pizza-Lieferservice, der alle paar Wochen pleite macht. Wer überlebt, der denkt nicht lange nach, weil er nicht fackelt, der bringt die Spinne mit seinem Daumen um, ohne es bemerkt zu haben.

Nicht, dass ich etwas über das Dschungelcamp wüsste, weil es ja auf RTL läuft, und wir bei uns, da gibt es quasi nur ARTE und 3sat, Adorno und ja. Aber man soll sich ja auch mit den quasi Volksgütern beschäftigen, denn wer dem Volk aufs Maul und so, Sie wissen schon.

Ich bin ja keiner der abgehoben ist, nur ein Niveau, das hat man sich behalten. Alles muss man seinen Augen nicht antun, sonst verblödet man, blind wird man.

Dass es eben ganz anderer Voraussetzungen bedarf als der Kultur, um König zu werden, das wollte ich erzählen. Ja.

Rechtenschaftsbericht

Jetzt haben die Rechten, wie man so hört und liest, Schulden beim Staat, sogar beim Bundestag. Ja, was soll man da sagen? Das ist alles nicht so einfach, wie sich das der Durchschnittslinke in seinem besetzten Haus vorstellt.

Und so ein paar Unregelmäßigkeiten in einem Rechenschaftsbericht, die können schon mal vorkommen. Wo der Bericht noch nicht mal richtig ausgezeichnet war, und zwar als Rechtenschaftsbericht, in dem man ehrlich von seinen ganzen nationalen Machenschaften und Umtrieben berichten darf.

Und wie an 1,27 Millionen kommen? Da müsste man erst ein paar Länder überfallen, um die nötigen finanziellen Mittel zu erbeuten. Und das muss doch jedem klar sein, dass man von heute auf morgen nicht mehr, wie das mal war, seinen Blitzkrieg abziehen kann. Dann noch die „Sonderbelastung“ durch den drohenden Verbotsantrag, wo doch die Rechten ihren rechten Arm geben würden für ein Verbot aller, die sie kritisieren. Nun sollen sie verboten werden, was sich, so ihr Beschluss vom letzten Reichsparteitag, von selbst verbietet, denn wer soll denn sonst auf Dauer alle anderen verbieten. Völlig unlogisch, lachen sich die Rechten ins Fäustchen, bevor sie wieder in so einem Migrationsgesicht landet.

Nicht, dass man für Gewalt wäre. Das liegt nicht an ihnen. Das sind die Gesichter, die in ihre Fäuste laufen.

Geschichte, so haben sie gelernt, ist das, was man daraus MACHT.