Zum Tod von Philip Seymour Hoffman

Filmstills

1.) Erwachend. Am Morgen. Sein Blick in den Spiegel. Den Anderen erblicken. Das Ich, das fremde Wesen. Spiegel als Paralleluniversum. Wer erwacht? Wer steht auf? Der dort? Ich? Wer ist das? Abtasten. Mit dem eigenen Blick im Abbild stochern. Suchtsuche. Versuch, sich einzuklammern. Sich nicht zu verlieren. Entdeckungsfahrt der Augen. Augenblicke.

2.) An der Frühstückstheke. Verschwindend. Ein Mann, der sich in seiner Haut unwohl fühlt. Der seine Brille auf die Nase drückt, als müsse sie in der Haut verschwinden. Das Berühren des eigenen Gesichts als Selbstvergewisserung, dass es ihn noch gibt. Das Berühren des Selbst. Das Ich muss abgetastet werden. Der Finger liest es, ohne es zu verstehen. Das Ich als unübersetzbarer Text. Die Hoffnung, nicht zu verschwinden. Einen Sinn entdecken.

3.) Der Kopf gesenkt. Die Augen in einer undefinierbaren Tiefe. Als würden sie etwas suchen. Eine Antwort. Als würden sie vor den  Augenblicken fliehen. Blick als Fluchtbewegung in die Statik des Bodens. Bodenlose Tiefe wird vermieden. Wegsehen. Absehen. Eintauchen ins Nichts des Ablebens. Angst vor dem Tod. Eine Angst, die lähmt, die lebensunfähig macht. Die eine Leichenstarre zeugt. Ein Blick, der sich an Dinge klammert, um nicht zu ersaufen.

4.) Ausbruch. Aufbegehren. Im Angesicht seiner Tochter, die er in einem Glaskasten findet. Die Tochter als Ausstellungsstück. Schauspiel als Peepshow. Kunst als Verkaufsobjekt . Die Erkenntnis des Verlusts. Die Hände schreien. Der Mund schreit. Der Körper schreit. Der Aufschrei: „Das ist meine Tochter!“ Ungehört verhallt er. Körperlichkeit. Unendliche Körperlichkeit. Schmerz als Fühlmittel. Ohnmächtigkeit dem Leben gegenüber.

5.) Leben als Kunstwerk. Um zu verstehen, was man tut. Die Wiederaufführung des Gelebten. Kunst als Blick auf den Boden, als Tasten im Gesicht, als Versuch, die Welt zu lesen. Hoffnung, zu verstehen.

6.) Am Ende der Tod, auf den wir alle zurasen.  Keine Hoffnung. Keine Übersetzbarkeit der bodenlosen Tiefen. Dafür eine Bodentiefe, die vom eigenen Sarg gefüllt wird. Nichts. Abblende.

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Mittwoch II

Der Sommer ist zurück.

Da steht er, ein Muskelprotz, den man nicht übersehen kann. Strahlendes Lächeln. Sonnenblumengelbes Haar. Die Zähne gebleckt. Und alle sitzen sie auf ihren Terrassen, den Balkonen. Sonnenbrillenbewaffnet starren sie ihn an. Jede Sekunde wird er hinabsteigen, er wird Autogrammkarten verteilen, einen Film drehen. Sie werden ihm eine Serie geben, werden ihn vom Koks abhängig machen. Nutten werden ihm zugeführt. Und er wird es genießen, wird sagen: Ja, ich bin es, der einzigartige Sommer.

Die Zeitungen werden ihn preisen, bis sie die Schnauze voll von ihm haben. Er sei gar kein richtiger Sommer. Sei ein Altweibersommer, einer, der es den alten Schreckschrauben besorgen könnte, nicht aber den jungen, den ausgehungerten Frauen. Die bräuchten – bitte sehr! – etwas mehr. Den harten Sommer, den langen Sommer. Den Sommer, der es bringt. Den Steher. Der mit dem Ständer, der sie alle um ihren Verstand vögeln würde. Einen Südseesommer, einen kubanischen Sommer. Einen Sommer, der sein Leben noch vor sich hat.

Nicht dich!, werden sie rufen. Du bist eine Null. Du bist der, dem der Winter folgt. Der Winter hängt dir bereits im Gefieder. Du hast den Herbst deines Lebens bald schon erreicht.

Und er, der Altweibersommer, der es noch einmal wissen wollte, wird sich in ein Motel zurückziehen. Er wird sich an sich selbst betrinken. Wird sich im Spiegel betrachten. Wird sehen, dass sie recht haben. Er wird am Ende sein. Er ist ausgebrannt.

Er wird sich verkriechen unter dem Bett, er wird vor den grauen Tagen fliehen, die ihn einholen werden. Sie zerren ihn hinaus. Sie werden ihm eine Kugel verpassen. Eine kleine, zärtliche Kugel.

Und während er stirbt, während das Blut ihn verlässt, wie ihn alle verließen, wird er von seiner Zeit träumen, von seinem Sommer, in der Gewissheit, dass im nächsten Jahr seinem Nachfolger dasselbe Schicksal droht.

Guten Abend, Welt!

Samstag II

Samstags sind meine Jungens da. Tolldreiste Burschen, die ihr Handwerk des Unruhestiftens bei Gerold Sansmann, dem uneingeschränkten Meister dieser Disziplin, erlernten. Sansmann, der in den Jahren 1968 bis 1972 die Bundesrepublik in Atem hielt, indem er unter anderem der Springer-Presse einen Spiegel vorhielt, der exakt von dreißig Mann gehalten wurde, die in eisiger Kälte ausharren mussten, bis alle Springer-Mitarbeiter ihres traurigen Spiegelbildes ansichtig geworden waren, starb vor etwa drei bis sieben Jahren. Sansmann war es auch, der sich des Verdachts der Schälerei aussetzte, als er verbotenerweise drei illegal erworbene Fabergé-Äpfel schälte, von denen bis heute behauptet wird, es hätte sie nie gegeben.

Die Jungen, die nichts über Sansmanns Vergangenheit wissen, toben derweil unbeeindruckt von den Tobsuchtsanfällen der weltpolitischen Lage durch unsere siebzehnstöckige Villa. Gut so. Dies ist kein Totenhaus.

Donnerstag

Raus aus den Federn. Ich bin als Schnellaufsteher in den 70ern zu einiger Berühmtheit (New York, Paris, Madrid) gelangt, von der ich noch heute zehre. Die Pokale stehen alle fein säuberlich auf einem Regal über meinem Bett. Sie haben die unangenehme Eigenschaft im Morgenlicht zu glitzern, sodass es zu unkontrollierbaren Reflexionen kommt, Blitzen, die mich aus meinem Schlaf reißen würden, wäre ich nicht schon längst wach. Dabei sitze ich um diese Uhrzeit bereits neben dem Bett und lache mich schlapp über die laserartigen Strahlen, die sich in mein Kissen bohren. Dampft steigt auf. Ich bin jedes Mal verwundert, zu was Sonnenlicht alles fähig ist, das auf einen Pokal auftrifft, um von dort auf den Spiegel umgeleitet zu werden, der es anschließend gebündelt auf mein Bett schießt. Als Strahlenkanonier (in den späten 80ern, kurz nachdem ich mein afrikanisches Kiosk aufgab), weiß ich um die Kraft von Licht, das gebündelt zum Einsatz kommt. Während des Schauspiels rauche ich eine Partagas No. 4 und lasse mir den Nacken kraulen.

Es wird heute zu einem Ausflug kommen, zu einem geplanten Ausbrechen aus den heiligen Dichterhallen. Wir werden uns ins Weltgeschehen stürzen. Die Kinder laufen bereits laut quakend treppauf, treppab, während die Dienerschaft unsere Kutsche belädt, die uns nach Frankfurt bringen soll.

Heureka, das wird eine Fahrt. Wir werden das großstädtische Häusergewimmel in den nächsten zwei Wochen erreichen, zumindest versicherte mir dies der feist dreinblickende Kutschbockwart. Er entspricht ganz der Gesinnung, die man benötigt, um unentwegt Pferde zu peitschen. Grobschlächtig im Aussehen, erinnern seine Hände an Fässer. Sein Kopf ist eine Explosion, deren Sprengung in vollem Gang zu sein scheint. Die Haare wirken wie eine sich ausdehnende Supernova. Seine Stimme muss durch einen eigens an seinem Hals baumelnden Antiverstärker gedrosselt werden, um uns nicht in den Wahnsinn zu treiben.

So, jetzt muss ich los.

Guten Morgen, Welt!

Montag

Das Tagebuch ist dazu da, dass man alles in es hinein schreibt, was einen bewegt. Die tiefsten Gefühle sollen gebannt werden. Es geht darum, sich und die Zeit, die man durchlebt, einzufrieren.

Stößt man z.B. mit dem rechten Fuß gegen eine Mülltüte, sodass sich der Inhalt in die Küche ergießt, ist dies, während die Frau sich darum müht, den Unrat in die Tüte zurückzustopfen, aufzuzeichnen. Es muss im Tagebuch erwähnt werden, weil sonst dieser Moment für alle Zeiten verloren wäre. Eine schreckliche Vorstellung, die keine Realität werden darf.

Auch der Stuhlgang ist zu beschreiben (siehe meine Abteilung „Mein täglicher Stuhlgang im Spiegel der Weltpresse“). Da ich die Nachrichten, die aus aller Welt eintreffen, täglich auf dem Lauten Örtchen (in den Wänden sind Lausprecher befestigt, aus denen Machine Head und Slipknot dröhnen, um Laute, die wiederum ich verursache, zu übertönen) studiere, kommt es unweigerlich zu einem Vergleich der dargebrachten News mit meinem Stuhlgang (Zäher Artikel, flüssige Sätze, geschmeidiger Stil usw.).

Das Tagebuch ist (neben dem Roman) der Allesfresser unter den literarischen Formen. Man kann ihn mit seinem Schluckauf füttern, mit Beschimpfungen, man kann Rezepte einbauen, einen Satz von Müller oder Simmel, noch etwas Drogen obendrauf, und schon ist der Cocktail, den wir LEBEN nennen, fertig.

Nehmen wir den heutigen Morgen als Beispiel. Ich erwachte in der Unkenntnis geschlafen zu haben, bis mich meine Frau darüber aufklärte, indem sie mich anrief: „Erwache, Wohlgesinnter!“

Erstaunt öffnete ich die Augen. „Ja, was denn?“ Ich blickte sie entsetzt an. „Habe ich etwa geschlafen?“

Sie nickte und sagte: „Und nicht eben wenig. Du hast“, sie blickte auf ihren Handradiowecker, der sich doch etwas arg exzentrisch an einem so schmächtigen Ärmchen ausnimmt, „exakt acht Stunden, drei Minuten und sieben Sekunden geschlafen.“

„Nein!“

„Doch!“

Derart feixten wir noch eine Weile, bis ich mir mein Tagebuch bringen ließ, um diese einmalige Szene augenblicklich für die Nachwelt aufzubewahren. Es wird wunderbar für die Nachgeborenen sein, wenn sie mein Tagebuch aufschlagen, um sich in eine Welt fallen zu lassen, die mit so wunderbaren menschlichen Zwischenspielen angefüllt war, dass die Zukünftigen sich wie eine verrottete, erbärmliche, niederträchtige Ausgabe des Homo Rohmulus vorkommen müssen.

Aber jede Zeit hat eben ihre großen Geister.

Guten Morgen, Welt!

Sonntag II (Befindlichkeitszwischenbericht)

Ich bin müde! Das kommt vor, wenn man schon um 9.00 Uhr aufsteht. Das soll man lassen. Es zerstört den Teint. Und das will ich nicht. Ich achte sehr auf mein Aussehen. Ich lasse mir die Augenbrauen zupfen. Jeden Tag ein anderes. Wir bewahren sie in einer Streichholzschachtel auf, um sie den Kindern, sind sie im rechten Alter für einen solchen Anblick, zu zeigen.

Um wach zu werden, trinke ich meinen berühmten Möwenshit-Kaffee, der auf Sylt geerntet wird (siehe alte Einträge zum Thema). Die Pflücker dort werden fair bezahlt. Ich habe es im Fernsehen gesehen. Spiegel-TV berichtete darüber. Die Pflücker haben alle eine eigene Villa und leben in Saus und Braus. Sie lassen keine Party aus. Auch wenn sie auf dem Festland stattfindet. In einem solchen Fall engagieren sie Aushilfspflücker, die sich um die anstehende Arbeit kümmern.

Ich lebe sowieso politisch korrekt. Keine Bananen. Keine Drogen. Und ich halte Frauen die Tür auf.

Dies nur als Befindlichkeitszwischenbericht.

Montag

Ich beginne den Tag grundsätzlich mit einer Pfeife, die von vier, fünf Leuten gehalten werden muss. Das ist gar nicht so unkompliziert, wie es sich im ersten Moment anhört. Die drei ausgebildeten Stopfer haben eine Menge zu tun und leben äußerst gefährlich. Es kommt schon mal vor, dass einer von ihnen in den Pfeifenkopf fällt und spurlos verschwindet. Und dann? Eine Menge Geschrei! „Mann über Pfeifenrand!“ Sofort wird der eine oder andere Suchtrupp losgeschickt, um den Verschollenen aufzuspüren. Ich sitze derweil da und studiere die Fernsehzeitung. Das ist nicht einfach, bei dem doch eher fragwürdigen Programmangebot. Mein Seitenumblätterer Jorge, ein guter Mann aus Zürich, beobachtet genaustens mein Gesicht, um die Anzeichen abzulesen, die ihn seinen Finger anfeuchten und die Seite umschlagen lassen. Werbung vertrage ich gar nicht. Von der bekomme ich Ausschläge. Widerlich, was die einem heute alles verkaufen wollen. Kleine Kinder auf einer Schaukel. Frauen mit einem Springseil. Der Menschenhandel sollte verboten werden, aber die Regierung unternimmt nichts.

Wenn ich genug von der Morgenzeitung und der Pfeife habe, kann es sein, dass ich meinen Morgenmantel glatt streiche. Immer so von oben nach unten, damit keine neuen Falten in das Gewand geraten. Morgenmantelstreichen … Ha! Das hat schon mein Vater, der berühmte Busfahrer, gemacht. Saß da und strich sich den Morgenmantel gerade, bis man ihn, ohne ihn aufhängen zu müssen, in die Ecke stellen konnte.

Und nach dem Morgenmantelstreichen? Meistens schicke ich die Pfeifenjungs nach Hause und hau mich noch eine Runde aufs Ohr. Oder ich schreibe einen kleinen Artikel für die FAZ oder die TAZ oder den Spiegel. Leserbriefe sind wieder im Kommen!

Meine Frau Beate (Name geändert) ist ebenfalls eine Frühaufsteherin. Sie raucht zum Glück keine Pfeife. Das würde hier sonst etwas eng.

„Moin!“ sage ich zärtlich zu ihr, wenn sie in ihrem Nachthemd wie ein Nachtgespenst vorüberhuscht!

Weil sie ein Morgenmuffel (korrekt muss es Morgenmuffelin heißen) ist, grüßt sie mich nicht. Sie hat jeden Morgen schlechte Laune, ich bin das schon gewöhnt.

„Ja, ja“, sage ich dann. „Du und deine schlechte Laune, ihr wart auch schon mal besser gelaunt!“

Der Witz zieht nicht, egal wie oft ich ihn erzähle. Ich konzentriere mich weiter auf meinen Artikel für die FAZ oder TAZ oder den Spiegel. Das Ding muss heute noch unter den Bericht über den amerikanischen Geheimdienst. Ich schlage darin vor, dass sich alle Beteiligten des Abhörskandals bei mir treffen, um mal – Karten auf den Tisch – über alles zu sprechen. Offen und ehrlich. Mal sehen, was die vom Spiegel zu meinem Artikel sagen werden.

Guten Morgen, Welt!

Sonntag

Ich habe mich entschlossen, zukünftig nur noch Gedichte zu schreiben. Das geht schneller. Und man muss noch weniger nachdenken. Man setzt sich gelangweilt vor die Tastatur und tippt. Wichtig ist dabei, dass man so oft wie möglich einen Zeilensprung einbaut. Auf diese Art habe ich gestern 700 Gedichte geschrieben, da ist also ein ziemlich fies-fetter erster Band zusammengekommen. Wenn ich heute ein paar Überstunden schrubbe, kommt noch das eine oder andere Büchlein dazu, und schon habe ich meine ersten Gesammelten Gedichte in 100 Bänden fertig. Vielleicht schreibe ich nachher auch noch ein Theaterstück. Einfach den Gärtnern und Putzfrauen lauschen, ihren Gesprächen, alles aufschreiben, und schon kann ich ein Drama an Claus (Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich Claus Peymann) schicken, damit er es mit seinem Ensemble uraufführt. Titel für die Stücke klaue ich mir ganz Helenemäßig (Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich Helene Hegemann) aus dem Netz oder von anderen Autoren, so könnte ich mein erstes Stück „Warten auf den Kaufmann von Venedig“ nennen. Oder ich nehm mir eine Spiegel-Schlagzeile, etwa diese: „Barfuß zum Sieg“. Geht doch!

Ich sitze also bereits wieder lachend mit einer Partagas No. 4 in meiner Villa und sinne darüber, wie meine nächste literarische Karriere verlaufen wird. Kann man den Büchner-Preis eigentlich zweimal verliehen bekommen? Den Nobelpreis sollte ich ganz Sartreartig (Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich Jean Paul Sartre) ablehnen, das hebt mich von dem Einerlei der Annehmer ab. Überhaupt, diese ganzen Literaturpreisannehmer, die sollten erst einmal einen Welterfolg wie „Dreiviertel meiner Hose hängt unten“ Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich der Roman „Dreiviertel meiner Hose hängt unten“ von Hans I. Glock) schreiben, bevor sie einen Preis annehmen.

Wir haben heute Sonntag. Normalerweise würde ich heute nichts schreiben, weil meine Villa aber einen neuen Anstrich braucht, werde ich die Gedichte und Theaterstücke raushauen; wenn dann noch Zeit ist, packe ich auch noch einen Roman drauf. Mal sehen.

Ich bin ja übrigens, kleine Anmerkung meiner inneren Redaktion, von einer echten Gräfin oder Herzogin nach Heidelberg (oder Hildesheim) eingeladen worden, um dort eine enorm wichtige Rede über ein paar Kollegen von mir zu halten. Aber ich habe mich dagegen entscheiden, weil es dort a) keinen Swimming-Pool im Saal gibt und weil ich b) meinen siebzehn Söhnen aus den ersten zwanzig Ehen versprochen habe, mit ihnen das Champions-League-Finale Dortmund gegen Bayern (Dortmund wird laut meiner Informanten 2:0 gewinnen) anzusehen. Nichts gegen ein gepflegtes Gespräch über meine Bücher, aber die Jungs gehen vor.

So, jetzt bist du auf dem neusten Stand, Welt!

Guten Morgen!

Die Welt ist ein Wald aus Augenblicken

Ich sitze hier, denkt er, und starre die Wand an, und auch das ist das Leben, auch das ist Lebenszeit, wenn ich an einem Tisch sitze und warte, wenn ich im Bett liege und warte, wenn ich im Zug sitze und den Schaffner schon sehe, und nach meinem Ticket greife, und warte, das ist ja auch alles Zeit, denkt er und sieht sich im Spiegel an, sieht sich an, was ihn von dort ansieht, und er fragt sich, bin das ich, oder ist das ein anderer. Und weil er keine Antwort weiß, bekommt er Angst, und er blickt fort, hinaus aus dem Fenster. So viele Augenblicke, denkt er, die niemand etwas bedeuten, nicht einmal mir, der sie vergisst, weil es zu viele sind, weil man sie nicht alle aufbewahren kann, weil sie nichts bedeuten, obwohl wir nicht wissen, ob sie etwas bedeuten, oder nichts bedeuten. So viele Augenblicke, die in ihrer Summe unser Leben ergeben, bis zu dem Augenblick, in dem wir sterben. Und er weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll, also blickt er weiterhin aus dem Fenster, vor dem andere Leben ihre Augenblicke sehen. Die Welt ist ein Wald aus Augenblicken.

Jetzt bin ich krank

Jetzt bin ich krank. So unendlich krank. Die Nase läuft über. Ich zieh Schleimspuren durchs Zimmer. Da muss man vorsichtig sein, sonst rutscht man auf denen aus. Zack! Schon liegt man, Bein gebrochen, und das nur, weil ich die Nase nicht halten konnte.

Den Nachmittag habe ich mir zerlegen, in kleine Portionen habe ich ihn gelegen, mal auf der rechten, mal auf der linken Seite.

Unterbrochen wurde ich nur von mir. Da niest man sich wach, dass man keine Freude dran hat.

Überhaupt, wenn ich mir im Spiegel begegne, bekomme ich einen Riesenschreck, weil da die pure Röte durchkommt. Die Nase sieht aus, als hätte ich sie mir schlagen lassen. So etwas könnte auch vom jahrelangen Alkoholkonsum kommen. Schnell gerät man in eine Beweisnotsituation. Von Amazon hab ich auch was verlinkt, da muss ich mich nicht wundern, wenn mir heute Abend noch einer die Scheiben einwirft.

Scheißtag!

Einst

Madame konnte sich genau erinnern, wie sie als Kind von den anderen geärgert wurde. Die hatten es auf ihren Hut abgesehen, den sie von einem französischen Modemacher geschenkt bekommen hatte.

„Da, der steht dir gut“, hatte Pierre Valentin zu ihr gesagt und ihr seine neuste Kreation auf das dicke Haupt gestopft. Dann war Valentin mit ihrer Mutter lachend in einem Sportwagen davongefahren. „Ich melde mich!“, hatte die Mutter noch gerufen.

Madame hatte den versprochenen Anruf nie erhalten. Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf, die sie über die Männer aufklärte. „Allesamt Schweine, die man aufhängen sollte. Einst wird es eine Revolution geben. Wir werden die Männer aus den Häusern zerren und sie einen Kopf kürzer machen. Es wird uns dann gut gehen. Außerdem werden wir alle solche Hüte tragen. Darf ich einmal.“ Die Großmutter, der ein Speichelfaden seitlich aus dem Mund hing, griff sich den Hut von Pierre Valentin und stolzierte mit ihm vor dem Spiegel auf und ab. „Der steht mir!“, rief sie. Wegen des Hutes wurde sie von einem bekannten Charmeur eingeladen, der sie nach Belgien entführte. So war Madame wieder allein. Die Männer hatten ihr Leben wieder zerstört.

Mit Schaum an den Lippen saß sie fortan auf dem Spielplatz des Waisenhauses und schwor sich Rache. Sie würde nicht eher ruhen, bis ihre Seele Ruhe hatte. Außerdem wollte sie ihren Hut von Pierre Valentin zurück.

Sie lernte ihren Mann im Waisenhaus kennen. Er kümmerte sich um das Laub, das herumlag. Nur vordergründig. Hintergründig war er der gemeinste Verbrecher, den das Universum je gesehen hatte.

„Ich bin Arthur Bardot“, stellte er sich breitbeinig vor.

„Und ich bin Madame“, erwiderte Madame, die nie um eine Antwort verlegen war.

Sie küssten sich hinter dem Sandkasten, dort wo die Büsche beginnen, die im Sommer Schatten spenden.

„Ich werde dich entführen“, sagte Bardot.

„Nicht heute. Heute gibt es mein Lieblingsgericht. Aber morgen hätte ich Zeit.“

So geschah, was geschehen musste. Sie heirateten in einer kleinen Kapelle. Bardot bedrohte den Priester mit vorgehaltener Waffe.

„Trau uns, Schuft!“

Die Trauung verlief tränenreich. An den Wänden waren Heilige, die ihnen zusahen. Sie waren nur aufgemalt. Sahen aber lebensecht aus. Auch der Heiland sah zu.

„Tut das nicht weh?“, fragte Madame den Priester und zeigt auf den Gekreuzigten.

„Der ist nur aus Holz.“

Madame verstand nicht, warum die Menschen einen Holzkopf verehrten. Sie ließ die Kirche nach der Trauung von Bardot schänden. Sie sprangen lachend hinaus und fuhren mit einem gestohlenen Cabrio in den Sonnenuntergang.

„Ich bin so glücklich!“, rief Madame.

„Gut“, sagte Bardot.

Er schwieg für etwa fünfzehn bis siebzehn Sekunden, dann fuhr es aus ihm aus: „Du musst aber auch für mich kochen.“

Dieser Satz besiegelte sein Ende.

Der gefährlichste aller Gegner

Wenn ich etwas an meiner Ausbildung nicht mochte, waren es die Hausaufgaben. Stundenlang saß ich vor den Heften und malte kleine Männchen auf die Seiten. Manche der Männchen wurden gekreuzigt. Vor den Kreuzen standen andere Strichmännchen und zeigten auf die gekreuzigten Strichmännchen. Sie sprachen über sie. Ergingen sich in Gerüchten, übten sich in übler Nachrede. Viele lachten auch.

Aus dem Himmel kam eine Sprechblase, in der zu lesen war: Ruhe da unten!

Lehrbücher über Weltrettung und Bombenbau lagen wild verstreut in meinem Zimmer und ließen sich nicht zähmen.

Schickte mich Falsch-Papa zum Lernen hinauf, verzog ich den Mund. Ich muss wie eine Karikatur ausgesehen haben. Ich übte oft vor dem Spiegel, damit ich grausam oder gleichgültig dreinschauen konnte.

Schritt für Schritt schleppte ich mich die Treppe zu meinem Zimmer hinauf, das mir zum Inbegriff meines verschlossenen Wesen wurde.

Die Falsch-Eltern konnten klopfen wie sie wollten, ich ließ mich nicht von ihren Fingerknöcheln erweichen. Ich saß auf meinem Bett und lauschte dem Pochen meines Herzens, den Blutbahnen, die unablässig ihre kleinen Passagiere durch meinen Körper transportierten. Ich wollte mir selbst genug sein.

Ich übte mich in der Kunst des Selbstgesprächs, fabulierte mit Lust über das Fensterbrett, brachte mich mit gewagten Thesen zur Geburtenkontrolle in Bedrängnis, feuerte mich beim Anfeuern an und stritt mit mir über die Gefahren des Selbstgesprächs. Ich bekam gar nicht mehr genug von mir, sodass ich eines Tages den Entschluss fasste, ich müsste mich von mir trennen, wenn das mit uns nicht noch ein böses Ende nehmen sollte.

Klammheimlich packte ich einige mir wichtige Dinge in ein Betttuch, verschnürte es und seilte mich aus dem Fenster ab. Ich hätte mir beinahe ein Bein beim Aufprall gebrochen, wäre ich nicht glücklicherweise auf unsere Katze gefallen, die meinen Sturz dämpfte.

Es gibt bis heute viele Gegner, die ich fürchten muss. Aber der gefährlichste aller Gegner wohnt in mir.

Darum bin ich auf der Hut vor mir. Jeden Tag meines Lebens.

Wie man nicht schreiben sollte

Nicht mit dem abgespreizten kleinen Finger. Die Leser sitzen aufrecht, mit durchgedrücktem Rückgrat. Fühlen sich nicht besonders wohl. Sie rutschen, auch wenn es unbemerkt bleiben soll, auf ihrem gepolsterten Stuhl hin und her, räuspern sich, wagen aber nicht zu fragen, wann das Ganze hier ein Ende haben wird.

Die Kronleuchter laden ein, den Schliff der baumelnden Steine zu bewundern, das Licht, das sich ununterbrochen tausendfach bricht. Eine solche Dauerbewunderung erschöpft Nacken und Augen. Nach einer Weile schielt man sich wieder auf die Fingernägel. Wehe, es finden sich Schmutzpartikel darunter. Das könnte einen Rüffel mit dem Lineal nach sich ziehen. Schmerzschreie sollten, so verlangt es die Etikette des Textsalons, wohl artikuliert und überlegt daherkommen.

Bitte keinen fahren lassen! Das stört die Atmosphäre. In diesen Kreisen scheißt man auch nicht, spricht aber darüber, wenn auch nur sinnbildlich.

Der Tisch ist nicht zum Abstellen gedacht. Er ist Zierrat wie alles andere. Dinge gibt es hier nicht aus praktischen Gründen, sondern der ästhetischen Betrachtung wegen. Füllwörter sind strengstens verboten, obwohl man sich die Dinger seit Jahren in die Unterhose und an andere Stellen stopft, wo sie wärmen und Muskeln imitieren sollen. Einen großen Schwanz eventuell auch.

Wird man in die heiligen Hallen der Edelliteratur geführt, dann von einem ausladenden Prolog, der nur die Ouvertüre für einen schier endlosen Besuch ist. Die Zeit vergeht nicht. Sie tickt sich in einem Meer aus Uhren zu einem Brei, der allmählich zu einem langgezogenen Dauerton gerät. Zeit verrinnt nicht. Sie flutet den Text, bis man darin ersäuft. Geschieht dies, wird auf Noah verwiesen, darauf, dass man hier einem Zitat in die Falle gegangen sei. Man hätte es ja erkennen können.

Der Untergrund ist ein Spiegel, wie alles ein Spiegel in diesen Zimmern ist. Man sieht sich als der, der sich beim Sehen der Selbstbetrachtung beobachtet. Ganz kirre wird man von den vielen Ichs, denen man dort begegnet. Die Räumlichkeiten wirken dadurch stets überfüllt. Die eigene Stimme verhallt, verebbt, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Man verliert sich.

In alle Himmelsrichtungen weisen Türen, hinter denen sich Räume befinden mit Türen, die in alle Himmelsrichtungen zeigen.

Fenster gibt es auch. Selbstverständlich sind sie groß, zumindest sind sie hoch, wenn auch nicht unbedingt breit. Man – wen wundert das jetzt? – spiegelt sich in ihnen, entdeckt im eigenen Spiegelbild auch Büsche und Bäume, die fein geschnitten, Teil einer minutiös durchgeplanten Parkanlage sind. Im Park (um dies zu bemerken, muss man am Fenster verweilen) flanieren Herrschaften mit Perücken, unter Sonnenschirmen, damit ihr sorgsam gepflegter Blassteint keinen Schaden nimmt. Derart bestückt lustwandeln die Gartengäste (verkleidetes Personal?) durch das eigene Gesicht. Man kann sie, stellt man sich neben uns auf, unseren Gesichtern ablesen.

Derweil wird auf einem Marmortisch Tee serviert, den man nicht bestellt hat. Nebliger Dampf wabert, steigt aus den Tassen auf, suggeriert er doch eine Hitze, die, führt man die Tasse an die Lippen, nicht zu finden ist. Lauwarm ist er, wie alles hier lauwarm ist. Die Innenraumtemperatur ist ebenso lauwarm wie die Außentemperatur, befindet man sich doch in einem wohltemperierten Weltgebäude. (Geschissen wird hier, um das Thema zu reanimieren, nirgends, nicht in die Kamine und nicht unter die Treppenaufstiege, weil Notdurft etwas ist, was in diesen Kreisen nicht praktiziert wird. Man entleert sich nicht, weil Leere grundsätzlich bestritten wird. Sie ist im großen barocken Plan dieses Hauses nicht vorgesehen. Die Vorsehung spielt keine Rolle. Die Verwirklichung schon. Man verwirklicht sich und den Tisch, die Geländer sind verwirklicht, auch die Löwen, die als steinerne Warnung das Anwesen vor Ungemach schützen sollen.

Entkommt man der zelebrierten Schönheitslangeweile, schlüpft man, sich einen nahezu unsichtbaren Schweißflaum (ist doch Schweiß eine verbotene körperliche Notdurft) von der Oberlippe wischend, in die Nacht, hoffend, bald auf ein Wirtshaus, ein Bordell zu stoßen, irgendein Etablissement, in dem geschissen und gehurt, in dem geschrieben wird, wie man es von seinen eigenen Lippen lesen möchte, dann liegt der Flucht – so die Herrschaften des Hauses – eine fehlende Entwicklung zugrunde.

Egal. Draußen ist draußen.

Nicht anders will man lesen, wie man auch gelebt hat. Angefüllt mit Ängsten, Lüsten, Sehnsüchten, Plänen, mit einem Arsch in der Hose, einer geballten Faust in der Tasche. Und schon stürzt man in die Hölle eines solchen Textes. Wild geht es her. Es wird gestochen und gefeilscht, es wird gebrochen und verheizt. Wein läuft über das Kinn.

Leben, denkt man noch, kann so lebendig sein.

Der Rest ist Schreien.