Techniken des Schreibens

„Technik ist für einen Schriftsteller ein unabdingbares MUSS. So schreibe ich, um mich zu üben, mit geschlossenen Augen. Oder ich springe aus Flugzeugen, um, während ich mich im freien Fall befinde, ein Gedicht zu formulieren. Hin und wieder schreibe ich gar ohne die gewohnten Schreibwerkzeuge, indem ich Texte mit meinen Fingernägeln in die Rinde von Bäumen ritze. Der Schwierigkeitsgrad kann nie hoch genug sein. Man sollte auch im Antlitz der Armut schreiben, um der Realität so den einen oder anderen Satz abzutrotzen. Aber nicht nur die Orte sind wichtig, sondern auch die Uhrzeiten. Lassen Sie sich von ihrer Frau zu den unmöglichsten Zeiten – etwa am frühen Vormittag – aus dem Schlaf reißen, um ohne Umschweife eine Kurzgeschichte zu sticken. Ich wiederhole: Technik ist ein unabdingbares MUSS!“

„Eine wunderbare Übung, nicht für jedermann geeignet, schon gar nicht für den gemeinen Selfpublisher oder andere Gelegenheitsautoren, ist es, sich wie ein Kreisel zu drehen. Man dreht sich in etwa so an die zwei bis drei Stunden, so lange zumindest, bis einem speiübel ist, bis sich, verharrt man, alles weiterdreht. In diesem Zustand versucht man nun zu einem Schreibtisch zu gelangen, um rasch-rasch einen Roman zu tippen. Lässt der Drehwurm, wie das gemeine Tierchen, das den Kreislauf so in Mitleidenschaft zieht, nach, hat er also seine Arbeit eingestellt, dreht man sich von Neuem. Dies ist eine Übung für den fortgeschrittenen Schriftsteller in den mittleren Jahren, der sich vorstellen kann, in Kürze den Welt-Literaturpreis oder gar den Literaturnobelpreis zu gewinnen.“

Aus Urs Schliepers „Techniken des Schreibens“, Schriften aus dem Nachlass

Auszüge aus dem Werk des unvergesslichen Urs Schlieper

„Unser erster Tanz im Jenseits. Ich führe sie, muss aber vorsichtig sein, sie nicht zu verlieren. Wir Toten sind nicht ganz bei uns. Ruckzuck hat man den einen oder anderen Knochen in der Hand. Unsere Blicke sind luftig. Sieht sie mich an? Sieht sie mich nicht an? Und die Erotik bleibt auch auf der Strecke. Wir sind längst nackt, abgenagt bis auf die Knochen.“Aus Urs Schliepers Erzählung „Knochentrocken, die Alte – Eine Liebesgeschichte ohne Liebe“

„Schriftsteller kennen keine Gnade. 1993 schrieb ich eine SF-Geschichte, die von einer Gruppe von Schriftstellern handelt, die den Kampf gegen den Konsum, den erbärmlichen, aufgenommen haben. Sie dringen in Warenhäuser ein, metzeln alle nieder, Frauen, Kinder, es ist grauenhaft. Sie errichten ein Literaturregime, wie es schrecklichlicher nicht sein könnte. Nichtautoren werden in Zuschauerlager verfrachtet, um dort auf Großbildschirmen den Lesungen der Schriftsteller beizuwohnen. Am Ende fressen sich die Schriftsteller gegenseitig auf, weil jeder der beste Autor sein will. Die Geschichte wurde – Sie ahnen es bereits – bei allen Magazinen abgelehnt.“ – Urs Schlieper in seiner Autobiografie „Erdleben der Stärke 0“

„1992 schrieb ich eine bis heute unbekannte Geschichte über Einbrecher in Hochwassergebieten. Titel: Die Eintaucher. Sie handelt von Herbert W., der, nachdem er arbeitslos wird, an eine Bande von Verbrechern gerät, die weltweit in Hochwassergebieten in die Häuser einbrechen. Sie tauchen durch die Wohnungen und klauen alles, wirklich alles, weil es so leicht zu transportieren ist, bis sie schließlich ganze Häuser stehlen, um sie auf dem Schwarzmarkt zu Geld zu machen. Als die ersten Käufer erkranken, kommt man ihnen auf die Spur. Berühmter Satz des Polizisten Kies: „Das ist hier ja alles verschimmelt.“ Herbert W. hängt die Badekappe an den Nagel und flieht nach Osnabrück. Ja, ich erinnere mich gerne daran. Ich schrieb sie während einer Hitzewelle, um mir auf diese Art ein wenig Abkühlung zu verschaffen.“ – Urs Schlieper in seiner Autobiografie „Erdleben der Stärke 0“ 

 

Gort – Ein Autor für alle Fälle

Eine kleine Literaturgeschichte

1.

Am Anfang steht der Wunsch. Dieser eine Wunsch. Da kann Gort noch nicht mal richtig lesen. Klein wie eine Maus ist er. Aber der Wunsch ist da. Schriftsteller will er werden. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern der Schriftsteller, den alle lesen.

Gort steht im Wohnzimmer seiner Eltern. Auf seinen wackeligen Füßen steht er. Wie eine Blume im Wind. Würde man zu fest blasen, seine Haare würden in alle Himmelsrichtungen davongetragen.

Im Fernsehen kommt ein Bericht über Unseld. Über die Gruppe 47. Über Grass. Wichtig sehen sie alle aus. Sie rauchen, drum, so beschließt Gort augenblicklich, wird auch er dereinst rauchen. Nicht wenig, sondern viel. Massen! Ein Kettenraucher wird er werden. Einer, der die Zigaretten an einer Kette um den Hals trägt. Und dann kommt eine nach der anderen dran. Eine nach der anderen. Ein Kettenraucher eben.

Seht (was nur geht, wenn dies ein Film wäre), wie Gort Richtung Fernseher wippt. Füße vor. Füße zurück. Wie ein Schaukelpferd. Gort wippt sich zum Bildschirm hin, bis er ihn berühren kann. Er kann die Kraft spüren. Ein Knistern in den Fingern. Er weiß, er ist ein Gesalbter.

Vater spürt die Heiligkeit des Augenblicks. Er springt auf, nein, das macht er nicht. Er lässt sich von Mutter aus dem Sessel helfen. Sie befreit ihn daraus wie aus dem Kelch einer fleischfressenden Pflanze. Nach oben in die kühleren Luftschichten zieht sie ihn. Hält ihn, damit er nicht fällt. Zum Fallen neigt er. Vater ist ein Baum, der, wenn er steht, immer gerade gefällt wird. Sie hilft ihm zum Plattenspieler, damit er den Moment musikalisch untermalen kann.

„Jetzt, wo der Junge ENDLICH weiß, was er werden will, sollten wir ein Stück von Roger Whittaker spielen. Abschied ist ein scharfes Schwert vielleicht.“

Welch eine Familie. Da stehen sie und lauschen der Stimme Rogers. Sie sehen Gorts Zukunft bereits vor sich. Es wird alles kommen, wie er es sich vorgenommen hat, so hofft er. Er wird eine Lehrerin heiraten. Wird zur Gruppe 47 eingeladen. (Die es damals schon längst nicht mehr gibt.) Er wird einen ersten Riesenerfolg schreiben. Danach noch einen. Und noch einen. Der Büchnerpreis. Am Lebensende der Nobelpreis.

So und nicht anders verlaufen deutsche Karrieren. Man muss es nur wollen.

2.

Der Wille. Er kommt als nächstes. Der Wille kann alles verändern. Der Wille unterscheidet den Menschen vom Ding. Wäre der Stein mit einem Willen ausgestattet, er würde sich aufheben, um fortan als Waffe Gesichter zu verunstalten. Vielleicht. Wer kann schon wirklich wissen, was Steine tun würden, hätten sie einen Willen. Es könnte auch sein, sie würden liegenbleiben.

Aber Gort ist mit einem unbändigen Willen ausgestattet. Er und sein Wille sind eins. Sie verwachsen. Gort wird zum Willen schlechthin.

Während die anderen Kinder mit den Fahrrädern durchs Viertel jagen, stemmt Gort seine ersten Bücher. Noch sind es keine Romane, sondern Comics. Täglich werden es mehr. Unzählige Asterix-Bände lässt er von seinem Vater, der ihn trainiert, auflegen.

Bereits in den frühen Morgenstunden joggt er nach Frankfurt. Später wird es Berlin sein. Hin zum Suhrkamp-Haus. Damals will er noch ein bedeutender Autor werden. Das wird sich ändern.

Er steht vor dem Verlagsgebäude und heult wie ein Wolf. Er raucht. (Bereits in diesen frühen Jahren raucht er Kette. Ist eine ausgeraucht, greift er rasch, die Hand zittert dabei, nach der nächsten. „Wer nicht raucht, der schafft es niemals“, hat ihm sein Vater hustend erklärt.)

Nachmittags schmuggelt ihn Vater in eine Schlachterei, damit er auf Schweinehälften einprügeln kann. Der Rocky-Film ist gerade in aller Munde. Alle wollen sie so sein. So wie Rocky. Auch Gort. Und wie Rambo. Den darf man nicht vergessen. Eine ganze Generation wächst mit dem Wunsch heran, eine Wunde am Arm zu haben, die man mit Nadel und Faden vernäht. Näherarbeitsplätze laufen über. Alle Jobs besetzt. Die Branche boomt.

Ein typischer Morgen im Leben des Nochnichtganzautors Gort sieht folgendermaßen aus: Sein Vater weckt ihn mit einem Eimer eiskalten Wassers.

Das Wasser ergießt sich über sein Gesicht, über die Bettdecke. Alles ist eingeweicht. Es ist fürchterlich. Keine Zeit, um langsam oder allmählich zu erwachen. Du schreckst auf. Bist sofort da. Die Gegenwart beißt dich in dein verfluchtes Gesicht, das sticht, als hätte man tausend Nadeln in ihm versenkt. Tausend und mehr Nadeln gleichzeitig. Stell dir das vor. JETZT!

Der Vater kennt keine Gnade.

„Du willst der Beste werden?“, schreit er Gort an.

„Ja.“

„Ich kann dich nicht hören.“

„Ja, Sir!“

„Bist du ein Näher oder ein Autor?“

„Ein Autor, Sir!“

„Dann lauter!“

„Ich bin ein Autor!“

„Was?“

„EIN AUTOR!“

So geht es hin und her. Oft stundenlang. Vater schleift ihn. Drillt ihn. Er peitscht ihn mit einer Bibel-Ausgabe aus den Laken. Raus in die Morgenluft. Kein Frühstück. Das ist für Schwächlinge. Gort muss rauchen. Kaffee trinken. Das Frühstück der Schriftsteller. Alkohol kommt später. Eine Alkoholsucht gehört dazu. Und nicht nur die, sondern auch eine Koks- und eine Heroinsucht. Alles muss er mitgemacht haben. Er muss die Pforten der Wahrnehmung durchschritten haben.

„Und ziehen!“, schreit Vater.

Gort nuckelt an der Zigarette, bis es dem Vater reicht. Er ist wütend. Sauwütend.

Der Vater schüttelt den Kopf. „Aus dir wird nie ein guter Autor. Sieh dich an, wie du rauchst. Wie ein kleines Mädchen. Das ist erbärmlich. So erbärmlich.“

3.

Der Vater unterrichtet den Sohn selbst. Keine Schule. Sie fahren mit einem Wohnwagen durchs Land, stets auf der Flucht vor dem Schulamt, der Polizei, Anwälten.

Angst, lehrt der Vater seinen Sohn, sei ein guter Lehrmeister. Angst und Entbehrungen. Das Leid habe all die großen Schriftsteller erst geformt.

Gort wird mit Mädchen zusammengebracht. Wieder und wieder verliebt er sich. Wieder und wieder wird er enttäuscht.

„Große Romane entstehen aus Liebesleid“, sagt der Vater, der die Mädchen bezahlt und ihm zuführt.

Sie fahren einige Wochen mit, sitzen mit am Tisch, wenn Gort alles über Dostojewski und Nabokov lernt, halten Händchen mit ihm, laufen mit ihm abends im Sonnenuntergang, schmiegen ihre Wange an seine. Sie schwören ihm ewige Liebe. Schreiben ihm Briefe, die er beantwortet. Die Briefe sind Arbeiten, die der Vater benotet.

Größer und größer wird die Last auf den Schultern des jungen Mannes.

Eines Tages bricht er vor einem Supermarkt heulend zusammen. Der Vater schreit auf. Begeisterung. Sein Sohn befinde sich kurz vor dem Ziel.

Sie schleifen Gort in den Wohnwagen, schicken seine momentane Liebe nach Hause zurück und verabreichen ihm zum ersten Mal Drogen.

4.

Drogen. Sie werden sein neuer Heimathafen. Sein Dach, unter das er sich vor den Unwettern des Lebens zurückzieht. Der Vater experimentiert mit den verschiedensten Substanzen, bis er auf ein aus einer Alge gewonnenes Rauschgift stößt: BLUE DREAMS.

BLUE DREAMS macht melancholisch. Es fördert die bipolare Störung.

„Genau das, was du als Schriftsteller brauchst“, sagt der Vater.

Sie fahren über abgelegene Fernstraßen. Gort sitzt im Wohnwagen und versucht sich an ersten Gedichten im Stil von Georg Trakl.

Nach dem Literarischen folgt nun der Unterricht im Betriebswirtschaftlichen.

Gort muss alles über den „Betrieb“ erfahren. Über die einzelnen Literaturkritiker. Wie funktioniert ihre Psyche. Wer ist mit wem verfeindet. Das alles ist wichtig, will Gort dereinst bestehen.

„Der Büchner-Preis würde noch nie des reinen Talents wegen gewonnen“, erklärt sein Vater. „Du musst auf das Preiskarussel springen können. Sitzt du drauf, folgt ein Preis dem anderen.“

Gort sieht ihn traurig an. Die Trauer liegt an BLUE DREAMS. Morgen kann schon alles anders sein. Da kann es passieren, dass er Bäume ausreißen will. Diese Hochzeiten benutzt der Vater, um ihn an seinem ersten Roman arbeiten zu lassen.

5.

Wieder eine neue Stadt. Ein neuer Campingplatz. Neben ihnen ein Wohnmobil mit einem Frankfurter Kennzeichen. Die Sonne über ihm am Himmel. Wenn Gort sie sieht, denkt er in Hexametern über sie nach. Er sinnt über Ikarus. Über die Möglichkeiten, beim Höhenflug zu verbrennen. Über Flügel, die nicht stark genug sind. Mit seinem Vater hat er schon oft darüber gesprochen.

„Erst wenn du ein starker Autor bist, solltest du dort hinaus, denn sonst wirst du verbrennen.“ Die Worte seines Vaters. Eines weisen Mannes, der in den Stunden, die er sich nicht um Gort bemüht, Platten von Roger Whittaker und Howard Carpendale auflegt. Ein Mann, der sein Bier und seine Zigaretten schätzt. Einer, der selbst nie geschrieben hat. Zumindest hat Gort es nicht gesehen. Merkwürdig eigentlich.

Ein junges Mädchen klettert aus dem Wohnmobil. Ein Körper wie aus Draht. Sehnig und gespannt. Die Nase wie ein Pfeil. Das Gesicht wie ein Katapult für eben diesen Pfeil.

Sie lächelt ihn an. Winkt. Gort hebt die Hand. Er hat bereits zu viele enttäuschte Liebschaften hinter sich gebracht. Er ist gerade mal achtzehn Jahre und ist bereits ausgebrannt. Im nächsten Jahr soll er auf eine Literaturakademie gehen.

„Hallo“, sagt sie.

Eine Stimme, wie die einer Göttin. Um ihr nicht zu verfallen, tritt Gort die Flucht an.

„Ich muss dann mal …!“, schreit er und stürmt auf und davon.

Er stürmt in einen Wald. Der deutsche Wald ist für seine Unwesen bekannt. Dort hausen Wölfe, Mädchen, alte Frauen.

Tiefer und tiefer dringt er ins Dickicht vor. Mit seinem Taschenmesser schlägt er sich eine Schneise.

Es wird Nacht. Längst hat er der Vater eine Suchmannschaft aus sich und seiner Frau zusammengestellt. Mit den Bluthunden eines Platznachbarn erkunden sie die Gegend.

„Er wird doch nicht in den Wald sein“, sagt die Mutter.

Vater überlegt. Es könnte sein. Warum nicht?

Gort hat inzwischen ein Haus erreicht. Es scheint aus Lebkuchen gemacht zu sein. Dank seiner literarischen Vorkenntnisse fällt er auf das Haus nicht herein. Er greift nach seinem Feuerzeug und zündet es an. Lebkuchen brennt schlecht.

Passiert das alles wirklich, fragt sich Gort, der meint, den Verstand zu verlieren.

Nein! Er schnellt nach oben. Alles war ein Traum. Er befindet sich bereits seit drei Tagen auf der Literaturakademie. Der Drill scheint ihm den Kopf vernebelt, mindestens aber beschädigt zu haben.

Er sieht sich um. Ein Zimmer wie aus einem Katalog für Zimmer. Eckig. Gort zählt nach. Alle vier Ecken sind vorhanden. Auch eine Decke und … Tatsächlich. Gort beugt sich aus dem Bett und berührt den Boden.

Um sich zu entspannen, um sich von dem Druck der nächtlichen Träume zu befreien, macht Gort den Fernseher an. Es läuft Der Literaturpreis ist heiß.

Langweilig, denkt Gort und zappt weiter, bis er bei Ein Autor für alle Fälle hängen bleibt. Super. Das ist seine Lieblingsserie. Der Held, ein abgehalfterter Autor, wird in jeder Folge in einen neuen verrückten Fall verwickelt. Dieses Mal geht es um eine Lyrikerin, die von einem Mitglied der berüchtigten Kritikerfamilie Falcone entführt wird, weil sie das Schutzgeld, das ihr gute Kritiken sichert, nicht zahlt. Moll, so heißt der abgehalfterte Autor, stöbert sie in einer Bar in einem Wohnwagen in Mexiko auf, in dem sie sitzt, geknebelt und gefesselt. Der reinste Horror für eine Lyrikerin ihres Kalibers.

Moll und sein schöner Freund, mit dem er seit Folge 2 was hat, befreien sie und töten den Kritiker mit mehreren Schüssen. Vielen Schüssen. So vielen Schüssen, dass man die letzten 20 Minuten dafür draufgehen.

Ja, so etwas würde Gort gerne schreiben. Actionromane, in denen Autos demoliert und in die Luft gejagt werden. Bücher mit schönen Frauen und einem Liebhaber, der sich dem Helden jederzeit und in jeder Lage hingibt.

Hier auf der Akademie bilden sie einen an allem aus, was man zum Schreiben braucht. Es geht ums Handwerk, also trainiert Gort täglich am Spitzer. Sie twittern. Und jeder Student muss ein Blog pflegen. Schreibt Gort einen Satz, der sich nicht in wilden Vergleichen ergeht, muss er über Nacht draußen bleiben und Liegestütze machen, auf dem Rücken die Werke von Adorno und Rattenthaler.

Am liebsten würde Gort hier liegen bleiben. Ein Leben lang. Ein Bettmensch werden. Warum da raus in diese kalte, böse Welt? Im Bett ist es warm und kuschelig. Ein Sommer. Das Bett verspricht einen ewigen Sommer.

Da! Das Wecksignal. Die Pfeife des Erwachens, wie sie von Professor Prompt genannt wird.

Jetzt aber schnell.

Gort lässt sich aus dem Bett fallen, eine alte Technik, die er von seinem Vater lernte.

„Willst du wach werden, schnell wach werden, wirf dich aus dem Bett!“

Aua! Das schmerzt. Gort ist so unglücklich gefallen, dass er sich unter die Dusche schleifen muss. Die Prozedur dauert stundenlang.

Längst ist Prompt aufgetaucht, um nach seinem besten Studenten zu sehen.

„Gort, Sie können es weit bringen. Aber wenn Sie ihre Beine zerstören, werden Sie beim nächsten WALK scheitern und bekommen kein Foto von mir.“

Das Wasser rieselt auf Gort hinab. Nur wenig, weil die Studenten an Schmutz gewöhnt werden sollen.

„Ihr werdet, bevor ihr eure ersten Preise gewinnt, Hartz V empfangen.“ Hartz V ist eine besonders harte Form von Hartz. Sie ist den Schauspielern, Malern und Schriftstellern vorbehalten, die noch weniger als der Rest der Empfänger bekommen.

Gort tupft sich ab. Mit den Blättern aus Bestsellerromanen. Mit Blättern aus Romanen der Unterhaltungsindustrie. Die Kulturindustrie gilt als der große Feind.

„Wenn ihr die Leute unterhalten wollt, habt ihr hier nichts verloren!“, beginnt Prompt seine Unterrichtsstunden.

Gort beeilt sich. Er schlüpft in seine Uniform, bestehend aus Cordhemd, Cordjacke, Cordhose. Alles aus Cord. Außerdem klebt er sich einen Schnauzer auf die Oberlippe, den er jetzt anzubringen versucht. Das Ding will wieder mal nicht halten. Er versucht es mit Speichel. Hält nicht. Der Spezialkleber für Bärte ist aus. Und Gort hat kein Geld, um sich neuen zu kaufen.

Der letzte Pfiff ertönt. Er müsste längst draußen bei den anderen sein.

6.

Da stehen sie. In einer Reihe. Die zukünftige Preisträgerelite des Landes. Jeder zweite ein potentieller Büchner-Preisträger. Sie üben bereits an ihren zukünftigen Dankesreden.

Gewitterwolken grollen über ihren Köpfen.

Professor Prompt schreitet die Reihen ab. Sein Schrittfolge ist eine Offenbarung. Das denken alle seine Schützlinge.

„So müsst ihr laufen, wenn ihr den Nobelpreis bekommt“, sagt Prompt. Und dann schreit er: „An die Pfeifen!“

Sie greifen in die Innentasche ihre Cordjacke. Hinaus mit der Pfeife. Auseinandernehmen, reinigen, zusammensetzen. Füllen. Anzünden. Schmauchen. Das muss alles wie im Schlaf gehen.

„Fertig!“

Prompt hebt die Augenbrauen. Der Junge ist gut. Der wird es weit bringen.

„Woran schreiben Sie?“, fragt Prompt.

„An einem Holocaust-Roman!“

„Sehr gut!“

Gort schreibt an einem Holocaust-Roman, allerdings hat sein Manuskript noch zu viele unterhaltsame Stellen aufzuweisen. Er weiß selbst, dass das nicht geht. Keine lustigen Stellen in einem Buch über den Holocaust. Aber da ist etwas in Gort, dass ihn aufreibt, dass er nicht loswird, dieses unterhaltsame Potential, das ihn seit Jahren auch als Leser in die Hände drittklassiger Ware treibt, die er, nie würde er dies offen eingestehen, mag. Es geht sogar noch tiefer, er liebt diese Romane, in denen Cowboys, Indianer, Zombies und Raumschiffe vorkommen.

Auch beim Rauchen ist Gort der Beste. Er zieht den Rauch ein, hält ihn lange in seinen Lungen, und dies, obwohl er dabei sogar noch über den Stand der Gegenwartsliteratur nachdenkt.

Gerade neulich in einer Diskussion sagte Gort: „Die Gegenwartsliteratur … Was soll ich sagen? Wie soll ich es sagen? Sie ist so gegenwärtig. Aber sollte man wirklich stets und immer gegen alles sein, vor allem gegen das, was wartet? Warum ist der Gegenwartsroman gegen Frauen? Nur weil sie an einer Haltestelle stehen und warten? Ist das ein Verbrechen? Obwohl es, geht man auf das Wort ein, wohl mehr um Wärter geht. Sie ist eindeutig gegen Wärter. Warum? Was haben diese Leute getan, die es auch geben muss. Ich bin dafür, dass ein Fürwärterroman geschrieben wird. Oder ein Fürwartsroman. Im besten Fall schreibt man einen Neutralwartsroman. Das würde auch diese unselige Debatte über die Gegenwartsliteratur beenden. Endgültig und mit einem neuen Wort. In Zukunft sollte über den Zustand der Neutralwartsliteratur gestritten werden. Es wird gar keinen Streit geben. Eben weil sie sich so neutral verhält. Am Ende wird das sogar die Literatur selbst abschaffen.“

Professor Prompt trabt los. Hinter ihm seine Zöglinge. Prompt singt: „Ich will schreiben und das ist gut.“ Die jungen Autoren wiederholen: „Ich will schreiben und das ist gut.“ Und wieder Prompt: „Zum Schreiben braucht man echten Mut.“ Und so geht es weiter und weiter, während sie das Akademiegelände umrunden. Der Professor gibt eine Zeile vor, die jungen Schriftsteller wiederholen sie.

7.

Gort wird besser und besser. Man kann ihn in den Nächten wecken und anschreien, Gort macht das nichts aus. Er rollt sich aus dem Bett an den Schreibtisch und feuert aus allen Rohren. Er schreibt seine Gedichte in den unmöglichsten Situationen. In Schützengräben, Waldstücken und unter Kritikerbeschuss.

Nach einer Weile werden sie in einer Halle untergebracht, um die Konkurrenz zu spüren. Sie sollen den Atem des Gegners im Nacken fühlen. Sollen wissen, dass da jemand ist, der mehr Bücher als sie verkaufen will.

Gort freundet sich mit Lambert an, der über seine Großeltern schreibt, die nichts getan haben. Ständig saßen sie herum und stierten Löcher in die Luft. Lambert will über die Langeweile schreiben, aber so, dass es nicht langweilig ist. Mit ihm streitet sich Gort oft über Sinn und Unsinn von Literatur.

„Es ist nicht wichtig, was du erzählst. Es geht darum, wie du es erzählst“, sagt Lambert und reicht eine Zigarette seiner Zigarettenkette.

Sie sitzen zusammen, trinken Bier und rauchen.

„Nein“, sagt Gort. „Es ist wichtig, was du erzählst.“

Lambert zuckt zusammen. Er merkt, dass in Gort etwas heranwächst, was mit den Zielen der Akademie unvereinbar ist.

Gemeinsam besuchen sie Bordelle und Lesungen. In Leipzig sehen sie Demenz Meyer, der einst die Akademie absolvierte. Demenz ist zu einem wichtigen Großautor geworden, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Sie lauschen seinem Dialekt.

„Wahnsinn, wie er die Worte verschleiert. Wie er sie abdeckt. Ich habe fast nichts verstanden.“

„Nichts ist gut oder schlecht“, sagt Lambert. „Weil ich gar nichts verstanden habe. Rein gar nichts. Ein großer Vorleser, der sich mit seiner Art des Vortrags unangreifbar macht.“

Sie lassen sich ihre Ausgaben vom Demenz signieren, geben sich aber nicht zu erkennen. Zu groß die Angst, der Respekt. Sie stehen vor einem, der das Ziel eines Rennens, an dessen Start sie gerade stehen, bereits erreicht hat.

„Hast du seine Brille gesehen? Diese Mischung aus Grünbein und Elstner. Wahnsinnig schön!“

Lambert und Gort trampen in Literaturakademie zurück. Noch wenige Wochen, dann werden sie ihre Abschlusskurzgeschichte abgeben müssen. Gort hat eine über Zombies in Seenot geschrieben. Sie wird nicht gut angekommen. Thema verfehlt. Gort kann es lesen. In seinem Inneren. Schließt er die Augen, weiß er, dass er versagt hat.

8.

Gort, inzwischen ein Meister des Alkohols, taumelt ins Vorzimmer von Professor Prompt. Seine Sekretärin schreckt aus ihrem Traum auf, in dem Prompt sie vor den Traualtar führte. Die Sekretärin, eine ehemalige Lyrikerin, liebt ihn seit sie selbst die Akademie besuchte.

Sie klopft die Asche von ihrer Zigarette und fragt: „Sind Sie Gort?“

Gort nickt, sucht nach dem Mülleimer, findet ihn und übergibt sich.

„Ich merke schon“, sagt die Sekretärin, „da will sich einer in die höchste Liga trinken.“

Nein! So ist es nicht. Sie weiß nichts. Gar nichts. Gort trinkt, weil er unglücklich ist. Wirklich unglücklich, nicht in einem gespielten literarischen Sinne unglücklich. Und deshalb will er auch so kurz vor den Prüfungen Professor Prompt sprechen.

Die Sekretärin führt ihn ins Büro und hilft ihm beim Hinsetzen.

Prompt steht am Fenster und sinnt. Er sucht nach den richtigen Worten für einen Satz in seinem neuen Roman über einen einsamen Schweizer, der in den Bergen sein Gedächtnis verliert. Auf sich gestellt muss er wieder zur Sprache finden.

„Das wird ein großes Sprachkunstwerk“, hatte Prompt seiner Frau erklärt. „Es könnte der Roman schlechthin werden. Der Roman aller Romane. Der Ur-Roman. Der Roman, nach dem die Alchemisten aller Zeiten gefahndet haben. Ein Roman, der sich seine eigene Sprache erfindet, weil sein Protagonist eine völlig neue Sprache hervorbringt. Hör zu: Klarswust, dachte Bille. Walspurgsnust. Noch verstand er sich selbst nicht. Aber er wurde sich allmählich bewusst, was es bedeuten könnte, wäre er nur in der Lage es mit Sinn zu füllen.“ Strahlend hatte Prompt es vorgetragen. Seine Frau, die leise schnarchte, war hochgeschreckt und hatte gerufen: „Großartig. Mindestens der Büchner-Preis. Mindestens.“ Dann war sie erschöpft wieder in sich zusammengesunken. Es war nicht leicht, mit einem Schriftsteller verheiratet zu sein. Nicht leicht …

Gort räuspert sich.

Prompt zuckt zusammen. Das Traumgehäuse mutiert im einströmenden Sonnenlicht zu kleinen tanzenden Staubflusen.

„Ah, einer meiner besten Studenten. Gort, ja, Mann, wenn Sie erlauben, dass ich Sie so salopp anspreche, Sie werden es weit bringen. Weiter als ihr alter trauriger Professor, der noch immer verzweifelt davon träumt, ein Sprachkunstwerk zu schaffen, das bleiben wird. Darum geht es doch. Dass wir etwas von bleibendem Wert schaffen. Etwas, das vor der Ewigkeit bestehen kann, nicht wahr Gort?“

Gort, nervös, hat neben einer seiner Kettenzigaretten noch seine Pfeife angezündet, nicht die Pfeife, selbst in den Gedanken, die er sich macht, stolpert Gort über seine sprachlichen Ungenauigkeiten. Er hat sich den Tabak angezündet. Der kleine Ballen glimmt, Gort zieht an der Pfeife und saugt den Rauch in seinen Mund, ihn durchwühlend und kauend, bevor er ihn ins Arbeitszimmer Prompts stoßweise entlässt.

„Es geht mir um meine sprachlichen Ungenauigkeiten“, sagt Gort. „Sehen Sie, Professor, eben erst dachte ich, dass ich meine Pfeife anzünde, was so nicht stimmt. Ach ja, die Sprache kann so viel mehr sein. Sie kann uns träumen …“ Gort unterbricht sich und lässt seinen Blick schweifen, während er darüber nachdenkt, dass er seinen Blick schweifen lässt. Den Blick schweifen lassen. Ein abgeschmacktes Bild. Schon so oft benutzt, dass es jeglichen Geschmack verloren hat.

„Ich werde die Akademie verlassen!“ Jetzt ist es raus. Gort hält die Luft an.

Prompt meint, sich verhört zu haben. Einer seiner besten Studenten.

Niemals!

„Warum würden Sie das tun wollen? So kurz vor dem Ende. So kurz vor der Abschlussarbeit.“

„Weil ich nicht der bin, den Sie in mir sehen. Ich stecke voller sprachliche Ungereimtheiten. Aus Chaos. Ich will Unterhaltungsromane schreiben. Ich will die Unterhaltung neu definieren. Und … ich will Leser erreichen. Viele. Wenn möglich, sogar ein Millionenpublikum.“

Prompt muss an sich halten, um sich nicht einem Husten hinzugeben.

„Sehen Sie sich um, Gort, sehen Sie genau hin, die Porträts von Thomas Mann und Goethe an den Wänden. Wollen Sie diesen Männern nicht folgen.“

Gort schüttelt traurig den Kopf.

„Nein, das möchte ich nicht. Schlimmer noch, ich finde sie langweilig. Ich will das Leben leichter machen. Will ein schreibender Clown werden.“

„Ein Clown. So etwas würde Ihnen der Betrieb niemals durchgehen lassen. Denken Sie an Ihre Eltern. Ihr armer Vater, er wird einen Herzinfarkt erleiden. Er wird einen Schlaganfall bekommen. Schlimmeres.“

„Weil ich weiß, wie sehr ich allen damit schade, will ich ja gehen. Diesen Weg kann ich nur alleine gehen. Am besten unter Pseudonym.“

9.

Gort hat die Akademie tatsächlich verlassen. Er wohnt inzwischen in Köln und nennt sich Tom Reis.

Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schreibt er fürs Fernsehen. Die Texte werden ihm aus der Hand gerissen. Niemand weiß von seiner Vergangenheit als ernsthafter Literat. Das würde alles gefährden. Es könnte alles zerstören.

Er schreibt an seinem ersten Comedy-Roman über die Nöte eines Dreißigjährigen in Köln. Lauter flache Witze. Er weiß, er muss erst mal Fuß fassen. Sein Buch muss ein Erfolg werden.

Seine Eltern haben ihn besucht. Sein Vater hat kaum mit ihm geredet.

Er lässt sich auf seine Beziehung mit einer Komparsin ein. Sie ist die ideale Partnerin. Sie spielt die meiste Zeit Leichen in Krimivorabendserien. Sie lebt, was sie arbeitet. Niemand liegt so gekonnt und abwesend herum. Gort-Tom nennt sie: „Meine schöne Leiche.“ Gespräche sind der schönen Leiche ein Graus. Sie will herumliegen. Gort-Tom lässt sie.

Ein Brief von Prompt trifft ein, den Gort-Tom lange in der Hand hält. Sollte er ihn lesen? Besser nicht. Er wirft ihn bei Morgengrauen in einen Kanalschacht. Streicht sich eine Träne aus dem Gesicht.

Gort-Tom zweifelt. Ja, das tut er. Manchmal liest er heimlich das Feuilleton im Internet. Er wird zum Perlentauchersüchtigen. Die wichtigen Romane, wenn auch kaum mit Verkäufen gesegnet, werden vielleicht bleiben. Er dagegen wird ein Wind sein, der durch das Zimmer jagt. Ein Wind, der nach seinem Verschwinden von anderen Winden abgelöst werden wird. Ein Wind, der verschwindet.

Täglich sitzt er am Computer und schreibt. Von acht Uhr am Morgen bis siebzehn Uhr am Abend. Er wird zu einem Werktätigen des Schreibens. Die Sätze werden geschliffen, bis der Kern von ihnen bleibt. Die Leser wollen nicht überfordert werden. Er denkt hauptsächlich noch als Konsument.

Schließlich beendet er seinen ersten Roman nach drei Wochen harter Arbeit. Nebenher die Dialoge fürs Fernsehen.

Die schöne Leiche hat seinen Heiratsantrag angenommen. Er vermutet es. Sicher sein kann man sich bei ihr nie. Sie, die Rätselhafte, hat auf dem Bett gelegen und in die Luft gestarrt.

„Willst du?“

Die Leiche starrte in die Luft.

„Ja?“

In die Luft.

„Ich deute es mal als ein Ja, ja?“

In die Luft.

„Gut!“

10.

Zehn Jahre später. Tom Reis ist der KING OF COMEDY. Die Nummer Eins unter den Bestsellerautoren. Die schöne Leiche hat ihm sieben schweigende Kinder geboren. Seine Familie liegt die meiste Zeit über in ihren Betten. Die Kinder wollen alle ins Filmgeschäft. Als Leichen.

Reis hat sich eine Geliebte zugelegt.

Reis absolviert 360 Lesungen im Jahr. Er ist reich, unglücklich und auf dem Höhepunkt seines Schriftstellerdaseins, als er im Fernsehen einen Bericht über die Gruppe 47 sieht.

Tränen stehlen sich in seine Augen. Er, der längst nicht mehr raucht, der Tee trinkt, erinnert sich voller Wehmut daran, was er hatte werden wollen.

Alle hat er enttäuscht. Seine Mutter, seinen Vater, sich. Sich nicht! Oder doch?

Die Tränen laufen hemmungslos. Sie brechen aus ihm heraus, als wäre er eine Wolke. Er regnet in sein Wohnzimmer. Für Momente wünscht er sich, so weinen zu können, dass alles in seinen Tränen ersäuft. Eine Sintflut aus Tränen.

„Tom!“

Reis kann es zunächst nicht glauben. Seine Frau hat ihn angesprochen. Die Leiche kann reden. Unmöglich. Ein Wunder muss geschehen sein.

„Tom!“

Er wischt sich die Nässe aus dem Gesicht. Wie ein Schleier kleben die Tränen auf seinen Augäpfeln.

„Ja?“, sagt Reis. Er blickt sie hoffnungsfroh an. Das ist ein Zeichen. Eindeutig ein Zeichen.

„Könntest du woanders weinen?“, fragt sie.

„Wo … an …“, stottert Reis.

Hängenden Kopfes stemmt sich Reis aus seinem Schreibtischstuhl nach oben. Morgen wird er wieder los müssen. Seine Frau, die Kinder und die Geliebte lieben ihn nicht.

Er hat sein Leben in den Sand gesetzt. Hat alles falsch gemacht. Er ist ein erfolgreicher Loser. Einer von vielen.

Reis trottet ins Kinderzimmer und öffnet das Fenster, um zu springen.

Umständlich müht er sich aufs Fensterbrett und blickt in die Ferne. Die Stadt liegt wie ein elektrischer Sternenhimmel vor ihm.

Reis erinnert sich an ein Gespräch mit Professor Prompt.

„Was machen Schriftsteller, mein Junge?“

„Sie schreiben.“

„Nein, Gort, das kommt nachher. Sie träumen. Sie erfinden. Sie spielen ein Stück, das aus ihnen wächst. Sie improvisieren.“

Reis, der seinen Namen innerlich abschüttelt, steigt vom Fensterbrett.

Ich muss mich erfinden, denkt Gort. Ich werde improvisieren. Kein Zwang mehr, sondern ein Leben im Spiel. Ich werde die schöne Leiche und die schönen Leichenkinder verlassen, um mein Leben zu spielen.

Und ich werde NUR noch schreiben, wenn es im Spiel geschieht.

Diese großen Gedanken verwirren Gort. Er macht einen ausladenden Schritt und erwischt aus Versehen mit dem rechten Fuß das Skateboard.

Wie ein Artist überschlägt er sich und landet auf dem Rücken, nicht ohne sich vorher den Kopf am Schreibtisch gestoßen zu haben.

Gort ist augenblicklich tot.

Ich wahr Funz

Bernhard Funz, bekannt aus Funk und Fernsehen, war der erste Schriftsteller, der eine eigene Sendung bekam, die aber leider, die Leute wollten sie nicht annehmen, nach bereits einer Folge abgesetzt wurde.

Vielleicht lag es an der Zipfelmütze (ein Erbstück seiner Mutter), vielleicht auch am Format selbst. Niemand der Zuschauer schien gewillt, sich einen Autor ansehen zu wollen, der eine Stunde lang schrieb, und dies, ohne auch nur einmal aufzublicken.

Das Gesicht in das Papier getaucht, kritzelte er mit einem Kugelschreiber seine unleserlichen Worte, nur unterbrochen von Pausen, bei denen er – in Erinnerung an ein Video des Volkssängers Bob Dylan – Pappschilder in die Höhe hielt, auf denen zu lesen war, wer für den Inhalt der Sendung verantwortlich war. Der Regisseur sollte diese Entscheidung übrigens noch bereuen, denn nachdem bekannt wurde, wer dieses Fernsehschauerstück inszeniert hatte, verließen ihn seine Frau, sein Geliebter und sein Hund Liesel. Er soll, so erzählt es die Legende, Säufer bei einem bekannten Unternehmen im Süden der USA geworden sein, das später diverse US-Präsidenten stellte.

Funz begann zu studieren, und zwar Graffiti. Nacht für Nacht zog er mit dem Professor und seinen Mitstudenten um die Häuser, um auf den Fassaden Botschaften wie DER STAT IST AN ALEM SCHUUHL zu hinterlassen. Bei dieser Gelegenheit kam seine Rechtschreibschwäche ans Tageslicht. Funz wurde zum Gelächter der ganzen Stadt.

Vereinsamt und von Depressionen heimgesucht, stürzte er sich schließlich vor einen parkenden Wagen. Unverletzt wurde Funz ins „Traute Heim ehemaliger Autoren“ gebracht, um dort seinen Lebensabend mit der Niederschrift seiner Biografie „Ich wahr Funz“ verbringen zu können.

Leider verstarb er bereits nach dem Titel, der wiederum zum Anlass wurde, diesen unsäglichen Beitrag zu verfassen.

Lektüre (4)

“Warum gibt es keine Superhelden-Comics mit Schriftstellern als Helden? Füllermann oder Schreibmaschinenmädchen.”
“Die Leute werden eure Arbeit für eher langweilig halten.”
“Langweilig? Was soll das heißen? Ich führe ein ungemein aufregendes Leben.”
“Jetzt übertreibst du aber.”
“Ich übertreibe? Schriftsteller leben vermutlich am gefährlichsten von allen Berufsgruppen. Sie müssen fortwährend auf etwas achten. Darauf, dass sie nicht vom Stuhl fallen. Oder, dass sie nicht vergessen, zu essen. Kannst du dich an den Fall Haselmayer erinnern? Robert Haselmayer, der Autor. Er war so in eine Geschichte vertieft, dass er über ihr verhungerte. Das ist eine Tatsache. Sie fanden ihn völlig ausgezerrt, er war gerade beim letzten Kapitel. Haut und Knochen, der arme Mann. Sie mussten nicht mal einen Sarg für ihn kaufen. Sie stopften seine Überreste in ein Kuvert. So sieht die Realität aus.”

Aus “Füllermann – Sein erstes Abenteuer”, Roman von Barbara Cartwright

Dienstag

So ein Autorenjournal, Sie werden das zugeben, entbehrt oft einer gewissen Lebendigkeit. Sie müssen das verstehen. Als Schriftsteller fristet man ein Dasein am Rande des Schreibtischs. Alles, was man erlebt, geschieht im eigenen Kopf, nirgendwo sonst.

Auch mit gewissen Krisen, die von Zeit zu Zeit kommen, muss der Autor, will er sich nicht vor dem vierzigsten Geburtstag umgebracht haben, umgehen können. Die Krise ist ihm nicht wichtig. Er könnte gerne auf sie verzichten, aber da er meist, wie alle anderen schöpferischen Wesen, die dazu auserkoren wurden, etwas Besonderes zu erschaffen, mit diversen Krankheiten an Kopf und Seele gesegnet ist, muss er lernen, mit diesen Fehlfunktionen der Psyche umzugehen. Im Grunde sind die meisten Künstler verhinderte Massenmörder, Giftmörder, Diktatoren, Bundeskanzler. Sie hatten nur das Glück, etwas zu entdecken, das sie schließlich von ihren schrecklichen Taten ablenkte, von den Bildern, die sich längst in ihren Köpfen manifestierten, diesen Bildern von gebrannten Mandeln, die man seinem Opfer ohne Betäubung entfernte. Sie verstehen sicherlich, was ich Ihnen hier erklären will.

Meine Laune, um Sie auch über diesen Sachverhalt aufzuklären, hat sich gebessert, sie schlägt kleine Kopfinnenräder, sie läuft im Handstand durch die Fuldaer Villa. Das Personal beäugte mich seit Tagen. Man weiß um meine „Probleme“, die, bahnen sie sich erst wieder einen Weg, übermächtig werden können. Es kam schon vor, dass ich alle entließ, dass ich sie mit meiner Peitsche von MEINEM Grund und Boden vertrieb. Und warum? Einzig, um das Gefühl für mein Selbst, das mir verloren schien, wiederzuerlangen. Ihre Schmerzen sollten mir wehtun.

Sie sehen, es ist nicht leicht, gleichzeitig Schriftsteller und Großgrundbesitzer zu sein.

Sonntagmorgen: Ich

Es ist noch früh und trotzdem  – oder gerade wegen der frühen Stunden, die er so genießt, die ihn sich frisch und tatkräftig erscheinen lassen, so voller Power – sitzt er an seiner Tastatur, vor ihr, so wie vor einem Gebetsschrein, einem Heiligenbildchen, einem Kreuz, um darum zu beten, einen guten Text zu schreiben, eine Passage, die ihm den Tag versüßt, zumal heute Sonntag ist, da haben alle anderen frei, nur er nicht, weil ein Schriftsteller niemals frei hat, denkt er, und überlegt, ob er hier nicht ein Klischee produziert, ob er hier nicht in eins hereinfällt.

Rohm! Das ist seine Name und er flüstert ihn innerlich: Rohm! Und er kann nichts damit identifizieren, kann sich nicht in diesen paar Buchstaben finden, denn das sind sie doch, ein paar Buchstaben und mehr nicht, da ist nur der Sinn, den ich den Buchstaben gebe, die ohne mich keinen Sinn hätten, die sinnlos und blöd in der Gegend herumstehen würden, die paar Buchtstaben: Rohm; zumal das ja falsch geschrieben wäre, wie die Leute gern erwähnen, ROHM muss ROM heißen, sagen sie und erzählen sogleich von ihrem letzten Romaufenthalt und vom Papst und der Papstneuwahl, und das da jetzt etwas geschehen müsse, so gehe es nicht weiter, all die sexuellen Übergriffe, allein bei dem Wort Übergriffe wird Rohm schlecht, aber sie sehen es seinem Gesicht nicht an und schwatzen weiter von Rom und vom Goethe, wie fein der geschrieben habe, und ja, sie hätten alles von ihm, die Gesamtausgabe, die stände neben dem Hesse und die neben dem Konsalik, doch da schlucken sie, den wollten sie nicht erwähnen, dabei hört Rohm von ihm am liebsten, der Konsalik macht sie plötzlich zu Menschen, er würde gerne sagen, reden sie weiter von ihrem Konsalik, ich will davon hören, von den Augenblicken, wenn sie mit einem Buch von ihm, dem Konsalik, im Bett liegen, tief unter der Decke, warm muss es sein und behaglich, weil man doch flüchtet, man sehnt sich nach etwas, will er erklären, das hat gar nichts mit dem Konsalik zu tun und seinen Romanen, die ich gar nicht kenne, müsste er noch nachschieben, die vielleicht einen schlechten Ruf haben, der mir gefallen würde, weil ich viele sogenannte schlechte Bücher mag, ich bin ein Anhänger der schlechten Literatur, würde er den Leuten erklären, die doch lieber von Rom und den Kirchen erzählen würden, von der Kultur, die einem dort an jeder Straßenecke an die Nase springt, an die Nase und in die Nase hinein, der ganze Körper, erzählen sie fiebrig, wird von der Kultur geflutet, eine Stadt, wie ein großer Stall, wo haben sie das nur gelesen, sie können sich nicht erinnern, und auch Rohm wird es bekannt vorkommen, bei Nizon, es könnte in Nizons Tagebüchern gewesen sein, aber er ist sich nicht sicher.

Rohm! Er sitzt stumm vor seinem Bildschirm, die Hände liegen vor der Tastatur, vor seinem Schrein, er will ja beten, er kann es nicht, die Worte für das Gebet fehlen, die Geschichte fehlt, die Idee, und warum, denkt er, warum muss da immer eine Geschichte sein, eine Idee, als ob das Leben nur aus Ideen bestehen würde, aus Geschichten, die eine Spannungskurve habe. Unsinn, denkt er, und denkt an seinen Vater, bei dem die Spannungskurve mit 63 plötzlich ins Grab zeigte, sie fiel einfach ab, die Spannungskurve, ohne je Spannung besessen zu haben, eine gänzlich spanungslose Spannungskurve, weil sein Vater ein Leben in der Vermeidung von Leben geführt hatte; nur nicht leben, hatte sein Vater gedacht, denkt Rohm jetzt und weiß es nicht, nicht sicher, aber er will es denken, weil es seinem Begriff von Wahrheit noch am nächsten kommt, weil er ja eine Antwort auf das Leben seines Vaters bekommen möchte, dass er so nicht versteht. Warum, denkt er, während die Hände noch ruhen, während sie nicht schreiben, keine Silbe, keinen einzigen Buchstaben, nichts, weil sie nicht wissen, was sie schreiben sollen, was sie beten sollen, warum, denkt Rohm, setzt sich einer in sein Haus und rührt sich nicht, warum wird einer zum Tempel für die Angst, für die Angst im Allgemeinen, für die Lebensangst, die ihn so einschüchtert, dass er am liebsten auf seinen vier Buchstaben sitzt und sich nicht rührt. Konsalik könnte er gelesen haben, und warum auch nicht, eine Portion eines Fremdtraums braucht doch jeder, wir wollen doch fliehen, irgendwie, und auch wenn wir uns nie von der Stelle bewegen. Aber so tun, als wären wir geflohen, das wollen wir auch.

Über all das denkt Rohm am Sonntagmorgen nach, während der Kaffee, der neben ihm steht und den er beim Schreiben trinkt, längst kalt geworden ist; nicht weiter schlimm, denkt er, ich werde mir frischen nachgießen.

Er senkt den Kopf und ist ein wenig traurig, weil er wieder nichts geschrieben hat, er hat nicht gebetet, nicht ein Wort, keine Geschichte, keine Idee. Und wenn ich mich schreibe, denkt er, und schüttelt innerlich den Kopf, so ein Unsinn, wieso sollte ich über mich schreiben, weil sie das an den Literaturinstituten lehren, nein, die sollen mal lehren und vermitteln und es gibt da, denkt er, bestimmt eine Menge großartiger Talente und lernen kann man immer etwas, auch wenn die Gefahr besteht, denkt er, dass sie eine Sprache erschaffen, die gleich ist, die sich ähnelt, eine Sprache wie ein Plastiklöffel, der plötzlich von unzähligen Schriftstellern hergestellt wird. Was geht mich das an, denkt er, heute ist Sonntag und ich will entspannen, will meine Ruhe, wir bekommen nachher Besuch.

Er lehnt sich nach hinten und besieht sich das leere Word-Dokument. Nichts! Kein Wort! Aber eins, eins muss er doch wenigstens schreiben, und er überlegt, was könnte ich schreiben, bis er sich plötzlich für Ich entscheidet, das ist gut, es wird eine Ich-Geschichte, sehr gut, auf einem Ich kann ich aufbauen, mit einem Ich ist etwas anzufangen, und er speichert das Ich unter dem Namen Ich ab und denkt, das wird was, mein großer Ich-Roman, und ihm fällt Hilbig ein, und dass er den auch mal lesen müsste, den Hilbig, der in seinem Bücherregal steht.

Rohm fährt den Computer herunter, etwas, denkt er, etwas habe ich geschrieben, ein Wort, ein einzelnes Wort, aus dem etwas entstehen könnte: Ich!

Warnung vor der Warnung

Eine Warnung

Es sind die Warnungen, die sich verkleiden und abhalten wollen. Sie schlüpfen in die verschiedensten Rollen, füllen alles aus. Hören Sie lieber nicht zu! Lauschen Sie ihnen nicht! Denken Sie nicht darüber nach! Die Warnungen beugen sich mit einem Lächeln zu unseren Köpfen hinunter und flüstern. Niemand, der sie aus der Ferne sieht, würde vermuten, dass sie tun, was sie tun. Meist sind die Warnungen noch mit etwas anderem beschäftigt. Mit unterrichten. Mit regieren. Mit dem Setzen von Steinen. Normal wirken sie, unscheinbar. Sie führen Leben, die wie Tropfen im Gesellschaftsmeer aufgehen, die darin verschwinden. Sie sind das Meer. Behaupten es von sich. Deshalb, weil sie die große Wassermasse zu vertreten meinen, warnen sie ja auch. Sie beobachten unablässig. Das Beobachten ist ihnen kein beobachten, sondern ein hinsehen. Wie sollten sie wegsehen, so argumentieren sie, wo die Augen doch auf die Dinge fallen. Die Ohren auch. Alles an ihnen fällt nicht auf, aber auf die Gegebenheiten, um sie bald schon mit einem Warnschild zu besetzen. Da die Warner vor allem warnen, warnen sie auch vor Warnschildern. (Dieses und jenes könne nicht sein, es ginge nicht an. Wo käme man denn hin, wenn Brachland zur Verbotszone würde, und dies nur eines Warnschilds wegen.) Sie warnen davor, sich vor der Warnung abschrecken zu lassen, denn die Warnung ist dem Warner kein Beruf. Sie ist seine Lebensaufgabe, sein Steckenpferd, seine Leidenschaft, sein Leben. Der Warner atmet die Warnung. Sie fliegt aus seinem Mund, nicht, weil sie einen Sinn ergeben,  sondern weil sie ausgesprochen werden muss. Was bliebe vom Warner übrig, könne er nicht mehr warnen? Nichts! (So sieht es der Warner und warnt davor.) Ein Kellner, ein Lehrer, ein Politiker, ein Schriftsteller. Er wäre nur einer von vielen. Ein Opfer. Er weiß es. Was mit ihm geschehen könnte, dürfte er nicht mehr warnen, liegt ihm klar auf der Hand. Es ist ihm eine Warnung, die er so nicht stehen lassen kann.

Gewarnt sollte man sein, wenn man auf Menschen trifft, die einen warnen wollen.