Mr Twitter verliebt sich

Als Mr Twitter sich in Erika verliebte, sagte er: „Mr Twitter hat einen Tweet von dir favorisiert.“ Erika lächelte ihn an. Mr Twitter lächelte zurück. Ja, er konnte sich gut vorstellen, sie zu posten, stundenlang zu posten. Ihm wurde ganz heiß bei dem Gedanken. „Du hast einen neuen Follower“, sagte er. Sie lächelte verschämt, bevor sie ihm in einer Direktnachricht gestand, dass sie mit Mr Facebook liiert war. „‪#‎Unglück‬„, hashtagte er und postete mehrere Tage gar nichts mehr.

Mr Twitter

Er nannte sich selbst Mr Twitter. Er sagte nie etwas, was 140 Zeichen überschritt. Wenn er neue Menschen kennenlernte, bat er sie, ihm zu folgen. Am Ende seines Lebens schlug er sich selbst, indem er sich mit drei Punkten in den Tod verabschiedete, die wohl die Frage nach dem Jenseits offen lassen sollten. Er benutzte außerdem die Hashtags ‪#‎Tod‬ ‪#‎Leben‬ ‪#‎Jenseits‬ und ‪#‎Mist‬.

Techniken des Schreibens

„Technik ist für einen Schriftsteller ein unabdingbares MUSS. So schreibe ich, um mich zu üben, mit geschlossenen Augen. Oder ich springe aus Flugzeugen, um, während ich mich im freien Fall befinde, ein Gedicht zu formulieren. Hin und wieder schreibe ich gar ohne die gewohnten Schreibwerkzeuge, indem ich Texte mit meinen Fingernägeln in die Rinde von Bäumen ritze. Der Schwierigkeitsgrad kann nie hoch genug sein. Man sollte auch im Antlitz der Armut schreiben, um der Realität so den einen oder anderen Satz abzutrotzen. Aber nicht nur die Orte sind wichtig, sondern auch die Uhrzeiten. Lassen Sie sich von ihrer Frau zu den unmöglichsten Zeiten – etwa am frühen Vormittag – aus dem Schlaf reißen, um ohne Umschweife eine Kurzgeschichte zu sticken. Ich wiederhole: Technik ist ein unabdingbares MUSS!“

„Eine wunderbare Übung, nicht für jedermann geeignet, schon gar nicht für den gemeinen Selfpublisher oder andere Gelegenheitsautoren, ist es, sich wie ein Kreisel zu drehen. Man dreht sich in etwa so an die zwei bis drei Stunden, so lange zumindest, bis einem speiübel ist, bis sich, verharrt man, alles weiterdreht. In diesem Zustand versucht man nun zu einem Schreibtisch zu gelangen, um rasch-rasch einen Roman zu tippen. Lässt der Drehwurm, wie das gemeine Tierchen, das den Kreislauf so in Mitleidenschaft zieht, nach, hat er also seine Arbeit eingestellt, dreht man sich von Neuem. Dies ist eine Übung für den fortgeschrittenen Schriftsteller in den mittleren Jahren, der sich vorstellen kann, in Kürze den Welt-Literaturpreis oder gar den Literaturnobelpreis zu gewinnen.“

Aus Urs Schliepers „Techniken des Schreibens“, Schriften aus dem Nachlass

Wie gehen Sie vor, wenn Sie an einem Roman arbeiten, Herr Schlieper?

„Wie gehen Sie vor, wenn Sie an einem Roman arbeiten, Herr Schlieper?“
„Ich notiere in einem ersten Schritt nur jedes zweite, dritte Wort. Das verschafft mir eine Art von poetischer Luft. Es entstehen Fantasieräume, die ich später auffülle. Manchmal schreibe ich sogar nur jedes siebte Wort auf.“

Aus „Interview mit Urs Schlieper“, 1982