Dienstag

Politiker reden zu gerne. Sie sitzen in ihren heimischen Wahlkabinen und wählen sich dauernd selbst. Sie wollen wissen, wie das für die Leute ist, wenn sie wählen. Dieses Gefühl. Manche machen das nackt. Man hat davon gehört. Hat darüber gelesen. In Explosiv hat man es gelesen, das es zwar noch nicht als Printausgabe gibt, aber so etwas stört den ausgewachsenen Leser von heute nicht. Man muss nicht immer lesen, was mich daran erinnert, dass es meine Mutter musste. Ständig musste sie Steine lesen. „Und auf dem?“, donnerte ihr Großvater und kämmte sich mit der Hand den schuppigen Bart. Und meine Mutter las ihm vor, was auf dem Stein stand. Gemeißelt von gelangweilten Steinzeitmenschen.

Politiker sind eine Spezies für sich. Geschaffen in einem Reagenzglas in Wuppertal, werden sie in kleinen Auffanglagern in Berlin auf ihre Karriere vorbereitet. Die armen Kleinen. Sie müssen den ganzen Tag in Anzügen durch die Gegend gehen, und wenn einer ihrer Freunde Freude an etwas entwickelt, müssen Sie gemeinsam ein Gesetz beschließen, das ihm verbietet, sich unverfroren in aller Öffentlichkeit zu freuen.

Neuste Studien haben ergeben, dass Passivlachen krank macht. Bereits zwei Lacher können der Ursprung einer späteren Krebserkrankung sein. Nur gut, dass das Lachen inzwischen in Wahllokalen untersagt wurde. Manche Eltern lernen es allerdings nie. Die lachen, und das, obwohl ihre eigenen Kinder in der Nähe sind. Da kann der gebildete Demokrat nur die Überführung in ein Internierungslager fordern. Ab damit und auspeitschen. Es gibt Menschen, die lernen es nie. Die muss man zu ihrem Glück zwingen. „Da!“, muss man sie anherrschen. „Da ist dein Glück! Und jetzt nimmst du es gefälligst. Nimm es schön in die Hand. Und jetzt bist du glücklich! Sind wir glücklich?“ Einige Subjekte wehren sich. Die muss man noch ein, zwei Runden lang auspeitschen, bis sie es begriffen haben. Gelebte Demokratie. Glück ist für alle da! Und wehe den verkommenen Revolutionären, die sich im Unglück wälzen, die sich darin aalen wie zwei Schlammcatcherinnen, die es ohne das Unglück nicht aushalten wollen, die im Dschungel kleine Unglückscamps gründen. Die Politik wird sie jagen und stellen. Anschließend wird man sie aus gesellschaftshygienischen Gründen standrechtlich erschießen. Höchstpersönlich. Wozu ist man denn schließlich Politiker geworden.

Und jetzt stehen wir bald vor der Wahl. Die Wahl ist am Aussterben. Das darf man nie vergessen, wenn man zu Hause auf dem Sofa liegt und ihren Gesängen lauscht. Sie wird weltweit von Wahlfängern gejagt. Böse Sache.

Denken Sie mal darüber nach.

Guten Morgen, Welt!

Stillgestanden

Keinen Schritt solle er wagen, erklärt ihm der Schrittbeauftragte, der wild mit den Armen herumfuchtelt, der sie in die Lüfte stößt, als wäre das unsichtbare Atemmaterial sein höchstpersönlicher Feind. Das ganze Land, so der Schrittbeauftragte, sei zur sensiblen Zone erklärt worden, da könne ein Asylbewerber, also einer, der sich um Asyl, also den Aufenthalt bzw. Verbleib im sensiblen Land beworben habe, nicht ungehindert umherlaufen, ja, wo käme man denn da hin, wenn sich der Asylant, also der Bewerber, ungehindert bewege, man müsse um Land, Boden und Leute fürchten, da man nicht wisse, um was für ein Subjekt es sich beim Landeseindringling handele, sagt der Schrittbeauftragte und macht einen Schritt, einen für einen Schrittbeauftragten bemerkenswert unsicheren Schritt vor die Haustür, ins Draußen, das, so der Schrittbeauftragte, für den Asylanten, den Bewerber, tabu sei. Das sei eine sensible Zone, die sei so sensibel, dass sie, würde sie von einem Fremden betreten, einen Zusammenbruch erleide, wäre sie nicht zuvor über den Fremden, also den Asylanten, also den Bewerber, aufgeklärt worden. Sensibel müsse man mit der sensiblen Landschaft umgehen, sie muss, so der Schrittbeauftragte, Schritt für Schritt auf den Fremden, der sich ihr nähern will, vorbereitet werden. Da müssen, so der Schrittbeauftragte, unzählige Gespräche geführt werden, die Landschaft, die nicht nur eine Landschaft sei, sondern aus verschiedenen Teilen, wie Schwimmbädern, Gärten, Kinos, Läden, Schulen bestehe, müsse Schritt für Schritt auf den Fremden, den Bewerber, vorbereitet werden, sie müsse unbedingt über eventuelle Gefahren informiert werden, wisse man doch, so der Schrittbeauftragte, bisher nichts über den Asylanten, außer eben nur, dass er Asylant sei, aus diesen und jenen Gründen, die sich oftmals um Verfolgung drehen, die aber der sensiblen Zone nicht zugemutet werden könnten, da die Zone so sensibel sei, dass mit einem Zusammenbruch durch Wahrheit zu rechnen sei. Nein, sagt der Schrittbeauftragte, die Wahrheit sei der sensiblen Zone in keinem Fall zuzumuten, deshalb, der Schrittbeauftragte beugt sich zur Erde hinab, um sie zu streicheln, müsse der Asylant, der Bewerber, er müsse in seinem Asylbewerberheim verbleiben, weil das Heim ein Ort sei, das schon viele Schicksale gesehen habe, es sei ein abgebrühter Ort, der alles sei, nur eben nicht sensibel, auch wenn es Stimmen aus dem linken wie ganz linken Lager gebe, das könne er jetzt nicht sehen, es läge links des Heims, da müsse er nach oben in den Schlafsaal, um es sich vom Fenster aus anzusehen, die … – jetzt hat der Schrittbeauftragte den Faden verloren. Der Schrittbeauftragte bittet darum, ihn über alle geplanten Schritte auf dem Laufenden zu halten, so etwa, wenn man plane, sich in den Keller zu begeben, denn der Keller sei tiefgründig, das sei eine tiefgründige Zone, die sei so tiefgründig, dass es schnell zu Erkenntnissen kommen könne, die den Tod des Asylanten, also des Bewerbers, zur Folge hätten. Dies könne und wolle man nicht verantworten, sagte der Schrittbeauftragte und verschließt die Tür, dahinter sich die Asylanten, also die Bewerber, drängen, eng an eng, weil sie ja nun wissen, dass jeder Schritt nur falsch sein kann.

Montag

Facebook. Was soll ich dazu sagen? Die Leute dort lieben mich einfach! Sie kommen vorbei – rein virtuell natürlich – und fragen an, ob sie mein Freund/meine Freundin sein dürfen. Ich ziere mich da nicht. Freunde kann man nie genug haben. Und sind erst die Kontobewegungen meines neuen Freunds überprüft, kann es schon sein, dass ich ihn annehme. Ich schnappe ihn und drücke ihn so richtig fest an meine Brust.

„Da bist du ja, alte Haus“, sage ich meist zu meinem neuen Freund.

Die Kerle und Mädels vertragen heutzutage leider nichts mehr. Da wird geächzt und gestöhnt. Das ist nicht schön!

„Gut, gut, Rohm“, keuchen sie zurück.

Und dann rubbel ich ihnen mit der Faust über den Kopf. „Du alter Schwede!“, sage ich zu ihnen. „Wo hast du denn so lange gesteckt?“

Die meisten antworten in diesem Stadium unserer Freundschaft schon nicht mehr. (Blödes Pack!)

Um unsere Freundschaft zu besiegeln, werden sie in den Schwitzkasten genommen, den dänischen, der tut besonders weh und Luft bekommt man auch keine mehr. Und wieder wird gerubbelt, und das alles mit zwei Händen und zwei Armen – rein virtuellen Armen und Händen selbstverständlich.

Die meisten – unverständlich, unverständlich – kündigen mir darauf die Freundschaft, dabei war diese einmalige Beziehung gerade am Aufblühen. Wie eine Schuppenflechte erblühte sie. Da wäre viel entstanden. Eine Blutsbrüderschaft. Sie und ich. Winnetou und Old Shatterhand.  Ernie und Bert. Hanni und Nanni. Das wäre nur mit diesen großen Freundschaften vergleichbar gewesen. Und was machen meine neuen Freunde. Fliehen! Hauen ab!

Macht man das? Nein, das tut man nicht. Ein wenig Anstand sollten doch auch meine Freunde besitzen. (Jetzt muss ich mich für sie schämen.) Konnten es wieder nicht abwarten, die Damen und Herren Freunde. Konnten nicht warten, bis ich die Freundschaft beende! Das muss doch möglich sein.

Das müssen Ihnen doch ihre Eltern beigebracht haben: „Hör zu, eine Freundschaft, vor allem eine bei Facebook, wird immer, wird unter allen erdenklichen Umständen, nur von dem beendet, der dich einst als Freund annahm. Hast du mich verstanden, Kind?“

Nein, hat das Kind nicht!

Nichtsdestotrotz bin ich ein Freund, wie man ihn sich wünscht! Warum? Täglich lasse ich meine Freunde meine Texte lesen. Und erwarte ich anschließend Kritik? Nein! Deshalb hat man doch Freunde. Dass sie einen in der eigenen Meinung unterstützen, ein von Gott gesegnetes Genie zu sein. Nicht nur das. Die Freunde bestätigen auch folgende Zuschreibungen: Wunderkind, Sexgott, Schönschriftschreiber, Spitzenpolitiker.

Was nicht heißt, dass ich auch kritische Stimmen zulassen würde. Wenn mir einer eine Privatnachricht zukommen lässt, in der er mich auf die Länge meiner Fingernägel anspricht, die, so sein Wortlaut, sich in einem gewagten Bereich befände, würde ich ihm dies nie zum Vorwurf machen. (Bastard, elender. Verräter, Schwein, Denunziant!)

Nein, nein! Man kann schon auf mich zukommen. Für meine Freunde bin ich stets und immer da. Meist zumindest. Öfter und öfter. Es wird sich schon eine Minute finden.

In diesem Sinne …

Guten Morgen, Freunde und solche, die es vielleicht noch werden wollen.

Donnerstag

Der Himmel versteht mich. Dunkelschwarz ist er. Gottlos. Die vierzehnte Zigarette des Morgens glimmt. Ruhe liegt über der Villa. Trauer quillt wie zählflüssiger Brei durch die Zimmer. Grießbrei? Was weiß denn ich!

Ich bin vom Villacher Literaturpreis zurück (Die Nacht der schlechten Texte). Gewonnen? Fehlanzeige! Ich war wohl nicht schlecht genug beziehungsweise Hans I. Glock, mein Kollege, der noch an Pynchon (Symptome Fragezeichen, die sich über den Körper verteilen, im Endstadium: Unsichtbarkeit) leidet, hat nicht schlecht genug geschrieben. (Dieser Tor, hätte er sich nicht weniger mühen können?)

So sitze ich hier, den Kopf im Schoß, in meinem eigenen Tränenreich. Ein Geiger spielt ein trauriges Lied („Cheri, Cheri Lady“ von Modern Talking). Der Strom ist abgestellt. Es wäre auch eine Riesenvergeudung, habe ich doch Kerzen aufstellen lassen. Halbmast. Eingespielte Schreie. Der Wunsch, mit keinem zu sprechen, nie wieder zu reden. Interviewanfragen werden abgelehnt. Die Welt ist ein Stück düsterer geworden. Wohin ich auch blicke: Gräber! Meine Gärtner arbeiten seit Stunden. Gräber! habe ich geschrien, und jetzt graben sie wie die armen Teufel, die sie sind.

Welt, entferne dich von mir!

Villach Juni 2013 031

Dienstag

Ja, was soll ich dazu sagen? So ist das halt. Da! Da kommt der Morgen. Der kommt halt so um die Ecke. Quasi um die Ecke der Nacht. Nein? Ist das nicht richtig? Würden Sie da eher von einem Übergang reden? Von einem sanften Dahingleiten des Morgens. Einer Landung. Der Morgen landet also lautlos am … Morgen. Ja, aber das geht auch nicht. Der Morgen kann nicht auf sich selber landen. Das ist einfach gegen die Gesetze der Physik. Und wenn nicht gegen die, dann zumindest gegen die Gesetze der Philosophie. Der Morgen kann nicht auf dem Morgen landen. Das ist sprachlich unmöglich.

Auf jeden Fall ist der Morgen jetzt angebrochen. Nein. Der Tag ist angebrochen. Der Morgen hat erst begonnen, da kann er nicht schon kaputt sein.

Sie sehen schon, das ist kompliziert mit so einem Morgen. Da kann man nicht einfach sagen, der ist so und so. Da muss man eine gewisse Vorsicht walten lassen.

Die Sprache ist etwas, was man sehr ernst nehmen muss. Und wenn man jetzt sagt, dass der Morgen begonnen hat, stellt sich die Frage, womit er denn begonnen hat? Was macht denn so ein Morgen? Morgend der Morgen? Oder morgenz er? Morgt er sich? Nein, das habe ich noch nirgends gehört. Er ist mehr eine grobe Zeiteinheit, so wie eine grobe Mettwurst. Da wird die Zeit durch einen Sprachfleischwolf gepresst, und am Ende kommt grobe Zeit heraus. Der Morgen, der wäre so eine grobe Zeit. Oder der Vormittag, der auch.

Sie sehen schon, das ist alles sehr eigen. Aber die Leute, sie kennen ja die Leute, die machen sich da keine Gedanken darüber. Da wird gesagt, der Morgen habe begonnen, er sei angebrochen, er habe Gold im Mund … Ja, verfluchte Scheiße, was wollen sie mit dem armen Morgen denn noch alles anstellen? Das ist ja eine Art von Zustandsvergewaltigung mit den Mitteln der Sprache.

Da sehen Sie mal, wie es einem wie mir geht, der schon am frühen Morgen das Unbedenkbare bedenkt. Ja, wie soll es mir da schon gehen? Scheiße! Da hast du gleich keine Lust mehr auf den Morgen, wenn du dir derart viele Gedanken zu einem eigentlich belanglosen Wort machen sollst. Und warum mach ich das? Ja, was weiß ich denn? Irgendwie muss man ihn ja rumkriegen, den Morgen.

Welt als Fremdenführer

Die Reichen, solch eine Gruppe, die gibt es, und die gibt es nicht.

Es ist das Geld (vielleicht die Sucht nach dem Geld, oder die bloße Anwesenheit von Geld), das sie verbindet – mehr nicht, obwohl wir sie gerne mit gleichen Charaktereigenschaften ausstatten würden, damit sie fassbar bleiben.

Eine unfassbare Welt, die kann der Mensch nicht gebrauchen, eine, die sich der Logik und der Gründe enthält, eine, die handelt, ohne dass es (zunächst) einen Sinn für uns ergibt.

Wenn ein Haus explodiert, müssen wir einen Täter finden, am besten einen mit religiösem Fanatismus im Gepäck, einen Fanatismus, den wir nachher bei der Befragung auf den Tisch legen, den wir betrachten und obduzieren können, um so den Schlaf, der sich in der nächsten Nacht bitte sehr einstellen soll, nicht vermissen zu müssen.

Die Welt muss mit Worten versehen werden, mit Schildern, auf denen geschrieben steht, was im Inneren einer jeden Sache zu finden sein wird.

Und so wollen wir einen Reichen, der gefälligst gierig und hinterhältig ist, der von seinen Schätzen nichts abgeben will, und der sie hurtig in die Steueroasen verschleppt.

Den Armen aber, den wollen wir als einen guten Menschen sehen (er leidet ja schon genug, da braucht es nicht noch unserer Verurteilung), als einen, der der Umstände halber zum Verbrecher wurde. Er ist uns eine tragische Gestalt, und wenn er einen Schnapsladen überfällt, ist er uns ein Robin Hood, der das Geld an sich selbst – der er der Arme ist – verteilt.

Umstände prägen einen Menschen, seine Umwelt ist die Form, in die er gegossen wird. Und trotzdem hat ein jeder Mensch seine Tiefen, seine Schluchten, seine Höhlen, seine Luftblasen, die wir nicht kennen, und die wir (vermutlich) auch nie kennenlernen werden.

Der Freiheitskämpfer kann ein gemeiner Lump sein, der seine Freude am Töten hat, und den es eben aus Milieugründen in die revolutionäre Bewegung verschlug. Der Reiche kann ein Heiliger sein, der seinem Schein, seinem Hab und Gut nicht entkommen will, weil unzählige Arbeitsplätze, und somit Lebensentwürfe, an seinem Tun hängen.

Viel wahrscheinlicher ist, dass es weder gute noch böse Reiche oder Arme gibt, sondern Menschen, die Richtiges und Falsches tun, weil die Angelegenheit, die man Leben nennt, kein planbarer Spaziergang von drei Metern ist. Das Unwägbare begleitet uns alle: Krankheiten und Liebschaften, Feindschaften, auch das Gemüt, das allzu oft seinen eigenen Kopf durchsetzen möchte.

Die Welt ist da, aber sie ist kein Ort, der sich unaufhörlich selbst erklärt, sondern einer, der geschieht, der angefüllt ist mit Freude und Ekel, mit Gemeinheiten – und mit Klischees.

Wenn es nun eine Aufgabe für einen Schriftsteller gibt, dann die, sich dem Geheimnis anzuvertrauen, es nicht zu hinterfragen, sondern es zu erzählen. Es ist die Kunst, sich, wenn möglich, in jeden Kopf begeben zu können, um dort die Geschichte, die man erzählen möchte, zu erleben, mitzuerleben. (Und mit ihm später die Leser.)

Es darf keine Zurückhaltung geben, keine moralischen Bedenken. Man muss nicht eine jede Geschichte erzählen, aber hat man sich erst für eine entschieden, sollte man sie nicht mit seiner vorgefassten Meinung torpedieren wollen.

Es geht um das Geschehen-lassen, um den Moment, das Andere als Fremdes zu begreifen, von dem man sich abholen und mitnehmen lässt, ohne zu wissen, wo man landen und was geschehen wird.

Donnerstag

>>>>Jean Paul hat Geburtstag. Was schert mich das? Feiern wir einen toten Schriftsteller, feiern wir überhaupt einen, ist es, als würden wir eine literarische Gestalt hochleben lassen, einen Entfernten, der nicht einmal da ist, der nicht anwesend ist, der nicht hier vor mir steht, und der vielleicht auch nie existierte, außer eben in seinem Werk, ein Autor, der ebenso wie seine Kopfgeburten ein Fantasiestück sein könnte, ersonnen vielleicht von einem, der sich einen Autoren ausdachte, der sich einen Autoren ausdachte, dessen Bücher ich lese und mit dessen Autobiografie ich mich beschäftige, die aber nicht stimmen muss, die eine Lüge sein könnte, ein Roman, der von A bis Z erstunken und erlogen ist. Nichts würde sich an der Größe (oder fehlenden Größe) des Werks ändern, die stets eine persönliche ist. Wie lässt sich die Größe eines Werks allgemein messen? An der Seitenzahl, an den Worten, die gebraucht wurden, an deren Zusammenstellung, an der Länge der Sätze, an den Ideen, die man zünden ließ?

Wird die Größe von der Literaturkritik vorherbestimmt? Gemacht? Muss man eilig Preise verleihen? Muss man den Autor an der Hand halten und ihn nur oft genug ausgestellt haben? Heute wird alle Tage ein neues Genie ausgerufen. Jeder Verlag präsentiert pro Saisons mindestens eins. Es wird geschrien, so laut wie auf dem Jahrmarkt. Das sei er jetzt endlich, bis man in einigen Monaten den nächsten armen Tropf präsentiert, aber diesmal sei man sich sicher, man habe die Götter befragt, das Orakel, alles seien sich gewiss, dieser oder diese sei es, das neue Fräulein Wunder der Literatur. Das Fräulein wird man vielleicht nicht mehr bemühen, das gab es schon, jetzt ist es die ausgekochte Göre, eine Schlampe sei sie, die es faustdick hinter den Ohren und in den Brüsten habe, die einen Slang schreibe, das habe man noch nicht gehört, der habe sich gewaschen, ein Genie, werden sie tönen, werden es vom Berg hinab ins Tal schallen lassen, damit es jeder hört, ob er nun will oder nicht.

Was kümmert mich der Autor? Nichts, wenn er es nicht versteht, eine Fabel aus sich zu machen, eine Märchengestalt, eine literarische Größe, eine Legende. Ich will mit dem schnöden Schmutz der Realität nichts zu tun haben, nicht mit den Wirklichkeiten, die können mir gestohlen bleiben, die habe ich zu Genüge um mich herumstehen, die sogenannte Realität. Luftschiffe sollen fahren, Zwerge sollen in die Wohnung dringen, ich will von Reisen lesen, die es nie gab, zumal in einem Buch wie dem Internet, ein Buch wie eine Stadt, groß und zerklüftet, mit Vororten und Spielplätzen, mit Rotlichtvierteln, die überschattet werden von Hochhäusern, Wolkenkratzern, deren Enden nicht abzusehen sind, die sich ins Weltall strecken.

Jetzt hat Jean Paul Geburtstag. Was kümmert es mich? Was schert es mich? Ich will die Lüge hochleben lassen, die Fantasiegestalt. Und die hat alle Tage Hochsaison!

Schusswechsel

Einige Gedanken zur Gewaltanwendung in der deutschsprachigen Literatur  

Was für eine trübe Aussicht. Eine Zeit, in der sich die Kritiker und die Autoren umarmen, in denen die Kritiker zu den Stichwortgebern auf den Veranstaltungen werden. Alle liegen sich in den Armen, niemand findet mehr die Würde, sich mit einem anderen anzulegen. Friede, Freude, Eierkuchen töten die Literatur. Es muss nicht gleich zu einem Schusswechsel kommen (warum nicht?). Die eine oder andere Faust könnte fliegen. Ein Raum, gefüllt mit sogenannten Intelektuellen, die sich in einem literarischen Zwiegespräch befinden, bei dem die Zähne fliegen. Lesungen, bei denen Tische und Stühle fliegen. Eine Literatur, so lebendig wie die Welt, die sie beschreiben müsste.

Unsinn. Morgenträumerei.

Hätte aber was? Was? Der Kritiker, der in die Stadt geritten kommt, weil er auf der Suche nach einem Autor ist, mit dem er noch eine offene Rechnung zu begleichen hat. Oder umgekehrt! Der Autor ist es, der in den Saloon kommt. Schweigen. Alle Geräusche versiegen. Alle sehen ihn an. Ängstlich. Erwartungsvoll.

„Hat jemand XY gesehen?“, knurrt der Autor.

Keine Antwort. Alle wissen, warum er hier ist. „Er wird XY töten.“ – „Warum?“ – „XY hat sein Baby getötet!“ – „Sein Baby? Das ist ja schrecklich.“ – „Ein bezahlter Auftragskritiker!“ „Na, dann hat er es nicht anders verdient!“ Eine alte Nutte, ganz hinten im Schatten des Saloon, lässt plötzlich ihre Stimme ertönen. Nicht ertönen. Es ist mehr ein Flüstern, das in der Stille wie ein Ast treibt. Ein kleiner, abgebrochener Ast, der auf dem Fluss der Stille treibt. „Ich habe ihn gesehen“, sagt sie. „Er ist drüben im Hotel.“ Der Autor kneift die Augen zusammen. Nickt. Er dreht sich um und geht.

Später in einem Fernsehinterview:

Sprecher: Warum haben sie XY erschossen?

Autor: Es ist meine Aufgabe, hin und wieder ein wenig durchzudrehen. Einfach mal die Kontrolle verlieren. Damit etwas Neues entsteht. Ein Erzählstrang, mit dem niemand gerechnet hat. Geschichte machen. Das ist doch mein Job, oder?

Sprecher: Sie verherrlichen Gewalt.

Autor: Ich schreibe darüber. Dann sollte ich sie auch kennen. Hin und wieder mal anwenden.

Sprecher: Sie sind also für die Selbstjustiz in der Literatur?

Autor: Sagen wir es mal so (Autor spuckt Tabaksaft), wir sind Teil einer merkwürdigen Morgenerzählung, die mir keine andere Wahl lässt.

Sprecher: Sie wollen damit sagen, wir sind nicht die Herren der Situation?

Autor: Das will ich.

Sprecher: Sie glauben also an Gott, an den großen Erzähler, der uns alles, was wir sagen in den Mund legt. Ich kann also nicht selber entscheiden, was ich sagen möchte?

Autor: Sie werden geschrieben. Jedes Wort, das Sie aussprechen, wurde aufgeschrieben. Es entstand nicht in Ihrem Hirn, nicht in Ihrem Kopf. Da oben ist jemand …

Sprecher und Autor beugen sich nach vorne und sehen nach oben.

Sprecher: Da oben?

Autor: Da oben!

Sprecher: Hat … nun … hat Gott … einen Namen?

Autor: Dieser hier heißt Guido Rohm.

Sprecher: Ein merkwürdiger Name. Italienische Mafia?

Autor: Hessischer Hinterwald!

Sprecher: Und er (Sprecher zeigt mit dem Daumen nach oben) entscheidet über jedes Wort?

Autor: Nicht ein Wort stammt von Ihnen.

Sprecher: Verflucht. (Sprecher pfeift durch die Zähne.) Ich könnte also auch fluchen. Es wäre nicht weiter schlimm, weil ich es ja nicht wäre, sondern er dort oben.

Autor: Richtig!

Sprecher: Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten.

Autor: Sie haben keine Wahl. Keine Möglichkeiten. Sie sind eine Handpuppe.

Sprecher: Nein.

Autor: Wenn ich es Ihnen doch sage!

Sprecher: Sehen Sie mich an! Sehe ich etwa wie eine Handpuppe aus?

Autor: Sie sehen gar nicht aus. Ich kann Sie nicht sehen. Sie sind nicht da, Sie sind ein paar Sätze. Sie bestehen aus Worten.

Sprecher: Alles Unsinn. (Sprecher lächelt in die Kamera.) Völlig verrückt, dieser Autor. Wir bedanken uns für das Gespräch.

Autor: Gern. Das habe ich aber nicht gesagt. Das hat ER gesagt. ER hat es mich sagen lassen. Seine Macht ist unendlich. Lassen Sie uns jetzt gemeinsam beten.

Sprecher: Wie bitte?

Autor: Wir sollten ein Opfer bringen. Haben sie ein Schaf zur Hand?

Sprecher: Bringt den Irren hier raus.

Lodenmanteltag

Das Kind ist heute wieder in der Schule gewesen. Es muss dort jeden Tag hin. Scheußlich. Ich strich dem armen Wesen über den Kopf und bedauerte es.

Die Krankheit hält mich noch in ihren Fängen. Tentakel nehmen mir die Luft zum Atmen. Die düstere Stimmung der Außenwelt legt sich wie ein alter Lodenmantel über mein Innenleben. Es riecht muffig. Nach Mottenkugeln.

Als Meisterautor bin ich momentan außer Gefecht. Die Gattin des Meisterautors residiert auf dem Sofa. Sie durcheilt einen Krimi. Als Schnellleserin liest sie die 500 Seiten in vierzehn Minuten. Unglaublich, aber wahr, wie alles in diesem Tagebuch.

Handvoll Zeit

Der Meisterautor hat nie Zeit. Zeit ist etwas, das er sich nicht leisten kann. Wenn ihn einer fragt, ob er mal Zeit für ihn hätte, lacht er laut und hell auf. Er schüttelt nach dem Lachen den Kopf und sagt: „Zeit, bist du bescheuert, die kann ich mir nicht leisten, du Saftsack.“

Wenn der Meisterautor Zeit erübrigen kann, geht er in die Stadt und spricht Leute an, ob sie etwas Zeit für ihn übrig hätten. „Haben Sie nicht eine Minute für einen armen Meisterautor.“ Die Menschen schütteln ihre Frisuren. Er soll gefälligst nicht arbeiten, dann hätte er auch Zeit, sagen sie. „Strebsame Sau“, hat ihn mal einer genannt. Der Meisterautor hat an Ort und Stelle eine Satire über ihn geschrieben. Die hatte es in sich. Der Kerl ist ganz klein geworden. Geflennt hat er. Der Meisterautor hat keine Gnade gekannt und hat ihm noch ein Gedicht auf den Kopf zugesagt. Das hat ihm den Rest gegeben. Er hat sich aus dem Fenster einer Frau, die gleich neben der Stelle, an der sie aufeinander getroffen sind, aus dem Fenster gestürzt. Hat Sturm geklingelt. Sie wollte ihn erst nicht rein lassen, da hat er behauptet, er wäre ihr Enkel. Er hat es mit piepsiger Stimme gerufen. Sie hat ihm eine Frage aus der Vergangenheit gestellt, die nur der wahre Enkel beantworten konnte. „Wie ist mein Name?“, hat sie geröchelt. Der Selbstmordkandidat hat ihn abgelesen. Sie hat geschrien: „Du bist es tatsächlich!“ Und schon war er drin. Drängelte sie vom Fensterbrett und stürzte sich aus dem Erdgeschoss auf den Bürgersteig. Weil er glücklich fiel, starb er tatsächlich. Den Meisterautor hat es nicht weiter interessiert. Strafe muss sein. Das hast du davon, hat er gedacht. Dann ist er weiter und hat ein paar Jugendliche angequatscht. Drüben vor dem Bahnhof. Die hatten Zeit im Übermaß, die wussten gar nicht wohin damit. Haben sie in Säcke gestopft und verschenkt. Der Meisterautor hat sich dreizehn Säcke gekrallt. Jetzt hat er Zeit. Die wird nicht ewig reichen, aber wenn wieder mal einer auftaucht und fragt, ob er Zeit hätte, kann er in einen der Säcke greifen, um ihm eine Handvoll zu schenken.

Geschlechterkampf

Die Madame will nach Paris. Das ist ein langer Weg. Zwischen ihr und Paris liegen so viele Männer, die sie leider erschlagen muss, weil sie sich für den Feminismus einsetzt.

Sie praktiziert die Befreiung der Frau als alter Schwede. Sie schwitzt fürchterlich unter der blonden Perücke. Und rasieren muss sie sich auch ständig. Schab, schab, schab, weil der alte Schwede einen schlechten Bartwuchs hat. Aus dem Hals stinken tut er auch, der alte Seebär. Darum isst die Madame Dinge, die grünstichig sind und nach letztem Jahr schmecken. Sie hasst den alten Schweden inzwischen, also haut sie sich auch mal selber eins auf die Fresse. Das ist ein Kampf. Schwede gegen Madame.

Dong.

Madame tritt aus der Ecke des Hotelzimmers, das in einem Hotel voller Leichen liegt, weil Madame bei ihrem Einzug allen die Halsschlagader durchgebissen hat. Sie umkreist sich. Bewegt den Kopf hin und her. Sie denkt das. Sie bewegt den Kopf gar nicht. Sie ist viel zu fett, um ihren Kopf zu bewegen, der wie ein Fleischberg mit zwei Augen aussieht. Die Irritation der Madame wird vom alten Schweden ausgenutzt. Er verpasst ihr einen Schwinger, der ihr mitten in diesem Hotelzimmer vor Paris das rechte Auge aus dem Fettberggesicht schält. Das Auge kullert zum Fenster.

„So geht das nicht“, unterbricht Madame den Schweden.

Gemeinsam rutschen sie auf ihren Knien im Zimmer rum und suchen Madames Auge. Sie finden einen Arm, aber der gehört ihnen nicht, also wirft ihn der Schwede aus dem Fenster, weil: Ordnung muss sein. Wo käme man denn da hin, wenn jeder seinen Arm liegen lässt, wo er gerade steht und geht.

Das ist ja das Elend mit der heutigen Jugend. Sie haben keinen Sinn mehr für Arme und Beine. Überall lassen sie ihre Gliedmaße rumliegen. Die Mutter muss es aufräumen. Immer das Blut von den abgerissenen Händen und Armen an den Händen. Der Vater ist ja nicht da, weil die heutige Jugend ohne Väter aufwächst. Die lassen sich alle scheiden und heiraten eine kleinwüchsige Japanerin, sodass es inzwischen in Japan keine Frauen mehr gibt. Scheiß Europäer. Müssen sich überall einmischen. Kolonialherren durch und durch, während die Mütter sich um die Extremitäten in den heimischen Kinderzimmern kümmern müssen. Dann müssen sie noch das Bad putzen. Man kommt aus der Arbeit gar nicht mehr raus, obwohl man schon siebzehn Stellen hat, um das Geld für sich und seinen Balg aufzubringen.

Während der Schwede der Madame das Auge einnäht, plaudern sie ein wenig über die Weltherrschaft und die Kanzlerin. Die Madame ist der Kanzlerin einmal begegnet.

„Sie trägt einen netten Overall. Außerdem hat sie ein Handy in Form eines Zepters. Das will ich haben. Mit so einem Handy telefoniert es sich besser, das kann man dem Handy ansehen.“

Weil er keinen Bindfaden dabei hat, schmiert der Schwede seinen Speichel über das Auge, damit es in der Höhle bleibt.

„Könnte rausfallen“, erklärt der Schwede fachgerecht.

Sie ächzen sich auf ihre Füße. Und weiter geht es mit dem furchtbaren Zweikampf.

Madame zeigt auf den Boden, ein alter Weltmeisterschaftstrick.  Der Schwede ist so blöd und guckt nach, da tritt ihm die Madame mit ihrem Klumpfuß die Nase weg.

Nach dem Auge kullert jetzt die Nase, aber der Schwede ist hart im Nehmen.

„Lass kullern!“, quietscht er.

Der Schwede und Madame müssen lachen, weil sich der Schwede ohne Nase zum Schießen anhört.

„Damit könntest du auftreten“, sagt Madame.

„Warum nicht“, quietscht der Schwede.

Plötzlich klopft es an der Tür. Das kann doch nicht sein. Die Madame hat doch alle erschlagen. Muss jemand von Auswärts sein. Vielleicht ein Hotelbesucher, der sich in diesem Hotel mal umsehen will. Dem wird sie es zeigen.

Der Schwede öffnet. Madame ist außer Puste. Der Kampf hat sie ermattet. Eigentlich wäre es längst Zeit für ein Schläfchen. Mal hinhauen, um wieder zu Kräften zu kommen.

„Wer ist es denn?“, fragt sie.

Sie hat sich einen kleinen Augenblick umgedreht, um sich das Blut vom Kleid zu wischen, und jetzt ist der Schwede fort. Die Tür ist offen. Und der Schwede ab.

Dumme Sau, denkt die Madame. Wahrscheinlich ist er mit einer kleinwüchsigen Japanerin durchgebrannt. Männer eben. Sie wird ihn schon noch finden und gemächlich töten.

Madame wirft sich auf das Bett, wieder eins, das denken kann, und das fast den Verstand bei den Tonnen verliert, die sich auf ihm in den Schlaf wuchten.

Ja, es ist ein merkwürdiges Rätsel, wo der Schwede verblieben ist. Wie in einem David-Lynch-Film. Sehr mysteriös.

Wände in Pink – Aus meinem verfluchten Leben als Starautor (41)

Ich habe schlecht geschlafen und bin nervös, weil die Gärtner eine Gehaltserhöhung eingefordert haben, der ich auf keinen Fall nachkommen werde. Ein Streik braut sich zusammen. Plakate und Rufe nach meinem Kopf liegen in der Luft.

Nach dem Aufwachen genehmige ich mir eine Blondine. Ich bin süchtig nach ihnen, ich kann von ihnen einfach nicht genug bekommen, obwohl ich sie über einen Menschenhändler beziehe, der mir versichert hat, dass es dort, wo er sie finden lässt, noch viel mehr gibt. Massen davon. Sie kommen aus Schweden oder Norwegen, vielleicht auch aus einem anderen Land. Ich war nie besonders gut in Erdkunde.

Während des Frühstücks telefoniere ich mit meinem Verlager Samuel Pippi Devine, der mich bittet, sobald wie möglich das Manuskript meines neuen Spitzenmeisterwerks abzuliefern. Ach, was wissen diese Bastarde schon von den Mühen, die ein Künstler auf sich nehmen muss. Die Strapazen. Diese unendlichen Demütigungen. Die Worte fallen doch nicht vom Himmel. Ich muss sie in meinem Kopf auflesen, muss mich bücken, um jedes Wort einzeln von der Straße zu klauben, um es vom Bürgersteig zu kratzen. Manches Wort muss man auch erbeuten. Man muss es seinem Kollegen aus der Hand reißen, muss ihn verschwinden lassen, für immer und ewig. Diese verfluchten Verleger, sie wissen nichts, sie können nur fordern, fordern, fordern.

Nach dem Frühstück ist vor dem Mittagessen. Ich nutze die Zeit für einen Vierzeiler, den ich in meine Gartenbank ritze. Ein Geschenk meiner Exfrau Sophie, die sich mit diesem Scheusal aus dem Staub gemacht hat. Gott möge ihren armen verfluchten Seelen nie verzeihen.

Die Gärtner stehen in unmittelbarer Nähe und beobachten mich. Ihre verächtlichen Blicke fressen mich auf. Sie machen mich ganz krank mit ihrer Neugier.

Um mich zu beruhigen, esse ich ein Stück Torte im Stehen.

Ich muss unbedingt auf meine Figur achten, die allmählich aus dem Leim geht. Ich wachse über mich selbst hinaus. Ich muss achtsamer mit mir und meinem Leben umspringen. Etwas weniger rauchen, nur ein bis zwei Blondinen täglich, höchstens eine Flasche Wein.

Um die Gärtner in Schach zu halten, lasse ich ihren Anführer am Nachmittag von meinem Sekretär Gotthilf auspeitschen. Ich werde keine Meuterei dulden. Nicht auf meinem Anwesen. Ich habe einen Auftrag zu erfüllen. Ich werde nicht eher ruhen, bis mein Werk in trockenen Tüchern ist. Die Nachwelt hat ein Anrecht darauf.

Um mir den Abend zu versüßen, schreibe ich unter dem Namen meines schärfsten Konkurrenten einige Hassmails an den Starkritiker Thomas Thams. Ich beschuldige ihn des Verzehrs einer ledigen Krankenschwester. Kannibalismus hat schon so manche Karriere zerstört. Thams wird sich noch wundern.

Und dann geschieht das vermutlich Unvermeidbare. Die Gärtner haben sich bewaffnet und gegen Mitternacht fliegt der erste brennende Zierstrauch durch das Panoramafenster im Thomas-Mann-Saal. Ich weise Gotthilf an, die Gewehre und die Weinvorräte aus dem Keller zu holen.

Ich stelle mich auf einen langen und heftigen Kampf ein. Erste Forderungen, die sich auf die Eiche im Nord-Park beziehen, werden von einer abgerichteten Ente überbracht, deren frecher Gang mich reizen soll.
Gotthilf dreht ihr den Hals um und rupft sie, damit sie uns als Abendessen dienen kann. Ich will und werde mich dem Mob nicht beugen.

Meine Kopfschmerztabletten liegen unten in der Küche. Während ich dies schreibe, schießt sich Gotthilf bereits den Weg zu ihnen frei.

Joyce stehe uns bei!

Der Mann, der kein Flughafen sein wollte

Der Körner wollte es nie.

Landeten unsere Papierflieger auf seinem Grundstück, setzte es Drohungen. Nichts Unbestimmtes, sondern klare Aussagen darüber, was er mit unseren Armen zu tun gedächte, bekäme er sie in seine Hände.

Pranken waren das. Groß wie Klodeckel. (Hans vermutete, dass Körner in einem früheren Leben als Auftragskiller für die Israelis gearbeitet habe. Wir anderen hielten das allerdings für eine überzogenen These, die keiner näheren Überprüfung standhalten würde.)

Mann, konnte der Körner mit seinem Gesicht spielen. Da war alles in Bewegung. Wie auf einem Rangierbahnhof. Oder in der Fußgängerzone an einem Samstag. In der Nähe seines Gesichts hätte ich nicht wohnen wollen. Man hätte keine Ruhe gehabt. Ständig schossen Schweißperlen wie Silberkugeln durch die Gegend.

Wenn er uns in die Finger bekäme, würde er uns schon lehren, was es heißt, Flieger in fremden Gärten landen zu lassen.

Ein Lärm machte der, das war für alle Nachbarn unzumutbar. Selbst die Lastwagen, die durch unsere Straße polterten, übertönte er. Manchmal fuhren sie auch schneller, als hätten sie Angst vor dem Körner.

Einer von den Jungs kam auf die Idee, ihn über Nacht mit derart vielen Fliegern einzudecken, dass er seine Wiese nicht mehr sehen würde. „Soll er doch in einem Meer aus Papierfliegern ersaufen, die alte Sau.“

Aus den Plänen wurde nichts. Und kurze Zeit später gaben wir die Fliegerei dann auch ganz auf. Wir hatten uns dafür entschieden, Fußballprofis zu werden, weil die Verdienstmöglichkeiten weitaus besser waren. Außerdem wurde man für jedes Tor wie ein Halbgott gefeiert, auch wenn das Frau Jakob und ihre kaputte Scheibe zunächst nicht einsehen wollten.

Der Körner schaute uns seit dieser Zeit traurig an. Etwas schien ihm zu fehlen, vielleicht war es die Aufregung um seinen plötzlich von uns nicht mehr genutzten Flughafen.

Später starb er an einem Herzinfarkt. Zur Beerdigung sind wir nicht gegangen.

Es soll überhaupt eine sehr stille Trauerfeier gewesen sein. Er hätte uns eben bei unserer Flughafenarbeit unterstützen sollen.