Freitag

Und wieder eine Nacht überlebt. Das muss man erst mal schaffen. Nacht für Nacht die Albträume überleben, die einen heimsuchen, die einen tief ins Bett ziehen wollen, unter die Matratze, dort hinunter, wo die Unternacht beginnt, wo die Unterwelt anfängt und die Dämonen hausen.

In der Unternacht ist eine Menge los. Es wird gefeiert, aber nicht so, wie wir uns das vorstellen, sondern man lässt „die Sau“ lustlos raus. Ohne Freude. Ohne Spaß. Das alles sind Fremdwörter dort unten. Mit hohlen Augen sitzen sie da und stieren nach oben auf die Matratzen der Menschen. Sie horchen auf unser Schnarchen. Auf unsere Liebesschreie. Unsere Gespräche. Auf diese kleinen, abgehackten Sätze, kurz bevor wir die Augen schließen.

Und wissen wir nichts mehr von uns und unserem Zimmer und der Welt, sind wir erst in den Schlaf wie auf einen Meeresgrund gesunken, strecken sie sich, nur ein wenig, um mit ihren Krallen über die Unterseiten der Matratzen zu streichen. Das ist ihre Art der Zärtlichkeit. Sie sehnen sich. Ihr Mäuler stinken nach Fäulnis, nach so vielen Gräbern, in denen die Toten zerfallen sind.

Hin und wieder findet sich einer unter ihnen, der mutig genug ist, einen Schnitt zu machen. Einer, der die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit aufhebt, der sie einfach so auftrennt. Langsam, fast zärtlich, schneidet sein Fingernagel, der rasiermesserscharf ist, in die Matratze, weil er hungrig ist und sich einen von uns holen will. Wir sind nur Futter für sie.

Am nächsten Morgen ist ein Mann oder eine Frau fort, irgendwo auf der Welt, verschwunden, als hätte es ihn oder sie nie gegeben. Und sein Partner wundert sich, ob er oder sie in die Küche ist, ohne zu wissen, dass er oder sie nicht mehr zurückkehren wird, weil er oder sie sich längst auf der dunklen Unterseite des Bettes befindet, tief unten, so weit unten, dass unsere Augen die Tiefe nicht ausloten können. Der Matratze ist nichts anzusehen.

Nur wenn man ganz still ist und Ohren dafür hat, kann man vielleicht ein Schmatzen und Knurren hören. Und das Klappern von Knochen. Aber besser ist es, wenn man es überhört. Wenn man es mit Alltagsgeräuschen überdeckt. Manchmal lebt es sich mit einer Lüge besser.

Guten Morgen, Welt!

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Donnerstag II

Regen fällt, und zwar exakt mit einer Reisegeschwindigkeit von 300 000 Kilometern in der Stunde. Da heißt es, den Kopf einziehen, sonst ist er weg. Ritsch! Ratsch!

Plitsch! Platsch! Schon wieder sind unzählige der kleinen Wurfgeschosse auf der Erde eingetroffen. Die Tropfen zerbersten, diese wunderbaren Geschöpfe, die so fragil wie gefährlich sind. Kein Wunder, dass sich die Straßen wehren und ihre Eismaschinen anwerfen, um den feindlichen Eindringling einzufrieren.

Die Autos, nichts ahnend, kommen ins Schleudern, und das nur des Verteidigungssystems der Straßen wegen.

So entsteht Straßenglätte, liebe Kinder. Und jetzt ab ins Bett.

Gute Nacht!

Donnerstag

Ich bin erwacht. Jetzt ist die Frage, die sich mir stellt (und sie stellt sich mir mitten in den Weg, geschrieben auf eine Tafel), warum ich erwacht bin? Wer hat mir den Namen gegeben? erwacht, für was soll das stehen? Gibt es Hinweise, die das Entstehen des Namens erklären? er steht für einen männlichen Träger. Gut. Und wacht, dass er nicht schläft. Ein männlicher Nichtschläfer also.

„Du bist erwacht“, sagte meine Frau vorhin zu mir, als wüsste sie etwas, dass mir noch nicht klar war. Nämlich, dass ich fortan einen anderen Namen trage. Nicht für lange, denn weitere Namen werden mir den Tag über angehängt werden. „Du bist faul.“ (Zum Glück bin ich auch manchmal unschlagbar.)

So lebe ich in einem Königreich der sich abwechselnden Vornamen.

Guten Morgen, Welt!

Ich bin ein Dilettant

Ich bin ein Dilettant. Da steht es, wenn auch dilettantisch hingeschmiert, einfach so in den Raum geparkt, wie ein Auto, das man am Straßenrand stehen gelassen hat. Da steht es, mein dilettantisch geparktes Auto, denkt man. Nicht weiter schlimm, denn am Dilettantismus feile ich bereits seit meinen Kindertagen. Damals dilettierte ich bereits Steaks und Braten, einfach alles, was mir unter das Messer kam, auch Menschen, verirrten sie sich auf meinen OP-Tisch. „Doktor Rohm“, sagte die Schwester. Und ich, um keine Antwort verlegen, sagte: „Schwester“. Dabei war das gelogen. Sie war gar nicht meine Schwester. Sie war nicht mal mein Bruder. Ich kannte sie aus der Notaufnahme, dort hatten wir uns die Aufnahmen der Callas angehört. „Das sind die geheimen Notaufnahmen“, erklärte mir eine Frau, die sich mir als Schwester zu erkennen gab. „Wir wurden als Kinder getrennt“, erklärte sie mir. Ich könne sicher sein, dass sie meine Schwester sei, deshalb trage sie auch eine Schwesterntracht. Tracht kommt von Tragen und Austragen. Man sagt ja auch, jemand sei trächtig. Oder: Was du da trägst, steht dir.“ Logik ist alles im Leben, ohne sie kein Sinn, nirgendwo.

Diesntag

Habe diesen Tag in Diesntag umbenannt, weil ich mich verschrieben habe. Und jetzt zum Thema des Tages.

Kaffee. Eine gute Idee, wenn die kalten Winterabende kommen. Man sitzt auf seinem Popo und denkt, es könnte nicht schlimmer können, da stürzt die Decke von der Decke, wenn man das so sagen kann. Ist mir nicht passiert, zum Glück, aber es hätte passieren können. Wie so vieles, was an diesem Tag passiert ist, aber eben nicht mir. Ich hätte die katholische Kirche reformieren können. Hier ein bisschen, dort ein bisschen, sie hätte sich schon bald gar nicht mehr wiedererkannt. Die Priester hätte ich zunächst in klingonische Uniformen gesteckt. Die Ministranten wären alle freigelassen worden. Aus den Kirchen hätte ich Kinos gemacht, Programmkinos, von denen kann man ja nie genug haben.

Mehr will ich jetzt nicht schreiben.

Guten Abend, Welt.

Und dann?

Zuweilen wurde Aldous von einer gewissen Nervosität gepeinigt, die ihn in seiner Wohnung auf- und ablaufen ließ. Überzeugt davon, dass das Leben sinnlos ist, hatte er sogar schon versucht, sich von einem der Küchenstühle zu stürzen.

Aber wie alles, was er anfasste, war auch dies weniger glücklich verlaufen, als er sich das zunächst in seiner kühnen Fantasie ausgemalt hatte. Nicht einmal eine Hand brach er sich, sodass er schließlich auf den Gedanken verfiel, sich durch Verkühlung umzubringen. Stundenlang saß er am offenen Fenster, ein dem Tode geweihter, wie er dachte, der einem Tonband seine letzten Gedanken anvertraute.

„Ich möchte, dass mein Unterhemd an meinen guten Freund Norden geht, in der Hoffnung, dass er es versetzen und sich einen neuen Namen kaufen kann. Er leidet sehr unter seinem jetzigen. Erst gestern im Treppenhaus, vertraute er mir an, dass sein Name eine Qual für ihn sei. Viel lieber würde er Süden oder Westen heißen. Osten ginge auch noch, aber Norden mache ihn krank. Er sei deshalb schon in Behandlung, nicht nur deshalb, sondern auch wegen der Sache mit seinem Kleiderbügel. Er hält seinen Kleiderbügel für eine Widergeburt von …“

So diktierte Aldous, fest davon überzeugt, den morgigen Tag nicht zu erleben, seine letzten Worte.

„Gestorben? Ich habe mir nicht mal den Tod eingehandelt, dafür aber eine Riesenerkältung. Der Arzt hat gesagt, wenn ich nicht aufpasse, könnte sie sich zu einer ordentlichen Lungenentzündung ausweiten. Liebe Kinder: Selbstmordversuche sind gefährlich. Nein, nicht mit mir. Ich werde zukünftig die Finger davon lassen. Am Ende stirbt man noch an ihnen. Und dann? Wer kann mir denn garantieren, dass das Jenseits nicht viel sinnloser als das Leben ist, hm? Aber tot ist tot. Drüben kann man sich ja nicht einmal umbringen.“

Fortan bejahte Aldous das Leben.

„Ist das nicht Aldous, der dort singend mit einer Blume die Straße entlangläuft? Das muss er sein!“

Aus „Die geheime Lebensgeschichte des Aldous Huxley“

Montag II

Erhielt heute einen Brief, der für Verunsicherungen jeder Art warb. Man verunsichere alles und jeden. Ich überlegte lange. Man kann nie genug verunsichert sein. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass auf diese Leute Verlass ist. Tritt ein Schadensfall ein, zahlen sie garantiert nicht. Sofort tritt die Verunsicherung in Kraft, ob man nicht woanders hätte abschließen sollen. Nein, sagt da die Verunsicherung. Besser verunsichert als bei uns, sind Sie bei keinem anderen Unternehmen. Stimmt.

Guten Abend, Welt!

Montag

Ich träumte davon, die Vorstellung einer Laienspieltruppe besucht zu haben, die eine Bearbeitung des Romans „Der Zauberberg“ von Thomas Mann aufführte. Doch wie erstaunt war ich, als ich Hans Castorp im grünen Trainingsanzug erblickte. In seinem Mund ein Lutscher. Noch erstaunter war ich, dass er sich beständig in den Schritt griff und ausrief: „Bei Drei ist alles auf den Bäumen. Ich bin spitz wie Nachbars Lumpi.“ Gelächter aus dem Publikum, am lautesten meins. Wie konnte das sein? War ich bereits so tief gesunken?

Nach dem Theaterbesuch gab ich ein Interview, in dem ich bekannte, mich noch nie zuvor in meinem Leben so köstlich unterhalten zu haben. Ich muss im Schlaf rot geworden sein, und wenn nicht rot, so doch mindestens lila oder orange. Ich weckte meine Frau, die zu der Zeit noch tief und fest schlief, und bat sie, meinen Traum für sich zu behalten.

„Stell dir vor ich sterbe und komme in den Himmel und laufe dort Thomas Mann über den Weg. Das könnte peinlich werden. Er könnte mich fragen, ob ich von der schauderhaften Aufführung dieser Laienspielgruppe gehört habe, und ich müsste lügen, dass ich nicht wüsste, wovon er redet. Lügen im Himmel! Das könnte zu einer Gerichtsverhandlung und anschließender Sicherheitsverwahrung führen. Eine Millionen Jahre in einem Wolkengefängnis ohne Engel und Harfe, die halte ich nicht aus.“

„Schlaf jetzt!“

Die hat gut reden. Helle Aufregung seit Stunden. Ich will und muss mir ein Alibi zurechtlegen, sollte ich im Jenseits auf diesen Punkt meines Traumlebens angesprochen werden.

Guten Morgen, Welt!

Sonntag

Zufällig geriet ich gestern an ein Buch von Selinski. Selinski wurde berühmt, weil er einst die Strecke Moskau-Berlin im Kopfstand zurücklegte.

„Selinski, wie hast du das gemacht?“, fragten ihn die Leute nach seinem Eintreffen in Berlin.

„Och“, sagte Selinski, „da ist nicht viel dran. Man muss eben Köpfchen haben.“

Nach seinem phänomenalen Sieg wurde er von einer Gruppe, die sich selbst „Feindes des Kopfstands“ nannten, entführt. Von einem Reporter nach ihren Motiven befragt, antworteten sie: „Wir hatten es in der Hand.“

Selinski wurde tragischerweise erst nach seinem Ableben in einem Reihenhaus am Rande Kölns gefunden. Man hatte ihn dort, mit siebzehn anderen verschwundenen Romanautoren, zur Hausarbeit gezwungen.

„Er trocknete so wunderbar ab“, gab später eine der Entführerinnen zu Protokoll.

Selinski wäre heute 130 Jahre alt geworden. Gedenken wir seines unsterblichen Werks und lassen wir an diesem Tag die Spülmaschine aus, um mit unseren bloßen Händen abzutrocknen. Nicht einmal ein Tuch sei erlaubt!

Guten Morgen, Welt!

Lektüre (4)

“Warum gibt es keine Superhelden-Comics mit Schriftstellern als Helden? Füllermann oder Schreibmaschinenmädchen.”
“Die Leute werden eure Arbeit für eher langweilig halten.”
“Langweilig? Was soll das heißen? Ich führe ein ungemein aufregendes Leben.”
“Jetzt übertreibst du aber.”
“Ich übertreibe? Schriftsteller leben vermutlich am gefährlichsten von allen Berufsgruppen. Sie müssen fortwährend auf etwas achten. Darauf, dass sie nicht vom Stuhl fallen. Oder, dass sie nicht vergessen, zu essen. Kannst du dich an den Fall Haselmayer erinnern? Robert Haselmayer, der Autor. Er war so in eine Geschichte vertieft, dass er über ihr verhungerte. Das ist eine Tatsache. Sie fanden ihn völlig ausgezerrt, er war gerade beim letzten Kapitel. Haut und Knochen, der arme Mann. Sie mussten nicht mal einen Sarg für ihn kaufen. Sie stopften seine Überreste in ein Kuvert. So sieht die Realität aus.”

Aus “Füllermann – Sein erstes Abenteuer”, Roman von Barbara Cartwright

Lektüre (3)

“Was soll das heißen, Sie wollen mich entlassen?”
“Ich kann Sie nicht mehr gebrauchen.”
“Aber nehmen Sie doch einen von den anderen. – Torben, nehmen Sie den. Er ist auf einem Auge blind. Oder nehmen Sie Rita. Nehmen Sie die. Sie hat Haarausfall.”
“Keine Chance. Sie müssen gehen.”
“Aber … Ich hatte noch so große Pläne. Ich … wollte die Mülleimer umstellen lassen, um die Wege im Büro abzukürzen.”
“Gehen Sie bitte jetzt!”

Aus “Das letzte Arbeitsjahr war so scheiße wie das erste”, Roman von Barbara Cartwright