Mal ausspannen

Manchmal denkt der Thomas übers Aufhören nach. Mal nicht mehr in Weltliteratur machen. Mal ausspannen. In sich zusammensacken. Rumliegen. Oder mit dem Kindern spielen. Laut schreiend durchs Haus. Lieber nicht, denkt er. Das sind die nicht gewohnt. Da muss immer eine Ruhe herrschen. Eine große Ruhe. Eine Weltliteraturerschaffungsruhe. Denn so Romane, die fallen ja nicht vom Himmel. Sondern aus seinem Kopf. Aber ständig Kopf, denkt der Thomas, muss auch nicht sein. Wo ihm der Postbote einfällt. Ein gutaussehendes Kerlchen. Mit dem mal durchgebrannt. Da würden sie aber alle staunen. Die Zeitungen würden aufschreien. Blut und Druckerschwärze würden die spucken. Abhauen. Jetzt muss der Thomas über sich selbst lächeln. Wo er doch nicht mal schlapp dasitzen kann. Der Rücken ist steif und schmerzt.
In dem Moment öffnet sich die Tür und seine Frau steckt den Kopf ins Zimmer. Ob er alles hat? Da nickt er, obwohl er am liebsten aufschreien würde. Sich mal die Seele aus dem Leib schreien. Alles eingestehen. Die Sehnsucht nach dem Postboten und so. Wäre er doch nur ein wenig wie sein Bruder. Aber nein. Also beugt er sich über seine letzten Worte. Überliest sie. Das hat er geschrieben? Das kann er sich nicht durchgehen lassen. Zu viel Sex, zu wenig Komplexität. Obwohl, er und der Postbote. Hier auf dem Teppich. Da wäre nix komplex, aber alles Sex. Und dann würde das auch mit dem Rücken klappen. Mal nicht ständig durchdrücken, sondern zusammensacken. Und mit den Kindern. Ach, denkt er seine Gedanken weg. Er schiebt sie weg und schreibt weiter. Man kann eben nicht alles haben.

Aus “Thomas oder: Die Geburt der schweren Stunde”

Musicals, die in Kürze kommen, um damit die Welt ein wenig hässlicher zu machen (1)

Rambo – Das Musical

Erleben Sie Einzelkämpfer John Rambo, der sich trotz eines schmerzhaften Wadenkrampfs aus der grünen Hölle des vietnamesischen Dschungels in die Vereinigten Staaten singt. Dort begegnet er einer Gesellschaft, die den zerlumpten, ungemein gut aussehenden Vietnamveteran wegen eines Sprachfehlers ablehnt. Rambo lispelt.
Aber John Rambo gibt nicht auf und zersingt die Herzen seiner Gegner, bis er schließlich – bis zu den Knochen im Blut seiner Feinde watend – seinen letzten großen Hit schmettert, der von seiner Sehnsucht nach einer Welt ohne Krieg kündet.
Emotional und ergreifend. Mit mehr als 1000 verstümmelten Statisten und 500 sterbenden Tänzern. Siebentausend Liter Kunstblut kommen zum Einsatz. Eine Guido-Rohm-Produktion. Regie: Markus Röckenbrögg
Erleben Sie: RAMBO – Das Musical
Und bald schon RAMBO II – Die Rückkehr des Musicals

Der Postkartenschriftsteller

“Darf ich Sie kurz unterbrechen?”
“Ja, klar, warum nicht.”
“Sie schreiben?”
“Das ist richtig. Momentan arbeite ich an einer Postkarte an meinen Freund Fred. Allerdings suche ich noch nach dem Einstiegsatz. Der ist ungeheuer wichtig. Untersuchungen haben ergeben, dass der erste Satz entscheidet, ob der Empfänger weiterliest.”
“Und wie lautet Ihr erster Satz?”
“Ich habe bisher nur den Anfang.”
“Würden Sie ihn uns trotzdem zu Gehör bringen.”
“Hallo Fred.”
“Das ist der Anfang?”
“Ja, an dem arbeite ich jetzt bereits seit drei Tagen. Man will den Leser, in dem Falle Fred, ja packen, emotional und so.”
“Schreiben Sie nur Postkarten?”
“Meine letzten drei Werke waren Postkarten.”
“Wie sind Sie denn zum Schreiben gekommen.”
“Das war Achim. Der hat gesagt: Schreib mir doch mal eine Postkarte.”
“Die meisten Autoren schreiben ja bereits seit der Jugend.”
“Nein, ich nicht. Da hatte ich auch noch gar kein Geld, um in den Urlaub zu fahren.”
“Das Bedürfnis zu schreiben, entsteht also im Urlaub?”
“Nicht unbedingt. Ist aber schöner, wenn man eine Postkarte schreibt, die von weither kommt. Man kann natürlich auch eine aus dem Nachbarort schicken.”
“Wenn Sie diese beendet haben, gehen Sie dann auch auf Lesetour.”
“Schon gut möglich, dass ich die, wenn Fred sie mir ausleiht, auf dem Geburtstag von Tante Else vortrage. Muss man mal sehen.”

Literaturkritik vs. Blocker

“Sie sind also Literatur-Blocker?”
“Ja. Nicht nur, aber hauptsächlich. Ich blocke zwischen ein bis drei Bücher in der Woche. Wenn es klingelt und der Postbote hat ein neues Paket mit Rezensionsexemplaren, hebe ich die Hand und blocke.”
“Sie nehmen die Bücher also gar nicht an?”
“Natürlich nicht.”
“Und das machen Sie nebenberuflich?”
“Obwohl es mehr und mehr Zeit in Anspruch nimmt. Ich blocke ja auch Filme.”
“Wenn Sie einen Film blocken, wie muss man sich das vorstellen?”
“Ich kaufe die Kinokarte und gehe dann nicht rein. Ich blocke aber auch Filme, die auf DVD erschienen sind.”
“Es gibt ja immer mehr Blocker. Man redet bereits von einer ‘Kultur der Verweigerung’.”
“Das würde ich so eher blocken. Meinungen kann man ja auch blocken, indem man sie nicht hört bzw. überhört.”
“Kennen Sie andere Blocker?”
“Nein, wir blocken uns meistens gegenseitig.”
“Man sagt, dass Blocker gar nicht über das Rüstzeug verfügen, wie z.B. die professionellen Blocker beim Volleyball, die das tatsächlich gelernt haben.”
“Ja, dann lasse ich das mal so stehen.”
“Aber hätten Sie das jetzt nicht auch blocken müssen?”
“Nein, ich bin ja nicht nur Blocker, sondern auch jemand, der Dinge stehenlassen kann. Wenn ich einen Freund treffe, blocke ich den nicht unbedingt. Manchmal lasse ich ihn auch einfach stehen. Wobei das dem Blocken schon sehr nahe kommt.”
“Die Literaturkritiker halten von den Blockern in den meisten Fällen nicht viel.”
“Das sind wohl erste Versuche, sich im Blocken zu üben, würde ich sagen. Man spürt, dass die überlaufen wollen.”
“Es gibt auch noch die Pflocker.”
“Das ist was ganz anderes. Die pfählen Vampire. Das machen wir nicht. Wir würden einen Vampir einfach blocken.”

Aus “Die Kunst des Blockens”

Ein Stück Butter

“Du inszenierst ein Stück?”
“Butter.”
“Was?”
“Es handelt von Butter. Deshalb hat der Autor es auch ‘Ein Stück Butter’ genannt.”
“Butter?”
“Ein Stück.”
“Und was passiert mit der Butter?”
“Sie schmilzt.”
“Und dann?”
“Ist es kein Stück mehr. Das Stück hat sich aufgelöst.”
“Das Stück löst sich auf?”
“Es wird flüssig.”
“Die Butter?”
“Das Stück.”
“Über die Butter?”
“Nein, das Stück wird nicht flüssig. Es endet. Wenn die Butter weg ist, gibt es kein Stück mehr.”
“Dialoge?”
“Reichlich.”
“Und über was sprechen die Schauspieler?”
“Über das Stück.”
“Ein Metastück also?”
“Nein, einfach nur ein Stück Butter.”
“Und die Schauspieler sprechen über das Stück Butter?”
“Darüber, dass es bald kein Stück mehr ist.”
“Ah, es geht um die Vergänglichkeit.”
“Eher um das Dahinschmelzen.”
“Also um die Liebe? Jemand schmilzt dahin.”
“Nicht jemand. Die Butter.”

Aus “Ein Stück Butter”

Buchtipp

Heute: “Der Eimer” von Jochen Senfbold

Der Roman “Der Eimer” von Jochen Senfbold ist durchgehend aus der Ich-Perspektive eines Eimers erzählt. “Als ich ihn schrieb, war ich betrunken und überzeugt, alles zu wissen, was man über Eimer wissen muss”, sagt Senfbold in einem Interview mit “Literatur und Haushaltswaren”. Und er fährt fort: “Heute würde ich es nicht mehr wagen, aus der Perspektive eines Eimers zu erzählen. Ich trinke auch längst nicht mehr so viel.”
“Der Eimer” berichtet aus dem Leben des Metalleimers Robert, der die meiste Zeit unbeachtet in der Ecke eines Kellers steht (Seite 7 – 356), bis er eines Tages von einer Frau entdeckt wird, die sich in ihn verliebt. “Sie streichelte zärtlich meinen beweglichen Henkel, so lange, bis er senkrecht nach oben stand. Sie nahm mich an diesem Abend mit in ihr Bett. Wir liebten uns. Sie sagte, dass ich der wunderbarste Eimer sei, mit dem sie je geschlafen habe.”
Nach der Nacht endet der Roman. Was aus den beiden wird, bleibt offen.
“Literatur und Haushaltswaren” schreibt: “Tollkühn in der Inszenierung mit einigen Durststrecken auf den Seiten 7 bis 356. In jedem Fall eine Empfehlung für alle Freunde von Romanen, die sich mit Gegenständen beschäftigen, in denen man etwas transportieren kann. Zwei von neun Gartenscheren.”