Das Paradies kann warten

Auszug aus einem Gespräch zweier Terroristen

„Wir machen jetzt was?“
„Wir sprengen uns alle vor dem Regierungspalast in die Luft.“
„Jetzt? Ich meine, muss das sein? Ich habe mich noch nicht mal geduscht. Sollte man nicht wenigstens gut riechen, wenn man im Paradies ankommt? All die Jungfrauen … du verstehst, was ich meine, Bruder.“
„Hier ist dein Sprengstoffgürtel.“
„Ich trage nur Hosenträger. Hättet ihr nicht Sprengstoffhosenträger?“

„Schweig!“

„Ich kann mich heute nicht in die Luft sprengen. – Außerdem war Said viel früher im Ausbildungscamp.“
„Keine Ausreden mehr.“
„Ausreden? Das sind keine Ausreden, das sind Tatsachen. Said hat im Lager ständig davon geschwärmt, als Märtyrer zu sterben. Es wäre egoistisch, wenn ich jetzt vor ihm ins Paradies käme.“
„Wir brechen auf!“
„Habt ihr mal aus dem Fenster gesehen? Es regnet. Kein Mensch sprengt sich bei solch einem Wetter in die Luft.“

Wie gehen Sie vor, wenn Sie an einem Roman arbeiten, Herr Schlieper?

„Wie gehen Sie vor, wenn Sie an einem Roman arbeiten, Herr Schlieper?“
„Ich notiere in einem ersten Schritt nur jedes zweite, dritte Wort. Das verschafft mir eine Art von poetischer Luft. Es entstehen Fantasieräume, die ich später auffülle. Manchmal schreibe ich sogar nur jedes siebte Wort auf.“

Aus „Interview mit Urs Schlieper“, 1982

Stillgestanden

Keinen Schritt solle er wagen, erklärt ihm der Schrittbeauftragte, der wild mit den Armen herumfuchtelt, der sie in die Lüfte stößt, als wäre das unsichtbare Atemmaterial sein höchstpersönlicher Feind. Das ganze Land, so der Schrittbeauftragte, sei zur sensiblen Zone erklärt worden, da könne ein Asylbewerber, also einer, der sich um Asyl, also den Aufenthalt bzw. Verbleib im sensiblen Land beworben habe, nicht ungehindert umherlaufen, ja, wo käme man denn da hin, wenn sich der Asylant, also der Bewerber, ungehindert bewege, man müsse um Land, Boden und Leute fürchten, da man nicht wisse, um was für ein Subjekt es sich beim Landeseindringling handele, sagt der Schrittbeauftragte und macht einen Schritt, einen für einen Schrittbeauftragten bemerkenswert unsicheren Schritt vor die Haustür, ins Draußen, das, so der Schrittbeauftragte, für den Asylanten, den Bewerber, tabu sei. Das sei eine sensible Zone, die sei so sensibel, dass sie, würde sie von einem Fremden betreten, einen Zusammenbruch erleide, wäre sie nicht zuvor über den Fremden, also den Asylanten, also den Bewerber, aufgeklärt worden. Sensibel müsse man mit der sensiblen Landschaft umgehen, sie muss, so der Schrittbeauftragte, Schritt für Schritt auf den Fremden, der sich ihr nähern will, vorbereitet werden. Da müssen, so der Schrittbeauftragte, unzählige Gespräche geführt werden, die Landschaft, die nicht nur eine Landschaft sei, sondern aus verschiedenen Teilen, wie Schwimmbädern, Gärten, Kinos, Läden, Schulen bestehe, müsse Schritt für Schritt auf den Fremden, den Bewerber, vorbereitet werden, sie müsse unbedingt über eventuelle Gefahren informiert werden, wisse man doch, so der Schrittbeauftragte, bisher nichts über den Asylanten, außer eben nur, dass er Asylant sei, aus diesen und jenen Gründen, die sich oftmals um Verfolgung drehen, die aber der sensiblen Zone nicht zugemutet werden könnten, da die Zone so sensibel sei, dass mit einem Zusammenbruch durch Wahrheit zu rechnen sei. Nein, sagt der Schrittbeauftragte, die Wahrheit sei der sensiblen Zone in keinem Fall zuzumuten, deshalb, der Schrittbeauftragte beugt sich zur Erde hinab, um sie zu streicheln, müsse der Asylant, der Bewerber, er müsse in seinem Asylbewerberheim verbleiben, weil das Heim ein Ort sei, das schon viele Schicksale gesehen habe, es sei ein abgebrühter Ort, der alles sei, nur eben nicht sensibel, auch wenn es Stimmen aus dem linken wie ganz linken Lager gebe, das könne er jetzt nicht sehen, es läge links des Heims, da müsse er nach oben in den Schlafsaal, um es sich vom Fenster aus anzusehen, die … – jetzt hat der Schrittbeauftragte den Faden verloren. Der Schrittbeauftragte bittet darum, ihn über alle geplanten Schritte auf dem Laufenden zu halten, so etwa, wenn man plane, sich in den Keller zu begeben, denn der Keller sei tiefgründig, das sei eine tiefgründige Zone, die sei so tiefgründig, dass es schnell zu Erkenntnissen kommen könne, die den Tod des Asylanten, also des Bewerbers, zur Folge hätten. Dies könne und wolle man nicht verantworten, sagte der Schrittbeauftragte und verschließt die Tür, dahinter sich die Asylanten, also die Bewerber, drängen, eng an eng, weil sie ja nun wissen, dass jeder Schritt nur falsch sein kann.

Donnerstag II

Man hat mich, Sie werden es nicht glauben, und dies trotz meiner Versicherungen, hier die reine Wahrheit kundzutun, in eine Stadt eingeladen, deren Name noch unbekannt bleiben muss, fürchtet man dort doch um seinen schlechten Ruf. Ja, sie haben richtig gelesen, man bangt um seinen fehlenden guten Ruf, und sollte doch einer vorhanden sein, so wäre er, wie man mir erklärte, mit den hiesigen Ansichten zu Moral und Rechtsprechung nicht in Einklang zu bringen; daher ließ man mich ein Papier unterzeichnen, das eine Verschwiegenheitsklausel enthielt, deren Einhaltung ein Muss für mich sein sollte, will ich nicht Leib und Leben meiner Liebsten gefährden.

Warum reise ich dennoch ab?

Es gilt die Geschichte meiner Familie zu recherchieren, meines Vaters, des Busfahrers, und meiner Mutter, die als rot eingefärbte Punkerin für ihre Taschendiebstähle bekannt wurde. Sie stahl nicht die Inhalte, weit gefehlt, sondern die Taschen höchstselbst, derer sie unbedingt (hier lag wohl ein zwanghaftes Verhalten vor) habhaft werden wollte. Daher leerte sie ihre Beutezüge sorgsam in die Abfalleimer der unbenannten Stadt aus, um durch die Handtasche als solche ein Gefühl von Glücksseligkeit zu empfangen, das sie heiter durch den Alltag des dunklen Ortes, in dem sie vom Schicksal zu leben gezwungen worden war, trug.

Ich kann mich noch gut an mein Zuhause erinnern, das mit Handtaschen überlief. Große, kleine, breite, gestreifte. Handtaschen, wohin Hand und Auge packten. Auf dem Bett, unter dem Bett, auf und in der Kommode, auf dem Klo, unter dem Esstisch. Ach, was will ich all die Orte aufzählen, weil ALLE Orte Platz für ihre Taschen boten.

Heute, nach dem Tod meines Vaters in Bulgarien, wo sie ihren letzten gemeinsamen Urlaub verlebten, und er sich mit einer Herzattacke von der Mühsal des Busfahrens ins Jenseits verabschiedete, tingelt meine Mutter als Gestaltwandlerin durch die Weltgeschichte, stets mit einer ihrer zahlreich „erworbenen“ Handtaschen. Ein Tag ist sie Lady Willmouth, an einem anderen Tag Königin Beatrix von Saba. Das, was das Leben ihr vorenthielt, zieht sie nun mit einer gewissen Genusssucht an sich heran, um jede Sekunde auszusaugen. Eine Form des modernen Vampirismus, der in den westeuropäischen Ländern früher häufig anzufinden war, während er heute den Gestaltwandlern vorbehalten scheint, die auch gerne als Banker und Politiker das Parkett der internationalen Geschehnisse betreten.

Da ich mich für die nächsten ein bis zwei Monate nicht – wie gewohnt – in der Villa aufhalten werde, wird es auch, schon meiner Verschwiegenheitsklausel wegen, keine Einträge in meinem Tagebuch geben.

Aber, wer weiß, ich bin dafür bekannt, mein eigenes Wort gerne zu brechen …

Bleiben Sie mir also gewogen, bis ich von meiner Reise zurückgekehrt sein werde.

Der Rest muss vorerst offen bleiben …

Freitag II

Und dann beugte sich der Tag, er legte sein Haupt auf das Sofa, direkt auf mich und meinen Kopf, sodass ich Kopfschmerzen bekommen musste, denn so ein Tag, der ist groß und schwer. Er ist 24 Stunden lang, das ist ein riesiger Mann, der Tag, aber keine Frau, auch wenn das die Feministinnen erregen beziehungsweise aufregen wird. Erregen wird es sie nicht, das hätte ich nicht schreiben sollen, denn jetzt wird mich wieder eine Flut von Briefen erreichen, ich werde unter den Briefen liegen und nach Luft schnappen, werde im Briefmeer tauchen, bis ich an die Oberfläche gelange, wo die Feministinnen schon auf einem Floß hocken und auf mich warten, um mich zu verhöhnen und zu rufen: Du bist eben ein oberflächlicher Mensch, nicht einmal ein Mensch bist du, zumindest keine Menschin, du Mann!

Der Tag ist also ein Mann und er ist 24 Stunden lang und so breit, wie unsere Geduld oder Ungeduld es zulässt. Wenn du dringend auf Toilette musst, dann kann er breit wie das Universum werden, musst du aber im Taxi zum Flughafen, weil dein Flieger in 2 Minuten geht, ist er schmal wie Twiggy.

Freitag

Schmerzen! Ein unendliches Meer davon! Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, ich bin erkrankt. Um nicht leiden zu müssen, versuche ich mich vom Gegenteil zu überzeugen. Schilder im Zimmer weisen mich darauf hin, dass ich kerngesund bin. „Du bist supergesund“ ist da zu lesen! Oder auch: „Stell dich ja nicht so an, Heulsuse!“ Motivationstraining in Form eines Schilderparks.

Draußen weht der Wind ein dunkles Lied von Hölle und Einsamkeit. Die beiden Liedermacher sind in der Welt dort draußen wahre Hitlieferanten. Erst gestern wurde von einer Frau berichtet, die sich wegen Einsamkeit aus dem Fenster stürzte. Zeit, diesem Verbrecher das Handwerk zu legen. Wo kommen wir denn hin, wenn Komponisten eine solche Macht über die Leute gewinnen.

Zur UNTAT (7)

„Guido Rohm erzählt diese irgendwo in Deutschland spielende Geschichte flott, mit viel schwarzem Humor und einem bitterbösem Ende, das „Untat“ zu einem wirklich gelungenem Noir aus Deutschland macht.“ Axel Bussmer

 

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Dienstag

Schon früh brachte mir mein Vater bei, dass alles, was man wissen müsste, in den Tagebüchern der berühmten Schriftsteller zu finden sei; ja, er verlangte, wenn ich auf Reisen ging, dass ich stets die zehn Bände der Thomas-Mann-Tagebücher mit mir zu führen habe, um so allen Gefahren und Widrigkeiten trotzen zu können.

Verließ ich doch einmal das Haus, ohne die Bücher in einem Karren hinter mir her zu zerren, brachte er sie mir eilenden Schritts, konnte und wollte er doch kein Kind großziehen, das ohne die Worte der Tagebücher aufwuchs. Man müsse Respekt vor den Leben dieser Titanen haben, sagte er mit dunkler Stimme, einer, die in der Lage war, die verschiedensten Farben von Blau bis Rot anzunehmen.

Stundenlang saßen wir in der Küche und tranken das Leben Jack Londons nach, jede Drink-Passage seines alkoholreichen Lebens wurde von uns nachgespielt.

Von den Schriftstellern lerne man die Kunst der Übertünchung, erklärte er mir, während sein Finger durch die Luft fuhr und Schlösser und Bauernhütten malte. Mein Vater erzählte mir von russischen Revolutionen, von gallischen Dörfern, von den Spielsüchten, die er mir empfahl, denn was ein großer Geist wie Dostojewski durchexerziert hatte, sollte von mir nicht links liegen gelassen werden.

Auch durfte ich nicht wie die anderen Kinder umherlaufen. Ich musste im Frack und Zylinder auftreten, musste stinken, um den Geruch der Armut auszustrahlen, um ihn in die Leute hineinzutragen, die sich weiter und weiter von mir entfernten. So durchquerte ich meine Kindheit angetrunken, in altmodischer Kleidung, die Tagebücher Thomas Manns im Gepäck.

Missachtet und ausgestoßen, wurde ich zum Stadtheiligtum der Trunkenbolde und Verlierer, die sich täglich vor einem Kiosk versammelten, um den vertanen Chancen ihres Lebens bierselige Tränen hinterher zu weinen. Sie nahmen mich auf und versorgten mich. Sie erzählten mir von ihren Erfindungen, die sie auf die Bierdeckel malten, von ihren Berechnungen, die herausgefunden hatten, wo Gott zu finden ist und wie sein Name lautet. Alles wussten diese vergessenen Männer, die von der Gesellschaft an den Rand gedrückt worden waren, nur nicht, wie man sich die Schuhe band, und als ich ihnen dies eines Tages vorführte, da stellten sie mich in ihre Mitte und ernannten mich zu ihrem Anführer. Sie baten darum, mich anbeten zu dürfen, aber ich verweigerte ihnen diesen entsetzlichen Akt archaischer Barbarei. Stattdessen las ich ihnen aus den Tagebüchern vor, ich erzählte ihnen von Jack London und wie er sich zu Tode gesoffen hatte. Ich zeigte ihnen die warnenden Beispiele der Schriftsteller auf, die sie die Gläser absetzen ließen. Ja, tatsächlich wendeten sich mache vom Alkohol ab und kehrten in den Schoß der Gesellschaft zurück.

Stolz erzählte ich meinem Vater davon, der mir den Kopf tätschelte und meinte, das habe ich gut gemacht. Aber ich solle ich mich jetzt nicht zu lange auf meinen Lorbeeren ausruhen. Selbstzufriedenheit ist die Mutter aller Untergänge, flüsterte er mir ins Ohr und schickte mich weiter auf Tour, weil es jeden Tag etwas zu erledigen gab. Mal benötigten wir Butter, mal eine Scheibe Brot. Und so sah man mich durch die Stadt trotten, mich und meine Tagebücher, die allen, die nicht so werden wollten, Warnung waren, wie ein Leben einzurichten ist, will man es nicht im völligen Irrsinn verleben.

Und auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sei mein Beispiel fortan die rote Fahne, die die Grenze markiert, die Sie nicht überschreiten sollten.