Samstag

Wir haben es überlebt.

Meine Frau und ich besuchten das weltbekannte Ehepaar Blum in Motten. Motten ist die Stadt, die nach den berühmten Kugeln benannt wurde, die unter anderem in Salzburg massenhaft als Naschwerk verkauft werden. Schmecken aber nicht wirklich.

Fährt man nach Motten hinein, wird man in der Mitte der Metropole von einer Ampel aufgehalten, die den Verkehr lahmlegen soll. Klappt auch. Es soll bereits Tage gegeben haben, an denen manche Autofahrer ihren Wagen als Pension vermieteten. Sie nahmen herumstreunende Fußgänger auf. Boten ihnen die Rückbank an, und weil sie noch belegte Brote in ihrer Frühstücksdose hatten, gab es am nächsten Morgen sogar ein Büffet.

Wir hatten Glück, wir warteten nur etwas sechs Stunden. Ich kippte gerade meinen siebten SEX ON THE BEACH, als mich meine Frau darauf hinwies, dass sie weiterfahren könne. „Na, mach doch“, sagte ich und nahm einen Schluck, den ich mir selbstverständlich auf meinen Frack schüttete. Die Triebkräfte des Anstoßes. So nannten wir das früher im Physikstudium.

Und weiter ging es, immer der Sonne entgegen. Motten ist ein Moloch von Stadt. Hier sind schon die Besten gescheitert. Menschen sind verschwunden, weil sie die falsche Abbiegung genommen haben. Tragische Geschichten, die ich irgendwann in meinem Buch SEX ON THE BEACH OF MOTTEN festhalten werde. Dazu später mehr.

Das Haus der Blums thront auf einem Hügel, der sich weit über die Stadt erhebt. Von dort kann man alles sehen und auf alles schießen. Achtzig Stockwerke. Peter Blum kann gar nicht genug von Stockwerken bekommen. „Ich will noch hoch hinaus“, erklärte er mir nach dem Essen.

Die Blums ließen uns durch Doppelgänger begrüßen. Leute, die so im Blick der öffentlichen Presse stehen, müssen sich schützen.

Zwei alte Leute wackelten auf uns zu, er mit einem Buckel geschlagen, sie mit drei Brüsten gesegnet. Sie wären die Blums, keuchten sie und baten uns, ihnen beim Hinsetzen behilflich zu sein. Ob wir ihnen nicht, flüsterten sie uns in Ohr.

Ich erfuhr nie, was sie wollten, denn in diesem Augenblick kamen die echten Blums um die Ecke. Peter, der bereits schon jetzt in allen Galerien der Welt für Unsummen gehandelt wird, und Marianne, die bereits schon jetzt Unsummen ausgibt, um die Bilder ihres Mannes in den Galerien der Welt einzukaufen. Ein tolles Paar. Sie schienen auch noch gar nicht viel getrunken zu haben, sie wankten nämlich nur ein wenig. Dem ungeschulten Auge fiel es gar nicht auf.

„Wer sind Sie?“, bellten sie uns an.

Wir stellten uns vor und behaupteten, von ihnen eingeladen worden zu sein. Ob es so war, wussten wir selbst nicht mehr. Wir waren uns nicht einmal mehr sicher, ob wir sie überhaupt persönlich kannten. Jetzt bloß nicht locker lassen, dachten wir und drückten sie an uns. „Ja, wisst ihr denn nicht mehr, damals …“ Ein alter Trick, der bei unseren letzten Blindbesuchen auch funktioniert hatte. Sie überlegten kurz, um sich dann in allen grellen Farben, die die falsche Erinnerung zu bieten hat, zu entsinnen.

Es wurde ein feuchtfröhlicher Abend, an dem so manche Flasche geköpft wurde, auch wenn ich gegen die Privathinrichtungen von geistig minderbemittelten Menschen bin. Dazu später mehr.

Wir saßen, weil sie drinnen keinen Platz hätten, draußen vor dem Atelier. Peter verschwand hin und wieder, um einen Strich auf sein neues Gemälde „Kältetod in einer Sauna“ zu setzen. „Ich bin mehr der Gelegenheitsmaler“, erklärte er mir. „Ich nutze jede Gelegenheit, die sich bietet und mache einen weiteren Pinselstrich.“ Und wieder sprang er von seinem Platz und malte etwas, plötzlich aufschreiend, wir sollten es uns ansehen. Er hatte seine Signatur fertiggestellt. „Die male ich zuerst, der Rest ergibt sich dann von ganz allein!“

Ich wollte gerade einen goldgelben Toast teilen, als Geschrei um die Ecke tönte. Die Tochter des Ehepaars Blum, die ihrer Mutter weinend in die Arme fiel. Das Kind war abgehetzt. Erschöpft. Sie könne nicht mehr, sie wolle jetzt schlafen. Aber, aber, Kind, beruhigte man das zitternde Wesen. Sie dürfe ja ruhen, bald schon. Man werde die Arbeit am Teppich begutachten. Sollte alles zur allgemeinen Zufriedenheit geknüpft sein, der Teppich müsse immerhin morgen in den Versand, könne sie sich zu Bett begeben. Ihr den Kopf tätschelnd, brachte man sie fort.

An den Rest kann mich kaum noch erinnern, höchstens noch daran, dass ich irgendwann gegen Morgen auf dem Tisch stand und allen meinen Pinsel zeigen wollte. Dazu später mehr.

Guten Morgen, Welt!

Motten 006

Peter Blum bewundert die Art, wie ich meine Zigarette halte

Motten 007

Geschickt erwecke ich den Eindruck, tatsächlich zuzuhören

Motten 010

In der Megacity Motten ist es Tradition, das Abendessen vor der Zubereitung ein letztes Mal zu streicheln

Freitag

Ich konnte heute keinen Morgenbeitrag schreiben. Mein Rechner wurde von einem Virus befallen. Er wurde krank, bis das Antivirenprogramm den kleinen Eindringling isolieren und unschädlich machen konnte.

Ich hätte, nach der Art, wie meine Mutter es mich lehrte, den Rechner mit Tee und einer Wärmflasche versorgen sollen. Ein Rechner ist doch auch nur ein Geschöpf. Er ackert den ganzen Tag, bis ich ihn am Abend in die Nacht entlasse, die er an seinem angestammten Platz erleben muss. Nicht, dass er sich ängstigt. Das würde ich nicht wollen.

Vielleicht sollte ich ihm einen Platz im ehelichen Bett suchen. Er könnte wie eine Katze zu meinen Füßen schlafen. Lief er lange genug, wird er gar Wärme abstrahlen. Ich könnte auf ihn einreden, ihn bitten, wenn er auf Tour geht, etwa um seine Maus zu suchen, dies mit bedächtigen Schritten zu tun, damit meine Frau und ich nicht wach werden.

Ein Rechnerleben ist eine Sauerei. Man steht beständig am selben Ort. Nie eine Urlaubsreise.

Die Reisebüros pennen, sonst hätten sie bereits einen Katalog für Rechner entworfen.

Ein Rechner wird dorthin wollen, wo er nicht er sein muss, also in ein Land ohne Strom. Weit in den Norden würde es ihn ziehen, in ein Iglu, um abschalten zu können.

Bei mir hat er keine Zeit, sich ausruhen. Ständig wird er benutzt. Wie eine Prostituierte wird er ausgenutzt. Meine Finger tippen Worte, die er verarbeiten und ins Internet spucken muss.

Für ein schlechtes Gewissen habe ich keine Zeit.

Nachher besuchen wir ein Künstlerehepaar. Bei einem Künstlerehepaar wird selbst die Ehe zum Kunstwerk, weil ein Künstler seinem beständigen Schöpfungsdrang ausgesetzt ist. Solche Menschen kochen nicht, sondern kreieren Speisen. Sie laufen nicht, sie flanieren. Sie atmen auch nicht, sondern nehmen und geben Leben.

Ich bewundere so etwas, weil ich nicht mal koche, sondern esse. Ich laufe auch nicht, sondern sitze. Und atmen muss ich, weil ich sonst umfallen würde. Das ist mehr ein Zwang der Schöpfung.

Guten Abend, Welt!

Der Theaterbeschläfer

Lob des Theaterbesuchs (nebst kritischer Anmerkungen)

Ich gehe gerne ins Theater. Dort sitzt man weich. Und man muss den Blick nicht schweifen lassen. Das ist nämlich eine Unart der Moderne, dass man den Blick schweifen lassen soll, weil immer überall etwas los sein könnte.

Im Theater ist nur vorne etwas los. Seltener im Magen des Nebenmannes, der selbstverständlich, weil ich ein politisch korrekter Mann bin, auch eine Frau sein kann, eine Nebenfrau also, die man nicht haben sollte, liebt man seine Frau ehrlich und aufrichtig.

Erlischt das Licht, hebt sich der Vorhang, beginnt die Vorstellung. Fortan versinkt man im Dunkel des Zuschauersaals. Man wird nicht beobachtet. Man ist frei.

Ich nutze die Stunden, die ich im Theater verbringe, um zu schlafen. Schon Claus Peymann sagte im Angesicht der Aufführungslänge des Sportstücks von Elfriede Jelinek, dass der Theaterschlaf einer der gesündesten sei. Er empfahl ihn ausdrücklich. Und wer bin ich, dass ich einen solch großen Mann des Theaters, der selbstverständlich, wir beachten die politisch korrekte Beschreibung, auch eine Frau sein könnte, kritisieren würde.

Schläft man erst, ist darauf zu achten, dass man den Schlaf des Nebenmanns, der Nebenfrau nicht stört. Keine lauten Schnarcher also. Das schickt sich nicht. Man muss den Schlaf beherrschen. Es sind die großen Schlafkünstler, die im Theater gefragt sind.

Während auf der Bühne gelogen, betrogen, getötet und geliebt wird, entspannt man sich einmal recht von den Sorgen und Nöten des Alltags.

Man kann abtauchen, um sich aus dem Leben in die Scheinwelt der Träume zu stehlen.

Ein gutes Stück erkennt man an seiner Länge. Unter vier Stunden mache ich es nicht. Sonst komme ich am Ende aus dem Theater und bin nicht ausgeschlafen. Und dann?

Die Stirn in Falten, so durschreitet man die Straßen. Wird zum Stein des Anstoßes. Nein, nicht mit mir.

Ist das Stück beendet, schrecke ich in die Realität zurück. Ich reiße die Augen auf und lasse es mir, war der Schlaf erholsam, nicht nehmen, meine Hände durch fortwährendes Klatschen in Mitleidenschaft zu ziehen.

Sollte ich allerdings noch Müdigkeit in meinen Knochen verspüren, kann es geschehen, dass ich nach einer Zugabe verlange.

Ob ein Theaterbesuch ein Erfolg wird, hängt vor allem an einem selbst.

Spät in der Nacht liege ich oft wach, und denke an den Abend zurück, der mir nun, da ich ausgeschlafen habe, die Nachtruhe raubt. Und ein wenig, ich gestehe das gerne ein, sehne ich mich nach den Zeiten zurück, da es noch keine Theater gab. Zeiten, in denen die Menschen noch miteinander schliefen. Doch es scheint mir, dass diese Form der Moderne nicht mehr zu stoppen ist.

Es war meine Mutter, die bereits Wert darauf legte, dass ich nicht zu oft vor einer Bühne saß. Sie verteufelte alle, die ihre Kinder in den ersten Reihen eines Theaters absetzten, um sich ihren eignen Interessen widmen zu können.

Wie so oft, ging auch ich in die Falle und verfiel dem Medium Theater. Ganz süchtig bin ich danach. Ein Verfallener, wie meine Mutter solche Leute zu nennen pflegte.

Wie auch immer, das Theater ist nicht aufzuhalten, denn der Mensch hat sich längst daran gewöhnt, seinen Schlaf vor diesem Beruhigungsmittel zu finden.

Und bis es soweit ist, dass man Theaterbühnen erfunden hat, die man ins heimische Schlafzimmer stellen kann, werde ich weiterhin fleißig der Bühne die Treue halten.

Ehrenwort!

Donnerstag II

Die große Müdigkeit. Die Augen im Sinkflug. Sie wollen unbedingt landen, wenn möglich im Tiefschlaf.

Gedanken müssen gejagt, festgenommen und abgeführt werden, damit sie sich nicht in Luft auflösen. Myriaden von Gedanken. Welcher ist wichtig? Welcher hat am meisten auf dem Kerbholz? Wessen Aussagen könnten den Durchbruch im eigenen Fall bringen?

Nebenher Kaffee, um sich anzupeitschen. Eine Tasse für den Nigger, damit er Steine aus seinem Kopf schlägt. Aus diesem Steinbruch, den er Hirn nennt.

Und draußen wildert die Hitze. Sie betäubt die Fußgänger, die sich über die Gehwege quälen. Als wäre sie ein Großwildjäger, der sein Fleisch zur Strecke bringt.

Ob ich heute noch viel schaffe? Ich bezweifle es. Die Umstände haben mich geschafft. Sie haben mich geschaffen. Sie schreiben mich ans Ende des Tages, um mich dort auf Ruhe lauern zu lassen. Wird man erst beschrieben, kann man sich bald schon abschreiben.

Guten Abend, Welt!

Donnerstag

Ein neuer Tag ist angebrochen. Das ist wie eine Verletzung, die man der Zeit zufügt. Man wiegt sie in seiner Hand, überblickt sie. Ja, hm, dies und das müsste ich heute tun, hier ist der Strich für ein Treffen, und dann bricht man ein Stück heraus und schiebt es sich in den Mund. Wie eine Oblate. Es kommt zu einer Wandlung der Zeit in Handlung.

Mittwoch II

Der Sommer ist zurück.

Da steht er, ein Muskelprotz, den man nicht übersehen kann. Strahlendes Lächeln. Sonnenblumengelbes Haar. Die Zähne gebleckt. Und alle sitzen sie auf ihren Terrassen, den Balkonen. Sonnenbrillenbewaffnet starren sie ihn an. Jede Sekunde wird er hinabsteigen, er wird Autogrammkarten verteilen, einen Film drehen. Sie werden ihm eine Serie geben, werden ihn vom Koks abhängig machen. Nutten werden ihm zugeführt. Und er wird es genießen, wird sagen: Ja, ich bin es, der einzigartige Sommer.

Die Zeitungen werden ihn preisen, bis sie die Schnauze voll von ihm haben. Er sei gar kein richtiger Sommer. Sei ein Altweibersommer, einer, der es den alten Schreckschrauben besorgen könnte, nicht aber den jungen, den ausgehungerten Frauen. Die bräuchten – bitte sehr! – etwas mehr. Den harten Sommer, den langen Sommer. Den Sommer, der es bringt. Den Steher. Der mit dem Ständer, der sie alle um ihren Verstand vögeln würde. Einen Südseesommer, einen kubanischen Sommer. Einen Sommer, der sein Leben noch vor sich hat.

Nicht dich!, werden sie rufen. Du bist eine Null. Du bist der, dem der Winter folgt. Der Winter hängt dir bereits im Gefieder. Du hast den Herbst deines Lebens bald schon erreicht.

Und er, der Altweibersommer, der es noch einmal wissen wollte, wird sich in ein Motel zurückziehen. Er wird sich an sich selbst betrinken. Wird sich im Spiegel betrachten. Wird sehen, dass sie recht haben. Er wird am Ende sein. Er ist ausgebrannt.

Er wird sich verkriechen unter dem Bett, er wird vor den grauen Tagen fliehen, die ihn einholen werden. Sie zerren ihn hinaus. Sie werden ihm eine Kugel verpassen. Eine kleine, zärtliche Kugel.

Und während er stirbt, während das Blut ihn verlässt, wie ihn alle verließen, wird er von seiner Zeit träumen, von seinem Sommer, in der Gewissheit, dass im nächsten Jahr seinem Nachfolger dasselbe Schicksal droht.

Guten Abend, Welt!

Mittwoch

Ich bin vom Heuschnupfen geplagt. Es ist eine verfluchte Quälerei. Und ist der Sommer erst vorüber, befällt mich meist eine Erkältung. Ich bin unentwegt am Niesen. Naseputzen ist für mich die normalste Handlung der Welt. Ständig zücke ich eines meiner Taschentücher, groß wie Tischtücher, um meinen Naseninhalt in selbiges zu entleeren. Ströme ergießen sich aus meinen beiden Nasenlöchern, die wie Löcher in einem Berg sind, durch den ein geheimer Fluss fließt. Es kommt mir vor, als sei mein Kopf nur geschaffen worden, um all die Flüssigkeiten, die ein Zuhause benötigen, für eine kurze Zeit zusammenzuhalten. So erfahren sie, was es bedeutet, wenn man eine Heimat hat. Wenn auch nur für kurze Zeit. Das Flussbett ist kein Ort des Schlafs, der Ruhe. Unablässig rennt sein Bewohner. Ein Gehetzter.

Seien wir mal ehrlich: Rotz hat es auch nicht einfach. Erst wird er gebildet, also geboren, schon muss er aus dem Haus, in dem er sich wohlfühlte, in dem er so ausgelassen lebte und tanzte, in die weite Schneeunendlichkeit eines Taschentuchs ziehen. Ein Verlorener, dem nichts erspart bleibt. Ein Getriebener, der im Taschentuch bleibt, bis er eintrocknet wie eine Pflaume, der dort verharren muss, bis man ihn im Müll entsorgt.

Stofftaschentücher gibt es kaum noch. Alles in der Welt ist darauf getrimmt, dass man es wegschmeißt. Wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Das ist so traurig, man müsste, besäße man noch eine Seele, weinen. Wir werfen Bälle weg, uns, wenn wir einen guten Witz gehört haben, die Packungen, in denen unser Essen wohnte, die Tempos, die Mitmenschen. Es ist grauenhaft, nicht zum Aushalten.

Und auch an diesem Morgen liegen wieder diverse Papiertaschentücher neben meiner Tastatur, wie abgestürzte Vögel liegen sie dort, tot, ausgenutzt, dem Himmel fern, der ihnen eine bzw. meine Nase war. Zusammengekrümpelt wie ein mit einem schlechten Text beschriebenes Papier.

Wäre es nicht an der Zeit, Beerdigungsriten für Taschentücher einzuführen? Gönnen wir ihnen das tiefe Grab, den langen Abschied. Lassen wir sie hinab, während wir am Rand des Loches stehen, in dem sie verschwinden werden. Ein letzter Gruß. Ein letzter Griff an die Nase. „Leb wohl, oh mein Taschentuch.“ Und Tränen werden rinnen, nach denen es uns so lange schon verlangte. Wir werden sie mit einem neuen Taschentuch vom Gesicht wischen, mit einem, das ein Bruder oder eine Schwester ist. Denn sie alle sind miteinander verwandt. Sollte es einen Himmel geben, wird es auch einen Ort für all die missbrauchten und erniedrigten Taschentücher geben. Ich bin mir sicher. Es muss so sein. Sie werden auf ihren Wolken sitzen und nach oben sehen, hin zu Gott, der für sie ein großes Taschentuch ist.

Guten Morgen, Welt!

 

Dienstag II

Kaum bin ich zu Hause, überfällt mich mein Rheuma. Ein treues Tier, dem ich unbedingt vertraue.

Ich war heute den ganzen Tag am Geheimen Ort. Der Ort ist so geheim, dass ich nicht weiß, wie er heißt oder wo er liegt. Sein Aussehen? Ein Geheimnis. Man verstopft mir die Nase und die Ohren, verbindet mir die Augen. Man führt mich mit einer Stange, die man mir in den Rücken piekst, umher. Stundenlang. Später bringt mich ein Wagen zurück. Was ich genau am Geheimen Ort tue, weiß ich nicht. Es ist geheim. Streng geheim sogar. Ich werde alle paar Wochen an den Geheimen Ort gefahren.

Am Morgen trifft ein Automobil ein, das mit Tüchern unkenntlich gemacht wurde. Ein Mann, es könnte auch eine Frau sein, führt mich, selbstverständlich vermummt, die Treppen zum Wagen hinab. Fragen werden nicht gerne gehört. Im Auto, das als Auto nicht zu identifizieren ist, bereitet man mich auf den Ort vor. Wir fahren etwa drei Stunden, es könnte auch kürzer oder länger sein, so genau kann ich das nicht sagen, weil ich die ganze Zeit über schlafe. Ich träume nicht, weil es meinem Unterbewusstsein untersagt wurde. Der Befehl kam von einem Hypnotiseur, den sie von einem weiteren Hypnotiseur hypnotisieren ließen, damit er nichts ausplaudern kann. Mit dem zweiten Hypnotiseur verfuhren sie wie mit dem ersten. Und so ging es weiter, bis sie dreihundert Hypnotiseure verbraucht hatten. Woher ich das weiß? Aus der Zeitung. Sie können nicht alles geheim halten. Ein investigativer Journalist kam hinter das Geheimnis und plauderte es in seiner Kolumne aus, gleich neben den Neuigkeiten aus dem Oval Office.

Jetzt bin ich zurück und werde von einem ausgehungerten Hunger gequält, den ich mit Nudeln besänftigen werde.

Guten Abend, Welt!

Dienstag

Politiker reden zu gerne. Sie sitzen in ihren heimischen Wahlkabinen und wählen sich dauernd selbst. Sie wollen wissen, wie das für die Leute ist, wenn sie wählen. Dieses Gefühl. Manche machen das nackt. Man hat davon gehört. Hat darüber gelesen. In Explosiv hat man es gelesen, das es zwar noch nicht als Printausgabe gibt, aber so etwas stört den ausgewachsenen Leser von heute nicht. Man muss nicht immer lesen, was mich daran erinnert, dass es meine Mutter musste. Ständig musste sie Steine lesen. „Und auf dem?“, donnerte ihr Großvater und kämmte sich mit der Hand den schuppigen Bart. Und meine Mutter las ihm vor, was auf dem Stein stand. Gemeißelt von gelangweilten Steinzeitmenschen.

Politiker sind eine Spezies für sich. Geschaffen in einem Reagenzglas in Wuppertal, werden sie in kleinen Auffanglagern in Berlin auf ihre Karriere vorbereitet. Die armen Kleinen. Sie müssen den ganzen Tag in Anzügen durch die Gegend gehen, und wenn einer ihrer Freunde Freude an etwas entwickelt, müssen Sie gemeinsam ein Gesetz beschließen, das ihm verbietet, sich unverfroren in aller Öffentlichkeit zu freuen.

Neuste Studien haben ergeben, dass Passivlachen krank macht. Bereits zwei Lacher können der Ursprung einer späteren Krebserkrankung sein. Nur gut, dass das Lachen inzwischen in Wahllokalen untersagt wurde. Manche Eltern lernen es allerdings nie. Die lachen, und das, obwohl ihre eigenen Kinder in der Nähe sind. Da kann der gebildete Demokrat nur die Überführung in ein Internierungslager fordern. Ab damit und auspeitschen. Es gibt Menschen, die lernen es nie. Die muss man zu ihrem Glück zwingen. „Da!“, muss man sie anherrschen. „Da ist dein Glück! Und jetzt nimmst du es gefälligst. Nimm es schön in die Hand. Und jetzt bist du glücklich! Sind wir glücklich?“ Einige Subjekte wehren sich. Die muss man noch ein, zwei Runden lang auspeitschen, bis sie es begriffen haben. Gelebte Demokratie. Glück ist für alle da! Und wehe den verkommenen Revolutionären, die sich im Unglück wälzen, die sich darin aalen wie zwei Schlammcatcherinnen, die es ohne das Unglück nicht aushalten wollen, die im Dschungel kleine Unglückscamps gründen. Die Politik wird sie jagen und stellen. Anschließend wird man sie aus gesellschaftshygienischen Gründen standrechtlich erschießen. Höchstpersönlich. Wozu ist man denn schließlich Politiker geworden.

Und jetzt stehen wir bald vor der Wahl. Die Wahl ist am Aussterben. Das darf man nie vergessen, wenn man zu Hause auf dem Sofa liegt und ihren Gesängen lauscht. Sie wird weltweit von Wahlfängern gejagt. Böse Sache.

Denken Sie mal darüber nach.

Guten Morgen, Welt!

Montag II

Ich trinke zu viel Kaffee. Mein Arzt Dr. Stegenstegen meint, ich müsse ihn reduzieren. Dringend. Unsinn. Was weiß der Mann schon von Kaffee. Das sage ich auch. „Du hast doch nur Medizin studiert.“

Am Nachmittag die üblichen siebzehn Kannen. Macht mich kein bisschen nervös, auch wenn ich nicht weiß, wie ich das Radschlagen einstellen soll. Die Hände sind schon ganz blutig. Harmonie (Name geändert), mein mich treu umsorgendes Eheweib, sitzt derweil im Rotgrünvioletten Salon, den ich demnächst umstreichen lassen will. Sie scheint mir etwas rammdösig. Wie Sie alle aus meinen letzten Einträgen wissen, leidet sie an einer schweren Form der Schlafsucht. Sie fällt von einem Moment zum anderen in eine Art Trancezustand. Meistens während meiner Lesungen. Sie könne nichts dafür, bestätigte sie mir erst nach der letzten. Sie könne die Anfälle nicht kontrollieren. Ich machte ihr kaum Vorwürfe. Das würde ich auch nie machen. Ich bin in meinem gesamten Umfeld als Gefühlskrüppel bekannt, und wie jeder weiß, sind gerade Krüppel sehr empfindsame Menschen. Martina (Name geändert) bestätigt mir das auch immer wieder aufs Neue. Sie bezeichnet mich nicht nur als Gefühlskrüppel, sondern auch als emotionale Achterbahn, was den Spaß, den ich ihr bereite, zum Ausdruck bringen soll.

Eine großartige Frau.

Guten Abend, Welt!

Montag

Unentschlossen. Könnte aufs Klo gehen. Vielleicht. Und dann? Ratlosigkeit.

Wiebke (Name geändert) warnt mich vor unüberlegten Handlungen. Außerdem sei ich fort gewesen. Da müsse man überprüfen, ob man komplett zurückgekehrt sei.

Weiß nichts von einer Reise, spreche sie aber auch nicht an, weil sie Ansprachen nicht ausstehen kann. Wie es denn gewesen sei, hat sie mich am gestrigen Abend gefragt. Und das mitten hinein ins TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück. Die Spannung war gerade am Überkochen. Merkel lachte. Unerträglich. Die heckt was ganz gemeines aus, dachte ich. Eventuell plant sie eine Eurozone. Und dann? Wir werden alle mit Zügen dorthin abtransportiert. Drumherum eine Mauer. Grenzsoldaten. Schießbefehl. Drinnen lauter Europäer, die die Planwirtschaft leben sollen. Eine Wirtschaft mit reinen Planern. Horrorvorstellung. Keiner mehr da, der etwas beendet. Und mitten im Lachen fragt meine Frau, wie es gewesen sei? Ja, wo denn, will ich wissen. Dort, wo du warst.

Ich war überhaupt nicht aus dem Haus. Sie schüttelt den Kopf. Kann nicht verstehen, dass ich zu meinen Ausflügen nicht mehr stehe. „Früher hast du zu deinen Reisen gestanden!“ Und nach einer Weile der Hinweis, dass ich überprüfen soll, ob ich vollständig sei. Dort, wo ich gewesen sei, handele man mit den Organen von Schriftstellern, mit ihren Hoffnungen, Ängsten, Fragen. Angsterfüllt. Dann ein befreiendes Kichern. Ich würde nie an einen solchen Ort fahren.

In der Nacht wirre Träume von einem Besuch der Stadt der Händler. Sah mich am Bahnhof ankommen, Leute schlagend, die sich nicht vor den Zügen hatten verbeugen wollen. Ein Bahnhof, schrie ich. Das ist ein Bahnhof. Beachtet bitte die Etikette. Ich zeigte ihnen eine schwere Eisenkette, die mir um den Hals hing. Schnappte mir vor dem Bahnhof ein lebendes Taxi. Vier Männer bildeten die Reifen. Sie trugen mich auf einer Sänfte direkt ins Zentrum. Die Stadt der Händler. Geschäft an Geschäft. Hatte man erst eins betreten, verließ man es so schnell nicht mehr. Man kauft, und hat man kein Geld mehr, verschuldet man sich. Man muss in einer der unterirdischen Nähereien schwitzen, um die Schulden abzuarbeiten. Ein alter Trick dieser Stadt. Laut dem Amt für Statistik verschwinden von drei ankommenden Touristen vier in den Nähereien. Ja, ja, die Statistik.

Ich ließ mich zum Stadion tragen, das weit vor den Toren der Stadt liegt. Machte Station, um das Stadion zu besichtigen. Wahnsinn. Um das Gras mit Licht zu versorgen, müssen täglich 10 000 stationierte Stadionrasenpfleger mit UV-Taschenlampen den Rasen anstrahlen. Spiele finden keine statt. Das Gras. Niemand will es gefährden. Gebannt sehen an guten Wochenenden eine halbe Millionen Fans zu, wie das Gras beleuchtet wird.

Nach dem Stadion erwachte ich.

War ich also tatsächlich unterwegs gewesen? Warum der Hinweis, es könne etwas fehlen? Antworten fehlen. Mathilde (Name geändert) hat recht. Antworten fehlen. Ich war also doch in der Stadt der Händler. Und nun fehlen mir Antworten. Habe sie vermutlich an jemand verkauft. Einen Politiker? Ich weiß es nicht. Wie auch? Ich werde zukünftig keine Antworten mehr haben. Daher auch die Unentschlossenheit. Sollte ich aufs Klo gehen? Ich weiß es nicht, Gott, ich weiß es nicht.

Guten Morgen, Welt!

Samstag

Städte reisen. Margot (Name geändert) glaubt nicht daran. Sie nennt mich einen Irren, weil ich Milliardäre anschreibe, um ihnen frühzeitig die Chance zu geben, mit in mein Geschäftsboot zu steigen. Städte reisen, das wird das Modell der Zukunft. Die Leute werden erst gar nicht mehr ihre Häuser verlassen müssen, um nach Moskau zu reisen. Dabei ist der Grundgedanke so einfach wie genial. Wir hebeln die Städte auf gigantische Anhänger, die von riesigen Traktoren gezogen werden. So kommt die ganze Stadt in den Genuss einer Urlaubsreise. Unentwegt, wenn es sein muss. Die Städte, so mein Plan, könnten dauerhaft unterwegs sein. Langsam, damit sie die Erschütterungen nicht bemerken, werden sie von einem Ende der Welt zum anderen transportiert. Liegt Wasser dazwischen, werden die Anhänger auf spezielle Schiffe verladen. Das Reiseziel wird von den Einwohnern bestimmt. Über ein Wahlverfahren. Sie können direkt über ihren Rechner abstimmen, wohin die Reise als nächstes gehen soll.

Ich sehe schon den Werbeslogan vor mir: WIR VERREISEN SIE!

Der Rubel wird rollen. Diese Idee wird mich endgültig zum reichsten Wesen des Universum machen. Ich brauche nur Investoren, die an diese mehr als realistische Idee glauben. Man könnte auch kleiner anfangen, indem man zuerst Dörfer reisen lässt. Oder Hochhäuser.

Ich sitze bereits aufgeregt seit den frühen Morgenstunden da und lasse meine Tochter Wyoming (Name geändert) Zeichnungen von dem Projekt anfertigen. Sie malt das perfekt, die kleine Künstlerin. Noch zwei Jahre und sie kann den Stift ganz ohne fremde Hilfe halten. Ich werde die ersten Rohentwürfe nachher eintüten und absenden. Hier muss schnell gehandelt werden. Auch kein Wort darüber in meinem Tagebuch. Ich bin doch nicht blöd.

Und wenn sie erst alle auf Tour sind, Städte wie Berlin und München, sodass München vorübergehend dort liegt, wo Berlin lag, und umgekehrt, werden Sie in der Nervenheilanstalt merken, dass man mich nicht unterschätzen sollte. Egal was kommt, dort bekommen sie mich nicht mehr rein. Den ganzen Tag vernähten sie meine Nerven, saßen mit Nadel und Bindfaden da, diese Wahnsinnigen.

Jetzt müssen nur noch die ersten Strecken von den dort ansässigen Bevölkerungen gesäubert werden. Stichwort: Umsiedelung. Und schon ist alles gut!

Guten Morgen, Welt!

 

Freitag II

Als Kind wollte ich ein Zuggeräusch sein. Durch die Nacht poltern, bis ich von einem Ohr gefangen wurde. Rein in das Ohr und drin die Fantasie anstecken, bis sie brennt, wie ein loderndes Haus. Als Geräusch hat man, dachte ich, gute Chancen, wahrgenommen zu werden. Ich hätte später beim Film unterkommen können. „Wo ist das Zuggeräusch?“, hätte der Regisseur gerufen. Im nächsten Moment wäre ich um die Ecke getönt gekommen. Er hätte mir die Szene erklärt. Ich hätte vor Ort gearbeitet, um die Schauspieler einzustimmen, und nachher im Nachvertonungsstudio hätte ich alles gegeben. Wurde nichts draus. Ich wurde kein Zuggeräusch. Lange trauerte ich der vertanen Chance nach. Lag in den Nächten wach und lauschte den Zügen, die in der Ferne die Leute durch die Dunkelheit trugen. All die Geschichten, all die Lieben, die Hoffnungen, das Begehren, die Todsünden, die Morde. Ein Zug voller Menschen ist ein Regal voller Romane. Und was liegt näher, als das Geräusch zu sein, das mich derart erregte. Ein Zuggeräusch ist wie ein Stöhnen, das aus einem Fenster dringt, an dem man vorübergeht. Man bleibt stehen und schon springt der Kopfprojektor an. Man sieht alles, ohne etwas zu erblicken. Körper, die sich ineinander verknäulen, die tausend Hände und noch mehr Zungen haben. Geräusche sind der Brennstoff für Träume.

Guten Abend, Welt!