Montag

Montag. Das ist doch kein Tag. Das hat schon meine Mutter gesagt. Am Montag bleibt man besser liegen, hat sie gesagt. Montags sterben die Leut‘. Besser, man bleibt zu Hause. Gesegnet sind die, die einen Luftschutzbunker besitzen. In den sollte man sich zurückziehen. Luft anhalten und abwarten, bis der Montag vorbei ist. Obwohl … Es gibt Stimmen, die behaupten, der Montag würde erst mit dem Tod vergehen. Und andere sagen, er würde ewig andauern. Der Montag wäre alles. Gott habe den Montag geschaffen, sagen sie, und als er sah, dass bereits der Montag so misslungen sei, habe er aufgehört mit den Wochentagen. Er habe sich auch in einen Luftschutzbunker gesetzt und darauf gehofft, dass es kein Montag mehr ist.

Die restlichen Wochentage, die wären eine Erfindung des Teufels. Ebenso die Arbeitgeber. Die hätten einen Pakt geschlossen, erst zu ruhen, bis der letzte Fluss vertrocknet sei. Und Samstag und Sonntag? Die seien eine Illusion. (Ach, wie ich sie liebe, die Illusionen.) Ich solle einen Buddhisten befragen, sagte Mama. Der könne mir das schon bestätigen. Der werde wissen, dass es alles ein Trug ist, dass es nur den Montag gäbe. Der Montag, den gälte es zu überwinden. Ihn müsse man überlisten. Man müsse ihn an der Nase herumführen, bis er begreife, dass es keinen anderen Wochentag außer ihm gibt. Dann bekäme er Angst, so die Mama, und er würde sich zum Sterben hinlegen. So wie die Indianer es tun. Erst an diesem Tag würde der Kreislauf durchbrochen, und alles würde sich in Wohlgefallen beziehungsweise in Nichts auflösen. Ob ich das will? Zuviel Wohlgefallen könnte mir die Lebenssuppe gehörig versalzen.

Montag. Ein letztes Mysterium, das bleibt.

Die Zimmer

Ich bin ein Hausbewohner. Das ist keine Kleinigkeit. Ich muss die Zimmer abschreiten. Öffne ich eine Türe, kann es sein, dass ich überrascht bin, weil sich dahinter ein Zimmer verbirgt, das ich bisher noch nicht kannte.

Es ist ein Haus, das lebt.

Nacht für Nacht sterben Zimmer ab, neue wachsen.

Ich habe Angst, mich in einem Zimmer aufzuhalten, das verschwinden wird. Wohin gehen all die Zimmer? Fallen sie wie Blüten zu Boden? Werden sie vom Wind fortgetragen? Ich weiß es nicht! Es könnte auch sein, dass sie unsichtbar werden. Vielleicht erwachen sie in einem Jenseits für Zimmer. Der große Zimmer-Himmel, in dem Unmengen von Zimmern auf Wolken liegen. Sie spielen keine Harfe. Wie sollte das auch gehen, es sind doch nur Zimmer.

Nur Zimmer, das sagt sich so einfach, aber es sind keine gewöhnlichen Zimmer. Sie betrachten mich, ich kann ihre Blicke spüren. Sie betrachten mich, versuchen herauszufinden, wer ich bin. Sie versuchen herauszubekommen, was das ist: ein Hausbewohner.

Ich bin ein fremdes Geschöpf für sie. Eines, das keinen Zweck erfüllt. Ich bin die Ameise, die über ihre Haut läuft, bin die Spinne, die man totschlagen sollte. Ich kann den Hass der Zimmer spüren. Nicht mehr lange und sie werden meiner überdrüssig geworden sein. In einer Welt voller Zimmer ist für Menschen kein Platz. Das ist falsch. Ich erkläre es ihnen, wieder und wieder. Räume sind dazu da, dass man sie füllt. Mit Anwesenheit, mit Möbeln, mit Menschen. Die Zimmer hören sich meine Vorträge stumm an.

Ist erst Winter, werde ich den Kaminen einheizen. Ich werde die Zimmer wärmen, damit sie nicht frieren, auch wenn ich nicht weiß, was sie tatsächlich fühlen. Es könnet sein, dass ihnen Hitze und Kälte einerlei sind.

Am Morgen, wenn ich erwacht bin, beginne ich meine Runden zu drehen. Vorsichtig spähe ich in die Flure, um zu überprüfen, wo sich neue Türen gebildet haben. Die Türen haben keine Klinken, man muss die Türen aufbrechen, muss sie wie Nüsse knacken. Es tut mir leid, die Zimmer zu verletzen. Ist die Tür erst offen, betrete ich das Zimmer, vorsichtig, Schritt für Schritt, um das eventuell kleine Zimmer nicht zu ängstigen. Es gibt sie alle. Zimmer, die so groß sind, dass ihre Enden nie zu erreichen sind. Babyzimmer, die klein sind, so klein, dass man seinen Fuß unterbringt, sonst nichts. Man setzt ihn ab und versucht ihn zu drehen. Es geht nicht. Also zieht man ihn zurück und spricht leise auf das Zimmer ein. Es könnte sein, dass es schläft, und man will doch ein Zimmer, das schläft, nicht unnötig wecken. Babyzimmer neigen zum Schreien, hat man sie unsanft aus ihrem Schlummer gerissen. Ihr Brüllen erschüttert die Grundfeste, es kann sogar sein, dass das Haus wie bei einem Erdbeben geschüttelt wird, bis es Zimmer verloren hat, deren Verschwinden noch gar nicht vorgesehen war.

Mittags speise ich meist allein. Ich lehne mich an eines der Fenster und blicke in eine Welt, die mir Häuser zeigt. Keine Menschen.

Die Menschen sind dazu gemacht, Hausbewohner zu sein. Es kam schon vor, dass ich anderen begegnet bin. Gleich zu mehreren trafen wir uns einst in einem Zimmer, das in Form und Aussehen an einen Ballsaal erinnerte. Wir standen in kleinen Kreisen zusammen und unterhielten uns über die Zimmer, die wir bereits kennenlernen durften. Es gibt legendäre Zimmer, wie etwa das Bernsteinzimmer, die in unseren Gesprächen eine Rolle spielten. Später verliefen wir uns in den angrenzenden Zimmern, bis wir uns ganz aus den Augen verloren, weil sich die Struktur des Hauses so beständig von Nacht zu Nacht ändert.

Manchmal komme ich mir einsam vor. Ich entzünde in den Nächten eine Kerze und betrachte mein Spiegelbild in einem Fenster. Zimmer, Außenwelt und ich verwachsen so zu einem einzigartigen Wesen.

Später verkrümele ich mich in eine Ecke eines Zimmers, bibbernd, ob ich den nächsten Tag erleben werde.

Die Welt ist so eingerichtet, dass alles einen Sinn hat. Die Zimmer sind für die Häuser da. Die Zimmer sind dazu da, dass wir Menschen in ihnen sind. Wir Menschen wiederum müssen die Zimmer bewohnen.

Es gibt so viele Fragen, die unbeantwortet bleiben. Wer schuf die Häuser, die Zimmer? Wer schuf uns? Was passiert mit den Zimmern, die über Nacht verschwinden?

Mein Vater wusste auch keine Antworten auf all diese Fragen. Er verschwand eines Tages in einem Nebenzimmer, das kurz darauf nicht mehr existierte. Ob es ein fleischfressendes Zimmer war, das sich nach seinem Mord aus dem Staub machte, weiß ich nicht. Verfügen die Zimmer über die Kraft, sich zu bewegen? Werden sie zu Teilen anderer Häuser?

Ich könnte das Haus verlassen. Aber was wäre dann gewonnen? Ich würde ein neues Haus betreten.

Ich denke nicht, dass man sich über sein Leben zu viele Gedanken machen sollte.

Ich bin ein Hausbewohner. Ich laufe von Zimmer zu Zimmer. Ich weiß nie, was mich erwartet.

Donnerstag II (Gespräch mit Zisslinger)

Saß eben auf dem Balkon. Paffte eine Zigarette. Schöne Situation. Genoss es richtig. Dachte dabei an Zisslinger, der mir kürzlich erzählte, dass er an einem neuen Buch arbeitet.

Ich zu Zisslinger: „Na, alter Junge, was machen die Verkäufe Ihrer Bücher?“

Zisslinger: „Hören Sie auf, Rohm. Sie wissen genau, dass ich überhaupt nicht schreibe.“

Ich: „Mal nicht so bescheiden, Zisslinger. Sie sollten mit dem Zeug mehr hausieren gehen. Sonst verkauft es sich am Ende nicht. Und das hätten Sie und Ihre hervorragenden Romane auf keinen Fall verdient.“

Zisslinger: „Wie oft soll ich Ihnen noch erklären, dass ich Autos verkaufe?“

Ich: „Ja, ja, Sie alter Scherzkeks. – Und die letzte Lesung, wie war die? Will mal hoffen, dass sie ein voller Erfolg war.“

Zisslinger: „Keine Bücher. Keine Lesungen. Nur Autos.“

Ich: „Wo Sie gerade beim Thema sind … Ich habe von meinem Verleger gehört, dass sie an Ihrer Autobiografie arbeiten.“

Zisslinger: „Ich habe … Ich muss jetzt …“

Ich: „Der Ruf der Schreibmaschine! Kenn ich alter Junge. Na, lassen Sie sich mal nicht aufhalten.“

Zisslinger. Vorname Anton. Guter Mann. Den Namen sollten Sie sich merken. Man wird noch viel von ihm hören. Viel. Sehr viel sogar. Ganz bestimmt.

Welt als Fremdenführer

Die Reichen, solch eine Gruppe, die gibt es, und die gibt es nicht.

Es ist das Geld (vielleicht die Sucht nach dem Geld, oder die bloße Anwesenheit von Geld), das sie verbindet – mehr nicht, obwohl wir sie gerne mit gleichen Charaktereigenschaften ausstatten würden, damit sie fassbar bleiben.

Eine unfassbare Welt, die kann der Mensch nicht gebrauchen, eine, die sich der Logik und der Gründe enthält, eine, die handelt, ohne dass es (zunächst) einen Sinn für uns ergibt.

Wenn ein Haus explodiert, müssen wir einen Täter finden, am besten einen mit religiösem Fanatismus im Gepäck, einen Fanatismus, den wir nachher bei der Befragung auf den Tisch legen, den wir betrachten und obduzieren können, um so den Schlaf, der sich in der nächsten Nacht bitte sehr einstellen soll, nicht vermissen zu müssen.

Die Welt muss mit Worten versehen werden, mit Schildern, auf denen geschrieben steht, was im Inneren einer jeden Sache zu finden sein wird.

Und so wollen wir einen Reichen, der gefälligst gierig und hinterhältig ist, der von seinen Schätzen nichts abgeben will, und der sie hurtig in die Steueroasen verschleppt.

Den Armen aber, den wollen wir als einen guten Menschen sehen (er leidet ja schon genug, da braucht es nicht noch unserer Verurteilung), als einen, der der Umstände halber zum Verbrecher wurde. Er ist uns eine tragische Gestalt, und wenn er einen Schnapsladen überfällt, ist er uns ein Robin Hood, der das Geld an sich selbst – der er der Arme ist – verteilt.

Umstände prägen einen Menschen, seine Umwelt ist die Form, in die er gegossen wird. Und trotzdem hat ein jeder Mensch seine Tiefen, seine Schluchten, seine Höhlen, seine Luftblasen, die wir nicht kennen, und die wir (vermutlich) auch nie kennenlernen werden.

Der Freiheitskämpfer kann ein gemeiner Lump sein, der seine Freude am Töten hat, und den es eben aus Milieugründen in die revolutionäre Bewegung verschlug. Der Reiche kann ein Heiliger sein, der seinem Schein, seinem Hab und Gut nicht entkommen will, weil unzählige Arbeitsplätze, und somit Lebensentwürfe, an seinem Tun hängen.

Viel wahrscheinlicher ist, dass es weder gute noch böse Reiche oder Arme gibt, sondern Menschen, die Richtiges und Falsches tun, weil die Angelegenheit, die man Leben nennt, kein planbarer Spaziergang von drei Metern ist. Das Unwägbare begleitet uns alle: Krankheiten und Liebschaften, Feindschaften, auch das Gemüt, das allzu oft seinen eigenen Kopf durchsetzen möchte.

Die Welt ist da, aber sie ist kein Ort, der sich unaufhörlich selbst erklärt, sondern einer, der geschieht, der angefüllt ist mit Freude und Ekel, mit Gemeinheiten – und mit Klischees.

Wenn es nun eine Aufgabe für einen Schriftsteller gibt, dann die, sich dem Geheimnis anzuvertrauen, es nicht zu hinterfragen, sondern es zu erzählen. Es ist die Kunst, sich, wenn möglich, in jeden Kopf begeben zu können, um dort die Geschichte, die man erzählen möchte, zu erleben, mitzuerleben. (Und mit ihm später die Leser.)

Es darf keine Zurückhaltung geben, keine moralischen Bedenken. Man muss nicht eine jede Geschichte erzählen, aber hat man sich erst für eine entschieden, sollte man sie nicht mit seiner vorgefassten Meinung torpedieren wollen.

Es geht um das Geschehen-lassen, um den Moment, das Andere als Fremdes zu begreifen, von dem man sich abholen und mitnehmen lässt, ohne zu wissen, wo man landen und was geschehen wird.

Die Gegend

Das kann ja mal vorkommen! Oder? Hey, Sie da – ich hab Sie was gefragt? Sie haben das nicht gelesen? Da fangen wir eben gleich noch mal von vorne an, Sie Plage! Das kann ja mal vorkommen, h-a-b-e ich geschrieben. Haben Sie es jetzt? Gut! Dann kann ich weitermachen. Nur, besser geht es mir durch Ihre Aufmerksamkeit auch nicht. Weil, deshalb schreibe ich Ihnen ja heute! Weil es mir nicht gut geht!

Das kommt heutzutage vor, habe ich gelesen. Eine gewisse Traurigkeit hat sich der Menschheit bemächtigt. Und bei mir hat sie ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Dabei ist ja alles prima! Das Wetter! Hervorragend! Da müsste man eigentlich singen. Und ich? Nix da! Ich sitz da und schau traurig in die Gegend rein. Und juckt die Gegend das? Weit gefehlt. Die Gegend liegt da und ist. Dasein, nennt sich das. Ist da und liegt rum, als ob nichts wäre. Eine ganz oberflächliche Gegend, da werden Sie mir recht geben. Mit so einer Gegend kann man keinen Friedenspreis gewinnen. Einen Krieg auch nicht. Die ist so gut wie … Die … Man könnt sie abschaffen, die Gegend, das würd ihr selbst nicht mal auffallen, so desinteressiert wie die tut.

Da kann es einem ja nicht gut gehen, wenn man in so einer Gegend wohnt, die so wie diese Gegend ist. Jetzt bekommen Sie allmählich eine Ahnung, warum es mir so schlecht geht. Umziehen würde auch nichts helfen, weil die Gegend überall ist. Also die Gegend im Allgemeinen, auch wenn sie woanders anders aussieht wie die Gegend hier. Aber Gegend bleibt Gegend. Das weiß doch ein jeder, der schon mal blöd in die Gegend gestarrt hat. So eine Gegend, die sieht dich an, als ob du nicht da wärst. Die schaut glatt durch dich hindurch. Als ob du auch eine Gegend wärst. Keine Ahnung hat die von einem Menschen.

Ich hab die Schnauze voll. Ich lass mich doch von der Gegend nicht länger ärgern. Ich werd sie ignorieren. Werd mich zurückziehen, hier herein in mein Wohnzimmer. Soll sie doch draußen bleiben und verrotten, die Gegend. Mich juckt das nicht.

In meinem Wohnzimmer wird es mir schon besser gehen. Das Wohnzimmer, das ist eine Art Urlaub von der Gegend. Da kann die Seele aufatmen. Mal in den Fernseher gucken und sehen, was in anderen Gegenden der Welt so los ist. Nur Krieg. Nur Elend! Zugegeben, da kommt man rasch an den Punkt, so schlecht ist meine Gegend gar nicht. Und dann geht es einem auch schon wieder besser. Da kann man auch wieder vor die Tür. Am nächsten Tag. Oder so! Rausgehen! Und die Gegend genießen!

Sonnenbrand (Eine mikroskopische Sommererinnerung)

Oftmals, ich kann mich entsinnen, lag ich verträumt in der Sonne, bis ich das Verlangen verspürte, mich in die Schatten zu verziehen.

Ich hätte nur aufstehen müssen, um mich von dem Platz zu verabschieden, der für Tage meine Heimat gewesen war. Und doch blieb ich liegen, dem Fleisch verhaftet, der Haut, die sich gelöst und eine unheilige Allianz mit dem Sonnenstuhl eingegangen wäre.

Hätte ich mich erhoben, rasch, fliehend, ich wäre zu jenem gespaltenen Wesen mutiert, vor dem meine Eltern und der Schulpsychologe mich immer gewarnt hatten. Unzweifelhaft eine schlechte Idee, die ich daher nie in Betracht zog. Ich harrte der Dinge, die meine Fantasie sich erfand, zugegeben, der schnöden Unterhaltung wegen, und hoffte auf die Abkühlung des Winters.

Auf dem Balkon

Ich sitz gern auf dem Balkon. Der Mensch muss doch auch mal raus. Die frische Luft! Herrlich! Viele Autos fahren bei uns nicht.

Wenn man da so sitzt und schaut, blickt man unweigerlich, man will das überhaupt nicht, in die Wohnungen der gegenüberliegenden Häuser. Nicht, dass mich das etwas angeht, was in denen geschieht. Die liegen direkt im Blick, im Schussfeld der Augen sozusagen. Da kann man nichts für. Das ist eine bautechnische Gegebenheit.

Da sieht man natürlich auch Dinge. Man erblickt sie. Die sind da! Und dann denkt man sich halt so seinen Teil.

Warum, so denkt man sich z.B., müssen die dort drüben Tag und Nacht die Lampen brennen lassen? An Geld scheint es denen nicht zu mangeln. Trotzdem muss das nicht sein. Schon aus ökologischer Sicht. Oder aus ökumenischer Sicht? Egal!

Und wie sie da ständig herumlaufen. In der Unterwäsche. Da tät ich mich schon ein wenig schämen, wenn ich die wär. Scheint sie aber nicht zu stören, ihre Unart, die sie an den Tag legen. Man könnte auch von Schamlosigkeit sprechen. Von einem Verfall der Sitten. Einem kulturellen Abstieg. Ein wenig schlecht wird mir da schon.

Schon gut! Sollen sie doch tun und treiben, was sie für richtig erachten, die Barbaren von der anderen Straßenseite.

Ein bisschen trübt es meine Aussicht schon, dass sie nicht sparen können und in Unterhose und Unterhemd sich Brote schmieren müssen. Und irgendwo muss ich auch hinblicken können. Nur, ein Haus weiter, wird es auch nicht besser. Da stiert mein Auge direkt in ein Badezimmer. Die treiben mit der Ästhetik ein ganz besonders bösartiges Schindluder. Vor allem in den Morgenstunden, wenn das unbedeckte Fenster zum Blick auf einen unförmigen Männerkörper einlädt, es regelrecht einfordert. Pfui Deibel!

Ist ja alles schön und gut mit so einem Balkon, und man genießt ja auch die frische Luft und die Ruhe. Für die Augen ist es nichts. Die nehmen Schaden, weil, man erfährt plötzlich aus erster Hand, in was für einem Sündenpfuhl man lebt.

Da müssen sich die Nachbarn nicht wundern, wenn plötzlich Fotos von ihnen im Internet erscheinen, wie sie ihre Brote schmieren und duschen. Die haben das ja provoziert. Die wollten das doch so. Sonst hätten sie es ja nicht so schamlos in aller Öffentlichkeit getan. Wahrscheinlich hat man denen noch eine Freude mit der Veröffentlichung gemacht.

Nein, so richtig glücklich bin ich hier nicht. Und wenn ich demnächst umzieh, erkundig ich mich vorher, in wessen Wohnung ich glotzen muss, wenn ich auf meinem Balkon sitz. Jung darf sie sein. Und vollbusig. Man ist ja kein Unmensch. Man ist ja vor allem auch Ästhet.

Und wie heißt es so schön: Die Augen essen auch mit. Und schlecht werden soll es denen nimmer mehr.

Schreutner

„Schreutner“ von Werner Farbrink gilt als einer der wichtigsten avantgardistischen Romane der 60er Jahre. In einer Folge von experimentell angeordneten Szenen aus dem Leben Schreutners, erzählt er die Geschichte seines Protagonisten und der jungen Bundesrepublik, die noch immer eng mit den Verbrechen und den Verbrechern des NS-Regimes verbandelt ist.  Aber lesen Sie selbst.

Schreutner besah sich das Schild. Zimmer frei! Er vergrub seine Hand in einer Haarsträhne und knetete sie. Die Frau, der die Haare angehörten, betrachtete ihn argwöhnisch, ließ es sich schließlich aber mit einem leichten Knurren gefallen.

Ob sie mit ihm, Schreutner unterbrach sich, setzte neu an, ob sie mit ihm, abermals unterbrach sich Schreutner. Was?, fragte die Frau, sich ihm entgegen beugend, damit er kräftiger in ihr Haar greifen konnte. Ich habe es vergessen! Schreutner kniff die Augen zusammen.

Sie könnten es wissen, sagte er.

Die Frau bildete mit einem imaginären Kaugummi eine Blase, die selbst dann nicht platzte, als ihr Gesicht bereits gänzlich verdeckt war. Schreutner musste seinen Arm heben, wollte er das Kraulen nicht vorzeitig beenden.

Halt!, rief Schreutner.

Die Bläserin hielt abrupt inne.

Was?, schmatzte sie.

Schreutner zog seine Hand zurück. Ich habe mich geirrt, sagte er.

Die Frau spuckte ihm den erschlafften Kaugummifallschirm auf die Füße.

Schreutner ließ es geschehen, war der Kaugummi doch eh nur ein Phantasieprodukt.

Die Besuchung

Glock wird besucht. Ausgerechnet er, der der Besuchung seit Jahren Widerstand leistet, der sich vor ihr durch Gebete und Enthaltsamkeit zu schützen sucht.

Die Besuchung durchquert raschen Schritts den Flur und setzt sich an Glocks Lieblingsesstisch, entweiht ihn mit ihren Händen, die sie salopp darauf ablegt. Sie spricht ihn an. Wirft mit Worten nach ihm, die von Operationen und Hamburg erzählten. Glock lächelt die Themen gekonnt zur Seite. Alle paar Minuten entschuldigt sich Glock und verraucht sich auf den Balkon. Paff! Paff! Er linst durch die Scheibe. Die Besuchung bespielt erwartungsvoll den Tisch. Die Finger trommeln. Krieg liegt in der Luft. Glock beschließt, den Rest des Abends auf dem Balkon zu verbringen. Minusgrade töten nicht. Nicht sofort. Seine Frau serviert der Besuchung seinen teuren Möwenshit-Kaffee. Das wird sie noch bereuen, das Unding. Er petzt die Lippen zusammen. Seine Augen werden zu Seeschlitzen, Schießscharten, aus denen seine Gedanken ihre Kugeln feuern. Stirb! Verrecke!

Die Besuchung springt von Thema zu Thema. Wenn sie nicht sicher landet, zieht sie sich hoch. Immer hochziehen. So funktioniert die Erregungsmaschine der Moderne. Keine Ahnung haben, aber sich moralisch entrüsten. Egal über was!

Jetzt. Glock kann sein Glück kaum fassen. Er drückt die letzte Zigarette im Aschenbecher aus, schreitet die Besuchung zur Entlausung. Sie verabschiedet sich, sucht Glocks Augen, die nun wieder weite offene Tore sind. Freude durchspült ihn. Er winkt, greift nach dem Türgriff, winkt, die Besuchung schwindet, sie löst sich auf. Geht doch!

Seine Frau wirft ihm die vier Stunden vor. Er hat kein Benimm. Sie weiß es ja schon lange. Er hat es wieder einmal bewiesen.

Glock schiebt es auf seine Zigarettensucht, auf seine Minusgradsucht, auf seine Balkonsucht. Er wird sich Hilfe holen. Bestimmt sogar.

Die Frau beruhigt sich allmählich. Glock befahl es ihr. Er wies es an. Ab, ab. Da ist die Küche!

Er muss sich entspannen. Er legt seinen Kopf in den Schoß der eigenen Genialität. Ein wunderbarer Schoß mit einem großen Park, Dienerschaft, die bis zum Horizont reicht. Er betritt sein Schlafgemach und fällt erschöpft auf sein Bett rein. Ja, das arbeitet mit allen Tricks. Er fällt schon seit Jahren auf das Bett herein. Glock schließt die Augen.

Überleben. Darum geht es. Überleben. Und schon schwebt er darüber, über dem Leben, über sich, er verliert sich in einem Nebel, der ihn nahezu lautlos verschluckt.

Die Entführung

Wie der Karl so auf seiner Bank sitzt, neben sich das Kataloggrabmal, denkt er an die wunderbare Zeit mit seinem besten Freund Herbert, von dem er nicht weiß, wo er steckt. Ein Freund, das ist was Besonderes. Eine Abwechslung ist das. Mit einem Freund ist man nicht allein, nicht so wie jetzt, wo der Karl sich Sorgen machen muss, weil der Herbert wohl in der Nacht aufgestanden ist, um irgendwas zu treiben. Oder auch nicht. Der Karl weiß es ja nicht genau.

Es könnte auch sein, dass Herbert von Indianer entführt wurde. Die sind hundsgemein und tragen Federschmuck im Haar. Sie haben ihren Hass, den sie im Laufe der Jahrhunderte gegen die Texaner entwickelt haben, weil die Indianer, das hat er von seinem Vater einst erzählt bekommen (der gute Mann saß auf dem Klo und palaverte durch die Tür hindurch, weil sie keinen Fernseher im Stillen Örtchen hatten und er sich ja irgendwie die Zeit vertreiben musste, und da erzählte er dem Karl und seinem Freund Herbert von den elenden Rothäuten) einst die Besitzer von all dem Land hier waren. Aber dann kamen die Weißen aus der Stadt und schossen die Wilden mit ihren Spielzeugrevolvern tot, nicht wenige, da mussten Massen vom Erdboden verschwinden.

Jetzt kann es ja sein, dass einer der Hinterbliebenen von einem erschossenen Indianer Rache nehmen will und nach dem Skalp von so einem Texaner giert.

Karl schließt die Augen und sieht es genau vor sich. Zahllose der räudigen Hunde schleichen sich in der Nacht an den Grenzposten heran. Wie Schlangen kriechen sie durch das baumhohe Gras, wie Regenwürmer zischen sie durch das Erdreich. Wenn es darauf ankommt, können sich die Indianer verdampfen und als Nebel durch die Schlüssellöcher kriechen. Sie können zu Wolken und zu Büschen werden, weil sie einen miesen Vertrag mit der Natur geschlossen haben. Eine Art Teufelspakt.

Und so wird es auch in der Nacht der Entführung gewesen sein. Bestimmt, sinnt Karl, haben sie das Grenzhaus schon seit Tagen beobachtet. Vielleicht sogar seit Jahren. Eine Entführung will gut durchgedacht sein, die will minutiös geplant sein, obwohl die Strategiecoolness den Wilden ja nicht im Blut liegt. Karl weiß zumindest nichts davon. Sie sind eher angemalte Krieger, die mit Geheul in die Schlacht ziehen. Mails schreiben sie auch keine, sondern geben sich Rauchzeichen.

Ins Haus kamen sie also als Nebel, das hat der Karl nun schon mal recherchiert. Im Haus haben sie sich in Pantoffeln verwandelt, weil die angenehm zu tragen und leise sind. Als Pantoffelhelden sind sie die Treppe nach oben geschlurft. Vielleicht haben sie sich die Bilder an den Wänden angesehen. Alte Fotografien, die den Karl in Unterhose zeigen, schreiend. Das Bild hat Karls Mutter besonders gemocht. Oder Karl am Strand, weiter hinten im Wasser steht Herbert und schneidet eine Grimasse.

Dann sind die Pantoffelindiander weiter, weil sie ja nicht zum Spaß hier waren, sondern um so einen weißen Eindringling zu kidnappen. Sie tun das nicht des schnöden Geldes wegen. Weiße lassen sich prima an den Marterpfahl binden und verhöhnen. Die Weißen haben so viele Untaten auf ihrem Gewissen, da kommt man aus der Anklageschrift nicht mehr raus. Für jedes Verbrechen darf man ihnen ein Nasenhaar rausziehen, einfach so, ohne Betäubung. Indianer sind Gefühlskrüppel, das weiß doch ein jeder.

Sie sind als Rauch ins Schlafzimmer und haben sich über die beiden Körper gebeugt.

Karl zittert jetzt auf seiner Bank, weil er alles sehen kann. Sie haben sich den geschnappt, der etwas bösartiger und hässlicher aussieht. Aha, denkt Karl, daher den Herbert.

Sie haben ihn sich unter die Nebelarme geklemmt und dann ab, was nicht so einfach war, weil sie den Herbert nicht durch das Schlüsselloch bekamen. Der war nämlich noch kein Nebel. Scheiße, haben die Indianer geflucht. (Indianer haben das Fluchen erfunden, auch das Kinderkriegen, das Skalpieren, das Rauchen, das Schminken und das Kinder-lustvoll-machen.)

Also musste erst einer der Indios als Rauch vor die Tür, um sich dort umständlich zu materialisieren. Der hat die Tür geöffnet und den Herbert in Empfang genommen. Draußen haben sich alle in ihre Alltagserscheinungen zurück verwandelt. Wie die Waldläufer sind sie in den Wald gerannt, den schnarchenden Herbert als Teppichrolle zwischen sich. (Herbert hat einen gesegneten Schlaf, den bekommt so schnell keiner wach, da muss schon eine Atombombe fliegen oder eine Mücke ihn stechen, dass er wach wird.)

Hinaus in den Wüstenwald haben sie ihn getragen, tief in die Baumbestände, dort, wo sich nur die Indianer auskennen.

Karl schreckt aus seinen Visionen auf. Er muss was tun. Er springt auf, sein Kreislauf will sitzen bleiben, also gehorcht Karl.

Der arme Herbert, denkt er. Der ist jetzt da draußen und bekommt die Nasenhaare gezogen.

So nicht

Ein blauer Himmel, der kann einen recht überraschen, vor allem, wenn es ihn seit Wochen nicht mehr in die Gegend, die man bewohnt, verschlagen hat. Da streckt man seinen Kopf zum Fenster hinaus und stößt ihn sich beim Reinziehen, weil das Denkoberhaupt erschrocken ist. Mit so einem Blau hat die Gehirnstube nicht gerechnet, im Gegenteil, sie hat sich längst auf Jahre voller Betrübnis und Bitterkeit eingestellt. Abgefunden hatte sich das Bedenkinstrumentarium mit dem Unvermeidlichen, als sich plötzlich aus heiterem Himmel sozusagen eine andere Wetterlage bietet. Mit so etwas muss ein Kopf erst zurechtkommen. Und wenn sich aus Osten das nächste Tief ankündigt, ist man froh, weil sich damit eine gewisse Stabilität der bekannten Verhältnisse wieder einstellen wird. Das Unbekannte, auch wenn es nur ein wolkenfreier Seelenspielplatz ist, kann einem eine gewisse Angst in die Glieder schießen lassen. Der Regen, so redet man es sich ein, wird die knirschenden Knochen von dem unangenehmen Gefühl reinwaschen.

Schönes Wetter, schön und gut, aber bitte sehr nicht in dieser Geschwindigkeit, der Mann dieser Zeilen ist schließlich nicht mehr der Jüngste.