Du kunst mich mal – Folge 8

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Die Nase

Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.
„Wir waren so gut drauf“, sagte sie zu dem Journalisten, der sie wegen der „Vorfälle“ vor dem Tempel befragte.
Es war jetzt drei Tage her, aber der Shitstorm wollte und wollte sich nicht legen.
„Sie haben doch bestimmt gewusst, dass die Nasalen ihre Nasen stets unter einem Tuch verbergen.“
Helena überlegte. Natürlich hatten sie es gewusst, aber sie hatten es vergessen.
Haben wir es vergessen? Sie überlegte.
„Ich habe vor den Nasalen Respekt“, sagte sie.
Oh ja! Und ob sie den hatte. Immerhin hatten die Nasalen, die daran glaubten, dass der Allmächtige wie eine Nase aussah, bereits zahlreiche Anschläge weltweit verübt. Sie schnitten all denen die Nasen ab, die sie hochmütig trugen. Oben, im Gesicht.
Aber wo soll man sie denn sonst tragen?, dachte Helena.
Im Grund versuchten sie, allen Menschen die Nase abzuschneiden, die sie nicht bedeckten.
Die mächtigste Terrororganisation nannte sich NASA. NASA stand für NASE AB, SAGT ARTHUR. Arthur war ihr Anführer. Ein gewalttätiger Terrorist, aufgewachsen in einer Familie von Schönheitsoperateuren.

„Man beschimpft mich fürchterlich. Die sozialen Netzwerke laufen über mit Drohungen …“

Helena wischte eine Haarsträhne zur Seite. Das tat sie, wenn sie nervös war. Die Haarsträhne schien keine andere Aufgabe zu haben, als die, dass sie zur Seite gewischt wurde, wenn Helena nervös war.

Sie konnte das alles gar nicht verstehen. Millionen Menschen in aller Welt liebten sie. Sie hatten sie als gehbehinderte Selma in „Selma kann wieder laufen“ geliebt. Oder als Nonne in „Liebe deine Nächste“. „Liebe deine Nächste“ war von der katholischen Kirche kritisiert worden, ein wenig zumindest, aber es war nichts gegen das, was momentan geschah.

„Arthur“, sagte der Journalist.

Helena machte große Augen.

„Nicht der Film, sondern der Terrorist.“

Helena lächelte.

„Arthur ist eine der wenigen, der seine Nase nicht verdeckt. Er hat seine Nasenhaare wachsen lassen, so wie es das Buch NASI vorschreibt. Haben Sie das Buch NASI je gelesen?“

Da war sie wieder, ihre Nervosität. Sie wischte die Haarsträhne zur Seite.

„Nein“, gab sie zu. „Ich weiß, man sollte sich mit allen Religionen voller Respekt beschäftigen.“

„Sollte man?“, fragte der Journalist. „Immerhin gibt es so viele Religionen, da hätten Sie eine Menge zu tun.“

Sie saßen am Pool eines der zahlreichen Häuser, die Helena in Malibu besaß. An einem solchen Pool hatte das Unglück seinen Lauf genommen. Sie hatte mit Justin und einigen anderen gefeiert, und dann war irgendjemand, vielleicht war es sogar Justin gewesen, auf die Idee gekommen, dass sie sich ruhig mal einen kleinen Trip gönnen könnten. Rüber in eines dieser Länder, in denen die Sonne besonders heiß brannte, in denen die Menschen ihre Nasen verdeckten, in denen es Märkte gab, auf denen es sonderbar roch.

Sonderbar roch? Wer hatte das gesagt? Robert? Patrick? Sie sollte das nicht erzählen, das würden sie ihr als eine Form von Rassismus auslegen.

Ihr war das alles furchtbar peinlich. Sie hasste es, jetzt hier sitzen zu müssen und über all das sprechen zu müssen, und das nur, weil sie ein paar Fotos ohne ihre verdeckten Nasen vor einem Tempel gemacht hatten. Das konnte doch nicht so schlimm sein. Doch war es. Alle Welt ließ es sie spüren.

Die Bilder an sich waren ja noch nicht so schlimm gewesen. Schlimmer war es, sie auch noch bei Twitter hochzuladen. Das hatte die Sache erst ins Rollen gebracht. Eine Gruppe verwöhnter Hollywoodjugendlicher, die mit ihren Nasen vor einem Tempel posierten.

Bob, ihr Agent, hatte sie gleich angerufen.

„Wo bist du? Malibu? Das blaue Haus? Ich komme! Du sitzt ganz schön in der Scheiße, nein, schlimmer, du sitzt ganz tief in der größten Scheiße deines Lebens. Die sind verrückt. Die schneiden Leuten die Nasen ab, weil sie sich beleidigt fühlen.“

Helena hatte wie betäubt dagesessen. Es war doch nur eine Nase, eine verfluchte Nase. Eine Nase!

„Ich möchte mich noch einmal bei allen Nasalen entschuldigen“, flüsterte Helena.

Der Journalist nickte und packte seine Sachen zusammen.

„Sie sollten noch ein paar Bilder und Filmaufnahmen machen, die sie mit verdeckter Nase zeigen“, sagte er. „Das könnte die Leute beruhigen.“

„Meinen Sie?“

Da saß sie. Helena Gomez. Sexsymbol, obwohl sie im Grunde noch ein kleines Mädchen war. Sie saß am Rand einer Liege und drückte ihre Arme durch.

Später, als der Journalist schon längst wieder in seinen Redaktionsräumen saß und an seiner Story schrieb, rief Bob sie an. Er sei aufgehalten worden, er betreibe Schadensbegrenzung. HONY habe den Vertrag über die nächsten zwei Filme gekündigt.

„Was?“, fragte Helena ungläubig. Ihr war schlecht, sie kam sich wie in einem drittklassigen Film vor. Das konnte doch alles nicht wirklich geschehen, auf keinen Fall, das hatte sie nicht verdient.

„Du hättest es wissen müssen“, sagte Bob. „Du hast sie und ihre Religion beleidigt. HONY hat Angst, dass es zu Anschlägen kommen könnte.“

„Anschlägen?“

„Du bist ja sicher.“

Sicher? Sie sah sich um. Sie hatte momentan sieben Bodyguards im Haus. Sie überlegte. Hatte der eine von ihnen nicht besonders langes Nasenhaar? War das ein Hinweis? Sie würden sie töten, abschlachten.

„Am besten, du schließt dich ein, bis ich da bin“, sagte Bob und legte auf.

Sie würde es nie wieder tun. Sie blickte zum Himmel. Oh, große Nase, verzeih mir. Ich habe gesündigt, aber ich will es nie wieder tun.

Justin, dieser verdammte Schweinehund war an allem Schuld. Wäre er nicht auf die Idee mit dem Flug gekommen, wäre heute noch alles gut. Der Vertrag mit HONY wäre nicht geplatzt, sie müsste nicht um ihre Zukunft bangen, ach, dieser Hund.

Sie schlang ein Handtuch um ihre Hüfte und watschelte gesenkten Kopfes ins Haus zurück. Sie fühlte sich so allein, so allein. Ob sie Mama anrufen sollte? Papa?

Die Terrassentür, sie hatte die Terrassentür vergessen, aber das war jetzt egal. Erst mal ins Schlafzimmer, dort befand sich auch ihre Waffe, dieser kleine, niedliche Revolver, mit dem sie schießen konnte. Sie hatte es für „Heiß geliebt im Bombenhagel“ geübt. Ein großer Film über die Liebe und den Krieg.

Sie kramte den Revolver raus und schloss die Schlafzimmertür. Sie setzte sich aufs Bett und weinte. Das war alles so unfair, aber sie würde ihre Nase verteidigen, komme, was da wolle. So einfach würden die sie nicht bekommen.

Irgendwann schlief sie ein. Sie träumte von einer großen, haarigen Nase. Die Nase verfolgte sie den WALK OF FAME hoch und runter.

„Es tut mir leid“, schluchzte sie im Schlaf. „Es tut mir leid.“

Als sie am Morgen erwachte, musste sie niesen. Noch niemals zuvor hatte sie sich über einen Schnupfen so sehr gefreut, wie an diesem Morgen in Malibu.

Freitag

Zurück aus Frankfurt. Das geht doch. Wir haben es überlebt, auch wenn es Leute gibt, die sagen, so etwas überlebt man nicht. Aber Leute, die irgendetwas wissen, scheuen sich nicht, es unbedingt mitzuteilen. Sie wissen doch, wie das ist, oder?

Kaum hat man das Haus verlassen, steht wer da und sagt, er wisse, dass es Gott gebe. Er habe da eine kleine Broschüre, nur 1000 Seiten. Die würden sich in nullkommanichts durchlesen lassen. Außerdem wären sie die Rettung für einen, und für den Rest der Welt. Selbstverständlich. Mehr könne man doch wohl am frühen Morgen nicht erwarten!

Und was die alles wissen! Die Wissenschaft irrt sich seit Jahren. Adam und Eva, klar, die gab es. Die Dinosaurier! Unmöglich, da muss ein Trick des Satans vorliegen. Der ist auch nicht von gestern. Sondern von vorvorgestern, der ist so gestrig, dass er die Moderne erfand, um den Menschen geradewegs mit in die Hölle zu nehmen. Hölle? Haben Sie doch bestimmt schon mal gehört. Ein heißer Ort, an dem sie mit Dreizacken und langen Schwänzen durch die Gegend stolpern. Nein, nicht Mallorca. Das war jetzt nur fast richtig.

Zurück zu Frankfurt. Über Frankfurt haben wir nichts Gutes gehört. Banken, Banker, Geldhandel, Menschenhandel, Bahnhofsviertel. Ganz so war es dann nicht. Die Banker haben wir erst gar nicht zu Gesicht bekommen. Sie saßen in ihren Türmen und tätigten wohl einige unaufschiebbare Geschäfte.

Ich stelle mir das unangenehm vor. In so einem langen, kahlen, klimatisierten Raum sitzen und Gott spielen. (Da wäre sie wieder, die Religion. Und wie wir wissen: Gott würfelt nicht, Gott verscherbelt Aktienpakte, und macht so, neben dem Retten von Seelen, den großen Reibach.)

Wo waren wir? Frankfurt. Stadt der Türme und der Geschäfte. Das sind Milliarden, die minütlich entlang der Geschäfte pilgern. Alles ist auf Verkauf ausgerichtet. Die wenigsten Geschäfte kaufen etwas an, und wenn doch, sollte es frisch aus den Zähnen geschlagenes Gold sein.

Zahngold ist der letzte Hit. Damit kann man reich werden. Wenn Sie also am Wochenende noch nichts vorhaben, und auch nicht wissen, wie Sie innerhalb kürzester Zeit Millionär werden, ziehen Sie mit ein paar Freunden los, um sich in der Nähe von Discotheken aufzuhalten; irgendwo dort eben, wo Blut fließen wird, und wo die Wahrscheinlichkeit, dass sie an Zahngold geraten, groß ist.

Gut, es darf keine x-beliebige Disco sein, sondern eine, in der Promis sich präsentieren. Aber ob die sich prügeln? Ich weiß nicht. Ein Tipp könnte sein, dass Sie die Angehimmelten gegeneinander aufhetzen. Behaupten Sie doch, wenn Sie neben Kahn stehen, der neue Bayern-Trainer hätte sich über Kahns Physiognomie lustig gemacht. Sie müssen das anders ausdrücken, sonst drückt er Ihnen eine, weil er sich wissenschaftlich beleidigt fühlt. Und weil keiner wissen kann, was hinter diesen Fachbegriffen so steckt, hat er sich für die Nummer mit Ihrem schiefen Gesicht entschieden. Obwohl das unwahrscheinlich ist. Ein Promi wie Kahn ist Profi genug, um sich, selbst wenn er mit Fremdwörtern beworfen wird, im Griff zu haben.

Sie müssen sich jemand suchen, der sich nicht im Griff hat. Dessen Griff bereits vor Jahren entfernt wurde. Einer, dem alles, was wir für nötig erachten, um den einen oder anderen Gedanken zu verschwenden, bereits entfernt wurde; wenn es denn je da war.

Nein, ich werde jetzt keine Name nennen. Das gefährdet mein Zahngold. Ich sage nur: Rapper.

Wo wir beim nächsten Thema wären. Dem deutschen Rap nämlich, der, wenn er nicht langweilig ist, schwulenfeindlich, menschenverachtend und gewaltverherrlichend ist. Da schießen sich integrationswillige Migranten durch die schöne Welt der Banken, um ein wenig am Glück der Welt zu partizipieren. Und was macht Deutschland? Statt sich mit den aufstiegswilligen jungen Männern zu freuen, schimpft man, dass sich die Balken biegen. Bushido ist so ein Beispiel. Nett, korrekt gekleidet, im richtigen Umfeld aufgewachsen, gibt man ihm keine Chance. Den Bambi soll er zurückgeben. Mehr Bösartigkeit kann man sich kaum vorstellen. Bambis verlangt man nicht zurück. Man hegt und pflegt sie, und höchstens, wenn sie alt genug sind, spielt man mal mit dem Gedanken, sie auszuweiden und grillen zu lassen. Die Kinder sollten davon nichts hören, weil eine kleine Seele Schaden nehmen kann, wenn sie erfährt, dass Disneytiere ein Doppelleben führen. Ja, liebe Kinder, Rehe finden sich auch in der Natur, und nicht nur in Zeichentrickfilmen.

Das war natürlich Quatsch. Der Bambi, den wir hier meinen, ist weder ein Tier noch eine Zeichentrickfigur, sondern ein Preis, den eben auch Bushido für seinen Willen, sich unbedingt in die gesellschaftlichen Prozesse einzuschieß …, äh, einzubringen, erhielt.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen bzw. schreiben, dass ich längst alle Erzählfäden verloren haben.

Am besten, Sie schalten schon morgen wieder auf diesen Kanal, der bestimmt über etwas berichtet, von dem Sie im Grunde nie etwas erfahren wollten. Ich halte es mit den Zeugen Jehovas. Ich stehe still am Rand der Datenautobahn und halte Ihnen meinen Wachturm unter die Nase. Meiner heißt nur anders. Lügen finden sie in beiden Magazinen.

Donnerstag

Ich habe meine Karriere beendet. Ich weiß nicht, ob Sie das schon gelesen haben. Die BILD plaudert immer alles aus, da muss man schnell sein. Die wissen alles. Sogar, wann die Welt untergeht. Und wann Brad Pitt morgens wach wird. Die BILD-Spione sind überall. Die liegen unter den Betten, auf den Betten. Die sitzen in den Lüftungsschächten und beim Italiener um die Ecke. Sie sollten also vorsichtig sein. Nur keinem Fremden öffnen. Am Ende ist er ein Mitarbeiter der BILD. Oder noch schlimmer, ein Zeuge Jehovas. Oder der Nachbar, um mal den Teufel an die Wand zu malen.

Ich habe also die Krimischreiberei aufgesteckt. Das Schreiben natürlich nicht. Ich versuche mich momentan an einem Roman über einen jungen Mann, der irgendwie nicht schlau wird. Das macht ihn fertig. Ich schildere da eine Leidensgeschichte, die vermutlich von Hollywood verfilmt wird. Dustin Hoffman als junger Mann, der nicht schlau wird. Tom Cruise als sein Bruder, der gerne Auto fährt.

Meine Frauen sitzen derweil auf dem Balkon, der sich tollkühn über die Tiefe reckt. Ein Teufelskerl, dieser Balkon.

Guten Abend, Welt!

 

Montag

Ich habe die ganze Nacht gefeiert, mit Mama und ihrem Manager Leopold R., der sie auf ihren Tourneen begleitet. Meine Mutter ist eine Daseinsdarstellerin, deren Bühne das Leben selbst ist. Man weiß nicht immer, ob sie gerade eine ihrer Rollen spielt oder ob das Stück unterbrochen wurde. Manchmal verbeugt sie sich auf offener Straße, die Passanten bleiben stehen und applaudieren. Erst jetzt erkenne ich, dass es Publikum ist, das bisher so scheinbar achtlos ans uns vorüberging.

Leopold R., ihr Mäzen und Manager, bat uns zum Essen. Mit einer Hand, die ganze Landstriche überschatten kann, wies er  auf unsere Plätze hin, die wir einnahmen, noch nicht ahnend, dass es Tribünenplätze waren. Ich will auf die Aufführung nicht eingehen, die in einem Meer aus Schnaps unterging, kann und darf es doch nicht Aufgabe eines Sohnes sein, als Kritiker der eigenen Mutter die geschwätzigen Feuilletons des Netzes zu füttern, zumal ich in der Art und Weise, wie ich mein Leben in diesem Blog offenbare, bereits genug Kummer und Schande über mich und meinen Namen gebracht habe.

Die trüben Stunden eines neuen Tages lassen die Lippen hängen, verkünden Regen, der nicht enden will, und dies in einer Zeit, die der Sonne vorbehalten sein sollte.

Erst unlängst erhielt ich einen Brief meines treuen Freunds Margret W., der als Sonnenpriester und Vorsteher eines Sonnenstudios, längst das Weite gesucht hat, er und seine Schar Sonnenanbeter, die in diesen Breitengraden keine Zukunft für sich und ihre Religion sahen.

Wer weiß, es könnte sein, dass sie wohl daran taten, das Land mit dem Wunsch zu verlassen, ihrer Gottheit ein Stück weit näher zu sein, die ihren Alterssitz, so W., irgendwo auf einer Südseeinsel bezogen hätte. Betrachte ich die Wetterverhältnisse, könnte seine These mehr als stimmen.

Guten Morgen, Welt!

Donnerstag

Heute wird man mir den Rücken ablesen. Der Doktor (halb Arzt, halb Bibliothekar) wird sich mit einem verkniffenen Gesicht nach unten zu mir, der ich auf einem Hocker sitzen und einen Buckel machen werde, beugen, um die Schwellungen, Pusteln, Rötungen, Geschwulste den jeweiligen Autoren zuzuweisen.

Sein Atem, eine Mischung aus Chlor, Knoblauch und Zwiebeln, wird an meinem Rückgrat aufsteigen, um die Schultern zu erklimmen. Dort wird er kurz ruhen, wird er, der Atem, Atem schöpfen. Er wird sich mit den Düften der Chemikalien und Arzneien paaren, die in dem Untersuchungszimmer umherschwirren.

Alle Muskeln angespannt, wird er Anlauf nehmen und den Sprung wagen, der seine klammen Hände an den Absatz meiner Unterlippe führen soll. Hat der Atem diese erst erreicht, wird er sich nach oben ziehen, um die letzten Meter seiner Reise antreten zu können.

Eine Fahne wird er an meiner Nasespitze errichten, während ich mein Gesicht verziehe. Rasch klettert der Atem in die Nase hinein, um die Nacht dort abwarten zu können. Bleibt er unentdeckt, so sein Plan, wird er noch höher klettern, ganz bis hinauf ins Hirn – bis er sich plötzlich seiner Sterblichkeit bewusst wird. Panik bemächtigt sich seiner, als er bemerkt, dass er nur eine lose Ansammlung von Molekülen ist, die nicht lange existieren wird. Er löst sich auf, wird unsichtbar, denkt rasch über das Leben nach, darüber, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Wozu schaffen ihn Magen und Mund einer dumpfen Gottheit erst, warum lassen sie ihn nach Zielen streben, wenn in den nächsten Sekunden bereits alles wieder zu Ende sein soll.

Der Atem stolpert durch meine Nasenhöhle, bemalt sie, um von sich Zeugnis abzulegen, um etwas zu hinterlassen, er sinnt gar über die Möglichkeit ein Tagebuch zu führen. Ein Sinn muss bei, denkt er sich, eine Möglichkeit, die mir den Tod versüßt, also gründet er eine Religion, die ihm ein Jenseits offenbart. In den Heiligen Schriften, die er – sein Leben aushauchend – in einer Vision erblickt, ist von einem Großen Gestank die Rede, in dem alle Düfte nach ihrem Verwehen aufgehen werden. Glücklich wird der entwichene Atem ungehört versterben.

Der letzte Tag

Der Tod ist ein Arschloch.

Erst gestern erzählte mir meine Frau von einem jungen Mann, dessen Todesanzeige in der Zeitung gestanden hat. Jahrgang 93. Das ist kein Alter. Wenn einer mit 93 stirbt, dann man kann man schon eher damit leben. Mit 93 hast du vielleicht genug geflucht, genug Zigaretten geraucht, dass man damit zurecht kommen kann, dass es dich fortan nicht mehr gibt. Aber wenn du noch ein junger Mann bist, der voll in der Blüte seines Lebens stand, dann ist es eine Taktlosigkeit. Dem Tod fehlt der Benimm. Das muss man mal so klar schreiben. Das gehört sich nicht, dass man ungefragt irgendwo auftaucht und einen so jungen Mann erst leiden und dann sterben lässt. Wie würde sich der Tod denn fühlen, wenn das Leben plötzlich bei ihm auftaucht und einen seiner Bälger erblühen und schließlich auferstehen ließe? Ziemlich beschissen. Da wäre das Geschrei groß. Das müsste es mal tun, das Leben, damit der Tod weiß, was er den Leuten tagtäglich, minütlich, sekündlich antut.

Wenn ich am Morgen aus meinem Bett krabbele, stelle ich mir jedes Mal vor, wie es wäre, wenn ich nicht mehr erwacht, wenn ich im Schlaf gestorben wäre. Ich wüsste es wohl nicht, weil laut Hirnforschung, bin ich nicht mehr. Kein Bewusstsein, um sich bewusst zu sein, dass man tot ist. Schrecklich. Man kann sich nicht mal darüber aufregen, dass der Tod einen mitten aus einem Roman gerissen hat. Die Religion sieht es bekanntermaßen ein wenig differenzierter. Dort wird in den meisten Fällen von einem Jenseits berichtet, was mir immerhin die Möglichkeit einer Beschwerde eröffnen würde. Irgendwo wird es auch im Himmel eine Stelle geben, an die man sich wenden kann, um seinen Frust in einem Vordruck unterzubringen. Wird nur nichts bringen, denn tot ist tot, auch wenn es Filme über Untote gibt, über Zombies zum Beispiel. Wer will schon so zerfleddert wie ein altes Schulheft durch die Gegend wanken und von allen gehasst und beschrien werden. Da musst du schon ein Faible dafür haben, eine kleine sexuelle Abweichung, die sich bereits zu Lebzeiten in deinem Kopf herumtrieb. Das ist nichts für mich. Da bleibe ich lieber tot und weiß von nichts. Wie die drei Affen. Tote sehen nichts, hören nichts, sagen nichts.

Man sollte sich nicht mit dem Tod in den frühen Morgenstunden beschäftigen, das kann einem den ganzen Tag versauen, zumal es ja der letzte sein könnte.