Niesberts Rede

Niesbert bereitete seine Rede seit Jahren vor. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Arbeitest du wieder an deiner Rede?“, fragte seine Frau. Niesbert hatte keine Zeit. Die Rede, sie verlangte ihm alles ab. Er hatte bereits abgenommen. Dreihundert Gramm. Wenn das so weiter ging, würde er wegen der verdammten Rede vor die Hunde gehen. „Vor die Hunde“, flüsterte er. „Vor die Hunde!“ Er spürte, dass er allmählich wahnsinnig wurde. Als die Sonne hinter den Häusern der Stadt versank, schrie er auf. Da war es! Nach so vielen Jahren. Das zweite Wort seiner Rede.

Aus „Niesberts Rede“, Roman, vergriffen

Mittwoch

Warum sollte man auf Büchern herumreiten? Das ergibt keinen Sinn! Haben sie sich schon mal auf ein einzelnes Buch gesetzt, um damit durch die Wohnung zu galoppieren? Es geht überhaupt nicht. Man müsste schon ein Pferd nachbauen. Dazu wären unzählige Bücher vonnöten. Dann könnte es gelingen, auf ihnen herumzureiten. Aber auf einem einzelnen Buch? Keine Chance! Welch ein Projekt des Irrsinns. Und was tun manche Kritiker? Reiten auf einem Buch herum, als würde es sich tatsächlich von der Stelle bewegen, wenn man nur fest genug daran glaubt. Sagt das nicht alles über die Literaturkritiker in diesem Land? Gestandene Männer, die es nicht sein lassen können, sich in ihrem Arbeitszimmer auf ein Buch zu setzen, um darauf herumzureiten. Und anschließend schreiben sie noch darüber. Machen es öffentlich. Das schlägt dem Fass den Boden aus. Ich will es mir gar nicht vorstellen müssen, wie sie mit der Reitpeitsche auf den Buchrücken einschlagen, in der Hoffnung, dass sich das Buch jede Sekunde ein paar Zentimeter bewegt. Und dann soll es auch noch wichtig sein, was sie in ihren Räumlichkeiten tun. Es soll ja auch Kritiker geben, die Bücher besprechen. Unaufhörlich sprechen sie auf die hilflosen kleinen Dinger ein, die sich nicht einmal wehren können. Ich will hier erst gar nicht Gerüchte streuen, dass es Kritiker gibt, die sich der Schwarzen Magie verschrieben haben, und die deshalb murmelnd vor einem Buch stehen. Das würde diese wichtige Auseinandersetzung bagatellisieren. Und das will ich nicht, bin ich doch ein ernsthafter Schriftsteller und Philosoph, der sich mit „gewissen“ Vorfällen beschäftigt. Genug der Rede! Lassen Sie die von mir eingestreuten Gedanken sacken und erklären sie sich im Anschluss mit mir und meiner politischen Gesinnung solidarisch. Mehr erwarte ich ja gar nicht.

Donnerstag

Ja, ja, ja, ja, die Verwirrung, die die UNTAT zu stiften weiß, scheint größer und größer zu werden, sie durchströmt das Netz, punktiert es und wird, daran glaube ich inzwischen, das Internet über kurz oder lang kollabieren lassen. Von einem polarisierenden Text ist die Rede, von einem Autor, der es in die Liga eines Sebastian Fitzek schaffen könnte (wollen die Beleidigungen denn kein Ende mehr nehmen?). Derweil liege ich, mein Roman hat die Bestsellerlisten von Krypton gestürmt und sich auf den ersten Platz abgesetzt, ermattet darnieder, geschüttelt vom Feuer einer grippalen Erfahrung, die ich mir gerne erspart hätte.

Ich habe mir geschworen, alle Recherchen im Netz zu meinem kleinen Meisterwerk zu unterlassen, kann aber den Finger, den kleinen dreisten Schreibfinger, den andere, unbedarfte Seelen, als meinen Zeigefinger definieren würden, nicht von der Tastatur (die neben Bergen aus Medikamenten liegt, um mich anzulachen, gar zu verspotten) lassen, um auf diese Weise unentwegt die Suchmaschine mit meinem Namen zu füttern. Es geht mir darum, in die Tiefen des Internet vorzudringen, in dieses Bergwerk aus Datenströmen und Nichtigkeiten, einzig in der Hoffnung, etwas über mich und meine UNTAT ans Tageslicht zu holen, das von Wichtigkeit und Belang für mein Seelenleben sein könnte. Was ich bisher fand, macht mich leider kränker. Keine Worte, die sich ernsthaft mit dem Text auseinandersetzen. Es scheint mir ein Buch gelungen, das die Leser-innen ins Chaos stürzt, das sie hilflos, das Hirn zu Brei geschlagen, zurücklässt. Sollte man hier gar von einem gelungenen terroristischen Akt auf dem Feld der Literatur sprechen, von einem Wortbombenattentat, einem Text, der dem, der sich ihm unbedarft nähert, um die Ohren fliegt, um die Innenohren sozusagen? So weit will ich nicht gehen, zumal meine Überlegungen durch Fieber und Schüttelfrost getrübt sein könnten. Vielleicht habe ich mich aber auch verlesen, vielleicht habe ich die Liebe, die ich von meinen Lesern gewöhnt bin, überlesen, eben weil dies nicht die Stunde ist, die man GOOGLE anvertrauen sollte, sondern einer erfahrenen ärztlichen Hand.

Soeben, dies sei Ihnen nicht unterschlagen, erfuhr ich von einer ersten Übersetzung ins Marsianische, die in einigen Wochen bei Brad&Bury erscheinen wird.

Guten Morgen, Welt!

Freitag

Gogols „Die Nase“ gelesen, während ich (von Panik erfüllt) meinen eigenen Kolben festhielt. Ich umklammerte das Organ krampfhaft mit Zeigefinger und Daumen. Die Fleischwerdung literarischer Fantasien ist nicht zu unterschätzen.

Da muss man sich nur die Irren ansehen, die die Bibel in ihrer Nachttischschublade liegen haben.

Mein Nachbar Eschtakl hungert sich, seit er „Abnehmen für Leute ohne Telefon“ gelesen hat, in die Gewichtsklasse „Laues Lüftchen“. Es ist kaum noch etwas von ihm übrig. Wir nehmen ihn inzwischen mehr als Geist, als Stimme wahr.

Manchmal hält meine Frau Ursel (Name geändert) eine der Putzfrauen aus dem Fenster, um sich berichten zu lassen, was draußen geschieht.

„Ich kann den Herrn Eschtakl hören, der sich an Ihrem Apfelbaum erleichtert“, erklärte kürzlich eine von ihnen. „Außerdem kann ich sehen, dass der Asphalt sich meinem Kopf nähert.“

Meine Frau lächelte mich mit diesem Blick an, der mir ihre engelhafte Unschuld suggerieren sollte.

„Und die Krankenhausrechnung für die Putzfrau?“, fragte ich sie.

Sie hob die Schulter: „Ach, nicht der Rede wert. Schreib eben ein paar Bücher mehr.“

Als wir Eschtakl vor wenigen Tagen zum Essen einluden, sagte er mit dem Hinweis ab, er müsse mehr auf seine Figur achten, die von den Hunden noch aufgespürt würde.

„Nichts für ungut“, wehte mich seine brüchige Stimme an. „Sie sollten auch etwas auf ihre Linie achten, Rohm. Sie gehen allmählich aus dem Leim.“

„Unsinn!“, murmelte ich und stopfte drei Fettringe in den speziellen Hosenkorb zurück. „Alles eine Frage der Sichtweise.“

„Warum blicken Sie dabei die Haustür an?“, sagte Eschtakl. „Ich stehe direkt hinter ihnen, Sie arroganter Bestsellerautor.“

Seit ich Eschtakl nicht mehr sehen kann, fühle ich mich in meinen eigenen vier Wänden unsicher. So beobachtet. Dieses Kichern, wenn ich meiner Frau Rudriga (Name geändert) die Zehen lutsche. Das wird doch nicht Eschtakl sein, der sich unerlaubterweise in unserem Haus aufhält?