Mittwoch

Warum sollte man auf Büchern herumreiten? Das ergibt keinen Sinn! Haben sie sich schon mal auf ein einzelnes Buch gesetzt, um damit durch die Wohnung zu galoppieren? Es geht überhaupt nicht. Man müsste schon ein Pferd nachbauen. Dazu wären unzählige Bücher vonnöten. Dann könnte es gelingen, auf ihnen herumzureiten. Aber auf einem einzelnen Buch? Keine Chance! Welch ein Projekt des Irrsinns. Und was tun manche Kritiker? Reiten auf einem Buch herum, als würde es sich tatsächlich von der Stelle bewegen, wenn man nur fest genug daran glaubt. Sagt das nicht alles über die Literaturkritiker in diesem Land? Gestandene Männer, die es nicht sein lassen können, sich in ihrem Arbeitszimmer auf ein Buch zu setzen, um darauf herumzureiten. Und anschließend schreiben sie noch darüber. Machen es öffentlich. Das schlägt dem Fass den Boden aus. Ich will es mir gar nicht vorstellen müssen, wie sie mit der Reitpeitsche auf den Buchrücken einschlagen, in der Hoffnung, dass sich das Buch jede Sekunde ein paar Zentimeter bewegt. Und dann soll es auch noch wichtig sein, was sie in ihren Räumlichkeiten tun. Es soll ja auch Kritiker geben, die Bücher besprechen. Unaufhörlich sprechen sie auf die hilflosen kleinen Dinger ein, die sich nicht einmal wehren können. Ich will hier erst gar nicht Gerüchte streuen, dass es Kritiker gibt, die sich der Schwarzen Magie verschrieben haben, und die deshalb murmelnd vor einem Buch stehen. Das würde diese wichtige Auseinandersetzung bagatellisieren. Und das will ich nicht, bin ich doch ein ernsthafter Schriftsteller und Philosoph, der sich mit „gewissen“ Vorfällen beschäftigt. Genug der Rede! Lassen Sie die von mir eingestreuten Gedanken sacken und erklären sie sich im Anschluss mit mir und meiner politischen Gesinnung solidarisch. Mehr erwarte ich ja gar nicht.

Sonntag

Die Stille, ein unendliches Reich an Möglichkeiten. Man kann flüstern, auf den Zehenspitzen schleichen, man kann Türen bedächtig öffnen und schließen, man kann wie ein Windhauch tippen, man kann den Kaffee kalt werden lassen. Stille! – Zustand der Zurückhaltung, des Vagen, des Unentschlossenen. Stille, Abwesenheitsbekundung von Lärm. Stecknadelköpfe kann man fallen hören, man kann das Husten des Kochs im Untergeschoss vernehmen, sein verzweifeltes Kratzen am Hinterteil.

Und all dies, weil die Kinder, groß ist ihre Zahl und unbekannt sind mir ihre Namen, noch schlafen, weil sie ihre Betten durchliegen, auf der Suche nach einem Traum, einem Gespinst, dem sie folgen können, unbedarft, und mit einem Lächeln, das sich über ihre faltenfreien Gesichtchen legt.

Ich dagegen sitze schon längst wieder über einem Manuskript, brütend, schwitzend. O Anstrengung des Tagesgeschäfts. Sonntag, über dieses Wort kann ich nur lachen, laut und herzhaft, und ich tue es auch, sitze da und lache schallend in die Villa hinein, weil es mir absurd erscheint, einen Tag zu heiligen, der mich nicht achtet. Ein Knecht des Wortes bin ich. Eine Hure der Sprache. Ein Fußsoldat des Satzes. Der Punkt heißt bei mir doch nur, dass nun ein neuer Satz zu folgen hat.

(Ich unterbreche die Litanei, um einen Schluck meines hervorragenden Kaffees zu genießen.)

Und weiter! Sonntag, du Schlag ins Gesicht aller Künstler. Du Versprechen, das sich nicht erfüllt.

Überall im Haus liegen sie herum, sie aalen sich in ihrer vermeintlichen Freiheit, während ich bereits wieder schreiben muss, als wäre das Schreiben die einzige Möglichkeit unseren hohen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Ist dem so? Was wäre, wenn ich Banken ausrauben würde? Ich könnte – schlimmer noch als jeder Banküberfall – ein Geldinstitut gründen. Ich könnte Politiker werden. Oder ein Pferdedieb. Ein Walhändler. Ich könnte mir einen Walberg kaufen, um zweimal im Jahr Wale zu ernten. Wir würden sie in einem Fass mit den Füßen treten und ihr Blut abfüllen. (Ein guter Wal gilt als Delikatesse im Land des Geldes. Überall sitzen sie, in Restaurants und auf Parkbänken, gelangweilte Millionäre und sehnen sich nach einem guten Wal. Hm, jetzt ein Wal und alles würde gut, denken sie.) Ich könnte, laufen die Walgeschäfte erst, weitere Walgüter erwerben. Walschenken überall. Walkabinen für den Durchreisenden. Den Spaziergänger. Für jenen, der sich beim Einkaufen nach einem rasch gekippten Wal sehnt. – Ich würde Feste veranstalten, würde eine Walkönigin wählen lassen. Sie müsste dann täglich raus mit den Walfängern in den Walberg, um die Wale zu ernten. Sie würde es bestimmt bald bereuen, würde schimpfen, weil sie sich das ganz anders vorgestellt hätte. „Hätte, hätte, hätte …“, werde ich sagen und sie von einem Walhelfer in ihren Walbezirk bringen lassen.

Ach, die Fantasie, dieses wilde Ding, geht wieder mit mir durch. Noch heißt es Ruhe zu halten, weil man sich im Haus weiterhin dem bösartigen Geschäft des Schlafs hingibt.

Gauß, der Mathematiker, hat sich einen Platz vor dem Kamin gesucht. Er trägt Lockenwickler, die müssten doch eigentlich stören. Es ist merkwürdig, weil Gauß gleichzeitig Mann und Frau ist. Er/Sie führt seit dreißig Jahren eine heimliche Affäre mich sich selbst. Da liegt er und schlummert, als wäre er kein Geheimnis der Natur.

In der Küche wird zaghaft gewerkelt. Der Warmwasserkocher erwärmt das Wasser, das für meinen nächsten Kaffee vonnöten sein wird. Der Warmwasserkocher stammt aus dem Iran und spricht nur mit dem Dolmetscher, der … Ja, richtig geraten, der noch schläft. Alle schlafen sie noch, nur ich, ich muss Wache halten und ein bisschen mein Tagebuch füttern, damit ich meine intimsten Gedanken zu Geld machen kann.

O Leben, du untragbar Zustand aus Atemluft und schalen Gedanken!

Guten Morgen, Welt!

Der Tag, an dem das Seiende gedingst wurde

Beppo ist kein Ich-Erzähler mehr. Jetzt nicht mehr. Es hat sich ausgeicht. Basta. Fortan wird der einzigartige Beschreibungsfinger des Autors die Buchstaben der Tastatur drücken, um die wenigen Seiten, die noch bleiben, mit Beppos Geschichte zu füllen.

Bisher hat Beppo selbst entscheiden dürfen, was mit ihm geschieht. Das ist nun vorbei. Ein für alle Mal.

Mit dem Präsens muss er sich auch erst anfreunden. Alles soll plötzlich Gegenwart sein. Das will er nicht. Nein, nein, nein!

Ihm bleibt aber nichts anderes übrig, denn schon zwingt sich der Wille des Schreibenden in seine Beine, muss der doch noch nachsehen, wer an seiner Tür geklingelt hat (siehe Kapitel mit der Türklingel).

Beppo wehrt sich. So einfach will er sich den Göttern nicht opfern. Warum hat er das alles getan? Die Geheimagentenausbildung muss doch einen Sinn haben. Alle Kampfsportarten beherrscht er.

Beppo hebt verzweifelt den Kopf und müht sich zu sprechen: „Bösartiger Demiurg, lausche mir. Abstrus, zugegeben, war bisher alles. Aber das schlägt dem Fass jetzt den Boden aus.“

Schallendes Gelächter aus der Dichterklause. Über so einen Burschen kann der Erfinder von Romanen wie „Loch der tausend Augen“ und „Dein Leben in meinem Qualmund“ nur lachen. Was will der Bursche denn? Dem wird er es noch zeigen.

Beppo reibt sich die rechte Wange. Die Ohrfeige kam unvermittelt.

„Lauf nun, Blödmann“, meldet sich der Godfather zu Wort.

Beppo ist im Grunde Fatalist. Darum gehorcht er und schleicht knurrend zur Tür, nachsehen, wer Einlass begehrt.

Der Postbote ist es, der ihm zwei Briefe überreicht, einen von seiner Falsch-Mutter, einen vom alten Schweden, der ihn kurz und knapp auf die Möglichkeit seines baldigen Ablebens hinweist.

Der Brief von Falsch-Mama ist mit Tränen übersät, die Falsch-Mama geflissentlich nachgezeichnet hat, damit man auch genau sehen kann, wo sie das Blatt benetzten.

Er solle sich ja immer warm anziehen. Man vermisse ihn. Wenn er seinen ersten Urlaub bei der Kanzlerin einreicht, soll er sich mal sehen lassen. Man würde sich über ihn freuen. Immerhin wäre man ja beinahe mit ihm verwandt.

Beppo nickt den Brief verzweifelt ab. Jetzt hat er sich die Ehe, die sich für ihn hätte ergeben können, durch die Finger gehen lassen. Das Mädchen vom Fitnessstudio wird längst mit einem anderen durch Paris schlendern.

Die Stadt, das muss er zugeben, ist natürlich die Wucht. Stadt der Liebe. Überall liegen sie herum. Lieben sich an allen unmöglichen Orten. Paare, die die Eingänge zur Metro verstopfen. In der Seine treiben sie massenhaft. Sich küssende Münder, die sich gegenseitig auffressen. Was so auch schon vorkam. Man liebt sich eben bis zur Schmerzgrenze. So was kennt man in Deutschland nicht. Da wird stramm gestanden, wenn es die Liebe verlangt. Man fickt nicht, sondern marschiert ein. Da wird nicht französisch gemacht, sondern man nimmt den Mund zu voll. Deutschland ist eben das Land der Nationalsozialisten. Das hängt im Deutschen drin. Das beweist er mit jeder Paulskirchenrede aufs Neue. Wenn der Deutsche ein Lager sieht, denkt er nicht an Ferien, sondern daran, wen er alles hier internieren könnte.

Frankreich dagegen lebt von Wein und freier Liebe, von wilden Lippen, von Rauch, von Diskussionen über die Existenz, von dicken Brillengläsern.

Beppo wagt es kaum, einen Schritt vor die Tür zu setzen. Die Augen muss er zuhalten, unterlässt es aber. Sein Auftrag lautet, den alten Schweden zu finden und zu eliminieren. Das stellt er sich besonders schön vor. Endlich einen Bösewicht totschießen, aufhängen, ausweiden.

Jetzt aber erst mal aufbrezeln. Mit geschwinden Geheimagenschritten durcheilt er den Löffelflur, um sich vor dem Spiegel aufzustellen.

Ah, denkt Beppo, hübsch bin ich schon. Er kämmt sich die Augenbrauen, färbt sich die Haare, schnell noch eine Packung drauf. Die Zähne werden mit einer Bürste geschrubbt, bis sie glänzen, bis sich jede Zunge, die darüber flanieren möchte, in ihnen spiegeln kann. Die Ohren werden mit einem Stäbchen bearbeitet. Was man da alles findet. Es ist eine Schande. Und plötzlich hört er auch besser. Alles so klar. Das Gestöhne der sich vor dem Haus fickenden Paare ist deutlich zu vernehmen. Heureka! Da wird man selbst ja ganz geil. Was soll er tun. Selbstbefriedigen ist ihm keine Alternative. Niemals wird er selbst Hand anlegen. Er ist Beppo. Er ist Geheimagent. Kann man in jedem Dokumentarfilm nachsehen, dass die sich nie selbst befriedigen müssen. Im Gegenteil, sie werden von dunkelhäutigen Dschungelschönheiten verführt, und dies nach allen Regeln der Dschungelkunst. Katzen sind das, ich kann euch sagen. Schmiegen sich wie ein Perserteppich auf den nackten Oberkörper und reiben sich, dass es sich gewaschen hat. So eine Kakaobraut braucht er jetzt. Verzweifelt sieht sich der beste Geheimagent der Kanzlerin um. Das hat man davon, wenn man für die Deutschen tätig ist. An die Liebe (s.o.) wird nie gedacht.

Beppo beendet die Waschungen, er salbt sich die Füße, kleidet sich in Seide und wandelt aus der Wohnung.

Das Treppenhaus ist eine Zumutung. Staub, wohin das Auge blickt. Das kann so nicht bleiben. Er wird die Concierge mit einem Handkantenschlag auf ihre Arbeit hinweisen. Die frisch gewaschenen Ohren hören überall Gestöhne und Geschlabber. Selbst aus der Wohnung des Philosophen dringt es, der seine Partnerin soeben mit den Worten verführt: „Das Seiende will heute gedingst werden.“ Den Rest wollen wir den Augen unserer meist jugendlichen Leser vorenthalten.

Der Geheimagent müht sich darum, nicht zu stolpern. Überall liegen die Franzosen und ficken. Es ist nicht zum Aushalten.

Er schlägt die Tür wild nach innen. Zorn bricht sich Bahn. Es wird Zeit, den alten Schweden zu killen. Beppo muss sich Luft machen.

Und um sich zu beruhigen, entkleidet er sich und fällt über die Concierge her, die sich eben erst von einem Matrosen erholt.

Paris. Die Stadt der Liebe.