Filme auf der Couch (Buchtipp des Monats)

„Ich – Einfach unverbesserlich“ ist ein geschönter Titel, heißt das Original übersetzt doch „Verabscheuungswürdiges Ich“, womit der geschulte Filmpsychologe schon viel anfangen kann. Aha, wird er denken, da liegt ein Film vor, der sich selbst hasst. Ja, aber warum hasst er sich denn, der Film? Etwa weil er ein Animationsfilm aus dem Computer ist? Also ein herzlos gemachtes Stück Film? Das könnte sein, aber dafür kann er ja nichts. Und vor allem greift das zu kurz.
Da wäre zunächst, um zum Inhalt, zum Innenleben zu kommen, der Superschurke Gru. Gru, das klingt unfertig, als würde ein Teil seines Namens fehlen. Ein fehlerhaftes, nicht zu Ende gedachtes Wesen, dessen Namen ein Laut ist, etwa wie ihn einsilbige Tauben gurren würden.
Gru, dessen Sprachduktus an einen Osteuropäer erinnert, vermutlich ein Russe, ist ein Superschurke, der inmitten einer wunderschönen Vorstadt wohnt.
Hier werden bereits viele Vorurteile aufgebaut, die Kinder nicht sehen sollten. Osteuropäer haben – laut dem Film – gegurrte Namen und sind Schurken. Das ist für ein friedliches Zusammenleben der Völker fatal.
Weiter: Im Haus lebt der Superschurke mit einer Armee aus gelben Minions, Helfern, die an gelbe Bonbons mit Taucherbrillen erinnern. Die gelbe Gefahr? Weit gefehlt, denn die Bonbons sind so animiert, dass wir sie in unser Herz schließen sollen, was Kinder vermutlich dazu animieren soll, ihre Süßigkeiten zu lieben. Da sind Löcher in den Zähnen vorprogrammiert. Besuche beim Zahnarzt. Ein Leben mit Füllungen. In den USA Rechnungen, die nicht bezahlt werden können.
Umso mehr muss man vor diesem Film warnen.
In seinem Haus plant Gru die Entführung des Mondes. Die Entführung des Mondes, da muss man sich einmal vorstellen, was passieren würde, würde er, der z.B. für die Schlaflosigkeit von uns Menschen verantwortlich ist, der Werwölfe zu dem macht, was sie sind, verschwinden. Die Welt, wie wir sie kennen, wäre nicht mehr die, die sie einmal war.
Hier werden also nicht nur Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgeheckt, sondern Verbrechen gegen einen ganzen Teil des Weltalls. Schlimmer geht’s nimmer.
Und warum will Gru das tun? Damit seine Mutter stolz auf ihn ist.
Aha!
Es geht um Selbsthass. Und schon kommt uns der Titel „Verabscheuungswürdiges Ich“ wieder in den Kopf. Würde die Mutter ihr Kind so lieben, wie man es erwarten könnte, wäre Gru ein Wesen, das sich in die Vorstadtidylle einpassen würde.
Es ist also ein Film über fehlende Mutterliebe, unvollständige Namen, über einen, der sich eine Armee aus Bonbons halten muss, um sich ein Polster gegen die Unbill der Außenwelt zu schaffen.
Aber das war es noch nicht.
Auftritt Vector, von dem man sich fragt, warum er nicht Victor heißt. Auch da ist etwas schiefgelaufen, auch dort fing es mit dem Namen an. Es ist also enorm wichtig, welchen Namen wir unserem Kind geben.
Vector verdrängt Gru von Platz 1 der Superschurkenhitparade, als er die Cheops-Pyramide entführt, also eine, die wie eine Chipssorte klingt.
Ausgerechnet eine Pyramide, was an den IS erinnert, an die Auslöschung des kollektiven Gedächtnisses.

Aus einer Analyse des Films „Ich – Einfach unverbesserlich“ in dem Standardwerk „Filme auf der Couch – Die Filmpsychoanalyse“

Buchtipp

Heute: „Der Eimer“ von Jochen Senfbold

Der Roman „Der Eimer“ von Jochen Senfbold ist durchgehend aus der Ich-Perspektive eines Eimers erzählt. „Als ich ihn schrieb, war ich betrunken und überzeugt, alles zu wissen, was man über Eimer wissen muss“, sagt Senfbold in einem Interview mit „Literatur und Haushaltswaren“. Und er fährt fort: „Heute würde ich es nicht mehr wagen, aus der Perspektive eines Eimers zu erzählen. Ich trinke auch längst nicht mehr so viel.“
„Der Eimer“ berichtet aus dem Leben des Metalleimers Robert, der die meiste Zeit unbeachtet in der Ecke eines Kellers steht (Seite 7 – 356), bis er eines Tages von einer Frau entdeckt wird, die sich in ihn verliebt. „Sie streichelte zärtlich meinen beweglichen Henkel, so lange, bis er senkrecht nach oben stand. Sie nahm mich an diesem Abend mit in ihr Bett. Wir liebten uns. Sie sagte, dass ich der wunderbarste Eimer sei, mit dem sie je geschlafen habe.“
Nach der Nacht endet der Roman. Was aus den beiden wird, bleibt offen.
„Literatur und Haushaltswaren“ schreibt: „Tollkühn in der Inszenierung mit einigen Durststrecken auf den Seiten 7 bis 356. In jedem Fall eine Empfehlung für alle Freunde von Romanen, die sich mit Gegenständen beschäftigen, in denen man etwas transportieren kann. Zwei von neun Gartenscheren.“

Aus meiner momentanen Lektüre

Hartwig bekam wieder einen seiner Lobsuchtsanfälle.
„Du bist ja so großartig!“, schrie er seine Frau an. „Die Beste!“
Sie zuckte nach vorne. In diesem Zustand war er berechenbar.
„Bekomme ich 1000 Euro?“
Hartwig holte aus seinem Geldbeutel das Geld.
„Selbstverständlich“, flötete er.

Aus Wilhelm Darnebergers „Der Berechenbare“