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Neues2021

Komm und sieh

Komm und sieh. Komm und tritt ein. Komm und tritt in die Welt dieses Films, die deine Welt ist. Und meine. Unsere. Komm und sieh. Öffne die Augen. Blicke dich um. Im Weißrussland des Jahres 1943. Komm und sieh den Jungen Fljora. Buddel mit ihm nach Waffen. Nimm sie, die Waffen der Toten. Lass uns spielen. Alle Welt will Krieg, alle Welt will spielen. Komm und sieh. Tritt näher. Tritt in den Film. In die erdfarbene Welt. Tritt Eier entzwei, aus denen schon bald Vögel geschlüpft wären. Komm und sieh die Bomben, wie sie fallen, wie sie die Welt entzweireißen. Wie sie die Welt entkernen. Wie sie die Welt umpflügen. Wie sie Tote säen in dieser umgepflügten Welt, um noch mehr Tote wachsen zu lassen.

Komm und sieh. Tritt in diese Welt. Tritt in diesen Film. Folge dem Jungen Fljora, der von Alexei Krawtschenko gespielt wird. Nein, er spielt nicht. Er lebt diese Rolle. Er lebt Fljora. Er lässt ihn leiden. Er leidet in und mit ihm. Er wird mit ihm zum Leid, zu einem Gesicht, das älter und älter wird. Verlorener. Verbrannter. Ein Gesicht, das mehr und mehr Leid sieht. Entdeckt. Frisst.

Grauen. Es ist das pure Grauen, das dieses Gesicht sieht. Und wir mit ihm. Wie blicken in eine Welt, die auflodert, die von den deutschen Soldaten verbrannt wird.

Ausgebrannt. So viele weißrussische Dörfer, die verbrennen. Die verbrannt wurden. Und mit ihnen die Bewohner. 1943 in Weißrussland. Das überall ist. Ein Grauen, das keine Vergangenheit und keine Zukunft hat, sondern immer war und immer sein wird.

Komm und sieh. Sieh in die Gesichter, die immer wieder in die Kamera blicken, die uns ansehen, denn wir sind die Kamera, die das Grauen besichtigt, die den apokalyptischen Reitern bei der Arbeit zusehen.

Komm und sieh die Leuchtkugeln, die zum Himmel steigen, die zum Stern über Bethlehem werden, einem Bethlehem des Teufels, wo es zur Umkehrung der Geburt kommt.

Es geht um die Vernichtung des Menschen, das Tilgen des Antlitzes. Der Blick, er soll verschlungen werden.

Kein Film, den man so einfach besprechen könnte, daher diese Annäherung, dieses Fühlen und Tappen, dieser Versuch mit dem Film in Kontakt zu kommen, ins Gespräch, um mit dem zu sprechen, was unaussprechbar scheint, all die Blicke, die Körper, die Kinder, die ihre Leben nicht leben, weil der Tod sie zu sich ruft, weil das Grauen sich austoben will.

Komm und sieh die Bewohner eines Dorfes, die zusammengetrieben und verbrannt werden.

All die Leiber, die den Flammen zum Fraß vorgeworfen werden, den Zungen der Flammen, die ihre Häute ablecken, ihre Träume und Hoffnungen, ihre Lieben. Sieh das, was man hören muss, sieh die Schreie, sieh diesen Film, sieh ihn nicht, sei gewarnt.

Komm und sieh, wie die Welt aus den Angeln gehoben wird. Alles, was wir sehen, ist eine langer grausamer Geburtsakt, ein Pressen und Stöhnen und Jammern, um die Hölle zu gebären.

Komm und sieh nicht weg, auch wenn es schmerzt, denn das muss es.

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