„Die Freien“ von Willy Vlautin

Es gibt Bücher, bei denen man sich warm anziehen muss. Die Kälte zieht durch die sie hindurch. Ihre Sätze sind wie lose vernagelte Bretter. Luftig aneinandergereiht. Man blättert eine Seite auf, die voller Löcher und Ritzen ist. Zwischenräume, die aber nötig sind, um ins Innere zu sehen. Alle Innerlichkeit offenbart sich erst durch die Lücken im Textgebäude. Der Text sperrt uns nicht aus.

In Willy Vlautins Roman „Die Freien“ wird von Leroy Kervin erzählt, der im Irak kämpfte, und der, zurückgekehrt, verletzt, in einer Wohngruppe untergebracht, sich umbringen will, als er aus der Lethargie seines Kriegstraumas zwischenerwacht. Gefunden wird er von Freddie, der die Wohngruppe nachts betreut. Leroy kommt ins Krankenhaus, wo er sich in sich, wo er sich in eine Geschichte, ins Fiktive, zurückzieht. Das Krankenhaus wird zum Ausgangs-, zum Dreh- und Angelpunkt weiterer Geschichten, wie der von Pauline, der Krankenschwester, die sich um ein von zu Hause entflohenes Mädchen müht, die sie retten will – denn auch um Rettung geht es in diesem Buch.

Es ist kalt in diesem Roman, das gesellschaftliche Klima hat die Minusgrade erreicht. Die Sprache ist karg. Man liest die Satzscheite auf, um sich daraus ein Feuer zu machen. So und nicht anders darf man über diese Underdogs erzählen, weil aller literarischer Ballast dies morsche, bereits lecke Schiff untergehen lassen würde.

Es fehlt an Wärme. Der Strom ist abgestellt, wie bei Freddie, der Tag und Nacht arbeitet, um seine Schulden zu begleichen, der Holz aufliest, um seinen Kamin damit zu bestücken. Alle lesen sich auf. Pauline liest Jo auf, die von zu Hause abgehauen ist, und die in einem alten Haus mit anderen Straßenkids haust; auch Jo auf der Suche nach Wärme, nach einem emotionalen Feuer, ganz so wie alle Protagonisten dieses Buches.

Es ist die Sehnsucht nach Wärme, die sie alle hoffen lässt, die sie weitermachen lässt, die sie im Meer der Vergeblichkeit strampeln lässt.

Die Freien

Roman

Übersetzt von Robin Detje
320 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8270-1176-3
€ 22,00 [D], € 22,70 [A], sFr 29,90

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