Die Modepolizei (Auszug)

Als ich am Tatort eintraf, bot sich mir ein Bild des Grauens. Die Tote trug Klamotten aus einem Billigladen. Ich drehte mich weg. Mir wurde schlecht.
„Haben Sie gesehen“, sagte Francis. „Sie trägt nachgemachte Chucks.“
„Ich will das nicht sehen.“ Ich schnüffelte an meinem mitgebrachten Duft von Dior, um mich zu beruhigen. Hier waren wir wirklich in der Hölle gelandet.

Wir nahmen einen Club hoch, der dafür berüchtigt war, dass man dort Jogginghosen trug. Ich musste mich mehrmals übergeben. Das waren Perverse. Abschaum. Der Boss von dem Laden, ein gewisser Martin, trug sogar Hausschuhe. Es schien ihm nichts auszumachen. Er schrie, als wir ihn umzogen. So konnten wir ihn nicht verhören. Wir stopften ihn in einen Armanianzug. Diese Welt ist voller kranker Bastarde, die sich nicht anzuziehen wissen.

Ich war extrem angespannt. Heute würde es endlich zu dem so lange von mir erhofften Schlag gegen das organisierte Modeverbrechen kommen.
Ich trug einen meiner besten Anzüge von Hugo Boss. Wir beobachteten das Flüsterkiosk jetzt seit Wochen. Unrasierte Gestalten in No-Name-Jeans gingen ein und aus. Ich würde so viele wie möglich umlegen. Diese Typen hatten gegen alle Formen des gesitteten Zusammenlebens verstoßen. Ich zog meine Krawatte zurecht und überprüfte meine Waffe. Die Tür öffnete sich. Gelächter. Sie feierten ihre Klamotten. Ich konnte erkennen, dass sie nachgemachte Kapuzenshirts von Abercrombie & Fitch trugen. Ich konnte nichts dagegen machen: Ich übergab mich in einem weiten Schwall auf die Straße. Das war das Zeichen, dass wir losschlagen mussten.

Ich zog dem Typ meinen neuen Schlagstock von Gucci über. Er flennte wie ein Kind.
„Wenn ich dich hier noch mal in Sandalen und weißen Socken erwische, kommst du nicht so glimpflich davon“, sagte ich und warf ihn aus dem fahrenden Wagen. Dann fuhren wir zur Fashion Week nach Berlin. Es war Zeit, dass wir uns neu ausrüsteten.

Es war eine großangelegte Razzia in einer Mall. Sie rannten wie die Hasen. Wir kesselten eine Familie ein, die wohl schon länger bei C&A einkaufte. Das Familienoberhaupt trug einen Rolli für 15 Euro. Ich musste mich beherrschen, um mich nicht zu übergeben. Es war ein harter Einsatz. Einer, der mich an meine Grenzen brachte. Wir ließen sie spurlos verschwinden. Es war besser so, auch wenn mir der Kampf, den wir führten, wie Wasserschöpfen im Meer vorkam.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s