Ein Raum voll Möglichkeiten

Vor etwa drei Jahren las ich den Roman eines russischen Autoren namens Vladimir Nabin. Ein schmales Buch, nur 600 Seiten kurz. Es gab eine kleine Auflage, die sich kaum verkaufte, dann wurde es verramscht. Aber darauf will ich gar nicht eingehen. Ungewöhnlich an diesem Roman waren die Sätze. So konnte man dort z.B. einen solchen Satz lesen: Er schlug zurück. Auf den ersten Blick kein ungewöhnlicher Satz für einen Roman, doch sieht man näher hin, bemerkt man, dass hier auf eine sehr kühne Art versucht wurde, viele Informationen auf engstem Raum unterzubringen, so viele, dass der Satz nach hinten wie nach vorne erzählt. ER sagt uns, dass es sich um einen Mann handelt. SCHLUG berichtet von seiner Gewaltbereitschaft, nein, er ist nicht nur bereit, er führt sie bereits aus. ZURÜCK heißt, dass er sich wehrt. Oder aber, dass er seine Gewalt in die Vergangenheit richtet. Umso mehr man den Satz liest, desto verwirrter ist man. Schlägt er nun etwas, was in seinem Rücken liegt? Schlägt er in die Vergangenheit? Oder wehrt er sich unmittelbar gegen einen Angreifer? Wir befinden uns in einem Raum voll Möglichkeiten.

Dieser Raum voll Möglichkeiten ist nicht unwichtig, wenn man sich mit dem Schriftsteller Harry Stephen Keeler beschäftigt.

keeler

Keeler wurde 1890 geboren und starb 1967. Wie alle Autoren von Belang schrieb er bereits seit seinen Jugendtagen. Aber konnte er davon leben? Nein. Nach dem Studium der Elektrotechnik arbeitete er am Tag in einem Stahlwerk, um sich nachts ganz und gar der Schreiberei widmen zu können. Kein ungewöhnliches Schicksal für einen Schriftsteller – denken wir an Kafka -, wenn auch kein wünschenswertes.

Die innere Notwendigkeit, der Zwang sich erzählend auszudrücken, lässt sie nicht ruhen, auch wenn es sicherlich manch ein Schicksal gab, dem damit geholfen gewesen wäre, zu erkennen, dass es kein Talent besitzt. Frau und Kinder hätten sich vermutlich erfreut gezeigt.

Kommen wir nun aber zu Keeler und seinem Roman „Die durchsichtige Nackte„.

Alles beginnt mit einem Anruf, den Helmon Hobersteed, Chef der Mordkommission von Chicago, erhält. Allerdings, dies sei verraten, dauert es schon einige kuriose Sätze lang, bis er sich tatsächlich mit der Anruferin auseinandersetzt. Zuvor erleben wir nämlich bereits Keelers Improvisationswut, denn darauf, auf diesen musikalisch-jazzigen Moment des Sich-treiben-lassen setzt Keeler voll und ganz, aus ihr erwachsen die grotesken, bizarren Erzählformationen, derer wir nach und nach ansichtig werden. Sei es, dass Hobersteed nicht Inspektor genannt werden möchte, weil sein Alter für ihn zu einem Problem geworden ist, sei es, dass er sich als einen Mann wahrnimmt, der von den Frauen vergöttert wird, all diese übersteigerten Formen der Wahrnehmung lassen eine Welt entstehen, die sich dem Irrsinn verschrieben zu haben scheint. Nicht die schlechteste Methode, um die Welt zu beschreiben.

Machen wir es kurz, weil es dem Roman, kaut man seinen Inhalt wieder, nicht gerecht wird.

Besagter Hobersteed erhält also einen Anruf, er wird – dies alles wird äußerst kurios erzählt – zu einem Tatort gerufen, an dem man eine junge Frau in einem Schwitzkasten findet, allerdings nur Kopf und Zehen, denn der Rest ihres Körpers, so die Ermittlungen, müssen wohl unsichtbar sein. Auch vor Ort, und ebenfalls nicht unwichtig, ist der Gerichtsmediziner Blackaby Oxnard.

Und die Handlung wird nicht unbedingt sichtbarer, da schließt sie sich dem Opfer an. Der Fall kann zunächst nicht gelöst werden, Hobersteed kommt in eine Nervenheilanstalt, wird aber später – obwohl er sich weiterhin selbst für unsichtbar hält – entlassen. Viele Jahre danach wird der Fall wieder aufgenommen, und zwar von Holbersteeds Nachfolger. Wird der Fall der unsichtbaren Nackten gelöst? Ja? Nein? Ich werde den Teufel tun, dies zu verraten.

Es geht einem solchen Autor nicht um Logik, denn sein literarischer Kosmos ist von zwei Konstanten bewohnt: Zufall (auch im Erzählerischen selbst) und Geschichten. Ja, immer wieder werden Geschichten erzählt, sie tauchen geradezu aus jedem Satz auf. Der simpler Einwurf eines Protagonisten kann ausreichen, eine Geschichte in Gang zu setzen, die so grotesk ist, dass sie – das behaupte zumindest ich – mehr aus einem Akt der Hingabe als aus der Logik der wohlüberlegten Romanführung entsteht. Improvisation, ich sagte es bereits, scheint mir eine Grundbewegung dieses Buchs, vermutlich auch anderer Bücher von Keeler, der seinen Hauptpersonen Namen gab, wie man sie heutzutage bei Pynchon findet.

Ein solcher Autor machte es seinen Lesern nicht leicht, und vielleicht musste er auch scheitern, so wie alle wichtigen Bücher und Autoren scheitern müssen, weil sie mit den Erzählkonventionen brechen. Sie begeben sich in einen Raum voll Möglichkeiten und lassen ihre Schreibhand bald hierhin, bald dorthin greifen, um sich – wie Free-Jazzer – auf den Schwingen einzelner Buchstaben, deren Textmelodie aus der Schreibbewegung entsteht, davontragen zu lassen. Dass da nicht jeder Leser folgen kann und will, liegt fast schon auf der Hand.

Abschließend also die Frage: Sollen wir diesen Roman lesen? Ja und nochmals ja. In einer Zeit, in der die Strickwarenmusterliteratur einmal mehr den Markt beherrscht, ist es für jeden halbwegs gebildeten Menschen wichtig, sich wieder auf das Abenteuer Erzählen einzulassen. Es ist bei Keeler weniger die Sprache, als vielmehr, was er mit ihr erzählt. Man könnte sagen, wenn Thomas Mann der Klassik der Literatur zuzurechnen ist, dann ist Keeler dem Jazz zuzuordnen.

nackte

Harry Stephen Keeler
DIE DURCHSICHTIGE NACKTE
(The Case of the Transparent Nude)

Einmalige Auflage von 250 nummerierten Exemplaren
Hochglanzkaschierter Band im „Pulp-Look“
ISBN 978-3-924959-87-6
206 Seiten, 49,00 Euro
Dezember 2014

Leseprobe

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2 Gedanken zu “Ein Raum voll Möglichkeiten

  1. Was Ihre äußerst scharfsinnige, dabei knappe Interpretation von „Er schlug zurück.“ angeht, bin ich weitestgehend bei Ihnen, bewundere sie fast dafür, wenn ich auch überrascht bin, dass Sie so ein zugegebenermaßen recht kleines, nichtsdestotrotz äußerst beredtes Detail vergaßen, den „.“, der mir zumindest bei der Lektüre gute Dienste leistete und einem besseren Verständnis erheblich auf die Sprünge half. Das wäre nachzuholen, sonst bliebe da eine ungute Lücke und würde dem Werk nicht vollständig gerecht werden.

    Was den Keeler angeht, prüde, wie ich bin und selbst, wenn sie unsichtbar sein soll, würde ich mir allenfalls eine zugeschnittene Fassung antun wollen und muss deshalb -leider- verzichten.

    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

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