Die Fabrik der Tortenmädchen

Ich teilte heute meinen Eltern mit, dass ich Privatdetektiv werden will. Eigentlich teilte ich es nur meinem Vater mit, da Mutter vor Jahren verschwunden ist. (Vielleicht will ich deshalb Detektiv werden. Freud würde von einem „auf die mütterliche Vagina abzielenden Berufswunsch“ reden. Ich hoffe, sie irgendwann wohlauf bei einem Tortenwettessen zu finden. Mutter liebt Torte. So sehr, dass es sein kann, dass ein gemeiner Verbrecher sie damit in sein Auto lockte. In London verschwinden immer wieder Frauen, die eine Vorliebe für Torte haben.)
„Ich werde Privatdetektiv“, sagte ich zu meinem Vater.
Er schlang gerade sein Abendessen hinunter, und das, obwohl es früher Morgen war. Vater ist Exzentriker.
„Was?“, schrie er und hielt seine rechte Hand an sein linkes Ohr. Solche Bewegungen muss er als Vorsitzender des örtlichen Exzentriker-Clubs machen. (Er ist außerdem schwerhörig, daher das laute „Was?“)
„Privatdetektiv?“
„Schief? Was ist schief?“
Ich überlegte rasch, wie ich mich ihm mitteilen könnte. Mein übermäßig großes Hirn arbeitete fieberhaft.
„Privatdetektiv!“, schrie ich lauter.
„Brief? Ich habe keinen Brief. Oder hast du einen Brief, James?“
James ist der Butler meines Vaters, der ebenfalls schwerhörig ist und daher erst gar nicht auftauchte. James erscheint seines Leidens wegen nur sehr selten. Meistens sitzt er in seinem Zimmer und sieht sich bei voller Lautstärke Talksendungen an.
„James ist nicht da!“, brüllte ich.
„Nichte? Du hast keine Nichte!“
„Nicht Nichte. James ist nicht da, und ich möchte Privatdetektiv werden.“
Mein Vater sah mich erstaunt an. Dann lief er puterrot an. Er griff sich nach dem Hals, als würde er keine Luft mehr bekommen.
Geschult in allen gymnastischen Übungen, machte ich blitzschnell eine Rolle vorwärts, einen Handstand, noch eine Rolle vorwärts, bis ich bei Vater war, um ihm eine Backpfeife zu verpassen.
Vater hustete und spuckte ein Stück Fleisch, groß wie meine Hand, auf den Tisch.
„Warum willst du mit James durchbrennen?“, keuchte er.
„Nein, das will ich gar nicht“, versuchte ich ihm zu erklären. „Ich will Privatdetektiv werden.“
Vater schüttelte traurig den Kopf und murmelte: „Das hätte deine Mutter nicht gewollt.“
„Was? Dass ich Privatdetektiv werde?“
„Dass du deinen armen Vater so ausbrüllst.“

Aus Urs Schliepers „Die Fabrik der Tortenmädchen“, Krimi in Tagebuchform

Advertisements

2 Gedanken zu “Die Fabrik der Tortenmädchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s